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Sport ohne Grenzen

Merkmale, Formen und Ursachen des Extremsports

Diplomarbeit 2006 123 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

  • 1. Einleitung
  • 2. „Extremsport“ - Versuch einer definitorischen Erfassung
  • 2.1. Zum Sportbegriff
  • 2.1.1. Herkunft des Wortes „Sport“
  • 2.1.2. Definitionen von Sport
  • 2.2. Bisherige Deutungen und Abgrenzungsversuche des Begriffs „Extremsport“ in der Literatur
  • 2.3. Eigene Definition
  • 3. Extremsportarten: Ein Überblick
  • 3.1. Phänomenologie
  • 3.2. Risikosport
  • 3.2.1. Big Wave Surfing
  • 3.2.2. B.A.S.E.-Jumping
  • 3.2.3. Freiklettern/ Freeclimbing
  • 3.3. Extremer Belastungssport
  • 3.3.1. Abenteuerrennen/Adventure Racing
  • 3.3.2. Triathlon und Ultramarathon
  • 3.3.3. Distanzschwimmen
  • 4. Extremsport als Folge von gesellschaftlichem Struktur- und Wertewandel
  • 4.1. GesellschaftlicherWandel
  • 4.1.1. Der Ökonomische Aufschwung und seine Folgen
  • 4.1.2. Wertewandel: Von der Leistungsorientierung zur Freizeitorientierung
  • 4.1.3. Individualisierung
  • 4.1.4. Die Erlebnisgesellschaft
  • 4.1.5. Sport in der Gegenwartsgesellschaft
  • 4.2. Gesellschaftlicher Wandel und Extremsport
  • 4.2.1. Suche nach Spannung und Risiko
  • 4.2.2. Außergewöhnliche Körpererfahrungen
  • 4.2.3. Selbstermächtigung
  • 4.2.4. Distinktion und Prestige
  • 4.2.5. Sinn- und Heilssuche
  • 4.2.6. Kontrastive Naturabenteuer
  • 4.2.7. Gesellschaftsflucht und Nonkonformismus
  • 5. Subiektorientierte Theorien
  • 5.1. Risikoverhalten und Evolution
  • 5.2. Risikosportals Triebhandlung
  • 5.3. Reizsuche-Konzepte
  • 5.3.1. Das optimale Erregungsniveau
  • 5.3.2. Die Psychologie des „schützenden Rahmens“
  • 5.4. Identitätsstörungen, Traumata und Angstbewältigung
  • 5.5. Motivationen[47]
  • 5.5.1. Das Flow-Erlebnis
  • 5.5.2. Sinnsuche: Wagen in wachsenden Ringen
  • 5.5.3. Grenz- und Erlebnissuche
  • 6. Sucht. Lebensstil und jugendliches Risikoverhalten
  • 6.1. Suchtverhalten im Extremsport
  • 6.1.1. Sport als stoffungebundene Sucht
  • 6.1.2. Suchtim Risikosport
  • 6.1.3. Lauf- und Ausdauersucht
  • 6.2. Extremsport und Lebensstil
  • 6.3. Übergangsrituale, Initiationsriten und Mutproben
  • 7. Schlussfolgerungen
  • 7.1. Das Einflussfaktorenmodell
  • 7.2. Fazit und Ausblick
  • 8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

 

Wüstenmarathon in der Sahara... Surfen auf Wellen, die größer sind als mehrstöckige Häuser... Die höchsten Berge ohne technische Hilfsmittel erklimmen... Sich aus Tausenden von Metern aus Flugzeugen fallen lassen, um kurz vor dem tödlichen Aufprall den Fallschirm zu öffnen... Im Dschungel, in den Bergen oder auf dem Meer ums Überleben kämpfen... Mit Snowboard oder Skiern in Lawinengebieten durch Tiefschnee pflügen... Ohne Sauerstoffgerät immer länger und immer tiefer tauchen...

 

Der Sport heutzutage scheint keine Grenzen mehr zu kennen, bzw. werden seine Grenzen immer weiter verschoben. So kommt dem offiziellen Motto der Olympischen Spiele „Citius, Altius, Fortius“ vor dem Hintergrund der modernen Extremsportarten eine ganz neue Bedeutung zu. Leistungen im Extremsport setzen sich über jegliche Beschränkungen und Regeln hinweg. Noch nicht mal der Tod als die ultimative Grenze alles Seienden wird von den Sportlern gefürchtet. Unter immer extremeren Bedingungen wird Sport getrieben und dies in immer extremeren Raum- und Zeitrelationen.

 

Besonders in den letzten 10 Jahren hat sich Extremsport zu einem vielbeobachteten Phänomen entwickelt. Durch die Spektakularität der Aktivitäten hat die Unterhaltungsindustrie und Werbung den Extremsport für sich nutzbar gemacht. In Form von Berichterstattungen, Kinofilmen, Büchern oder Dokumentationen wird bereits seit Jahren der ,Flair des Abenteuerhaften’, der diesem Sport anhängt, lukrativ vermarktet. Und von wissenschaftlicher Seite gibt es mittlerweile einige Publikationen über die Gründe für das Ausüben von Extremsport. Darüber hinaus erfreuen sich viele Extremsportarten wachsenden Zulaufs und es macht den Eindruck, dass beinahe täglich eine neue Extremsportart erfunden wird.

 

Auch auf mich wirkten die Extremsportarten schon immer anziehend. Besonders die Extremität der Tat, die den Sportler von der Masse abhob und ihn zu einem verwegenen Rebellen gegen die Naturgesetze und gesellschaftlichen Normen machte, faszinierte mich dabei. Aus meinem Umfeld hörte ich dagegen oft, dass ,solche Leute’ nur lebensmüde Verrückte sein könnten. Um die Faszination des Extremsports zu ergründen, lag es nah meine Diplomarbeit über dieses Thema zu schreiben. Durch einen Job als SicherheitsSupervisor im Hochseilgarten, den ich seit einigen Monaten ausübe, konnte ich mich noch mal intensiver mit den Themen Risiko und Sicherheit auseinandersetzten. Zwar handelt es sich beim gesicherten Klettern in den Bäumen nicht um einen Extremsport, trotzdem wurden durch das Klettern in 12 Meter Höhe einige Theorien plausibel.

 

Da heutzutage sehr heterogene Verhaltensweisen unter dem Begriff „Extremsport“ verstanden werden, inklusive dem Extrembügeln (vgl. www.funsporting.de/Sports/crazv sports/Extreme Ironing/extreme ironing.html), möchte ich mich in den ersten Kapiteln der Frage widmen, was Extremsport ist. Zunächst soll dabei in Kapitel 2 geklärt werden, was unter dem Begriff „Sport“ im wissenschaftlichen Kontext verstanden wird. Danach werden bisherige Definitionsversuche des Extremsportbegriffs dargestellt, um anschließend eine eigene Definition vorzustellen. In Kapitel 3 möchte ich dann näher auf die Phänomenologie der verschiedenen Formen des Extremsports eingehen. Hierzu habe ich aus den beiden Extremsportkategorien „Risikosport“ und „extremer Belastungssport“, die aus der eigenen Definition hervorgehen, exemplarisch einige Sportarten ausgewählt. Um die Entstehung der Extremsportarten zu ergründen, beschäftigt sich Kapitel 4.1. mit dem gesellschaftlichen Wandel, der maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung dieser Handlungspraxen genommen hat. Kapitel 4.2. beleuchtet danach den Einfluss der Gesellschaft auf das Bedürfnis des Individuums Extremsport zu praktizieren. Ein Überblick über die bisherigen subjektorientierten Ansätze und Konzepte zur Erklärung von extremsportlichem Verhalten wird in Kapitel 5 gegeben. Hierbei wird insbesondere auf Risikoverhalten eingegangen. In Kapitel 6 werden dann die Aspekte Sucht, Lebensstil und Jugendliches Risikoverhalten in Verbindung mit Extremsport behandelt. Abschließend wird in Kapitel 7 ein Modell der Einflussfaktoren auf die Ausübung von Extremsport vorgestellt. Hierbei werden einige der in der Arbeit dargestellten Ursachenfaktoren, die aufdie Entscheidung und Motivation des Individuums, Extremsport auszuüben, Einfluss nehmen, in Beziehung zueinander gesetzt.

 

2. „Extremsport“ - Versuch einer definitorischen Erfassung

 

ln den letzten dreißig Jahren hat sich eine nahezu unüberschaubare Vielzahl an neuen Sportarten entwickelt, welche unter verschiedenen Oberbegriffen zusammengefasst wurden bzw. werden. Zu diesen Oberbegriffen zählen die Termini: Trendsport, Natursport, Funsport, Risikosport, Extremsport oder Abenteuersport, um nur einige zu nennen. Obwohl nun diese Begriffe vielfach Verwendung finden, sei es im Alltag oder in den Medien, wurde bisher selten versucht sie wissenschaftlich voneinander abzugrenzen, bzw. die jeweiligen Gemeinsamkeiten verschiedener neuer Sportarten herauszuarbeiten. So werden selbst in wissenschaftlichen Zusammenhängen, die Begriffe Extremsport, Funsport oder Risikosport oft synonym verwendet (vgl. Egner/ Kleinhans 2000: S.57). Diese begriffliche Unklarheit kann zum einen daher rühren, dass immer mehr Sportarten entstehen und selbst innerhalb der neuen Sportarten Differenzierungen stattfinden[1]. Zum anderen trägt die Definitionsproblematik des Begriffes „Sport“ selbst dazu bei. Insbesondere beim Begriff des Extremsports schließt sich zusätzlich die Uneindeutigkeit der Verwendung des Wortzusatzes „Extrem“ an. ,Extrem’ wird vom Duden mit den Wörtern ,äußerst (hoch, niedrig)’, ungewöhnlich’ und ,radikal’ umschrieben (vgl. Duden 2001, S.298), was jedoch nicht zur klaren Abgrenzung von Sportarten führt. ,Extrem’ kann sich dementsprechend auf sehr verschiedene Zusammenhänge im Sport beziehen. So kann die physische Leistung ebenso extrem sein, wie das Klima, in dem die Sportart getrieben wird, die Umweltverhältnisse oder aber die soziale, emotionale oder physische Belastung durch den Sport. Ferner reicht es vollkommen aus, dass die bisherige persönliche Leistung deutlich übertroffen wurde (oder die bereits bestehende Leistung anderer) um etwas als ,extreme Leistung’ zu kennzeichnen (vgl. Clausen 2003, S.17).

