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"Reinventing Government" - Die zentralen Thesen von Osborne/Gaebler in institutionenökonomischer Interpretation

Diplomarbeit 1996 37 Seiten

Organisation und Verwaltung

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung - Ein dritter Weg staatlicher Aufgabenerfüllung

2. Die Effizienzproblematik öffentlicher Aufgabenerfüllung aus institutionenökonomi-
2.1. Property Rights und die Anreizproblematik in der Bürokratie
2.2 Der Transaktionskostenansatz und die Entscheidung über "make or buy"
2.3. Die Prinzipal-Agent-Theorie und das Problem der Delegation von Verfügungsrechten

3. "Reinventing Government" in institutionenökonomischer Interpretation und analytischer Beurteilung
3.1. "Steering Rather Than Rowing" - Zur Entlastung des Leistungsstaates
3.2. "Competitive Government" - Öffentliche Unternehmen in Konkurrenzstrukturen
3.3. "Mission-Driven Government" - Neuorientierung des öffentlichen Dienstes

4. „Reinventing Government“: eine "Revolution von oben"?

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung - Ein dritter Weg staatlicher Aufgabenerfüllung.

Der für ein Buch über öffentliche Verwaltung bemerkenswerte Erfolg des Bestsellers "Reinventing Government" von David Osborne und Ted Gaebler (1993) mag die Unzufriedenheit der Bevölkerung angesichts der stereotypen Antworten von Sparappellen und steigenden Fiskaldrucks auf das Dilemma von leeren Staatskassen bei zunehmender Aufgabenfülle des Staates widerspiegeln. Die Autoren empfehlen einen dritten Weg: die politisch gewünschten Aufgaben als Datum zu betrachten und sie mit geringerem Ressourcenaufwand effektiv zu erfüllen - eine Effizienzsteigerung[1] der öffentlichen Verwaltung.

Darüber hinaus ist eine "schöpferische Zerstörung" (Schumpeter) der hergebrachten Denkweisen und Strukturen notwendig: Die Bürokratie in ihrer existierenden Form[2] der stan-dardisierten Leistungserstellung ist den Flexibilität erfordernden Problemlagen der komplexen Industriegesellschaft nicht mehr angemessen (Osborne/Gaebler 1993: 12 ff.), eine Neubegründung des Verhältnisses der Aufgaben des Staates als regulierend-normensetzender Rechtsschutz- und als Leistungsstaat tut Not (Picot/Wolf 1992: 53)

Bei den zu diesem Zweck neu zu entwerfenden Versorgungsarrangements sei sich mehr als bisher im privaten Sektor (Markt) anzutreffender Organisationsmodelle zu bedienen. Dies bezieht sich auf die Delegation von Aufgaben auf Dritte und deren Überwachung, auf die Möglichkeit einer Konkurrenz mit eben jenen Dritten und auf die nicht zuletzt daraus resultierenden und zu schaffenden effizienzsteigernden Anreizstrukturen innerhalb der Bürokratie, bei der Erfüllung derjenigen Aufgaben, die in Staatshand zu belassen sind.

Der innovative Unternehmer(geist), der "entrepreneurial spirit", im Sinne von Effizienzorientierung bei der Zielerreichung (Aufgabenerfüllung) gilt als beschworenes Leitbild bei diesem Umstruktu- rierungsunterfangen. Unter der Prämisse einer prinzipiellen Wandlungsfähigkeit der Bürokratie beachten die Autoren allerdings, daß aufgrund noch herauszuarbeitender Unterschiede (s. Kapitel

