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Burnout bei Lehrerinnen und Lehrern mit dem Arbeitsschwerpunkt Geistigbehindertenpädagogik

Eine Literaturstudie

Examensarbeit 2000 88 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort
1.1. Einleitung
1.2. Auseinandersetzung mit der Begrifflichkeit „(geistige) Behinderung“

2. Burnout
2.1. Definitionsproblematik und ihre Ursachen
2.2. Burnout-Konzepte im Vergleich
2.2.1. Individuenzentrierte Ansätze
2.2.1.1. Edelwich & Brodsky
2.2.1.2. Freudenberger (& Richelson)
2.2.1.3. Fisher
2.2.2. Arbeits- und organisationsbezogene Ansätze
2.2.2.1. Aronson, Pines & Kafry
2.2.2.2. Maslach & Jackson
2.2.2.3. Kahn
2.2.2.4. Cherniss (1. Burnout-Konzept)
2.2.3. Soziologisch-sozialwissenschaftliche Ansätze
2.2.3.1. Cherniss (2. Burnout-Konzept)
2.2.3.2. Karger
2.3. Zusammenfassung

3. Burnout bei Lehrern
3.1. Arbeitsplatz Schule
3.1.1. Die Arbeitszeit von Lehrern
3.1.2. Der unbegrenzte Lehrauftrag
3.1.3. Die Rollen des Lehrers
3.1.4. Streß bei Lehrern
3.1.4.1. Das Modell des Lehrerstresses
3.1.5. Berufszufriedenheit
3.1.5.1. Empirische Befunde zur Berufszufriedenheit von Lehrern

4. Empirische Befunde zu Burnout bei Lehrern

5. Besonderheiten des Lehrberufs des Geistigbehinderten-pädagogen in Bezug auf eine Burnout-Gefährdung

6. Prävention und Intervention
6.1. Prävention und Intervention auf persönlicher Ebene
6.2. Prävention und Intervention auf interpersoneller Ebene
6.3. Prävention und Intervention auf institutioneller und organisatorischer Ebene

7. Schlußbetrachtung

8. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Das Thema der vorliegenden Arbeit lautet „ Burnout bei Lehrerinnen und Lehrern mit dem Arbeitsschwerpunkt Geistigbehindertenpädagogik - Eine Literaturstudie“.

Angeregt, diese Thematik in meiner Examensarbeit zu behandeln, wurde ich durch die Erfahrungen, die ich während meines ersten Blockpraktikums machte.

Dieses absolvierte ich damals in einer Klasse einer „Schule für Geistigbehinderte“, in der eine der Lehrerinnen Verhaltensweisen zeigte, die ich mit dem sogenannten Burnout-Syndrom in Verbindung brachte. Meines Erachtens verhielt sich die Lehrerin den Schülern gegenüber respektlos und unmenschlich - wobei sie sowohl psychische als auch physische Gewalt anwendete, so daß ich nach einer Weile nicht mehr untätig zusehen konnte. Auch nahm sie während der Unterrichtszeit regelmäßig Alkohol zu sich. Diesen Alkoholmißbrauch brachte ich ebenfalls mit dem Wenigen in Verbindung, was ich bereits über Burnout gehört hatte.

Ich versuchte, mir Hilfe zu holen, um in erster Linie die Schüler vor dieser Lehrerin zu schützen. Gleichzeitig war ich der Meinung, man müsse die Lehrerin wachrütteln, damit auch sie sich die nötige Hilfe suchte, um irgendwann wieder mit Freude ihren Beruf ausüben zu können.

Ich bat also die Praktikumsbeauftragte um Rat, und tatsächlich fand ein Gespräch zwischen Schulleiter und Vertretern der Universität statt. Die Lehrerin wurde für einige Zeit beurlaubt, doch letztlich hat sich weder für die hilflosen Schüler noch für die hilfsbedürftige Lehrerin etwas geändert.

Diese offensichtlich gewordene Ohnmacht von Außenstehenden hat mich tief erschüttert. Es war weder möglich, die Schüler vor dieser frustrierten, oft überforderten Lehrerin zu schützen, noch hat die Lehrerin selbst Konsequenzen aus dem Einschreiten des Schuldirektors gezogen. Das heißt, daß selbst die Schulleitung es nicht vermocht hat, die Situation nachhaltig zu verbessern, wiederum in Hinblick auf die Schüler und auf die Lehrerin.

Ich fragte mich, wie es möglich ist, daß ein Mensch, dessen Wunsch es einmal war, anderen zu helfen, diese so schlecht behandelt, ohne aus eigenem Antrieb den Willen zu entwickeln und die Notwendigkeit zu erkennen, etwas an sich selbst und/oder an der Situation zu verändern. Da ich – wie bereits angemerkt – das Verhalten der Lehrerin mit Burnout in Verbindung brachte, beschloß ich, die theoretischen Hintergründe des sogenannten Burnout-Syndroms kennenzulernen und mich mit seiner Bedeutung für den Lehrberuf auseinanderzusetzen.

Wie später deutlich wird (Kapitel 5), herrscht eine sehr kontroverse Diskussion im Bereich der Geistigbehindertenpädagogik, ob es sich bei Burnout bei Lehrern an „Schulen für Geistigbehinderte“ tatsächlich um ein ernst zunehmendes „Syndrom“ oder vielleicht eher um ein herbei geredetes „Phantom“ (vgl. Anstötz 1987, 286) handelt. Auch diese Diskussion hat bei mir den Wunsch geweckt, mich mit dieser Thematik zu beschäftigen.

1.1. Einleitung

Da diese Arbeit im Rahmen des Studiums der Rehabilitation und Erziehung von Menschen mit (sogenannter) „geistiger Behinderung“ geschrieben wird, ist es notwendig, vorab meine Verwendung des Begriffes „geistige Behinderung“ zu erläutern (1.2).

Um das Phänomen „Burnout bei Lehrern“ untersuchen zu können, bedarf es einer Darstellung der grundlegenden Burnout-Forschung.

Im 2. Kapitel meiner Arbeit werde ich daher zunächst auf den Burnout-Begriff und seine Entstehung im allgemeinen eingehen. Außerdem werden Definitionsschwierigkeiten und Ursachen hierfür erläutert (2.1).

Anschließend werde ich dann die Forschungsansätze verschiedener Autoren nach dem Schwerpunkt ihrer jeweiligen Betrachtungsweise kategorisieren, vergleichen und diskutieren (2.2).