 

2.1. Zum Sportbegriff

 

2.1.1. Herkunft des Wortes „Sport“

 

Die Wurzeln des Wortes „Sport“ werden im Altlateinischen vermutet, und zwar in den Wörtern deportare’ und ,isportus’, welche soviel wie ,fortbringen’, ,wegtragen’, sowie ,ablenken’ und ,amüsieren’ bedeuten. Im 11. Jahrhundert soll es dann, als Lehnwort aus dem Französischen (desport: Entspannung, Ergötzung) in die englische Sprache übernommen worden sein, wo es dann die Bedeutung von Zeitvertreib’, ,Spiel’ und ,Vergnügen’ erhielt. Von England aus verbreitete es sich dann in die ganze Welt (vgl. Diem 1969, S.1 f.).

 

2.1.2. Definitionen von Sport

 

Eine der ältesten Definitionen des Sports im deutschen Sprachraum stammt von Robert Hessen (1908, S. 5. und S.78), der im Sport eine Teilkultur sieht, die helfe, kulturbedingte Gesundheitsschäden zu beseitigen. Er benennt drei gemeinsame Kennzeichen, die den verschiedenen Sportarten gemein seien: „Erstens wird jeder echte Sport an freier Luft um seiner selbst willen betrieben. Zweitens ist ihm eigentümlich das Streben nach Vervollkommnung, nach Beherrschung der betreffenden Technik. Drittens will er diese Technik auch erproben im Ringen um die Meisterschaft, im selbständigen und freien Antreten zum Wettspiel.“ (Hessen 1908, S.5).

 

Eine aktuellere Definition indessen stammt von Klaus Heinemann (1983, S.32). Er bestimmt den Sport anhand von vier konstitutiven Variablen:

 

1. Sport ist körperliche Bewegung,

2. Sport unterliegt dem Leistungsprinzip,

3. Sport ist durch soziale Normen geregelt,

4. Sport ist unproduktiv.

 

Da bisher keine einheitliche Sportdefinition gefunden wurde, stellt sich die Frage woran dies liegen kann. Dieter Voigt (1992, S.132) führt diese Problematik auf drei Sachverhalte zurück:

 

„1. Sport ist ein vielfältiger, sich ständig verändernder und auch durch Gegensätzlichkeit gekennzeichneter Teil unserer Gesellschaft.

2. Die gleiche Bewegung kann unter bestimmten Umständen Sport, unter anderen Bedingungen und Zielsetzungen dagegen etwas ganz anderes sein.

3. Jede Person, die Sport treibt, und die Zusammenschlüsse Einzelner (z.B.: Sporttreibende soziale Gruppen, Familie, Mannschaften), formen den Sport und geben ihm ein eigenes Gepräge.“

 

Insbesondere die Grenzziehung zwischen Sport, Spiel und Arbeit stellt sich aus wissenschaftlicher Sicht problematisch dar. So weist der Soziologe Detlef Grieswelle (1978, S.29f.) darauf hin, dass in der Literatur mehrfach die Kriterien Freiwilligkeit’ und ,Nicht-Arbeiť zur Abgrenzung des Sports herangezogen wurden. Diese Kriterien würden jedoch z.B. Profisport und Schulsport ausschließen[2]. Zumindest was die Trennung von Sport und Spiel betrifft, liefert Ronald Hitzler (1995, S.158) eine brauchbare Abgrenzung. Ihm zufolge wird ein Spiel dann zum Sport, wenn der Spieler die physische Ausführung seiner Spielzüge nicht an andere delegieren kann, ohne dabei seine Spielerfunktion aufzugeben.

 

Durch die Entwicklung verschiedener neuer Sportarten in den letzten Jahrzehnten hat sich das Sportverständnis erweitert. So erläutert Grupe (2000, S.32f.), dass die traditionelle, aufs Leistungsprinzip aufbauende Sportmoral ihr „sinnstiftendes und verhaltensbestimmendes Profil“ verloren habe. So wird immer unklarer und unverbindlicher, was unter Sport zu verstehen ist. Letztendlich scheint es nur die Intentionalität des Sporttreibenden selbst zu sein, die die Grundlage für eine Bestimmung des Sports bildet (vgl. Clausen 2003, S.18). Die folgende Definition von Voigt (1992, S.144) nähert sich am ehesten einer brauchbaren Definition des Sports:

 

„Sport verstehen wir als willentliche Selbstbewegung des menschlichen Körpers, die bedürfnisorientiert, freudebetont, körperzentriert, die Leistungsgrenzen verschiebend, von sportspezifischen Werten, Zielen, Normen und Sanktionen geleitet, mehr oder weniger am Leistungs- und Lustprinzip ausgerichtet, bewusst Schwierigkeiten schafft und deren Überwindung anstrebt.“

 

2.2. Bisherige Deutungen und Abgrenzungsversuche des Begriffs „Extremsport“ in der Literatur

 

Die Verwendung des Begriffs „Extremsport“ findet sich nicht nur in der Tagespresse, im Fernsehen oder in der Sportberichterstattung, sondern auch in wissenschaftlichen Arbeiten soziologischer, psychologischer oder theologischer Provenienz. Die Schwierigkeit einer einheitlichen Definition des Extremsports ist zum Teil auf die im vorangegangenen Kapitel dargestellte Unklarheit des Begriffs „Sport“ zurückzuführen. Um die Heterogenität und die Vielzahl der teils widersprüchlichen Merkmalsbestimmungen und Inhaltszuweisungen, bezogen auf den Begriff „Extremsport“, aufzuzeigen, werden im Folgenden die bedeutsamsten Ansätze vorgestellt.

 

Die Brockhaus-Enzyklopädie (Band 7 1998, S.40) definiert Extremsportarten folgendermaßen:

 

„Extremsportarten, außergewöhnlich!., z.T. risikoreiche sportl. Disziplinen, bei denen der Ausübende höchsten phys. und psych. Belastungen ausgesetzt ist.

 

Extrem bezieht sich dabei u.a.-je nach Sportart - auf folgenden Faktoren:

 

1) den für die Ausübung notwendigen Mut (z.B. Bungeejumping, Skysurfing);

2) die hohen techn. Anforderungen, bes. wegen Verzichts auf erleichternde Hilfsmittel (z.B. Freeclimbing);

3) die Konfrontation mit z.T. extremen Natur- und Witterungsbedingungen (z.B. Canyoning, Rafting);

4) das hohe Unfall- und Gesundheitsrisiko (z.B. Extrembergsteigen);

5) die enormen phys. Belastungen beim Zurücklegen von Ultralangstrecken (z.B. 100km- Lauf, Marathonschwimmen, Ironman-Triathlon).

 

(...) Der Übergang von E. zu -> Risikosportarten istfließend.“

 

In Band 18, S.421 werden Risikosportarten[3] definiert, wobei in keinerlei Weise klar wird, worin der Unterschied zu Extremsportarten besteht.

 

Hartmann (1998, S.68) führt in seinem Aufsatz „The Thrilling Fields“ 48 verschiedene Aktivitäten auf, die er als ,extreme Outdoor Activities’ bezeichnet. Um die einzelnen Betätigungen zu beschreiben, teilt er sie zunächst in die Gruppen:

 

1. Risikosportarten (z.B.Sky Surfing, B.A.S.E.-Jumping, Extreme Skiing),

2. Extreme Ausdauersportarten (z.B. Triathlon, Survival Training),

3. Funsportarten (z.B. Inline Skating, Mountain Biking, Bungee Jumping) und

4. Subkulturelle Aktivitäten (z.B.Graffiti Spraying, Gotcha Playing, Break Dancing).

 

Es handelt sich bei diesen Gruppen um Varianten desselben Grundphänomens, so Hartmann, die nach seiner Meinung folgende Gemeinsamkeiten aufweisen:

 

1. Vergleichbare Motivationsbasis: Suche nach

Thrill/Kick/Grenzüberschreitung,

2. wachsender Zulauf,

3. beträchtliche Reizvariation und Innovationsschübe,

4. steigende Schwierigkeits- und Perfektionsstandards,

5. verstärkte kommerzielle Verzahnung bestimmter Spielarten des Fun- und Extremsports.

 

Allmer (1998, S.62 ff.) charakterisiert Extrem- und Risikosport in seinem Text „’No risk -no fun’ - Zur psychologischen Erklärung von Extrem- und Risikosport“ mit fünf Kriterien:

 

1. Außerordentliche körperliche Strapazen,

2. Ungewohnte Körperlagen und -zustände,

3. Ungewisser Handlungsausgang,

4. Unvorhersehbare Situationsbedingungen,

5. Lebensgefährliche Aktionen.

 

Er merkt an, dass „zur Kennzeichnung der vielfältigen Extrem- und Risikosportaktivitäten unterschiedliche Gewichtungen anzunehmen“ sind.

 

Egner und Kleinhans (2000, S.58 ff.) zählen die „Extreme Sports“, neben den „Fun Sports“, „Thrill Sports“ und „Soul Sports“, zu den Trend- und Natursportarten.

 

Zentrales Merkmal der „Extreme Sports“ ist „das subjektive Erleben der körperlichen Grenzen aufgrund der Wahl der Sportstätten.“ Hingegen ist zentrales Merkmal der „Thrill Sports“ der Kick, der durch extreme Situationen ausgelöst wird. Durch die Kriterien Zentrales Merkmal’, ,Raumbezug’, ,Raumwirkung’, ,Training/Vorbereitung’ und ,Risiko’ versuchen die Autoren die vier Sporttypen voneinander abzugrenzen, räumen jedoch ein, dass es Überschneidungsbereiche der Sporttypen gibt, d.h. Handlungspraxen, die Kriterien aus zwei Sporttypen erfüllen.

 

Clausen (2003) nimmt eine interne Differenzierung des Begriffs „Extremsport“ vor. Dabei stellt er die drei Grundkategorien „X-tremsport“, „Extremvarianten konventioneller Sportarten“ und „Abenteuerhafter Extremsport“ auf, die er im Hinblick auf die Zielsetzung seiner Arbeit[4] ausformuliert hat. Clausen zufolge sind X-tremsports postmoderne Bewegungsformen, die sich durch ihren Inszenierungscharakter, ihre urbane Lokalisation und einen hohen materiellen und technischen Aufwand auszeichnen. In diesen Sportarten sind kaum spezifische Fähigkeiten des Akteurs erforderlich. Zentrales Motiv ist das des ,Taumels’, welches sich auf das Aufsuchen von Schwindelzuständen und rauschhaften Gemütszuständen bezieht. Beispiele für X-tremsport sind BungeeJumping, Zorbing oder Body Flying. Die ,Radikalisierung des Verhältnisses zu den physiologischen Grenzen des eigenen Körpers’ machen den Körper zu einer Quelle intensiver Sinneserfahrungen, jedoch mit einem vorgezeichneten Ablauf der Aktivität.

