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Omegle - Sozialpsychologische Betrachtung von Identität und Anonymität in einem Web-Chat

Seminararbeit 2010 39 Seiten

Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Fragestellung
1.2. Methodik

2. Chat
2.1. Grundlagen
2.2. Omegle
2.2.1. Aufbau und Funktionsweise
2.2.2. Sprache
2.2.3. Anonymität

3. Identität und Netzmedien
3.1. Identität
3.2. Soziale Identität und Deindividuation
3.3. Identitäten im Internet

4. Synthese
4.1. Selbstdarstellung oder Identität?
4.2. Wechselnde Identitäten
4.3. Hybride Identitäten

5. Fazit

Literatur

Omegle - Sozialpsychologische Betrachtung von Identität und Anonymität in einem Web-Chat

1. Einleitung

Seit ein finnischer Student 1988 mit IRC den Chat erfunden hat, kommunizieren Millionen von Menschen jeden Tag über verschiedene Plattformen wie ICQ, MSN, Facebook usw. in Gruppen oder privaten Gesprächen. Oft sind dabei die Gesprächsteilnehmer einander bekannt oder zumindest über gemeinsame Interessen verbunden. Friend- oder Buddylists ermöglichen, mit Chatpartnern dauerhaft in Kontakt zu bleiben, sofern gewünscht. Profile und Anzeigebil­der geben möglicherweise Aufschluss über die Person, die vor dem Computermonitor sitzt. Mit Omegle (www.omegle.com) hat ein russischer Schüler 2009 ein puristisches Chatportal geschaffen, dass den Nutzer mit einem anderen Nutzer irgendwo auf der Welt verbindet. Jegli­che Komfortfunktionen fehlen, weder Nicknames noch Profilbilder geben Anhaltspunkte über die Identität derjeweiligen Chatteilnehmer. Da zur Nutzung von Omegle keinerlei Informatio­nen nötig sind, sind Gesprächspartner, einmal auf Disconnect geklickt, nicht mehr auffindbar.

1.1. Fragestellung

Die völlige Anonymität der Omegle-Nutzer bietet sich geradezu an, neue Identitäten zu er­schaffen. Ein vierzigjähriger Japaner kann sich als achtzehnjährige Kanadierin ausgeben ohne dass sein Chatpartner eine Möglichkeit hat zu überprüfen, ob dessen Angaben stimmen. Ge­schlecht, Alter und Nationalität sind nur Wörter, eingegeben in einem Chatfenster. Dies führt zu folgender Fragestellung: Inwiefern beeinflusst die völlige Anonymität der Omegle- Nutzer ihr Kommunikationsverhalten im Hinblick auf ihre Online-Selbstdarstellungen, bzw. virtuellen Identitäten?

Daraus lassen sich Teilfragen ableiten: Was ist ein Chat? Welche Merkmale und Funktions­weisen zeichnen Omegle aus? Was ist Identität? Welche Zusammenhänge zwischen Identität und Anonymität im Internet lassen sich herstellen? Erschaffen Omegle-Nutzer neue (Teil-)Identitäten? Aus welchen Gründen, bzw. zu welchem Zweck geben sie vor, jemand an­deres zu sein?

1.2. Methodik

Den Forschungsfragen soll in natürlichen, d.h. nicht standardisierten Gesprächen mit Omegle- Nutzern nachgegangen werden. Dabei werden ausschliesslich textbasierte Chats verwendet; die Video-Chat-Funktion ist aufgrund anstössiger Inhalte dafür nicht geeignet. Die Chatlogs werden anschliessend auf dem Hintergrund der oben dargelegten Thesen analysiert und mit den erarbeiteten Theorien über Identität und Kommunikation in Verbindung gebracht. Als Li­teratur-Grundlage dient hauptsächlich Dörings „Sozialpsychologie des Internet“. Dieses Werk umfasst eine enorme Menge an deutscher und englischer Fachliteratur und ermöglicht so eine fundierte theoretische Abstützung im Hinblick auf die Fragestellung.