Diese Arbeit erhebt keinesfalls Anspruch auf Vollständigkeit der Darstellung aller bisher veröffentlichten Konzepte und Theorien zu diesem Thema, sondern beschränkt sich auf diejenigen, die in der Literatur durch die Zahl der Veröffentlichungen und Zitate nach die größte Bedeutung innerhalb der Burnout-Forschung haben.

Im 3. Kapitel wende ich mich konkret dem Burnout-Syndrom bei Lehrern zu. Hierbei werden die Arbeitszeit von Lehrern, der unbegrenzte Lehrauftrag, die Rollen des Lehrers, Streß und Berufszufriedenheit bei Lehrern hinsichtlich ihres Einflusses auf die Entwicklung eines Burnout-Syndroms überprüft.

Im 4. Kapitel werden empirische Befunde zu Burnout bei Lehrern allgemein dargestellt und im folgenden auf den Beruf des Geistigbehindertenpädagogen (5. Kapitel) spezifiziert.

Um darzulegen, daß das Auftreten von Burnout-Symptomen nicht das Ende der Berufstätigkeit bedeuten muß, besteht ein Schwerpunkt dieser Arbeit darin, mögliche Präventions- und Interventionsmaßnahmen vorzustellen und zu diskutieren. Hiermit wird sich das 6. Kapitel befassen.

An dieser Stelle sei darauf hinweisen, daß in dieser Arbeit immer Menschen beiderlei Geschlechts gemeint sind. Das gilt für alle Ausführungen und entsprechende Begriffe, wie Lehrer, Schüler, Therapeut, Klient, usw.

1.2. Auseinandersetzung mit der Begrifflichkeit „(geistige) Behinderung“

Obwohl sich aus der Thematik der vorliegenden Arbeit zunächst keine direkten Berührungspunkte ergeben, ist es dennoch notwendig, meine persönliche Verwendung des Begriffes „geistige Behinderung“ zu erläutern.

Der Versuch einer begrifflichen Festlegung und Definition von „Behinderung“ wirft einige Probleme auf.

Zum einen ist dies problematisch, weil eine Definition den Menschen, dem das Attribut „behindert“ zugesprochen wird, nicht in seiner Vielschichtigkeit und Gesamtheit erfassen kann.

Zum anderen führt das Reduzieren eines Menschen auf seine Defizite in Orientierung an festgelegten gesellschaftlichen Normen zwangsläufig zu einem Prozeß der Kategorisierung und Stigmatisierung.

Dazu kommt, daß wir als sogenannte Nichtbehinderte diejenigen sind, die dem Menschen mit einer sogenannten Behinderung einen Stempel aufdrücken, der sie als nicht normal / normabweichend bezeichnet. Dabei handelt es sich jedoch nur um eine von unseren Normen bestimmte Definition, die die Individualität jedes betroffenen Menschen nahezu völlig außer acht läßt (vgl. Feuser 1996, 18). Wir versuchen, unser Unverständnis gegenüber den Menschen mit einer sogenannten Behinderung als deren Fehler im Normbereich zu deuten, um uns jedweder Verantwortung und Selbstreflexion zu entziehen. Diese Sichtweise von Menschen läßt keine individuellen Entwicklungen zu, sondern nur solche, die wir aufgrund unserer Einstellung haben wollen (vgl. ebd., 19).

Ein Mensch mit einer sogenannten „geistigen Behinderung“ ist in erster Linie ein Mensch und sollte nicht (etwa durch den Gebrauch des Begriffes „der Behinderte“) auf dieses Minimum seiner Persönlichkeit reduziert werden.

Definitionen stellen immer eine unzulängliche Verobjektivierung des Menschen dar.

Allerdings kann in der Sonderpädagogik nicht auf Bezeichnungen und Definitionen verzichtet werden, da eine verbale Kommunikation sonst unmöglich wäre.

„Die Geschichte hat gezeigt, daß Namen notwendig sind, daß sie austauschbar sind, und daß es nicht Namen sind, die den Inhalt sichern, sondern die Menschen, die diese Namen verwenden“ (Speck 1991, 40).

Wir müssen uns also im Umgang mit Worten der enormen Verantwortung bewußt sein, die wir tragen, denn durch uns wird der Inhalt unserer Worte entweder positiv oder negativ.

Im Gegensatz zu der legitimen und notwendigen Nutzung des Begriffes auf professioneller Basis ist zu überlegen, ob der Gebrauch der Bezeichnung der „geistigen Behinderung“ auch in unserem alltäglichen Umgang miteinander notwendig ist.

Die Achtung eines Menschen fängt schon mit der Wahl der Worte an, mit denen man über ihn spricht. Wenn nämlich der Begriff mit dem Individuum verschmilzt und nur noch die Rede von „dem geistig behinderten Menschen“ oder sogar nur von „dem Behinderten“ ist, dann schwinden für diesen Menschen die Chancen, sich als Individuum mit eigener Persönlichkeit darzustellen.

Solange ein Mensch durch die Wahl der Worte stigmatisiert wird, reduziert man ihn auf seine individuellen Einschränkungen und mißachtet somit seine Würde. Dabei wird häufig vergessen, daß sich niemand von individuellen Schwächen freimachen kann. Hinzu kommt, daß Menschen mit einer sogenannten „geistigen Behinderung“ gegen derartige Mißachtung oftmals machtlos sind.

Ob die Diskriminierung gewollt oder durch Unsicherheit begründet ist, spielt für das Individuum keine oder nur eine untergeordnete Rolle.

Es liegt in der Verantwortung des sozialen Umfeldes, solche begriffliche Diskriminierung abzustellen (vgl. Speck 1991, 183ff.)

Ich möchte dennoch auf einen Definitionsversuch, der in der Literatur zu finden ist, eingehen, nämlich auf den der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die wie folgt definiert:

Schädigung: Jeder Verlust oder jede Anomalie einer psychologischen, physiologischen oder anatomischen Struktur oder Funktion.

Beeinträchtigung: Jede (auf eine Schädigung zurückgehende) Einschränkung der Fähigkeit oder die Unfähigkeit, eine Tätigkeit so und im Rahmen dessen auszuüben, was für einen Menschen als normal gilt.

Behinderung: Eine auf eine Schädigung oder Beeinträchtigung zurückgehende Benachteiligung, die einen bestimmten Menschen teilweise oder ganz daran hindert, eine Rolle auszufüllen, die für ihn nach Alter, Geschlecht und sozio-kulturellen Faktoren normal wäre“ (WHO 1980, Übersetzung vom Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung 1983, zitiert nach Sander 1997, 103f.).

Diese Definition berücksichtigt systematisch auch außer-individuale Bedingungen. Zudem wird der Zusammenhang zwischen Schädigung und Behinderung deutlich (vgl. Sander 1997, 103).

