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Möglichkeiten der Suchtprävention in der Sekundarstufe I am Beispiel Tabak

Examensarbeit 2006 133 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichte des Tabakkonsums

3. Epidemiologie des Rauchens
3.2 Prävalenz des Rauchens bei Jugendlichen
3.3 Einstiegsalter der Raucher
3.4 Schadstoffe in Zigaretten
3.4.1 Nikotin
3.4.2 Teer/Kondensat
3.4.3 Kohlenstoffmonoxid (CO)
3.4.4 Weitere Schadstoffe
3.4.5 Zusatzstoffe

4. Gesundheitliche Risiken durch Rauchen
4.1 Gesundheitsrisiken für Raucher
4.1.1 Krebs
4.1.2 Herzinfarkt
4.1.3 Schlaganfall
4.1.4 Durchblutungsstörungen
4.1.5 Atemwegserkrankungen
4.1.6 Diabetes
4.1.7 Sinkende Attraktivität von Rauchern
4.1.8 Beeinträchtigungen der Sexualität
4.1.9 Abhängigkeit
4.1.10 Nikotin als ,Türöffner’ für andere Abhängigkeiten
4.1.11 Mortalität der Raucher
4.2 Gesundheitsrisiken für Passivraucher
4.2.1 Kurzfristige Wirkungen
4.2.2 Krebs
4.2.3 Herzkrankheiten
4.2.4 Durchblutungsstörungen
4.2.5 Mortalität der Passivraucher
4.3 Besondere Gesundheitsrisiken für passivrauchende Kinder

5. Motive Jugendlicher für das Rauchen
5.1 Physiologischer Erklärungsansatz
5.2 Genetischer Erklärungsansatz
5.3 Psychologische Erklärungsansätze
5.3.1 Lerntheoretische Modelle
5.3.1.1 Lernen am Modell
5.3.1.2 Konditionierungsprozesse
5.3.2 Entwicklungspsychologischer Erklärungsansatz
5.4 Multifaktorielle Erklärungsansätze

6. Motive Jugendlicher gegen das Rauchen

7. Ebenen und Ziele von Suchtprävention
7.1 Primärprävention
7.2 Sekundärprävention
7.3 Tertiärprävention
7.4 Universelle, selektive und indikative Suchtprävention

9. Schulische Suchtprävention
9.1 Geschichte der schulischen Suchtprävention
9.2 Wirksamkeit schulischer Suchtprävention
9.3 Planung von Suchtprävention in der Sekundarstufe I gegen Tabakkonsum
9.2.1 Zielsetzung
9.2.2 Zielgruppe
9.2.3 Rahmenbedingungen
9.2.4 Beteiligung von Erziehungsberechtigten und gesellschaftlichen Gruppen
9.2.5 Auswahl eines Konzepts für Suchtprävention
9.2.6 Reflektion bzw. Evaluation des Konzepts für Suchtprävention
9.3 Vorstellung zweier Konzepte zur Suchtprävention für die Sekundarstufe I
9.3.1 Konzept ,Erwachsen werden’
9.3.1.1 Zielsetzung
9.3.1.2 Zielgruppe
9.3.1.3 Rahmenbedingungen
9.3.1.4 Beteiligung von Erziehungsberechtigten und gesellschaftlichen Gruppen
9.3.1.5 Das Konzept
9.3.1.6 Persönliche Bewertung des Konzepts
9.3.1.7 Evaluation des Konzepts
9.3.2 Konzept ,BASS - Bausteinprogramm Schulische Suchtvorbeugung’
9.3.2.1 Zielsetzung
9.3.2.2 Zielgruppe
9.3.2.3 Rahmenbedingungen
9.3.2.4 Beteiligung der Erziehungsberechtigten und gesellschaftlichen Gruppen
9.3.2.5 Das Konzept
9.3.2.6 Persönliche Bewertung des Konzepts
9.3.2.7 Evaluation des Konzepts
9.4 Ergänzende Methoden zu den Konzepten
9.5 Tertiärprävention in der Sekundarstufe I gegen den Tabakkonsum
9.5.1 Zielsetzung
9.5.2 Zielgruppe
9.5.3 Rahmenbedingungen
9.5.4 Beteiligung der Erziehungsberechtigten
9.5.5 Das Konzept
9.5.6 Persönliche Bewertung des Konzepts zur Tertiärprävention

10. Schlusswort

11. Literaturverzeichnis

A. Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

B. Anhang, Materialsammlung

1. Einleitung

Die Themen ,Rauchen’ und ,Passivrauchen’ scheinen im Jahr 2006 aktueller denn je. Rauchverbote und -einschränkungen in Ländern wie Irland und Italien führen auch hier­zulande zu Diskussionen über den besseren Schutz von Passivrauchern und Kindern von Rauchern. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht ein neuer Beitrag über die gesund­heitsschädlichen Auswirkungen des Rauchens oder eine Umfrage zu Rauchverboten in den Medien erscheint.

Durch die regelmäßigen Meldungen über junge Raucher erwachte auch mein Interesse am Thema. Ich fragte mich, ob der Einstieg in das Rauchen verhinder- oder verzögerbar sein könnte, oder ob es sich um eine Art ,Automatismus’ handelt, der zum Erwachsen­werden gehört wie der Erwerb des Führerscheins oder der erste Diskobesuch.

Ich habe selbst mit 14 Jahren mit dem Rauchen begonnen und 7 Jahre lang mehr als 2,5 Schachteln Zigaretten täglich geraucht. Ich war eine stark abhängige Raucherin. An die Suchtprävention während meiner Schulzeit (1981 bis 1993) erinnere ich vorwiegend als Präsentation von Bildern verelendeter Heroinabhängiger. Neben einigen wenigen Ex­perimenten zum Thema ,Rauchen’ im Biologieunterricht fand keine spezifische Suchtprä­vention für Nikotin oder Alkohol statt. Gespräche mit Lehrern über das Rauchen be­schränkten sich auf Strafen, wenn ich auf dem Schulhof mit einer Zigarette erwischt wur­de. Dabei rauchte ich dort nicht aus Boshaftigkeit oder um zu provozieren: Ich musste rauchen, weil ich abhängig war. Als Raucherin schien es mir nicht möglich, mich an die Schulordnung zu halten. Ansprachen von Eltern und Verwandten, ich könne vom Rau­chen krank werden, motivierten mich in keinster Weise zum Aufhören sondern riefen nur meinen Widerstand hervor. Krankheiten wie Lungenkrebs schienen nur ,igendwelche an­deren’ Menschen zu bekommen.

Ich habe mit dem Rauchen aufgehört, als ich immer öfter bei nicht rauchenden Freunden alleine vor deren Wohnungen in Kälte und Regen mit meiner Zigarette stand. Ich las das Buch ,Endlich Nichtraucher’ von Allen Carr, das meine eigenen Ängste genau beschrieb und zerstreuen konnte - weil der Autor sich als ehemaliger Raucher mit den Motiven und Vermeidungsstrategien der Raucher auskannte.

Daher hatte ich die Hoffnung, dass eine Suchtprävention gegen den Tabak wirksam wer­den könnte, wenn sie die Schüler ebenso ansprechen und erreichen könnte. Eine Sucht­prävention die, ähnlich wie das Buch, das Leben als Nichtraucher erstrebenswert und vollwertig darstellt. Dadurch könnte dem Nichtraucher die Angst genommen werden, et­was zu verpassen, wenn er nicht mit dem Rauchern beginnt, und dem Raucher die Angst, etwas Wertvolles zu verlieren, wenn er mit dem Rauchen aufhört.

