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NS-Rassenhygiene

Entstehung und ihre praktische Umsetzung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 28 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehungsbedingungen der NS-Rassenhygiene
2.1 Entwicklungen der Euthanasie
2.2 Entwicklungen der Eugenik
2.3 Verknüpfungen von Eugenik und Euthanasie
2.4 Das Konzept der NS-Rassenhygiene
2.5 Die Rolle der Pädagogik für die Rassenhygiene

3. Umsetzung der NS-Rassenhygiene im Dritten Reich
3.1 Institutionalisierung und rechtliche Basis
3.2 Ausweitung der Euthanasie: Aktion T4
3.3 Dezentralisierung und Fortsetzung der Euthanasie
3.4 Entwicklung der Pädagogik nach 1933

4. Schlussbetrachtungen
4.1 Von T4 zur Endlösung der Judenfrage
4.2 Zusammenfassung und Fazit

5. Anhang
5.1 Literaturverzeichnis
5.2 Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Das Ziel dieser Hausarbeit ist eine möglichst exakte Rekonstruktion der NS-Rassenhygiene. Im ersten Hauptteil sollen dafür wichtige Vorarbeiten geleistet werden. Zunächst werden die beiden grundlegenden Hauptströmungen Euthanasie[1] und Eugenik[2] in ihrer zeitlichen Entwicklung kurz dargestellt. Darauf aufbauend wird dann die Verknüpfung dieser beiden mit weiteren Strömungen der Natur- und Geisteswissenschaften dargestellt. Dabei handelt es sich vor allem um sozialdarwinistische sowie völkisch-nationale Bewegungen. Außerdem soll im ersten Schritt die Rolle der Pädagogik im Zusammenhang mit der Rassenpolitik der Nationalsozialisten herausgearbeitet werden.

Im zweiten Schritt sollen dann die praktischen Implikationen der dargelegten Theorie untersucht werden. Angefangen mit Formen von Institutionalisierung und möglichen juristischen Kodifizierungen, über konkrete Maßnahmen – wie die Aktion T4 – bis schließlich zu einer Neubewertung der Rolle der Pädagogik nach Analyse der praktischen Umsetzung der Theorie. Einige Schlussbetrachtungen sollen das Thema abrunden.

Eine kommentarlose Darstellung dieser jeder Menschenwürde und moralischen Grundwerten widersprechenden Ereignisse ist nicht einfach, erscheint im Sinne der historischen Genauigkeit aber als notwendig. Auf Anführungsstriche bei euphemistischen Begriffen des NS-Jargons wird daher ebenso verzichtet. Die Grausamkeiten der dargestellten Taten im Maße einer völligen Kulturentledigung[3] sollen daher hier an dieser Stelle stellvertretend für die ganze Arbeit zum Ausdruck gebracht werden:

„Untaten von so ungezügelter und zugleich so bürokratisch-sachlich organisierter Lieblosigkeit, Bosheit und Mordgier, dass niemand sie ohne tiefste Scham darüber zu empfinden zu lesen vermag, dass Menschen zu solchem fähig sind.“[4]

2. Entstehungsbedingungen der NS-Rassenhygiene

2.1 Entwicklungen der Euthanasie

Der Begriff der Euthanasie hat eine lange Geschichte aufzuweisen und unterlag dabei einem fortlaufenden Wandel, sodass man zweifelsohne von einem weitgespannten Bedeutungsfeld[5] sprechen kann.

Erste Spuren lassen sich schon im fünften vorchristlichen Jahrhundert ausmachen, wobei Euthanasie hier vor allem im hellenistischen Sprachgebrauch als Ideal des schmerzlosen und ehrenvollen Todes verstanden wurde.[6] Der erste große Bedeutungswandel erfolgt dann erst im 17. Jahrhundert durch Francis Bacon. Euthanasie im Sinne einer „euthanasia exterior“[7] umfasste nun ärztliche Handlungen, die dem Sterbenden die Qualen des Todeskampfes erleichtern sollten. Dies wurde im 18. und frühen 19. Jahrhundert von Nikolas Paradys und Johann Christian Reil um Körperpflege, korrekte Lagerung und schmerzstillende Medikation sowie auch um psychologische Betreuung ergänzt.[8] Euthanasie wurde analog zur Hebammenkunst als Hilfe für Sterbende interpretiert.

Das gesamte 19. Jahrhundert umfasst also eine Sterbebegleitung, aber keine Lebensverkürzung, sodass Karl Ludwig Klohss 1835 treffend sagen konnte:

„Tod erleichtern heißt nicht, Tod geben, wenngleich Tod geben, oft viel leichter als ihn erleichtern heißen möge.“[9]

Die für die Entstehung der nationalsozialistischen Rassenhygiene entscheidende Umwandlung in der Bedeutung der Begrifflichkeit sollte im frühen 20. Jahrhundert erfolgen. Schon 1859 veröffentlichte der britische Naturforscher Charles Robert Darwin sein Werk „Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl oder die Erhaltung der begünstigten Rasse im Kampf ums Dasein“. Dieses Werk sollte, obwohl von Darwin eindeutig auf die Natur- und Pflanzenwelt bezogen, die Geschichte nachhaltig beeinflussen. Bereits 1868 transformierte der deutsche Zoologe Ernst Haeckel den Kampf ums Dasein auf die Geschichte der Völker.[10] Der Darwinismus mutierte zum Sozialdarwinismus. Aufgegriffen wurde dieser Gedanke vor allem von Auguste Forel und Alexander Tille. Es entstanden unheilvolle Ideen, wie z.B. dass Aushungern von Untüchtigen oder die negative Wirkung von Kranken- und Sozialversicherungen auf die natürliche Selektion.[11] Kennzeichnend ist also schon damals eine Konstruktion, dass es eine soziale Differenz gibt, die sich nach Leistung bzw. auch nach utilitaristischen Prinzipien definieren lässt.

