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Natur und Vernunft - zwei Grundbegriffe der senecanischen Stoa

Seminararbeit 2003 19 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Gliederung

I. Einleitung und Grundlegung

II. Seneca und die Schule der Stoa

III. Die Briefe

IV. Natur und Vernunft als Voraussetzungen für die Tugend als höchstes Gut

V. Die Natur
V. I Das heutige Naturverständnis
V. II Das Naturverständnis der Antike

VI. Die Vernunft
VI. I Das Verhältnis von Natur und Vernunft
VI. II Vernunft und Tugend

VII. Schlussbetrachtung

Verwendete Zeichen und Abkürzungen

Literaturverzeichnis

I. Einleitung und Grundlegung

Wer sich mit den Epistulae morales ad Lucilium[1] befasst, wird schnell feststellen, dass dort auffallend häufig von Natur und Vernunft die Rede ist. Allerdings bietet Seneca selbst keine explizite Definition dieser Begriffe an.

Aus diesem Grund will diese Arbeit dem Anspruch genügen, das senecanische System[2] – wenn man hier von einem solchen sprechen kann – an der Richtschnur genau dieser zentralen Begriffe entlang nachzubauen. Die damit nun in den Fokus gerückten Begriffe Natur und Vernunft haben im senecanischen Sinne keine Zieldimensionen, sondern den Charakter von Wegmarken, an denen ein in der Manier Senecas Strebender nicht vorbei kommt. Beide Begriffe bilden gewissermaßen Eckpfeiler: der eine in anthropologischer Hinsicht, dagegen der andere hinsichtlich der Welt. Vernunft ist eine anthropologische Voraussetzung, Natur bzw. Naturgemäßes ist eine den Menschen umgebende Voraussetzung für das von Seneca erklärte Ziel.

Dieses Ziel ist kein geringeres als Bildung,[3] allerdings nicht im heute gebräuchlichen Sinne von Schulbildung, sondern eher im Sinne von moralischer und seelischer Festigkeit. Diese Zieldimension wird im Verlauf dieser Arbeit notwendigerweise eine tiefere Erläuterungen erfahren, steht aber – wie oben schon angedeutet – nicht im Zentrum der Untersuchung. Dabei ist die Argumentationslinie dieser Arbeit nicht unbedingt deckungsgleich mit der des Seneca. Aus didaktischen Gründen stellt diese Arbeit vielmehr vieles, was bei Seneca bereits eine Beantwortung gefunden hat, erneut in Frage. So tauchen bspw. in Hinsicht auf Briefe höherer Nummerierung Fragen auf, die schon in früheren Briefen abgehandelt wurden und die der Leser daher auch schon kennt, wenn er die Briefe nacheinander gelesen hat. Dieses Vorgehen scheint aber sinnvoll zu sein, um einen aufeinander aufbauenden Argumentationsgang herzustellen.

Zur Einführung folgt nun zunächst eine kurze historische Einordnung des Lucius Annaeas Seneca, so wie der philosophischen Schule der Stoa, sodann folgt ein Abschnitt, der sich dem senecanischen Briefwerk widmet, woran sich der Einstieg in die oben bereits fokussierte Begriffswelt anschließt. Im Verlauf dieser Arbeit werden daher Fragen zu klären sein wie: Wie funktioniert das Zusammenspiel von Vernunft und Natur einerseits und wie verhalten sich andererseits Vernunft und Tugend zueinander?

Dazu wird es – zur Erweiterung des Erkenntnisgewinns und zum Verweis auf die Aktualität[4] einiger Gedankengänge - zuweilen auch sinnvoll sein, andere Philosophen in den Kontext dieser Arbeit einzubeziehen.

II. Seneca und die Schule der Stoa

Der römische Rhetoriker, Politiker, Schriftsteller und Philosoph Lucius Annaeus Seneca gelangte zu Lebzeiten, etwa 4. v. Chr. bis 65. n. Chr., als Lehrer und Erzieher Kaiser Neros, sowie in hohen politischen Ämtern zu Bekanntheit. Auf Neros Befehl nahm sich der Philosoph, der heute neben Epiktet[6] und Marc Aurel[7] als einer der Hauptvertreter der jüngeren Stoa gilt, das Leben. Sein Werk umfasst neun Tragödien und eine Vielzahl moralphilosophischer Abhandlungen und Schriften.[5]

Die philosophische Schule der Stoa hat ihren Namen ursprünglich vom Versammlungsort ihrer Anhänger, nämlich einer Säulenhalle (griechisch: Stoa) in Athen. Neben naturwissenschaftlichem Gedankengut und Schriften zur Logik, ist insb. der Bereich der stoischen Ethik für diese Arbeit von hervorgehobenem Interesse. Die stoische Ethik erläutert, wie der Mensch sich selbst erhalten kann und in Übereinstimmung mit sich, der Vernunft und insb. der Natur leben kann.