 

Die zweite Kategorie bei Clausen bilden die Extremvarianten konventioneller Sportarten. Der Unterschied der extremsportlichen Varianten zu den konventionellen ist ein gradueller. Diese Differenz kommt durch das Wirken der Faktoren Zeit, Distanz und/oder äußere Bedingungen zustande. So beanspruchen die extremsportlichen Aktivitäten den Akteur besonders durch extreme Dauer, extreme Distanzüberwindung oder extreme äußere Umstände (z.B. starker Seegang beim Wellenreiten). Insbesondere wird der ,Endlos- Extremsport’ hervorgehoben, wie z.B. stundenlanges Radfahren oder Laufen.

 

Dieser Kategorie ordnet Clausen das zentrale Motiv des ,Flows’[5] zu. Eine weitere Unterkategorie ist die der ,High-Risk-Varianten konventioneller Sportarten’. Bei diesen Handlungspraxen werden lebensgefährliche Aktivitäten, wie B.A.S.E.-Jumping oder Skysurfing ausgeführt. Da es hier weniger um Flow, sondern vielmehr um die existentielle Erfahrung als handlungsleitendes Motiv geht, ordnet Clausen diese Unterkategorie der dritten Kategorie des Abenteuerhaften Extremsports zu.

 

Mit der dritten Kategorie Abenteuerhafter Extremsport verbindet Clausen Extremsportformen, die sich aus dem ,Fundus klassischer Abenteuerunternehmungen[6] ableiten. Der Unterschied zu diesen liegt in der Intention der Unternehmung: „’Ich-Erkundung statt Welterkundung’ lautet der extremsportliche Aphorismus.“(Clausen 2003, S.41). Kennzeichnend für diese Art von Extremsport sind die körperlichen, intellektuellen und emotionalen Vorbereitungen im Vorfeld der Unternehmung, die Kenntnisse und Fähigkeiten der Extremsportler befinden sich auf einem hohen Niveau und die Dauer der Extremsportunternehmungen kann mehrere Tage bis Wochen dauern. Zentrales Motiv dieser Kategorie sind ,existentielle Erfahrungen’, die gesucht werden, bzw. die ,Sinn- und Heilsuche’.

 

Clausen weist darauf hin, dass seine Kategorisierung nicht eins zu eins in die Wirklichkeit transferiert werden kann, da die zentralen Motive nicht immer auf den Sportler der jeweiligen Kategorie zutreffen müssen (z.B. kann ein Extrembergsteiger [Abenteuerhafter Extremsport] auch Flow erleben, etc.).

 

2.3. Eigene Definition

 

Aus den vorangegangen Erklärungen des Begriffes „Extremsport“ wird ersichtlich, dass es sehr schwierig ist, eine passende Definition zu finden, die den Extremsport klar von anderen Sportarten abgrenzt. Die Definitionskriterien reichen von Motiv, Art der Bewegung, Risiko über Raumbezug oder Training und Vorbereitung. Um jedoch eine stringentere Benutzung des Begriffes in dieser Arbeit zu gewährleisten, soll im Folgenden eine eigene Definition vorgenommen werden.

 

Zunächst soll Sport, in Anlehnung an die Definition von Voigt (1992, S.144), als eine willentliche Selbstbewegung des Körpers bestimmt werden, die mehr oder weniger am Leistungs- und Lustprinzip ausgerichtet ist und bei der Leistungsgrenzen verschoben werden. Um nun eine eigene Definition des Extremsportbegriffs zu entwickeln, habe ich entschieden Extremsport durch die Kriterien[7] ,extreme körperliche Belastung’ und ,erhöhte Lebensgefahr’ von anderen Sportarten abzugrenzen, sowie innerhalb der Extremsportarten eine Unterteilung in zwei Gruppen mit Hilfe dieser Kriterien vorzunehmen. In Anlehnung an Clausen und Egner/ Kleinhans, möchte ich den Extremsport folgendermaßen definieren:

 

Zum Extremsport sind alle extremen Varianten konventioneller Sportarten 1) zu zählen, die sich durch die Faktoren außergewöhnliche Dauer, außergewöhnliche Distanzüberwindung und/oder außergewöhnliche äußere Bedingungen von konventionellen Sportarten abgrenzen 2).

 

Das Vorhandensein eines oder mehrerer dieser Faktoren muss entweder mit erhöhter Lebensgefahr oder extremer körperlicher Belastung bzw. beiden Aspekten einhergehen, um die Aktivität a/s Extremsport bezeichnen zu können. Im Übrigen muss es sich bei Extremsport um einen Handlungs vollzug handeln, der aktiv3) vom Sporttreibenden ausgeführt: wird.

 

1) Konventionelle Sportarten’ meint traditionelle Sportarten wie: Laufen, Schwimmen, Radfahren, Bergsteigen, Tauchen, Klettern, Kajak, Fallschirmspringen oder Skifahren[8] (vgl. Clausen 2003, S.35).

2) Auch die Aneinanderreihung von konventionellen Sportarten, wie beim Triathlon oder bei Abenteuerrennen, ist zum Extremsport zu zählen, wenn sie die anderen Punkte erfüllt.

3) Mit, aktiv’ soll hier gemeint sein, dass der Sportier entweder aktiv auf die Überwindung der erhöhten Lebensgefahr während der Aktivität bzw. auf die körperlichen Belastungen Einfluss nehmen kann.

 

 

Abbildung 1: Kriterien für Extremsport

 

Durch die Aspekte ,erhöhte Lebensgefahr’ und ,extreme körperliche Belastungen’ sind die extremsportlichen Aktivitäten auch nach innen hin differenzierbar. Extremsportarten mit erhöhter Lebensgefahr werde ich im Weiteren ,Risikosport’ nennen. Extremsportarten, die extreme körperliche Belastungen hervorrufen, sollen als ,Extremer Belastungssport’ bezeichnet werden. Natürlich gibt es Extremsportarten, wie z.B. Extrembergsteigen, die beide Aspekte beinhalten (siehe Schnittmenge in Abbildung 1.).

 

Risikosport:

 

Zu dieser Unterkategorie sind alle Varianten konventioneller Sportarten zu zählen, die durch die Faktoren außergewöhnliche Dauer, außergewöhnliche Distanzüberwindung und/oder außergewöhnliche äußere Bedingungen zu einem erhöhten Lebensrisiko für die Sportler führen. Risikosport ist nicht Risikosport, weil das Aufsuchen von Risiken das Hauptmotiv der Akteure darstellt, sondern weil im Vollzug des Sports Risiken eingegangen werden, die zu erhöhter Lebensgefahr führen. Man kann grundlegend zwischen zwei Arten von Risiken unterscheiden (vgl. Opaschowski 2000, S.88ff.):

 

Objektive Risiken[9] Risiken, die durch unvorhersehbare Naturereignisse verursacht werden, wie z.B.: Stürme, Steinschläge, Lawinen etc.. Es ist möglich sich auf diese Risiken vorab einzustellen.

 

Subjektive Risiken: Risiken, die durch subjektive Fehleinschätzungen der eigenen Fähigkeiten entstehen.

 

Die erhöhte Lebensgefahr im Risikosport entsteht aufgrund der ersten Art von Risiken.

 

Extremer Belastungssport:

 

Zu dieser Unterkategorie sind alle Varianten konventioneller Sportarten zu zählen, die durch die Faktoren außergewöhnliche Dauer, außergewöhnliche Distanzüberwindung und/oder außergewöhnliche äußere Bedingungen zu extremen körperlichen Belastungen für die Sportler führen. Die äußeren Umstände, wie z.B. klimatische Bedingungen, sowie extreme Dauer bzw. Distanz in Verbindung mit dem Willen, nicht aufzugeben, bringen die Sportler an die äußersten Belastungsgrenzen des Körpers. Überschreitet ein Sportler diese Grenzen, besteht die Gefahr des vollkommnen körperlichen Zusammenbruchs, durch Herz-Kreislaufstörungen, Dehydration etc..

 

3. Extremsportarten: Ein Überblick

 

3.1. Phänomenologie

 

Verbreitung: Da Extremsportarten größtenteils außerhalb von Vereinen und Verbänden praktiziert werden, liegen keine Informationen über die Gesamtzahl der Ausübenden vor. Darüber hinaus handelt es sich bei Extremsport um eine Anzahl an Sportarten, die je nach Definition des Extremsportbegriffs variiert. Dies erschwert eine Bestimmung der Gesamtheit der Extremsportler. Des Weiteren ist festzustellen, dass Extremsportler oft mehrere Extremsportarten ausüben (vgl. Örley 2004, S.109; Rupe 2000, S.33f.; Tomlinson 1997, S.7). Zielländer für Extremsportler in Europa sind vorzugsweise Österreich, Schweiz, Italien, Frankreich und Spanien. Weltweit liegen Länder wie Australien, Neuseeland und verschiedene Gebiete Afrikas und Südamerikas im Trend. Viele neue Fun- und Extremsportarten werden zudem in Neuseeland ,erfunden’, welches als das „Geburtsland“ des Bungeejumpings gilt (vgl. Rupe 2000, S.55).

 

Events: Über die Jahre sind in einigen Extremsportarten eigene ExtremWettkämpfe und Rennen der verschiedensten Schwierigkeitsgrade entstanden. Als Alternative zu den Olympischen Spielen finden z.B. jährlich in Kalifornien die ,X-Games’ statt, bei denen Sportarten wie BMX, Barfuß-Wasserski, Skateboarding, Inline-Skating sowie Sky Surfing vertreten sind. Im Bereich des extremen Belastungssports ist vor allem der Ironman Wettbewerb auf Hawaii bekannt.

 

Mediale Resonanz: Extremsportarten sind seit einigen Jahren verstärkt in den Medien präsent. Im Fernsehen wird Extremsport vermehrt in Form von Berichten über Extremsportler, Entertainment-Shows mit Extremsportelementen (z.B. „Fear Factor“ 2004 bei RTL) und Extremsport Übertragungen (z.B. „Yoz“, Fun- und Extremsport Magazin bei Eurosport) thematisiert. In Amerika gibt es sogar bereits einen Extremsport Fernsehkanal (vgl. Extreme Sports Channel/ www.extreme.com ). Filme mit Extremsportszenen (z.B. „xXx- Triple X“ 2002) bzw. Dokumentationen über Extremsport (z.B. „Riding Giants“ 2004, Film übers Big Wave Surfing) können immer häufiger im Kino betrachtet werden. Darüber hinaus gibt es in den letzten Jahren einen großen Markt für ,Erlebnisliteratur’ (vgl. Opaschowski 2000, S.125). Besonders die Bücher von Extremsportlern, die über ihr extremes Tun berichten, finden dabei Absatz. Einer der ersten war wohl der Extrembergsteiger Reinhold Messner, von dem mittlerweile über 60 Titel bei Amazon.de erhältlich sind (vgl. www.amazon.de).