Institutionell lässt sich die Entwicklung an der Gründung der „Gesellschaft für Rassenhygiene“[12] festmachen. Die relativ geringe Mitgliederzahl von 350 Aktiven im Jahre 1914 zeigt aber auch, dass die Maßnahmen der sozialen Selektion eine Randerscheinung der Gesellschaft darstellten.[13] Eine Ausweitung des Begriffs der Euthanasie im Sinne von Sterbehilfe auf unheilbar Kranke, deren Tod aber noch nicht unmittelbar bevorstand, ist jedoch schon deutlich wahrzunehmen.[14]

2.2 Entwicklungen der Eugenik

Grundlegend ist die Unterscheidung von positiver und negativer Eugenik. Als Begründer der positiven Eugenik gilt der Brite Francis Galton[15], der in den späten 1860er Jahren die These postulierte, dass intellektuelle Fähigkeiten vererbbar sind.[16] Daraus leitete er das Ziel ab, eine Verbesserung der Rasse durch Vermehrung von besonderen Gaben herbeizuführen. Die Nähe zu den Gedanken Darwins ist augenscheinlich, was auch nicht weiter verwundert, da Galton der Vetter von Darwin war. Die von Galton entworfene Methode sieht vor, dass man über die Anwendung des Selektionsprinzips auf die Gesellschaft die Kontrolle über die Evolution gewinnt, um so die angestrebten Eliten zu produzieren.[17] Diesen Vorgang nannte er Eugenik. Rezipiert wurden diese Gedanken im kleinen Kreise vor allem in England von Soziologen und Biologen. Für die deutschsprachige Wissenschaft ist keinerlei nennenswerte Anknüpfung bekannt.

Es entwickele sich vielmehr unabhängig von Galton die negative Eugenik, als deren Urvater Wilhelm Schallmayer gilt.[18] Im Jahre 1891 veröffentlichte er sein Werk „Über die drohende körperliche Entartung der Kulturmenschheit“. Die Zielsetzung ist mit der von Galton durchaus vergleichbar, nämlich die Aufartung der Rasse. Aber Schallmayer wählte einen umgekehrten Zugang. Für ihn ist die natürliche Selektion, die Darwin ja für die Natur postulierte, in der Gesellschaft außer Kraft gesetzt.[19] Seine These lautet daher, dass es durch medizinische Innovation bzw. durch lebensverlängernde Therapien zu einem Degenerationsprozess kommt. Negative Eugenik steht also zunächst für das Wiedereinführen der natürlichen Selektion der Gesellschaft. Schallmayers Gedanken blieben im Kreis einiger weniger Mediziner ähnlich exklusiv wie die von Galton.

2.3 Verknüpfungen von Eugenik und Euthanasie

Es sind zwei entscheidende Zäsuren auf dem Weg von Eugenik und Euthanasie zur NS-Rassenhygiene. Charakteristisch für beide ist die Zusammenführung und Radikalisierung der sozialdarwinistischen, eugenischen und euthanasischen Ideen zu einem mehr oder weniger geschlossenen System.

Den ersten Schritt machte der deutsche Arzt Alfred Ploetz, der nicht nur den Begriff der Rassenhygiene in den deutschen Sprachgebrauch einführte, sondern 1895 ein Werk veröffentliche, das entscheidend zur Breitenwirkung der Eugenik beitrug. „Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen“ verfolgte einen explizit negativ eugenischen Weg mit dem Ziel einer erbgesunden Gesellschaft.[20] So schlägt Ploetz z.B. die Zwangssterilisation von „Arbeitsscheuen, Trunkenbolden, Geisteskranken, Blinden, Krüppeln und Invaliden“[21] vor.

Darauf aufbauend konnten der Jurist Karl Lorenz Binding und der Psychiater Alfred Hoche, ganz im Eindruck des menschenverachtenden Ersten Weltkrieges,[22] ihr Werk „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens, ihr Maß und ihre Form“ publizieren. Auf Binding geht dabei die rechtliche Grundlage der Lebensverkürzung zurück. Er stellt die Frage, welchen Wert für die Gesellschaft das Fortdauern eines Lebens hat.[23] Dieser Rentabilitätsgedankte sollte später im Nationalsozialismus sehr stark aufgegriffen werden. Binding unterscheidet weiter drei Gruppen.[24] Zunächst gesunde Menschen, die durch Unfall oder ähnliches im Koma liegen, dann durch Krankheit oder Verwundung unrettbare Menschen und schließlich unheilbar Blödsinnige, deren Leben ihm zwecklos erschien. Eine Kommission aus zwei Ärzten und einem Juristen soll schließlich der Tötung zustimmen. Antiindividualistische und menschenökonomische Tendenzen sind dabei nicht von der Hand zu weisen.[25]

Hoche ergänzt dieses Schema um eine utilitaristische Begründung der Tötung. Die kostenintensive Fürsorge (Nahrung, Heizung, Kleidung), so sagt er, diene allein einem unproduktiven Zweck und legitimiere so die Tötung von Ballastexistenzen[26]. Der Staat wird hier als Organismus gesehen, dessen schädliche Teile man entfernen muss, um die korrekte Funktion zu garantieren.[27] Festgehalten werden kann, dass die Reaktionen der Wissenschaft und Öffentlichkeit zwar immer noch nicht auf eine Breitenwirkung des Gedankengutes hinweisen, aber in ihrem Rahmen als generell positiv zu bewerten sind.[28]

Die hier aufgezeigte Historie beschränkt sich zwar überwiegend auf den deutschsprachigen Raum, dies bedeutet aber nicht, dass der dargestellte Prozess auf das Deutsche Reich beschränkt war. Es handelt sich bis hierhin vielmehr um einen internationalen Verlauf, nie nur um einen nationalen und erst recht nicht einen rein deutschen.[29]

