Lade Inhalt...

Ciceros Umgang mit der griechischen Vorlage des Panaitios in 'de officiis'

Seminararbeit 2010 18 Seiten

Latein

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Ciceros Umgang mit der griechischen Vorlage des Panaitios in de officiis
2.1 Panaitios von Rhodos
2.2 icero im Allgemeinen über griechische Philosophie in de officiis
2.3 Ciceros Verarbeitung der griechischen Vorlage des Panaitios
2.3.1 Das Fehlen der Definition
2.3.2 Drei Überlegungen bei einer Entscheidungsfindung
2.3.3 Allgemeine Beobachtungen zur unterschiedlichen Behandlung der Tugenden
2.4 Unterschiedliche Intentionen bei Cicero und Panaitios
2.4.1 Unterschiede in der Methodik
2.4.2 Der Vorzug der vita activa gegenüber der vita contemplativa bei Cicero
2.4.3 Einführung griechischen Gedankenguts in das römische

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

Obligatorische Erklärung über benutzte Hilfsmittel

1. Einleitung

Cicero beginnt das Proömium in seinem Werk de officiis mit einem Appell an seinen Sohn Marcus: […] Marce fili, […] idem tibi censeo faciendum […] (I,1). Obwohl dieser bereits seit einem Jahr bei dem griechischen Philosophen Kratippos unterrichtet werde (I,1), um Bildung in der Philosophie zu erfahren, könne er dennoch das oratoris proprium nur aus den Reden seines Vaters erlernen. Das Wissen um Philosophie sei daher nur ein unterstützendes Mittel, wenn man eine Rede abfassen wolle. Zudem fordert Cicero seinen Sohn auf, sich aus den Lerninhalten ein eigenes Urteil zu bilden (de rebus ipsis utere tuo iudicio, I,1) und nicht nur seine Bücher über die Reden, sondern auch seine philosophischen Schriften zu lesen (Quam ob rem magnopere te hortor, mi Cicero, ut non solum orationes meas, sed hos etiam de philosophia libros […] studiose legas, I,1). Für sein derzeitiges Lebensalter und sein eigenes Ansehen scheine es ihm jedoch am passendsten, über die Problematik des pflichtgemäßen Handelns, de officiis (I,4), zu schreiben ([…] ab eo ordiri volui, quod aetati tuae esset aptissimum et auctoritate meae, I,4). Er führt weiter aus, dass das officium, das pflichtgemäße Handeln, über das er in seinem Werk diskutieren wolle, gemäß der Meinung der Stoiker zu bestimmen sei. Er werde jedoch nach eigenem Ermessen diejenigen Punkte herausfiltern, die ihm selbst zweckmäßig erscheinen (I,6). Dabei werde er sich hauptsächlich auf den griechischen Philosophen Panaitios stützen, der bereits eine Schrift über die Pflicht verfasst habe. In seinem Werk de officiis verwendet der skeptische Akademiker Cicero also die Vorlage des Panaitios von Rhodos. Dennoch kritisiert er dessen Herangehensweise an die Thematik, korrigiert und widerlegt oftmals große Teilbereiche. Es erscheint daher sehr interessant, die beiden Werke miteinander zu vergleichen und zu untersuchen, auf welche Weise Cicero mit der griechischen Vorlage bei seiner Arbeit umgegangen ist. Die Schwierigkeit bei dieser Fragestellung liegt darin, dass die Schrift Perì tou kaqήkontoς („Über die Pflicht“), die um 138/ 139 v. Chr. entstanden ist[1], nicht mehr erhalten ist.[2] An einigen Textstellen schreibt Cicero selbst, dass er auf Panaitios Bezug nimmt. Es ist darüber hinaus jedoch notwendig, aus dem Text von Cicero herauszuarbeiten, wann er ggf. Punkte aus seiner Vorlage abgewandelt hat und ebenso, aus welchen Gründen. Diese Arbeit wird daher von den Annahmen Lefèvres, welche Textstellen von Cicero übernommen worden sind, und welche nicht, ausgehen.

