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Amerikanische Außen- und Sicherheitspolitik im 21. Jahrhundert

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 27 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: USA

Leseprobe

Inhaltsverzeichni

1. Einleitung

2. Die Vereinigten Staaten von Amerika im 21. Jahrhundert
2.1 Einordnung der USA in das globale System
2.2 Machterhaltungsstrategien
2.3 Geopolitische Strömungen innerhalb der Bush-Administration
2.4 Außen- und Sicherheitspolitik in der Theorie

3. Die Terroranschläge des 11. Septembers 2001

4. Geopolitik und Geostrategie in der Praxis
4.1 Der Cheney-Plan und die Rolle der Energiepolitik
4.2 Der Kampf gegen den Terrorismus / Krieg in Afghanistan
4.3 Geopolitik am Persischen Golf und der zweite Irakkrieg
4.4 Das große Spiel im Kaukasus
4.5 Zwischenfazit – „Geopolitics of Resource Wars“

5. Problemfelder und Ausblick
5.1 Antiamerikanismus und der Fluch der Ressourcen
5.2 Strategien für regionale Stabilität und Erdölunabhängigkeit

6. Anhang
6.1 Literaturverzeichnis
6.2 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis
6.3 Übersichtskarte

1. Einleitung

Abbildung 1: George W. Bush

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Thema dieser Hausarbeit ist die amerikanische Außen- und Sicherheitspolitik im 21. Jahrhundert. Zuerst wird kurz Amerikas Status im globalen Gefüge aufgezeigt. Darauf aufbauend sollen dann zuerst die theoretischen Aspekte der Geopolitik der USA, speziell die der Administration von George Walker Bush, herausgearbeitet werden. Hier sollen auch die unterschiedlichen Strömungen der Politik sowie ihr Einfluss beleuchtet werden. In diesem Zusammenhang soll dann in einem weiteren Schritt geprüft werden, inwieweit die Anschläge des 11. September 2001 für einen Wandel in der Außen- und Sicherheitspolitik der USA stehen und was sie für Wirkungen auf das Alltagsleben der Amerikaner hatten.

Im dritten Schritt wird dann anhand von ausgewählten Beispielen die Übereinstimmung von Theorie und Praxis überprüft. Hierzu kommen vor allem die Kriege in Afghanistan (2001) und im Irak (ab 2003) in Frage. Weiterhin soll vor allem der Einfluss der Energiepolitik im Allgemeinen und der von geostrategischen Ressourcen im Speziellen analysiert werden. Als Fallbeispiel soll hier der sogenannte Cheney-Plan, der vor allem die Bedeutung der Energiesicherheit für die Nationale Sicherheit der USA unterstreicht, dienen. Dieses Beispiel soll dann wiederum dazu genutzt werden, die Implikationen der Energiepolitik auf die Geostrategie im Persischen Golf und im Gebiet rund um das Kaspische Meer aufzuzeigen, den Kernbereichen amerikanischer Außen- und Sicherheitspolitik. Der Bogen wird schließlich mit dem Aufzeigen von Problemen dieser Politik sowie dem Herausarbeiten möglichen Handlungsalternativen geschlossen.

2. Die Vereinigten Staaten von Amerika im 21. Jahrhundert

2.1 Einordnung der USA in das globale System

Um das globale Gefüge des 21. Jahrhunderts zu verstehen, muss man sich in erster Linie über die Bedeutung der Vereinigten Staaten von Amerika klar werden.

Die USA verfügen momentan über eine Dominanz in den Bereichen Militär, Wirtschaft, Technologie, Kommunikation, Finanzen und Kultur, die in der Geschichte noch ohne Beispiel ist. Das Wort „Hypermacht“ erscheint in diesem Zusammenhang als zutreffende Umschreibung.

Dieses, auf den ersten Blick unipolare, System bildete sich nach dem Ende des bipolaren Kalten Krieges und lässt sich anhand der drei folgenden Thesen umschreiben:[1]

Abbildung 2: US-Rüstungsaufgaben im Vergleich

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die USA verfügen über die absolute Hegemonie. Hegemonie wird dabei nicht im Sinne von unmittelbarer und allgegenwärtiger Herrschaft aufgefasst, sondern dadurch, dass kein Staat oder keine (un)denkbare Koalition die USA militärisch besiegen kann.[2] Erstes Kennzeichen ist also das beispiellose Defensivpotential der Amerikaner.