2.4 Das Konzept der NS-Rassenhygiene

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1933 bedeutete eine qualitative und quantitative Ausweitung in der Entwicklung von Euthanasie und Eugenik. Man spricht zu Recht von einem Radikalisierungsprozess ohne Beispiel.[30]

Grundlegend für das Verständnis dieser Entwicklung ist zunächst ein Einblick in die innere Verfassung des Dritten Reiches. Martin Broszat benennt diese als polykratische Herrschaftsstruktur.[31] Kennzeichnend dafür ist Adolf Hitlers Fähigkeit, sich mächtige Apparate zu schaffen, die sich in ihren Arbeitsfeldern jeweils stark überlappten und die in ihren Zuständigkeiten nie eindeutig festgelegt waren. So war zum einen Hitlers Position selber aus dem Inneren des Staates nie ernsthaft bedroht und zum anderen schuf er so ein Instrument, um seine Befehle an der ordentlichen Verwaltung vorbei, somit also führerunmittelbar, ausführen zu lassen.[32] Eugenik und Euthanasie sind daher in einen rechtlosen Hohlraum einzuordnen.[33]

Die quantitative Ausweitung der Rassenhygiene ist eine direkte Folge der Gleichschaltung des Reiches. Waren Eugenik und Euthanasie bis 1933 Themen von Wissenschaft und Forschung, erhielten sie nun über die Politik Eingang in die gesamte Lebenswelt des Dritten Reiches. Man kann im Folgenden von einer explizit nationalen, also deutschen, Entwicklung mit entscheidender Breitenwirkung sprechen.

Abbildung 1: Konstitutive Elemente der NS-Rassenhygiene

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Unter qualitativen Gesichtspunkten ist eine Aufschlüsselung der Rassenhygiene in ihre konstitutiven Elemente sinnvoll, denn es kam zu einer integrativen Verknüpfung der bereits dargelegten geistigen und wissenschaftlichen Strömungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.[34] Es ist festzustellen, dass zu den bisherigen Elementen Sozialdarwinismus, Eugenik und Euthanasie zwei weitere wichtige Bestandteile ergänzt wurden. Zum einen die spezielle Rassenan-thropologie der Nationalso-zialisten. Hier ist in erster Linie der Humangenetiker Fritz Lenz zu nennen. Mit seinem Werk „Über die biologischen Grundlagen der Erziehung“ von 1925 legte Lenz, gestützt auf Arthur de Gobineau[35] und Houston Stewart Chamberlain[36], den Grundstock für die rassische Aufladung der Eugenik[37], die später im Holocaust münden sollte. Die von Lenz angestrebte Methode kann man als soziale Selektion bezeichnen. Auch er verweist auf die Degeneration der Gesellschaft auf Grund medizinischer Innovation und übersteigerter Wohlfahrtspflege. Rassisch Minderwertige sollen daher aus dem Erbstrom ausgeschlossen werden, um durch eine Reinigung des Volkskörpers eine Aufartung der Rasse zu erreichen. Erreicht werden soll dies vor allem über Zwangssterilisationen und Reglementierung von Eheschließungen rassisch Minderwertiger.[38] Das Idealbild der Gesellschaft, das sich daraus ergibt, entspricht einer erneuerten und in sich geschlossenen Volksgemeinschaft, dessen Rückgrad die durch Zucht und Selektion nun vorherrschende nordische Herrenrasse darstellt. Dem liegt weiterhin die Prämisse zu Grund, die von einer Biologisierung des Sozialen ausgeht. Also die These, dass allein die Erbanlagen für die Entwicklung des Menschen verantwortlich sind und nicht soziale Milieus oder die Gesellschaft im Allgemeinen.[39] Die Völkische Bewegung ist also das zweite neue Element der Rassenhygiene im Nationalsozialismus.

Zusammenfassend kann man sagen, dass für die Rassenhygiene im Nationalsozialismus keine einheitliche Definition zu finden ist. Es lassen sich sowohl anthropologische (vor allem Lenz und Ploetz), aber auch medizinisch-soziale (Binding und Hoche) Einflussfaktoren ausmachen.[40] Aber es ist festzustellen, dass die NS-Rassenhygiene eine historisch und politisch folgenreiche Verknüpfung von Euthanasie und Eugenik mit der politischen Ideologie des Nationalsozialismus darstellt.[41]

2.5 Die Rolle der Pädagogik für die Rassenhygiene

Die Ideen der Eugenik waren der Pädagogik nicht so fremd, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. So prägte z.B. die Schwedin Ellen Key mit ihrem Werk „Das Jahrhundert des Kindes“ nicht nur die reformpädagogische Diskussion am Ende des 19. Jahrhunderts nachhaltig, sondern durch sie erhielten auch Gedanken an die Züchtung eines höheren Typus von Menschen Eingang in die Pädagogik.[42] Auffällig ist also eine enge Verschränkung von Pädagogik und Eugenik. Deutlich wird dies mustergültig an einem Zitat aus dem Werk von Ellen Key: „Während die heidnische Gesellschaft in ihrer Härte die schwachen oder verkrüppelten Kinder aussetzte, ist die christliche Gesellschaft in der Milde zu weit gegangen, dass sie das Leben der psychisch und physisch unheilbar kranken und missgestalteten Kinder zur stündlichen Qual für das Kind selbst und seine Umgebung verlängert. Noch ist doch in der Gesellschaft, die unter anderem die Todesstrafe und den Krieg erhält, die Ehrfurcht vor dem Leben nicht groß genug, als dass man ohne Gefahr das Verlöschen eines solchen Lebens gestatten könne. Erst wenn ausschließlich die Barmherzigkeit den Tod gibt, wird die Humanität der Zukunft sich darin zeigen können, dass der Arzt unter Kontrolle und Verantwortung schmerzlos ein solches Leiden auslöscht.“[43] Aber wie sah nun die Rolle der Pädagogik im Nationalsozialismus aus?