 

Obwohl jedoch eine steigende Anzahl von Sportzeitschriften in den Bahnhofsbuchhandlungen feststellbar ist, gibt es bisher kaum Magazine, die nur auf Extremsport spezialisiert sind. Die Zeitungen beziehen sich vorwiegend auf die ,normalen’ Varianten der Sportart[10], und berichten nur am Rande über die Extremformen der jeweiligen Sportart.

 

Im Internet dagegen ,boomt’ der Extremsport. Auf vielerlei Seiten kann man selbst gedrehte Videos ansehen, in Foren diskutieren, Kleidung und Equipment online kaufen oder sich über die neuesten Events informieren. Die bloße Eingabe des Begriffs ,Extremsport’ bei Google ergibt über 2.200.000 Treffer. Der Begriff ,extreme sports’ erreicht sogar 82.000.000 Treffer (vgl. www.google.de ).

 

Unfälle:

 

Für das Jahr 1989 wurde von Boldrino die Zahl von 1200-2500 Extremsportunfällen in Österreich ermittelt. Dies entspricht in etwa einem Wert von 1-2% aller Sportunfälle in diesem Jahr (vgl. Bartl 2000, S.215). Das Verletzungsrisiko beträgt nach Boldrino beim Drachenfliegen 1,7-2,8%, beim Fallschirmspringen 2,0-2,5% und beim Felsklettern 0,1-0,3%. Im Gegensatz dazu lag das Verletzungsrisiko für Fußball bei 4,1%. Es ist jedoch zu betonen, dass bei diesen Ergebnissen nicht die Verletzungsschwere miteinbezogen wurde (vgl. Bartl 2000, S.215).

 

Das relative hohe Risiko eines Unfalltodes bei Sportarten wie Luftsport, Radsport, Motorsport, Kanufahren und Sporttauchen lässt vermuten, dass es sich im Fall von Paragliding, Montainbiking und Freeclimbing ähnlich verhält (vgl. Rittner 2001, S.230). Aufmuth führt an, dass fast die Hälfte der Extrembergsteiger beim Ausüben des Sports ums Leben kommt (vgl. Aufmuth 1996, S.122).

 

Die häufigsten Ursachen für Unfälle beim ,normalen’ Sport sind ungenügendes Training, mangelndes Gefahrenbewusstsein und geringe oder fehlende Eigenverantwortung (vgl. Opaschowski 1996, S.34). Eine Analyse der Unfälle von Paraglidern von 1997 zeigte, dass bei allen Unfällen, die durch Wetterbedingungen verursacht wurden, ein Flugwetterbericht voraus ging, der einen Gefahrenhinweis enthielt. Eine andere Studie über Paraglider von 1993, kam zu dem Ergebnis, dass die häufigste Unfallursache ein Fehler des Piloten war (vgl. Bart. 2000, S.215). Es ist also anzunehmen, dass besonders die Sorglosigkeit oder Unerfahrenheit der Piloten im Umgang mit Gefahren zu Unfällen führt. Da bei Risikosportarten eine physikalisch-technische[11] Risikostruktur besteht, können schon in anderen Sportarten harmlose Fehler fatale Folgen haben (vgl. Rittner 2001, S.230).

 

Extremsportlerprofil: Extremsportler sind fast ausschließlich Angehörige der so genannten westlichen Welt, die durch materiellen Wohlstand und hohen Lebensstandard gekennzeichnet ist (vgl. Semler 1994, S.82). Die Ergebnisse vom Jahr-Verlag (1999) in Bezug auf Abenteuersportler (vgl. Rupe 2000, S.51 ff.) zeigen, dass weit mehr Männer als Frauen, vorwiegend Freiberufler, Selbstständige, leitende Angestellte oder Beamte, sowie meist Menschen mit hohem gesellschaftlich-wirtschaftlichem Status und mittleren Alters (zwischen 15 und 40) diese Sportarten praktizieren[12]. Semler beschreibt den typischen Risikosucher als „relativ jung, männlichen Geschlechts und der mittleren Einkommensschicht zugehörig“ (Semler 1994, S.25).

 

Im Folgenden werden einige Extremsportarten vorgestellt, ihre Entwicklungsgeschichte und ihre Verbreitung, soweit möglich, skizziert und die sportartspezifischen Risiken und Belastungen angeführt. Aus Platzgründen habe ich mich auf sieben Sportarten beschränkt, die das Spektrum der Extremsportarten zu Wasser, zu Lande und in der Luft abdecken und zu den klassischen Extremsportarten zu zählen sind. Darüber hinaus lagen zu den gewählten Extremsportarten die meisten Informationen vor. Die Extremsportarten sind meiner Definition entsprechend in die zwei Unterkategorien ,Risikosporť und ,extremer Belastungssport’ unterteilt, obwohl einige Extremsportarten beide Kriterien (erhöhte Lebensgefahr/ extreme körperliche Belastungen) erfüllen.

 

3.2. Risikosport

 

3.2.1. Big Wave Surfing

 

Das so genannte ‘Big Wave Surfing’ entwickelte sich aus der ,Wellenreiterkultur’ der 50er-Jahre auf Hawaii. Surfen bzw. Wellenreiten geht in seinen Ursprüngen auf die Bewohner der polynesischen Inseln und Hawaii zurück, die bereits im 18[13] Jahrhundert das Surfen aufzugeschnittenen Holzbrettern praktizierten (vgl. Tomlinson 1997, S.177). Mit dem Hawaiianer Duke Kahanamoku wurde das Surfen Anfang des 20. Jahrhunderts populärer und in den 1950er-Jahren entwickelte sich in Amerika und Australien eine eigene Surfkultur. (vgl. ebenda, Booth 1999, S.316f. und http://www.snownwater.de/surfgeschichte.html ). Die ersten Surfer, die Big Wave Surfing betrieben, kamen Anfang der 1950er-Jahre auf die Hawaiianische Insel Oahu zum Surfspot[14] Makaha an der Westküste. Die Verwendung von leichtem Balsaholz und Finnen am unteren Teil des Surfbretts ermöglichte den Surfern 7 bis 8 Meter hohe Wellen zu ,reiten’ (vgl. Grigg 1999, S. 6). Durch eine fortlaufende Weiterentwicklung der Surfbretter konnte die Manövrierbarkeit immer weiter verbessert werden, so dass heutzutage über 15 Meter hohe Wellen gesurft werden können. Das sog. ,Tow- in-Surfen’[15] ermöglicht darüber hinaus das Befahren von Wellen, die nicht direkt an der Küste brechen bzw. zu groß sind um ,hineinzupaddeln’ (vgl. Tomlinson 1997, S. 180). Die Surfspots, an denen bisher die höchsten Wellen befahren wurden, befinden sich vor den Küsten von Hawaii, vor der Amerikanischen Westküste und vor der Australischen Südküste (vgl. Long 1999).

 

Das erhöhte Lebensrisiko besteht bei dieser Extremsportart darin, dass die extrem hohen Wellen den Surfer bei einem ,Wipe-out’ (Sturz vom Brett) für mehrere Minuten unter Wasser halten und ihn gegen scharfkantige Felsen oder Riffe werfen können (vgl. Tomlinson 1999, S.187 ff.). Die geschätzte Zahl der ,Tow-in-Surfer’ beläuft sich weltweit auf ca. 1544, davon sind 22 Frauen. Das durchschnittliche Alter der Surfer liegt bei 31 Jahren. Bisher ist im Bereich des Tow-in-Surfens kein Todesfall erfasst worden, jedoch kommen schwere Verletzungen häufig vor (vgl. http://www.towsurfer.com/about.asp).

 

Seit einigen Jahren werden auch Big Wave Surfwettbewerbe veranstaltet, wie z.B. die ,XXL Big Wave Awards Global’ oder das ,Red Bull 5X North Shore Tow Event’ auf Hawaii (vgl. ebenda).

 

3.2.2. B.A.S.E.-Jumping

 

B.A.S.E.-Jumping bezeichnet das Fallschirmspringen von festen Objekten. Der Begriff B.A.S.E. bezieht sich dabei auf die Objekte, von denen gesprungen wird. So setzt sich der Begriff aus den Anfangsbuchstaben der englischen Wörter ,Building’ (Gebäude), ,Antenna Tower’ (Funkturm), ,Span’ (Brücke) und ,Earth’ (Erde = Felsen/ Klippen) zusammen. Erste fallschirmähnliche Geräte wurden bereits im 12. Jahrhundert in China entwickelt. Das moderne Fallschirmspringen entwickelte sich jedoch erst ab 1948 (vgl. Tomlinson 1997, S.41). Als der Beginn des B.A.S.E.-Jumping wird der legendäre Sprung eines Fallschirmspringers von einer 915 Meter hohen Felswand im Yosemite- Nationalpark (USA) im Jahre 1978 gesehen (vgl. ebenda, S.12). B.A.S.E.- Jumper die Sprünge in allen vier Kategorien, Building, Antenna Tower, Span und Earth, absolviert haben, bekommen vom amerikanischen B.A.S.E.-Verband eine offizielle B.A.S.E.-Nummer. Derzeit gibt es über 1082 Springer mit offizieller B.A.S.E.- Nummer (vgl. Internetquellen: Blinc Magazine). Obwohl mittlerweile strafbar, beträgt allein in den U.S.A. die Zahl der B.A.S.E.-Jumper über 4000 (vgl. Tomlinson 1997, S.12).

 

Die Hauptgefahr beim B.A.S.E.-Jumping ergibt sich aus der niedrigen Absprunghöhe, die oft wenige 100 Meter beträgt. So bleiben dem Springer nur wenige Sekunden Zeit seinen Fallschirm zu öffnen und aufgrund der kurzen Fallstrecke kann der Springer in den meisten Fällen keinen Reservefallschirm benutzen. Eine weitere Gefahr besteht darin, dass sich die Fangleinen des Fallschirms verheddern oder an Objekten verfangen können, insbesondere bei Funktürmen und Sendemasten. Die meisten B.A.S.E.-Jumper sind erfahrene Fallschirmspringer, die vor dem ersten B.A.S.E. Sprung mindestens 100 Fallschirmsprünge absolviert haben (vgl. ebenda). Trotzdem wurden weltweit bisher, vom 11. April 1981 bis zum 26. Juni 2006, 100 Sprünge mit Todesfolge registriert

 

(vgl. http://hometown.aol.com/base194/mvhomepage/base fatality list ).