Schädigung ist also auf der organisch-biologischen Ebene angesiedelt, während Beeinträchtigung sich vor allem auf einer individuellen, psychologischen Ebene abspielt. Behinderung erfährt der Mensch mit Schädigung allerdings nicht durch sich selber, sondern durch die Gesellschaft, sie findet also auf einer sozialen, bzw. soziologischen Ebene statt (vgl. auch Sander 1997, 104). Wenn es folglich einem Menschen mit Schädigung oder Beeinträchtigung möglich wäre, eine „normale“ Rolle einzunehmen, dann wäre dieser Mensch im Sinne der WHO-Begriffe „frei von Behinderung“ (Sander 1997, 104).

Wenn Behinderung nicht als Eigenschaft bestimmter Personen gesehen wird, sondern als sozial bedingte Folge von Schädigung oder Beeinträchtigung, so rückt das soziale Umfeld und die Integration in dieses Umfeld in das Bedeutungszentrum.

Sander formuliert hierzu: „Gestörte oder ungenügende soziale Integration ist unter diesem Begriffsverständnis nicht nur ein Erscheinungsbild von Behinderung, sondern sie ist, wenn und soweit sie infolge von Schädigung oder Leistungsminderung [nach WHO: Beeinträchtigung; A. d. V.] entstanden ist, die Behinderung selbst. Die Behinderung besteht in ungenügender Integration. Wir können definieren: Behinderung liegt vor, wenn ein Mensch auf Grund einer Schädigung oder Leistungsminderung ungenügend in sein vielschichtiges Mensch-Umfeld-System integriert ist.“ (Sander 1997, 105)

Meinem Verständnis nach liegt ein solcher ökosystemischer Behinderungsbegriff auch der Definition der WHO zugrunde. Diese Sichtweise „hat den Vorteil, daß er den Blick unmittelbar auf den Prozeß der Integration des betreffenden Menschen in sein konkretes Umfeld lenkt und damit pädagogische Handlungsmöglichkeiten öffnet“ (Sander 1997, 105).

Ich habe mich bewußt dazu entschieden, in der vorliegenden Arbeit die Formulierung „ein Mensch mit sogenannter geistiger Behinderung“ zu verwenden, weil dadurch die Etikettierung des ganzen Menschen vermieden und deutlich gemacht werden soll, daß der Begriff nur ein Merkmal dieses Menschen umschreibt.

Zudem signalisiert eine sprachliche Veränderung die Möglichkeit eines ersten Schrittes zu einem veränderten Denken. Durch eine äußere Veränderung wird eine innerliche Veränderung erleichtert und vertieft.

2. Burnout

„Burnout“ ist ein sehr bildhafter Begriff. Diese Bildhaftigkeit und die damit verbundene intuitive Verständlichkeit des Begriffes sind nach Enzmann und Kleiber (1989) für seine schnelle Popularisierung einerseits und seine Unschärfe andererseits verantwortlich zu machen (vgl. Enzmann/Kleiber 1989, 17ff.). Es ist daher sinnvoll, sich die Herkunft dieser Begrifflichkeit genauer anzusehen.

Im allgemeinen Sprachgebrauch hat das englische Verb ‚to burn out‘ viele Bedeutungen wie z. B. die des vollständigen Ausbrennens eines Hauses, von dem danach nur noch die Mauern stehenbleiben, oder auch im technischen Bereich das Durchbrennen einer Sicherung. Doch auch im Zusammenhang mit körperlicher und geistiger Erschöpfung wird dieser Begriff schon früh benutzt, nämlich 1599 bei Shakespeare (vgl. Shakespeare 1940, zitiert nach Enzmann/Kleiber 1989, 18).

Um 1900 wird „to burn oneself out“ mit der Bedeutung „zu schwer zu arbeiten und zu früh zu sterben“ aus der Umgangssprache ins Standardenglisch übernommen (vgl. Partridge 1961, zitiert nach Enzmann/Kleiber 1989, 18). In den 60er Jahren fand der Begriff „burned-out“ in der Drogenszene Gebrauch, wobei hiermit das Nachlassen der gewünschten Drogenwirkung durch chronischen Gebrauch gemeint war (vgl. Enzmann/Kleiber 1989, 18). Freudenberger hat dann „Burnout“ aus diesem sprachlichen Umfeld übernommen, um damit den psychischen Zustand von ehrenamtlichen Helfern in alternativen Gesundheitseinrichtungen zu charakterisieren (vgl. ebd.).

Wenn man nun Menschen, die sich nicht eingehend mit dem Thema Burnout auseinander gesetzt haben, befragt, was ihnen zu diesem Begriff einfällt, so erhält man heute oft eine Antwort wie diese: „Das ist eine Krankheit, die im Bereich der sozialen Berufe auftritt. Man fühlt sich dann irgendwie schlecht und kann nicht mehr richtig arbeiten“ (Antwort einer Freundin auf oben genannte Frage).

An solchen und ähnlichen Antworten ist erkennbar, daß der Begriff Burnout auch hier in Deutschland durchaus bekannt ist, doch eher im Sinne eines Schlagwortes und meist nur in Verbindung mit den klassischen Helferberufen wie Arzt, Psychologe, Erzieher, Lehrer, etc.

An dieser Stelle sei angemerkt, daß mittlerweile erwiesen ist, daß das sogenannte Burnout-Syndrom auch in ganz anderen Berufsgruppen auftreten kann. Matthias Burisch hat eine Liste von über dreißig Berufen und Personengruppen erstellt, wie z. B. Anwälte, Polizisten, Hauswirtschaftsleiterinnen, Stewardessen und Manager, die alle von verschiedenen Autoren mit dem Burnout-Syndrom in Zusammenhang gebracht werden (Burisch 1994, 14ff.).

Den Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit bildet jedoch der Lehrberuf und im besonderen der des Geistigbehindertenpädagogen.

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Thema beginnt Mitte der 70er Jahre in den USA (Freudenberger 1974, Maslach 1976). „Als eigentlicher Beginn der Burnoutdiskussion in der Psychologie gilt [...] ein Artikel von Freudenberger (1974), in dem Burnout als ein Phänomen beschrieben wird, bei dem aufopferungsvolle, pflichtbewußte und ehemals besonders engagierte Mitarbeiter – vorwiegend aus alternativen Selbsthilfe- oder Interventionsstationen – beginnen, körperliche Symptome von Erschöpfung und Müdigkeit zu zeigen, sie zu reizbaren, mißtrauischen, halsstarrigen Mitarbeitern werden und eine negative und zynische Einstellung zu ihrer Arbeit und den Klienten entwickeln, was zugleich mit einer depressiven Symptomatik einhergeht“ (Kleiber/Enzmann 1990, 11).

