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'Theory of Mind' und ihre Bedeutung für sozial-emotionale Beziehungen

Hausarbeit 2011 19 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Gliederung

1. Zusammenfassung

2. Einleitung

3. Definition Theory of Mind
3.1. Operationalisierung
3.2. Mechanismen
3.2.1. Theorie-Theorie
3.2.2. Simulationstheorie

4. Entwicklung der Theory of Mind
4.1. Entwicklung im Kindesalter
4.2. Mögliche Vorläufer

5. Bedeutung der Theory of Mind im Hinblick auf soziale Beziehungen
5.1. Kritik an bisheriger Literatur: Vernachlässigung von sozial-emotionalen Faktoren
5.2. Theory of Mind & affektive Perspektivenübernahme
5.2.1. Methodik und Prozedur
5.2.2. Ergebnisse und Interpretation
5.3. Defizite in der Theory of Mind Entwicklung am Beispiel des Autismus
5.3.1. Experiment zur Spezifitätshypothese eines Theory of Mind Defizits beim frühkindlichen Autismus

6. Fazit

7. Literatur

1. Zusammenfassung

In meiner Hausarbeit geht es um die Theory of Mind und ihre Bedeutung im Bereich sozial-emotionaler Beziehungen. Hierfür möchte ich zunächst darauf eingehen, was die Theory of Mind eigentlich ist, wie sie operationalisiert wird und welche Ansätze in der Literatur der Entwicklungspsychologie es dazu gibt. Des Weiteren möchte ich die Entwicklung der Theory of Mind im Kindesalter herausarbeiten, wozu auch mögliche Vorläufer eben jener gehören. Anschließend komme ich zur elementaren Fragestellung meiner Hausarbeit: warum ist die Theory of Mind nicht nur im Bereich der kognitiven Entwicklung, sondern auch oder vor allem im Kontext der sozial-emotionalen Entwicklung anzusiedeln und welche Bedeutung hat sie in unserer sozialen Gemeinschaft? Wie wirken sich Defizite in der Theory of Mind Entwicklung auf soziale Beziehungen aus? Letzteres möchte ich dann abschließend am Beispiel des Autismus erläutern und der Frage nachgehen, ob Defizite in der Theory of Mind Entwicklung autismusspezifisch sind oder eventuell auch bei anderen Krankheiten/Entwicklungsstörungen vorkommen können.

2. Einleitung

Wenn wir uns im Alltag mit anderen Menschen auseinander setzen und mit ihnen kommunizieren und interagieren möchten, ist es unumgänglich, das Verhalten, die Intentionen und Absichten eben jener erkennen zu können und diese sogar mitunter vorherzusehen. Dabei berücksichtigen wir laut Henning, Daum und Aschersleben (2009) meist, was andere Personen denken, fühlen oder wünschen. Wir verfügen außerdem über das Wissen, dass die mentalen Zustände von anderen unseren nicht immer gleichen und dass bestimmte Überzeugungen nicht unbedingt mit der Realität übereinstimmen müssen (Henning et al., 2009). Dies beugt Missverständnissen im sozialen Interagieren vor und ermöglicht uns einen besseren Umgang miteinander (Henning et al., 2009). All diese Funktionen erfüllt die so genannte Theory of Mind, die oft im Hinblick der kognitiven („mentalen“) Entwicklung beleuchtet wird (Flavell, 2000, Harwood & Farrar, 2006, Jurist, 2010), aber vor allem im Kontext der sozialen Interaktion und menschlichen Gemeinschaft wichtig erscheint, also auch einen großen Einfluss auf die sozial-emotionale Entwicklung nimmt und umgekehrt (Harwood & Farrar, 2006, Jurist, 2010). Doch wie und wann entwickelt sich diese für uns so elementare Fähigkeit überhaupt und wie kann man feststellen, ob ein Kind bereits über diese verfügt? Was sind mögliche Vorläufer der Theory of Mind, was sind zugrunde liegende Mechanismen und was passiert, wenn sie sich nicht richtig oder hinreichend entwickelt? Letzteres, also mögliche Defizite in der Theory of Mind Entwicklung, möchte ich am Beispiel autistischer Kinder erläutern, da gerade diese meist über keine Theory of Mind verfügen und ihr Krankheitsbild vor allem durch fehlende, bzw. eingeschränkte Interaktion mit der sozialen Umwelt gekennzeichnet ist (Kumbier, Domes, Herpertz-Dahlmann & Herpertz, 2009). In diesem Rahmen lässt sich herausarbeiten, was ein Defizit in der Theory of Mind Entwicklung eigentlich für unser soziales Leben und mental- emotionales Verständnis bedeutet, bzw. wie wichtig es in sozialen Beziehungen ist, über eine Theory of Mind zu verfügen. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob man ein Defizit in der Entwicklung der Theory of Mind nur bei autistischen Menschen findet (d.h. ob es autismusspezifisch ist) oder ob auch andere Krankheiten, vor allem im psychischen Bereich, damit einhergehen.