 

3.2.3. Freiklettern/ Freeclimbing

 

Unter dem Begriffen ,Freiklettern’, ,freies Klettern’ bzw. ,Freeclimbing’ wird das Klettern an Felsen verstanden, wobei „lediglich die von der natürlichen Struktur der Kletterfläche gegebenen Haltepunkte zur Überwindung der Schwerkraft benutzt werden“ dürfen (vgl. Boecker 2004, S.15). Beim Freiklettern dürfen zur Sicherung vor Stürzen Sicherungsseile und Hacken benutzt werden, jedoch dürfen diese dem Kletterer nicht als Hilfsmittel zur Fortbewegung dienen, da ansonsten vom künstlichen Klettern bzw. Bergsteigen gesprochen werden kann. Beim sog. ,Free-Solo-Climbing’ hingegen wird auch auf die Sicherungsseile und Hacken verzichtet (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Freiklettern). Die Begriffe , Freiklettern’ und ,Sportklettern’ werden in den Medien und im allgemeinen Sprachgebrauch oft synonym verwendet. Jedoch umfasst das Sportklettern, im Gegensatz zum Freeclimbing, nicht nur das Klettern in alpinen und außeralpinen Gebirgen, sondern auch in Klettergärten und an künstlichen Wandkonstruktionen (vgl. Boecker 2004, S.15).

 

Das Freiklettern entwickelte sich aus dem traditionellen Bergsteigen, welches seit Ende des 19.Jahrhunderts auch aus sportlichen Motiven betrieben wurde (vgl. Stückl/Sojer 1996, S.9). Die Anfänge des Freikletterns gehen auf erste Klettertouren ohne technische Hilfsmittel in der sächsischen Schweiz um 1910 zurück. Einige Zeit später kam der Sport dann durch den deutschen Auswanderer Fritz Wießner nach Amerika, wo er später in den 1960er-Jahren durch die Kletterszene im Yosemite Valley[16] populärer wurde (vgl. Boecker 2004, S12; Hitzler/ Bucher/ Niederbacher 2001, S. 191). In den Siebzigern brachten Kletterer, die auch in den U.S.A. geklettert hatten, das Freiklettern - ab dann auch ,Freeclimbing’ genannt - wieder zurück nach Europa (vgl. ebenda). Freiklettern hat sich seitdem zu einer enorm leistungsbezogenen Sportart entwickelt, in der mittlerweile auch internationale Wettkämpfe ausgetragen werden (vgl. http://www.sportunterricht.ch/IF/freeclimb.html und Boecker 2004). Derzeit existieren in der ganzen Welt verschiedene Bewertungsskalen. Die populärste Bewertungsskala ist die UIAA[17]. Seit 1991 reicht die Schwierigkeitsskala vom Grad I. bis Grad XI.[18]. Nach Aussagen des Deutschen Alpenvereins (DAV) klettern in Europa über 2 Millionen Menschen, davon allein in Deutschland ca. 200 000 (vgl. Internetquellen: Deutscher Alpenverein) Jedoch beziehen sich diese Zahlen auf Sportkletterer und nicht im speziellen auf Freikletterer.

 

3.3. Extremer Belastungssport

 

3.3.1. Abenteuerrennen/Adventure Racing

 

Ableiten lässt sich diese Sportart am ehesten vom sog. Survival Training, bei dem der Sportler versucht, in der Wildnis mit geringster technischer Ausrüstung zu ,überleben’. Im Gegensatz zu anderen Sportarten findet das Adventure Racing nur in Form von eventisierten Rennen statt. Bei dieser Art von Veranstaltungen handelt es sich um Mehrtagesrennen, an denen Teams von drei bis fünf Personen gegeneinander antreten. Ziel ist es, eine meistens wilde Naturlandschaft so schnell wie möglich zu durchqueren um als komplettes Team den Endpunkt der Strecke zu erreichen. Es sind jedoch keine motorisierten Fortbewegungsmittel erlaubt. Unterschiedliche Sportarten (u.a. auch Extremsportarten), wie Mountainbike fahren (Mountainbiking), Wandern (Trekking), Abseilen (Rope Skills), Kanu/ Wildwasser fahren (Paddling), Freiklettern (Climbing), werden genutzt, um die von 300 bis 800 Kilometer reichenden Distanzen zu bewältigen (vgl. Caldwell/ Siff 2001, S. 7f. und http://www.natventure.com/7Wettbewerbe). Die Teilnehmer dieser Rennen brauchen zudem eine außergewöhnlich gute Kondition, einen guten Orientierungssinn sowie Teamgeist und Durchhaltevermögen. Die Teams bekommen zwar an den Checkpoints[19] Verpflegung, Equipment und Erste Hilfe, müssen jedoch ihre Route und ihr Schlafpensum selbst bestimmen (vgl. Bell 2003).

 

Das erste offizielle Abenteuerrennen dieser Art wurde unter dem Namen ,Raid Gauloises Adventure Racing’ in Neuseeland ausgetragen. Der Franzose Gerard Fusil erfand das Raid Gauloises mit der Vision „...to combine a myriad of nonmotorized modes of travel with an exploration of some of the most remote and beautiful lands in the world.”(Caldwell/ Siff 2001, S.8). Es wird seit 1989 jährlich veranstaltet, jedes Jahr in einem anderen Land[20], und dauert zehn Tage. Das Raid Gauloises ist nicht nur wegen der starken körperlichen und mentalen Belastungen extrem anstrengend, auch die klimatischen Bedingungen und die unbekannte Naturlandschaft der verschiedenen Länder wirken als zusätzliche Belastung auf die Teilnehmer[21].

 

Weitere bekannte Abenteuerrennen sind das ,Southern Traverse’, das seit 1991 in Neuseeland stattfindet sowie das ,Eco-Challenge’, das seit 1995 in verschiedenen Ländern ausgetragen wird (vgl. Bell 2003). Durch enge Zusammenarbeit des Eco-Challenge-Organisators Mark Burnett mit den amerikanischen Medien konnte das ,Multisport-Rennen’ besonders im amerikanischen Raum an Popularität gewinnen. Millionen von Menschen sehen sich jährlich die Übertragungen dieses Extremsportevents im Fernsehen an (vgl. Caldwell/ Siff 2001, S.9). Seit 1997 gibt es auch Abenteuerrennen, wie die „Hi-Tec Adventure Racing Series“, die in kürzerer Zeit bewältigt werden können. So kann man in den USA mittlerweile an fast jedem Wochenende vom späten Frühling bis frühen Herbst an einem Ein- bis Zwei-Tage-Rennen teilnehmen (vgl. ebenda, S.10).

 

Die Rallye Dakar wird zwar nicht als Abenteuerrennen im obigen Sinne bezeichnet, aber sie kann doch als Extremsport, im Sinne von Risikosport, verstanden werden. Bei der seit 1979 stattfindenden Wüstenrallye wird per Auto, Motorrad und Lkw eine Strecke von ca. 8500 km größtenteils durch Wüstengebiet zurückgelegt (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Rallye Dakar). Bisher gab es bei dem Rennen 44 Todesfälle (vgl. http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/2/0,1872.2247682.00.html ).

 

3.3.2. Triathlon und Ultramarathon

 

Erste Koppelungen der drei Sportarten Schwimmen, Laufen und Radfahren fanden bereits 1920 in Frankreich statt, wo der Sport als ,Hobby-Event’ unter der Bezeichnung ,Les trois sports’ ausgeübt wurde (vgl. Internet: http://de.wikipedia.org/wiki/Triathlon). Die ,Erfindung’ des Begriffs Triathlon geht auf den Amerikaner Jack Johnstone zurück. Dieser veranstaltete den ersten ,Mission Bay Triathlon’ Wettbewerb 1974 in San Diego (vgl. Ketterer/ Krauß 2001, S.12). Der erste Triathlon bestand aus einer sechs Meilen (9,65 km) Laufstrecke, einer fünf Meilen (8,04 km) Radrennstrecke und einer 500 Yards (455 m) Schwimmstrecke (vgl. ebenda). Basierend auf der Idee des Marineoffiziers John Collins, die drei großen sportlichen Wettkämpfe Hawaiis (,Waikiki Rough Water Swim’, ,Around-Oahu Bicycle Race’, ,Honolulu-Marathon’) miteinander zu kombinieren, wurde 1978 der erste Ironman-Triathlon auf Hawaii veranstaltet (vgl. Ruyter, 1990, S.13).

 

Bis heute besteht der Ironman-Wettbewerb aus einer Schwimmstrecke von 3,9 km, einer Radrennstrecke von 180 km und der Marathondistanz von 42,195 km. Durch die extremen klimatischen Bedingungen wie hohe Luftfeuchtigkeit, Hitze und Wind gilt der Ironman Hawaii Wettbewerb als besonders ,hart’ (vgl. Tomlinson 1997). Durch die Kürzung der Langdistanz (Ironman-Distanz) wurde es auch der ,breiten Masse’ möglich an Triathlonwettbewerben teilzunehmen (vgl. Klaeren 2002, S.16). So ist die Kurzdistanz (1,5 km Schwimmen, 40 km Rad fahren, 10 km Laufen) seit 2000 eine olympische Disziplin (vgl. ebenda, S.10). Wobei die Kurz- und Mitteldistanz (2 km Schwimmen, 80 km Rad fahren, 20 km Laufen) wohl noch nicht zum Extremsport gezählt werden können.

 

Im Laufe der Jahre sind Veranstaltungen wie der ,Ironman’ auf Hawaii weiter ,extremisiert’ worden. So gibt es mittlerweile 2fache-, 3fache-, 4fache-, 5fache-, 10fache, 15fache und 20fache -Langdistanz Triathlonwettbewerbe (vgl. Neumann/ Pfützner/ Hottenrott 2004, S.19). Beim ,Ultraman’ dagegen werden die drei Disziplinen „verschiedenartig durcheinandergemischt“, so dass die Athleten insgesamt 10 km schwimmen, 421 km Rad fahren und 84 km laufen (vgl. Ketterer/ Krauß).