Ein methodisches Grundproblem, das die Fragestellung des Forschungsprojekts impliziert, besteht in der Anonymität der Nutzer. Deren Angaben gegenüber dem Forschenden können nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden. So besitzen die Angaben der Gesprächs­partner nur begrenzte Aussagekraft und dienen deshalb hauptsächlich als Illustration der vor­gestellten Theorien.

2. Chat

In diesem Kapitel sollen die grundlegenden Merkmale des Chats und Chat-spezifische Eigen­schaften computervermittelter Kommunikation aufgeführt werden. Weiter wird die Funktions­weise der Web-Chat-Plattform Omegle erklärt und erläutert, inwiefern sich Omegle von ande­ren Chatformen unterscheidet.

2.1. Grundlagen

Der Chat (engl. to chat: plaudern, schwatzen) lässt sich als textbasierte synchrone computer­vermittelte Kommunikation bezeichnen und existiert vielen verschiedenen Formen. Die weit verbreitete Nutzung von Chats begann in den 1980er Jahren durch sogenannte Internet Relay Chats (IRCs) und verlagerte sich mit der Erfindung des World Wide Web ab 1990 auf Web­chats in Browserfenstern. Häufig wird auch spezielle Chat-Software benutzt; die bekanntesten sind AIM (AOL Instant Messenger), ICQ (engl. ,,I seek you“) und Microsofts MSN (Metzler 2002: 49).

In den meisten Chat-Plattformen werden „die Textbotschaften nicht zeitversetzt ausgetauscht, sondern in dialogischer Form nahezu zeitgleich (synchron) produziert, rezipiert und beantwor­tet“ (Döring 2003: 80). Daher zeichnet sich der Chat durch den Vorteil der zeitlichen Unmit­telbarkeit aus. Textbotschaften erscheinen auf den Computer-Monitoren quasi synchron und können daher ohne grossen Zeitverlust gelesen und beantwortet werden. Dies beinhaltet gleichzeitig auch den Nachteil der verringerten Zeitsouveränität, da die Nutzer bei einer syn­chronen Kommunikation gleichzeitig Online sein müssen und so weniger über den Zeitpunkt der Kommunikation bestimmen können (Ebd.: 80).

Das Chatten kann in privatem Rahmen zwischen zwei Personen oder in Gruppen in (teil-)öf­fentlichen Chaträumen stattfinden. Dabei wird - vorallem in öffentlichen Chaträumen - zwi­schen themenzentrierten (on-topic) und nicht themenzentrierten (off-topic) Chats unterschie­den. Sowohl bei Individual- wie auch bei Gruppenkommunikation in Chats ist - durch die bei einem synchronen Austausch sehr kurze Aktions-, bzw. Reaktionszeit bedingt -„eine gewisse Virtuosität im schnellen Lesen, Erfassen Formulieren und Tippen“ vonnöten. Dadurch bedingt sind chat-spezifische sprachliche Konventionen wie Emoticons (z.B. :-) ), Aktionswörter (z.B. *grins*), Akronyme (z. B. LOL) oder Ellipsen (Ebd.: 85). So entsteht „eine neue Schriftlich­keitskultur [...], die das soziale, kulturelle und politische Leben nachdrücklich verändert hat.“ (Metzler 2002: 50).