3. Definition Theory of Mind

In den 80er Jahren führten Wimmer und Perner (1983, zit. nach Bruning, Konrad & Herpertz-Dahlmann, 2005, S. 78) eine ursprünglich in der Primatenforschung entwickelte Theorie in die Entwicklungspsychologie ein. Es handelt sich dabei um die so genannte „Theory of Mind“ (kurz ToM), die laut Bruning et al. (2005) für ein Leben in Gemeinschaft notwendig ist, um Handlungen, Absichten und Gefühle anderer Menschen abschätzen zu können und somit in die eigene Planung mit einbeziehen zu können. Sie umfasst alltagspsychologische Konzepte und ermöglicht es uns, anderen Personen geistige Prozesse zuschreiben zu können, wie z.B. „wissen, glauben, wollen, fühlen“ (Bruning et al., 2005, S. 78). Missverständnisse in der alltäglichen Interaktion mit anderen Menschen sind laut Henning et al. (2009) oft durch das Wissen darüber, dass mentale Zustände zwischen verschiedenen Personen unterschiedlich sein können, erklärbar. Außerdem beinhaltet die Theory of Mind auch die Erkenntnis, dass Überzeugungen von anderen Menschen nicht unbedingt real sein müssen (Henning et al., 2009). Bereits im Kleinkindalter zeigen sich erste Entwicklungsansätze einer Theory of Mind. Kinder beginnen, die „Subjektivität und Gerichtetheit von mentalen Zuständen wie Wünsche, Emotionen und Absichten bei der Interpretation menschlichen Verhaltens“ zu berücksichtigen (Henning et al., 2009, S. 233). Laut Oerter und Montada (2008) verfügen normal entwickelte Kinder etwa ab dem Alter von vier Jahren über die Theory of Mind als eine mentalistische Alltagspsychologie, sie verstehen nun, dass die Inhalte ihres Bewusstseins das Resultat von Denkvorgängen und Wahrnehmungsleistungen sind und dass Menschen sich hinsichtlich ihrer Wahrnehmung, Wünsche und Absichten unterscheiden (Kißgen & Schleiffer, 2002). Doch wie lässt sich feststellen, ob ein Kind bereits über eine Theory of Mind verfügt? Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, die Theory of Mind zu operationalisieren. Im Folgenden wird auf ein paar dieser Untersuchungsparadigmen eingegangen.

3.1. Operationalisierung

Man kann die Theory of Mind unter anderem durch einfache oder komplexe Geschichten (first-order belief bzw. second-order belief) untersuchen. Die prominenteste der sogenannten „first-order false belief-Aufgaben“ (einfache Geschichte) ist laut Baron-Cohen, Leslie und Frith (1985, zit. nach Bruning et al., 2005, S. 78) der Sally-Anne-Task von Wimmer und Perner (1983), der im Folgenden in Abbildung 1 dargestellt ist. Zu sehen ist eine Geschichte, die den Probanden gezeigt oder erzählt wird, an deren Ende sie dann einige Fragen beantworten müssen.

Vierjährige gesunde Kinder können laut Bruning et al. (2005) die Frage, wo Sally ihre Murmel suchen wird, wenn sie wieder kommt, richtig beantworten. Sie verfügen über eine Theory of Mind, die sie befähigt zu erkennen, dass Sally aufgrund von unzureichender Information nicht weiß, wo sich ihre Murmel befindet und daher dort suchen wird, wo sie sie zurückgelassen hat. Kinder, die noch über keine Theory of Mind verfügen, verstehen nach Bruning et al. (2005) diesen Zusammenhang nicht. Sie wissen nicht, dass andere Menschen andere Intentionen, Vorstellungen und Überzeugungen haben und glauben, dass jeder die Realität genauso wahrnimmt wie sie selbst. In Bezug auf den Sally-Anne-Task würden sie vermuten, dass Sally dort suchen wird, wo Anne die Murmel in ihrer Abwesenheit tatsächlich hingetan hat. Sie machen also den so genannten „false-belief“-Fehler, denn sie antworten so, „als wisse der Protagonist über den Zustand der Realität Bescheid“ (Bruning et al., 2005, S. 78). Die Theory of Mind wird bei diesem Test erst dann zuerkannt, wenn das Kind zum einen die Glaubensfrage richtig beantworten kann („Was glaubt Sally, wo ihre Murmel ist? Wo wird sie sie suchen, wenn sie wiederkommt?“) und zum anderen auch die Realitätsfrage („Wo ist die Murmel jetzt?“) und die Erinnerungsfrage („Wo war die Murmel am Anfang?“) korrekt löst (Kißgen & Schleiffer, 2002).