2) die öffentliche Verwaltung nicht wie eine Firma geführt werden kann bzw. eine pauschale Privatisierung von Staatsaufgaben keine realisierbare, geschweige denn eine effiziente Lösung darstellt (Osborne/Gaebler 1993: 20 ff.). In dieser Arbeit soll eine Interpretation der Thesen des "Reinventing Government" im Sinne der Neuen Institutionenökonomie[3] (NIÖ) erfolgen. Diese Theorie lieferte nach Budäus im wesentlichen die wissenschaftliche Fundierung der Regulierungs- /Deregulierungsdiskussion (1988: 1). Im Gegensatz zur neoklassischen Theorie werden hier schwerpunktmäßig die Ausgestaltung der Rahmenbedingungen des Wirtschaftens und deren Wirkung auf das Verhalten der Wirtschaftssubjekte betrachtet. Der Neoklassik entlehnt sind die Hypothesen des methodologischen Individualismus bei der Erklärung der Handlungen sozialer Gruppierungen (Unternehmen, Staat etc.) und der individuellen, eingeschränkten Rationalität im Sinne von stabilen, konsistenten Präferenzen bei der Eigennutzmaximierung der Individuen unter Beachtung ihrer begrenzten Informationsbeschaffungs- und -verarbeitungskapazität (vgl. Richter 1994: 4; Williamson 1985: 44 ff.).

Institutionen sollen für die Zwecke dieser Arbeit definiert werden als "(...) ein auf ein bestimmtes Zielbündel abgestelltes System von Normen, einschließlich deren Garantieinstrumente, mit dem Zweck, das individuelle Verhalten in eine bestimmte Richtung zu steuern" (Richter 1994: 2). Sie verringern Unsicherheit (Geldner 1995: 8 f.) und können sich spontan entwickeln oder, im anderen Extrem, von einer Autorität organisiert sein.

Institutionen entwickeln sich aus dem Aufeinandertreffen von unterschiedlichen Eigeninteressen bei der Interaktion der Individuen zur Bedürfnisbefriedigung, wobei hier die Kooperation und der Markttausch der erstellten Leistungen betrachtet werden sollen (Engelhardt 1990: 7; Richter 1994:

4). Für unsere Zwecke sollen sie formal als "Rechtskonstruktionen" betrachtet werden (Schenk 1992: 341), die bei der (kooperativen) Interaktion von Wirtschaftssubjekten die Funktionen der Zuweisung von Sachen oder knappen Ressourcen (Verfügungsrecht), der Kontrolle des Verhaltens der Beteiligten und der Prägung der jeweiligen Handlungsmotivationen, im Sinne von Vorhersehbarkeit des Verhaltens, erfüllen. Desweiteren soll gelten: "Organisationen sind Institu- tionen mitsamt ihren Benutzern" (Richter/Bindseil 1995: 133). Die analytische Herangehensweise der NIÖ hat zu einer Überwindung der neoklassischen Betrachtung von Organisationen als "Black Box" beigetragen (Moe 1984: 742).

Für eine institutionenökonomische Sicht auf die Thesen von Osborne/Gaebler sind zuerst die beteiligten Akteure und ihre jeweiligen Eigeninteressen zu identifizieren - gleichsam das Spannungsfeld, in dem sich die Lösungsstrategie einer effizienteren öffentlichen Auf-gabenerfüllung in einer Demokratie bewähren muß:

- Der einzelne Bürger[4] kann aufgrund der oben erwähnten individuellen Begrenztheit an Res- sourcen (Kapital, Fähigkeiten, Wissen, Zeit etc.) nicht alle seine Bedürfnisse selber stillen. Er ist daher zur Kooperation gezwunden und delegiert deren gesamtgesellschaftliche Koordination über den Prozeß einer kollektiven Willensbildung als Wähler an Politiker. Er finanziert die kollektive Bereitstellung der gewünschten Güter mit. Insofern ist sein Ziel eine effektive Aufgabenerfüllung mit möglichst geringer Abgabenlast[5]. Was dabei öffentliche Aufgabe ist, wird alleine vom Konsens bestimmt (Picot/Wolff 1992: 212).
- Der Politiker selber delegiert wiederum aufgrund seiner individuellen Begrenztheit die ihm über- tragene Aufgabenerfüllung an die eigens dafür geschaffene Bürokratie. Er selber verfolgt statt ef- fizienter Aufgabenerfüllung im Sinne der Bürger im politischen Konkurrenzkampf das Ziel der Maximierung seiner Stimmen, um die Vorteile zu genießen, die ein gewähltes Amt bietet (Prestige, Macht etc.). Zu diesem Zweck bedient er die Partikularinteressen einflußreicher Wählerklientele (z.B. Gewerkschaft, Industrie, Autofahrer etc.), sowie - insbesondere im politischen System der USA - die seiner Wahlkampfsponsoren. Die Realisierungschancen der vom Bürger politisch gewünschten Aufgaben steigen daher nur, wenn sich ihre Erfüllung in Stimmen niederschlägt (vgl. Downs 1968: 27). Osborne/ Gaebler vernachlässigen diesen Akteur eher, ihr Schwergewicht liegt auf den Folgenden.
- Für den beauftragten Bürokraten stellt die Erfüllung der Aufgaben Aufwand dar, den es zu mi- nimieren gilt. Da monetäre Anreize im öffentlichen Entlohnungssystem zumeist ausscheiden, versucht der Bürokrat im Durchschnitt Prestige, Einfluß, Autorität, Sicherheit und Aufstiegschancen zu maximieren (vgl. z.B. Moe 1984: 764). Aus seiner Sicht richtet sich effizientes Verhalten an der Verfolgung dieser Ziele aus, d.h. primär das Bedienen der Interessen seines "Vorgesetzten", des Politikers und erst sekundär derer des Bürgers. Auf welchem Wege eine Interessenangleichung zwischen Bürokrat und Bürger erreicht werden kann, ist eine Leitfrage dieser Arbeit.
- Für aufgrund z.B. eines Mehrheitsbeschlusses mit der Erledigung öffentlicher Aufgaben von der Bürokratie betraute private Firmen gilt aus profitmaximierenden Gründen eine Minimierung des Produktionsaufwandes. Statt direkt Profit im Konkurrenzkampf mit anderen Anbietern zu verfolgen, kann die Firma jedoch auch das Ziel haben, diese Konkurrenz durch das Aufbauen und/oder Erhalten von Marktmacht auszuschalten (Monopol). Durch eine Koppelung von Gewinnanteil und individuellem Beitrag zur Erreichung des Firmenziels läßt sich intern entsprechend Effizienz herstellen. Inwiefern eine Interessenangleichung zwischen Profitstreben und Bürgerwunsch nach effizienter Aufgabenerfüllung hergestellt werden kann, ist eine andere Leitfrage dieser Arbeit.
- Alternativ beauftrage Organisationen ohne Profitcharakter, "third sector" genannt bei Os- borne/Gaebler (z.B. Kirchen, Wohlfahrtsverbände etc.), verfolgen zumeist das Ziel, eine bestimmte Klientel zu versorgen, z.B. Minoritäten. Der einzelne Beschäftigte kann ebenfalls durch pekuniäre Anreize zu effizientem Verhalten im Sinne der Organisation motiviert werden. Gegenüber der privaten Unternehmung sind jedoch bei der Aufteilung des Residualgewinnes Grenzen gesetzt. Da sich Kosteneinsparungen nicht als verteilbarer Gewinn niederschlagen, richtet sich für ihre Beschäftigten Effizienz unter anderem auch auf das Streben nach nichtpekuniären Ver- günstigungen, wie z.B. Dienstwagen aus (Trebilcock 1994: 16). Auch hier gilt es, eine entspre- chende Koppelung an den Bürgerwunsch herzustellen (vgl. Osborne/Gaebler 1993: 346 ff.).

Die schematische Übersicht zeigt, daß das vom Souverän formulierte Oberziel "effiziente Aufgabenerfüllung" gleichsam nur als "Nebenprodukt" beim Verfolg der jeweiligen Teilziele der Beteiligten anfallen kann (vgl. Engelhardt 1990: 14, 19 f.) und daß "Effizienz" sich in jeweils anderen institutionellen Rahmenbedingungen auf jeweils divergierende Teilziele richtet[6]. Welche alternativen institutionellen Versorgungsarrangements entwerfen Osborne/ Gaebler für einen resultierenden Verfolg des angestrebten Oberziels, und wie sieht es mit ihrer Eignung aus?