2.2. Omegle

2.2.1. Aufbau und Funktionsweise

Über die URL www.omegle.com gelangt man auf die Startseite des Web-Chats. Im Kopf der Website oben links ist das Omegle-Logo mit dem Slogan „Talk to strangers!“. In der Mitte ist eine kurze Erklärung der Funktionsweise des Web-Chats zu lesen:

„Omegle is a great way of meeting new friends. When you use Omegle, we pick another user at random and let you have a one-on-one chat with each other. Chats are completely anonymous, although there is nothing to stop you from revealing personal details if you would like.“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.l: Die Startseite www.omegle.com mit der Auswahlmöglichkeit Text- oder Video-Chat

Darunter befinden sich die Auswahlfelder Text und Video. Klickt der Nutzer auf eines der Fel­der, wird er per Zufallszuweisung mit einem anderen Nutzer, der die gleiche Auswahl getrof­fen hat, in einen privaten Chat verbunden. Die Nutzung von Omegle ist kostenlos; ein Spen­denaufruf für die Nonprofit-Organisation Electronic Frontier Foundation befindet sich eben­falls auf der Startseite. Auch besteht die Möglichkeit, über ein Feedback-Formular Rückmel­dung zu Omegle zu geben. Omegle kann über eine iPhone-App genutzt werden und ist aufFa- cebook und Twitter präsent.

Wählt man Text, lädt Omegle ein Chatfenster mit einem Anzeige- und einem Eingabefeld.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Anzeigefeld erscheint zu Beginn immer eine Begrüssung mit einem Sicherheitshinweis von Omegle:

„You're now chatting with a random stranger. Say hi!

Official messages from Omegle will not be sent with the label 'Stranger:'. strangers clai­ming to represent Omegle are lying.“

Links des Eingabefeldes befindet sich der Disconnect-Button, mit dem man nach nochmaliger Bestätigung das Gespräch beenden kann. Mit einem Klick auf New lässt sich dann ein neues Gespräch starten. Rechts vom Eingabefeld befindet sich der Send-Button, dessen Betätigung die geschriebene Nachricht absendet. Meist wird dazu jedoch die Eingabetaste der Tastatur genutzt. Die Gespräche lassen sich über den Link Download the log! als HTML-Dokument abspeichem.

2.2.2. Sprache

Wie in 2.1. Grundlagen bereits angetönt, zeichnen sich Internet-Dienste durch einem netzspe­zifischen Sprachgebrauch aus, der von Plattform zu Plattform variiert. „Die Internet-Sprache zerfällt also in verschiedene dienstspezifische Internet-Sprachen.“ (Döring 2003: 182). Diese ist im Falle Omegle durch verschiedene Faktoren bedingt. Die Synchronizität der Kommuni­kation in einem Web-Chat erfordert unmittelbare Aktion, bzw. Reaktion. Deshalb wird der In­ternet-Sprache eine Ökonomiefunktion zugeschrieben:

Bsp. 1: Auszug aus Omegle conversation log-4

You: so why do you fake ids?

You: its interesting because id like to work on identity in online communication Stranger: idk ijust like the way it feels to secretly be some body else

Verstärkte Verwendung von Kurzformen, durchgängige Kleinschreibung und Verzicht auf Satzzeichen sind Elemente, die einen schnellen Austausch ermöglichen, bzw. begünstigen . Daneben soll die netzspezifische Sprache auch eine Identitäts- und eine Interpretationsfunkti­on besitzen, auf diese aber hier nicht eingegangen wird. (Döring 2003: 183-184).

2.2.3. Anonymität

Wie in der Einleitung bereits erwähnt, sind die Nutzer von Omegle komplett anonym. Im Ge­gensatz zu anderen Web-Chats bietet Omegle keine Möglichkeit zur Erstellung eines Profils; auch auf einen Nickname muss der Nutzer verzichten. Kontaktlisten, mit denen man seine Be­kanntschaften wiederauffindbar machen kann, fehlen ebenso. Anonymität meint also, „dass man eine Online-Repräsentation nicht einer Person ausserhalb des Netzes zuordnen kann.“ (Ebd.: 344). Dies ist dem Konzept Omegles geschuldet, das im Slogan „Talk to strangers!“ seinen Ausdruck findet.