2. Ciceros Umgang mit der griechischen Vorlage des Panaitios in de officiis

2.1 Panaitios von Rhodos

Panaitios von Rhodos wurde als Sohn des Nikagoras um 185/ 180 zu Lindos geboren und war der älteste Sohn einer angesehenen Familie auf Rhodos. Um 155 v. Chr. wurde er als Schüler von Diogenes von Babylon unterrichtet, der ebenfalls Anhänger der Stoa war, daraufhin um 168/ 167 v. Chr. von Krates von Mallos[3], Diogenes von Babylon und Antipatros von Tarsos. Durch die Freundschaft mit dem jüngeren Scipio Africanus und mit Laelius wurde er Mitglied im Scipionenkreis um 140 v. Chr.. Ein Jahr später begab er sich mit Scipio Aemilianus auf eine Reise nach Kleinasien. Er verbrachte sein Leben zum Teil auch in Rom, wo er mit der Lehre der Stoa großen Einfluss auf die Entwicklung der Philosophie erzielte. Um 129 v. Chr. übernahm er nach dem Tod des Antipater die Leitung seiner Philosophenschule in Athen, an der er lange Zeit seinen Lehrer unterstützt hatte. Zu seinen eigenen Schülern zählten Dardanos, Mnesarchos, Hekaton von Rhodos sowie Poseidonios von Apameia, der wiederum nach dessen Tod um 110/ 109 v. Chr. seine eigene Schule gründete.

Panaitios gilt als strenger Anhänger der Stoa, wenn er auch seinen Ansichten durch einen milderen und verständlicheren Stil als seine Vorgänger Ausdruck verlieh. Sein Interesse galt jedoch nicht nur der Philosophie. Er war auch von dem Historiker Polybios beeinflusst[4] und zeichnete sich durch sein Wissen an Musik, Politik, Geographie und Mathematik aus. In der Physik beispielsweise tat er seine Zweifel an der Lehre zum Weltenbrand, der ewigen Wiederkehr und an der Verlässlichkeit von Weissagung und Astrologie kund. Im Bereich der menschlichen Natur und der Psychologie hielt er sich an die stoische Sichtweise, dass die Seele materiell und sterblich sei.[5]

Seiner Überzeugung nach basieren die Tugenden und das Ziel des Lebens (teloV) auf der naturgemäßen Selbstliebe. Bei der Bestimmung des prepon, des Schicklichen, unterscheidet er zwischen vier verschiedenen Rollen[6], die bei der genauen Definition des sittlichen Angemessenen jeweils bedacht werden müssen. Zuerst beschreibt er die allgemein menschliche Natur als vernunftbegabtes Wesen. In der zweiten Rolle sieht er die Natur und die Veranlagung des Einzelnen und hierauf Rollen, die das Individuum von äußeren nicht in seiner Kontrolle liegenden Einflüssen erhält. Schließlich gäbe es noch die Rollen, die jeder Mensch aus eigenen Stücken aufgrund seines Berufes oder aufgrund anderer Betätigungen einnimmt.

Außerdem vertritt Panaitios die Ansicht, dass alle Tugenden eine Einheit bilden, wobei er einen Vergleich mit Bogenschützen anführt, die ihre Pfeile alle auf dieselbe Zielscheibe richten. Diese Zielscheibe ist in verschiedene Farben unterteilt und wird an unterschiedlichen Stellen getroffen. Dabei teilt er die Tugenden in zwei Kategorien ein: Theorie und Praxis.