2. Die Effizienzproblematik öffentlicher Aufgabenerfüllung aus institutionenökonomi- scher Sicht.

Mit dem Property-Rights- und dem Transaktionskostenansatz sowie der Principal-Agent-Theorie sind die drei zur NIÖ zu rechnenden theoretischen Konzepte vorzustellen, mit deren Hilfe obige Frage verfolgt werden soll. Ursprüngliches Erkenntnisobjekt dieser organisationstheoretischen Konzepte war die marktwirtschaftliche Unternehmung[7]. Ihre Anwendung ist daher auf die abwei- chenden Rahmenbedingungen der öffentlichen Leistungserstellung anzupassen[8] (vgl. Moe 1984: 740 ff.).

2.1. Property Rights und die Anreizproblematik in der Bürokratie.

Die Eigentums- und Verfügungs-/Handlungsrechte (Property Rights) "...regeln die Verfügung über Gegenstände des Wirtschaftsverkehrs durch Wirtschaftssubjekte und damit auch die Beziehungen zwischen den Letzteren" (Schenk 1992: 350). Als Gegenstände können Sachen, Rechte, Güter oder auch Vermögensgesamtheiten gelten (z.B. Unternehmen). Property Rights (PR) an Gegenständen werden in vier Einzelrechte unterteilt (vgl. Alchian/Demsetz 1972: 783):

- das Recht zur Nutzung (usus),
- das Recht zur Veränderung (abusus),
- das Recht zur Aneignung von Gewinnen und Verlusten, die aus dem Gegenstand entstehen (usus fructus) und
- das Recht zur Veräußerung (Vererbung, Verschenkung) aller oder einzelner Teilrechte, das Liquidationsrecht (vgl. Thiele 1994: 994; Picot/Wolff 1992: 67).

Bezogen auf Unternehmen werden die ersten beiden Rechte zum Koordinations- und Leitungsrecht zusammengefaßt und stehen neben dem Recht auf Gewinnaneignung (Residuum) und dem Recht auf Veräußerung. Die Rechte können einzeln oder bündelweise gehandelt werden, was durch vertragliche Einigung der Akteure geregelt wird (vgl. Picot/Wolff 1992: 67)[9]

Zentrale Hypothese des Ansatzes ist, daß die Ausgestaltung (Spezifizierung) der Verfügungs- rechte Einfluß auf die Allokation und Nutzung von Ressourcen in spezifisch-vorhersehbarer Weise hat (Thiele 1994: 994). Je genauer die PR spezifiziert sind, desto stärker werden Kosten und Nutzen des Gebrauchs eines Gegenstandes internalisiert, d.h. desto mehr kann der Handelnde von den Auswirkungen seines pfleglichen Umganges mit Ressourcen profitieren. Auf die im eigenen Interesse handelnden Individuen geht eine Anreizwirkung von dieser "Verdichtung" der PR aus, zumeist als pekuniäre operationalisiert. "Im Eigentum solcher Rechte liegt demnach ein immanenter Anreiz zu effizientem Handeln" (Picot/Wolff 1992: 66). Ist eine Spezifizierung nicht möglich, kommt es zu negativen Anreizen, da der Zusammenhang zwischen individuellen Handlungen und -folgen schwächer wird ("Verdünnung"), es entstehen Externalitätenprobleme, auf die noch einzugehen ist (vgl. Thiele 1994: 994). Unter dem genannten Effizienzusammen-hang sind alternative institutionelle Arrangements als alternative Verfügungsrechtskonstellationen zu interpretieren und vergleichbar ( s. auch Engelhardt 1990: 10):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Schaubild 1: Allokation von PR in verschiedenen Organisationen (Quelle: Picot/Wolff 1992: 218)

