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Die Unternehmung im Netzwerk von Verträgen - Institutionentheoretisch basierte Analyse einer Existenzgründung in der deutschen Biotechnologie

Diplomarbeit 1998 85 Seiten

BWL - Unternehmensgründung, Start-ups, Businesspläne

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1. Branchenporträt deutsche Biotechnologie
1.1 Definitionen, Zielsetzungen, Fragen
1.2 Rahmenbedingungen
1.3 Marktstruktur
1.3.1 Zahl und Größe der Wettbewerber
1.3.2 Markteintrittsbarrieren
1.4 Marktverhalten
1.5 Marktergebnisse

2. Ökonomische Theorie und eigene Methodik
2.1 Abriß über die Entwicklung des Akteursbildes von der Neoklassik bis zum Netzwerkansatz
2.2 Elemente der Neuen Institutionenökonomik
2.2.1 Sachdienliche Aspekte von Property-Rights-, Transaktionskosten- und Principal-Agent-Theorie
2.2.2 Probleme in Kooperationsbeziehungen und Lösungen aus Sicht der Neuen Institutionenökonomik
2.2.3 Funktionen und Formen von Verträgen
2.2.4 Exkurs: Relevante Charakteristika von Netzwerken
2.3 Methodisches Vorgehen

3. Produktionsfaktoren und verbundene Vereinbarungen
3.1 Kapital
3.3.1 Klassisch: Kapitalmarkt und Kredit
3.3.2 Neoklassisch: Venture Capital
3.2 Technologisches Wissen
3.2.1 Kooperationsverträge
3.2.2 Lizenzverträge
3.2.3 Kaufverträge
3.2.4 Arbeitsverträge

4. Schlußbetrachtung und Kritik
4.1 Schlußbetrachtung
4.2 Ergebnisse und Kritik der Vorgehensweise

Anhang I

Anhang II

Literaturverzeichnis

ABSTRACT

In der Arbeit werden aktuelle Beschaffungsoptionen einer Biotech-Firma in Deutschland analy- siert. Im Vordergrund stehen Kapital und Technologie. Als theoretische Hilfsmittel werden Insti- tutionenökonomik und Netzwerktheorie eingesetzt. Die Arbeit beinhaltet ein zeitnahes Bran- chenporträt. Im Ergebnis wird deutlich, daß die Biotechnologie bislang in herkömmlichen wirt- schaftlichen Koordinationsformen verharrt und daß Politik bei der Entstehung dieses Marktes eine entscheidende Rolle spielt.

[Reintext: 436 Zeichen]

Einleitung

»In den Suks hingegen ist der Preis, der zuerst genannt wird, ein unbegreifliches Rätsel. Niemand weiß ihn vorher, auch der Kaufmann nicht, denn es gibt auf alle Fälle viele Preise. Jeder von ihnen bezieht sich auf eine andere Situation, einen anderen Käufer, eine andere Tageszeit, einen anderen Tag der Woche. Es gibt Preise für einzelne Gegenstände und solche für zwei oder mehrere zusammen. Es gibt Preise für Fremde, die nur einen Tag in der Stadt sind, und solche für Fremde, die hier schon drei Wochen leben. Es gibt Preise für Arme und Preise für Reiche, wobei die für die Armen natürlich die höchsten sind. Man möchte meinen, daß es mehr verschiedene Arten von Preisen gibt als verschiedene Menschen auf der Welt.«

Elias Canetti: Die Stimmen von Marrakesch

Eine Diplomarbeit ist eine Dokumentation des Aufeinandertreffens der studierten Theorie mit einem realen Gegenstand. Insofern ist sie Prüfung und Evaluierung für das zurück-gelegte Studium: Welchen Nutzen hat das Gelernte in der Anwendung auf (bis dato häufig nur abstrakt behandelte) konkrete Objekte? Und finden die Wirtschaftsakteure diese Reflexion hinreichend reell, sachgerecht und interessant, um daraufhin Berufsoptionen anzubieten? Denn dazu soll diese Diplomarbeit schließlich dienen: zu einem - seit Beginn des Studiums 1993 wesentlich schwieriger gewordenen - Einstieg ins Berufsleben zu verhelfen. Um sich diesem Ziel zu nähern, war es für mich nötig, zu warten, zu taktieren, sich in vielerlei Hinsicht sachte opportunistisch zu verhalten. Allen, die auf Seiten der Universität mit diesem Verhalten konfrontiert waren und es akzeptiert haben, ohne ihre Aufgeschlossenheit deshalb in Frage zu stellen, danke ich.

Im Verlaufe der Wartezeit haben sich nicht nur faktische Veränderungen und Entwick-lungen in der Situation „meines“ Gründungsunternehmens vollzogen. Auch ich habe meinen Standpunkt zu diesem und zu meiner Diplomarbeit mit jeder neuen Nachricht

- sei es eine über den Fortgang der Vertragsverhandlungen oder eine über Wirtschafts- wissenschaft durch neu gelesene Bücher/Aufsätze - ständig revidiert. Insofern habe ich einen evolutionären Prozeß erlebt mit all seiner Ergebnisunsicherheit und schwer erträglichen Offenheit. Diese bestünde auch weiter, wenn ich das anscheinend Unentscheidbare nicht entschieden hätte: Ich wollte die Verträge eines Unternehmens der Grünen Biotechnologie in Deutschland analysieren - Kooperations-, Finanzierungs-, Kauf-, Gesellschaftsverträge etc. Weil die Verhandlungen zwischen „meinem“ Gründungs- unternehmen und seinen Partnern sich im Verlaufe des Frühjahrs immer und immer noch hinzogen, beschlossen wir, statt dessen auf das Vertragswerk eines bereits bestehenden Unternehmens derselben Branche zuzugreifen. Dieses versagte allerdings schnell und schneidend seine Bereitschaft zu dieser Kooperation. Zur Entscheidung standen nun:

(a) weiter nach einem Vertragswerk suchen, das Gegenstand der Arbeit werden könnte, oder (b) eine Arbeit ohne praktischen Prüfstein, dafür aber zeitnah zu schreiben.

