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Die Frauendarstellung auf der Ara Pacis Augustae unter besonderer Berücksichtigung der Livia

Seminararbeit 1999 37 Seiten

Archäologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Frauendarstellungen auf der Ara Pacis Augustae
2.1 Südfries
2.2 Nordfries
2.3 Innenseite der nördlichen Altarwange

3. Kurzer Abriß der juristischen Stellung der römischen Frau

4. Juristischer Status und familiär bedingter ornatus in Relation zur jeweiligen Reliefhöhe

5. Die Bedeutung der mythologischen Reliefs der beiden Eingänge für die Frauen­darstellungen der Prozessionsfriese

6. Livia - femina princeps - die Protagonistin der Ara Pacis Augustae
6.1. Literarische Rezeption
6.2. Bildliche Rezeption

7. Zusammenfassung

8. Epilog

9. Anmerkungen

10. Bibliographie

1. Einleitung

Als die Ara Pacis Augustae am 30. Januar im Jahre 9 vor Christus geweiht wurde, konnte die Bevölkerung Roms sowohl auf den beiden großen Prozessionsfriesen als auch auf dem kleineren Altarfries ein künstlerisches Novum bestaunen. Zwischen fast hundert togati marschierten in bunter Reihe auch Frauen und Kinder. Auf der nördlichen Altarwange zog ein Vestalinnenkollegium zum inneren Altartisch hinauf. So etwas war in Rom noch nie dagewesen: In den Reliefdarstellungen der Ara Pacis Augustae verband sich ein aus heterogenen Komponenten zusammengesetzter1 innovativer augusteischer Stil mit einem ihm um nichts nachstehenden revolutionären Inhalt.

Was waren die Voraussetzungen, die zu derartigen Darstellungen führen konnten? Erhellt eine präzise Beschreibung und Benennung der weiblichen Protagonisten auch die Hintergründe, die zu diesem Bildprogramm geführt haben? Wurden für weibliche Darstellungen in der Öffentlichkeit ähnlich stringente Kriterien angewandt wie für ihre männlichen Vorläufer? Vermögen wir derartiges noch nachzuvollziehen? Läßt sich eine Kontinuität dieses eingeschlagenen Weges aufzeigen, oder war es ein avangardistischer Versuch, der in Aporie endete?

Dieser Beitrag versucht, die einzelnen Frauendarstellungen - soweit es nach ihrem Erhaltungszustand noch möglich ist - eindeutig zu benennen durch die Verknüpfung ihrer jeweils genau definierten juristischen Position innerhalb ihrer Familie und ihrem dementsprechenden Status als dominierende Gestalt des Vordergrundes oder als flache Figur im Hintergrund. Auch ihre Relation zu ihren männlichen Partnern muß dabei beobachtet werden. Da die Reliefhöhe ein Kriterium für alle dargestellten Personen ist, was auch für ihren juristischen Status gilt, wir aber es gleichzeitig in einem historischen römischen Relief mit einem in ersten Linie politisch intendierten, d.h. den juristischen Kategorien unterworfenen Relief zu tun haben, sollte der definierte juristische Status zu einer unzweideutigen Identifizierung führen. Danach muß die Beziehung dieser Frauen zu den mythologischen Eingangsreliefs und auch ihre Relation zum Vestalinnenfries untersucht werden.

Der zweite Teil der Untersuchung gilt der zugleich wichtigsten Frau auf der Ara Pacis Augustae und der domus Augusta, der femina princeps2 Livia. Als bekannteste und am besten bezeugte Frau der frühen Kaiserzeit soll der Rezeption ihrer Darstellung sowohl in den literarischen Quellen - als literarisch fast gleichzeitiges Zeitzeugnis erwiesen sich am ergiebigsten die Fasti des Ovid - als auch in weiteren Bildprogrammen nachgespürt werden, um ihre Interpretation auf der Ara Pacis zu überprüfen. Den Abschluß dieses Exkurses bildet eine Einordnung des Konzeptes der Ara Pacis Augustae innerhalb der augusteischen Nachfolgepolitik, und zwar unter dem Aspekt, was die Frauendarstellung zu diesem Programm beigetragen hat. Im Epilog wird ein Ausblick auf die Frauendarstellungen späterer historischer Reliefs gegeben, deren Programm sich auf die Intentionen der Ara Pacis Augustae zurückführen läßt.