Das sich direkt daraus ergebende zweite Merkmal ist ein Überschuss an einsetzbarer Macht. Das bedeutet, dass das strategische, diplomatische oder wirtschaftliche Gewicht der USA jedes globale Gegengewicht ausbalancieren oder sogar übertreffen kann. Beispielhaft aufgeführt seien hier der US-Rüstungshaushalt, der in etwa dem der restlichen Welt en bloc entspricht,[3] sowie die weltweit höchsten Investitionen[4] in Forschung und Entwicklung.

Das dritte Merkmal ist, dass die Vereinigten Staaten der einzige Akteur auf der Weltbühne ist, der seine Ziele global definiert. Alle anderen Akteure sind primär nach regionalen oder lokalen Zielen aufgestellt.

Aus dieser Position heraus konnten die Amerikaner ein globales Ordnungssystem etablieren, das ihre eigenen innenpolitischen Erfahrungen, vor allem hinsichtlich des pluralistischen Charakters der Gesellschaft und Politik[5], widerspiegelt. Dieses System ist im Unterschied zu anderen historischen Weltmächten von Grund auf auf Einbindung und Kooperation konzipiert worden.[6] Die eigenen demokratischen Prinzipien und Institutionen werden instrumentalisiert und z.B. über den indirekten Einfluss auf ausländische Eliten nutzbar gemacht.[7] Nach dem Vorbild der eigenen Unabhängigkeitserklärung wird eine einfache ideologische Botschaft ausgesendet. Das Streben nach Erfolg und Glück[8] schafft Freiheit und mehrt den Wohlstand. Im Gegensatz zu Terror und Despotismus dient nur der American Way of Live als idealer Rahmen zur Ausübung von Hegemonie, eben nicht durch das Ausüben von direkter Herrschaft, sondern durch Sicherstellung von maßgeblichem Einfluss.[9]

2.2 Machterhaltungsstrategien

Das oberste Ziel der amerikanischen Politik ist es, den beschriebenen Status quo zu bewahren und falls möglich das Machtpotential weiter auszubauen.

Der Zerfall der Sowjetunion stellt hier eine deutliche Zäsur dar. Das Ende der ideologischen Konfrontation[10] brachte eine extreme Unsicherheit, wie die Welt politisch in der darauffolgenden Zeit zu organisieren ist.[11] Es kristallisierten sich drei widersprüchliche Szenarien heraus, die alle versuchten, die nun unipolare Welt zu beschreiben:[12]

Das erste Szenario geht von einer Welt aus, in der Nationalstaaten lediglich dazu dienen, regulierende Rahmenbedingungen zu schaffen. Kennzeichnend ist das Wachstum der Weltwirtschaft sowie die Konsolidierung von Kapitalmärkten über nationale Grenzen hinaus. Entscheidend ist weiterhin, dass der Zusammenhang von Bevölkerungsgröße und Wirtschaftswachstum nicht mehr vorhanden ist und somit auch Staaten mit wenigen Einwohnern die Möglichkeit haben, produktiv am Weltmarkt zu partizipieren.

Das zweite Szenario geht von einem Kampf der Kulturen aus. Im Prinzip eine Rekonstruktion der ideologischen Geopolitik aus Zeiten des Kalten Krieges auf nun multipolarer Basis, in der Ideologie durch Kultur ersetzt wird. Samuel Huntington[13] ist der wohl bekannteste Exponent dieses Ansatzes. Elementar für diese Möglichkeit ist die Prognose, dass die territorialen Grenzen zwischen den Kulturen die geopolitischen Hauptkampflinien zukünftiger Konflikte widerspiegeln werden. Gegner dieser Theorie führen zum einen den Austausch von Informationen, Gütern und Menschen in der globalisierten Welt an, der die Kulturen zusammenbinden soll. Und zum anderen verweisen sie darauf, dass man Ideologie nicht so einfach durch Kultur subsumieren kann, da sich die bipolare Welt eindeutig in eine multipolare transformiert hat, mit einer unüberschaubaren Anzahl von Akteuren.

Das dritte Szenario basiert auf einer geopolitischen Vorstellung der Welt, die klar von Amerika bestimmt wird. Die eigene Dominanz beruht primär auf der Vormachtstellung des amerikanischen Militärs (vor allem auf Grund des technologischen Vorsprungs) und sekundär auf der amerikanisch dominierten Weltwirtschaft.