Die wirtschaftswissenschaftliche Literatur, die mir im Verlaufe der zurückliegenden Monate durch Hände und Kopf ging, konzentrierte sich gegen Ende Mai auf die vorliegende Auswahl und erlaubte mir erste klare Gedanken darüber, was ich machen will und kann. Angefangen hatte alles mit der vagen Idee, womöglich die Preisfindung und Preisbildung für Produkte der Grünen Biotechnologie in Deutschland eruieren zu wollen. Diese geriet das erste Mal ins Wanken, als die Gründer signalisierten, daß sie vorerst viel mehr Interesse an einer kritischen Durchsicht ihrer Verträge haben als an Prognosen über Preise für noch nicht existente Produkte. Also stellte ich Bücher über Pricing und Preisbildung weg und suchte neue unter dem Stichwort „Vertragstheorie“. Hierbei stieß ich auf die Institutionenökonomik. Darin liegt für mich der größte Wissensgewinn an dieser Arbeit. Ich habe ein Theoriefeld entdeckt, mit dem ich mich im Präsenzstudium nicht beschäftigt habe (und für das, nebenbei bemerkt, Außenwirtschaftstheorie mitnichten ein gleichwertiges Substitut darstellen kann). Dadurch sind mir Entwicklungs-linien und Zusammenhänge der ökonomischen und Organisationstheorie deutlich geworden, von denen ich zuvor wenig wußte. Mit dem Lesen von Autoren der Institutionenökonomik realisierte ich, daß ökonomische und Organisationstheorien sich partiell vermischen und aufeinander zulaufen, sich gemeinsam weiterentwickeln. Ich stellte fest, daß überall verstärkt verhaltensbasierte und soziologische Einflüsse wirken, was dazu beiträgt, die Theorien schärfer auf den tatsächlichen Menschen und seine Interessen zu fokussieren. In einem derartig erweiterten Rahmen der Betrachtung sind Preise nicht mehr das einzig allokationsbestimmende Moment, sondern nur noch ein wichtiges Detail von vielen.

Erst diese Erkenntnisse ermöglichten es mir, in der theoretischen und gedanklichen Arbeit einen Punkt zu setzen. Sicherlich wird auch diese Wissensposition wieder eine vorläufige sein - sie ist jedoch aus meiner Sicht hinreichend absolut, um eine Diplomarbeit darauf zu gründen. Geleitet von der neoklassischen, neoinstitutionellen und den Anklängen einer Netzwerk-Theorie diskutiere ich in dieser Arbeit die Inputs, welche zum Gründen einer Biotechnologie-Firma notwendig sind. Für jeden Faktor müssen die Gründer aus bestimmten Gründen spezifische Verträge abschließen. Die Summe der Verträge oder besser der darin vereinbarten Commitments und Restriktionen begrenzt die Handlungs-möglichkeiten der Firma final. Diese Betrachtungsweise bringt das mit sich, was Journalisten „W-Fragen“ nennen: Wer? Was? Wo? Wann? Warum? Was ist entscheidend für die Beteiligten? Warum wird etwas gerade so und nicht anders vereinbart? Welche Rolle spielen Zeit und Ort in diesem Puzzle? Welche Folgen bedingt ein derartiges Verhalten? Auf einer zweiten Ebene dieser Arbeit stelle ich mir erneut eine W- Frage: Wie nützlich sind die verschiedenen ökonomischen und Organisationstheorien im Hinblick auf meine Fragestellung? Ich versuche, mir darüber klar zu werden, welche Theorie zutreffende Aussagen über das Akteursverhalten und die realen Umweltzustände ermöglicht, und ob meine Vorgehensweise zu (brauchbaren) Ergebnissen führt.

Nun könnte einer sagen, diese Fragen seien derartig unneu, daß ich damit das Rad zum ‘zigsten Male erfände. Darauf würde ich gegebenenfalls erwidern, daß zwar am Ende augenscheinlich immer nur ein Rad steht. Für mich macht es aber einen großen Unterschied, ob ich dieses Rad einfach auf irgendeinem Markt entdeckt und gekauft oder ob ich es tatsächlich selbst neu erfunden habe.

Michael Steinmetzer

1. Branchenporträt deutsche Biotechnologie

1.1 Definitionen, Zielsetzung, Fragen

In diesem Kapitel soll die aktuelle Situation jener Branche dargestellt werden, die gemeint ist, wenn von „der Biotechnologie“ die Rede ist. Um das Objekt ausmachen zu können, muß es von anderen unterschieden werden. Zweckdienlich ist es deshalb, zunächst „Gentechnologie“ zu definieren: Der Begriff verklammert die Charakterisierung und Isolierung von genetischem Material zum Zwecke der Bildung neuer Kombinationen genetischen Materials sowie zum Zwecke der Wiedereinführung und Vermehrung des neukombinierten Erbmaterials in anderer biologischer Umgebung.[1] Gentechnologie steht für ein Bündel von Methoden, die ihren Ursprung gleichermaßen in der Biologie, der Biochemie und der Molekulargenetik haben können, und die das zielgerichtete genetische Verändern von Zellen bewirken. Daneben können auch Zellfusionstechniken zur genetischen Veränderung von Organismen angewendet werden. Wo immer eines dieser beiden Verfahren im Umgang mit genetischem Material benutzt wird - sei es bei Viren, Bakterien, Hefen, Pflanzen, tierischen oder menschlichen Zellen -, wird dies als (neue) Biotechnologie bezeichnet.[2] Nur sie ist gemeint, wenn im folgenden von Biotechnologie die Rede ist.[3] Zuweilen wird Biotechnologie als „rot“ oder „grün“ attributiert. Mit roter Biotechnologie ist die Anwendung gentechnischer Verfahren im Zusammenhang mit medizinischer Forschung gemeint; von grüner Biotechnologie spricht man, wenn Gentechnologie in Landwirtschaft, Lebensmittelindustrie oder Umwelttechnologie eingesetzt wird.