2. Die Frauendarstellungen auf der Ara Pacis Augustae

2.1 Südfries

Mißt man die genaue Länge des Südfrieses1 und teilt sie durch drei (wobei S1 und S2 am wiederhergestellten Bau nicht objektiv meßbar sind), so erhält man 3,225m. Nun trifft es sich - man mag es Zufall nennen oder dahinter eine Absicht vermuten -, daß sowohl durch die Vordergrundfigur S16 (Augustus)2 als auch durch das rechte Gewandende von S32 (verlängert man die Senkrechte, so zeigt sie auf die Hintergrundfigur S30) die arithmetische Drittelung geht. Gleichzeitig leitet diese Cäsur zu einem veränderten Bildprogramm über. Hinter S16, mit S17 als retardierendem Element, marschieren die flamines, die sich durch ihre Bekleidung von ihren Vorgängern (S1-S18) abheben, während mit S30/31 im letzten Drittel des Südfrieses eine Prozession aus Frauen, Männern und Kindern in bunter Reihung sich zum südwestlichen Ende des Frieses in Bewegung setzt.

Zwischen S28 und S32 steht in mittlerer Reliefhöhe, aber so wie S32 dem Betrachter zugewandt, eine weibliche Gestalt. Von ihrem Gewand ist nur das Oberteil und etwas (pallium?) Faltenanteil hinter dem Beinchen von S31 sichtbar. Ihr gesenkter Kopf ist leicht zur rechten Schulter geneigt (leicht gedrehte %-Ansicht). Auf ihrem kurzen Haar, wie flüchtig gekämmt in parallelen Wellen, die der geometrischen Form ihrer Schädelkalotte entsprechen, sitzt in höherem, kräftiger herausgearbeitetem Relief, ein Lorbeerkranz mit Früchten3, teilweise eine Binde verdeckend, die sich nur über der mittleren Stirnpartie zeigt. Von cranial wölben sich drei Lorbeerblätter über sie. Nur zwei halbmondförmige Löckchen schlängeln sich am rechten und linken Schläfenbein nach unten aus dem Kranz heraus. Die Form des linken Ohrläppchens antizipiert die Rundung der darunterliegenden Ohrmuschel, das rechte Löckchen hingegen, auswärts gedreht, steht vom Kopf ab. Verborgen bleibt das rechte Ohr. An ihrem linken Ohrläppchen hängt ein perlenförmiger Ohrring.4 Dicht nebeneinander liegen unter fast unmerklich ge-bogenen Augenbrauen ihre Augen tief eingebettet unter sichel­förmigen Lidern und mäßig prominenten Unter-lidern, ihr linkes Auge ist, bedingt durch die Kopfdrehung, verschattet. Beide Iriden5 sind durch oberflächliche Inzision vom Augapfel abgetrennt. Ihre Nase wurde ergänzt.6 Ihre weichen Wangenpartien werden durch grübchenartige Nasolabialfalten begrenzt; auch am Kinn findet sich ein horizontales Grübchen, das zusammen mit den vertikalen ihrem Gesicht einen jugendlichen, etwas konturlosen Ausdruck verleiht. Ihre Lippen sind kurz, aber voll, mit einer stärkeren Unterlippe. Im unteren Halsbereich zeigt sich ein Venusring. Ihr Untergewand mit halsfernem Rundausschnitt7 wirft über dem manubrium sterni (oberer Ansatz des sternums) eine nach schräg unten verlaufende Falte mit zweimaliger paralleler Fortsetzung. Ihr pallium8 fällt in drei strengen, parallelen Falten über ihre rechte Schulter bis dicht vor den Zeigefinger ihrer linken Hand. Ihre linke Gewandseite zeigt sich nur durch drei flache Einbuchtungen. Ihre beiden Arme, wohl in Taillenhöhe angewinkelt, sind von den vor ihr stehenden Figuren, der rechte von S28 und der linke von S32, verdeckt. Nur locker geschlossen liegt ihre linke Hand mit abgespreiztem Daumen auf ihrem Mantel, in linker Zwerchfellhöhe. An ihrem linken Ringfinger steckt ein Ring. Ihre rechte Hand (er­gänzt, aber Platz gesichert) ruht auf dem Kopf des vor ihr stehenden Knaben, S31.