Im Mittelpunkt der folgenden Betrachtungen soll vor allem das letzte Szenario stehen. Über eine Analyse der Außen- und Sicherheitspolitik seit dem Amtsantritt des 43. Präsidenten der Vereinigten Staaten, George Walker Bush, soll gerade die Relevanz dieses Modells aufgezeigt werden.

2.3 Geopolitische Strömungen innerhalb der Bush-Administration

Zbigniew Brzezinski[14], anerkanntermaßen einer der besten Kenner amerikanischer Politik[15], verweist zuallererst auf den Anspruch Amerikas, als „unentbehrliche Nation“[16] zu gelten. Viel anschaulicher lässt sich die Relevanz des dritten Szenarios nicht darstellen.

Darauf aufbauend lässt sich vor allem bei George W. Bush[17] eine eindeutig geopolitisch gefärbte Außen- und Sicherheitspolitik ausmachen.

Eine Definition von Geopolitik ist ein notorisch schwieriges Problem.[18] Klassisch ist eine Beschreibung der Geopolitik als Wissenschaft, die sich mit dem Einfluss geografischer Verteilungen[19] bzw. generell mit dem Einfluss des geografischen Raumes auf die Weltpolitik befasst. Nationalstaaten sind dabei die tragenden Säulen.[20] Das aktuelle Zeitalter der Globalisierung geht aber auch einher mit einem dramatischen Anstieg von geopolitischen Akteuren, sodass in erster Linie nun Netzwerke[21] die zentrale Rolle spielen. Besonders wichtig sind dabei militärische und soziale Netzwerkverknüpfungen.[22]

Unter diesem Gesichtspunkt schlägt nun Gearoid O. Tuathail vier mögliche Ausprägungen der Bedeutung von Geopolitik vor.[23] Entweder als Linse, durch die man Probleme aller Art betrachtet, oder als Synonym für Realpolitik. Des weiteren als Synonym für eine langfristige und umfassende Strategie. Und schließlich noch in der Bedeutung der populären Geopolitik[24], die gerade in Zeiten von großen Unsicherheiten und Widersprüchen ein einfaches Konzept der räumlichen Ordnung bieten kann.

Zutreffend für die folgenden Ausführungen ist in erster Linie die Sichtweise von Geopolitik als elementarer Baustein einer umfassenden Strategie („Grand Strategy“).

In Analogie zu zwei Klassikern der amerikanischen Geopolitik, Sir Halford Mackinder[25] und Nichlas Spykman[26], wird Eurasien (vgl. Abb. 6) als der Raum gedeutet, in dem potentielle Herausforderer für die USA entstehen können.[27] Eine amerikanische Geostrategie im Sinne von Bush jun. ist also vor allem auf die Hauptakteure in Eurasien konzentriert.

Erste Priorität ist demnach das Identifizieren von kritischen Regionen, die entweder wegen ihrer Lage oder wegen ihrer Machtfülle auf umliegende Staaten oder auf die gesamte Region wie Katalysatoren wirken.[28] Darauf fußend gilt es, diese Regionen auszubalancieren oder unter (in)direkte Kontrolle zu bekommen. Ziel dieser Strategie ist also eine US-Dominanz auf dem eurasischen Kontinent als Notwendigkeit zum Erhalt der globalen Hegemonie.

Im Detail heißt das, diejenigen Akteure zu ermitteln, die die Kapazitäten und den Willen haben, den Status quo in Eurasien in einem Maße zu verändern, dass US-Interessen grundlegend bedroht werden.[29] Weiterhin muss die Möglichkeit einkalkuliert werden, dass die regionale Dominanz der USA in Eurasien nicht nur durch die Machtfülle, sondern auch allein durch die geographische Lage eines Landes gefährdet werden kann.[30] Möglich wird dies z.B. durch das Blockieren des Zugangs zu wichtigen Akteuren oder durch das Unterbrechen des Flusses von strategisch wichtigen Ressourcen.[31]

Trotz der Gewissheit, dass sich in den zentralen Sektoren von Macht[32] (militärische, technologische, wirtschaftliche und kulturelle) kein Nationalstaat in absehbarer Zeit mit den USA wird messen können, ist eine langfristige[33], einheitliche und umfassende Strategie von Nöten, um der zentralen Bedeutung Eurasiens gerecht zu werden. Diese Strategie ist auf drei Hauptziele ausgerichtet. Das Verhindern eines Wiederaufstieges Russlands zur Weltmacht, das gewissenhafte Eindämmen von China und das möglichst umfassende Isolieren des Iran.[34]

2.4 Außen- und Sicherheitspolitik in der Theorie

Es ist sicherlich falsch, die US-Außenpolitik generell als eindeutig und einheitlich zu begreifen.[35] Historisch lässt sich dies an dem Gegensatzpaar Internationalismus und Isolationismus darstellen, aktuell an dem Gegensatz zwischen Unilateralismus und Multilateralismus.