Dabei stellt sich für Suchtprävention in der Sekundarstufe I die schwierige Aufgabe, mit sehr unterschiedlichen Einstellungen zum Rauchen konfrontiert zu werden: Während Grundschüler allgemein noch gegen das Rauchen eingestellt sind, können sich in den Klassen der Sekundarstufe I Nichtraucher, Interessierte, die Zigaretten probieren möch­ten, Gelegenheitsraucher, Gewohnheitsraucher und abhängige Raucher finden. Die Suchtprävention soll sie alle ansprechen und erreichen, obwohl gerade das Umfeld Schu­le eines ist, das durch steigenden Leistungsdruck und oftmals stattfindende Reduzierung der Schüler auf rein kognitive Leistungen durchaus dazu beitragen kann, ein Klima für Substanzmittelmißbrauch zu schaffen.

Ich wollte herausfinden, ob und wie schulische Suchtprävention in der Sekundarstufe I überhaupt Schüler erreichen könnte, die sich in Zeiten schwieriger Ausbildungs- und Ar­beitsmarktsituationen und veränderter Familienverhältnisse so vielen neuen Herausforde­rungen ausgesetzt sehen.

Das Thema meiner Arbeit lautet: ,Möglichkeiten der Suchtprävention in der Sekundarstu­fe I am Beispiel Tabak’. Wenn ich in dieser Arbeit von ,Tabak’ spreche, beziehe ich mich, falls nichts anderes angegeben ist, auf das Rauchen von Zigaretten, weil es in Deutsch­land 90 Prozent des Tabakkonsums ausmacht.

(vgl. www.rauchfrei-info.de/index.php?id=37)

Die Zahlen, die die Epidemiologie und weitere Daten des Rauchens betreffen, beziehen sich auf die Bundesrepublik Deutschland, andere Gebiete werden gesondert erwähnt.

Da ich eine gut lesbare Hausarbeit erstellen möchte, verzichte ich auf die ,politisch kor­rekte’ Nennung beider Geschlechter, die in ihrer derzeitigen Form zu Lasten der Lesbar­keit von Texten geht. Spreche ich also von ,Schülern’, meine ich Schülerinnen und Schü­ler. Mit ,Lehrern’ sind entsprechend Lehrerinnen und Lehrer gemeint, mit ,Ärzten’ natürlich Ärztinnen und Ärzte usw. Eine ausschließliche Zuordnung zu männlichen oder weiblichen Funktionsträgern wird gesondert erwähnt.

Da viele Fachbücher Daten über das Rauchen enthielten, die heute nicht mehr stimmen oder sich verändert haben, musste ich häufig auf Internet-Quellen zurückgreifen, um ak­tuelle Angaben über das Rauchen zu erhalten.

2. Geschichte des Tabakkonsums

Definition:

Fermentation: Biochemisches Verarbeitungsverfahren zur Aromaentwicklung in Lebens- u. Genussmitteln.

Der uns bekannte Tabak entstammt der Pflanze Nicotiana tabacum, die zur Gattung der Nachtschattengewächse Solanaceae gehört und mannshoch werden kann. Während an den Seiten der Pflanze die typischen derben Blätter wachsen, verfügt sie über kleine Blü­ten an der Spitze. Nicotiana tabacum ist nicht frosthart und benötigt ausreichend Sonne sowie fruchtbaren Boden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Quelle: The New York Botanical Gardens <http://www.nybg.org/bsci/belize/Nicotiana_tabacum.jpg>

(vgl. Cheers 1998: 603 f)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Quelle: University of Wisconsin-Madison Botanical Garden <http://www.botany.wisc.edu/garden/db/plantimages/Nicotiana_tabacum_L.JPG

Der amerikanische Doppelkontinent bot der Pflanze optimale Wuchsbedingungen und gilt als ihre ursprüngliche Heimat.

(vgl. DHS 2005)

Ob die Pflanze von den Ureinwohnern Amerikas zuerst gekaut, geschnupft (vgl. Hess 1987: 9) oder bei Riten verbrannt (vgl. Corti 1986: 19 ff) wurde, ist in der Literatur um­stritten.

Beim Verbrennen der Tabakpflanzen zu vorwiegend kultischen und religiösen Zwecken könnte den Priestern die leicht narkotische Wirkung des Rauches aufgefallen sein. Mögli-
cherweise veranlasste sie dies, den Rauch direkt einzuatmen, indem sie getrockneten Tabak in Blätter und Schilfrohre stopften und rauchten.

(vgl. Corti 1986: 20)

„Die Sitte des Rauchens ist möglicherweise aus den Weihrauchzeremonien der Priester und Medizinmänner entstanden, magischen Gebrauch des Tabaks hat die ethnologische Forschung vielfach nachgewiesen: Rauchopfer, Regen- und Kriegs­zauber, Tabakrausch der Schamanen. Eng damit verbunden sind sowohl der ze­remonielle als auch der medizinische Gebrauch. Bei Initiationsriten trank man Ta­baksaft, und bei Friedensschlüssen rauchte man die Pfeife. Bei Verdauungsstö­rungen setzt man Tabak als Brech- und Abführmittel ein, bei Kopfschmerzen wur­de Tabak geschnupft, auf Wunden oder erkrankte Haut legte man Tabakblätter (und tötete damit, wie man heute weiß, die Fliegenlarven)“.

(s. Hess 1987: 10)

In der Folgezeit breitete sich das Rauchen des Tabaks auf dem amerikanischen Kontinent aus und verlor zunehmend seine vorwiegend rituelle Bedeutung.

(vgl. Corti 1986: 24)

In der ,Alten Welt’ war der Tabak unbekannt, bis Christoph Kolumbus 1492 zu seinen Entdeckungsreisen in die ,Neue Welt’ aufbrach. Auf seinen Entdeckungsreisen landete Kolumbus am 12.Oktober 1492 auf den heutigen Bahamas, wo er Geschenke von den Ureinwohnern der Inseln erhielt: Darunter auch die getrockneten Blätter der Tabakpflan­ze.

(vgl. Hess 1987: 10)

Missionare und Seeleute erlernten die Sitte des Tabakrauchens und brachten sie mit nach Spanien und in das restliche Europa.

Das Rauchen selbst war den Europäern derart fremd, dass noch kein Wort für den Rauchvorgang existierte. Bis in das 17. Jahrhundert hinein wurde von ,Tabak trinken’ und ,Rauch trinken’ gesprochen.

(vgl. Schivelbusch 1980: 108)

Woher der Begriff ,Tabak’ selbst stammt, ist unklar. Corti vermutet, dass er nach der me­xikanischen Stadt ,Tabasco’ benannt wurde, in der „[...] Tabak in ältester Zeit schon aus­gezeichnet gedieh und noch gedeiht“.

(vgl. Corti 1986: 37)

Hess (1987: 12) erklärt die Herkunft des Begriffs mit dem Wort ,tobacco’, mit dem die Einwohner der Antillen ihre Rauchrohe bezeichneten. Dieser Begriff sei dann von den Spaniern auch auf Blätter und Pflanzenteile des Tabaks selbst übertragen worden.

Jean Nicot lernte die Tabakpflanze am portugiesischen Hof kennen, an dem er von 1559 bis 1561 französischer Gesandter war. Nicot hörte von enormen Heilwirkungen des Krau­tes und berichtete dem französischen Hof davon. Da die medizinischen Mittel zu dieser Zeit sehr beschränkt waren, wurde die Kunde von einem neuen Allheilmittel begierig auf­genommen und weiterverbreitet.

Bald eilte dem Tabak ein enormer Ruf als Arznei voraus.

„Für die Hilflosigkeit der damaligen Medizin ist die Pestepidemie, die Ende des 17. Jahrhunderts in Europa wütete, ein beredtes Beispiel. Man war vielerorts da­von überzeugt, dass das Tabakrauchen vor der Erkrankung schütze. Menschen, die sich in den Pestgebieten aufhalten mussten, wagten zum Teil kaum Atem zu holen, ohne Tabak zu inhalieren.“

(s. Europäische Akademie für Umweltfragen 1989: 3 f)

Durch Nicots vehementes Eintreten für die Pflanze wurde sein Name in Frankreich bald mit ihr verbunden, was die Brüder Liebault dazu veranlasste, in ihrem Buch über Agri­kultur und Landwirtschaft die Tabakpflanze ,Nicotiana’ zu nennen. Bis heute ist der wis­senschaftliche Name für die Tabakpflanze ,Nicotiana’, für den in ihr enthaltenen Wirkstoff ,Nicotin’.