Das biotechnologische Verfahrenswissen bildet den Grundstein für einen neuen Industriezweig. Er kam Anfang der achtziger Jahre in den USA auf, wo zwischen 1976 und 1983 rund einhundert neue Biotech-Firmen gegründet wurden.[4] Anfang der neunziger Jahre erreichten die ersten, meist in Kooperationen mit amerikanischen Firmen gentechnisch hergestellten Medikamente den deutschen Markt. Neben Deutschland hatten sich auch andere europäische Länder der raschen Entwicklung dieser Technologie in den USA gegenüber zunächst skeptisch verhalten, was dazu führte, daß nun eine Aufholjagd begonnen hat. „Europe becomes an extremly exciting environment for the next wave of biotechnology“, wird in einer Beilage der amerikanischen Zeitschrift „Nature Bio-technology“ festgestellt.[5] Als einen Grund führt der Autor an, daß mehr als die Hälfte der ultimativen Biotech-Kunden: Pharma-Konzerne ihren Hauptsitz in Europa haben. Drei der in der Alten Welt ansässigen Global Players agieren von Deutschland aus: die Misch-konzerne Hoechst, Bayer und BASF. Von Anfang an sind aber auch mittelständische deutsche Arzneimittelhersteller wie etwa die Grünenthal AG in der Biotechnologie aktiv. Seit etwa 1995 steigt schließlich die Zahl der neugegründeten Biotech- Unternehmen in Deutschland stetig an.

Schon diese grobe Skizze zeigt, daß die deutsche Biotech-Industrie an Profil gewonnen hat. Hinzu kommt die Prognose, daß die Entwicklung sich im kommenden Jahrzehnt noch beschleunigen und daß die Biotechnologie an volkswirtschaftlichem Gewicht gewinnen dürfte.[6] Beides rechtfertigt es, eine Branchenstudie über diesen Industriezweig anzustellen. Unter einer Branchenstudie sei hier die Diagnose der wettbewerblichen Situation in einem Markt verstanden.[7] Eine solche Bestandsaufnahme hat ursprünglich zum Ziel, Möglichkeiten für eine künftige Wettbewerbspolitik aufzuzeigen. Auf diesen Teil der Analyse soll hier verzichtet werden; bestehen bleibt aber der Anspruch, die Situation zu diagnostizieren und Fragen abzuleiten, die im dritten und vierten Kapitel mit Hilfe von Theorie weitestmöglich beantwortet werden.

Eine Branchenstudie beruht auf dem wettbewerbstheoretischen Modell der Industrie-ökonomik, demzufolge sich das Wachstum/die Entwicklung einer Volkswirtschaft in (konzeptionell voneinander abgrenzbaren) Industriebranchen bzw. Märkten vollzieht. Nach diesem Modell sind die Marktergebnisse (market performance) einer Branche maßgeblich von der Marktstruktur (market structure) und vom Verhalten der Markt-teilnehmer (market conduct) geprägt. Die Marktstruktur wird in der Theorie durch die vier Variablen Eintrittsbarrieren, Zahl und Größe der Wettbewerber, Grad der Produkt-differenzierung und Nachfrageelastizitäten charakterisiert.[8]

Die Industrieökonomik aggregiert Firmen zu Industriezweigen. Während die einzelnen Wirtschaftseinheiten nicht differenziert betrachtet werden[9], wird jedoch den Rahmen- bedingungen eine Bedeutung für die Wettbewerbssituation der Industrie zugestanden. Unter Rahmenbedingungen können sämtliche rechtlichen, institutionellen und sozialen Bedingungen (Spielregeln) verstanden werden, die das Handeln der Marktteilnehmer (Spielzüge) beeinflussen.[10]

Im folgenden wird versucht, das vorliegende aktuelle Material über die deutsche Biotech-Branche entlang der vier genannten Punkte zu strukturieren: (1) Rahmenbedingungen,

(2) Marktstruktur, (3) Marktverhalten und (4) Marktergebnisse. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Deutschland. In dem Kapitel soll die (Wettbewerbs-) Situation der Branche dargestellt werden.

Um die Erkenntnisziele der Diskussion zu markieren und die Struktur der folgenden Kapitel nachvollziehbar zu machen, werden hier einige leitende Fragen mitgegeben.

(1) Werden Vertragstypen, Organisationsformen und Businessmodelle erkennbar, die für die Biotech-Industrie spezifisch sind? Welche?
(2) Woher kommt das zur raschen Entwicklung der Biotech-Industrie nötige Kapital?
(3) Wie lösen Biotech-Firmen das Problem der schnellen Entwicklung ihrer wissenschaftlichen Basis?
(4) Welche Erwartungen über die Entwicklung der Biotechnologie existieren? Wie und von wem werden sie kommuniziert?
(5) Wo werden die Biotech-Existenzgründungen von heute in fünf Jahren stehen? Warum?

1.2 Rahmenbedingungen

Rechtliche Regelungen: Deutschland

1975 haben Wissenschaftler auf der Konferenz von Asilomar erstmals Maßgaben für den sicheren Umgang mit der Gentechnik formuliert. Dies hatte in Deutschland Richtlinien zur Folge, die das damalige Bundesministerium für Forschung und Technik erließ. Jedoch bewirkten die anhaltende politische Diskussion und ein Gerichtsurteil, welches eine gesetzliche Regelung für notwendig erachtete, daß 1990 das Gentechnikgesetz (GenTG) verabschiedet wurde. Es korrespondiert mit den EU-Richtlinien über die Verwendung gentechnisch veränderter Mikroorganismen in geschlossenen Systemen und über die absichtliche Freisetzung genetisch veränderter Organismen in die Umwelt.

