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Der Einfluss des Individualisierungsprozesses auf die Solidarität der modernen Gesellschaft

Nach den Modellen von Durkheim sowie Pangratz und Voß

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 27 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Von der mechanischen Solidarität zu der organischen Solidarität
2.1 Entwicklung des Individuums
2.2 Auswirkungen der freien Entfaltung des Individuums für die kollektive Interessenvertretung

3. Modell des Arbeitskraftunternehmers
3.1 Die Herausforderung für die Entwicklung des Individuums
3.2 Auswirkungen des Individualisierungsprozesses im Typus des Arbeitskraftunternehmers auf die soziale Inklusion

4. Die Herausbildung der neuen sozialen Ungleichheit

5. Zusammenfassung der Ergebnisse

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Der Klassiker der Soziologie Emile Durkheim hat sich in seinem Werk „Über soziale Arbeitsteilung“ u.a. mit der Entstehung der Solidarität in der Gesellschaft beschäftigt. Heutzutage ist der Begriff der Solidarität nicht nur in politischen sondern auch in wissenschaftlichen Debatten zu finden. Daran kann man sehen, dass die Solidarität in der Gesellschaft immer wieder ein aktuelles Thema ist. Das Problem liegt nun darin, dass der Begriff der Solidarität nicht einheitlich ist. Daher wird in der vorliegenden Hausarbeit die soziale Inklusion in dem modernen Gesellschaftsmodell von Durkheim sowie in dem Modell des Arbeitskraftunternehmers nach Pongratz und Voß herausgearbeitet. Da das Werk von Emile Durkheim aber sehr komplex ist, kann es in seiner Gesamtheit aus Platzgründen nicht in Betracht genommen werden. Deswegen wird die Analyse des Werkes „Über soziale Arbeitsteilung“ nun auf bestimmte Aspekte eingegrenzt: das Ziel dieser Arbeit ist es zu zeigen, wie sich der Individualisierungsprozess auf die Solidarität in den oben erwähnten Modellen auswirkt, sowie welche Folgen er für die Akteure und die Gesellschaft hat.

Zuerst wird der Übergang von der segmentären Gesellschaft zu der nicht-segmentären Gesellschaft nach Durkheim dargestellt, damit im nächsten Schritt die Entfaltung des Individuums erläutert werden kann. Darauf aufbauend werden in Kapitel 2.2 die Auswirkungen aus der freien Entfaltung des Individuums in der organischen Solidarität für die kollektive Interessenvertretung beschrieben. Da die Betrachtungsweise Durkheims in der Moderne kritisiert wird, wird sein Modell mit dem Typus des Arbeitskraftunternehmers verglichen und erörtert. Anschließend wird die Herausforderung für die Entfaltung des Individuums anhand des Modells des Arbeitskraftunternehmers erläutert, damit man die Auswirkungen des Prozesses der Individualisierung dieses Typus auf die soziale Inklusion feststellen kann. Der Vergleich zwischen dem Modell von Durkheim und dem Modell von Pongratz und Voß weist auf neue Ungleichheit in der Moderne hin, die in Kapitel 4 diskutiert wird. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse wird die vorliegende Hausabreit abschließen.

2. Von der mechanischen Solidarität zu der organischen Solidarität

In seinem Werk „Über soziale Arbeitsteilung“ stellt Emile Durkheim zwei Gesellschaftsmodelle dar, nämlich das einer segmentären bzw. archaischen Gesellschaft und das einer nicht-segmentären bzw. modernen Gesellschaft. Mit der Beschreibung der oben genannten Gesellschaften erläutert er u.a. die Herausbildung der mechanischen und der organischen Solidarität. Durkheim vertritt die These, dass die Arbeitsteilung die hauptsächliche Quelle der sozialen Solidarität sei (vgl. Durkheim 1988: 109), und gleichzeitig stellt er sich die Frage, wie es sein kann, dass „(…) das Individuum, obgleich es immer autonomer wird, immer mehr von der Gesellschaft abhängt? Wie kann es zu gleicher Zeit persönlicher und solidarischer sein?“ (ebd. 1988: 82). Um auf die Fragestellung eingehen zu können, sollen zuerst die oben erwähnten Arten der Solidarität näher beschrieben werden.

Durkheim erläutert die Herausbildung der organischen Solidarität anhand der Darstellung der mechanischen Solidarität, die eine Form der Solidarität sei, die in einer segmentären Gesellschaft entstehe. Dieser Gesellschaftstypus sei aus kleinen Familien, Horden und Clans zusammengesetzt. In ihm verkörpern die Akteure ähnliche Sitten, Annahmen und Rituale, die dazu führen, dass die Akteure ihr Handeln auf sie ausrichten (vgl. Durkheim 1988: 118ff.). Daraus kann man feststellen, dass die Homogenität ein Zeichen der archaischen Gesellschaft ist, weil die Akteure ähnlich handeln und denken. An dieser Stelle soll man die Tatsache berücksichtigen, dass die kollektiven Normen und Werte stark im Bewusstsein der Akteure verankert sind; diese kollektive Normen und Werte führen wiederum zur Entwicklung des Kollektivbewusstseins:

„Die Gesamtheit der gemeinsamen religiösen Überzeugungen und Gefühle im Durchschnitt der Mitglieder einer bestimmten Gesellschaft bildet ein umgrenztes System, das sein eigenes Leben hat; man könnte sie das gemeinsame oder Kollektivbewußtsein nennen“ (ebd. 1988: 128).