(vgl. Corti 1986: 54)

Insbesondere im England des 16. Jahrhunderts fand das Tabakrauchen als Genussmit­telkonsum besonders schnelle Verbreitung. Von einer seltenen Handlung wurde es „sehr schnell zu einer allgemeinen Sitte und der Londoner Tabakmarkt zu einem der bedeu­tendsten überhaupt“.

(s. Hess 1987: 20)

Wo geraucht wurde, fühlten sich auch immer schon nicht Nichtraucher vom Rauch ge­stört. Einer der bekanntesten Vertreter war König Jakob I. von England (*1566, f1625).

Er tat sich durch Schriften gegen das Rauchen hervor und trat für das Nichtrauchen ein. Das Rauchen hatte sich in England jedoch schon derartig verbreitet, dass selbst höhere Einfuhrzölle und die offene Missbilligung durch den König keine einschränkende Wirkung hatten.

(vgl. Corti 1986: 70 ff)

Ein generelles Rauchverbot in England scheiterte lt. Hess (1987: 21) vermutlich daran, dass auch in den Reihen des Hofes die Verbreitung derart stark fortgeschritten war, dass ein solches Verbot als zu gefährlich und schwierig angesehen wurde.

Unter Jakobs Sohn, Karl I. wurde das königliche Monopol auf den Tabakhandel schließ­lich verkauft - die Prohibition wurde durch eine tabakorientierte Steuerpolitik ersetzt.

„Wie Jakob I. erkannten nach und nach auch die anderen Herrscher, dass sich aus dem Tabakhandel große Summen für den Staatshaushalt ziehen ließen, und an die Stelle der Verbote traten überall Reglementierungen, die diese Einkünfte garantieren sollten. Der Prohibition folgte die Steuerpolitik.“

(s. Hess 1987: 26 f)

Auch in Deutschland verbreitete sich der Genuss von Tabak, und auch hier formierten sich erste Gegner des Rauchens. Störte einige der Geruch, hegten andere Misstrauen gegen die ,neue Sitte’. Die Stadtoberen hingegen wollten Feuersbrünste in den Städten verhindern, daher wurden erste Rauchverbote in der Öffentlichkeit erlassen.

(vgl. Hess 1987: 23f und Corti 1986: 111 ff)

„Legal durfte Tabak damals nur in Apotheken verkauft werden, wenn er als Medizin ver­ordnet worden war.“

(s. Hess 1987: 23)

Als in Europa allgemein Pfeife geraucht wurde, ging eine neue Mode von Frankreich aus. Dort wurde im 18. Jahrhundert das Schnupfen von Tabak zur Mode, ebenso wie das Mit­führen verzierter und kostbarer Tabakdosen (Tabatiere), die „fester Bestandteil des Roko­kokostüms“ wurden.

(vgl. Schivelbusch 1980: 143 f)

Im Gegensatz zu Frankreich und England, wo sich das Schnupfen schnell durchsetzte, blieb in Deutschland das Rauchen von Pfeifen beliebteste Konsumform des Tabaks, obwohl es in der Öffentlichkeit bis 1848 verboten blieb.

(vgl. Hess 1987: 35)

Aus diesem Grund gab es in den bürgerlichen Wohnungen des 19. Jahrhunderts ein Her­renzimmer’ bzw. ,Rauchzimmer’, das den rauchenden Männern vorbehalten war.

(vgl. Schivelbusch 1980: 137)

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts eroberte die Zigarre, wenn auch anfangs zögerlich, Eu­ropa. Sie brachte das Rauchen als Hauptkonsumform zurück und ersetzte das Pfeiferau­chen. Ihr Name stammt möglicherweise vom spanischen Wort ,cigarrón’ (Zikade), weil die Tabakrolle in ihrer Form an eine Zikade erinnert.

(vgl. Hess 1987: 12).

Der Rauchvorgang wurde durch die Erfindung des Streichholzes zu Beginn des 19. Jahrhunderts entscheidend erleichtert.

(vgl. Europäische Akademie für Umweltfragen 1989: 5)

Eine weitere Neuerung bestand in der Erfindung der Zigarette, die vermutlich der Idee von Arbeiterinnen entstammt, Tabakabfälle, die bei der Zigarrenproduktion anfielen, in kleine Papierstücke zu wickeln. In Frankreich erhielt sie ihren Namen: die Verkleinerungsform von ,cigare’; ,cigarette’. (vgl. Hess 1987: 39)

Die erste deutsche Zigarettenfabrik entstand 1862 in Dresden und begann mit sieben Be­schäftigten. Von 60 Millionen Zigaretten jährlich stieg die Produktion im Jahr 1888 auf 600 Millionen und 1912 auf bereits 11,5 Milliarden Zigaretten an.

(vgl. Hess 1987: 40)

Die Entwicklung von der Pfeife mit ihrem Feuerschlagen, Stopfen und Reinigen hin zur fertigen Zigarette, die mit einem Streichholz angezündet werden konnte, hatte eine erheb­liche Beschleunigung des Rauchvorganges zur Folge.

„Der Ruhe- und Konzentrationsstandard einer Epoche lässt sich am jeweils herr­schenden Rauchgerät ablesen. Man kann das regelrecht quantifizieren. Für den Raucher im 20. Jahrhundert enthält die Zigarette, die in 5-7 Minuten zu Ende ge­raucht ist, so viel Muße und Konzentration wie für den Raucher des 19. Jahrhun­derts eine über fast eine halbe Stunde hin gerauchte Zigarre.“

(s. Schivelbusch 1980: 127)

Eine deutliche Veränderung bestand in der Tatsache, dass plötzlich die Frau beim Ziga­rettenrauchen akzeptiert wurde, „[...] weit eher als bei anderen Rauchformen“. Anfangs rauchten Feministinnen wie George Sand und Lola Montez demonstrativ in der Öffentlich­keit, später folgten Frauen aller Gesellschaftsschichten.

(s. Hess 1987: 43)

„Seit Ende des 19. Jahrhunderts und in offenkundigem Zusammenhang mit den ersten Erfolgen der Emanzipationsbewegung ist die rauchende Frau sozial akzep­tiert - solange sie Zigaretten raucht. Wie zäh sich die überkommenen Vorstellun­gen halten, kann man noch heute daran sehen, dass Pfeifen- oder Zigarrenrau­chen bei Frauen als exzentrisch-unweiblich gilt“.

(s. Schivelbusch 1980: 137)

Durch die Weltkriege wurde die Zigarette weiter verbreitet. In den Grabenkämpfen war sie schnell zu rauchen, „entspannte, unterdrückte Müdigkeit und Hungergefühle, stellte Kon­takte her. Die angebotene Zigarette war für den frisch gefangenen Gegner das Zeichen, dass man ihn nicht kurzerhand umlegen würde“.

(s. Schmitt-Hausser 1976)

Die Zigarette erschloss nicht nur unter Soldaten und Frauen neue Raucher. Durch ihre im Verhältnis zur Pfeife und Zigarre kleinere Nikotinmenge wurde es auch für Jugendliche

leichter, das Rauchen zu versuchen. Die gefürchteten Nebenwirkungen einer Zigarre wie Ohnmacht und Erbrechen wurden abgemildert.

(vgl. Hess 1987: 46)

1913 wurde die Zigarettenmarke ,Camel’ von der Firma Reynolds auf den Markt gebracht. Ihr enormer Erfolg (der Marktanteil wuchs innerhalb von nur fünf Jahren auf 40 Prozent) gründete sich auf eine neue Tabaksorte sowie ein neues Trocknungsverfahren.