Ab 1933 kann man von einer autonomen Pädagogik im Sinne der Reformpädagogik nicht mehr sprechen. Die Pädagogik hatte quasi aufgehört, sich aus sich selbst heraus legitimieren zu können.[44] Alleinige Aufgabe war es nun, dem Staatszweck zu dienen.[45] Ganz im Dienste der Rassenhygiene kam es zu einem Einbruch eines „naturwissenschaftlichen Paradigmas unter völkischen Vorzeichen“[46] in die Pädagogik. Ziele waren daher neben der Umsetzung staatlich vorgegebener Aufträge auch die Untermauerung der Rassenhygiene durch Formulierung eines wissenschaftlichen Konzeptes sowie die Postulierung dieses Konzeptes im Unterricht, um die Breitenwirkung von Eugenik und Euthanasie weiter voranzutreiben.

Karl Friedrich Sturm führt dementsprechend aus, dass Erziehung ausschließlich der Bestandserhaltung der rassisch definierten Volksgemeinschaft dient.[47] Im selben Zusammenhang charakterisiert der Chefideologe der NSDAP, Alfred Rosenberg, Erziehung als Charaktererziehung im Einklang mit der Rassenseele des deutschen Volkes.[48] Auch Alfred Bäumler macht den Zusammenhang von Rassenhygiene und Pädagogik deutlich wenn er Pädagogik als Anwendung einer völkischen Biologie bezeichnet.[49] Daraus lässt sich ein wichtiges Ziel der Pädagogik direkt ablesen, die Erziehung zu einer eugenischen Lebensführung. Rassenkunde und Vererbungslehre sind demnach auch Standardelemente des Unterrichts im Dritten Reich. Zusammenfassen kann man die Pädagogik als eindeutig zweckorientiert auf die schon angesprochene völkische Utopie einer wehrhaften, nordischen Volksgemeinschaft. Methodische Fragen rückten darüber weit in den Hintergrund.

3. Umsetzung der NS-Rassenhygiene im Dritten Reich

3.1 Institutionalisierung und rechtliche Basis

Bereits zum 1. Januar 1934 trat das erste wichtige Gesetz in Kraft, das direkt aus dem Zusammenhang der NS-Rassenhygiene zu erklären ist. Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“[50] sah die Zwangssterilisation von Menschen mit „angeborenem Schwachsinn, Schizophrenie, manisch-depressiven Schüben, Epilepsie, erblicher Blind- und Taubheit, körperlichen Missbildungen und Alkoholproblemen“[51] vor. Unter dem Vorwand der Nächstenliebe gegenüber den kommenden Generationen waren nun sowohl Ärzte und Sozialpädagogen als auch Anstaltsleiter von Pflegeheimen meldepflichtig. Die Ideologie, die hinter diesem Gesetz steht, kann man unter der Zielsetzung der Verhinderung der Fortpflanzung von erbuntüchtigen und rassisch minderwertigen Menschen zusammenfassen. Als Methoden waren neben medikamentöser Sterilisation auch Röntgenstrahlen und intrauterine Reize durch Strom vorgesehen.[52] Die Medikamente waren zumeist unwirksam bzw. noch nicht ausreichend erforscht, vor allem unter dem Gesichtspunkt der richtigen Medikation. Die Anwendung der Röntgenstrahlen stieß auf große Kritik seitens der Ärzte, weil sie erstens nur aufwendig umzusetzen war und zweitens große Verbrennungen hervorrief. Die Stromstöße waren darüber hinaus ebenso ineffektiv, weil auch hier keine genauen Richtlinien existierten und es zuhauf zu lebensbedrohlichen Blutungen kam. Insgesamt war die Methode der Sterilisation wenig effektiv und kaum zentral organisiert,[53] sodass der Übergang zur Euthanasie unter staatlicher Lenkung der nächste und aus der Sicht der NS-Ideologie konsequente Schritt war.

Abbildung 2: Kindereuthanasie-Erlass

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Beginn der Planungsphase der Kindereuthanasie lässt sich etwa auf Juli 1939 datieren. Maßgeblich ist zunächst der sogenannte „Fall Knauer“[54]. Die Kanzlei des Führers (KdF) erhielt einen Brief von verzweifelten Eltern mit der Bitte um die Genehmigung von Euthanasie an ihrem todkranken Kind. Der Brief wurde an Hitlers Leibarzt Dr. Karl Brandt delegiert, der den Fall prüfte und mit Hitler besprach. Ergebnis der Unterredung war die Genehmigung der Euthanasie und die garantierte Straffreiheit für den behandelnden Arzt. Als in der darauffolgenden Zeit ähnliche Briefe an die KdF herangetragen wurden, ermächtigte Hitler seinen Leibarzt Brandt sowie Philipp Bouhler (Reichsleiter KdF) in solchen Fällen auch ohne Konsultation des Führers analog zum „Fall Knauer“ vorzugehen. Diese kurze schriftliche Notiz (vgl. Abb. 2) wurde zur Basis der Euthanasie.[55] Brandt bildete unmittelbar folgend eine Kommission mit 20 ihm loyalen Ärzten. Als „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“ getarnt nahm die Organisation der Euthanasie ihren Lauf. Auffallend ist, dass offizielle staatliche Stellen nur in absolut geringfügigem Maße beteiligt waren. Zu diesem Zeitpunkt war mit Herbert Linden nur ein untergeordneter Sachbearbeiter des Reichsinnenministeriums eingeweiht bzw. beteiligt.[56]