Abbildung 1: Sally-Anne-Task nach Wimmer & Perner (1983, zit. nach Bruning et al., 2005, S. 79). Diese Geschichte ist ein prominentes Beispiel zur Untersuchung der Theory of Mind. Sie wird Kindern erzählt, welche dann daraufhin die Frage beantworten müssen, wo Sally ihre Murmel suchen wird

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine Aufgabe für ältere, bzw. weiter entwickelte Kinder stellen „second-order false belief“-Aufgaben dar (komplexe Geschichten) (Bruning et al., 2005), bei denen erkannt werden soll, was eine andere Person über die Überzeugung einer weiteren Person denkt. Sie handeln meistens davon, dass jemand einen anderen versucht zu täuschen. Die Kinder müssen also ein Verständnis dafür entwickelt haben, dass eine „Annahme (Ansicht) über die Meinung eines anderen falsch sein kann“ (Bruning et al., 2005, S. 79), bzw. dass jemand eine falsche Überzeugung über eine Überzeugung haben kann. Untersuchungen zur Entwicklung der Theory of Mind bei einem Kind werden laut Bruning et al. (2005) meist mit den oben genannten false-belief tasks erster oder zweiter Ordnung durchgeführt.

Es gibt allerdings auch noch andere Untersuchungsparadigmen, die nicht so oft zum Einsatz kommen wie die false-belief tasks und die ich deshalb nur kurz erwähnen möchte. Hierzu zählen Videodarstellungen von sozialen Interaktionssituationen nach Strayer und Roberts (1997, zit. nach Bruning et al., 2005, S. 78), soziale Attributionstests (bei denen animierte geometrische Figuren gezeigt werden, denen soziale Absichten zugeschrieben werden sollen) nach Klin (2000, zit. nach Bruning et al., 2005, S. 78), Augentests (Erkennen des emotionalen Zustands einer Person anhand ihres Gesichtsausdrucks) und „mentalizing“-Aufgaben, bei denen die Intention des Probanden durch den Vergleich von Bedingungen mit und ohne soziale Interaktionspartner erfasst wird (Gallagher, Jack, Roepstorff & Frith, 2002, zit. nach Bruning et al., 2005, S. 78).

3.2. Mechanismen

Laut Ensink und Mayes (2010) gibt es verschiedene konkurrierende theoretische Interpretationen oder Mechanismen, die der Entwicklung und Natur einer Theory of Mind zugrunde liegen. Im Folgenden soll auf die zwei Wichtigsten kurz eingegangen werden, da diese für das Verständnis der Theory of Mind meiner Meinung nach grundlegend sind. In der Forschung wird bis heute diskutiert, durch welchen Mechanismus die Theory of Mind erklärt werden kann.

3.2.1. Theorie-Theorie

Jurist (2010) beschreibt die so genannte Theorie-Theorie als „Volkspsychologie”. Sie basiert seiner Meinung nach darauf, dass man sich selber eine Theorie bildet, wie der Geist oder der Verstand einer anderen Person arbeitet. Gopnik (1993, zit. nach Jurist, 2010, S. 292) verglich dies mit der Arbeit eines Wissenschaftlers, der auf ähnliche Weise Theorien über die umgebende Welt bildet. Die Theorie-Theorie sagt demnach also aus, dass sich das Kind (oder der erwachsene Mensch) eine Theorie (Theory of Mind) durch Beobachtung und Evaluation seiner Umwelt bildet, die ständig durch neue Hinweise in seiner Umgebung reorganisiert (oder getestet) wird (Ensink & Mayes, 2010). Laut Gopnik, Capps und Meltzoff (2000, zit. nach Ensink & Mayes, 2010, S. 304) ist dieser Mechanismus angeboren und funktioniert als überprüfbare kausale Landkarte der Welt. Allerdings wird der Faktor der Angeborenheit unter den Theorie-Theoretikern noch diskutiert. Die einen sind der Meinung, dass die Theory of Mind mit Hilfe angeborener domänenspezifischer Mechanismen erworben wird, die anderen vertreten die These, dass zugrunde liegende Mechanismen durch Erfahrungen konstruiert werden (Henning et al., 2009).