Das Problem einer Anreizstruktur, Mitarbeiter zum effizienten Verfolg nicht nur ihrer eigenen, sondern auch der "Unternehmensziele" zu motivieren, stellt sich in allen privaten und öffentlichen Institutionen gleichermaßen, wo Eigentums- und Verfügungsrechte (Kontrolle) der Ressourcen auseinanderfallen, die Rechte des Eigentümers also "verdünnt" werden. Im privaten Sektor ist dies der Fall bei Unternehmungen, die nicht vom Eigentümer geleitet werden (z.B. Aktiengesell- schaften), im öffentlichen Sektor verfügt der "Eigentümer" Bürger nicht über die direkte Kontrolle der mit der Produktion seiner gewünschten Güter beauftragten Institutionen, diese liegt bei den gewählten Politikern - eine Parallele zum Verhältnis von Shareholder/Manager (Moe 1984: 766). Bezogen auf die Nichteigentümer müssen zum Zwecke effizienter Zielverfolgung im Sinne des Eigentümers wirksame, sog. "Eigentumssurrogate" zur Internalisierung der Auswirkungen des individuellen Handelns auf das Schicksal der Organisation in Funktion treten, die die direkte Ei- gentümerkontrolle zum Teil ersetzen (vgl. im folgenden Picot/Wolff 1992: 67 ff. und 1994: 219).

Kann in einer privaten Unternehmung, die idealtypisch der ständigen Bewertung durch den Markt und dessen systemimmanenter Effizienzkontrolle via Konkurrenzdruck (Gütermarkt, Kapitalmarkt, Markt für Manager) ausgesetzt ist, eben dieser Wettbewerb auf dem Wege z.B. leistungsabhängiger Prämienmodelle (interne Transferierbarkeit des Aneignungsrechts auf den Residualgewinn) diese Rolle übernehmen, fehlt diese Anreizmöglichkeit und ihr Disziplinierungsdruck bei öffentlichen Unternehmen zumeist bzw. bei der sonstigen Bürokratie völlig, ebenso wie bei Non-Profit-Unternehmen (vgl. dazu unten, s. 21).

Dazu kommt, daß ein Leistungsbewertungsproblem existiert, da der Output der Bürokratie nicht eindeutig meßbar ist (z.B. Qualität der Schulbildung) und ein transparentes Kostenrechnungswesen nicht existiert (vgl. dazu Picot/Wolff 1992: 101 ff.; Osborne/Gaebler 1993: 349 ff.); Konkurrenz für das erstellte Angebot fehlt (die Eigentumsrechte sind nicht handelbar und damit der marktlichen Bewertung entzogen) oder ist gesetzlich verboten, obwohl sie möglich wäre, wie noch zu zeigen sein wird (Picot/Wolff 1992: 66 ff.; dies. 1994: 219).

Wettbewerbsdruck fehlt im öffentlichen Sektor, da die Abnahme der Produkte und die Finanzie- rung ihrer Produktion vom "Eigentümer" Bürger als Steuerzahler garantiert ist und Bedienstete durch besondere Sicherheitsprivilegien vor Entlassung geschützt sind. Ob statt dessen das "Beamtenethos", sich durch eine enge Bindung an den Arbeitgeber Staat zu effizientem Verhalten verpflichtet zu fühlen, den mangelnden Effizienzdruck ersetzen kann, ist umstritten (Picot/Wolff 1992: 69). In der privaten Unternehmung stellt sich diese Frage ähnlich für das Konzept der "Corporate Identity", d.h. einer identitätsstiftenden Wirkung der Unternehmenskultur, so daß das Fortbestehen der Firma Selbstzweck sein kann in dem Sinne, daß ihr Mißerfolg als nicht- pekuniärer Verlust von den beschäftigten Individuen realisiert würde (Richter 1994: 36).

Es zeigt sich, daß privatwirtschaftliche Anreizmodelle auf den öffentlichen Sektor nur begrenzt anwendbar sind. Der Problematik der Verdünnung der Verfügungsrechte des Eigentümers könnte jedoch gemäß obiger Hypothese des PR-Ansatzes für öffentliche Institutionen intern durch eine "vollständigere Zuordnung von aufgabenbezogenen Kompetenzen auf Aufgabenträger" (Picot/Wolff 1994: 70) begegnet werden. Zu beachten ist jedoch, daß die Formulierung und Durchsetzung von Property Rights Transaktionskosten verursachen.