Links neben ihr steht im hohen Relief des Vordergrundes eine Frau. Sie hat ihren Kopf etwas gesenkt und nach rechts gewandt. Ihr Blick ist auf nicht provokante Weise aus dem Relief heraus auf den Betrachter gerichtet . Ein pallium umhüllt ihre Gestalt fast vollständig, so daß ihr Untergewand nur im Halsbereich und unterhalb der Knie hervorlugt.9 Sie trägt ihr pallium capite velato (leider teilweise zerstört), in jeweils vier vertikalen Falten zu bei-den Seiten ihres Gesichtes gelegt. Unter ihrer Kopfbedeckung sitzt - wie bei S16 - ein Lorbeerkranz (Früchte sind nicht erkennbar, Lorbeerkranz aber gestoßen) auf ihrem Haar, das - ausgehend von einem Mittelscheitel - in dichten, aber weich gekämmten Locken wellig (auf der linken Seite bis zum Ohr) nach hinten unter ihren Schlei-er geführt wird. Zu beiden Seiten ihres Gesichtes rieseln s-förmige Locken hinter ihren Ohren herab, von einer Dichte, die sie fast als infulae10 (vgl. Isid. Orig. 19.30.4) erscheinen lassen. Weich gibt sich das Oval ihres Ge-sichtes, konturlos, ohne individuelle Akzentuierung, was auch auf die von Carradori durchgeführte Glättung11 zurückgeführt werden muß. Die Nase wurde ergänzt. Nur ein feines Grüb­chen im Kinn durchzieht das faltenlose Gesicht. Auch der herzförmige Mund mit seinen geschlosse­nen, weichen Lippen und leicht nach oben gezogenen Mundwinkeln vermeidet jeden Anflug von Härte. Aber die Augen, unter kaum gebogenen Brauen (gestoßen), liegen zwischen kräftig eingekerb­ten Ober- und Unterlidern. Die Iris hebt sich als Incision vom Augapfel ab, und auch hier wurde der Austrittspunkt des Tränenkanales mit einem Bohrer gesetzt.12 Sowohl Haaransatz, Augenbrauen als auch die beiden Bögen der oberen Lippe beschreiben eine kongruenten Bogen, was zu einer großen Ruhe und Symmetrie des Gesichtes beiträgt. Kein Venusring zeigt sich am faltenlosen Hals. Im Kontrast zu dieser Ruhe und Glätte steht ihr Gewand, in dem ruhige Falten, aber doch mit Strenge, Schwere und Geschlossenheit dominieren. Ihren rechten Arm, der lose an ihrer rechten Körperseite herabhängt, hat sie vollständig in ihr pallium eingewickelt, und verborgen unter ihrem pallium rafft ihre rechte Hand ihren unteren Gewandteil. Von ihrer rechten Schulter aus verlaufen die Falten ihres palliums nach schräg unten links, bis auf Herzhöhe, auf der das schleierartige Oberteil von rechts nach links übereinander geschlagen wurde. Sie hält beide Teile mit ihrer unbedeckten linken Hand (ergänzt) zusammen. Von hier ziehen schräg nach rechts unten verlaufende Gewandfalten zu ihrer eingewickelten rechten Hand. Andere wieder führen fast horizontal um ihre Körpermitte und ihren verborgenen rechten Ellenbogen herum. Über ihr linkes Handgelenk fallen zu beiden Seiten die Enden des palliums in schweren, parallelen Vertikalfalten mit nach oben abgeschrägten Enden. Nur zwei Falten des mit ihrer verborgenen Rechten gerafften Gewandteiles ziehen diagonal im Oberschenkel­bereich zum linken Knie, so daß das als Spielbein fungierende linke Bein im Oberschenkel- und Kniebereich durch das glatte Gewand sich vorwölbt. Unterhalb des Saumabschlusses des palliums im Unterschenkelbereich fällt ihr Untergewand in meist parallelen, feinen Vertikalfalten. Teile der Ge­wandfalten und der Fußspitzen wurden ergänzt.