Hier lässt sich mit der Wahl von George W. Bush ein eindeutiger Trend hin zum Unilateralismus ausmachen.[36] Beispielhaft sei hier auf den endgültigen Ausstieg der USA aus dem Kyoto-Abkommen zur Reduzierung der Treibhausgase hingewiesen.

An Institutionen festgemacht hat man auf der Seite der multilateralen Fraktion vor allem die Vertreter des State Departments um Colin Powell[37]. Dem Gegenüber steht die oft zitierte unipolare „Hawkish Pentagon Fraction“[38] um Donald Rumsfeld[39], Paul Wolfowitz[40] und Condoleezza Rice[41]. Kurz zusammenfassend lässt sich die Politik von Bush jun. vielleicht am ehesten als pragmatisch bezeichnen. Multilateral wenn nötig, unilateral wenn möglich, z.B. um so Alliierte aus Schlüsselentscheidungen heraushalten zu können.[42]

Ein zweiter Antagonismus und Streitpunkt ist der zwischen ziviler und militärischer Macht zur Durchsetzung des amerikanischen Willens. Auch hier ist seit dem Amtsantritt von George W. Bush eine Verschiebung des Gefälles zu beobachten, das sich z.B. an dem gestiegenen Rüstungsetat festmachen lässt.[43]

Ein deutlich unilateraler und militärischer Fokus der US-Außen- und Sicherheitspolitik seit dem Amtsantritt der Bush-Administration ist also mehr als deutlich erkennbar. In den Worten von Stanley Brunn ein eindeutig neokonservativer Kurs.[44]

3. Die Terroranschläge des 11. Septembers 2001

In all diese theoretischen und strategischen Überlegungen hinein fielen dann die in der Weltöffentlichkeit kaum für möglich gehaltenen terroristischen Anschläge des 11. Septembers 2001, die eines der einschneidendsten Ereignisse der modernen Welt darstellen. Es war die Rede von einer „Zeitenwende“[45] oder vom „Pearl Harbor der industriellen Zivilisation“[46].

Vom islamistischen Terrornetzwerk Al-Qaeda[47] koordiniert, wurden vier zivile Flugzeuge auf strategische Ziele der USA[48] gelenkt. Insgesamt kamen bei diesen Selbstmordanschlägen knapp über 3000 Menschen zu Tode.

Die nun relevante Frage ist, inwieweit sich die Reaktionen auf die Anschläge in die bisherige Strategie der Bush-Administration hinsichtlich Außen- und Sicherheitspolitik einordnen lassen. Gibt es nach wie vor eine stringente Strategie? Gibt es Diskontinuitäten oder sogar einen deutlichen Wandel?

Im Rahmen des täglichen Lebens stellen die Anschläge sicherlich eine deutliche Zäsur dar. Im Mittelpunkt des öffentlichen Bewusstseins stand das verletzte Sicherheitsgefühl. Die Erkenntnis der eigenen Verwundbarkeit.[49] Die generell deutlich gestiegene Angst vor dem Fliegen[50] war ebenso messbar wie ein markanter Anstieg der Verkaufszahlen von Sicherheitsanlagen und Waffen.[51] Auf der anderen Seite sind vor allem aber auch die gestiegene Bedeutung von Religion und Patriotismus signifikant erkennbar.[52] Weiterhin wird der Wandel anschaulich in der Debatte um die Balance zwischen bürgerlichen Freiheiten und Beschneidungen dieser Rechte zum Schutz der nationalen Sicherheit. Ein deutlich zu Gunsten der Regierung verschobenes Gewicht spricht in einem Land, das sich als Geburtsstätte der bürgerlichen Freiheiten begreift, Bände.[53]

Der Blick soll nun erneut auf die Ebene der Politik gerichtet werden. Unilateralismus und Militarismus waren die vorherrschenden Tendenzen der Regierung von Bush jun. bis zu den Anschlägen des 11. Septembers 2001.