2.2 Der Transaktionskostenansatz und die Entscheidungüber "make or buy".

Die ungehinderte Übertragung von Verfügungsrechten über Ressourcen, und damit ihre pareto- optimale Allokation, erfährt ex ante durch Vertragsanbahnungs- sowie Vertragsabschluß- und ex post durch Kontroll- und Sanktionskosten eine Restriktion. Diese Transaktionskosten lassen sich verstehen als "die Kosten des Gebrauchs von eigenen oder fremden Rechtsoptionen" (Schenk 1992: 351) im obigen Sinne. Es sind die Kosten der Nutzung, Sicherung und Übertragung von PR, der Koordination der durch Verträge geregelten Interaktion der Wirtschaftssubjekte (vgl. Thiele 1994: 993). Als "Kosten der Marktnutzung" (Coase) verstanden[10], fallen sie bei der Interaktion über Organisationsgrenzen hinweg, aber auch innerhalb von Organisationen an, die modellhaft als Konglomerat von Teil-Organisationen aufgefaßt werden können, zwischen denen Märkte bestehen (vgl. Schumann 1992: 134 f; 436 ff.).

Transaktionskosten von PR entstehen aufgrund der unvollständigen Informationsaufnahme- und - verarbeitungskapazität der Wirtschaftssubjekte (beschränkte Rationalität), der Unsicherheit bezüglich zukünftiger Weltzustände und durch die Verfolgung des Eigeninteresses nach Vertragsschluß unter Zuhilfenahme von List (Opportunismus) - die "Reibungsverluste" gegenüber der neoklassischen Welt ohne Informationsknappheit (Williamson 1985: 43 ff.).

Der Transaktionskostenansatz von Williamson (1985) sieht den Zweck von Organisationen in der Minimierung von Transaktionskosten, der "Kosten der Abwicklung" wirtschaftlicher Tätigkeiten (Geldner 1995: 10). Er versucht, die existierende Vielfalt von Vertragsbeziehungen zu erklären. Mit seiner Hilfe kann die geeignete Organisationsform (Governance structure) für verschiedene Arten der Leistungserstellung unter Effizienzgesichtspunkten analysiert und gefunden werden; hier zu verstehen als die Entscheidung von "make or buy" einer durch politischen Konsens erwünschten Leistung, die Entscheidung zwischen staatlicher Eigenerstellung (vertikale Integration, Hierarchie), marktlichem Fremdbezug oder einer Mischform (Kooperation in sog. "Hybriden"), die unter der Nebenbedingung der Minimierung von Transaktionskosten zu fällen ist. Sind diese minimal, so sind es auch die Produktionskosten[11] (Picot/Wolff 1992: 59 f.).

Als "Regel" für diese Entscheidung gilt, daß die vertikale Integration einer weiteren Tätigkeit oder die Etablierung einer entsprechenden Organisation (Unternehmung) sich lohnt, "...so lange die mit der Nutzung des entsprechenden Marktes verbundenen Transaktionskosten die nach der Eingliederung entstehenden internen Transaktionskosten übersteigen"[12] (Schumann 1992: 134 f.). Der Transaktionskostenansatz liefert somit eine Erklärung für die Existenz und Größe von Or- ganisationen bzw. von Unternehmen (vgl. Coase 1937: 395; Krüsselberg 1995: 34 ff.)

Bei einer Spezifizierung dieser Transaktionskosten ist bei den Charakteristiken der Leistungen anzusetzen: Je höher der Nutzenverlust der Gutsverwendung bei Wechsel des Trans-aktions- partners ist, desto größer sind die transaktionsspezifischen Investitionen (sunk cost) d.h. die Spezifität einer Leistung. Spezifität bezieht sich dabei gleichermaßen auf das eingesetzte Sach-

[...]