Vor allem die Interessenverbände der Wirtschaft kritisierten den Zeitaufwand, den die genannten Regulierungen erforderten. Daraufhin wurden sowohl die europäischen Richtlinien als auch das GenTG novelliert. Es gilt heute in der Fassung vom 16. 12. 1993, welche Erleichterungen bezüglich der Sicherheitseinstufungen, Genehmigungsverfahren für Anlagen und Freisetzungsversuche enthält. Grundsätzlich klärt das GenTG besonders Fragen der Errichtung und des Betriebs gentechnischer Anlagen, gentechnischer Arbeiten, der Freisetzung genetisch veränderter Organismen und des Inverkehrbringens von Produkten, die genetisch veränderte Organismen enthalten.

Nicht im GenTG geregelt sind die humangenetischen Anwendungen der neuen Biotechnologie.[11] Für diesen Bereich gilt teilweise das Embryonenschutzgesetz vom 1. Januar 1991. Es verbietet den Eingriff in menschliche Keimbahnzellen, das Klonieren von Menschen und die Konstruktion von Chimären aus Mensch und Tier. Weitere für die deutsche Biotech-Industrie möglicherweise relevante gesetzliche Regelungen können außer in den baurechtlichen Vorschriften auch im Bundesimmissionsschutzgesetz, im Wasser-haushaltsgesetz, im Bundesseuchen- sowie im Chemikaliengesetz enthalten sein. Bei Tierversuchen gilt das Tierschutzgesetz, für die biomedizinische Forschung am Menschen das ärztliche Standesrecht.

Rechtliche Regelungen: Europäische Union

1990 verabschiedete der Europarat Richtlinien über die Anwendung genetisch veränderter Organismen in geschlossenen Systemen (System-Richtlinie) und über die absichtliche Freisetzung genetisch veränderter Organismen in die Umwelt (Freisetzungs-Richtlinie). Seit 1991 gilt zudem eine Pflanzenschutz-Richtlinie, die Zulassen, Inverkehrbringen und Anwenden sowie die Kontrolle von gentechnisch relevanten Pflanzenschutzmitteln regelt. In der Arzneimittel- Verordnung der EU von 1995 ist auch das Zulassungsverfahren für gentechnisch produzierte Arzneimittel vorgeschrieben.

Bis heute umstritten ist die sogenannte Novel-Food-Verordnung, in der die Kennzeichnungspflicht von Lebensmitteln mit genetisch veränderten Inhaltsstoffen geregelt werden soll. Im Frühjahr 1996 hatte das Europäische Parlament die Vorlage der Europäischen Kommission abgelehnt. In Deutschland war die Verordnung auf Kritik gestoßen, weil sie Zusatzstoffe ausklammert und eine Zulassungs- und Kennzeichnungs-pflicht nur dann vorsieht, wenn sich das neue Produkt signifikant vom Vorgänger unterscheidet.[12] Die Novel-Food- Verordnung trat, ohne konkrete Durchführungs-bestimmungen, am 15. Mai 1997 in Kraft.[13] Seit Mai 1998 müssen vorerst zumindest Lebensmittel gekennzeichnet werden, die gentechnisch verändertes Erbmaterial von Mais oder Soja enthalten.[14]

Das Europäische Patentübereinkommen (EPÜ) von 1977 stellt europaweiten Patentschutz auch in Nicht-Mitgliedsländern sicher. Es verbietet in den Artikeln 53a/b die Patentierung von Pflanzensorten, Tierrassen und vorwiegend biologischen Verfahren. Die Europäische Kommission wollte eine Angleichung der europäischen Patentierungspraxis an die USA und Japan erreichen, wo oben genanntes möglich ist. Allerdings lehnte das Europäische Parlament nach siebenjähriger Diskussion diesen Richtlinienentwurf 1995 endgültig ab. Die wichtigsten Einwände dagegen waren:

- Der Richtlinienentwurf verwische die Grenze zwischen patentfähigen Erfindungen und nicht patentierbaren Entdeckungen.
- Er schließe die Patentierung von Keimbahntherapien und somit den Eingriff in das menschliche Erbgut nicht aus.
- Er stelle nicht sicher, daß auch künftig Tiere gezüchtet werden können, ohne daß die Züchter dafür Lizenzen von Patentinhabern bräuchten.[15]

Zentrale Kommission für die Biologische Sicherheit (ZKBS)

Die ZKBS ist beim Bundesgesundheitsamt in Berlin angesiedelt. In ihr haben neben zehn Sachverständigen - meist sind das Wissenschaftler des Robert-Koch-Instituts - auch Ökologen, Gewerkschafter und Umweltschützer Sitz und Stimme.[16] Ihre Aufgaben sind Prüfung und Bewertung sicherheitsrelevanter Fragen nach dem Gentechnik-Gesetz. Jedoch beschränkt sich die Wirksamkeit der ZKBS auf beratende und empfehlende Tätigkeiten. Zulassungsentscheidungen werden je nach Art des Vorhabens von den Bundesbehörden/Bundesgesundheitsamt, von den Landesbehörden und/oder den Bundesforschungsanstalten getroffen, nachdem die obligate Stellungnahme der ZKBS vorliegt.[17]

Forschungs- und Technologiepolitik

Die staatliche Förderung der Biotechnologie konzentriert sich in Deutschland beim Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMBF). Dessen Entwicklungspolitik verfolgt hauptsächlich drei Ziele: (1) Ausbau der biotechnologischen Forschungsinfrastruktur; (2) Intensivierung des Informations-austausches zwischen öffentlicher und privater Forschung; (3) Verbesserung der Bedingungen für die kommerzielle Verwertung von Forschungsergebnissen.[18]