Abbildung 3: Erwachseneneuthanasie-Erlass

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Ausweitung der Euthanasie auf Erwachsene folgte unmittelbar. Hitler berief eine Kommission aus Dr. Leonard Conti[57] und Martin Bormann, die er mündlich mit der Erwachseneneuthanasie beauftragte. Diese beiden wurden jedoch schnell von Brandt und Bouhler ausmanövriert, sodass die KdF ihre Zuständigkeit sichern und ausweiten konnte. Organisatorisch wurden nun drei parallele Schritte durchgeführt. Als erstes wurde das Reichsinnenministerium beauftragt, sämtliche Patienten von Heil- und Pflegeanstalten zentral zu erfassen. Zweitens wurde die Räumung der Anstalt Grafeneck in Württemberg veranlasst, da im Rahmen der Geheimhaltung eine Tötung in den jeweiligen Anstalten außer Frage stand. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges diente als Vorwand. Offiziell sollte in Grafeneck ein Seuchenlazarett aufgebaut werden. Drittens wurde die Tötungsart spezifiziert. Nach Versuchen des Kriminaltechnischen Institutes Berlin stand fest, dass die Tötung mittels Kohlenoxyd-Gas (CO-Gas) erfolgen sollte.[58] Eine rechtlich kodierte Grundlage ist bis hierhin nicht auszumachen. Erst Ende Oktober 1939 unterschrieb Hitler auf seinem Privatpapier den Euthanasieauftrag[59] (vgl. Abb. 3), den man jedoch kaum als juristisch haltbare Legitimation darstellen kann, sondern allenfalls als Farce.[60] Die weitere Organisation verlief schleppend, die Kindereuthanasie erfolgte dazu dezentral weiter. Die Kinder starben überwiegend aufgrund mangelnder Hygiene und Unterernährung.

Im Januar 1940 waren dann die Fragebögen im Reichsinnenministerium gesammelt. Die ersten Mitarbeiter machten sich auf den Weg nach Grafeneck. In Berlin wertete indes eine Ärztekommission die Daten aus. Jeder Fragebogen ging durch die Hände von drei Ärzten. Das abschließende Urteil fällte ein Obergutachter, namentlich entweder der Bürokrat Herbert Linden oder der Neurologe Werner Heyde[61]. Zu dieser Zeit wurden in Grafeneck die ersten mobilen Krematorien errichtet. Der gesamte Apparat umfasste etwa 300 Beamte und Ärzte, die die riesige Datenflut aber kaum bewältigen konnten. Konsequenz war eine völlige Neustrukturierung und Ausweitung des Euthanasie-Komplexes.[62]

3.2 Ausweitung der Euthanasie: Aktion T4

Die komplette Verwaltung der Euthanasie zog im April 1940 in eine ehemalig jüdische Villa in der Tiergartenstraße 4 in Berlin. Die Adresse wurde synonym für die gesamte folgende Euthanasie. Aktion T4.

Im Folgenden soll das Organisationsschema dieser Organisation genauer beleuchtet werden (vgl. Abb. 4).[63]

Der nun auf etwa 400 Mitarbeiter angewachsene Stab stand formell unter dem Dach der „Gemeinnützigen Stiftung für Anstaltspflege“, die neben der Bezahlung auch für die Anwerbung von neuem Personal verantwortlich war. Diese Konstruktion war notwendig, damit die Kanzlei des Führers offiziell nicht in Erscheinung trat. Ebenfalls eingeführt wurde die Richtlinie der absoluten Geheimhaltung für sämtliche Beschäftigten. Zuwiderhandlungen konnten mit der Todesstrafe geahndet werden.

Abbildung 4: Organisationsschema der Aktion T4

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Reichsarbeitsgemeinschaft „Heil- und Pflegeanstalten“ (RAG) war nun allein zuständig für die Erfassung der Opfer. Werner Heyde stieg zum Leiter dieser Abteilung auf. Die Selektion der Opfer erfolgte nun allein nach dem Kriterium der Arbeitsfähigkeit. Erste Aufgabe war die komplette Auswertung sämtlicher Fragebögen. Es wurde eine Liste mit 70.000 Todeskandidaten erstellt, die auf die nun sechs Euthanasie-Tötungsanstalten verteilt werden mussten (vgl. Abb. 5). Den Transport der Todeskandidaten wurde von der „Gemeinnützige Krankentransport GmbH“ (Gekrat) organisiert. Ziel waren entweder sofort die sechs Todeszentren oder Zwischenstationen zur Sammlung von kleineren Gruppen bzw. auch zur Verschleierung der Spuren. Sämtliche finanzielle Aspekte wurden von der „Zentralverrechnungsstelle Heil- und Pflegeanstalten“ (ZVSt) abgewickelt. So sollte ein zügiges Abarbeiten der Todeslisten garantiert werden.

Abbildung 5: Tötungsstellen der Aktion T4

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In den Tötungsanstalten erfolgte dann meist noch am Tage der Einlieferung nach kurzer Untersuchung der Tod, meist durch Gas, in seltenen Fällen aber auch durch Aushungern oder durch herbeigeführte Unterernährung bzw. Erfrierung. Die Leichen wurden unter dem Vorwand der Seuchengefahr verbrannt und den Angehörigen dann in Urnenform auf postalischem Wege übermittelt. Wegen der Geheimhaltung gab es spezielle Mitarbeiter, die die Urnen aus den sechs Anstalten sammelten und über Postämter im ganzen Reichsgebiet verschickten, um die Existenz der zentralen Tötungsanstalten zu verschleiern. Extra eingerichtete Standesämter fälschten reihenweise Totenscheine. Lungenentzündung war die häufigste „Todesursache“. Weiterhin wurde auch der Todeszeitpunkt möglichst weit nach hinten verlegt, um den Pflegesatz auch über den eigentlichen Tod hinaus einziehen zu können. Der Höhepunkt der Tötungen war etwa im Juni 1940 erreicht, danach nahmen die Tötungsraten ab. So verzeichnete die Tiergartenstraße z.B. im Dezember 1940 für Grafeneck: „Keiner mehr da zum Töten“[64].