Das Fehlenjeglicher personenbezogenen Informationen führt zu der Herausbildung eines be­stimmten Standards zur Erfragung ebendieser: „In synchronen Kontaktforen wird das Profil des Gegenübers häufig spontan abgefragt und zwar typischerweise über den so genannten Age-Sex-Location-Check: „a/s/l“ - „45/w/madrid“.“ (Ebd.: 454). Auch in Konversationen auf Omegle wird dieser Check nach einem „hey“ oder „hello“ häufig als Erstes durchgeführt. Da- bei wird Location aber meist mit Nationalität gleichgesetzt.

Bsp. 2: Auszug aus Omegle conversation log-3 You: hey there Stranger: hi Stranger: asl You: f/19/canada Die vollständige Anonymität der Omegle-Nutzer impliziert also eine vergleichsweise geringe Gewichtung personenbezogener Informationen, bzw. ersetzt die plattform-spezifische durch eine individuelle Gewichtung. So kann es sein, dass ausschliesslich themenzentrierte Gesprä­che geführt werden; oder aber zwischen den Konversationspartnern ein Ping-Pong artiges Fra­gespiel entsteht, um mehr Informationen über den „stranger“ zu erhalten.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Preisgabe personenbezogener Informationen auf Omegle nicht Vorraussetzung zur Nutzung der Chat-Plattform, sondern durch die indivi­duellen Bedürfnisse der Gesprächspartner bedingt ist. Die Selbstdarstellung der Nutzer erfolgt also ausschliesslich während und durch die Konversation. Dies hat zur Folge, dass einerseits die Sprache (vgl. 2.2.2 Sprache) eine wichtige Rolle in der Selbstdarstellung der Nutzer ein­nimmt, und andererseits die Möglichkeiten der Selbstdarstellung zwar textgebunden, darin aber fast unbegrenzt sind: „[...] die Beschränkung auf den Textkanal“ ermöglicht es den Nut­zern, „[...] Identitäten und sonstige Lebenszusammenhänge in nahezu beliebiger Weise zu konstruierenbzw. zu simulieren.“ (Ebd.: 167).

3. Identität und Netzmedien

Um die Chat-Plattform Omegle unter dem Aspekt der Selbstdarstellung und Identitätskon­struktion betrachten zu können, ist eine Begriffsklärung nötig. Im Folgenden soll der Begriff der Identität sowie Zusammenhänge von Anonymität und Identität im Internet erläutert wer­den.

3.1. Identität

Der Begriff der Identität soll hier aus sozialpsychologischer Sicht erläutert werden. Andere theoretische Zugänge sind für diese Arbeit von geringer Relevanz und sollen deshalb nicht be- rücksichtigt werden (vgl. Döring 2003: 326). Zuerst müssen jedoch die Konzepte des Selbst und der Selbst-Aspekte erklärt werden, da der Begriff der Identität darauf aufbaut.

Als das Selbst wird die „Gesamtheit der auf die eigene Person bezogenen Inhalte samt der auf ihnen operierenden Prozesse“ (Ebd.: 326) verstanden. Diese werden drei Funktionsebenen zu­geordnet: kognitiv-beschreibend, emotional-bewertend und konativ-handlungsleitend (Drei- Komponenten-Modell der Identität, siehe Frey & Hausser 1987: 20; Hausser 1995. In: Ebd.: 327). Alle kognitiven Selbstinhalte zusammen bilden das Selbstkonzept, aus der emotionalen Bewertung des Selbst ergibt sich das Selbstwertgefühl und die konativ-handlungsleitenden Inhalte konstituieren die Selbstwirksamkeit, also der Grad der Überzeugung von der eigenen Handlungsfähigkeit. Diese selbstbezogenen Inhalte ergeben sich aus der Selbstwahrnehmung, die auch von sozialen Kontexten abhängt. Werden diese Selbstwahrnehmungen thematisch gebündelt, spricht man von Selbst-Aspekten. Ein Mensch, der sich beispielsweise als umweltbewussten Konsument wahrnimmt, tut dies also auf vier verschiedenen Ebenen (kognitiv, emotional, konativ und sozial). Zusammengenommen bilden diese Selbstwahrnehmungen einen Selbst-Aspekt (Selbst als umweltbewusster Konsument).

