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Fritz Langs 'Nibelungen' - Rezeption mittelalterlicher Vergangenheit im Film

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 27 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Themendarstellung und Vorbemerkungen
1.2 Inhalt und zeitgenössische Kritik

2. Das Mittelalterbild im Nibelungenfilm
2.1 Aufbau und Form des Mittelalterbildes
2.2 Funktion und Botschaft des Mittelalterbildes

3. Siegfried Kracauer und der Nibelungenfilm
3.1 Thesen und Argumentationsmuster Kracauers
3.2 Eine Erwiderung auf Kracauer

4. Schlussbetrachtungen

5. Anhang
5.1 Literaturverzeichnis
5.2 Internetquellen
5.3 Filmverzeichnis
5.4 wichtige Filmszenen
5.5 Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Themendarstellung und Vorbemerkungen

Die vorliegende Hausarbeit, entstanden im Seminar „Bilder der Vergangenheit – Das Mittelalter im Film“, beschäftigt sich mit dem zweiteiligen Stummfilmepos „Die Nibelungen“ von 1924. Regie führte der 1890 in Wien geborene und 1976 in Beverly Hills gestorbene Fritz Lang.

Eine wichtige Erkenntnis des Seminars war es, dass das Heranziehen von Filmen für die Historiographie generell wichtig ist, da diese wie kein anderes Medium Geschichtsbilder prägen können. Dennoch ist die Forschung und Aufarbeitung von Spielfilmen mit mittelalterlicher Thematik immer noch als randständig zu beschreiben. Nach einer kurzen Inhaltsangabe der beiden Filmteile soll zunächst anhand einiger prägnanter Beispiele auf die zeitgenössische Kritik eingegangen werden. Im ersten Schwerpunkt der Hausarbeit wird dann im Sinne des Seminarthemas untersucht werden, ob und wie Fritz Lang eine mittelalterliche Welt konstruiert hat. Weiterhin soll in diesem Schritt geklärt werden, welche Funktion Lang an sein Mittelalterbild geknüpft hat. Im zweiten Schwerpunkt dieser Arbeit wird dann auf die Thesen des Filmwissenschaftlers Siegfried Kracauer eingegangen. Dies scheint vor allem wegen dessen Omnipräsenz in der populären und wissenschaftlichen Literatur bezüglich Fritz Langs Nibelungen von größter Wichtigkeit zu sein. Seine Hauptthese ist, dass der Nibelungenfilm aufgrund seiner Inszenierung eindeutig als präfaschistisch zu werten sei. Hierbei soll zunächst Kracauers Argumentation anhand seiner wichtigsten Schriften nachvollzogen werden, um dann darauf aufbauend seine Denkmuster sowie seine Stärken und Schwächen aufzeigen zu können, um so den Nibelungenfilm abschließend neu zu bewerten bzw. die bisherige Bewertung in Teilen zu revidieren. Ein Fazit rundet die Thematik schließlich ab.

Voranzustellen sind weiterhin noch einige wichtige Daten und Formalia. Langs Film ist bis heute die einzig relevante filmische Umsetzung des Nibelungenstoffes.[1] So gibt es zwar Aufzeichnungen über drei italienische Produktionen aus den Jahren 1910 bis 1913, diese sind jedoch alle nicht erhalten. Harald Reinls Umsetzung aus dem Jahre 1966 ist mehr oder minder als Kopie von Langs Werk zu verstehen. Als eigenständige Version kann allenfalls Adrian Hovens erotisch-komödiantische Verfilmung „Siegfried und das sagenhafte Liebesleben der Nibelungen“ gelten.

Fritz Langs Nibelungenfilm wurde produziert von der Decla-Bioscop AG mit Sitz in Berlin, die jedoch bereits vor der Fertigstellung des Films mit der Universum Film AG (Ufa) fusionierte. Die Ufa war seit ihrer Gründung im Jahre 1917 eine der weltweit führenden Produktionsgesellschaften. Das Drehbuch zum Film stammte von Langs Ehefrau Thea von Harbou (1888-1954). Dieses war jedoch nicht mehr als ein dürftiges Skelett.[2] Nach fast zwei Jahren Produktionszeit in den Filmstudios Babelsberg wurden die Filme schließlich im Jahre 1924 im Ufa-Palast am Zoo in Berlin uraufgeführt. Der erste Teil „Siegfried“ am 14. Februar, der zweite Teil „Kriemhilds Rache“ am 26. April. Die Uraufführung kann man ohne jeden Zweifel als nationales Ereignis klassifizieren. So war der Film bis dahin das teuerste und ambitionierteste Projekt überhaupt. Unter den Premierengästen fand sich dann auch der damalige Außenminister der Weimarer Republik, Gustav Stresemann. Die große nationale Bedeutung wird ebenso deutlich daran, dass Fritz Lang und Thea von Harbou am Tage der Uraufführung des ersten Teils einen Kranz am Grabe Friedrich des Großen niederlegten. Der phänomenale Erfolg der Filme wird allein dadurch deutlich, dass sämtliche bisherigen Kassenrekorde gebrochen wurden. Die Nibelungen waren die beliebtesten Filme der Kinosaison 1923/1924.[3]