Nachdem Maslach dann 1976 eine empirische Untersuchung veröffentlicht, wächst das Interesse an diesem Forschungsgegenstand fortlaufend.

Cherniss belegt diese steil ansteigende Popularitätskurve des Begriffs mit Beispielen und „rechnet damit, daß das Wort in einigen Jahren, vorzeitig verschlissen, aus der amerikanischen Umgangssprache verschwunden sein wird – nicht so das Phänomen, für das es steht“ (Cherniss 1980, zitiert nach Burisch 1994, 5). Hier wird allerdings eine Gefahr zum Ausdruck gebracht, die die schlagwortartige Benutzung eines Wortes mit sich bringt. Nämlich die, daß ein Begriff irgendwann verwässert, wenn man ihn häufig rein intuitiv und ohne scharfe Begrenzung benutzt. So konnte es z. B. dazu kommen, daß „Burnout in der ‚Scientific Community‘ zunächst nicht als ernstzunehmender Forschungsgegenstand akzeptiert wurde“ (Kleiber/Enzmann 1990, 13).

In Deutschland setzt die Auseinandersetzung mit dem Burnout-Syndrom erst in den 80er Jahren mit Veröffentlichungen von Adam (1981), Fischer (1983), Hahn (1985), Burisch (1994), u. a. ein.

Trotz aller Bemühungen gibt es noch immer keine geschlossene Theorie über die Ursachen und den Verlauf von Burnout, sondern nach wie vor nur „erste, vorläufige Annahmen“ (vgl. Enzmann/Kleiber 1989, 20). Wagner stellt fest: „Auch wenn die Burnout-Forschung mittlerweile auf eine etwa 15 Jahre umfassende Geschichte zurückblicken kann, liegen bisher keine geschlossenen Theorien vor“ (Wagner 1993, 9). Auch heute, noch einmal sieben Jahre später, gibt es weder eine solche geschlossene Theorie noch eine einheitliche Definition.

2.1. Definitionsproblematik und ihre Ursachen

Burnout ruft bei vielen Menschen bestimmte Assoziationen hervor, doch der Versuch einer genauen Begriffseingrenzung ist bisher gescheitert. Alle einschlägigen Definitionen werden entweder als zu umfassend oder als zu spezifisch kritisiert (vgl. Burisch 1994). Keine Definition ist bisher allgemein anerkannt und akzeptiert.

Christina Maslach, eine der angesehensten Burnout-Forscherinnen aus den U.S. A., definiert Burnout „...als ein Syndrom emotionaler Erschöpfung, Depersonalisation und reduzierter persönlicher Leistungsfähigkeit, das bei Individuen, die in irgendeiner Weise mit Menschen arbeiten, auftreten kann“ (Maslach / Jackson 1984, 134).

Herbert J. Freudenberger, ein Vertreter der Psychoanalyse und Mitbegründer der Burnout-Forschung, versteht unter Burnout folgendes: „Ausbrennen bedeutet, sich entleeren. Die eigenen körperlichen und seelischen Reserven erschöpfen. Sich selbst bei dem Versuch zerstören, unter Aufbietung aller Kräfte unrealistische Erwartungen zu verwirklichen, die selbstgesetzt oder vom Wertsystem der Gesellschaft aufgezwungen sind“ (Freudenberger/Richelson 1980, 38).

Karger, der versucht, Parallelen des Burnoutproblems zum Problem der Entfremdung von Industriearbeitern aufzuzeigen, plädiert dafür, Burnout als Entfremdung zu definieren: „Wir behaupten..., daß Burnout nicht eine mystische Krankheit ist, sondern es, bewiesen durch seine Ursachen und Symptome, mit den anomischen Bedingungen verwandt ist, die man unter Industriearbeitern findet. [...] Vom Standpunkt des Burnout nehmen wir das Subjektive wahr, vom Standpunkt der Entfremdung aus untersuchen wir die bürokratischen und objektiven Bedingungen des Arbeitslebens“ (Karger 1981, 218).

Diese drei verschiedenen Definitionen verdeutlichen, daß man es in der Burnout-Forschung mit einer Vielzahl von unterschiedlichen Auffassungen und Deutungsweisen zu tun hat.

Ein Grund für dieses definitorische Durcheinander könnte der im wesentlichen alltagsempirische Charakter der Burnout-Forschung sein. Supervisions- oder Selbsterfahrungsgruppen, bzw. ‚Burnout-Workshops‘ waren und sind häufig Ausgangspunkt für nähere Untersuchungen des Phänomens. Dadurch wurden Definitionen oft anhand konkreter Fälle entwickelt, ohne sich bei der Auswahl dieser anscheinend einschlägigen Fälle an eine festgelegte Regel zu halten (vgl. Burisch 1994, 11f.). So flossen völlig unterschiedliche individuelle Erfahrungen in die Erarbeitung eines Burnout-Konzepts mit ein und trugen dazu bei, daß es nach wie vor keine homogene Begriffsbestimmung gibt.

Viele Definitionen bestehen aus einer Zusammenstellung verschiedener Symptome. Die Güte dieser Definitionen ist jedoch anzuzweifeln, wenn man die Unterschiedlichkeit, zum Teil sogar Widersprüchlichkeit der in der Literatur beschriebenen Symptome betrachtet. In einer Literaturanalyse von 64 Artikeln über Burnout hat Gillespie (1983) folgende Widersprüche in der Symptombeschreibung zusammengestellt: „Feindselig vs. zurückgezogen; ungeduldig vs. kühl und unemotional; Einschätzung, sich unangemessen zu verhalten vs. Überlegenheit und einer Haltung übertriebener Zuversicht; Isolierung vs. Cliquenbildung mit Kollegen; Ignorieren vs. Gefühle von Arbeitsüberlastung; zwanghaftes Klagen vs. Resignation; gesteigertes Engagement im Außendienst vs. Bevorzugung von Büroarbeit gegenüber der Arbeit im Feld u. a.“ (Gillespie 1983, zitiert nach Enzmann/Kleiber 1989, 21).

Dies sind jedoch nicht die einzigen Widersprüche, die in der Burnout-Literatur zu finden sind. So gibt es Unklarheiten darüber, was als Ursache, was als Symptom und was als Folge des Burnout angesehen werden soll. Gillespie fand z. B. Selbstzweifel über den Wert der eigenen Arbeit als Symptom und als Ursache, rigides Anwenden von Vorschriften als Symptom und Folge und mangelnde Kommunikation als Ursache und Folge für bzw. von Burnout (Gillespie 1983, zitiert nach Enzmann/Kleiber 1989, 21).