Biotechnologische Forschung findet in Deutschland an 450 Hochschulinstituten, sechs Großforschungseinrichtungen, 28 Max-Planck-Instituten, vier Fraunhofer-Instituten, 15 Einrichtungen der Blauen Liste sowie an 17 Bundes- und Landesforschungseinrichtungen statt.[19] Die wichtigste und ausschließlich auf Biotechnologie ausgerichtete Institution ist die Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (GBF) in Braunschweig mit einem Jahresetat von 74 Mio. DM (1994). Einen zweiten Schwerpunkt biotechnologischer Forschung in der Bundesrepublik stellen die Genzentren dar. Sie sollen nicht nur die Forschung beschleunigen, sondern auch den Informationsaustausch zwischen industrieller und akademischer Forschung intensivieren. Deshalb treten hier neben dem BMBF auch die Länder, die Max-Planck-Gesellschaft und die Industrie als Träger auf. Genzentren gibt es seit 1982 in Heidelberg, Köln und München.[20] Zur Förderung der kommerziellen Verwertung von Forschungsergebnissen und zur Attraktivierung Deutschlands als Standort für Biotechnologie legte das BMBF diverse Förderprogramme auf. Ein Überblick über die aktuellen Fördermöglichkeiten findet sich im Anhang I.

Risikokapital

Ein wichtiger Faktor für die Entwicklung von Teilen der Biotech-Branche ist die Verfügbarkeit von Risikokapital. Diese wurde in der öffentlichen Diskussion lange als mangelhaft eingestuft und für das zögerliche Verhalten von deutschen Existenzgründern veranwortlich gemacht. Das BMBF legte deshalb das Programm „Beteiligungskapital für kleine Technologieunternehmen (BTU)“ auf. Dazu gründete die Deutsche Ausgleichsbank 1989 eine Tochter, die Technologie- Beteiligungs-Gesellschaft mbH (tbg). Diese tritt bei Vorhandensein eines Leadinvestors, der die Prüfung des Businessplanes und die Managementunterstützung des gründenden Technologieunternehmens besorgt, mit stillen und offenen Beteiligungen als Co-Finanzier auf. Diese Beteiligungen sind fest verzinst und binnen zehn Jahren zurückzuzahlen. Über Bürgschaften des BMBF bzw. des Bundes kann die tbg bzw. die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) sogar teilweise Ausfälle für die Leadinvestoren übernehmen (Risikoübernahmen bis zu 50 Prozent), was die Attraktivität dieses Förderprogramms weiter erhöht.[21] Das BMBF bemüht sich inzwischen zusätzlich darum, Private Placements in Deutschland zu erleichtern und zu unterstützen.[22] Die sogenannten „Business Angels“ sollen besonders bei der Überbrückung der Seed-Phase mit Geld und Rat helfen.

Die Mitgliedsunternehmen des Bundesverbandes Deutscher Kapitalbeteiligungsgesell-schaften (BVK) verfügten 1996 über ein Gesamtportfolio von rund sechs Mrd. DM, wovon etwa ein Zehntel in sogenannten Zukunftsindustrien angelegt wurde.[23] 1997 haben die Mitglieder des BVK rund 2,3 Mrd. DM neu investiert (1996: 1,2 Mrd.).[24] Mit Hypo-Invest Bio Pharma und DWS Pharma Aktientyp 0 sind in Deutschland die ersten beiden reinen Biotech- Investmentfonds aufgelegt worden.

Börsen

Mit dem Neuen Markt in Frankfurt, der EASDAQ in Brüssel, dem Noveau Marché in Paris und dem Alternative Investment Market (AIM) in London stehen den Investoren in junge europäische Technologie-Titel relativ neue, im Vergleich zum öffentlichen Handel deregulierte Exit-Möglichkeiten offen. Es besteht die Möglichkeit, Aktien im „Dual Listing“ an der NASDAQ in New York und am Neuen Markt zu emittieren.[25]

Interessenverbände

Es gibt in Deutschland zwei Industrieverbände von Biotech-Unternehmen und peripher aktiven Firmen, z.B. Beratungs- und Venture-Capital-Gesellschaften. Dies sind die Vereinigung deutscher Biotechnologie-Unternehmen (VBU) und die Deutsche Industrie-vereinigung Biotechnologie (DIB). Die erste ist der Deutschen Gesellschaft für Chemisches Apparatewesen, Chemische Technik und Biotechnologie e.V. (DECHEMA) in Frankfurt untergeordnet, die zweite gehört zum Verband der Chemischen Industrie (VCI). In der VBU sind aktuell rund 110 Unternehmen organisiert, der DIB vereint derzeit 81. Die beiden (konkurrierenden) Vereinigungen verstehen sich als Interessenvertreter der Biotech-Unternehmen, die für ihre Mitglieder Tagungen organisieren, Kontakte vermitteln und Öffentlichkeitsarbeit erledigen.[26]

Auf europäischer Ebene agiert in Brüssel „EuropaBio, the European Association for Bioindustries“. Diese versteht sich als europäischer Fürsprecher der Biotechnologie und gibt Studien und PR-Material heraus. Der Lobbyverband war 1989 vom Europäischen Dachverband der Chemischen Industrie als „Senior Advisory Group Biotechnology (SAGB)“ ins Leben gerufen worden.