Die ,Camel’ enthielt eine ,American-Blend’ genannte Tabakmischung, die aus hellen Vir­ginia-Tabaken, dunklerem Burley-Tabak sowie einer Spur türkischem Tabak bestand. Die Virginia-Tabake wurden durch Metallröhren unter großer Hitze schnell getrocknet, was eine besondere Fermentation auslöste, durch die der Tabak eine sehr helle Farbe (,blon- de Zigarette’) mit verhältnismäßig mildem Geschmack bekam. Vor allem aber war der Rauch des Tabaks nicht mehr alkalisch sondern sauer.

„Aus saurem Rauch werden die chemischen Bestandteile durch die Mundschleimhaut schlecht resorbiert, dafür kann man ihn weit besser als den alkalischen in die Lunge inha­lieren, von wo das Nikotin über die Blutbahn in sieben bis acht Sekunden ins Gehirn ge­langt.“

(vgl. Hess 1987: 49)

Zigarren- und Pfeifentabake haben bis heute einen alkalischen Rauch, weswegen sie ge­pafft und nicht inhaliert werden.

1939 führte das Tabakunternehmen BAT (British American Tobacco) mit der Zigarette ,Pall Mall’ das erste King Size Format ein, 1954 brachte die Firma Reynolds mit der Marke ,Winston’ die erste fertige Filterzigarette auf den Markt. Beide Marken verkauften sich sehr gut und waren lange führend auf dem amerikanischen Markt.

(a. a. O.: 50)

In den USA fanden zu dieser Zeit aber nicht nur die erfolgreichsten Neuerungen in Bezug auf das Rauchen, sondern auch die größten Anti-Tabak-Kampagnen statt. Sie wurden von Religionsgemeinschaften, vor allem protestantischen Gruppen, weniger aus medizini­schen denn moralischen Gründen geführt.

(a. a. O.: 50 ff).

Obwohl der Tabakkonsum von Beginn an auch Gegner hervorbrachte, konnte deren Ein­fluss nicht verhindern, dass die Zahl der Raucher anwuchs. Das Rauchen selbst wurde in der Mitte des 20. Jahrhunderts eine gewohnte „alltägliche Erscheinung, akzeptierter Teil des normalen Lebens“.

(a. a. O.: 53)

Eine gewaltige Änderung für die Sichtweise des Rauchens brachte 1964 der sog. Jerry­Report’. Seit dem Anstieg der Raucherzahlen hatten Ärzte mit einer zeitlichen Verschie­bung von einigen Jahren auch ein Ansteigen der Raten bei Lungenkrebs und weiteren

Krankheiten festgestellt. Durch den amerikanischen Arzt Luther L. Terry (damals Vorste­her der amerikanischen Gesundheitsbehörde) wurde schließlich der Öffentlichkeit ein Be­richt präsentiert, der zum ersten Mal die schädlichen Auswirkungen des Rauchens nach­wies: Großangelegte Untersuchungen bewiesen, dass Zigarettenrauchen einen Grund für Lungen- und Kehlkopfkrebs bei Männern, einen vermuteten Grund für Lungenkrebs bei Frauen sowie den Hauptgrund für chronische Bronchitis darstellt. Der ,Surgeon General's Report on Smoking and Health’ fasste seine Meinung in der folgenden Stellungnahme zusammen: “Cigarette smoking is a health hazard of sufficient importance in the United States to warrant appropriate remedial action.”

(s. Internet 1)

Der nach dem Vorsitzenden ,Terry-Report’ genannte Bericht beschäftigte die Nachrichten mehrere Wochen lang und markierte einen Wendepunkt in der Einstellung zum Rauchen: Niemand konnte weiterhin sagen, er habe nicht gewusst, dass Rauchen schädlich sei. Ärzte hatten die Schädigungen nachgewiesen, und im Laufe der Jahre sollte das Rau­chen als Ursache oder Impulsgeber für zahlreiche weitere Krankheiten identifiziert wer­den. (siehe Kapitel 4 gesundheitliche Risiken durch Rauchen’).

3. Epidemiologie des Rauchens

Definitionen:

Epidemie: Zeitlich und räumlich gehäuft auftretende Massenerkrankung, Seuche Epidemiologie: Wissenschaft von der Entstehung, Ausbreitung und Bekämpfung von Epidemien

Prävalenz: Überlegenheit, Vorherrschen

Mikrozensus: „Der Mikrozensus (,kleine Volkszählung’) ist die amtliche Repräsentativ­statistik über die Bevölkerung und den Arbeitsmarkt in Deutschland... Bereits seit 1957 - in den neuen Ländern (einschließlich Berlin-Ost) seit 1991 - liefert er statistische Infor­mationen in tiefer fachlicher und regionaler Gliederung über die Bevölkerungsstruktur, die wirtschaftliche und soziale Lage der Bevölkerung, der Familien, Lebensgemeinschaften und Haushalte, die Erwerbstätigkeit, Arbeitsuche, Aus- und Weiterbildung, Wohnverhält­nisse und Gesundheit. Der Mikrozensus dient dazu in regelmäßigen und kurzen Abstän­den Eck- und Strukturdaten über die genannten Erhebungsinhalte sowie deren Verände­rung zu ermitteln und dadurch die Datenlücke zwischen zwei Volkszählungen zu füllen. [...] Der Auswahlsatz liegt für alle Merkmale einheitlich bei 1% der Bevölkerung. Entspre­chend werden im Mikrozensus jährlich rund 390 000 Haushalte in Deutschland mit rund830 000 Personen befragt. Damit ist der Mikrozensus die größte jährliche Haushaltsbe­fragung in Europa.“ (s. Internet 2)

Lebenszeit-Prävalenz: „Wie viele Jugendliche überhaupt Erfahrungen mit dem Rauchen gemacht haben, lässt sich an dem Anteil derer ablesen, die irgendwann schon einmal geraucht haben, gleichgültig, wie viel und zu welchem Zeitpunkt. Dieser Indikator wird oft als Lebenszeit-Prävalenz bezeichnet“. (s. Internet 3)

3.1 Prävalenz des Rauchens

„Im Jahr 2005 gaben 27% der Bevölkerung im Alter von 15 und mehr Jahren, die Auskunft zu dieser Frage gaben, an zu rauchen [...] Das waren genauso viele wie im Jahr 2003 und nur geringfügig weniger als 1995 und 1999 mit 28 %. Der über­wiegende Teil (23 %) bekannte sich zu regelmäßigem Tabakkonsum, Gelegen­heitsraucher waren mit 4% deutlich seltener. Insgesamt betrug die Raucherquote bei den Männern 32 %, sie ist seit 1995 (36 %) stetig gesunken. Die Raucherquote der Frauen ist über die betrachteten Jahre konstant geblieben (2005: 22 %). In je­der Altersstufe rauchten Frauen weniger häufig als Männer“ (s. Internet 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Raucher und Nichtraucher in 2005.

Quelle: Statistisches Bundesamt: „Leben in Deutschland - Haushalte, Familien und Gesundheit- Ergebnisse des Mikrozensus 2005“ (Stand: 06.06.2006. Zugriff: 24.09.2006) <http://www.destatis.de/presse/deutsch/pk/2006/mikrozensus_2005i.pdf>

Die Gruppe der Nichtraucher besteht zu 54 Prozent aus Nie-Rauchern und zu 19 Prozent aus ehemaligen Rauchern.

Mit 23 Prozent gab der größte Teil der Raucher an, regelmäßig zu rauchen. Die meisten regelmäßigen Raucher finden sich in der Altersgruppe der 20- bis 24-Jährigen, nämlich 38 Prozent bei den Männern und 30 Prozent bei den Frauen.

Der Anteil an den Gelegenheitsrauchern betrug bei Männern und Frauen je 4 Prozent. Gelegenheitsraucher sind im Durchschnitt jünger als regelmäßige Raucher: 5 Prozent der 15- bis 39-Jährigen gaben an, gelegentlich zu rauchen, 4 Prozent waren es bei den 40- bis 64-Jährigen und 2 Prozent bei den über 65-Jährigen. Insgesamt hat sich der Anteil der Gelegenheitsraucher erhöht.