Die Frage nach den Quellen, auf denen Langs Verfilmung basiert, ist komplex.[4] So sind Anklänge des deutschen Nibelungenliedes aus dem 12. Jahrhundert ebenso zu finden wie solche aus der isländischen Völsunga-Sage und der Edda aus dem 13. Jahrhundert. Geprägt wurden Lang und Harbou zudem durch die Rezeption des Nibelungenstoffes des 18. Jahrhundert. Die Romantiker dieser Zeit schrieben im Zuge ihrer Suche nach deutscher Identität in Jahren französischer Kulturhoheit dem Nibelungenlied den Status eines deutschen Nationalepos zu. Diese Entwicklung inspirierte wiederum die Nibelungentragödie von Friedrich Hebbel und den „Ring der Nibelungen“ von Richard Wagner. Allen diesen Werken gemein ist jedoch eine rückwärtsgewandte und gemeinschaftsstiftende Ideologie zur Verschleierung von politischen und sozialen Gegensätzen.[5] In diesem Sinne charakterisiert Victoria Stiles dann auch Langs Film dahingehend, dass dieser die effektvollsten Punkte aller Vorlagen aufgreift.[6] Deutlich wird das unter anderem dadurch, dass sich der Nibelungenfilm klar von allen anderen Quellen unterscheidet. Daher ist Langs Zweiteiler auch keine Literaturverfilmung im klasschen Sinne, dies war aber auch nie der Anspruch Langs.[7]

Die Originalkopie der beiden Filmteile ist nicht überliefert. Die vorliegende Restaurierung der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung aus dem Jahre 1990 stellt jedoch die größtmögliche Annäherung an die Originalversion dar.[8] Eine Umsetzung dieser Version auf DVD ist im deutschsprachigen Raum bisher nicht erfolgt, daher basiert diese Hausarbeit auf einer spanischen DVD, die aber trotzdem über die originalen deutschen Zwischentitel verfügt. Für die weiteren Betrachtungen in dieser Hausarbeit ist es schon jetzt notwendig, auf zwei weitere Versionen des Films hinzuweisen. So wurde im Jahre 1933 der erste Teil umgeschnitten und mit Musik von Richard Wagner unterlegt. Für den Export nach Übersee wurde bereits 1925 eine um etwa 15 Prozent gekürzte Version beider Teile hergestellt. Alle diese Kürzungen und Veränderungen sind jedoch ohne das Einverständnis von Fritz Lang, teilweise sogar gegen seinen Willen, erfolgt.[9]

Vor Beginn der Interpretation muss abschließend noch erwähnt werden, dass die beiden Teile von Fritz Lang als Einheit konzipiert wurden und daher auch so analysiert werden müssen.

1.2 Inhalt und zeitgenössische Kritik

Der erste Teil des Nibelungenfilms trägt den Untertitel „Siegfried“. Die Laufzeit beträgt 143 Minuten, unterteilt in sieben Kapitel, die sogenannten Gesänge. Der Film beginnt damit, dass der schöne Siegfried das Waffenschmiedehandwerk erlernt und darin bald sogar seinen Meister Mime übertrifft. Noch während er das Handwerk erlernt, erfährt er von der wunderschönen Kriemhild, die im fernen Worms am Rhein am Hofe ihres Bruders Gunther residiert. Mime, der eifersüchtig auf den schönen Jüngling ist, weist Siegfried einen gefährlichen Weg nach Worms, quer durch einen Zauberwald. Dort trifft Siegfried auf einen Drachen, den er jedoch im Zweikampf besiegt. Der Held badet schließlich im Blut des Drachens und wird daraufhin unverwundbar, bis auf eine kleine Stelle an der Schulter, die während des Bades durch ein Lindenblatt verdeckt gewesen ist. Auf seinem weiteren Weg nach Worms gewinnt Siegfried zehn Königreiche, den sagenhaften Schatz der Nibelungen sowie eine Tarnkappe. So wird er schließlich in Worms feierlich empfangen, obwohl Hagen Tronje, der Vasall des Königs, Siegfrieds Einkehr in Worms zu verhindern versuchte.