Als Kriterien, anhand derer man einen denkbaren Wandel dieser Tendenzen festmachen kann, sollen die geostrategischen Konflikte im Persischen Golf und in der Region des Kaspischen Meeres im Verbund mit dem Kampf gegen den Terrorismus dienen. Der Einfluss der Energiepolitik und der Ressourcenfrage auf die Außen- und Sicherheitspolitik werden schließlich als Prisma benutzt, um weitere Details eines möglichen Wandels herauszuarbeiten.

4. Geopolitik und Geostrategie in der Praxis

Will man die Ereignisse des 11. Septembers 2001 korrekt in den Kontext der US-Außen- und Sicherheitspolitik einordnen, muss man zunächst einen vertieften Blick auf das wohl prägendste Dokument der ersten Amtsperiode von George W. Bush werfen. Die sogenannte „National Energy Policy“[54], die schon kurz nach ihrer Veröffentlichung am 17. Mai 2001 als Cheney-Plan bekannt wurde.

4.1 Der Cheney-Plan und die Rolle der Energiepolitik

Einen wichtigen Einschnitt der Energiepolitik stellt der Monat April 1998 dar. Zum ersten Male in der Geschichte der USA überstieg der Anteil des importierten Erdöls die psychologisch wichtige Hürde von 50 Prozent[55] (vgl. Abb. 3). Der Einzug von George Walker Bush in das Weiße Haus fand also in einem Moment statt, den man als durchaus kritisch bezeichnen kann:

Die Abhängigkeit von ausländischen Erdölimporten war noch weiter gewachsen, die Vereinigten Staaten mutierten mehr und mehr zum Öl-Junkie[56], der ein Drittel des weltweiten Energieverbrauchs auf sich vereinte.[57] Steigender Bedarf verbunden mit wachsenden Preisen führten rasch zu ersten Versorgungsengpässen im Osten der USA, im Bundesstaat Kalifornien kam es gar zu einer ganzen Serie von flächendeckenden Stromausfällen.[58]

Abbildung 3: Wachsende Abhängigkeit von importiertem Öl

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Präsident Bush jun. kam also nicht umhin, im März 2001 öffentlich von einer Energiekrise[59] mit möglichen Auswirkungen auf die nationale Sicherheit zu sprechen.[60] Prognosen für das Jahr 2020 gingen mittlerweile für einen auf 75 Prozent gewachsenen Importanteil am gesamten Erdöl aus.[61] Umgehendes Handeln war erforderlich.

Erste Maßnahme war die Einsetzung einer Entwicklungsgruppe für nationale Energiepolitik, kurz NEPDG[62], aus Vertretern der Ministerien für Äußeres, Energie und Wirtschaft unter der Leitung von Vize-Präsident Richard „Dick“ Cheney. Durch die Berufung Cheneys als Vorsitzenden der Task Force gelangte das Thema Energiesicherheit in höchste Regierungskreise.

Zwei denkbare Alternativen standen zur Diskussion. Erstens eine Reduktion des Ölverbrauchs in Kombination mit Förderprogrammen für regenerative Energien oder zweitens eine weitere Fokussierung auf importiertes Erdöl inklusive der Konsequenz der weiter wachsenden Abhängigkeit von Förderstaaten.

Wenn man allerdings bedenkt, dass ein Großteil von George Bushs Wahlkampfkampagne von Firmen getragen wurde, die dem Sektor der Verarbeitung fossiler Brennstoffe zuzurechnen sind[63], und weiterhin im Blick hat, dass Dick Cheney ehemaliger CEO von einer der größten Erdölzuliefererfirmen, Halliburton, war, kann man wohl kaum von einer offenen Diskussion der beiden Alternativen sprechen.

Initiiert von Dick Cheney, der nicht nur aufgrund dieses Postens zum wohl mächtigsten Vize-Präsidenten in der Geschichte der USA aufstieg[64], wurde folgendes Konzept ausgearbeitet:[65]

Zentral ist die Annahme, dass der Verbrauch von Erdöl nicht abnimmt, sondern weiter wachsen wird. Eine Steigerung der einheimischen Produktion ist zwar angestrebt, aber wegen hoher Auflagen in Alaska umweltpolitisch kaum vertretbar.[66] Die nationale Energiesicherheit ist also in erster Linie und in zunehmendem Maße abhängig von ausländischen Erdölstaaten. Aus diesem Grund muss das Thema Energie eine Schlüsselrolle in den übergeordneten Kategorien Außen- und Sicherheitspolitik spielen.