(s. Internet 3)

Das Absinken des Anteils der regelmäßigen Raucher mit steigendem Lebensalter (ab etwa 40 Jahren) wird im folgenden Schaubild angezeigt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Regelmäßige Raucher 2005

Quelle: Statistisches Bundesamt: „Leben in Deutschland - Haushalte, Familien und Gesundheit - Ergebnisse des Mikrozensus 2005“ (Stand: 06.06.2006. Zugriff: 24.09.2006) <http://www.destatis.de/presse/deutsch/pk/2006/mikrozensus_2005i.pdf>

Die regelmäßigen Raucher wurden auch nach der Anzahl der gerauchten Zigaretten ge­fragt. Dabei gaben 77 Prozent an, im Durchschnitt 5 bis 20 Zigaretten zu rauchen.

16 Prozent sagten, sie rauchten mehr als 20 Zigaretten pro Tag, womit sie nach einer Definition der WHO als starke Raucher gelten. 7 Prozent bezifferten ihren Konsum auf weniger als 5 Zigaretten pro Tag.

(s. Internet 3)

Die Daten habe ich in der folgenden Grafik verdeutlicht:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Anzahl gerauchter Zigaretten pro Tag (regelmäßige Raucher)

Eigene Tabelle, erstellt nach Daten des Mikrozensus 2005 (s. Internet 3)

„Der Anteil der Raucher von 5 bis 20 Zigaretten am Tag ist im Vergleich zu 2003 (76 %) sogar leicht gestiegen. Da der Anteil der Konsumenten von weniger als 5 Zigaretten am Tag geringfügig gesunken ist (2003: 8 %), lässt sich vermuten, dass vormals Wenig­Raucher’ nun mehr rauchen“.

(s. Internet 3)

3.2 Prävalenz des Rauchens bei Jugendlichen

Für das Jahr 2006 führte die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung BZgA eine Wiederholungsbefragung (Erstbefragung 2003) Jugendlicher zum Rauchen durch. Dabei beträgt die Lebenszeit-Prävalenz der Altersgruppe der 12- bis 19-Jährigen 55 Prozent, wogegen 45 Prozent dieser Altersgruppe noch nie geraucht haben.

Dazu gibt die BZgA allerdings an, dass beide Rückgänge aufgrund von Irrtumswahr­scheinlichkeiten bei Prozentunterschieden „[..] statistisch nicht signifikant“ seien. (s. Internet 4)

Bei 14 Prozent der befragten Jugendlichen handelt es sich um tägliche Raucher, wofür ein Konsum von mindestens 1 Zigarette pro Tag innerhalb der letzten 30 Tage entschei­dend war.

Als ,starke Raucher’ bezeichnet die WHO Menschen mit einem täglichen Konsum von mehr als 20 Zigaretten pro Tag. Für die Altersgruppe der 12- bis 19-Jährigen definierte die BZgA den Wert mit 10 Zigaretten pro Tag. Danach zählen 8 Prozent der befragten Ju­gendlichen zur Gruppe der ,starken Raucher’.

Eine Darstellung der Daten findet sich in der folgenden Abbildung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Indikatoren des Tabakkonsums Jugendlicher (Jugendliche 12-19 Jahre) in Prozent.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: BZgA-Repräsentativerhebungen „Förderung des Nichtrauchens“ http://www.bzga.de/pdf.php?id=0f3b03cddf1a87afd9ca04e0b1161bfa

Ein Sinken der Werte wurde vor allem bei Mädchen festgestellt. Sowohl die Raucherquote (A) als auch (B) waren bei den Jungen unverändert, die verringerten Werte kamen durch die Angaben der Raucherinnen zustande.

Seit 1979 wurden von der BZgA Befragungen zum Thema Rauchen bei Jugendlichen durchgeführt. Die langfristigen Veränderungen werden durch den Vergleich der Werte sichtbar:

Abb. 7: Ständige oder gelegentliche Raucher nach Altersgruppen in Prozent

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: BZgA-Repräsentativerhebungen zur Drogenaffinität Jugendlicher sowie „Förderung des Nichtrau­chens“ durch forsa.

http://www.bzga.de/pdf.php?id=0f3b03cddf1a87afd9ca04e0b1161bfa>

Sowohl in der Altersgruppe der 12- bis 15-Jährigen als auch bei den 16- bis 19-Jährigen ist ein langfristiges Absinken der Anzahl ständiger und gelegentlicher Raucher erkennbar. 2005 wurde der niedrigste Wert seit 1979 erreicht.

Zum Vergleich ziehe ich die Werte der Nieraucher hinzu: Ihre Zahl steigt seit 2001 konti­nuierlich an:

Abb. 8: Nieraucher nach Altersgruppen in Prozent

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: BZgA-Repräsentativerhebungen zur Drogenaffinität Jugendlicher sowie „Förderung des Nichtrau­chens“ durch forsa. http://www.bzga.de/pdf.php?id=0f3b03cddf1a87afd9ca04e0b1161bfa

Bei den männlichen Jugendlichen stieg der Nie-Raucheranteil im Jahr 2005 auf 46 Pro­zent, bei den weiblichen Jugendlichen auf 44 Prozent.

3.3 Einstiegsalter der Raucher

Das Durchschnittsalter, in dem die befragten 12- bis 19-Jährigen ihre erste Zigarette rauchten, lag, ebenso wie in 2003, bei 12,9 Jahren.

Befragt man 12- bis 25-jährige, liegt das Durchschnittsalter bei 13,6 Jahren, weil mehr Personen erfasst werden, die ihre erste Zigarette später geraucht haben.

„Generell ist das Durchschnittsalter bei der ersten Zigarette ein sehr stabiler Indi­kator. Das lässt sich an den Werten der bis 1986 zurückreichenden Zeitreihe für das durchschnittliche Einstiegsalter bei den 12- bis 19-Jährigen ... erkennen [sic] Die Einzelwerte der Zeitreihe für die Gesamtheit der Jugendlichen variieren nur geringfügig zwischen 12,7 und 13,2 Jahren. Weder bei der Gesamtzeitreihe noch bei den Zeitreihen für die weiblichen und die männlichen Jugendlichen lässt sich ein eindeutiger Trend mit steigendem oder mit sinkendem Einstiegsalter erken­nen [sic]“

(s. Internet 4)

3.4 Schadstoffe in Zigaretten

Definitionen:

mutagen: Mutationen auslösend, erbgutverändernd

perinatal: Den Zeitraum kurz vor, während und nach der Entbindung betreffend.

Eine Zigarette funktioniert wie ein kleines Labor.

Nach dem Anzünden der Zigarette werden durch chemische Vorgänge aus den natur­gemäß vorhandenen Bestandteilen des Tabaks sowie den zugesetzten Stoffen (Dünge­mittel, Aromen etc.) zahlreiche Substanzen freigesetzt, die untereinander wiederum neue chemische Verbindungen eingehen.

(vgl. Hess 1987: 57)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 9: Zigarette

Quelle: Hess 1987: 57

„In der Glutzone entstehen beim Rauchen Temperaturen bis zu 900 °С. Die Ta­bakbestandteile verwandeln sich teilweise in Gase. In der Destillationszone setzt die Hitze Wasserdampf frei, durch den wieder andere Inhaltsstoffe des Tabaks frei werden, die sich mit dem Wasserdampf und den Gasen mischen. In der Konden­sationszone kühlt sich dieses Gemisch ab und schlägt sich nieder, beim Weiter­rauchen reichert es sich - soweit es nicht gleich in den Haupt- oder Nebenstrom­rauch übergeht - zum Ende der Zigarette hin immer mehr an, so dass die Giftstoff­konzentration im Hauptstromrauch ständig zunimmt. Der Hauptstromrauch wird vom Raucher in die Atemwege eingesogen. [...] Man unterscheidet beim Rauch eine Gasphase und eine Teilchenphase.“ (s. Hess 1987: 58)

In der Gasphase ist der wichtigste Bestandteil das Kohlenmonoxid, daneben werden Stickstoffoxide, Ammoniak, Nitrosamine, Blausäure, Aldehyde und weitere Stoffe frei­gesetzt. Die Teilchenphase enthält neben Wasserdampf vor allem Nikotin und Teer/Kon­densat.