Gegner der Biotechnologie

Im Gegensatz zu den Lobbyverbänden sind die Gegner der Biotechnologie in kleinen und dezentralen Strukturen organisiert, von denen sich die meisten nicht ausschließlich mit Biotechnologie beschäftigen. Die prominentesten Beispiele hierfür sind Greenpeace und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Doch auch andere ökologisch orientierte Verbände positionieren sich bei entsprechenden Anlässen ablehnend zum Thema Gentechnik. So protestierte z.B. der Fachverband der Reform-warenhersteller (VRH) 1996 gegen die sog. Novel-Food-Verordnung der EU. Außerdem zählen die deutschen Verbraucherverbände tendenziell zu den Opponenten der Gentechnik. Punktuell entstanden und entstehen - oft unter Beteiligung regionaler Verbände von Bündnis90/Die Grünen - Bürgerbewegungen und Protestgruppen, die hauptsächlich gegen Freisetzungsversuche Front machen. Die m.W. einzige Organisation, die sich permanent und ausschließlich mit dem Einsatz von Gentechnik (vor allem in der Landwirtschaft) befaßt und sich in Daueropposition dazu befindet, ist das GenEthische Netzwerk in Berlin.

Grundsätzlich wird die Anwendung von Gentechnologie von der deutschen Bevölkerung um so stärker abgelehnt, je näher die Anwendungsobjekte am Menschen sind. Als stark risikobehaftet gilt der Einsatz der Biotechnologie an Lebewesen. Aber auch für Anwendungen in der Landwirtschaft und im Bereich Lebensmittel wird in Umfragen ein hoher Kontrollbedarf ermittelt. Der Einsatz von Gentechnik im Pharmabereich bleibt hingegen weitgehend unangefeindet.[27]

1.3 Marktstruktur

Von einem Biotechnologiemarkt zu sprechen erscheint zunächst schwierig, weil die unter 1.1 charakterisierte Biotechnologie als Querschnittstechnologie bezeichnet werden kann. Ausgehend von qualitativen Durchbrüchen in der Grundlagenforschung, verfügt die Biotechnologie über ein breites Anwendungspotential, das die ökomische Produktion in vielen Branchen verändern kann. Biotechnologie kann also nur schwerlich einem eingrenzbaren industriellen Anwendungsfeld zugeordnet werden, sondern ist oder wird Gegenstand des Innovationsprozesses einer Reihe von unterschiedlichen Wirtschafts-zweigen.[28] Es gibt also nicht einen, sondern viele mögliche Branchen in dem Sinne, daß darin Unternehmen weitgehend substituierbare Produkte oder Leistungen mit Hilfe von Biotechnologie herstellen.

Dieses Dilemma kann gelöst werden, indem man sich dafür entscheidet, den Technologie-einsatz generell zu beobachten. Diese Perspektive macht zunächst keine Unterschiede zwischen den diversen Branchen, in denen Biotechnologie zur Anwendung kommt. Sie wird z.B. von der Beratungsgesellschaft Schitag, Ernst & Young angewendet, die zu Zwecken der Beobachtung der Biotech-Industrie die Kategorie der „Entrepreneurial Life Sciences Companies“ eingerichtet hat. Darunter werden alle Firmen subsumiert, „deren Hauptgeschäftszweck die Erforschung, Entwicklung und Vermarktung von Produkten, Technologien und Dienstleistungen auf der Basis der neuen Biotechnologie ist“.[29] Die so charakterisierten Unternehmen können in verschiedenen Anwendungsgebieten aktiv werden, welche zusammengenommen die sogenannte Life-Science- Industrie ausmachen: Gesundheit (Diagnostika und Therapeutika), Landwirtschaft, Ernährung (Lebensmittel, Getränke und Zusatzstoffe), Feinchemikalien/Grundstoffe sowie Umweltschutz.[30]

Diese Anwendungsgebiete könnten eigentlich als separate Märkte betrachtet werden. Dabei tritt aber erneut eine Schwierigkeit zutage: Über den Status von potentiellen Anwendungsgebieten der Biotechnologie sind in Deutschland bislang nur wenige der genannten Sektoren hinaus. Zwar wird an der Entwicklung von Produkten und Verfahren gearbeitet; biotechnologische Erzeugnisse aber sind in Deutschland bis dato außer bei Pharmazeutika kaum auf dem Markt. Aufgrund dessen kann die Gliederung nach Anwendungsgebieten/Branchen nicht so durchgeführt werden, wie es das industrieökonomische Modell der Branchenstudie vorsieht.

Somit sind, sofern man nicht etwa die kleine Palette der biotechnologisch erzeugten Arzneimittel im gesamten Pharmamarkt[31] betrachten will, auch die Kriterien Produktdifferenzierung und Nachfrageelastizität weitgehend hinfällig.

Ist die Biotech-Branche derart als artifizieller Fokus gekennzeichnet, bleiben zwei Kennzeichen der Marktstruktur beobachtbar: Zahl und Größe der Akteure, die in Deutschland an Biotech- Erzeugnissen und der Generierung entsprechender Märkte arbeiten, sowie die Eintrittsbarrieren, denen sich Biotech-Firmen gegenübersehen, die am Wettbewerb um zukünftige Marktanteile teilnehmen wollen.

1.3.1 Zahl und Größe der Wettbewerber

Zu Anfang der 90er Jahre war die neue Biotechnologie in Deutschland noch eine Domäne der Großindustrie: 1992 tätigten Großunternehmen (über 2.000 Mitarbeiter) 93% aller F&E- Ausgaben für Gentechnik.[32] Kleine und mittlere Biotech-Unternehmen gab es kaum. 1998 ist insofern eine leichte Veränderung eingetreten, als die 23 in Biotechnologie maßgeblich aktiven deutschen Großunternehmen mit 2,9 Mrd. DM noch 87% aller F&E-Ausgaben leisten. Der Rest, 433 Mio. DM, entfällt auf kleine und mittlere Unternehmen. In den Großunternehmen forschen 6.800 Personen (69%); kleine und mittlere Firmen beschäftigen dafür 3.066 Angestellte.[33]

Der Anteil von Firmen unter 500 Angestellten in der Biotechnologie ist gestiegen, weil sich in den letzten Jahren die Existenzgründungen häuften: 1995 zählte die Unternehmens-beratung Schitag, Ernst & Young 75 reine Biotech-Unternehmen, 1996 bereits 104 und 1997 dann 173.[34] Hinzu kommen 269 kleine und mittlere Firmen, die sich nicht ausschließlich mit Biotechnologie beschäftigen, und die erwähnten 23 maßgeblich in Biotechnologie engagierten Großunternehmen. Letztere erzielen mit 2,95 Mrd. DM Umsatz im Biotech-Sektor 67% des Gesamtumsatzes der Branche in Deutschland.