Ziel ist sittliche Vollkommenheit, Harmonie, Glückseligkeit, Gemütsruhe oder auch seelische Gelassenheit.

Dies alles sind Begriffe, die gewissermaßen gleichbedeutend gebraucht werden können. Alles, was nicht diesem Ziel dient, bzw. dessen Erreichen behindert, ist für die Stoiker indifferent.[8]

III. Die Briefe

Senecas Briefwerk bildet nur bedingt ein zusammenhängendes System, vielmehr ist darin eine Sammlung Rat gebender Prosa-Texte zu finden, die sich als briefliche Korrespondenz mit Lucilius - Freund und Schüler Senecas - geben. So scheint es jedenfalls bei oberflächlicher Betrachtung. Zwar werden in den verschiedenen Briefen nahezu fast jedes Mal auch verschiedene Problemkreise eröffnet, aber die Gemeinsamkeiten, die sich durch fast alle Briefe hindurch ziehen, machen die Episteln zu einem vernetzten Gesamtwerk.

Thema dieses Gesamtwerkes ist die sittliche Vollkommenheit, bzw. der Weg dahin durch Bildung. Wenn Seneca also in einem Brief über Freundschaft spricht,[9] so tut er das mit dem Ziel auf Höheres hinzuweisen. Das explizite Thema eines Briefes wird zwar mit der gleichen Ernsthaftigkeit vertreten, aber die häufigen Hinweise und Analogien zur Natur, bzw. naturgemäßem Leben und Vernunft verweisen in eine Metaschicht, die zu sagen scheint: Man muss jetzt das Richtige tun, ein natur- und vernunftgemäßes Leben führen, um zukünftig die richtige Lebensform zu erreichen. Darauf scheint schon der erste Brief zu verweisen, wenn dort von der richtigen Nutzung und vom Wert der Lebenszeit die Rede ist.

Nach h. M. handelt es sich bei den Briefen „nicht um eine [echte] Korrespondenz“,[10] sondern um eine künstliche und geplante Einheit. So ist bekannt, dass Seneca innerhalb der Briefe ein Geflecht von Haupt- und Nebenthemen verwendet, welche durch die Einteilung in Paragrafen abgesetzt werden. Auf einer Ebene darüber, auf der interepistularen Ebene, hat der Philosoph Briefgruppen geschaffen, die er durch sog. „Trennbriefe“ voneinander abgrenzt.[11] Es gibt Briefgruppen, die leichteres Material enthalten und damit scheinbar nur auf darauf Folgendes und Schwerwiegenderes vorbereiten wollen, den Leser gewissermaßen schon einmal eingewöhnen möchten.[12]

IV. Natur und Vernunft als Voraussetzungen für die Tugend als höchstes Gut

Tugend, bzw. sittliche Vollkommenheit und Bildung sind das Hauptthema des senecanischen Briefwerkes. Was aber versteht Seneca unter sittlicher Vollkommenheit? Und was sind die Voraussetzungen für die Verwirklichung dieses Ziels? In Epistel 71 gibt Seneca Aufschluss über das zu Erstrebende: „Jedesmal, wenn du dich fragst, was man zu meiden oder was zu erstreben habe, richte deinen Blick auf das höchste Gut, als auf das eigentliche Ziel deines Lebens. Denn was wir auch vornehmen mögen, es muss mit diesem im Einklang stehen“.[13] Jenes höchste Gut wird also als eine Instanz, bzw. ein Korrektiv verstanden, das den Menschen anhält, auf dem richtigen Weg zu gehen. Was sich aber explizit dahinter verbirgt, bleibt zunächst ungewiss. Dazu muss man sich der Frage nach den Voraussetzungen zuwenden, insb. nach der Vernunft und der Natur.

Seneca findet ein Stück weiter unten im zitierten Text eine Analogie, die das Problem weiter umreißt: „Wer einen Pfeil entsenden will, muß sein Ziel kennen und demgemäß den Bogen so handhaben, dass der Pfeil die angemessene Richtung bekommt“.[14] Wie aber – um mit Senecas Worten zu sprechen – muss der Bogen nun gehandhabt werden? Zur Beantwortung dieser Frage ist es sinnvoll, die Begriffe Natur und Vernunft im senecanischen Verständnis nachzuzeichnen. Insb. in Bezug auf den Begriff der Natur scheint es darüber hinaus sinnvoll zu sein, dessen heutiges Verständnis der antiken Vorstellung gegenüberzustellen.