Von seinen Werken sind nur noch wenige Fragmente erhalten. In einigen diskutiert er beispielsweise über das Leben von Platon und Sokrates und erörtert seine Zweifel an der Echtheit der überlieferten sokratischen Schriften. Dies diente ihm als Grundlage für sein Werk „Über die Philosophenschulen“.[7] Sein wichtigstes, aber verlorenes Werk Perì tou kaqήkontoς („Über die Pflicht“) war auch von den Eindrücken der Stadt Rom und seinen persönlichen Kontakten in der römischen Gesellschaft inspiriert[8], mit welchem er großen Einfluss in Bereichen der Ethik erzielte. Mit dieser Schrift beeinflusste er auch die Gedankengänge Ciceros in seinem Werk de officiis, aber auch Seneca und lateinische Kirchenoberhäupter[9].

Zu seinen Werken zählen außerdem „Über die Vorsehung“, „Über Ausgeglichenheit“ und ein Trostbrief an Q. Aelius Tubero.

Trotz seiner Bewunderung für Platon und Aristoteles ist Panaitios für seine neuen Gedankengänge und Ideen in Bereichen der Physik und der Ethik bekannt, wenn auch seine Darstellungsweise und sein Stil dabei verständlicher und weniger schroff sind. Zum Teil ist man in der Forschung der Ansicht, Panaitios hätte im Kern weiterhin die ältere Stoa vertreten[10] ; in der neueren Literatur jedoch wird eher davon ausgegangen, dass Panaitios die mittlere Stoa eingeführt hat[11]. Er sah keine Trennung mehr zwischen Geist und Körper des Menschen, sondern betrachtete dies als Einheit.[12] Grund hierfür ist, dass er sich offener gegenüber den Gegebenheiten des Lebens und der menschlichen Natur[13] zeigte und diesen engen Bezug zur Praxis in seinen Ansichten berücksichtigte.[14] Dabei bemühte er sich, die Definition für die Pflicht aus dem Vernunftsgesetz herzuleiten, das die Triebe des Menschen beschränkt. Zudem wird in seinen Schriften eine zunehmende Freude über die Ästhetik in der Natur[15] deutlich.

2.2 Cicero im Allgemeinen über griechische Philosophie in de officiis

Im Proömium des erstens Buches richtet sich Cicero an seinen Sohn Marcus als Adressaten für sein Werk, der bereits ein Jahr lang in Athen Schüler des Kratippos gewesen sei (I,1). Er betont dabei, er orientiere sich mit seiner Intention zwar an den Peripatetikern und Sokratikern; die lateinische Rede werde aber insbesondere dadurch bereichert, wenn man seine eigenen Schriften lese (I,2). Die Fähigkeit zu philosophieren könne man vielen zugestehen; was jedoch die Eigenschaft eines guten Redners sei, nämlich harmonisch, klar gegliedert und stilvoll zu reden (apte, distincte, ornate dicere), dafür habe er selbst Zeit seines Lebens verwendet. Sein Sohn solle also auch die Schriften der Philosophie von anderen lesen, allerdings kämen diese nicht in ihrem Stil und ihrer Gewandtheit den seinen nahe. Bisher sei es seiner Meinung nach auch keinem Griechen gelungen, gleichermaßen beide Arten zu behandeln: öffentliches Reden und die ruhige Erörterung (illud forense dicendi et hoc quietum disputandi genus, I,3). Es sei denn, man könne ggf. den Peripatetiker Demetrios von Phaleron hierzu zählen, der sich zumindest mit beidem befasst habe. Cicero betont damit, welch großen Wert er darauf legt, dass griechische und lateinische Werte sowohl in der Redekunst als auch in der Philosophie vereint werden.[16] Gemeinsames Anliegen aller Philosophen sei es jedoch, dass alles, was ehrenhaft ist, zu beachten sei und andererseits alles Schändliche nicht beachtet werden dürfe. Daher könne auch kein Lebensbereich ohne Verpflichtung bleiben (I,5). Außerdem äußert Cicero Kritik an einigen Philosophenschulen, die durch die Bestimmung der extremen Werte in Gut und Übel alles pflichtgemäße Handeln verhinderten, und keine Verbindung zur virtus fänden; an dieser Stelle bezieht er sich auf das zweite Buch aus de finibus (I,5)[17], in dem er um das richtige Verständnis des summum bonum bemüht ist. Cicero spielt damit auf die Ansichten der Epikureer und der Kyrenatiker an, nach denen seiner Meinung nach ein sittlich gutes Leben nicht möglich ist. An der Philosophie des Epikureismus kritisiert er, dass die Lehre zu wenig Bestimmungen enthalte; die der drei anderen genannten sei jedoch zu streng, als dass sie es ermöglichten, bei der Bestimmung des pflichtgemäßen Handelns auszuwählen. Daher erkennt er die Vorschriften der Pflicht den Stoikern, Akademikern und Peripatetikern zu; diese sähen die honestas als obersten Wert an. Die Meinungen des Ariston, des Pyrron und des Erillus dagegen seien ohnehin bereits durchgefallen (I,6). Sie hätten keine Werte übrig gelassen, um einen Zugang zur Pflicht zu ermöglichen. Stattdessen wolle Cicero sich nun den Ansichten der Stoiker anschließen, um nach eigenem Ermessen das in sein eigenes Werk aufzunehmen, was ihm zweckmäßig erscheine.