Die nächste weibliche Gestalt, S 36, hat ihren Kopf nach links zurückgewandt, um S39 anzublicken. Auch sie, wie S32 im hohen Relief des Vordergrundes gearbeitet. Umhüllt auch sie von einem pallium, das hier aber wie eine toga mit umbo über ihre rechte Schulter und ihren Arm mit kräftigen Falten drapiert wurde. Innerhalb des „umbos“ ist der v-förmige Ausschnitt ihrer Stola mit ihrer tunica darunter erkennbar.13 Der frontal vor dem Fries stehende Betrachter sieht sie im linken Profil, aber ihr Kopf wurde fast gänzlich aus dem Hintergrund herausgemeißelt, ungefähr bis zu ihrer linken Ohrlinie, was ihrem Kopf eine große Plastizität verleiht. Ihre lockig-welligen Haare trägt sie weich zurück­gekämmt und am Hinterkopf in einem kleinen, festen Knoten, umschlun-gen mit einem Band. Auf ihrem üppig gelockten Haar sitzt ein Lorbeerkranz mit Beeren (einzige weibliche Vordergrundgestalt mit unbedecktem Haar). Nur das obere Drittel ihres Ohres ist vom Haar bedeckt. Sie steht auf-recht, mit gestrecktem Hals, den Kopf leicht in den Nacken gelegt und ihr Kinn energisch nach vorn gereckt. Gemildert wird diese Anspannung durch zwei Venusfalten und eine weich Linie als Verlängerung ihres Kinnes zum Hals hinüber. Fast amorphe Weichheit durchzieht ihr herzförmig mädchenhaftes Gesicht mit faltenlosen Wangen und vollen, weichen Lippen. Unter einer mäßig hohen, aber glatten Stirn liegen ihre Augen (keine Spur von incidierten Iriden) etwas schräg unter hohen Brauen in recht tiefen Augenhöhlen. Sie hat ihren rechten Arm unter ihrem pallium angewinkelt (wobei die rechte Schulter seltsam verkürzt wirkt14) und hält ihren rechten Unterarm, verborgen unter ihrem pallium, an ihren Oberkörper gepreßt. Nur ihre rechte Hand lugt aus ihrem pallium hervor und faßt locker in die Gewandfalten, die ihr von der linken Schulter fallen. Verborgen im pallium bleibt auch ihr linker Arm, leicht angewinkelt an der linken Körperseite herabhängend. Sie streckt ihre linke Hand einem kleinen Jungen entgegen, der frontal neben ihr steht und ihren linken Zeigefinger ergriffen hat. Im Gegensatz zu S32 überwiegen hier tiefe Diagonalfalten im unteren Teil ihres palliums, die diagonal von ihrer linken Taillenseite zu ihrem rechten Bein ziehen, vom mittleren Oberschenkel bis zum mittleren Unterschenkelbereich. Diese Diagonallinien bilden eine Verlängerung ihres linken, herabhängenden Armes. Aufgegriffen wird diese Linie wieder vom Faltenwurf von S39, dessen paludamentum über seine linke Schulter fällt und dort als Hiat endet.

Hinter dem Profil von S36 erscheint im flachen Relief eine verschleierte Frauengestalt. Sichtbar sind nur ihr Kopf und ihre linke Hand. Zwei Finger hat sie in einer Gebärde der Aufforderung zum Schweigen an die Lippen gelegt. Ihre rechte Schleierhälfte wurde in den Bogen des Profiles von S36 hineinmodelliert, beide Gesichter dicht aneinandergeschmiegt. Ihre Hand bildet eine Verlängerung des linken Armes von S39. Rechts und links ihres mit Mittelscheitel frisierten Haares fällt eine Locke aus ihrem Schleier heraus. Zarte horizontale Stirnfalten und Fältchen im unteren und seitlichen Halsbereich (ein Venusring) weisen sie als ältere Frau aus. Schmal und tiefliegend sind ihre Augen. Um ihren Schleier wurde ein u-förmiger, tiefer Kontur gelegt. (Ergänzt sind der Schleierrand und ihre Nase.)