Die Strategie geht weiter davon aus, dass alle Erdöl exportierenden Länder als politisch instabil und / oder anti-amerikanisch einzustufen sind.[67] Dies wiederum hat zwei Konsequenzen:

Zunächst muss die Abhängigkeit von einem Staat bzw. einer Region vermieden werden. Cheneys Schlüsselwort dafür lautet Diversifikation. Als Quelle für Importe sollen neben dem Persischen Golf vor allem Aserbeidschan und Kasachstan am Kaspischen Meer, Angola und Nigeria aus Afrika sowie Venezuela, Mexiko und Kolumbien aus Lateinamerika dienen.[68] Da auch diese Staaten allesamt im Sinne der USA als politisch höchst brisant einzustufen sind, ist eine die Handelsstrategie begleitende Militärstrategie von allerhöchster Notwendigkeit, um der wachsenden Gefahr eines Ölschocks vorzubeugen. Hier kommt jetzt ein Strategiepapier aus dem Jahre 1992 erneut zum tragen. Paul Wolfowitz, damals Staatssekretär unter George Herbert Bush, und Dick Cheney, seinerzeit Verteidigungsminister, hatten ein als „Defense Planning Guidance“[69] bekanntes Programm erarbeitet, das die dauerhafte militärische Hegemonie der USA vorsah. In einem strikt unilateralen Vorgehen sollte das Militär weiter aufgerüstet werden, um besonders schnell in regionale Konflikte eingreifen zu können, um so die globale Dominanz auf Dauer zu bewahren. Die Idee, jederzeit Macht in entfernte Kampfgebiete zu projizieren, kam durch die NEP wieder in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Und genau diese Fähigkeit ist im Sinne Cheney ideal, um regionale Konflikte auszutarieren oder den dauerhaften Ölfluss zu garantieren.

[...]


[1] Cf. Joffe (2006), S. 20ff

[2] Ein nuklearer Erstschlag ausgenommen, der aber wegen des folgenden Gegenschlages den Begriff Sieg ad absurdum führen würde

[3] Cf. op. cit., S. 26

[4] Cf. ibid.

[5] Cf. Brzezinski (2001), S. 44

[6] Cf. op. cit., S. 45

[7] Cf. op. cit., S. 46

[8] „Pursuit of Happiness”

[9] Cf. op. cit., S. 58

[10] Cf. Agnew (2003), S. 115

[11] Ibid.

[12] Cf. op. cit., (2003), S. 115-122

[13] Huntingtons erster Artikel dazu findet sich in: Foreign Affairs, Sommer 1993

[14] Der polnisch-amerikanische Politikwissenschaftler, geboren März 1928, gilt als einer der bekanntesten Globalstrategen. War unter James „Jimmy“ Carter Sicherheitsbera- ter der USA

[15] Cf. Tuathail (2006), S. 17

[16] Dies findet sich so z.B. bei William „Bill“ Clinton: „America stands alone as the world's indispensable nation”. Zitiert nach: Brzezinski (2001), S. 278

[17] Dessen Politik schon nach kurzer Zeit als Abkehr von Clintons „transnational liberal or- der“ hin zu einem „reinstatement of offensive realism“ offenkundig wurde. Cf. Agnew (2003), S. 23

[18] Cf. Tuathail (2006), S. 1

[19] Cf. Agnew (2003), S. 3

[20] Cf. Flint (2006), S. 161

[21] Der Begriff ist der kritischen Geopolitik entlehnt, die vor allem auf einer Kritik an dem nationalstaatlich orientierten Modell aufbaut. Cf. Tuathail (2006), S. 2

[22] Cf. Flint (2006), S. 162

[23] Cf. Tuathail (2006), S. 9-21

[24] Besondere Erwähnung über diese Hausarbeit hinaus muss hier ein Artikel von Jason Dittmer finden, der sich dem Phänomen der Comicfigur Captain America und ihrem Einfluss auf die populäre Geopolitik annimmt. Cf. Dittmer, Jason: Captain America's Empire. Reflections on Identity, Popular Culture, and Post-9/11 Geopolitics. In: An- nals of the Association of American Geographers 95 (September 2005), S. 626-643