Als weitere mögliche Begründung für die großen Unterschiede in den Definitionen ist nach Burisch eine verengte Forschungsperspektive anzuführen, die auf der bislang überwiegenden Orientierung der Autoren auf Interventionsstrategien beruht (vgl. Burisch 1994, 11).

2.2. Burnout-Konzepte im Vergleich

Um für eine Bewertung der Bedeutung von Burnout für den Lehrberuf eine Grundlage zu schaffen, werden in diesem Abschnitt verschiedene Burnout-Konzepte vorgestellt, diskutiert und verglichen, nachdem sie anhand des Schwerpunktes ihrer jeweiligen Betrachtungsweise kategorisiert wurden (in Orientierung an die Systematik von Enzmann und Kleiber, 1989).

„Die bisherige Burnout-Forschung hat eine Reihe von Burnout-Konzepten und Modellen hervorgebracht, die sich teilweise ergänzen, indem sie unterschiedliche Schwerpunkte setzen und so jeweils Facetten zum Gesamtbild beitragen, sich z.T. aber auch widersprechen, insbesondere in Bezug auf ihre Verortung der Ursachen für Burnout“ (Wagner 1993, 16).

Als möglicher Grund hierfür gilt nach Wagner „die Heterogenität der theoretischen Ausgangspositionen“ der einzelnen Autoren und Autorengruppen (vgl. ebd.).

Um eine Ordnung in die Vielfalt der Konzepte hineinzubringen, schlagen Enzmann und Kleiber (1989) vor, die Ansätze nach den jeweiligen vermuteten Verursachungszusammenhängen folgendermaßen zu kategorisieren:

1. individuenzentrierte Ansätze, die auf (klinisch-) psychologischen Theorien und Methoden basieren,
2. arbeits- und organisationsbezogene Ansätze, die einer sozialpsychologischen Perspektive folgen und
3. sozialwissenschaftliche Ansätze, die einen soziologischen Zugang suchen.

Es wäre nun allerdings falsch, anzunehmen, die individuenzentrierten Ansätze gingen lediglich auf die Persönlichkeitsmerkmale des Individuums ein, während die arbeits- und organisationsbezogenen Ansätze sich ausschließlich mit dem Arbeitsumfeld befaßten. Vielmehr ist es so, daß in nahezu allen Konzepten individuelle, mikro- und makrosoziologische Determinanten Berücksichtigung finden, allerdings in unterschiedlichen Gewichtungen (vgl. Enzmann/Kleiber 1989).

Fragt man nach der Gewichtung der Kategorien untereinander, so ist festzustellen, daß der arbeits- und organisationsbezogene Ansatz am häufigsten gewählt und am intensivsten untersucht wird, wohingegen die anderen beiden Kategorien bisher bei der Untersuchung des Burnout-Syndroms weniger Beachtung gefunden haben.

Bei der folgenden Darstellung der genannten Konzepte wird versucht, jeweils innerhalb der Kategorie die Fragen zu klären, wie Burnout definiert wird, worin die Ursachen für Burnout liegen und was mögliche Folgen sind.

2.2.1. Individuenzentrierte Ansätze

Individuenzentrierten Ansätzen und Konzepten ist gemeinsam, daß sie bei den persönlichen, teilweise unbewußten Erwartungen oder Motivationen von Personen in sozialen Berufen ansetzen. Das Ausbrennen wird mit deren individuellen Strategien im Umgang mit Belastungen erklärt oder mit deren Unfähigkeit, ihre Erwartungen an die Realität anzugleichen.

Ausgebrannte bzw. ausbrennende Personen verdoppeln bei Belastungen ihre Anstrengungen. Sie verlassen weder die Situation noch geben sie ihre Ideale auf oder reduzieren sie, sondern arbeiten noch angestrengter. Gleichzeitig idealisieren sie ihre Arbeit und messen ihr eine übermäßige Bedeutung bei, um sie als Ausweis ihrer eigenen Wichtigkeit zu benutzen. Sie arbeiten immer härter und werden zynisch, verleugnen aber gleichzeitig ihre eigene Hilfsbedürftigkeit (vgl. Freudenberger/Richelson 1980; Fisher 1983; Edelwich/Brodsky 1984).

2.2.1.1. Edelwich & Brodsky

Edelwich und Brodsky, die ihre empirische Basis anhand von Fallstudien und Interviews gewonnen haben, bringen das Burnout-Phänomen in ein Verlaufs- oder Phasenmodell. Sie definieren Burnout als: „...den zunehmenden Verlust an Idealismus und Energie [...], den die in den helfenden Berufen Beschäftigten als Folge der Arbeitsbedingungen erfahren“ (Edelwich/Brodsky 1984, 12).

Den Verlaufsprozeß des Ausbrennens unterteilen sie in vier Stadien, die sie als ‚Stadien der Desillusionierung‘ bezeichnen:

1. Enthusiasmus
2. Stagnation
3. Frustration
4. Apathie.

Der Helfer durchläuft diesen von Enttäuschungen geprägten Prozeß der zunehmenden Desillusionierung mit anfänglichem Enthusiasmus. Diese erste Stufe ist durch große Hoffnungen und unrealistische Erwartungen gekennzeichnet, wobei die größten Risiken dieser Phase in einer Überidentifikation mit Klienten und exzessiver, ineffektiver Verausgabung an Energie liegen (vgl. ebd., 59ff.).

Die zweite Phase ist die der Stagnation. „Die Stagnation ist einerseits ein Zwischenstadium im Prozeß der desillusionierten Anpassung an die Realität der Arbeitsbedingungen, andererseits trägt sie in den Formen der Anpassung an diese bereits Symptome des Burnout“ (Wagner 1993, 26).

Dem Helfer wird bewußt, daß die von ihm an den Beruf gestellten Erwartungen nicht erfüllbar sind.

Auch werden Lebensbereiche, die bisher oft vernachlässigt wurden (z. B. Familie), wiederentdeckt und die Relevanz der Arbeit wird neu definiert. „Man hat zwar noch seine Arbeit, aber die Arbeit rechtfertigt nicht länger die Vernachlässigung persönlicher Bedürfnisse“ (Edelwich/Brodsky 1984, 68).

Neben dieser im Kern positiven Entwicklung, kommt es jedoch auch zu Unzufriedenheit mit Aspekten der Arbeitssituation. Zu nennen sind hier Überstunden, niedrige Bezahlung, mangelnde Aufstiegsmöglichkeiten u. ä. (vgl. ebd., 68f.).