Siegfried hält bei Gunther um Kriemhilds Hand an. Dieser verlangt jedoch, dass Siegfried ihm hilft, Brunhild aus dem Isenlande für sich zu gewinnen. Mit Siegfrieds Hilfe, versteckt unter der Tarnkappe, wird Brunhild schließlich im Zweikampf bezwungen. Die Doppelhochzeit kann in Worms vollzogen werden. Wenig später geraten jedoch die beiden Ehefrauen darüber in Streit, wer von ihnen von höherem Stande sei. Dabei verrät Kriemhild das Geheimnis, wer Brunhild in Wahrheit besiegt hat. Diese fordert darauf Siegfrieds Tod. Gunther gerät unter Druck und bricht schließlich die Treue zu seinem Blutsbruder Siegfried. Durch eine List erfährt Hagen Tronje von Kriemhild Siegfrieds Schwachstelle und kann diesen darauf während einer inszenierten Jagd mit einem Speer töten. An Siegfrieds Totenbahre tötet sich daraufhin Brunhild, Kriemhild wendet sich ihrerseits von Gunther ab und schört Rache an Hagen Tronje.

Im 150minütigen zweiten Teil, ebenfalls in sieben Gesänge untergliedert, geht es schließlich um Kriemhilds Rache. Mit dem ererbten Nibelungenschatz versucht sie zunächst Freunde zu gewinnen, die ihr in ihrem Kampf zur Seite stehen. Hagen Tronje kann diesen Schatz jedoch im Rhein versenken. Kurze Zeit später erfährt Kriemhild, dass der Hunnenkönig Etzel um ihre Hand angehalten hat. Sie willigt ein, nachdem Etzel schwören musste, ihr in ihrem Kampf beizustehen. Kriemhild gebärt im Folgenden dem Hunnenkönig einen Sohn. Etzel lädt darauf Gunther und seine Gefolgschaft ins Hunnenland ein. Während dieses Festes initiiert Kriemhild ein fürchterliches Gemetzel. Der Burgundertross wird in einem wilden Kampf von den Hunnen niedergemetzelt. Hagen Tronje tötet schließlich Etzels Sohn, worauf dieser in der Rache eins wird mit seiner Gemahlin. Hagen und Gunther überleben das folgende Gemetzel und einen großen Brand des Hunnenpalastes und werden schließlich vor Kriemhild geführt. Diese lässt zunächst Gunther töten. Als Hagen Tronje den Ort, an dem er den Nibelungenschatz versenkt hat, nicht verrät, wird er von Kriemhild ermordet. Kriemhild stirbt darauf ebenso und wird daraufhin von Etzel zur Siegfrieds Grabstätte gebracht, den dieser als den wahren Gatten Kriemhilds anerkennt.

Die zeitgenössische Kritik hat die beiden Filme überwiegend positiv aufgenommen.[10] So wird z.B. geschrieben: „Man hat Großes mit großen Kräften und großen Opfern angestrebt, teils unter schwierigsten wirtschaftlichen Bedingungen“.[11] Außerdem wurde der Nibelungenfilm als Bollwerk gegen den amerikanischen Kultur-Imperialismus gefeiert. Explizit gelobt wurden weiterhin die als mittelalterlich empfundenen Masken und Kostüme, die Spezialeffekte, die Bildhaftigkeit sowie vor allem die nationale Thematik des Films (vgl. Abb. 2)

Auf Kritik stießen jedoch zuallererst die Schauspieler. „Dass aber technische Tricks erst durch den Darsteller bestätigt werden müssen, das weiß Lang nicht“[12], schreibt z.B. die Kritiker Herbert Ihering. So stellt Töteberg dementsprechend auch fest, dass sämtliche Schauspieler keine Stars waren, sondern allenfalls aus der zweiten Reihe stammten.[13] Ursächlich dafür ist vor allem wohl Langs Interpretation des Schauspielerberufs als einfachen Funktionsträger ohne eigene Kreativität. Für Lang hatten sich die Schauspieler seinem Regiekonzept zu unterwerfen. Der zweite Schwerpunkt der Kritik konzentriert sich auf den mittelalterlichen Charakter des Films. Es heißt, dass der Film nicht in der Lage sei, dass Mittelalter lebendig zu machen, ein historischer Film sei sogar generell unmöglich.[14]

Aus dieser Kritik wird ebenso deutlich, dass der Film zur Zeit der Entstehung des Nibelungenfilms ein noch fast neues Medium verkörperte. So waren die Mehrzahl der Kritiker keine reinen Filmkritiker, sondern ehemalige Literaturrezensenten, die Filme generell kritisch interpretierten. So bleibt trotz aller negativen Äußerungen ein durchaus positives Bild der beiden Filme in der Öffentlichkeit. Victoria Stiles stellt abschließend fest, dass die Kritik vor allem den künstlerischen Aspekt des Filmes betrifft, nicht jedoch die Wirkung auf die Gesellschaft.[15] Eben dieser Punkt soll in den nun folgenden Schwerpunkten im Mittelpunkt stehen.