Die für einen Menschen subjektiv besonders wichtigen Selbst-Aspekte lassen sich als Identi­täten bezeichnen (Ebd. 326-330). Am Plural lässt sich erkennen, dass es sich bei diesem Iden­titätskonzept nicht um ein statisches, sondern um ein dynamisches Verständnis von Identität als ein wandel- und formbares Konstrukt handelt, das aus vielen Teil-Identitäten besteht, die kontextabhängig unterschiedlich salient, d.h. in der Selbstwahrnehmung unterschiedlich stark vorhanden, sind. Achtet sich der umweltbewusste Konsument nicht nur darauf, einheimische Produkte einzukaufen, sondern ist auch Greenpeace-Mitglied, das auf dem Meer Walfänger zu blockieren versucht, ist dieser Selbst-Aspekt subjektiv von hoher Relevanz und lässt sich so als Teil-Identität dieses Menschen verstehen. Diese ist bei einer Diskussion um Konsumge­wohnheiten sehr wahrscheinlich salient, während sich dieser Mensch beim anschauen eines Tarantino-Films weniger als Greenpeace-Mitglied wahrnimmt.

3.2. Soziale Identität und Deindividuation

Ein Versuch zur Erklärung der Zusammenhänge von Anonymität und Identität im Internet ist das ebenfalls sozialpsychologische Modell der sozialen Identität und Deindividuation SIDE (Spears, Lea & Lee 1990; Spears & Lea 1994; Reicher, Spears & Postmes 1995. In: Döring 2003: 174). Dieses ist im Gegensatz zu technikdeterministischen Modellen eher nutzerzen­triert und geht von deren gerade salienten individuellen oder sozialen Identitäten aus. Ist bei der Netznutzung eine soziale, bzw. kollektive Identität salient, nehmen sich die Nutzer primär als Mitglieder einer bestimmten Gruppe war. Bei einer salienten individuellen Identität sind sich die Nutzer ihrer Individualität (in Abgrenzung zu anderen Individuen) besonders stark bewusst.

Nach diesem Modell werden „bei Anonymität im Netz die zuvor aktivierten [...] personalen/individuellen Identitäten kognitiv besonders akzentuiert“ (Ebd.: 174). Aufgrund des Fehlens jeglicher personenbezogener Informationen über den Konversationspartner (vlg. 2.2.3 Anonymität) kann dieser nicht eingeschätzt werden, was eine Situation der Unsicherheit bedeutet. Dies führt dazu, dass zur Verhaltensorientierung ausschliesslich individuelle Stan­dards dienen können. So werden die salienten Identitäten der Nutzer bei völliger Anonymität verstärkt, um die Unsicherheit kompensieren zu können. Ein SIDE-Experiment von Spears, Lea und Lee (1990) hat ergeben, dass Personen bei Anonymität und salienter individueller Identität in computervermittelter Kommunikation von der Gruppennorm besonders stark ab­weichen. Dies meint aber nicht normverletzendes Verhalten, sondern eine Akzentuierung der individuellen Standards gegenüber kollektiven Standards zur Verhaltensregulierung.

Im Kontext des Internets ist es fraglich, welche Identitäten vor einer computervermittelten Kommunikation salient sind. Dazu kommt, dass sich die vom SIDE-Modell postulierten Ver­stärkungseffekte nur auf eine bereits saliente Identität beziehen. (Ebd.: 174-178). „Ob und wie im Zuge von Kommunikationsprozessen personale/individuelle und soziale/kollektive Identitäten im Wechsel salient werden oder stabil bleiben, müsste noch geprüft werden.“ (Ebd.: 178).