3.2.2. Simulationstheorie

Im Gegensatz dazu postuliert die Simulationstheorie laut Jurist (2010), dass die Fähigkeit, mentale Zustände anderer Menschen zu interpretieren, abhängig davon ist, wie gut man sich in diese hineinversetzen kann. Goldmann (2001, zit. nach Henning et al., 2009, S. 235) vertritt die Ansicht, dass man seine eigene Intention kennen kann, ohne diese erst vom Verhalten oder beobachtbaren Umweltfaktoren herleiten zu müssen. Um nun andere Personen verstehen zu können, simuliert man laut Henning et al. (2009) die Situation anderer Menschen und schreibt diese den eigenen, dabei empfundenen mentalen Zustände wiederum zu. Man identifiziert sich also mit der Perspektive anderer Personen (Carruthers & Smith, 1996, zit. nach Ensink & Mayes, 2010, S. 305) und hat so laut Ensink und Mayes (2010) die Fähigkeit, die Erfahrung, Handlung und Reaktion anderer zu simulieren und demnach eine Theory of Mind bilden zu können. Dieses Vorgehen nach der Simulationstheorie ist intuitiv im Menschen verankert, also angeboren (Jurist, 2010).

Beide Theorien beinhalten die Möglichkeit der Angeborenheit oben genannter Mechanismen (dies wird allerdings wie oben erwähnt unter den Theorie-Theoretikern noch diskutiert) , die möglicherweise grundlegend für die Theory of Mind sind. Diese selbst ist allerdings nicht angeboren, sondern muss sich erst entwickeln und ausdifferenzieren. Auf die Herausbildung der Theory of Mind möchte ich im Folgenden eingehen.

4. Entwicklung der Theory of Mind

Die Theory of Mind entwickelt sich bei Kindern normalerweise meist ab dem Alter von vier Jahren und differenziert sich mit fünf bis sechs Jahren noch weiter aus (Bruning et al., 2005). Im nächsten Teil dieser Hausarbeit wird näher auf diesen Prozess und anschließend auf Befunde aus dem frühen Kindesalter eingegangen, die nahe legen, dass gewisse Vorläufer der Theory of Mind schon eher in der kindlichen Entwicklung zu finden sind.

4.1. Entwicklung im Kindesalter

Laut Flavell, Green, Flavell und Lin (1999, zit. nach Bruning et al., 2005, S. 78) sind normal entwickelte Kinder bereits im Alter von zwei Jahren in der Lage, anderen Menschen bestimmte Intentionen und Wünsche zuzuschreiben. Die kognitive Voraussetzung für das Verstehen und Interpretieren der Überzeugung einer anderen Person entwickelt sich laut Bruning et al. (2005) jedoch erst mit etwa vier Jahren. Ab diesem Alter sind Kinder dann dazu fähig, oben genannte „first-order false belief“-Aufgaben korrekt zu lösen, sie haben ein Verständnis für die Unterscheidung zwischen Überzeugung und Realität und erkennen nun, dass Überzeugungen zu einer zielführenden oder aber zu einer erfolglosen Handlung führen können (Henning et al., 2009). Kinder mit zwei bis drei Jahren jedoch machen den (ebenfalls oben genannten) „false-belief“-Fehler (Bruning et al., 2005), denn sie verstehen noch nicht, dass Menschen unterschiedliche Gedanken über die gleiche Situation haben können. Ab etwa fünf bis sechs Jahren sind Kinder dann zusätzlich in der Lage, „second-order false belief“- Aufgaben zu lösen (Bruning et al., 2005), d.h. sie haben nun auch ein Verständnis dafür entwickelt, dass Menschen eine falsche Annahme über die Gedanken eines anderen haben können, was sich vor allem in Geschichten zeigt, in denen die eine Hauptperson die andere täuscht. Laut Bruning et al. (2005) findet also zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr eine entscheidende Veränderung des mentalen Verständnisses statt. Sodian, Hülsken und Thörmer (1999, zit. nach Bruning et al., 2005, S. 79) berichten, dass ein volles Verständnis unterschiedlicher Interpretationsperspektiven allerdings erst mit ca. zwölf bis 17 Jahren herausgebildet wird.

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Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656097747
ISBN (Buch)
9783656097587
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184964
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Schlagworte
Autismus Theory of Mind sozial-emotionale Entwicklung Entwicklungspsychologie kognitive Entwicklung Entwicklungsdefizite emotionale Entwicklung soziale Entwicklung soziale Beziehungen Frühkindliche Entwicklung Frühkindliche Fähigkeiten Affektive Perspektivenübernahme Entwicklungsstörungen

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