Nach dem Hiat, der durch den Faltenwurf des paludamentum von S39 entsteht, folgt wiederum eine Frau (S40) in Prozessionsrichtung in langem Untergewand und pallium. Sie hat ihren Kopf, der im flachen Relief des Hin-tergrundes gearbeitet ist, dem Betrachter zugewandt. Ihr Gesicht (Augen mit incidierten Iriden) ist sehr flach gearbeitet. Mit buschigen Augenbrauen, fest verschlossenem, fast horizontalem Mund zeigt es eher männlich harte Züge. Weicher wirkt ihr Lorbeerkranz mit Beeren, der auf ihren lockigen, fülligen Haaren sitzt, auch mit deutlich mehr Reliefhöhe. Ihre Locken fallen kaskadenförmig auf ihre linke Schulter hinab. Am Hals finden sich Venusringe, und ihr Oberkörper ist bedeckt mit stark eingekerbten Falten ihres palliums. Die Falten, die von ihrem linken Brustansatz schräg über ihre linke Schulter verlaufen, zeigen größere Plastizität als ihr Unterkörper, der nur schwach angedeutet wird. Unter ihrem pallium ist ihr angewinkelter linker Arm verborgen. Ergänzt wurden die Nase, Gewandstücke und der untere Gewandsaum.

Dicht neben ihrem linken Arm steht im Mittelgrund eine Frau (S41), den Kopf und ihre rechte Seite in den Re-liefhintergrund gedreht, ihr linkes Profil dem Betrachter zugewandt. Bekleidet ist sie mit einem langen Unter-gewand und einem pallium; ein v-förmiger Stola-Ausschnitt läßt sich nicht erkennen. Sie hat einen Zipfel ihres palliums als Schleier um ihren Kopf (ohne Lorbeerkranz) ge­schlungen. Ihr Kopf ist bis zur frontonasalen Mit-tellinie aus dem Marmor gehauen, so daß ihre rechte Gesichtshälfte noch im Stein ruht. Ihr gewelltes Haar quillt unter ihrem Schleier hervor, und eine filigrane Locke fällt vor ihr linkes Ohr, größtenteils vom Schleier verdeckt. Ätherisch-zarte Gesichts­züge erhalten nur durch kräftig gestrichelte Augenbrauen (incidierte Iriden) einen Akzent. Ihr Schleier fällt in klaren, fast parallelen, erhabenen Vertikalfalten mit einer halbmondförmigen Silhouette. Während die rechte Schulter quasi im Stein verborgen ist, wurden ihre Brust und ihre linke Seite erhabener gearbeitet. Unterhalb ihrer Taille wird die Modellierung sparsamer und flacher. Ihr rechter, vom pallium bedeckter Arm hängt lang an ihrer rechten Körperseite herab, und ihre rechte Hand ruht sanft mit dem Daumen nach vorn (zum Betrachter) auf der Schulter des kleinen Jungen S42, der vor ihr steht. Ihren linken Arm hat sie in der Taille unter ihrem pallium angewinkelt, und ihre linke Hand, von den Fingergrundgelenken ab unbedeckt, ruht locker, mit dem Handrücken nach außen, in Hüft­höhe auf ihrem Gewand. Ergänzt wurden die Nase, Teile der linken Hand, Gewandfalten und der untere Gewandsaum mit ihrer Fußspitze.

Dicht an ihrer linken Seite, das Köpfchen an ihren linken Unterarm geschmiegt, steht, fast frontal zum Betrachter gedreht, ein Mädchen (S43). Ernst und würdevoll, im Profil ähnlich S41, sind seine Augen weit aufgerissen mit incidierten Iriden, unter buschigen Brauen in tiefen Höhlen liegend. Seine feine Nase, die weichen Wangen und der staunend geöffnete Mund zeigen bei aller Ernsthaftigkeit seine Jugend. Streng zurückgekämmt über seine Ohren ist auch sein Haar, das im Nacken mit einem Knoten zusammengebunden ist. Wahrscheinlich trug es ein Stirnband mit einer kleinen Palmette (oder Mond­sichel15) in der Stirnmitte (Reste lassen sich nachweisen). Sein Blick bei gesenktem Köpfchen geht zu dem kleinen Jungen S42. Eingehüllt ist es fast vollständig in seine toga, die es mit weit ausladendem umbo trägt. Darunter trägt es eine tunica. Von seinem rechten Arm, der in dem balteus völlig verschwunden ist, lugt nur seine rechte Hand in Herzhöhe aus den Falten hervor. Sein linker Arm hängt lose an seiner rechten Körperseite nach unten.