(ebd.)

Im Tabakrauch sind neben den vermutlich bekanntesten (und auf der Steuerbanderole vermerkten) Schadstoffen Nikotin, Teer/Kondensat und Kohlenstoffmonoxid über 4000 weitere Stoffe enthalten, von denen 200 nachgewiesen toxisch und etwa 70 karzinogen, also krebserregend, sind.

(vgl. BZgA 2006: 6)

Weitere Stoffe stehen noch im Verdacht, karzinogen oder mutagen zu wirken. Welche Schadstoffmengen der Raucher aufnimmt, hängt von Faktoren wie der Inhalationstiefe, dem Zigarettenpapier usw. ab.

(DHS 2004: 48 und 49)

Die Mengen von Nikotin, Teer/Kondensat und Kohlenmonoxid sind auf der Zigaretten­packung angegeben. Die Hersteller sind zur Angabe nach der Tabakproduktverordnung §5 (1) gesetzlich verpflichtet. Dabei gelten nach §3 folgende Höchstmengen für gewerbs­mäßig hergestellte Zigaretten:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(vgl. Internet 5)

In den Prüflabors werden die Zigaretten nicht von Menschen geraucht: Maschinen über­nehmen diese Aufgabe unter DIN-genormten ,Abrauchbedingungen’, die folgendermaßen festgelegt wurden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(vgl. Frede 1993: 205)

Diese standardisierten Bedingungen lassen sich jedoch nicht einfach auf das Rauchver­halten eines Menschen übertragen. Untersuchungen ergaben, dass Raucher in ihrem Rauchverhalten stark variieren: Die Anzahl der Rauchzüge beispielsweise kann von 4 Zü­gen bis zu 20 Zügen pro Zigarette reichen.

(vgl. Internet 15)

Auch das Zugvolumen unterscheidet sich erheblich: „Wenn Raucher [...] nur fünf Ziga­retten an einem Tag rauchen dürfen (Kontingentierung), so holen sie aus diesen fünf Zi­garetten die dreifache Nikotinmenge heraus.“

(vgl. DHS 2004: 48)

Die Abrauchmaschinen atmen im Gegensatz zum Menschen nur den Hauptstromrauch ein. Ein menschlicher Raucher hingegen inhaliert den Hauptstromrauch, atmet zwischen den Zügen an der Zigarette den Nebenstromrauch ein und ist zusätzlich noch dem von ihm selbst wieder ausgeatmeten Rauch ausgesetzt.

3.4.1 Nikotin

Das pflanzliche Alkaloid Nikotin ist eine farblose, ölige, fettlösliche Substanz, die sich an der Luft braun färbt. Es handelt sich um ein sehr starkes und rasch wirkendes Gift, von dem bereits 40-100mg oral eingenommen einen erwachsenen Menschen töten können. Bereits an einer verschluckten oder gegessenen Zigarette, die etwa 10mg Nikotin enthält, kann ein Kind sterben. Bei Rauchern tritt eine tödliche Vergiftung nach dem Rauchen mehrerer Zigaretten nur deshalb nicht ein, weil sich der Rauchvorgang über einen länge­ren Zeitraum hinzieht.

(vgl. Thamm 1994: 257)

Bei sehr starkem Rauchen kann es jedoch zu Nikotinvergiftungen kommen, die sich durch Kopfschmerzen, Zittern, Durchblutungsstörungen, Husten etc. äußern können.

(vgl. Internet 5)

Eine Zigarette der in Deutschland meistverkauften Marke ,Marlboro’ enthält 0,8mg Nikotin. (vgl. Internet 6)

Erstaunlicherweise darf die Tabakpflanze selbst keinem nikotinhaltigen Rauch ausgesetzt werden, da sie davon eingehen würde, weshalb in den Gewächshäusern der Tabakindus­trie Schilder hängen mit der Aufschrift „Nicht Rauchen“.

(vgl. BZgA 2005a: 22)

Das in einer Zigarette enthaltene Nikotin wird beim Rauchen zu etwa 30 Prozent freige­setzt. Stark inhalierende Raucher nehmen davon ungefähr 95 Prozent auf. In sieben bis acht Sekunden erreicht fast ein Viertel dieses Nikotins das Gehirn, nach zwei Minuten konzentriert sich der größte Teil in Gehirn und Lunge, nach etwa 15 Minuten sind insge­samt hohe Nikotinvorkommen in Nieren, Lunge, Leber und Magen nachweisbar. Unmittel­bar nach Eintritt in den Kreislauf beginnt die Ausscheidung des Nikotins über Leber und Nieren. Dabei kommt es zu stoffwechselbedingten Umwandlungen, den sog. Metabolisie- rungen. Die dabei entstehenden Produkte werden Metaboliten genannt. Während die Halbwertszeit des Nikotins relativ kurz ist und es nach ein bis zwei Stunden nicht mehr im Körper nachgewiesen werden kann, hält sich der Metabolit Cotinin noch tagelang in nen­nenswerten Mengen im Körper.

(a. a. O.: 23)

Die positiv empfundenen Effekte des Rauchens lassen bei starken Rauchern bereits nach 20-30 Minuten nach, sodass das Verlangen nach einer weiteren Zigarette geweckt wird. Bleibt eine erneute Zufuhr von Nikotin aus, kann es zu Entzugserscheinungen kommen, die sich in Ärger, verminderter Frustrationstoleranz, Aggressivität etc. äußern können. (ebd.)

Gelangt das Nikotin durch Rauchen über Mundschleimhaut und Lunge in den Blutkreis­lauf, verengen sich die Blutgefäße. Eine solche Verengung führt dazu, dass sich der ge­samte Blutkreislauf verlangsamt, womit weniger Wärme in die peripheren Blutgefäße ge­langt. Die Hauttemperatur sinkt nachweislich, die Haut wird blasser und äußere Extremi­täten wie Finger, Hände und Füße werden kälter.

(BZgA 2005a: 25)

In Infrarotaufnahmen kann die Veränderung sofort sichtbar gemacht werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 10: Thermogramm einer Hand. Quelle: (BZgA 2005a: Anhang)

Das Thermogramm zeigt auf Bild 1. (s. u.: Bild einzeln und vergrößert) eine normal durch­blutete Hand. Die Temperaturzonen unterscheiden sich durch die Infrarotaufnahme farb­lich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nach wenigen Zügen an einer Zigarette (Bild 2) sinkt die Temperatur der Hand insgesamt und die Fingerspitzen werden nicht mehr durchblutet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nach weiteren Zügen an der Zigarette werden die Finger kaum noch durchblutet - die Blutgefäße der Fingerspitzen haben sich geschlossen. (Bild 3) Die Temperatur in der Hand ist insgesamt gesunken.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Um den Blutkreislauf mit der gewohnten Menge Blut zu versorgen, schlägt das Herz schneller und lässt somit den Blutdruck steigen. Durch weniger Blut werden auch weniger Nährstoffe und weniger Sauerstoff zu den peripheren Blutgefäßen gepumpt, was eine Unterversorgung zur Folge haben kann. Lagert sich an den Wänden der Blutgefäße durch die erwähnte Verengung Fett oder Kalk ab, wird der Blutfluss noch weiter behindert und das Gefäß fortschreitend verengt. Dabei bleibt der Blutdruck in den betroffenen Gefäßen erhöht und schädigt sie so dauerhaft. Die Auswirkungen können Thrombosen und schließlich das Absterben von Blutgefäßen und Extremitäten sein. Sind Gefäße betroffen, die das Gehirn versorgen, kann es zum Hirnschlag, dem sog. ,Schlaganfall’ kommen, er­krankte Gefäße des Herzens können zu einem Herzinfarkt führen.