Dass die Geheimhaltung nicht so umfassend funktionierte wie angestrebt, sollte sich bald zeigen. So berichtete z.B. die BBC ab August 1941 regelmäßig über die Schrecken der Euthanasie. Die Royal Airforce warf in mehreren Aktionen Flugblätter über deutschen Städten ab. Parallel dazu rief z.B. der Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen in mehreren Predigten zum Widerstand gegen die Tötungen auf. Diese Entwicklungen veranlassten die Reichsführung zu einem propagandistischen Stopp der Euthanasiemaßnahmen am 24. August 1941.[65] Bis dahin waren insgesamt 70.273 Patienten ermordet worden. Erwähnenswert ist dabei die fadenscheinige Argumentation, dass Hitler von den Aktionen bisher nichts wusste und nach Bekanntwerden sofort eingestellt hat. Ein Blick auf die Zahlen zeigt aber eine andere Ursache des Stopps. Die ursprüngliche Liste mit 70.000 Todeskandidaten war erschöpft und damit auch die Zielgruppe der Patienten aus Heil- und Pflegeanstalten. Weiterhin hatte sich gezeigt, dass die Geheimhaltung nicht ausreichend funktionierte und dass die umständliche Organisation aufgrund der immer noch fehlenden gesetzlichen Grundlage einer wirklich effektiven Tötung immer noch im Wege stand. Der Stopp erfolgte also in erster Linie wegen einer dringend benötigten Neuorganisation der Euthanasie.[66]

3.3 Dezentralisierung und Fortsetzung der Euthanasie

Im Prinzip kann man von einer organisatorischen Kontinuität von T4 trotz des Stopps sprechen. Die Tiergartenstraße bestand weiter und wurde in ihren Zuständigkeiten kaum geändert.

Die Euthanasie an Patienten aus Heil- und Pflegeanstalten verlief aber größtenteils unabhängig davon weiter. Die Tötungen erfolgten nicht mehr zentral gelenkt und daher meist direkt in den jeweiligen Anstalten. Bevorzugtes Mittel zum Herbeiführen des Todes war die sogenannte Sonderkost. Eine völlig fettfreie Nahrung, die meist nach wenigen Wochen einen qualvollen Tod durch Verhungern zur Folge hatte. Unterkühlte Zimmer und völlig desolate hygienische Zustände wurden ebenso bewusst genutzt, um den Tod von Patienten herbeizuführen. So starben bis Kriegsende mindestens weitere 20.000 Patienten.[67]

Die Organisation von T4 war nun auf einen anderen Personenkreis konzentriert. Unter dem Aktenzeichen 14f13 wurde die T4-Organisation vom Reichskommissar zur Festigung deutschen Volkstums, Heinrich Himmler, dazu genutzt, ungefähr 20.000 Insassen von Konzentrationslagern auf dem deutschen Reichsgebiet zu töten. Selektionskriterium war erneut ausschließlich die Arbeitsfähigkeit und nicht wie ursprünglich geplant die Rassenzugehörigkeit.[68] Erst im Zuge des Bombenkrieges wurde ab Dezember 1943 wieder mit einer zentralen Tötung von Patienten aus Heil- und Pflegeanstalten begonnen. Dringend benötigter Platz für ausgebombte oder evakuierte Personen sollte so geschaffen werden. Unter dem Tarnnamen „Aktion Brandt“ wurden weitere 10.000 Patienten ermordet. Erschreckend dabei ist, dass die sich ankündigende Niederlage im Zweiten Weltkrieg die Euthanasie kaum bremsen konnte. So ist von diversen Fällen berichtet worden, in denen noch mehrere Monate nach Kriegsende, meist sogar in unmittelbarer Nähe zu den alliierten Besatzern, Patienten ermordet wurden.[69]

3.4 Entwicklung der Pädagogik nach 1933

Abbildung 6: Aufbau des NS-Schulungswesens

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Frage, die sich zuallererst stellt, ist, wie tief der Rassendiskurs im Verlaufe der Zeit in die Pädagogik eindringen konnte. Es geht also um die Rezeption und die Institutionalisierung der medizinischen Rassenhygiene und der rassenbiologischen Dialektik.

Man muss, wie schon zu Anfang erwähnt, festhalten, dass die Rassenbiologie eindeutig konstitutives Element der Allgemeinbildung im Nationalsozialismus war. Darüber hinaus gehörten Kenntnisse in Zoologie und Biologie zum Grundstock der pädagogischen Ausbildung.[70] Dass viele Pädagogen an einer wissenschaftlichen Legitimation der Rassenhygiene arbeiteten, ist ebenfalls kaum von der Hand zu weisen. Ganz im Sinne von Fritz Lenz sah sich die Pädagogik in der Pflicht, soziale Selektion und rassenhygienische Erziehung zu leisten, um ein verlorengegangenes Auslesevorbild wiederzugewinnen.[71] Durch historisch-kulturelle Bildung sollte das Ideal des nordisch-heldischen Menschen vermittelt werden, um so die Gattenwahl zu beeinflussen und die Aufartung der Rasse zu gewährleisten. Dafür war unter anderem auch eine umfangreiche weltanschauliche Bildung neuer Lehrkräfte an pädagogischen Hochschulen bzw. ein weltanschauliche Fortbildung für bereits ausgebildete Lehrkräfte vorgesehen (vgl. Abb. 6).[72]

Dies alles lässt in Verbindung mit Kapitel 2.5 sowohl auf Kontinuitäten als auch auf Diskontinuitäten schließen. Kontinuitäten auf inhaltlicher Ebene, denn die Inhalte waren längst vor 1933 festgelegt. Die Pädagogik des Dritten Reiches steht hier vor allem für Anwendung, Umsetzung und Ausgestaltung der Ideologie.[73] Diskontinuitäten vor allem auf der Ebene der Institutionalisierung. Es wurden im Sinne der Ideologie neue Ausbildungsmethoden, neue Lehrbücher und neue Prüfungsordnungen geschaffen, um dem Erziehungsauftrag gerecht zu werden.