Charakteristisches Merkmal der kleinen und mittleren Biotech-Unternehmen ist, daß sie fast die Hälfte ihres Umsatzes für F&E verwenden. 80% dieser Firmen haben weniger als 20 Mitarbeiter.

Die meisten Betriebe befassen sich mit Auftragsforschung und Auftrags-produktion. An zweiter Stelle steht die Erforschung und Entwicklung von Plattform-Technologien[35], gefolgt von der Entwicklung von Diagnostika. Rang vier nehmen Dienstleistungs- und Zuliefertätigkeiten ein, gefolgt von den Anwendungsgebieten Therapeutika, Umwelt, Feinchemikalien und AgroBiotechnologie. Die wenigsten deutschen Biotech-Firmen sind in der Nahrungsmittelverarbeitung aktiv.[36] Dement-sprechend ist die Produkt-Pipeline für PlattformTechnologien am besten gefüllt, gefolgt von Diagnostika, Therapeutika und sonstigem. Schätzungen zufolge sind rund 350 biotechnologisch produzierte, medizinische Substanzen derzeit in der Phase der klinischen Tests.[37]

Nur vergleichsweise wenige Produkte werden in den Sektoren Agro-Biotechnologie und Umwelt entwickelt.[38]

Ein Überblick über ausgewählte deutsche Akteure der Biotechnologie findet sich in Anhang II dieser Arbeit. Er wurde hintangestellt, weil er aufgrund „der schillernden Buntheit betriebswirtschaftlichen Lebens“ (Gutenberg) im Rahmen dieser Arbeit weder zahlenmäßig vollständig noch hinsichtlich der Aktivitäten der einzelnen Firmen umfassend und genau zu sein vermag. Aktuelle Namen und Fakten finden sich in den Mitgliederverzeichnissen auf den angegebenen Homepages der Industrieverbände.

1.3.2 Markteintrittsbarrieren

Interpretiert man das rasche Ansteigen der Zahl der Marktteilnehmer in der Biotechnologie als Wachstum, so deutet dies auf eine hohe Rivalität, also einen starken Wettbewerb in dieser Industrie hin. Für diese Vermutung spricht auch das Verhältnis von Fixkosten zu Wertschöpfung, welches hier wie in jeder forschungsintensiven Branche eindeutig von den hohen Fixkosten dominiert wird - erst recht, da häufig ungewiß ist, ob die Forschung überhaupt Wertschöpfung ermöglicht. Aufgrund dieser beiden Indizien sind - so die Eingangsthese - in der Biotechnologie hohe Markteintrittsbarrieren zu erwarten.

Die Anstrengungen der Wettbewerber in den verschiedenen Anwendungsbereichen der Biotechnologie in Deutschland ist momentan darauf gerichtet, sich eine günstige Start-position für potentielle Märkte zu sichern. Deshalb können Markteintrittsbarrieren nicht wie im herkömmlichen Sinne dazu beitragen, faktische Marktanteile zu schützen und damit Gewinne zu sichern.[39] In der deutschen Biotechnologie geht es jetzt vielmehr um die besten Ausgangspositionen für eine erwartete künftige Konkurrenz. Bei diesem Rennen ist die Zeit das entscheidende Kriterium: Wer jetzt nicht antreten kann oder will, hat alle Chancen auf künftige Marktteilnahme vertan (vgl. 4.1).

Wie in jeder Industrie werden auch in der deutschen Biotechnologie die Eintrittsbarrieren durch die bereits vorliegende Verteilung von Ressourcen bestimmt. Diese Ressourcen sind Rechte an bzw. Zugriff auf:

- exklusives, schützbares Wissen;
- Kapitalquellen;
- Kooperationsmöglichkeiten;
- Technologien und marktfähige Produkte sowie
- Zugang zu Vertriebskanälen.

Diese Rechte sind im allgemeinen um so vollständiger verteilt und um so eindeutiger zugeordnet, je gereifter („matured“) eine Branche ist.

Wie im Abschnitt 1.2 dargestellt wurde, gibt es in Deutschland starke politische Bemühungen, die Biotechnologie zu fördern. Die Politik des BMBF zielt genau auf die Senkung von Markteintrittsbarrieren ab, indem sie etwa den Informationsaustausch zwischen Akteuren in Wissenschaft und Industrie beschleunigt (kommerzielle Verwertung von Grundlagenforschung) oder Patentbörsen einrichtet (exklusives Wissen). Auch in puncto Risikokapital und Subventionen wurden die Barrieren durch die erwähnten Fördermaßnahmen gesenkt.

Der Biotech-Jungunternehmer muß sein fachliches Know-how zunächst bei der Suche nach Kooperationspartnern erproben. Wird sein technologisches Wissen von anderen Marktteilnehmern als chancenreich beurteilt, ergeben sich Kooperationsbeziehungen. Sie sind unter Biotech-Unternehmen ohnehin gebräuchlich (vgl. ausführlicher Abschnitt 1.4). Auch hier liegt also keine hohe Hürde vor.

[...]