(vgl. BZgA 2005a: 25)

Die bekannteste Schädigung peripherer Extremitäten ist vermutlich das sog. Raucher­bein’. Ein solch unterversorgtes Bein kann zu lebensbedrohenden Thrombosen führen oder muss, im schlimmsten Fall, amputiert werden.

3.4.2 Teer/Kondensat

Bei ,Teer’ handelt es sich nicht um eine spezifische, sondern verschiedene Substanzen, die in der Zigarette vorhanden sind. Der Restbestand der Teilchenphase nach Abzug von Wasser und Nikotin wird als Teer/Kondensat bezeichnet.

(vgl. Hess 1987: 59)

Eine Zigarette der Marke ,Marlboro’ enthält 10mg Teer/Kondensat.

(vgl. Internet 6)

Hauptsächlich handelt es sich um die Zusammensetzung von Kohlenwasserstoffen, Ami­nen, Nitrosaminen, Schwermetallen wie Cadmium, Arsen, Blei und Quecksilber.

Zu den Kohlenwasserstoffen zählen die besonders schädlichen Benzo(a)pyren, Benzol, Naphthalin, Phenol und Terpen, wobei Benz(a)pyren als einer der stärksten Krebserreger überhaupt gilt.

(vgl. BZgA 2005a: 27)

Benzol, u. a. Bestandteil von Autokraftstoffen, reichert sich im Knochenmark an und stört die Blutbildung - eine chronische Belastung mit Benzol kann Leukämien auslösen.

Phenole reizen die Schleimhäute und zerstören die Flimmerhärchen in den Bronchien, wo es durch die verhinderte Reinigungswirkung zu verstärkten Sekretansammlungen im Bronchialsystem kommen kann.

(ebd.)

Können diese Flimmerepithel Schadstoffe und Staubteilchen nicht mehr aus der Lunge befördern, kommt es häufig zum Raucherhusten’, durch den die Lunge versucht, sich me­chanisch von den abgelagerten Schadstoffen zu befreien. Langfristig kann es zu Bron­chial- und Lungenentzündungen kommen, die schließlich zu Lungenkrebs führen können. Starke Raucher sind besonders gefährdet, an Lungenkrebs zu erkranken.

Der Anteil der Raucher an der Mortalitätsrate von Lungenkrebs beträgt 90 Prozent.

(vgl. DHS 2003: 27)

3.4.3 Kohlenstoffmonoxid (CO)

Kohlenstoffmonoxid (auch: Kohlenmonoxid) ist ein giftiges Gas, das durch die Verbren­nung des Tabaks entsteht. Durch Einatmen gelangt es in den Blutkreislauf. Die Gefähr­lichkeit des Giftes besteht vor allem in seiner Affinität zum roten Blutfarbstoff Hämoglobin. Durch die roten Blutkörper (Erythrozyten) wird der menschliche Körper mit Sauerstoff ver­sorgt, wobei das Hämoglobin als roter Blutfarbstoff ca. ein Drittel der gesamten Erythro­zyten stellt. In der Lunge reichern sie sich mit Sauerstoff an und geben diesen im Gewebe und an den Organen wieder ab.

Bei einem gesunden Menschen findet in der Lunge eine Sauerstoffsättigung der Erythro­zyten von etwa 94-97 Prozent statt, mit der anschließend Organe und Gewebe versorgt werden können. Liegt nur eine Sättigung von etwa 80 Prozent vor, sind bereits Störungen der Körperfunktionen beobachtbar, wie Nachlassen der Aufmerksamkeit, Stimmungsver­änderungen, Absinken der Hörgrenzen, geringere Muskelkraft, Verdunkelung des Ge­sichtsfeldes durch herabgesetzte Lichtempfindlichkeit.

Stehen durch das Rauchen einer Zigarette Sauerstoff und Kohlenmonoxid zur Verfügung, bindet sich durch die größere Affinität vorwiegend Kohlenmonoxid an das Hämoglobin. Dadurch steht der Erythrozyt nicht mehr oder nur noch eingeschränkt für den Sauerstoff­transport zur Verfügung.

(vgl. BZgA 2005a: 25 f)

In der Folge wird nicht nur weniger Sauerstoff aus der Lunge in die Organe und Gewebe transportiert, auch die Abgabe von Sauerstoff dort ist vermindert, was insgesamt zur ver­schlechterten Sauerstoffversorgung des Körpers führt.

(vgl. DHS 2003: 23)

„Bei Gewohnheitsrauchern können ca. 15 % des Hämoglobins ständig durch CO [Koh­lenmonoxid - Anm. d. Verf.] blockiert sein.“

(s. BZgA 2005a: 26 )

Durch die chronische Unterversorgung des Körpers mit Sauerstoff sind besonders Schwangere und ihre ungeborenen Kinder gefährdet: Nach Untersuchungen von Andres (2000) ist Rauchen verantwortlich für 15 Prozent aller Frühgeburten sowie für 20 bis 30 Prozent aller Fälle von geringem Geburtsgewicht. Insgesamt wird die perinatale Sterb­lichkeit um 150 Prozent erhöht.

(vgl. Andres 2000)

Kohlenmonoxid kann die Durchblutung der Genitalien beeinträchtigen. Raucher zwischen 30 und 50 Jahren haben ein erhöhtes Risiko von Erektionsstörungen, und auch bei Frau­en können genitale Durchblutungsstörungen auftreten. Das Zahnfleisch kann durch die

mangelhafte Versorgung und die allgemeine Schwächung des Immunsystems anfälliger gegenüber Infektionen werden.

(vgl. BZgA 2005a: 26 f)

3.4.4 Weitere Schadstoffe

Im Tabakrauch sind neben Nikotin, Kohlenmonoxid und den Bestandteilen in Teer/Kon­densat zwischen drei- und fünftausend weitere Stoffe enthalten. Nachfolgend gebe ich eine auszugsweise Übersicht über einige im Tabakrauch enthaltene Stoffe, ihre gesund­heitliche Einordnung sowie ihre weiteren Vorkommen bzw. Verwendungen.

Bestandteile des Tabakrauchs, ihre gesundheitliche Klassifikation und weitere Vorkommen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1 beruht auf Informationen aus folgenden Quellen: (Internet 7; BZgA 2005a: 30 ff; BZgA 2006: 8; Internet 8)

3.4.5 Zusatzstoffe

Zusätzlich zu den tausenden Inhaltsstoffen, die im Tabak enthalten sind, werden den Zi­garetten weitere Zusatzstoffe beigemischt.

Es handelt sich um Gemische wie z. B. Aromen, Früchte, Sirupe, Zucker, Harnstoff, Am­moniak, Menthol, Glycerin, Kakao, Lakritzextrakte, Pflaumenextrakte, Sorbite, Wasser etc. (vgl. Internet 9)

„Kakao und Lakritze werden Zigaretten extra beigefügt. Dadurch sollen Raucher noch schneller und stärker abhängig werden. Lakritze dient dazu, den Zigaretten­konsum zu steigern, da es die Reizung der Schleimhäute mildert. Kakao-Extrakte weiten die Lungenoberfläche aus, was die Aufnahmefähigkeit für Nikotin erhöht. Magnesiumoxid wird verwendet, um den Rauch optisch zu verändern. Der Rauch ist heller und damit weniger stark sichtbar, was dann wieder die Passivraucher be­ruhigt.“

(vgl. Internet 10)

Seit langem herrscht der Verdacht, dass besonders die Gabe von Ammoniak den Rau­cher stärker süchtig machen und an die Zigarette binden soll.

1965 begann Philip Morris mit Ammoniakbeimischungen zu seinen Zigaretten: Die Ver­kaufszahlen stiegen in der Folge an.

(vgl. BZgA 2005a: 32)

Nicht nur die offiziell ,Menthol’ genannten Zigaretten enthalten Menthol: Durch seine küh­lenden Eigenschaften soll es das Rauchen weniger schmerzhaft machen, die gereizten Schleimhäute kühlen und wiederum tiefere Inhalationen ermöglichen. Daher wird es zahl­reichen Zigaretten zugesetzt.