V. Die Natur

Der Begriff der Natur ist bei Seneca zentral und unumgänglich für das Verständnis der epistulae morales. Identifiziert man Bildung, bzw. sittliche Vollkommenheit als das Ziel des senecanischen Strebens, so muss man sich auch die Frage nach dem Weg dahin stellen. Um sich der Antwort auf diese Frage schrittweise zu nähern, soll im folgenden Abschnitt zunächst das heutige Naturverständnis dargestellt werden. Sodann ist die Erläuterung des antiken, insb. des senecanischen Naturbegriffs geboten. Dieser ist allerdings „nur vor dem klassischen teleologischen Naturbegriff […]“ zu verstehen.[15] Das klassische Verständnis aber des Naturbegriffs geht auf Aristoteles zurück.[16]

[...]


[1] Dies ist der Originaltitel des dieser Arbeit zugrunde liegenden Textes. In der deutschen Fassung darf dieser in etwa mit „Briefe an Lucilius, über Ethik“ übersetzt werden. Zitiert wird im Folgenden immer die Ausgabe: Seneca, Philosophische Schriften, Übersetzung und Anmerkungen von Otto Apelt, Felix Meiner Verlag, Hamburg 1993 (im Folgenden werden nur die jew. Briefe und Paragrafen in den Fußnoten genannt)

[2] Unter System (griechisch systema, die Zusammenstellung, das Zusammengesetzte) wird ein Komplex von Elementen verstanden, die miteinander verbunden und voneinander abhängig sind und insofern eine strukturierte Ganzheit bilden. Es ist darunter genauer ein geordnetes Ganzes zu verstehen, dessen Teile nach bestimmten Regeln, Gesetzen oder Prinzipien ineinander greifen. Vgl. Philosophielexikon, Personen und Begriffe der abendländischen Philosophie von der Antike bis zur Gegenwart, Hrsg. Hügli/Lübcke, Rowohlts Enzyklopädie, Hamburg 1997 (im Folgenden nur Philosophielexikon).

[3] Bildung kann begrifflich bei Seneca häufig auch unter sittlicher Vollkommenheit zu verstehen sein. Es handelt sich aber nicht um Synonyme im strengen Sinne: Bildung hat eher etwa Prozesshaftes, während sittliche Vollkommenheit gewissermaßen schon abgeschlossen ist.

[4] Die Verweise auf Aktualität, d. h. gegenwärtige Relevanz, in diesem Themenkomplex sind sicherlich nicht vollständig und nur dort angebracht, wo sie dem Verfasser dieser Arbeit gewissermaßen ins Auge gesprungen sind. Es wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben.

[5] Dieser Abschnitt bietet nur einen minimalistischen Einblick, der auch fast jedem entsprechenden Lexikon zu entnehmen ist. Er wurde hier nur der Vollständigkeit halber eingebracht.

[6] Epiktetos lebte von ca. 50 – 135 n. Chr. als griechisch-römischer Philosoph und gilt als ein Hauptvertreter der späteren Stoa. Er war zunächst römischer Sklave und lehrte nach seiner Freilassung zunächst in Rom, später dann im griechischen Nikopolis. Vgl. Philosophielexikon

[7] Marcus Aurelius Antonius lebte von 121 – 180 n. Chr. und war ab 161 n. Chr. römischer Kaiser. Er war stark von Epiktet beeinflusst. Seine „Selbstbetrachtungen“ sind philosophische Aphorismen, die er während eines Feldzuges verfasste. Vgl. Philosophielexikon

[8] Vgl. Kleine Weltgeschichte der Philosophie, Hans Joachim Störig, bei Kohlhammer, 16. Auflage, Stuttgart 1993 (im Folgenden nur Störig), Seite 192; Philosophielexikon zu den Begriffen Seneca und Stoa; dtv-Atlas zur Philosophie, Tafeln und Texte, Hrsg. Kunzmann, Burkard, Wiedmann, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1991 zum Begriff Stoa.

[9] Brief 3

[10] Seneca, Leben und Werk, Gregor Maurach, wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, Darmstadt 1991 (im Folgenden nur Maurach), Seite 157

[11] vgl. ebenda, Seite 158

[12] Dieser letzte Abschnitt ist überhaupt streng an Maurach angelehnt. Zur vertieften Beschäftigung sei dieser daher empfohlen, siehe dazu ab Seite 157 ff. „Epistulae morales“.

[13] Brief 71, § 1 – 4,

[14] ebenda

[15] Grundzüge der Bildungstheorie L. A. Senecas, Hugo Börger, europäische Hochschulschriften, Verlag Peter D. Lang, Frankfurt a. M. 1980 (im Folgenden nur Börger), Seite 13

[16] vgl. ebenda

Details

Seiten
19
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638229401
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v18640
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal – Fachbereich Pädagogik
Note
sehr gut
Schlagworte
Natur Vernunft Grundbegriffe Stoa Proseminar Pädagogik Antike Bildung Selbstsorge

Autor

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