 

Ein weiterer extremer Belastungssport ist der Ultramarathon. Zum Ultramarathon zählen Laufstrecken, die länger sind als die normale Marathondistanz von 42,195 km (vgl. Sonntag 1985, S.11). Die Anzahl der Marathons und Ultramarathons unter besonderen klimatischen Bedingungen bzw. in besonders unwegsamen Gegenden nimmt immer mehr zu. So findet man auf der Internetseite www.laufspass.com eine Auswahl von 45 Marathons bzw. Ultramarathons, die vom Wüstenmarathon in der Sahara[22], über den Ultramarathon im Death Valley[23], bis hin zum Nordpolmarathon reichen (vgl. http://www.laufspass.com/abenteuerlaeufe.htm ).

 

3.3.3. Distanzschwimmen

 

Das Distanzschwimmen kann zum Extremsport gezählt werden, da diese Sportart je nach äußeren Bedingungen und Streckenlängen zu extremen körperlichen Belastungen führt. Mit Distanzschwimmen ist das Schwimmen[24] in offenen Gewässern bzw. Kanälen gemeint, bei dem Strecken ab 5 km bis hin zu 80 km bewältigt werden. Die Schwimmer verzichten dabei auf das Tragen von Kälteschutzanzügen (vgl.Tomlinson 1997, S. 149). Je nachdem welches Gewässer in Angriff genommen wird, müssen sich die Distanzschwimmer auf die jeweiligen Gefahrenquellen des Gewässers einstellen. Hierzu zählen Unterkühlung[25], Strömungsverhältnisse und Seegang oder Gefahren durch Meerestiere, wie Haie oder Quallen (vgl. ebenda, S.149). Die Schwimmer arbeiten immer mit Betreuern zusammen, die sie mit einem Boot begleiten. Die Aufgabe der Betreuer ist es, die Schwimmer auf Gefahren wie Schiffe auf der Schwimmstrecke, Quallen etc. hinzuweisen, ihnen Verpflegung zu reichen, sie mental aufzubauen oder, wenn nötig, aus dem Wasser zu holen (vgl. ebenda).

 

Wettkämpfe finden beim Distanzschwimmen in offenen Gewässern auf Strecken zwischen 1 und 40 Kilometern statt. Andere Events, wie z.B. das ,24- Stunden-Schwimmen’, werden dagegen auch in Freibädern veranstaltet (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Langstreckenschwimmen).

 

Bestes Beispiel für das Distanzschwimmen ist das sog. Kanalschwimmen[26], bei dem Schwimmer den Ärmelkanal von Dover (England) nach Calais (Frankreich) oder umgekehrt durchschwimmen (siehe Abbildung 3). Der erste Schwimmer, der die 32,31 km lange Strecke durchschwamm, war der englische Kapitän Matthew Webb im Jahre 1875. Da er jedoch Seegang und Strömung falsch berechnete, legte er tatsächlich über 70 km zurück (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Kanalschwimmen). Seitdem versuchen jährlich ca. 100 Menschen den Kanal zu durchschwimmen, wobei bisher insgesamt 600 erfolgreich waren (vgl. ebenda).

 

4. Extremsport als Folge von gesellschaftlichem Struktur- und Wertewandel

 

ln den letzten Jahrzehnten hat sich unsere Gesellschaft tiefgreifend verändert. Nicht nur äußere Bedingungen wie die Veränderungen im Verhältnis von Freizeit und Arbeitszeit, zunehmender Wohlstand oder die Technisierung der Lebenswelt haben dabei diesen Wandel beeinflusst, sondern auch Veränderungen in der Sozialstruktur der Gesellschaft sowie ein parallel dazu verlaufender Wertewandel.

 

Im Folgenden werde ich den Versuch unternehmen diese Wandlungsprozesse zu skizzieren und ihren Einfluss auf den zeitgenössischen Sport darstellen.

 

4.1. GesellschaftlicherWandel

 

4.1.1. Der Ökonomische Aufschwung und seine Folgen

 

Konsumgesellschaft, Freizeitgesellschaft, Wohlstandsgesellschaft und Erlebnisgesellschaft sind nur einige der Typisierungsversuche mit deren Hilfe die Entwicklung der heutigen Gesellschaft beschrieben wird (vgl. Haubl 1995, S.6). Grundlegend für all diese Typisierungen ist allerdings die positive wirtschaftliche Entwicklung und somit ein Mehr an Einkommen, Bildung, Kultur, Freizeit, Konsum, Mobilität und Technik. Besonders die wirtschaftliche Entwicklung der Jahre nach dem zweiten Weltkrieg führte zu enormen Steigerungen des materiellen Lebensstandards in der Bundesrepublik Deutschland. Der Ausbau des Wohlfahrtstaates in Form von privater Vorsorge und staatlichen Sozialleistungen führte in Verbindung mit der Bildungsexpansion zu gesteigerter Lebensqualität (vgl. Müller 1993, S.29ff.). Auch die Ausbildung des Lebensfeldes Freizeit in den letzten 50 Jahren ist mit auf den ökonomischen Aufschwung zurückzuführen. Durch die Verkürzung der Lebensarbeitszeit und Wochenarbeitszeit bei gleichzeitigem Anstieg des Lebensalters und wachsendem privaten und gesellschaftlichem Wohlstand konnte sich die Freizeit, neben der Arbeit, zu einem ebenso wichtigen Lebensbereich entwickeln (vgl. Opaschowski 1995, S. 13ff.). Allein von 1952 bis 1980 erhöhte sich die durchschnittlich frei verfügbare Zeit pro Tag um 60% (von 2 Stunden 33 Minuten auf 4 Stunden 6 Minuten) (vgl. Opaschowski 1982, S.9).

 

Gleichzeitig entwickelte sich eine enorme Freizeitindustrie, die durch die Vermarktung von Freizeitgütern in den Bereichen Tourismus, Medien, Kultur, Sport und Spiel eine rapide wachsende Wirtschaftsbranche erschuf[27].

 

4.1.2. Wertewandel: Von der Leistungsorientierung zur Freizeitorientierung

 

Mit der Zunahme von Wohlstand und Freizeit hat sich auch die Sinn- und Lebensorientierung vieler Menschen geändert. Das traditionelle arbeitsorientierte Lebenskonzept wird zunehmend von freizeit- bzw. familienorientierten Lebenskonzepten verdrängt (vgl. Opaschowski 1995, S.19f.). Freizeit wird immer mehr zum Lebensmittelpunkt[28] (vgl. auch Opaschowski 1983, S. 29ff.). Nach Opaschowski zeichnet sich folgender Weg ab (vgl. ebenda, S.31f.):

 

1. Das Leistungsprinzip als soziale Norm wird entidealisiert. Ein Wandel von der sozial-konformen zur individuell-autonomen Leistungsorientierung ist feststellbar.

2. „Sinnlose Arbeit hat ihren Sinn verloren“. Die Ansprüche der Menschen an die Qualität und Humanisierung des Arbeitslebens werden größer.

3. Die Arbeit hat ihren Absolutheitsanspruch der Berufsethik verloren. Der Wunsch nach Selbstverwirklichung in Arbeit und Freizeit ist geblieben.

4. Die Freizeit hat an Bedeutung gewonnen. Immer mehr Menschen sehen in der eigenen Freizeiterfüllung den Sinn des Lebens.

5. Erziehungsideal und Menschenbild hat sich vom ,Idealtyp’ des Überfleißigen zum ,Mensch mit Freizeitpersönlichkeit’ verwandelt.

6. Die Freizeit stellt sich als eigentlicher ,Motor des Wertewandels’ heraus. Sie verändert nicht nur das individuelle Bewusstsein, sondern bringt auch das gesellschaftliche Wertesystem in Bewegung.

 

Für Inglehart ist die Werteverschiebung[29] von Leistungsmotivation zu individuellen Interessen (Freizeit, Familie, Freunde) ein eindeutiges Indiz für postmoderne Gesellschaften, die ein gewisses Wohlstandsniveau erreicht haben (vgl. Inglehart 1998). Er bezeichnet die ,Maximierung von Wohlbefinden’ als das Hauptprojekt der Postmoderne (vgl. ebenda, S.113).

 

 

Eigene Darstellung in Anlehnung an Digel 1986, S.17

 

Abbildung 4: Gegenüberstellung der Werthaltungen

 

Die Verschiebung von „materialistischen“ zu „postmaterialistischen“ Werten, die den Übergang von Moderne zu Postmoderne begleiten, wird in Abbildung 4 besonders anschaulich.

 

Es sind jedoch nicht alle Teile der Gesellschaft gleichermaßen vom Wertewandel betroffen sind. Ursache hierfür sind die unterschiedlichen individuellen Sozialisationskarrieren, die jeder Mensch auf seine Weise durchläuft (vgl. Digel 1986, S.16). Ferner verläuft der Wertewandel für bestimmte Bevölkerungsgruppen, Sozialschichten und Lebensmilieus sehr unterschiedlich und durchaus widersprüchlich, so können z.B. zentrale alte Werte mit neuen Werten in einem individuellen Lebensentwurf vermischt werden (vgl. Ferchhoff 1988, S.162).

 

Der umfassende Wertewandel ist jedoch nicht nur auf das veränderte ,Arbeit- Freizeit’-Verhältnis zurückzuführen. Weitere ursächliche Faktoren sind die fortschreitende Säkularisierung, der umfassende wirtschaftliche Aufschwung, das Wachstum des Bildungssystems, der Ausbau des Wohlfahrtsstaates, der durch Umweltproblematiken hervorgerufene schwindende Glaube an den Fortschritt der Technik’, die Krise des Arbeitsmarktes, der Funktionswandel der Familie, die extensive Nutzung der Massenmedien, die Ausweitung der Dienstleistungsberufe und die Wandlung der Lebensphase ,Jugend’ (vgl. Digel 1986, S.25ff.).

 

4.1.3. Individualisierung

 

Die gestiegene Lebenserwartung, die Vervielfachung der Reallöhne, sowie eine Verringerung der Erwerbsarbeitszeit sind die ,Eckpfeiler’ der sozialstrukturellen Entwicklung der Bundesrepublik in der Nachkriegszeit (vgl. Beck 1986, s. 121ff.). Beck nennt diese Entwicklung auch den ,Fahrstuhl-Effekt’:

 

„„die »Klassengesellschaft« wird insgesamt eine Etage höher gefahren. Es gibt- bei allen sich neu einpendelnden oder durchgehaltenen Ungleichheiten- ein kollektives Mehr an Einkommen, Bildung, Mobilität, Recht, Wissenschaft, Massenkonsum. In der Konsequenz werden subkulturelle Klassenidentitäten und -bindungen ausgedünnt oder aufgelöst. Gleichzeitig wird ein Prozeß der Individualisierung und Diversifizierung von Lebenslagen und Lebensstilen in Gang gesetzt, der das Hierarchiemodell sozialer Klassen und Schichten unterläuft und in seinem Wirklichkeitsgehalt in Frage stellt.“ (Ebenda, S.122).