(vgl. Internet 11)

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft erklärt auf seiner Internetseite (vgl. Internet 6):

„Zigaretten, Zigarren und Tabak enthalten oft weit mehr als ihre Raucherinnen und Raucher annehmen. Zusatzstoffe wie z. B. Kakao, Honig, scheinen Geschmack, Aroma und die Bioverfügbarkeit von Nikotin zu beeinflussen. Es ist vorstellbar, dass damit die Reizwirkung verringert und die Akzeptanz bei den Verbrauchern, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, erhöht wird.“

Wissenschaftler und Ärzte gehen von weiteren gesundheitlichen Gefährdungen durch die Zusatzstoffe aus. Bislang ist nicht abschließend geklärt, welche chemischen Verbindung­en die Stoffe während des Verbrennens eingehen und welche zusätzlichen Gefahren da­durch entstehen. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMELV) hat eine Kommission eingerichtet, die eine Prioritätenliste zu untersuchender Stoffe sowie ihre Untersuchungsvorgehensweise bestimmen soll.

(vgl. Internet 12)

Bislang haben die Untersuchungen selbst noch nicht begonnen und für Raucher ist bis­lang nicht absehbar, welche zusätzlichen toxischen, mutagenen oder karzinogenen Aus­wirkungen die Zusatzstoffe in ihrer Zigarette haben. Durch die Tabakproduktverordnung von 2003 sind die Tabakhersteller nun verpflichtet, verwendete Zusatzstoffe kenntlich zu machen:

Tabakproduktverordnung §5:

„(1) Hersteller und Einführer von Tabakerzeugnissen teilen der zuständigen Be­hörde nach den Vorgaben des Absatzes 3 Satz 1 in einer nach Markennamen und Art gegliederten Liste alle bei der Herstellung der einzelnen Tabakerzeugnisse verwendeten Zusatzstoffe einschließlich der Mengen in absteigender Reihenfolge ihres Gewichtsanteils mit. Bei Zigaretten ist zusätzlich der Teer-, Nikotin- und Koh­lenmonoxidgehalt im Rauch anzugeben.

(2) Der Liste nach Absatz 1 ist eine Erklärung beizufügen, in der die Gründe für die Hinzufügung der Zusatzstoffe zu den Tabakerzeugnissen erläutert werden. In ihr sind die Funktionen und die Kategorie dieser Zusatzstoffe anzugeben. Der Liste sind auch die toxikologischen Daten beizufügen, die dem Hersteller oder Einführer über diese Zusatzstoffe, einschließlich der Verbrennungsprodukte, vorliegen, ins­besondere hinsichtlich ihrer gesundheitlichen Auswirkungen und unter dem Ge­sichtspunkt süchtig machender Wirkung“.

(s. Internet 5)

Die Marke Marlboro (Marlboro 100’s Hard Pack) enthält nach der Verordnung folgende Zusatzstoffe:

Wasser, verschiedene Zucker, 1,2 Propylenglykol, Glycerin, Kakao und Kakaoprodukte, Lakritzextrakt (Pulver), Guarkernmehl, Johannisbrotkernmehl und/oder Extrakt, natürliche und künstliche Aromen.

(vgl. Internet 6)

Erklärungen über Auswirkungen und Suchtwirkung nach §5 (2) sind nicht angegeben.

4. Gesundheitliche Risiken durch Rauchen

4.1 Gesundheitsrisiken für Raucher

Definitionen:

Cervic: Hals, Nacken.

Pankreas: Bauchspeicheldrüse

Thrombus: Zu einer Thrombose führendes Blutgerinnsel, Mehrzahl Thromben

Einige der gesundheitlichen Schäden durch Rauchen habe ich in den jeweiligen Kapiteln der Schadstoffe Nikotin, Teer/Kondensat und Kohlenmonoxid beschrieben. Für die zahl­reichen weiteren Inhalts- und Zusatzstoffe sowie ihre Verbindungen entstehen jedoch weitere Risiken, für die zusammenfassend derzeit folgende gesundheitliche Risiken nachgewiesen werden konnten:

4.1.1 Krebs

Rauchen erhöht die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken.

Der Raucher atmet nicht nur etwa 40 nachgewiesen krebserregende (und zum Teil hoch­gradig krebserregende) Substanzen ein, sondern senkt durch ein verschlechtertes Im­munsystem zusätzlich den Anteil der sog. Killerzellen, die normalerweise entartete Zellen bekämpfen, bevor es zur Krebserkrankung kommt.

(vgl. Internet 9)

Den Weg des Rauches durch den Körper nennt man auch ,Rauchstraße’. Auf dieser Rauchstraße liegende Organe und Gewerbe werden durch Krebs besonders angegriffen. Die nachfolgende Tabelle verdeutlicht das relative Krebsrisiko und den Anteil an der Mor­talität (nach dem Weg der Rauchstraße sortiert).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: angelehnt an DHS 2003: 27)

Die Chance, nach einer Lungenkrebsdiagnose fünf Jahre zu überleben, liegt bei lediglich 10 Prozent.

(vgl. Internet 9)

4.1.2 Herzinfarkt

Durchblutungsstörungen und Gefäßverschlüsse, ansteigender Blutdruck und zuneh­mende Herztätigkeit erhöhen das Herzinfarktrisiko für Raucher.

Jeder fünfte Betroffene stirbt sofort an einem Herzinfarkt, von den zunächst Überleben­den stirbt jeder achte im Laufe des Folgejahres.

Ein sog. „Erstinfarkt“ tritt bei Rauchern im Durchschnitt 10 Jahre früher auf als bei Nicht­rauchern, und von Herzinfarkten vor dem 40. Lebensjahr sind fast ausschließlich Raucher betroffen.

(vgl. Internet 9)

„36 Prozent aller Herzinfarkte sind auf das Rauchen zurückzuführen. Weltweit durchge­führte Studien ergaben, dass das Rauchen eines der größten Herzinfarktrisiken darstellt, unabhängig von Region, Bevölkerungsgruppe, Geschlecht oder Alter.“

(s. Internet 13)

Raucherinnen, die mit der ,Pille’ verhüten, tragen ein bis zu zwanzigmal höheres Herz­infarktrisiko und sollten daher auf das Rauchen oder die hormonelle Verhütung verzich­ten.

(vgl. Internet 16)

4.1.3 Schlaganfall

Jährlich erleiden etwa 150 000 Deutsche einen Hirnschlag, auch ,Schlaganfall’ genannt. Schlaganfälle entstehen meist durch Verschlüsse der Gefäße, sog. Arteriosklerosen, wenn diese im Gehirn auftreten.

(vgl. Internet 9)

Neben Bluthochdruck und hohem Lebensalter ist Rauchen ein starkes Risiko für Schlag­anfälle, denn Arteriosklerose „tritt bei Rauchern etwa doppelt so häufig auf wie bei Nicht­rauchern“.

(vgl. Hess 1987: 77)

Insgesamt erhöht sich die Gefahr eines tödlichen Hirnschlages für Raucher um ein Vierfa­ches

(vgl. Internet 14).

Mit der ,Pille’ verhütende Raucherinnen haben sogar ein zehnfach erhöhtes Schlaganfall­risiko.

(s. Internet 9)

4.1.4 Durchblutungsstörungen

Tabakrauchen erhöht ebenfalls das Risiko von Durchblutungsstörungen, die neben Herz­infarkt und Schlaganfall auch zum Absterben von Gliedmaßen führen können.

[...]

Details

Seiten
133
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783869437293
ISBN (Buch)
9783656993346
Dateigröße
2.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v186397
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
1
Schlagworte
möglichkeiten suchtprävention sekundarstufe beispiel tabak

Autor

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Titel: Möglichkeiten der Suchtprävention in der Sekundarstufe I am Beispiel Tabak