1 Vgl. U. Dolata (1996): Politische Ökonomie der Gentechnik, S. 17.

2 Vgl. ebenda, S. 18.

3 Von der neuen Biotechnologie können die klassische und die moderne Biotechnologie abgegrenzt werden. Erstere bezeichnet alle herkömmlichen und z.T. jahrhundertealten Verfahren zur Herstellung von Lebensmitteln, wie etwa die Gärung oder das Käsen. Unter moderner Biotechnologie wird jede produktionstechnische Nutzung des Stoffwechsels lebender Zellen oder deren Bestandteile subsumiert, z.B. die Erzeugung von Penicillin in Fermentern. Hier läßt sich der qualitative Unterschied zur neuen Biotechnologie gut verdeutlichen: Im Gegensatz zur modernen Biotechnologie kann sie das bisher nicht natürlich vorkommende Bakterium mit dem gewünschten Stoffwechselprodukt produzieren.

4 Vgl. Dolata (1996), S. 48.

5 P. Haycock (1998): Europe discovers bioentrepreneurship, in: Nature Biotechnology, Vol. 16, Supplement 1998, S. 6.

6 Vgl. Dolata (1996), S. 41.

7 Vgl. P. Oberender (Hrsg., 1984): Marktstruktur und Wettbewerb in der BRD, S. 8.

8 Vgl. J. Barney / W. Ouchi (1986): Toward a new Paradigm for Understanding and Studying Organizations, S. 373.

9 Chamberlin etwa tut dies, weil seiner Auffassung nach nicht die Industrie, sondern die einzelne Firma der Ursprungsort des Wettbewerbes ist. Vgl. Barney/Ouchi (1986), S. 397-408.

10 Die Metaphern Spielregeln und Spielzüge entstammen K. Homann / F. Blome-Drees (1992): Wirtschafts- und Unternehmensethik, S. 22-29.

11 Vgl. G. Stein (Hrsg., 1995): Gentechnologie - der Sprung in eine neue Dimension, S. 215.

12 Vgl. ausführlicher Dolata (1996), S. 61.

13 Vgl. URL: http://www.bll.de/aktuel43.htm.

14 Vgl. A. Hagelüken: Kleiner Sieg für die Verbraucher, in: Süddeutsche Zeitung, 27. 5. 98, S. 17.

15 Vgl. Dolata (1996), S. 62.

16 Die exakte Zusammensetzung der ZKBS regelt §4 GenTG.

17 Vgl. Stein (1995), S. 216.

18 Vgl. Dolata (1996), S. 137 ff.

19 Vgl. ebenda, S. 143.

20 Vgl. ebenda, S. 152. Dolata gibt auf S. 129ff. einen Überblick über die Biotechnologie- Förderaktivitäten des BMBF in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten.

21 Vgl. Aufbruchstimmung 1998. Erster deutscher Biotechnologie-Report der Schitag, Ernst & Young Unternehmensberatung, S. 25.

22 Telefonat mit Dr. Irina Ehrhardt, BMBF, Referat Mittelstand/Existenzgründung, im Februar 1998.

23 Vgl. Aufbruchstimmung 1998, S. 23

24 Vgl. A. Bohne (1998): Mehr als 100 deutsche Gesellschaften vergeben Kapital und Know-How, in: Handelsblatt, 2. 6. 1998.

25 Aufbruchstimmung 1998, S. 32. Momentan sind rund 35 Titel in dem im März 1997 eröffneten Handelsplatz für junge, wachstumsstarke Unternehmen plaziert. Vgl. R. Obertreis: Neuer Markt soll nicht mehr »Zockerbude« sein, in: General-Anzeiger, Bonn, 27./28. Juni 1998, S. 26.

26 Nähere Informationen zu den beiden Verbänden finden sich am praktischsten im Internet unter URL: http://www.dechema.de/biotech/vbu.htm und URL: http://www.vci.de./dib/index.html.

27 Vgl. Future. Das Hoechst Magazin, Frankfurt/Main, II/1997, S. 8-10.

28 Vgl. Dolata (1996), S. 38.

29 Vgl. Aufbruchstimmung 1998, S. 11.

30 Vgl. ebenda. Die gewählte Einteilung stimmt mit derjenigen überein, die der Lobbyverband EuropaBio in seinem Report „Benchmarking the Competitiveness of Biotechnology in Europe“ von Juni 1997 verwendet.

31 Unter den ca. 57.000 in Deutschland zugelassenen Medikamenten enthielten 1994 insgesamt 363 gentechnisch produzierte Substanzen. Vgl. Dolata (1996), S. 70.

32 Vgl. Dolata (1996), S. 71.

33 Vgl. Aufbruchstimmung 1998, S. 12.

34 Vgl. ebenda, S. 14.

35 Unter einer Plattform- oder Enabling-Technologie wird ein Methodenbündel verstanden, welches auf verschiedene Objekte angewendet werden kann und damit mehrere verschiedene Produkte ermöglicht. Ein Beispiel dafür ist der Transfer und stabile Einbau von Gensequenzen in Pflanzenzellen mit Hilfe des Bakteriums A. tumefaciens.

36 Vgl. Aufbruchstimmung 1998, S. 17.

37 Vgl. U. Bartholomäus / F. Miltner / I. Fürst: Genritter im Goldrausch, in: Focus 22/1998, S. 152.

38 Vgl. Aufbruchstimmung 1998, S. 19.

39 Vgl. E. Heinen (1991): Industriebetriebslehre als entscheidungsorientierte Unternehmens- führung, in: E. Heinen (Hrsg.): Industriebetriebslehre, 9. Aufl., S. 47.

Details

Seiten
85
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783656994824
ISBN (Buch)
9783867461122
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v185206
Institution / Hochschule
Universität Witten/Herdecke
Note
1.3
Schlagworte
unternehmung netzwerk verträgen institutionentheoretisch analyse existenzgründung biotechnologie

Autor

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Titel: Die Unternehmung im Netzwerk von Verträgen - Institutionentheoretisch basierte Analyse einer Existenzgründung in der deutschen Biotechnologie