 

Beck, Hauptvertreter der Individualisierungs-These, interpretiert den gesellschaftlichen Wandel als Durchsetzung eines neuen Modus von Vergesellschaftung (vgl. ebenda, S.205ff.). Individualisierung wird von ihm als ein dreifacher Prozess verstanden:

 

1. Herauslösung aus historisch vorgegebenen Sozialformen und -bindungen im Sinne traditionaler Herrschafts- und Versorgungszusammenhänge (^ Freisetzungsdimension)

2. Verlust von traditionalen Sicherheiten im Hinblick auf Handlungswissen, Glauben und leitende Normen (^Entzauberungsdimension)

3. Eine neue Art der sozialen Einbindung (^ Kontroll- bzw. Reintegrationsdimension)

 

Die Freisetzung des Individuums aus traditionell gewachsenen Bindungen bringt jedoch auch neue Aufgaben für das Individuum mit sich. Da es keine sozial vorgegebenen Biografien mehr gibt, müssen Entscheidungen in Bezug auf den Lebenslauf, z.B. Ausbildung, Beruf, Arbeitsplatz, Wohnort, Ehepartner usw. selber getroffen werden. Beck beschreibt dies als „Wahl- bzw. Bastelbiografie“ (ebenda, S.217). Dieser Entscheidungsdruck kann in Orientierungslosigkeit und Unsicherheit resultieren.

 

Für Schulze machen vier Komponenten den Inhalt der Individualisierungsthese gegenwärtig aus (vgl. 1992, S.75ff.):

 

1. Rückgang der Bedeutung traditioneller Sozialzusammenhänge

 

Neue Formen der Vergesellschaftung wie regional diffuse soziale Milieus und Szenen entstehen, bei denen die Teilnahme jedoch freiwillig aufgesucht wird und nicht, wie früher in einer sozialen Schicht oder Verwandtschaftsgruppe, vorgegeben ist.

 

2. Zunahme der Optionen

 

Die Zunahme der Optionen führt zu einem erhöhten Orientierungsbedarf, da Instanzen wie Kirche oder Staat keine Orientierungsmuster mehr vorgeben. An die Stelle des äußeren Orientierungsdrucks tritt also der innere. Eine persönliche Suche nach Gesellschaft entsteht, die zur Anlehnung an kollektiv konstruierte Muster, z.B. alltagsästhetische Schemata, normale Existenzformen, existentielle Anschauungsweisen etc., führt.

 

3. Pluralisierung der Existenzformen

 

Je mehr Menschen die Wahl haben, desto vielverzweigter werden die Lebensvollzüge. Garderobe, Interieurs, Berufskarrieren, Ansichten und Einstellungen, persönliche Beziehungs- und Familiengeschichte, körperlicher Habitus, also die Bereiche, die den Menschen als Subjekt ausmachen, werden immer differenzierter und in ihren Kombinationen vielfältiger.

 

4. Krise der Lebensfreude

 

Gefühle der Einsamkeit und Orientierungslosigkeit sind psychische Begleiterscheinungen einer individualisierten sozialen Wirklichkeit. An die Stelle von Verwandtschaftsgruppen, Nachbarschaften etc. treten ,psychisch schwierigere’ Formen von Gesellschaft. Gewählte Beziehungen, regional und temporal punktualisierte Kontakte oder revidierbare Koexistenzen können durch Zugehörigkeit zum selben Publikum, ähnlichem Konsumverhalten etc. entstehen.

 

4.1.4. Die Erlebnisgesellschaft

 

Ein neuer postindustrieller Gesellschaftstypus, der die Individualisierung der Individuen und Pluralisierung der Existenzformen einschließt, wird von Schulze diagnostiziert: Die Erlebnisgesellschaft (vgl. Schulze 1992). Symptomatisch für die Erlebnisgesellschaft ist im historischen und kulturellen Vergleich die relativ starke Prägung durch innenorientierte Lebensauffassungen (vgl. ebenda, S.54). Noch um 1850 führte die durch Bevölkerungswachstum ausgelöste Armutskrise zum Massensterben. Erst in den Jahrzehnten ununterbrochener Prosperität nach dem zweiten Weltkrieg konnte das Erlebnis zur Selbstverständlichkeit werden. Es kam von der Überlebensorientierung zur Erlebnisorientierung (vgl. ebenda, S.55). Durch die Vermehrung der Möglichkeiten (Angebote, Nachfragekapazität, Zugänglichkeit, Gestaltbarkeit der Welt) gewinnt die Handlungsform des Wählens an Bedeutung gegenüber der Handlungsform des Einwirkens. Freie Wahl aus einer unüberschaubaren Auswahl an Kleidung, Essen, Informationen etc. führt jedoch dazu, die Wahl nicht mehr aufgrund des Gebrauchswerts zu treffen, sondern nach ästhetischen, erlebnisorientierten Kriterien (vgl. ebenda, S.55ff.). Der Erlebniswert von Angeboten ,überspielt’ sozusagen den Gebrauchswert. Es kommt zu einer Verschiebung des Schwerpunkts: In vielen Bereichen des Alltags ist außenorientiertes (zweckorientiertes) Handeln zurückgegangen und innenorientiertes (erlebnisorientiertes) Handeln vorgedrungen. Die außenorientierte Lebensauffassung setzt den Schwerpunkt außerhalb des Selbst, z.B. Reproduktion von Arbeitskraft, Beschaffung von lebensnotwendigen Ressourcen, Altersvorsorge, Erfüllen einer Lebensaufgabe. Die innenorientierte Lebensauffassung verweist auf das Subjekt und wird von Schulze auch als das ,Projekt des schönen Lebens’ bezeichnet (vgl. ebenda, S.36ff.).

 

Die Zunahme der Erlebnisorientierung beinhaltet verschiedene Dimensionen (vgl. ebenda, S.59f.):

 

Erlebnisorientierung expandiert von wenigen privilegierten Schichten auf immer größere Teile der Bevölkerung.

 

Erlebnisorientiertes Handeln beansprucht immer größeres Zeitbudget.

 

Erlebnisorientierung dringt in immer mehr Bereiche des Alltagslebens vor und ist nicht mehr nur auf den Freizeitbereich beschränkt.

 

Erlebnisansprüche definieren zunehmend den Sinn des Lebens.

 

Da Erlebnisansprüche immer mehr in den Mittelpunkt des Lebens rücken, werden Fragen wie ,Worauf habe ich Lust?’ oder ,Was will ich eigentlich?’ immer wichtiger. Diese Orientierungskrise erzeugt ein ästhetisches Anlehnungsbedürfnis, welches durch das Angebot von Lebensstilen, sozialen Milieus, Erlebnisgemeinschaften, alltagsästhetischen Schemata und Szenen erfüllt werden kann.

 

Je vorbehaltloser jedoch Erlebnisse zum Sinn des Lebens gemacht werden, desto größer wird die Angst vor dem Ausbleiben von Erlebnissen bzw. die Angst vor Langeweile. Viele reagieren darauf mit einem erhöhten Konsum von Erlebnisangeboten, welche vom „Erlebnismarkt“ angeboten werden (vgl. Schulze1992, S. 417ff.). Diese Anhäufung von Erlebnissen führt jedoch auch zur Abschwächung des Erlebens. Das Außergewöhnliche wird zum Alltäglichen gemacht und verliert hierdurch seinen Wert. Durch die ,Inflationierung’ der Erlebnisse kommt es zu einer ,Erhöhung der Erlebnisgeschwindigkeit auf Kosten der Erlebnistiefe’ (vgl. ebenda, S. 64f.).

 

4.1.5. Sport in der Gegenwartsgesellschaft

 

Nach Weiß ist davon auszugehen, dass Sport immer auch ein Ausdruck des jeweiligen sozialen Systems ist, in dem er vorkommt (vgl. Weiß 1990, S.44). Heinemann erklärt ebenfalls, dass der Körper immer auch ein soziales Gebilde’ ist. Demzufolge nimmt die Gesellschaft Einfluss darauf, wie wir unseren Körper wahrnehmen, mit ihm umgehen, ihn beherrschen, über ihn verfügen oder zu ihm eingestellt sind (vgl. Heinemann 1983, S.70). Auch das Werte- und Normensystem, das einer bestimmten Gesellschaft zugrunde liegt, spiegelt sich im Sport dieser Gesellschaft (vgl. Weiß 1990, S.46). Umgekehrt beeinflussen aber auch kulturelle Muster und Wertorientierungen des Sports andere gesellschaftliche Bereiche. Es wird auch von einer ,Versportlichung’ der Gesellschaft gesprochen, bei der sportspezifische Sinn- und Wertmuster wie Sportlichkeit, Fairness oder Wohlbefinden das kulturelle Leben mitbestimmen, z.B. Sport als Unterhaltung oder sportliche Modetrends (vgl. ebenda, S. 63).

 

Der umfassende Wertewandel von materialistischen zu postmaterialistischen Werten findet folglich auch seinen Niederschlag in einem neuen Sportverständnis. Die typischen Werte des traditionellen Sportsystems wie Jugendlichkeit, Erfolg und Leistung vermischen sich mit neuen Werten wie Körpererfahrung, Glücklichsein oder Wohlbefinden (vgl. Digel 1986, S.37).

 

Grupe spricht auch von einer ,Entsportlichung’ des Sports, da der Sport sich in seinem Selbstverständnis von seinen traditionellen Sinnmustern entfernt (vgl. Grupe 2000, S.37). Geht man vom Konzept der Erlebnisgesellschaft aus, wandelt sich der Sport zu einem ,Erlebnisprojekt’. Besonders die ,Steigerung des Selbsterlebens’ und das Jnteresse an einer selbstbezüglichen Selbstinterpretation’, beides Resultate einer dominant gewordenen Innenorientierung, zeigen sich im gegenwärtigen Sport (vgl. Rittner 1995, S.30f.). Im Gegensatz dazu steht die Außenorientierung des Sports, z.B. das Leistungsprinzip, die Orientierung an universalen Vergleichsmaßstäben oder die Bedeutung des Rekordprinzips, die durch die Industriegesellschaft geprägt wurde (vgl. ebenda, S.31).