Zusammenfassen kann man die Rolle der Pädagogik im Nationalsozialismus als eindeutig aktiv, aber im Bezug auf das Wissenschaftssystem im Ganzen aber auch augenfällig als rückläufig.[74] Dies wird vor allem auch daran deutlich, dass die Selektionsmuster der Euthanasie immer weniger rassenhygienisch als vielmehr ökonomisch-utilitaristisch, also allein nach der Arbeitsfähigkeit der Patienten und KZ-Insassen, begründbar wurden.

4. Schlussbetrachtungen

4.1 Von T4 zur Endlösung der Judenfrage

Dem Rücklauf der Bedeutung der Pädagogik im Verbund mit rassenhygienischen Selektionsmusters steht aber im markanten Gegensatz eine Aufwertung und Ausweitung der Organisationsstrukturen der ehemaligen Aktion T4 gegenüber.

Der Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941, das sogenannte Unternehmen Barbarossa, stellt eine entscheidende Zäsur in der Gesichte des Dritten Reiches dar, auch im Bezug auf Rassenhygiene, Eugenik und Euthanasie. Kurz nach dem Überfall auf die Sowjetunion begannen dann auch außerhalb des Reichsgebietes die Ermordung von Patienten in Heil- und Pflegeanstalten. Der nächste und entscheidende Schritt ist dann der Beginn der systematischen Ermordung von Juden und Roma auf dem Gebiet des besetzten Polens unter dem Tarnnamen „Aktion Reinhardt“[75] ab Juli 1942 in den Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka. Die personelle und organisatorische Kontinuität des Völkermordes an den Juden zur Aktion T4 ist in den meisten Forschungsansätzen stark unterschätzt worden und soll hier eindeutig herausgehoben werden.[76] Am Beispiel von Christian Wirth lässt sich dies anschaulich nachweisen. Dieser war nicht nur an den erwähnten Probevergasungen direkt beteiligt, sondern war auch als Leiter der Büroabteilungen der Euthanasie-Tötungsanstalten in Brandenburg, Grafeneck und Hartheim nachhaltig bekannt. Mitte des Jahres 1940 stieg er dann zum Inspekteur aller Tötungsanstalten auf. Nach dem propagandistischen Stopp der Aktion T4 im August 1941 ging Wirth wie viele seiner Kollegen zur „Aktion Reinhardt“ über, stieg dort innerhalb kürzester Zeit zum Inspekteur aller drei Vernichtungslager auf und endete schließlich als erster Kommandant des Vernichtungslagers Belzec.[77]

Der gesamte Komplex der Tiergartenstraße ist also auch als Vorstufe zur Endlösung der Judenfrage zu sehen.[78] Dies wird an der konzeptionellen[79], institutionellen und personellen Kontinuität mehr als deutlich.[80]

4.2 Zusammenfassung und Fazit

Was kann und muss solch ein Schlusswort beinhalten? Eine moralische und ethische Auseinandersetzung mit dem Thema Rassenhygiene im Nationalsozialismus? Die juristische Frage nach der Gesetzeskraft Hitlers verschiedener Euthanasieerlasse? Die Frage nach den Gründen der Teilnahme von so vielen Ärzten, Juristen, Professoren und Hilfskräften an den Tötungen? Die Rolle des Nürnberger Ärzteprozesses und eine Bewertung der Urteilssprüche? All dies ist selbstverständlich wichtig, kann hier aber kaum geleistet werden.

Daher möchte ich mich darauf beschränken, die Bedeutung der NS-Rassenhygiene für den Nationalsozialismus abschließend zu bewerten. Der erste Hauptteil dieser Arbeit legt nahe, dass die Rassenhygiene und die Vermittlung dieser durch die Pädagogik im Zentrum der Ideologie des Dritten Reiches standen. Die Analyse der praktischen Implikationen zeigt jedoch ein deutlich anderes Bild. Spätestens mit dem beginnenden Krieg im Osten wird deutlich, dass sich die Selektionsmuster verschoben. Vom rassisch-minderwertigen Element, das aus dem Erbstrom auszuschalten ist, zum großen Feind im Krieg, den es physisch zu vernichten gilt. Vom Erbkranken und Gemeinschaftsfremden zum antisemitischen Feindbild des Juden. Dieser Wandel zeigt, dass die ursprüngliche Legitimation für Euthanasie bald zum Alibi für millionenfachen Völkermord wurde. Die personellen und konzeptionellen Kontinuitäten zwischen den beiden Ebenen unterstreichen dies zusätzlich.

Schließen möchte ich diese Hausarbeit mit dem bekannten Zitat von Theodor W. Adorno, dass das Ziel jeder Pädagogik sein muss, „Ihr Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe“[81]

5. Anhang

5.1 Literaturverzeichnis

Aly, Götz: Aktion T4. 1939 bis 1945. Die Euthanasie-Zentrale in der Tiergartenstrasse 4. Berlin: 1989.

Baumgart, Franzjörg: Erziehungs- und Bildungstheorien. Erläuterungen. Texte. Arbeitsaufgaben. Stuttgart: 2001.

Benz, Wolfgang (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. In: Digitale Bibliothek, Band 25. Berlin: 1999

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[...]