Die Annahme, dass das Kollektivbewusstsein stark in der segmentären Gesellschaft eingeprägt sei, binde den Akteur direkt in diese Gesellschaft ein. Hinzu kommt, dass das gemeinsame Bewusstsein der Akteure durch das Strafrecht geregelt und geschützt werde (vgl. ebd. 1988: 160). An dieser Stelle kann man sagen, dass die Akteure ihr Handeln auf die Normen und Werte der jeweiligen Gruppe ausrichten. Durkheim spricht daher über die Entstehung der mechanischen Solidarität, weil die Akteure wie mechanisch die Ähnlichkeiten in dieser Gesellschaft verkörpern. Die mechanische Solidarität ist laut Durkheim eine Form der

„(…) Solidarität, die aus den Ähnlichkeiten entsteht, [und] erreicht ihr Maximum, wenn das Kollektivbewußtsein unser ganzes Bewußtsein genau deckt, (…) aber in diesem Augenblick ist unsere Individualität gleich Null“ (ebd. 1988: 181f.).

Mit dem Zitat wird deutlich, dass der Akteur nicht in der Lage ist, über sein Handeln zu reflektieren und daher seine individuellen Interessen nicht zu verfolgen kann. An dieser Stelle kann man erkennen, dass die Entfaltung der Individualität unmöglich ist, da die homogene Gesellschaft die Entwicklung des Individuums mit Hilfe von Kollektivbewusstsein unterdrückt. Daraus kann man schließen, dass es zu kaum Differenzierung zwischen den Akteuren in der archaischen Gesellschaft kommt und dass die freie Entwicklung des Individuums nicht möglich ist.

Die moderne Gesellschaft bietet die Chance für die Entfaltung des Individuums, die mit der Zunahme von zwei Dimensionen erfolge, nämlich von „sozialem Volumen“ und von „moralischer Dichte“. Unter dem sozialen Volumen versteht Durkheim das Bevölkerungswachstum. Da die Anzahl der Akteure steige, werde gleichzeitig der Raum von ihnen dichter besiedelt und daher finde der Prozess der Urbanisierung und der Bau von Kommunikations- und Verkehrswegen statt, was Durkheim unter moralischer Dichte versteht (vgl. ebd. 1988: 315ff). Hinzu kommt, dass die Zunahme der oben erwähnten Dichten zu einem Überlebenskampf führe, weil die Anzahl der Akteure wachse und damit der verfügbare Raum für jeden Akteur schrumpfe (vgl. ebd. 1988: 325). Durkheim sieht aber einen Ausweg aus dem oben genannten Problem:

„Die Arbeitsteilung ist also ein Ergebnis des Lebenskampfes, aber in einer gemilderteren Form. Dank der Arbeitsteilung brauchen sich die Rivalen nicht gegenseitig zu beseitigen, sie können im Gegenteil nebeneinander existieren“ (ebd. 1988: 330).

Aus dem Zitat geht hervor, dass Durkheim annimmt, das Problem des Überlebenskampfes könne von der Einführung der Arbeitsteilung gelöst werden.

In der nicht-segmentären Gesellschaft finde, so der Autor, ein hoher Grad an Arbeitsteilung statt, in der sich eine gegensätzliche Solidarität im Vergleich zur archaischen Gesellschaft, nämlich die organische Solidarität, herauskristallisierte. Die Tatsache, dass die Arbeit in hohem Maße geteilt sei, führe sie zur Spezialisierung der Akteure und daraus folge die Möglichkeit für den Prozess der Individualisierung (vgl. ebd. 1988: 183). Daraus kann man schließen, dass die moderne Gesellschaft durch die Differenzierung der Akteure gekennzeichnet ist, weil jeder Akteur eine andere Tätigkeit ausüben kann.

Schließlich lässt sich sagen, dass Durkheim anhand der organischen Solidarität die arbeitsteilige Vielfalt statt der mechanischen Gleichheit zeigt:

„Jedes Organ hat (…) seine eigene Physiognomie und seine Autonomie, und trotzdem ist die Einheit des Organismus um so größer, je stärker die Individualisierung der Teile ausgeprägt ist. Aufgrund dieser Analogie (…), die Solidarität, die sich der Arbeitsteilung verdankt, organische Solidarität zu nennen“ (ebd. ebd.).

An diesem Zitat kann man erkennen, dass Durkheim die organische Solidarität organisch nennt, weil er die Akteure mit den Organen eines Organismus gleich setzt: einerseits haben sie eine bestimmte und differente Funktion, andererseits tragen sie durch ihr Handeln die Verantwortung für die Funktion der ganzen Gesellschaft bzw. des gesamten Organismus.