Als letzte mögliche weibliche Gestalten auf dem Südfries wären noch S46 und S47 zu erwähnen, wo­bei die Geschlechtszugehörigkeit nicht eindeutig zu benennen ist. Die Frisur des Hintergrundkopfes S46 ist männlich kurz, sein Lorbeerkranz hingegen reichlich mit Beeren versehen. Die Gesichtszüge wirken männlich hart. Die Gewandfrage läßt sich ebenfalls nicht eindeutig lösen.16 Die erhaltenen Reste weisen S47 als eine Figur des Vordergrundes aus, wobei nur Teile eines Untergewandes und eines Mantels vorhanden sind, die aber von der Länge des Untergewandes her eher für weibliche Tracht sprechen.

Betrachtet man das letzte, oft „familiär“ genannte Drittel des Südfrieses insgesamt, läßt sich dieser Teil wiederum in drei Gruppen gliedern. Die erste Gruppe umfaßt S30 bis S35, wobei S29 mit seinem Lorbeerkranz mit Früchten auf männlichem Haupt als Auftakt fungiert. Dominiert wird diese Einheit von S32, flankiert von S31 und S34, wobei S32 an S31 vorbeiblickt und ihre linke Armhaltung spiegelbildlich mit der rechten von S34 korrespondiert. S34 wiederum hat seinen Blick auf S32 gerichtet. S32 muß als der selbst nicht affizierte Kernpunkt dieser Gruppierung gesehen werden. Auffällig ist, daß sich neben allen weiblichen Figuren im Reliefvordergrund eine weibliche Hinter­grundfigur befindet, deren Kopfschmuck oder Kopfbedeckung jeweils von derjenigen ihrer Partnerin im Vordergrund abweichen. Bei S32 und S41, die beide in Prozessionsrichtung stehen, schauen sie über ihre rechte Schulter, bei S35, die sich dem Zug entgegenstellt, blickt ihr Pendant aus dem Hintergrund über ihre linke Schulter. Am intimsten gibt sich die zweite und kleinste Gruppe von S36 bis S39, wobei der Anschluß von S3617 an S35 nicht gesichert ist. Im Sinne einer weiblich-männlichen Einheit korrespondieren die Gesten von S36 und S39, ihr angewinkelter rechter Arm mit seinem linken. Zwar steht sie (S32) frontal zum Betrachter, aber ihr Blick ist nur auf ihn gerichtet, so wie sein Blick auf sie. Als einzige Frau auf den beiden großen Friesen führt sie ein Kind. Sonst halten sich die Kinder nur fest oder werden von Männern geführt.18 Hier aber steht der kleine Junge S38, beschützt und integriert, in einer familiären Gruppe. Antizipation des Alters bringt S37 ins Spiel. Die große Abschlußgruppe des Südfrieses, von S40 bis S47, beginnt mit einer absteigenden Diagonale dreier weiblicher Personen (S40/S41/S43), gefolgt von einer aufsteigenden Diagonale (S42/S43/S45), wobei S43 in beide Diagonalen eingebettet ist. Die besondere Rolle, die ihr als einzigem Mädchen auf dem Südfries zufällt, wird durch die segnend erhobene Hand von S45 über ihrem Kopf verstärkt. Sie setzt den Schlußpunkt der verschiedenen Frauentypen des Vordergrundes, die mit der pudicitia und auctoritas ausstrahlenden Gestalt S32 beginnt.