Die dritte Stufe nennen Edelwich und Brodsky das Stadium der Frustration.

„Frustration ist der Kernpunkt des Burnout“ (ebd., 107). In dieser Phase wird dem Helfer klar, daß die Realität seines Berufes mit den ursprünglichen Vorstellungen sehr wenig gemein hat. Es stellen sich Gefühle von Machtlosigkeit ein und die eigene Effektivität wird in Frage gestellt. Gleichzeitig wird die Einschätzung vorgenommen, daß die Einrichtung den Klientenbedürfnissen nicht gerecht wird (vgl. ebd., 107f.). Die anfänglich nur von Zeit zu Zeit erlebte Enttäuschung wird zu einem Dauerzustand.

Zum ersten Mal erlebt der Helfer seine Situation als krisenhaft. Sein Bewältigungsverhalten trägt nun die eigentlichen Symptome des Burnout, die sich in verschiedenen Arten der Flucht ausdrücken. Krankfeiern, dem Klienten aus dem Weg gehen und das Greifen nach Suchtmitteln aller Art sind nur einige, die vorstellbar sind.

Edelwich und Brodsky zeigen noch zwei weitere Formen des Umgangs mit Frustration auf. Zum einen wird versucht, durch noch mehr Engagement der Frustration entgegenzuwirken, was dann dazu führt, daß der Helfer wieder in den Prozeß der Desillusionierung eintritt (s. Stadium 1). Nach erneutem Durchlaufen der Stadien wird er bald wieder in der Phase der Frustration angelangt sein. Der lineare Prozeß wird somit also zu einem Zyklus.

Die andere Form des Umgangs mit Frustration, die Edelwich und Brodsky hervorheben, beschreibt, daß der frustrierte Helfer versucht, durch Fortbildung o.ä. Zugang zu einer Position mit mehr Kompetenzen zu gelangen. Diese Veränderung garantiert zunächst eine verbesserte Berufssituation mit neuen Aufgaben und Herausforderungen, birgt aber gleichzeitig neue Frustrationsquellen, zumal sich die institutionellen Strukturen an sich nicht verändern (vgl. ebd., 109ff.)

Edelwich und Brodsky zufolge bietet das Stadium der Frustration eine gute Chance, dem Teufelskreis Burnout zu entkommen. Entweder sie wird zum Wendepunkt, oder es droht das ‚Endstadium‘, die Apathie.

In diesem Endstadium des Burnout schützt sich der Helfer vor weiterer Enttäuschung und Frustration durch Zynismus, emotionalen Rückzug und Vermeidung von Klientenkontakten. Er gibt all seine ursprünglichen Ziele und die Hoffnung auf Veränderung auf. Der Helfer resigniert vollkommen, weil er meint, durch das eigene Tun nichts positiv bewirken zu können. Edelwich und Brodsky sprechen in diesem Zusammenhang auch von einer „moralischen Gleichgültigkeit“ (ebd., 183).

Befindet sich ein ganzes Team in diesem Stadium, so handelt es sich den Autoren zufolge um ‚Gruppenapathie‘, die eine große Gefahr für Berufseinsteiger in sich birgt. Ein apathisches Team kann den Prozeß der Desillusionierung des Einzelnen immens beschleunigen, indem es den Berufsanfänger über kurz oder lang in seine eigene Apathie hineinzieht (vgl. ebd., 193ff.).

2.2.1.2. Freudenberger (& Richelson)

Freudenberger, ein praktizierender Psychoanalytiker, begriff Burnout ursprünglich als „...versagen, abnutzen oder erschöpfen durch außerordentliche Verausgabung an Energie, Kraft oder Ressourcen“ (Freudenberger 1974, 159). Dies präzisiert er allerdings in einer späteren Arbeit, indem er schreibt: „Ein Ausbrenner ist ein Mensch im Zustand der Ermüdung, der Frustration. Sie wird hervorgerufen, wenn sich der Betroffene auf einen Fall, eine Lebensweise oder eine Beziehung einläßt, die den erwarteten Lohn nicht bringt“ (Freudenberger/Richelson 1983, 34). Weiter heißt es: „Ausbrennen bedeutet: sich entleeren. Die eigenen körperlichen und seelischen Reserven erschöpfen. Sich selbst bei dem Versuch zerstören, unter Aufbietung aller Kräfte unrealistische Erwartungen zu verwirklichen, die selbstgesetzt oder vom Wertsystem der Gesellschaft aufgezwungen sind“ (ebd., 38).

Eine solche Enttäuschung tritt auch dann unweigerlich auf, wenn zwar ein realistisches Ziel angestrebt wird, dieses allerdings mit einer unrealistisch hohen Belohnungserwartung verknüpft ist (vgl. ebd., 40). Freudenberger betont also allgemein die Bedeutung enttäuschter unrealistischer Erwartungen.

Hier wird eine Ähnlichkeit zu dem Konzept von Edelwich und Brodsky deutlich, in dem ebenfalls unrealistische Erwartungen der Helfer und die daraus resultierenden Enttäuschungen in den Vordergrund gestellt werden (s.2.2.1.1).

Laut Freudenberger sind vorwiegend die Besten und Erfolgreichsten prädestiniert auszubrennen. „Das Ausbrennen beschränkt sich hauptsächlich auf die dynamischen, charismatischen und zielstrebigen Männer und Frauen, auf jene ausgemachten Idealisten, die die beste aller Ehen und die blendendsten aller Arbeitsresultate vorweisen wollen, deren Kinder die liebenswertesten und deren Familie die beste von allen sein soll“ (ebd.).

Diese Einschätzung vertreten auch andere Burnout-Forscher, wie z. B. Aronson, Pines und Kafry (1983; s. a. 2.2.2.1)

Genau wie Edelwich und Brodsky versteht auch Freudenberger Burnout als einen Prozeß, der allerdings nicht aus vier (s. Edelwich/Brodsky 1984; s. a. 2.2.1.1), sondern nur aus zwei Stadien besteht:

1. empfindendes Stadium,
2. empfindungsloses Stadium.

Der Beginn des Ausbrennens wird vom Betroffenen - nach Freudenberger - meist nicht wahrgenommen (vgl. Freudenberger/Richelson 1983, 34). In der empfindenden Phase - gekennzeichnet von chronischer Müdigkeit und dem Versuch, diese durch Zynismus und Gleichgültigkeit zu kompensieren - geraten die Betroffenen in einen Zustand erhöhter Reizbarkeit. Halten sie an ihren Ansprüchen fest, so steigern sie sich in diesem Stadium in Allmachtsphantasien und erleben ein von Mißtrauen geprägtes Gekränktsein. Es tritt ein Zustand kognitiver Erschöpfung ein, der durch Orientierungs-, Denk- und Konzentrationsstörungen gekennzeichnet ist. Gleichzeitig können psychosomatische Beschwerden und sogenannte lokalisierte (nur einen Lebensbereich betreffende) Depressionen auftreten (vgl. ebd., 63ff.)