3.3. Identitäten im Internet

Neue, virtuelle Räume im Cyberspace fordern vom Nutzer anwendungsspezifische Selbst-Re­präsentationen. „Virtuelle Identität“, „Real-Life Identität“ oder „Online-Selbstdarstellung“ sind Begriffe, die im Zuge der Nutzung dieser virtuellen Räume entstanden sind.

Eine Online-Selbstdarstellung meint die „dienst- oder anwendungsspezifische Repräsentation einer Person im Netz“ und „impliziert im Unterschied zur Online-Identität weder Dauerhaftig­keit noch subjektive Relevanz“ (Ebd.: 341). Dies meint beispielsweise die einmalige Anmel­dung in einem Chat oder das Hinterlassen eines Kommentars unter einem Artikel auf dem On­line-Portal einer Tageszeitung. Der Begriff der virtuellen Identität bezeichnet dem gegenüber die „mehrfach in konsistenter und für andere Menschen wieder erkennbarer Weise verwende­te, subjektiv relevante Repräsentation einer Person im Netz“ (Ebd.: 341). Ein Profil auf Face- book lässt sich also als virtuelle Identität verstehen, da es für die dafür verantwortliche Person von subjektiver Relevanz ist und von anderen Menschen wieder erkannt werden kann.

4. Synthese

Auf dem Hintergrund der erarbeiteten Konzepte und Theorien sowie der genaueren Betrach­tung des Web-Chats Omegle soll nun der dieser Arbeit zugrunde liegenden Fragestellung nachgegangen werden: Inwiefern beeinflusst die völlige Anonymität der Omegle-Nutzer ihr Kommunikationsverhalten im Hinblick auf ihre Online-Selbstdarstellungen, bzw. virtuellen Identitäten?

Auch die noch unbeantworteten Teilfragen sollen beantwortet werden: Erschaffen Omegle- Nutzer neue (Teil-)Identitäten? Aus welchen Gründen, bzw. zu welchem Zweck geben sie vor, jemand anderes zu sein?

4.1. Selbstdarstellung oder Identität?

Folgt man der unter 3.3. Identitäten im Internet vorgestellten Definition einer virtuellen, bzw. Online-Identität, lässt sich in Bezug auf Omegle feststellen, dass die Nutzer keine neuen (Teil-)Identitäten erschaffen. Die völlige Anonymität, das Fehlen von Kontaktlisten sowie die Verbindung zu anderen Nutzern über eine Zufallszuweisung verhindert, dass die Repräsenta­tionen der Nutzer in sich konsistent und wieder erkennbar sind. Da viele Chatter auf Omegle diese Plattform zu Unterhaltungszwecken nutzen, ist das Element der „hohen subjektiven Re­levanz“ ebenfalls in Frage zu stellen. Anders als in themenzentrierten, asynchronen Chats (so­genannte Foren), lässt der eher flüchtige und unfokussierte Charakter der Konversationen auf Omegle feste Referenzpunkte zur Identitätskonstruktion vermissen. Die Repräsentation der Nutzer ist also weder auf der technischen, noch auf der inhaltlichen Ebene als virtuelle Identi­tät zu verstehen. Stattdessen sind die Repräsentationen als Online-Selbstdarstellungen zu be­greifen, die bereits bestehende individuelle Identitäten ausdrücken: „Bestehende individuelle Identitäten können durch netzbasierte Selbstdarstellungen sowie im computervermittelten zwischenmenschlichen Kontakt ausgedrückt werden.“ (Döring 2003: 346).

Nach dem SIDE-Modell (vlg. 3.2. Soziale Identität und Deindividuation) liesse sich anneh­men, dass die Omegle-Nutzer in ihren Selbstdarstellungen die vor der Konversation bereits salienten individuellen Identitäten besonders akzentuieren.

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Details

Seiten
39
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656098218
ISBN (Buch)
9783656098270
Dateigröße
631 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184745
Institution / Hochschule
Universität Basel
Note
Schlagworte
Sozialpsychologie Chat Anonymität Identität Omegle

Autor

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