2.2 Nordfries

Frauendarstellungen auf dem Nordfries finden sich nur auf der im Louvre aufbewahrten Reliefplatte (N4), außer der rechten Seite von N34, mit der Platte N3 abschließt18. N36 steht ungefähr auf derselben Stelle wie S28 oder S30 auf dem Südfries, je nachdem wie man mit der Lücke zwischen Platte N2 und Platte N3 verfährt19. Analog zum Südfries beginnt auch hier die bunte Reihung von Männern, Frauen und Kindern mit N35, einem kleinen Jungen. Hinter ihm steht, völlig verschleiert, eine nach rechts bewegte Frau im Vordergrund. Über ihrem langen Untergewand, das durch ihr pallium durchschimmert, ein Phänomen, das man auf dem Südfries nicht beobachten kann, trägt sie ihr pallium weit über den Kopf gezogen, mehr als bei capite velato üblich. Ihr rechter Arm, auch sein Kontur zeigt sich durch den dünnen Stoff des palliums, ist angewinkelt, ihre Hand liegt locker gebogen auf ihrem rechten Schlüsselbein. Zwischen ihrem angewinkelten Arm und ihrem Oberkörper ziehen sieben fast parallele Horizontalfalten. Vom Faltenwurf her erinnert ihre Silhouette an das suffibulum20 der Vestalinnen. Anzeichen für eine fibula fehlen jedoch. Nur vom Rücken her model­lieren einige diagonale Falten zu ihrer Taille hin ihr Gewand, das vom Hüftbereich abwärts faltenlos bleibt, außer einer u-förmigen Falte im rechten Becken- und Oberschenkelbereich. Ihr gefranstes ricinium fällt in fünf nach unten etwas aufspringenden Falten über ihren Rücken hinab. Es fehlen Teile des Schleiers und fast das ganze Gesicht, außer einem Stück des rechten Kiefers21.

Auch ihre rechte Schulter ist abgestoßen, und unterhalb ihrer Kniegegend fehlt der gesamte Unter­schenkelbereich auf Platte 4.

Hinter einem togatus (N37) im Hintergrund und einem kleinen Jungen (eventuell camillus, N38) in hohem Relief steht wiederum im Hintergrund frontal eine verschleierte Frau mit weiter Schleier­silhouette und führt ihre verhüllte Rechte an den Mund. Ihr pallium, drapiert im Stile eines umbos, zeigt jeweils drei Falten zu beiden Seiten ihres Ausschnittes. Bodenwärts fallen einige tief eingekerbte Vertikalfalten. Es fehlen fast das ganze Gesicht und der obere Teil ihres Kopfes. Vor ihr steht im hohen Relief des Vordergrundes eine kräftige Frau (N40) in Prozessionsrichtung. Auch durch ihr pallium, das sie nur bis zu ihren Schultern hochgezogen hat, schimmert ihr Untergewand. Mit ihrer verhüllten Rechten rafft sie in Taillenhöhe ihre Gewänder. In ihrer ebenfalls angewinkelten linken Hand hält sie einen Lorbeerzweig mit Früchten. Von ihrer rechten Schulter ziehen einige Diagonal­falten zu ihrer linken Taillenseite, andere zu ihrem rechten Unterarm und ihrem rechten Handgelenk. Weiche Horizontalfalten modellieren ihren Unterkörper in einer so transparenten Art, daß ihr Untergewand darunter sichtbar wird. Nur von ihrer rechten Hüfte ziehen einige schwere Diagonalfal­ten zu ihrem rechten Knie. Ob die Falten eines gefransten Tuches unterhalb ihres linken Handgelenkes zu ihrem Gewand oder noch zu N39 gehören, läßt sich nicht entscheiden. Ihr folgt, auch nach rechts gewandt, an ihrer rechten Seite im hohen Relief des Vordergrundes ein kleines Mädchen (N41), das ihr nicht einmal bis zur Hüffe reicht. Unter seiner toga mit weitem umbo, in Schärpenform drapiert, trägt es einen geknüpften Chiton.22 Lässig hängt sein rechter Arm an seiner rechten Körperseite herab; in seiner linken Hand hält es einen Lorbeerzweig. Es blickt, den Kopf etwas in den Nacken gelegt, nach vorne, während ein ihm unmittelbar folgender togatus N42 seinen Hinterkopf mit seiner Hand berührt. Es trägt eine Melonenfrisur mit einem kleinen Zopf, der über seine in der Mitte geteilten Haare geflochten und über seiner Stirn mit einem Schmuckstein verziert wurde23. Um seinen Hals trägt es eine Kette mit überdimensionalen Kugeln. Der Reiz dieses leicht gestoßenen Mädchenantlitzes liegt in seinem frischen, unbekümmerten Blick ohne doch im geringsten burschikos zu wirken.