Er äußert sich zudem über Platon (427-347), der eindrucksvoll und ausdrucksreich sprechen hätte können (gravissime et copiosissime dicere), aber auch über Demosthenes, der als Ideal eines Redners und als Schüler Platons dessen Gedankengut stilvoll weitergeben hätte können (ornate splendideque facere potuisse). Dasselbe gelte auch für Aristoteles und Isokrates (I,4).

Im Proömium des dritten Buches betont Cicero nochmals, dass er sich den Gedanken des Panaitios anschließe, allerdings jedoch mit einigen Kritikpunkten (III, 7).

2.3 Ciceros Verarbeitung der griechischen Vorlage des Panaitios

Die Worte „Panaitios, dem ich in diesen Büchern gefolgt bin, wenn ich ihn auch nicht übersetzt habe (…),“ ([…] hic ipse Panaitius, quem multum in his libris secutus sum non interpretatus […], (II,17)) bezeugen, dass der Einfluss, von der Schrift Perì tou kaqήkontoς auf Cicero nicht unbedeutend gewesen sein kann, als er sich de officiis widmete.

Da die Vorlage des Panaitios jedoch nicht mehr erhalten ist, wurde bereits in der Forschung versucht, mit Hilfe der Gedankenführung und den Aussagen Ciceros Inhalt und Aufbau des Werkes zu rekonstruieren. Dabei ist oft strittig, welche Passagen Cicero tatsächlich übernommen haben könnte und welche aber nicht.

[...]


[1] Vgl. Dyck, 1999, S.21.

[2] Vgl. Lefèvre, 2001, S.9.

[3] Vgl. Haake, 2007, S.144.

[4] Vgl. Pohlenz, 1992, S.193.

[5] Vgl. DNP 9, 2000, S.226 f..

[6] Vgl. Puhle, 1987, S.3.

[7] Vgl. Pohlenz, 1992, S.194.

[8] Vgl. Pohlenz, 1992, S.193.

[9] Vgl. DNP 9, 2000, S.227.

[10] Vgl. DNP 9, 2000, S.227f..

[11] Vgl. Lesky, 1971, S.763.

[12] Vgl. Pohlenz, 1992, S.196.

[13] Vgl. Lesky, 1971, S.764.

[14] Vgl. Puhle, 1987, S.5.

[15] Vgl. Pohlenz, 1992, S.195.

[16] Vgl. Lefèvre, 2001, S.15.

[17] Vgl. Lefèvre, 2001, S. 17.

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656099529
ISBN (Buch)
9783656099741
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184910
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Lateinische Philologie
Note
2
Schlagworte
Cicero de officiis Panaitios Griechen
Zurück

Titel: Ciceros Umgang mit der griechischen Vorlage des Panaitios in 'de officiis'