2. Das Mittelalterbild im Nibelungenfilm

2.1 Aufbau und Form des Mittelalterbildes

Wie sich in dem dieser Hausarbeit zugrunde liegendem Seminar gezeigt hat, gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten, das Mittelalter optisch zu inszenieren.[16] Fritz Langs Nibelungenfilm erschien zu einer Zeit, in der das Medium Film noch relativ neu war. Dennoch war bereits bekannt, dass Filme als Massenmedium zu interpretieren sind. Anders als Hebbel und Wagner konnte Lang daher seinen Film nicht für bürgerliche Eliten konzipieren, sondern er musste von vornherein die Erwartungen der Masse erfüllen. Wie hat Lang nun aber sein spezielles Mittelalter, über die in der zeitgenössischen Kritik erwähnte mittelalterlich anmutende Ausstattung hinaus, konstruiert?

Eine wichtige Vorkenntnis dazu liefert Stuart Airlie, der sagt, dass die Kenntnis der Geschichte der Entstehungszeit eines Filmes wichtiger sei, als die Kenntnis der jeweiligen mittelalterlichen Epoche.[17] Dazu empfiehlt sich ein Blick auf die politische und gesellschaftliche Situation der Weimarer Republik um das Jahr 1924 herum. Prägend waren nicht nur die vernichtende Niederlage im Ersten Weltkrieg, der anschließende Diktatfrieden von Versailles, die Novemberrevolution, der Mord an Walther Rathenau und die immens wachsende Inflationsrate, sondern auch Mussolinis Marsch auf Rom, der davon inspirierte, aber gescheiterte Hitler-Ludendorff-Putsch sowie die Besetzung des Rheinlandes als Folge des Ersten Weltkriegs. Kurz, es herrschte Chaos, Tod und Untergang waren allgegenwärtig. Von einer Einigkeit des deutschen Volkes kann kaum gesprochen werden. Wirwalski erkennt das Fehlen „einer langfristig verbindlichen und zugleich in die Breite wirkenden politischen Ikonographie und Kollektivsymbolik in Deutschland“[18]. In diesem Zusammenhang ist auf die hohe Bedeutung von Mythen im Prozess der Nationenbildung einzugehen, da der Wille, die Welt mit irrationalen Mythen verstehen zu wollen, in dieser politischen Situation stark zunahm. So war das deutsche Volk empfangsbereit für mythische Stoffe aller Art, mythisches Denken wurde quasi zur Überlebensstrategie. Den „Hunger nach dem Mythos“[19] befriedigte in erster Linie der Film. Das Kino wurde zu einem Ort des Vergessens und Zerstreuens.

[...]


[1] Cf. Seeßlen (1996), S. 64

[2] Cf. Töteberg (2005), S. 44

[3] Cf. Eiden (2006), S. 9215

[4] Cf. Müller (1999), S. 646 und Stiles (1980), S. 232

[5] Cf. Ehrismann (2005), S. 103

[6] Cf. Stiles (1980), S. 232

[7] Cf. von Laak (2007), S. 269 und Kanzog (1987), S. 205

[8] Cf. op. cit., S. 202 und Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

[9] Cf. Stiles (1985), S. 258

[10] Cf. Wirwalski (1994), S. 34

[11] Brackvogel (1924)

[12] Ihering (1924)

[13] Cf. Töteberg (2005), S. 43. Siehe auch das Datenblatt im Anhang

[14] Cf. Leander (1924)

[15] Cf. Stiles (1980), S. 232

[16] Cf. Scharff (2007), S. 71

[17] Cf. Airlie (2001), S. 172

[18] Wirwalski (1994), S. 43

[19] Cf. op. cit., S. 19

Details

Seiten
27
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656097778
ISBN (Buch)
9783656097617
Dateigröße
3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184959
Institution / Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta – Institut für Geschichte und historische Landesforschung
Note
1,0
Schlagworte
Fritz Lang; Nibelungen; Mittelalter-Rezeption;

Autor

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