Im empfindungslosen Stadium ist Burnout - nach Freudenberger - geprägt von der impliziten Weigerung, zuzugeben, daß etwas nicht in Ordnung ist, und vom totalen Verdrängen der Gefühle als letzte Konsequenz der Kompensationsversuche im Verlauf des Burnout-Prozesses (vgl. ebd., 82ff.).

Freudenberger sieht als wesentliche Ursache für Burnout den rapiden gesellschaftlichen Wandel, der sich unter anderem in der Auflösung von alten Zwängen und Tabus, Hedonismus und dem Verlust von verwandtschaftlichen und nachbarschaftlichen Bindungen zeigt. Der Autor spricht in diesem Zusammenhang von einem „Klima der Verunsicherung“, „in dem sich das Phänomen des Ausbrennens [...] gut entwickeln kann“ (ebd., 25).

Auch wenn Freudenberger die Ursache des Burnout in gesellschaftlichen Veränderungen verortet, kann man sein Burnout-Konzept dennoch wegen seiner starken Betonung der unrealistischen Erwartungen und des Überengagements der Helfer unter die individuenzentrierten Ansätze einordnen (vgl. Freudenberger/Richelson 1983).

2.2.1.3. Fisher

Fisher betrachtet - wie Freudenberger - Burnout aus psychoanalytischer Perspektive. Er stützt sich auf Freudenbergers Fallbeschreibungen von ‚Ausgebrannten‘ und zieht darüber hinaus noch drei Fälle aus seiner eigenen psychoanalytischen Praxis hinzu.

Fisher sieht die Ursachen des Burnout im Bereich der Persönlichkeit des Individuums, da nicht jeder, der unter stressenden und belastenden Bedingungen arbeitet, Symptome des Burnout entwickelt (vgl. Fisher 1983, 41).

Fishers Ansatz bietet keine explizite Definition. Es wird jedoch deutlich, daß er Burnout als ein Phänomen verstanden wissen will, das bei Menschen auftritt, die eine narzißtisch gestörte Persönlichkeitsstruktur haben.

Während Freudenberger Burnout als Ergebnis „zerstörerischer Überanstrengung“ sieht (vgl. Freudenberger/Richelson 1983), versteht Fisher Burnout als Folge einer neurotischen Überidentifikation mit dem Beruf (vgl. Fisher, 42f.).

Der Selbstwert dieser Menschen ist an die Überzeugung geknüpft, etwas Besonderes in ihrem Beruf zu vollbringen und dadurch selber etwas Besonderes zu sein.

Gerät das Selbstbild jedoch durch drohendes berufliches Scheitern ins Wanken, so wird das narzißtisch gestörte Individuum alles, bis hin zur physischen Selbstvernichtung, tun, um der Entdeckung seiner Mittelmäßigkeit zu entgehen.

Fisher zieht eine scharfe Trennlinie zwischen dem Zustand des sogenannten ‚wear-out‘ und dem ‚Burnout‘. Ein von Burnout Betroffener, so wie Fisher ihn sieht, wird nie über Burnout klagen, weil das einem Eingeständnis des eigenen Scheiterns gleich käme. Wer also über Burnout klagt, ist nach Fisher in Wirklichkeit ‚worn-out‘, was soviel wie verschlissen und abgenutzt heißt. Fisher stellt fest: „...die wahren Opfer des Burnout erfüllen ihren Auftrag mit einer märthyrerhaften Einstellung“ (ebd., 43).

Nach Fisher gibt es demzufolge also das unechte Burnout (‚wear-out‘) und das ‚richtige‘ Burnout, wobei er das letztere als das kleinere gesellschaftliche Problem ansieht: „Der Zustand ‚worn-out‘ herrscht vermutlich stärker vor als der des Burnout...“ (ebd., 42).

Fisher kritisiert die umgangssprachliche Verwendung des Begriffes Burnout scharf, indem er davon spricht, daß er oft als Entschuldigung für schlechte Leistungen und als Rechtfertigung für Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen und besserer Bezahlung diene (vgl. ebd., 44). Wagner bemerkt dazu, daß in dieser Übertreibung möglicherweise ein Körnchen Wahrheit stecken mag (vgl. Wagner 1993, 20).

2.2.2. Arbeits- und organisationsbezogene Ansätze

Wie oben bereits erwähnt (s. 2.2), wird der arbeits- und organisationsbezogene Ansatz am häufigsten vertreten. Daher ist die Anzahl der in dieser Kategorie vorgestellten Autoren und ihrer jeweiligen Konzepte größer als in der Kategorie der individuenzentrierten Ansätze.

Die Konzepte, die nach Enzmann und Kleiber (1989) in die Kategorie der arbeits- und organisationsbezogenen Ansätze fallen, nehmen eine Perspektive ein, in der sowohl die Eigenschaften und Besonderheiten der Berufstätigkeit in einem sozialen Beruf als auch die berufliche Umgebung von Bedeutung sind (vgl. Enzmann/Kleiber 1989, 28ff.; Pines/Aronson & Kafry 1983; Maslach/Jackson 1984; Kahn 1978; Cherniss 1980; Bramhall/Ezell 1981; Daley 1979).

2.2.2.1. Aronson, Pines & Kafry

Aronson, Pines und Kafry möchten Burnout in den Forschungsbereich der Sozialpsychologie eingeordnet wissen: „Ausbrennen ist ein sozialpsychologischer Begriff, also etwas anderes als ein klinischer Begriff wie etwa endogene Depression. [...] Beim Ausbrennen konzentriert sich die Suche nach den Ursachen und nach möglichen Bewältigungsmaßnahmen auf die Umwelt. Das Erlebnis des Ausbrennens ist eher in sozialer als in individueller Perspektive zu sehen, [...]“ (Aronson, Pines & Kafry 1983, 46). Hiermit grenzen sie sich deutlich von individuenzentrierten Ansätzen ab.

In ihrem Konzept wird zwischen Ausbrennen (burnout) und Überdruß (Life tendium) unterschieden. Nach Aronson et al. sind Überdruß und Ausbrennen in ihren Symptomen zwar ähnlich, ihrem Ursprung nach aber verschieden.