Beschädigungen finden sich am Mund, an der rechten Braue und am Ohr. Auch fehlt die Nase. Alles unterhalb der rechten Hand ist verloren.

Hinter dem togatus N42 zeigen sich die Reste einer nach links blickenden Frau N43, von der nur der untere Teil ihres Gesichtes und ein Stück der Nackenfrisur erhalten sind. Sie hat sich N44 zugewandt, einer im hohen Relief gearbeiteten weiblichen Figur, von der weder Kopf noch die Partie unterhalb der Füße erhalten sind. Wir sehen nur ihren verhüllten rechten Arm und ihre rechte Hand, die unterhalb ihres palliums ihr Gewand rafft. Ihre linke Hand, ebenfalls bis zum Handgelenk verhüllt, liegt auf ihrer Brust.

Über den kompositorischen Aufbau läßt sich durch die starke Zerstörung nur spekulieren, besonders da noch bis zu drei zusätzliche Figuren auf dem Fries gewesen sein könnten. Erstaunlich sind jedoch zwei Dinge. Die enge Verbindung von Männern zu Kindern. Zum einen wird der kleine Junge N35 von einem togatus geführt,24 zum anderen das Mädchen N40 von togatus N42 beschützt. Soweit das Louvrepaneel erhalten ist, hat auf dem Nordfries keine Frau einen engeren Kontakt zu Kindern. Die Frauen wirken älter, matronenhafter als auf dem Südfries. Gleichzeitig - soweit noch sichtbar - tendiert die Darstellung ihrer Schleier zum suffibulum hin, und die Anzahl der weiblichen Personen, das kleine Mädchen mit hinzugerechnet, - wobei die Lücken natürlich noch andere Optionen offenlassen - suggeriert eine Nähe zu den Vestalinnen.25

2.3 Innenseite der nördlichen Altarwange

Vor einem zur rechten Altarinnenseite26 schreitenden togatus, der in seiner Linken zwei schulterhohe Stäbe hält, steht eine weibliche Gestalt, ihn um Haupteslänge überragend, frontal zum Betrachter, in Untergewand und pallium. Vorne an ihrem Hals sind Reste einer fibula zu erkennen, mit der wahrscheinlich das suffibulum geschlossen wurde, was der Umfang der Kopfgröße nahelegt, wenngleich Spuren fehlen. Der vordere Teil ihres Kopfes und ihre beiden Hände fehlen. Ihr rechter, angewinkelter Arm hängt in einer weit heruntergezogenen Schlaufe ihres palliums (ähnlich eines weiten umbos einer toga). Die Schwere ihres Armes zeigt sich in tiefen, parallelen Vertikalfalten, die von ihrer rechten Schulter zu ihrem rechten Unterarm verlaufen. Im v-förmigen Ausschnitt ihres palliums lugt die Gürtung ihres Untergewandes hervor (tunica und stola sind nicht eindeutig identifizierbar27). Ihr linker, angewinkelter Arm weist aus dem Relief heraus. Über ihrem linken Handgelenk fallen zu beiden Seiten die Enden ihres palliums in zwei tiefen, dreieckigen Vertikalfalten herab (Passage über dem Handrücken ist zerstört). Sieben fast parallele Horizontalfalten betonen ihr rechtes Standbein, und vom rechten Unterschenkel ziehen drei Diagonalfalten zu ihrer linken Hüfte. Ihr Spielbein verbirgt sich hinter Falten-losigkeit. Während ihre rechte Körperseite durch eine plastische Durchbildung und einen kräftigen Kontur über die gesamte Rückenlinie entlang betont wird, schmiegt sich ihre linke Körperseite in den Reliefgrund. Durch ihre Tracht kann sie als Vestalin identifiziert werden. Da die Figurengröße auf dem Fries von links nach rechts zunimmt, wäre hier vonder Bedeutungsgröße her die virgo vestalis maxima zu vermuten.

Details

Seiten
37
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783656097037
ISBN (Buch)
9783656097181
Dateigröße
624 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184873
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Institut für Klassische Archäologie
Note
2+
Schlagworte
frauendarstellung pacis augustae berücksichtigung livia

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Titel: Die Frauendarstellung auf der Ara Pacis Augustae unter besonderer Berücksichtigung der Livia