 

Körperlichkeit und Selbsterleben in der Freizeit werden zunehmend attraktiver in dem Maße, wie die technologische Entwicklung körperliche Anstrengung in der Arbeit immer entbehrlicher macht. In Ländern, in denen für das Überleben noch hart gearbeitet werden muss, spielt Sport dementsprechend kaum eine Rolle (vgl. Opaschowski 1995, S.203). Besonders ist somit das Aufkommen des Freizeitsports mit dem Wertewandel im Sport verbunden. Massenphänomene wie Jogging oder Aerobic können als die Vorreiter einer neuen Sportmoral gesehen werden, bei der Gesundheit, individuelles Selbsterleben, ästhetische Selbsterfahrung, Selbstdarstellung und Spaß im Vordergrund stehen (vgl. auch Rittner 1995, S.29ff.). Und auch die Fun- und Extremsportarten entfernen sich von alten Sportrollen und traditionellen Sportmotiven. Den meisten der neuen Sportpraktiken ist gemein, dass sie nicht mehr in Vereinen oder Verbänden praktiziert werden. Ein Rückgang an Sportvereinsmitgliedschaften wird verzeichnet (vgl. Opaschowski 2000, S.69). Es wird nicht mehr vom Gemeinschaftssport sondern vom Individualsport gesprochen. Statt Sportvereinen treten Sportszenen in den Vordergrund, in denen die Sportler gemeinschaftlich und unverbindlich’ der jeweiligen Bewegungspraxis nachgehen können (vgl. Rittner 1995, S.40). Auch allgemein ist eine Individualisierung und ,Entinstitutionalisierung’ im Sport erkennbar. Sport muss immer flexibler in den Tagesablauf ,einpassbar’ und zu jeder Zeit, wie ein Kleidungsstück wechselbar sein (vgl. Opaschowski 2000, S.57ff.).

 

Drei Momente werden von Rittner als charakteristisch für das Eindringen der Erlebnisorientierung in das Sportsystem angesehen (vgl. Rittner 1995, S.33):

 

1. die Zurückdrängung der Ansprüche der traditionellen Sportmoral (Wettkampf- und Leistungsethik),

2. die Spezifizierung einzelner Motive des Sporttreibens und ihre Verselbständigung,

3. der Umstand, dass sich die Intensivierung des Selbsterlebens und der Genuss der Effekte des Sports ohne Umweg über die Prozeduren einer langwierigen Sport- bzw. Organisationssozialisation ergeben.

 

Entgegen der Theorie, dass die Erlebnisorientierung die Normen des Wettkampf- und Leistungssports verdrängt, steht Opaschowskis Aussage, dass Freizeitsport eine Kombination aus Lust und Leistung ist (vgl. Opaschowski 1995, S.212). Danach wird sowohl Spaß und Freude als auch körperliche Leistung mit dem Ergebnis des Erfolgserlebnisses im Freizeitsport aufgesucht. Leistung wird also eher mit einer Erlebnisorientierung verbunden. Das Faktum einer Vermischung von traditionellen und neuen Werten, wie sie Digel beschreibt (vgl. 1986, S.37), scheint dies zu bestätigen. Und auch zunehmende Wettkampfstrukturen bei den Funsportarten (die überwiegend in der Freizeit stattfinden) wie beim Mountainbiking, Skateboarding, Surfen etc., belegen diese Hypothese.

 

4.2. Gesellschaftlicher Wandel und Extremsport

 

Die obigen Betrachtungen der gesellschaftlichen Entwicklungen zeigen, dass erst durch die ökonomischen Entwicklungen der letzten fünfzig Jahre und dem damit einhergehenden Wertewandel die Entwicklung und Verbreitung diverser Extremsportarten möglich wurde. Besonders das Streben nach Selbstverwirklichung und eine zunehmende Erlebnisorientierung scheinen eine Hinwendung zu alternativen Sportpraxen zu begünstigen. Die folgenden Aspekte stehen in mehr oder weniger direktem Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Wandlungsprozessen.

 

4.2.1. Suche nach Spannung und Risiko

 

Besonders die Suche nach Risiko und Abenteuer wird in vielen Arbeiten als eine der Hauptursachen für die Ausübung von Extremsport, insbesondere Risikosport, angesehen. Ist das Aufsuchen von Abenteuer, Risiko und körperlichen Strapazen wirklich ein neues Phänomen oder handelt es sich vielmehr um etwas, das bereits in früheren Zeiten aufgesucht wurde? Ein Blick in die Geschichte lässt erkennen, dass bereits in der Vor- und Frühgeschichte erhöhte Lebensrisiken und körperliche Strapazen in Form von Jagd, Kampf, Erkundung des Neuen zum Leben gehörten (vgl. Hartmann 1998,S.76). Extreme Risikobereitschaft konnte sogar einen evolutionären Vorteil für den Stamm oder die Gemeinschaft und ihr biologisches Überleben bedeuten (vgl. Apter 1994, S.222ff.). Bis in das 20. Jahrhundert hinein war das Alltagsleben der Menschen jedoch eher von,unfreiwillig’ eingegangenen Risiken und Gefahren geprägt. Natur, wilde Tiere, feindliche Stämme, später dann feudalherrliche Willkür, Räuberbanden, Militär sowie körperliche Dauerbelastung und psychischer Existenzstress waren an der Tagesordnung und ließen den Menschen wohl eher selten an das freiwillige Eingehen von Risiken denken (vgl. Hartmann 1998, S.76ff.).

 

Erst die Modernisierungsprozesse in den westlichen Ländern sowie der ansteigende Wohlstand der Gesamtbevölkerung haben das Leben zunehmend gefahrloser und monotoner gemacht. Eine wachsende ,Beruhigung’ des Lebens ist eingetreten, die es gefahrloser, aber auch langweiliger macht (vgl. ebenda, S.77). Von 217 befragten Extrem- und Risikosportlern gaben 63 von je 100 Sportlern das Motiv „Flucht vor Langeweile“ als handlungsleitend an. Dieses wurde in einer Repräsentativumfrage von Opaschowski nur noch von dem Motiv „Einfach Spaß haben“ übertroffen (vgl. Opaschowski 2000, S.25). Besonders die Theorien von Apter (1994) und Csikszentmihalyi (1999) gehen davon aus, dass Extremsportler versuchen der Langeweile zu entkommen. Diese Konzepte werden in den Kapiteln 5.2.2. und 5.5.1. behandelt. Die Prosperität der Wirtschaft erlaubt es den Industrienationen, Versorgungssicherheiten für die Mehrheit der Menschen herzustellen, die sogar bezahlten Urlaub und bezahlte Freizeit einschließen. Jede erdenkliche Art von Unfall kann in der Postmoderne durch eine bestimmte Versicherung materiell abgesichert werden. Zudem wird durch Institutionen der Schadensverhinderung, Risikominimierung und Risikokompensation ein über die Gegenwart hinausreichendes Systemvertrauen erzeugt (Bette 2004, S.15f.).

 

„Eine Gesellschaft, die durch Bürokratisierung und Organisationsbildung Alltagsroutinen erzeugt und die Ungewissheit der Zukunft durch institutionelle Arrangements in den Griff zu nehmen versucht, ruft auf der Ebene ihrer Mitglieder spezifische Erlebniskorrelate hervor. Die Kehrseite von Sicherheit, Routine, Handlungsentlastung und Systemvertrauen heißt Langeweile und Leere.“(Ebenda, S.16)

 

Nicht nur Extremsport sondern auch Drogenkonsum, Selbstkasteiungspraktiken, sexuelle Normverstöße, Konsum von Action- und Horrorfilmen, Vandalismus, Kriminalität u.v.a.m. sind Bereiche, in denen außergewöhnliche Erlebnisse gesucht werden (vgl. Bette 2004, S.17; Hartmann 1998, S.81). Gefühle wie Ungewissheit und Angst werden angestrebt um das eigene Leben lustvoller und lebendiger zu machen. Bereits 1959 wurde die sog. „Angstlust“ von dem Psychologen und Psychoanalytiker Balint festgestellt. Besonders der Sport bietet einen spaßorientierten Umgang mit Angst und Unsicherheit, da es in ihm nicht um die Bearbeitung gesellschaftlicher Problemfelder wie Ökologie, Arbeitslosigkeit oder Terrorismus geht (vgl. Bette 2004, S. 20).

 

Das freiwillige Aufsuchen von Risiko und körperlichen Strapazen kann demnach als Folge von zunehmender Sicherheit und Gefahrlosigkeit der westlichen Welt gesehen werden, wenn man davon ausgeht, dass der Mensch ein gewisses Grundbedürfnis nach gefährlichen bzw. spannungsreichen Situationen hat. Klein spricht auch von einem „modernitätsbedingten Abenteuerverlangen“ (Klein 1996, S.379). Doch obwohl es sich augenscheinlich um eine ,Flucht vor der gesellschaftlichen Sicherheit’ handelt, wird trotzdem nicht vollkommen auf Sicherheit verzichtet. Die Erlebnisindustrie[30] bietet eine Vielzahl an Utensilien und technischen Instrumentarien an, z.B. Thermo-Unterwäsche, Bergsteigerzahnputzzeug, Anseilgurte, Trekkingschuhe, spezielle Surfboards etc., um riskante Situationen bei Sport- und Abenteuerunternehmungen soweit es geht kontrollierbar und ,sicher’ zu machen (vgl. auch Köck 1990, S.144f.). Diese Tatsache verweist darauf, dass in den meisten Fällen ein kalkulierbares bzw. möglichst kontrollierbares Risiko aufgesucht wird. Ansonsten würde ein freiwilliges Aufsuchen von Unsicherheit und Risiko im Angesicht von zunehmend unkontrollierbaren globalen Risiken (vgl. Beck 1986) wohl kaum Sinn machen. Scheinbar spielt für den Sportler eine gewisse Kontrolle über die Risikosituation eine Rolle, worauf ich in Kapitel 4.2.3. noch zu sprechen komme.

 

4.2.2. Außergewöhnliche Körpererfahrungen

 

„Menschen, die Berge besteigen, Eis- oder Sandwüsten durchqueren, nutzen ihre Körper in einer demonstrativen und alternativen Weise- und sie tun dies in einer Gesellschaft, die Körperlichkeit in vielerlei Hinsicht verzichtbar gemacht hat.“(Bette 2004, S.73).

Details

Seiten
123
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783656997870
ISBN (Buch)
9783869431383
Dateigröße
2.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v186371
Institution / Hochschule
Technische Universität Dortmund
Note
1.7
Schlagworte
sport grenzen merkmale formen ursachen extremsports

Autor

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Titel: Sport ohne Grenzen