[1] Die Problematik eines geeigneten Effizienzmaßstabes beim Vergleich öffentlicher und privater Versorgungsarrange- ments (s. Engelhardt 1990: 35 ff.) wird im resümierenden Schlußkapitel aufgegriffen. Hier gilt obige "Arbeitsdefinition", einen gegebenen Output mit weniger Input zu erreichen ist verglichen mit dem Status Quo effizienter. Weitere Kriterien ergeben sich aus der institutionenök. Sichtweise, die über keinen eindeutigen Effizienzbegriff verfügt, sondern statt dessen "pragmatisch einzelne institutionelle Arrangements im Hinblick auf ihre komparativen Vorteile bewertet" (Brücker 1995: 57; s. unten, Kapitel 2).

[2] Osborne/Gaebler haben ein Buch für den US-amerikanischen Markt geschrieben, mit Beispielen und Lösungsstrategien, die sich an amerikanischen Verh ältnissen orientieren. Auf die mangelnde Verallgemeinerbarkeit sei hier mit Budäus (1988) hingewiesen, der erwähnt, daß z.B. in den USA im Gegensatz zur Bundesrepublik der Staat als Eigentümer öffentlicher Unternehmen kaum eine Rolle spielt, und entsprechende Funktionen durch Regulierung (Public Utilities) zu erreichen versucht werden (S. 2).

[3] im folgenden bezeichnet dieses die sogenannte "Neue" Institutionenökonomie, im Gegensatz zu den alten Institutiona- listen (vgl. Richter 1995: 132). Der Ausdruck wurde von Williamson geprägt (vgl. Richter/Bindseil 1995: 134; Williamson 1985: 16).

[4] Die männliche Form ist im folgenden nur der Einfachheit halber durchgängig gewählt worden.

[5] Die Problematik einer eindeutigen kollektiven Willensbildung über Wahlmechanismen wird hier nicht weiter betrachtet (vgl. dazu z.B. die einschlägigen Lehrbuchdarstellungen) Ebenso wird hier die Trittbrettfahreproblematik bei der Finanzierung oder Formulierung kollektiver Bedürfnisse vernachlässigt (vgl. Moe 1984: 759). Osborne/Gaebler sehen die öffentlichen Aufgaben durchweg als Datum an.

[6] Im folgenden meint, wenn nicht ausdrücklich anders verwendet, "Effizient" bzw. "Ineffizient" immer "im Sinne des Bürgers".

[7] Vgl. Coase grundlegenden Aufsatz "The Nature of the Firm" von 1937.

[8] Weitere Spezialgebiete der ökonomischen Analyse von Institutionen: vgl. z.B. Richter/Bindseil 1995:135 oder Richter 1994: 3.

[9] Das Denken in Verträgen ist ein Merkmal der NIÖ. Moe spricht bezogen auf die Vorstellung der vertraglichen Natur von Organisationen als "contractual paradigm" (1984: 750).

[10] Neben monetär bewertbaren Größen enthalten sie alle ökonomisch relevanten Nachteile wie Zeit, Mühe etc. (Picot 1990: 145).

[11] Nach Brücker (1995) kann der Unterschied "...zwischen Produktions- und Transaktionskosten (...) dadurch definiert werden, daß die Produktionskosten von den eingesetzten Technologien und den Präferenzen der Wirtschaftssubjekte abhängig und in allen Wirtschaftssystemen gleich sind, während die Transaktionskosten von der Organisation der Ressourcenallokation und damit von den Institutionen des Wirtschaftssystems beeinflußt werden. Die Differenzierung (...) ist rein heuristischer Natur, die Wirtschaftssubjekte minimieren Produktions- und Transaktionskosten gleichermaßen" (Brücker 1995: 56).

[12] Interne Transaktionskosten berühren die Prinzipal-Agent-Theorie, die im anschließenden Abschnitt 2.3. vorgestellt wird.

Details

Seiten
37
Jahr
1996
ISBN (eBook)
9783656997887
ISBN (Buch)
9783867461023
Dateigröße
779 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v185196
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1.4
Schlagworte
reinventing government thesen osborne/gaebler interpretation

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Titel: "Reinventing Government" - Die zentralen Thesen von Osborne/Gaebler in institutionenökonomischer Interpretation