Überdruß kann aus jeder Art von chronischer Belastung (geistiger, körperlicher und emotionaler Art) entstehen, wohingegen Ausbrennen das Resultat andauernder oder wiederholter emotionaler Belastung im Zusammenhang mit langfristigem, intensivem Einsatz für andere Menschen ist (vgl. ebd., 25).

Zudem stellt Überdruß nach Aronson et al. eine typische Reaktion auf bürokratisch strukturierte Arbeitsvollzüge und Arbeitsumwelten dar, während Burnout ausschließlich in der Arbeit mit Menschen auftritt (vgl. ebd., 77).

Erschöpfung ist der zentrale Terminus in der Symptomatik dieses Konzeptes. Sie kann nach Aronson et al. auf verschiedenen Ebenen erscheinen:

- körperliche Erschöpfung
- emotionale Erschöpfung
- geistige Erschöpfung.

Die körperliche Erschöpfung zeigt sich durch Energiemangel und chronische Müdigkeit. Gleichzeitig kann es zu Schlaflosigkeit, häufigen Kopfschmerzen und einer allgemeinen Anfälligkeit für Krankheiten kommen.

Merkmale der emotionalen Erschöpfung sind Gefühle der Depression, Hilflosigkeit und Leere, Entmutigung, Reizbarkeit, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung.

Die geistige Erschöpfung ist gekennzeichnet durch negative Einstellungen zum Selbst, zum eigenen Leben und zu anderen Menschen (Dehumanisierung). Der Ausgebrannte ist unglücklich, fühlt sich wertlos und zurückgewiesen. Er ist über andere Menschen verärgert oder enttäuscht. Er entwickelt Zynismus anderen Menschen gegenüber. (vgl. ebd., 27ff.)

Die angesprochene Dehumanisierung gilt als eines der bedeutsamsten Burnout-Symptome und bezeichnet den Verlust der Empathiefähigkeit und die emotionale Abstumpfung im Umgang mit Klienten (Schüler, Patienten, u. a.) (vgl. Wagner 1993, 32). Auch andere Forscher beziehen dieses Symptom in ihr Burnout-Konzept mit ein (vgl. Maslach/Jackson 1978).

Aronson et al. gehen davon aus, daß Burnout vor allem die Menschen betrifft, die „einmal besonders begeisterungsfähig und idealistisch waren. Wir [Aronson et al.; A. d. V.] haben immer wieder gefunden, daß ein Mensch einmal ‚entflammt‘ gewesen sein muß, um ausbrennen zu können“ (Aronson et al. 1983, 13). Dies ähnelt der bereits im Kapitel 2.2.1.2 beschriebenen Ansicht Freudenbergers, daß es häufig die „Besten und Erfolgreichsten trifft“ (Freudenberger/Richelson 1983, 40).

Die Ursachen von Ausbrennen und Überdruß sehen Aronson et al. in der Umwelt eines Menschen (vgl. Aronson et al. 1983, 44), wobei sie nicht ausschließen, daß Persönlichkeitsmerkmale ebenfalls Einfluß auf die Entstehung von Burnout haben: „Individuelle Unterschiede beeinflussen auch Überdruß und Ausbrennen. Die Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse und verschiedene Ansichten über das Leben; sie beurteilen Streß aller Arten unterschiedlich und sind mehr oder weniger fähig, ihn zu bewältigen. Alle diese und noch andere intervenierende Variablen beeinflussen, wann das Ausbrennen einsetzt, wie lange es anhält und wie schwerwiegend seine Folgen sind. „ (ebd., 44).

Aronson et al. sehen einen Zusammenhang zwischen Streßbewältigungsstrategien und Burnout. Sie unterscheiden zwischen direkten Strategien, die sich gegen die Streßfaktoren richten und indirekten Bewältigungsversuchen, d.h. Strategien, die das Verhalten bzw. die Emotionen der Person verändern. Im folgenden Schema sind ausgebrannte Menschen insbesondere in den Feldern der direkt-inaktiven und indirekt-inaktiven Reaktionsformen zu finden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Aronson et al. 1983, 181)

„Seine Ursachen [die des Burnout; A. d. V.] dagegen sind in den meisten Fällen nicht in der Persönlichkeit, sondern in deren Umwelt zu suchen“ (ebd., 44).

Umweltfaktoren sind laut Aronson et al. im wesentlichen Streß und Unzufriedenheit hervorrufende Arbeitsbedingungen wie Überforderung, Rollendruck und Rollenambiguität (Rollenunklarheit), zu hohe Verantwortung, gleichförmige Routine, Mangel an Autonomie, fehlendes Feedback, fehlende soziale Unterstützung, schlechte Ausbildung und ungenügende Bezahlung (vgl. ebd. 1983, 45f.).

Als Puffer gegen das Ausbrennen sehen die Autoren z. B. Vielseitigkeit der Arbeit, Autonomie und Bedeutung innerhalb der Arbeitsumwelt (vgl. ebd.).

Die Abgrenzung zwischen Überdruß und Burnout, die Aronson et al. treffen, wird häufig als willkürlich kritisiert: „Diese Unterscheidung ist undeutlich bis widersprüchlich: Sowohl Überdruß als auch Burnout werden deskriptiv, d.h. über die Symptomatik definiert und über die Symptome wieder zusammengeführt“ (Wagner 1993, 34). Auch Maslach und Jackson äußern sich bezüglich dieser Differenzierung ablehnend: „Den Begriff Burnout für die helfenden Berufe zu reservieren und dasselbe bei anderen Berufen Überdruß zu nennen, scheint eine oberflächliche Unterscheidung zu sein, die keine Einsicht in die grundlegenden Phänomene liefert“ (Maslach/Jackson 1984, 140).

2.2.2.2. Maslach & Jackson

Maslach und Jackson haben einige Zeit zu der Forschergruppe um Ayala Pines (s. a. 2.2.2.1, Aronson, Pines und Kafry) gehört. Somit ist es nicht weiter verwunderlich, daß sie sich ebenfalls der sozialpsychologischen Forschungsperspektive verpflichtet haben. Auch die Konzepte der genannten Autoren stimmen in Teilen überein (vgl. Maslach/Jackson 1978; Aronson et al. 1983; s. a. 2.2.2.1).

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Details

Seiten
88
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783656980896
ISBN (Buch)
9783867464123
Dateigröße
944 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v185524
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1
Schlagworte
burnout lehrerinnen lehrern arbeitsschwerpunkt geistigbehindertenpädagogik eine literaturstudie

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Titel: Burnout bei Lehrerinnen und Lehrern mit dem Arbeitsschwerpunkt Geistigbehindertenpädagogik