[1] Von griechisch „euthanasia“ = guter, leichter Tod

[2] Von griechisch „eugenos“ = gutes Geschlecht

[3] Cf. Mitscherlich (1995), S. 10

[4] Ibid.

[5] Cf. Schmuhl (1992), S. 25

[6] Cf. ibid.

[7] Ibid.

[8] Heute als Orthothanasie bekannt, zeittypisch aber als „euthanasia media“ bezeichnet. Cf. op. cit., S. 26

[9] Ibid.

[10] Cf. Klee (1994), S. 16

[11] Cf. op. cit., S. 17

[12] Im Jahre 1904 von Alfred Ploetz (Kapitel 2.3) gegründet

[13] Cf. op. cit., S. 19

[14] Cf. Schmuhl (1992), S. 26

[15] Cf. Weingart (2001), S. 36

[16] Cf. ibid.

[17] Cf. op. cit., S. 37

[18] Cf. ibid.

[19] Cf. op. cit., S. 38

[20] Cf. Harten (2006), S. 6

[21] Op. cit., S. 7

[22] Mit den Schrecken des Ersten Weltkrieges hatte die Idee eines eugenischen Krieges zur Unterstützung der natürlichen Selektion ausgedient. So betont z.B. Irving Fisher die dysgenische Funktion moderner Kriege. Cf. Kühl (1997), S. 40

[23] Cf. Klee (1994), S. 26

[24] Cf. op. cit, S. 22

[25] Cf. Reyer (1991), S. 110

[26] Klee (1994), S. 22

[27] Cf. Reyer (1991), S. 113

[28] Cf. Klee (1994), S. 24

[29] Cf. Kühl (1997), S. 40-62, vor allem 51ff.

[30] Cf. Schmuhl (1998)

[31] Cf. Broszat (2007), S. 395

[32] Cf. op. cit., S. 398

[33] Cf. Schmuhl (1998)

[34] In Anlehnung an Schmuhl (1992) und Schmuhl (1998)

[35] Die Idee der Herrenrasse geht maßgeblich auf ihn zurück, cf. Harten (2006), S. 7

[36] Bringt den Antisemitismus in die Theorie der Rassenkunde ein, cf. op. cit., S. 8

[37] Sowohl bei Galton als auch bei Ploetz lassen sich noch keine speziellen Rassentheorien erkennen, cf. ibid.

[38] Cf. Schmuhl (1992), S. 10

[39] Cf. Reyer (2000), S. 116

[40] Cf. Schmuhl (1992), S. 3

[41] Cf. op. cit., S. 4

[42] Cf. Reyer (2000), S. 115

[43] Zitiert nach: Reyer (2000), S. 116

[44] Cf. Baumgart (2001), S. 178

[45] Dies findet seinen Ausdruck z.B. 1934 in der Gründung des zentralen Reichserzie- hungsministeriums und der Schließung sämtlicher Privat- und Versuchsschulen, cf. Reble (1964), S. 30.

[46] Cf. Harten (2006), S. IV

[47] Cf. Baumgart (2001), S. 178

[48] Cf. ibid

[49] Cf. op. cit., S. 182

[50] Der genaue Wortlaut findet sich in Documentarchiv.de

[51] Klee (1994), S. 38

[52] Cf. Mitscherlich (1995), S. 307-318

[53] Zwischen 1934 und 1945 wurden trotzdem ca. 400.000 Menschen sterilisiert, von de- nen insgesamt knapp über 6.000 an den Folgen des Eingriffs starben. Cf. Schmuhl (1998)

[54] Klee (1994), S. 78

[55] Cf. ibid

[56] Cf. op. cit., S. 79

[57] Reichsärzteführer und zugleich Lindens Vorgesetzter im Innenministerium

[58] Cf. op. cit., S. 103

[59] Rückdatiert auf September um den Zusammenhang mit dem Kriegsausbruch zu ver deutlichen

[60] Cf. op. cit., S. 100

[61] Ein Schüler des angesprochenen Rassentheoretikers Alfred Ploetz

[62] Cf. Aly (1989), S. 9

[63] Cf. op. cit., S. 10-15

[64] Klee (1994), S. 292

[65] Cf. op. cit., S. 339

[66] Cf. Aly (1989), S. 11

[67] Cf. ibid.

[68] Cf. Klee (1994), S. 369

[69] Cf. Klee (1994), S. 441

[70] Cf. Harten (2006), S. IV

[71] Cf. op. cit., S. 12

[72] Cf. op. cit., S. 40-50

[73] Cf. op. cit, S. XIV

[74] Cf. op. cit, S. XIII

[75] In Anlehnung an Reinhard Heydrich, der im Januar 1942 die Wannseekonferenz zur Endlösung der Judenfrage einberief. Cf. Aly (1989), S. 370

[76] Cf. op. cit., S. 372

[77] Ausführliche Biographien vieler ähnlicher Karrieren finden sich in Harten (2006)

[78] Ob von Anfang an geplant war, Euthanasie zur Entfernung von Feinden des Reiches zu missbrauchen, oder ob sich dies erst im Zuge des Zweiten Weltkrieges entwickelt hat, ist bis heute unklar. Cf. Mitscherlich (1995), S. 283

[79] Beispiel: CO-Gas zur Tötung von Euthanasie-Opfer und Blausäure-Gas zur Vernichtung der europäischen Juden

[80] Cf. Schmuhl (1998)

[81] Zitiert nach http://de.wikipedia.org/wiki/Adorno [28.12.2007]

Details

Seiten
28
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656098850
ISBN (Buch)
9783656099055
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184984
Institution / Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta – Institut für Bildungs- und Sozialwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Rassenhygiene; Eugenik; Euthanasie;

Autor

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Titel: NS-Rassenhygiene