[25] Sir Halford John Mackinder (Februar 1861 bis März 1947) war ein britischer Geograph und Geopolitiker. Er erschuf mit der Herzland-Theorie eines der bekanntesten Modelle der Geopolitik. In seinem Werk „The Geographical Pivot of History“ postulierte er fol- gendes: „Who rules East Europe commands the Heartland, who rules the Heart land commands the World-Island, who rules the World-Island controls the world”. Cf. Agnew (2003), S. 19

[26] Nicholas John Spykman (1893 bis 1943) war ein niederländisch-amerikanischer Geo- stratege, der vor allem als Vater der Containment-Strategie bekannt wurde. Er modifi- zierte Mackinder dahingehend, dass er nicht das Herzland als Basis für die Weltherr- schaft darstellte, sondern die Peripherie Eurasiens, das sogenannte Randland. Mack- inders Motto formulierte er daher folgendermaßen um: „Who controls eastern Europe rules the Heartland, who controls the Heartland rules the World Island and who rules the World Island rules the World.” Cf. ibid.

[27] Cf. Brzezinski (2001), S. 64

[28] Cf. op. cit., S. 65

[29] Cf. op. cit., S. 66

[30] Der geopolitische Terminus für solche Staaten: Dreh- und Angelpunkte. Cf. ibid.

[31] Cf. op. cit., S. 67

[32] Cf. op. cit., S. 78

[33] Langfristig in diesem Zusammenhang meint einen Zeitraum von über 20 Jahren

[34] Cf. Flint (2006), S. 17

[35] Cf. Brunn (2003), S. 36

[36] Cf. op. cit., S. 37

[37] US-Außenminister zwischen 2001-2006

[38] Ibid.

[39] US-Verteidigungsminister zwischen 1975-1977 und 2001-2006

[40] Stellvertretender Verteidigungsminister unter Donald Rumsfeld zwischen 2001-2006

[41] Nationale Sicherheitsberaterin von Präsident George W. Bush bis 2005, danach Au- ßenministerin

[42] Cf. op. cit., S. 39

[43] Ibid.

[44] Cf. op. cit., S. 38

[45] So die Tageszeitung „Die Welt“ in ihrer Ausgabe vom 12. September 2001

[46] Cf. Hacke (2001)

[47] Die Schreibweise entspricht der mehr oder weniger einheitlichen englischen Schreib- weise. In Deutschland sind verschiedene Schreibweisen vorfindbar.

[48] Das World-Trade-Center als Symbol für ökonomische und das Pentagon für militärische Macht

[49] Cf. Joffe (2006), S. 35

[50] Cf. Brunn (2003), S. 5

[51] Cf. op. cit., S. 6

[52] In dem Jahr vor dem 11. September 2001 verkaufte der Walmart 1,18 Millionen US- Fahnen, in den 7 Monaten nach den Anschlägen sagenhafte 4,48 Millionen. Cf. op. cit., S. 4

[53] Cf. op. cit., S. 6

[54] Der komplette Bericht im Internet unter http://www.whitehouse.gov/engery/National- Energy-Policy.pdf [09.08.2007]

[55] Cf. Klare (2005), S. 56

[56] Den Begriff prägte Michael T. Klare, cf. Klare (2006)

[57] Ibid.

[58] Cf. Klare (2005), S. 56

[59] Cf. ibid.

[60] Cf. Klare (2006)

[61] Cf. Klare (2005), S. 57

[62] Akronym für „National Energy Policy Development Group”

[63] Cf. Klare (2005), S. 58

[64] So sagt jedenfalls Lawrence Wilkerson, Stabschef des damaligen Außenministers Colin Powell, in einem Interview mit dem Spiegel. Cf. Spiegel 49/05, S. 138

[65] In Anlehnung an Klare (2005), S. 56-73 und Klare (2006)

[66] Außerdem würde ein maximaler Ertrag in Alaska den Importanteil nur kurzfristig und allerhöchstens um 3 Prozent drücken können. Cf. Klare (2005), S. 60

[67] Cf. Großmann (2003)

[68] Cf. ibid.

[69] Cf. Klare (2005), S. 69

Details

Seiten
27
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656097792
ISBN (Buch)
9783656097631
Dateigröße
25.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184955
Institution / Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta – Institut für Bildungs- und Sozialwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Geopolitik; USA; Irak; Afghanistan; George W. Bush;

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