Zusammengefasst kann man sagen, dass der Unterschied zwischen der mechanischen Solidarität und der organischen Solidarität die Zunahme an Arbeitsteilung in der organischen Solidarität ist. Die Arbeitsteilung ist wiederum aufgrund von zwei Dimensionen, von sozialem Volumen und moralischer Dichte, gestiegen. Hinzu kommt, dass die Arbeitsteilung eine wichtige Rolle in der nicht–segmentären Gesellschaft spielt, weil sie u.a. zur Spezialisierung der Akteure führt, und daraus folgt der Individualisierungsprozess. Der Prozess der Individualisierung verdeutlicht, dass das Individuum sich frei in der organischen Solidarität entwickeln kann. Die Entfaltung des Individuums wird im folgenden Kapitel thematisiert.

2.1 Entwicklung des Individuums

„Die individuelle Persönlichkeit (…) entwickelt sich nachgerade mit der Arbeitsteilung“ (Durkheim 1988: 473f.). Mit diesem Zitat wird deutlich, dass die Arbeitsteilung in der modernen Gesellschaft zunimmt und daraus folgt, dass das Individuum die Möglichkeit, sich frei zu entfalten, bekommt. Die Tatsache, dass jeder Akteur eine differenzierte Tätigkeit ausüben könne, führe zur Spezialisierung der Akteure untereinander und damit zu der Herausbildung von Berufsgruppen (vgl. ebd. 1988: 46f.). An dieser Stelle kann man erkennen, dass die Zugehörigkeit zu einem Berufsfeld die freie Entfaltung des Individuums ermöglicht, weil der Akteur sich individuell aufgrund der Arbeitsteilung spezialisieren kann. Hinzu kommt, dass die Arbeitsteilung nicht nur die Spezialisierung in dieser Gesellschaft hervorruft, sondern auch die Entstehung eines neuen Bewusstseins.

„Die Arbeitsteilung übernimmt immer mehr die Rolle, die früher das Kollektivbewußtsein erfüllt hätte“ (ebd. 1988: 228). Daraus kann man ableiten, dass das Kollektivbewusstsein durch die Spezialisierung und die Zugehörigkeit zu der Berufsgruppe aufgrund der Arbeitsteilung ersetzt wird. Nach der Analyse des Modells der organischen Solidarität von Durkheim bezeichnet Rosa das Bewusstsein des Akteurs als Individualbewusstsein, weil der Akteur mit der Hilfe des Individualbewusstseins die Möglichkeit der Selbstentscheidung bekomme (vgl. Rosa et al. 2007: 81). Daraus kann man schließen, dass die neue Art des Bewusstseins in der organischen Solidarität sehr stark auf das Individuum als Folge der Arbeitsteilung bezogen ist.

„Tatsächlich hängt einerseits jeder um so enger von der Gesellschaft ab, je geteilter die Arbeit ist, und andererseits ist die Tätigkeit eines jeden um so persönlicher, je spezieller sie ist“ (Durkheim 1988: 183).

Man kann an dieser Stelle beobachten, dass der Akteur einerseits selbst über sein Handeln entscheiden kann und damit kann er sein Leben selbst gestalten, d.h., dass der Spielraum des Individuums größer als in der mechanischen Solidarität ist. Andererseits hängt der Akteur von der Gesellschaft ab. Hinzu kommt die Tatsache, dass der Akteur sich auf ein bestimmtes Gebiet spezialisieren kann, führt einerseits zu der individuellen Anstrengung, andererseits zur Selbstentscheidung. Damit kann der Akteur persönliche Interessen verfolgen und sie in die Tat umsetzen. Außerdem nennt Abels die organische Solidarität von Durkheim eine Solidarität der Individualität, weil die Akteure einen sehr hohen Grad an Autonomie hätten (vgl. Abels 2006: 192). Durkheim meint, dass die Autonomie ein Ergebnis des kollektiven Handelns sei, und daher spricht er von einem „Kult des Individuums“ (vgl. Durkheim 1988: 227 und 506). An dieser Stelle lässt sich sagen, dass die freie Entwicklung des Individuums durch den hohen Grad an Autonomie in der organischen Solidarität gekennzeichnet ist.

Zusammenfassend kann man feststellen, dass die freie Entfaltung des Individuums in der nicht-segmentären Gesellschaft stattfindet. Die freie Entwicklung des Individuums führt zu dem Individualisierungsprozess, weil der Akteur autonom aufgrund der Spezialisierung als Folge der Arbeitsteilung ist. An dieser Stelle soll man die folgende Frage von Durkheim in Betracht ziehen: wie es dazu kommen könne, dass die Akteure trotz dass sie autonomer seien, sie gleichzeitig von der Gesellschaft abhängig und trotzdem miteinander solidarisch seien, sodass die Kollektivinteressen vertreten werden können (vgl. ebd. 1988: 82). Diese genannte Fragestellung wird im nächsten Kapitel diskutiert.

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Details

Seiten
27
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656105190
ISBN (Buch)
9783656105855
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v185022
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Schlagworte
Arbeitskraftunternehmer Durkheim Individuum neue soziale Ungleichheit

Autor

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