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Vor- und Nachteile des Jahrgangsgemischten Unterrichts

Hausarbeit 2010 27 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehung von Jahrgangsmischung
2.1 Historischer Überblick
2.2 Die Reformpädagogen

3. Vorteile der Jahrgangsmischung im Anfangsunterricht
3.1 Das Lernen durch Nachahmung
3.2 Das Lernen durch Lehren
3.3 Die Förderung des Sozialverhaltens
3.4 Konkurrenzabbau
3.5 unterschiedliche Rollenzuschreibung
3.6 Möglichkeiten für begabte oder schwächere Schüler
3.7 Aufhebung des „Sitzenbleibens“
3.8 Die Lehrerentlastung
3.9 Verkürzung der Eingewöhnungszeit
3.10 Zusammenfassung

4. Die Jahrgangsmischung und ihre Grenzen
4.1 Hohe Lehreranforderungen
4.2 Hohe Kosten und großer Zeitaufwand
4.3 Gleichaltrige sind wichtig
4.4 Schwierigkeiten in der Einführungszeit
4.5 Lernerfolg bei älteren Kindern
4.6 Überforderung schwächerer Kinder
4.7 Zusammenfassung

5. Fazit

6. Querverbindung I: Übergang Kindergarten - Schule

7. Querverbindung II: Beratung in der Schule

8. Literaturangaben

1. Einleitung

Gleichaltrige Kinder sind heterogen in ihrem Wesen, in ihrer Entwicklung und in ihren Interessen und Fähigkeiten. Diesen Tatsachen dürfte wohl niemand widersprechen, daher stellt sich die Frage: Warum werden sie dann nach Alter in eine Klasse eingeteilt? Mit diesem Problem wird jede Lehrperson[1] in einer Grundschulklasse konfrontiert. Die Einmaligkeit jedes einzelnen Kindes sollte jedoch nicht verachtet oder übersehen werden, im Gegenteil, die Kinder sollten ihre Individualität erfassen und diese ausleben können. Welche anderen Möglichkeiten zur Klasseneinteilung gibt es also noch?

Die Grundschule sollte allen Kindern, egal ob leistungsstark, leistungsschwach oder mit geringfügigen Deutschkenntnissen optimale Hilfe bieten. Dies kann durch die Arbeit in jahrgangsgemischten Lerngruppen[2] besser gewährleistet werden als in jahrgangshomogenen. Die Andersartigkeit der Schüler steht bei diesem Unterrichtskonzept im Mittelpunkt, wozu der Unterschied des Alters, der Entwicklung und der Leistung zählt. Die Lehrperson nimmt die Voraussetzungen der Kinder bewusst wahr und versucht demgemäß Hilfe zu bieten. Von Bedeutung ist, dass die Heterogenität der Kinder nicht als Barriere gesehen wird und die Verbindung zwischen den Kindern im Vordergrund steht.

Durch finanzielle Einsparungen entstehen immer wieder neue Schulzentren, um die niedrigeren Schülerzahlen aufzufangen. Es stellt sich aber die Frage, ob die Jahrgangsmischung der Pädagogik nicht vielleicht sogar eine ganz neue Chance gibt?

In der vorliegenden Arbeit zum Thema „Das Konzept des Jahrgangsgemischten Unterrichts – Welche Vor- und Nachteile können in Bezug auf den Anfangsunterricht entstehen?“ soll die Frage im Mittelpunkt stehen, welche Vor- oder Nachteile altersungleiche Lerngruppen mit sich bringen und ob sie eine zeitgemäße und erfolgreiche Alternative zur Jahrgangsklasse darstellen.[3]

Durch meine persönlich positiven Erfahrungen mit jahrgangsgemischten Klassen aus dem Blockpraktikum, habe ich mich entschieden, das Thema näher zu betrachten. Einerseits interessierte es mich, mehr über diese Art von Unterrichtkonzept zu erfahren, anderseits wollte ich wissen, ob meine eigenen Eindrücke auch wissenschaftlich belegt werden können. So stellte sich für mich die Frage, wie die Hauptmerkmale des jahrgangsübergreifenden Lernens aussehen und welche Vor- und Nachteile diese Unterrichtsform mit sich bringt.

Zu Beginn meiner Arbeit möchte ich einen kurzen Einblick in die Entstehung und Herkunft der Jahrgangsgemischten Schulklasse geben. Anschließend möchte ich mögliche Vor- und Nachteile näher betrachten. Nach einer Abwägung meiner Rechercheergebnisse beende ich die Arbeit mit einer persönlichen Stellungnahme zum Thema der Arbeit.

2. Entstehung von Jahrgangsmischung

Klassen, die nach dem Schüleralter entsprechend gebildet werden, zählen als grundlegendes Kennzeichen des deutschen Schulsystems. Die Einführung des Jahrgangsklassensystems ist geschichtlich gesehen eng mit der altersmäßig geregelten Schulpflicht zu Beginn des 20. Jahrhunderts verbunden, auch wenn erste Experimente, Lerngruppen spezifisch des Alters zusammenzusetzen, bereits früher zu finden sind.

Das Prinzip der Jahrgangsmischung ist hingegen vielmehr die älteste und über viele Jahrhunderte dominierende Form der Wissensvermittlung.[4] Dabei ist das ehemals jahrgangsgemischte Unterrichten auf andere Motive zurückzuführen, als wir sie in der gegenwärtigen schulpädagogischen Diskussion antreffen.[5]

2.1 Historischer Überblick

Die Anfänge des altersgemischten Unterrichtens sind schon im Alten Ägypten anzutreffen. Dies zeigen Bilder, auf denen eine Lehrperson Kindern und Jugendlichen verschiedenen Alters Unterricht erteilte. In Griechenland hingegen gab es Wanderlehrer, die umherreisten, um den Menschen Alltagserfahrungen und Lebensweisheiten zu vermitteln. Auch im antiken Rom wurde mit dem Ziel der generellen Schulpflicht eine in Wissensbereiche untergliederte Lehrweise durchgesetzt, die sich auf altersgemischtes Lernen stützte.[6] Dieses System existierte etwa für 2000 Jahre in Europa.[7] Als Comenius im 17. Jahrhundert Bildung für alle kraft Einführung der Jahrgangsklasse forderte, wurde dies erst Anfang des 20. Jahrhunderts ausgeführt. Der Unterricht in jahrgangsgemischten Gruppen wurde für die Altershomogenität aufgegeben.[8]

Heute kann jedoch in immer mehr Bundesländern auf Antrag eine altersgemischte Lerngruppe in Regelschulen eingeführt werden. Dies obliegt jedoch in der Entscheidung der Schulleitung.[9]

Inzwischen entstehen altersheterogene Klassen immer wieder auch durch niedrige Schülerzahlen.

Die Ansicht, dass Lernen lediglich in leistungsgleichen Gruppen bestmöglich umzusetzen sei, wurde bereits Anfang des 20. Jahrhunderts drastisch kritisiert. Gleichzeitig erarbeiteten Reformpädagogen, wie Maria Montessori, Peter Petersen oder Berthold Otto[10], neue Unterrichtskonzeptionen, in welchen die Jahrgangsmischung eine bedeutende Rolle einnahm.

2.2 Die Reformpädagogen

Im Folgenden soll ein kurzer Einblick in die Sicht der Reformpädagogen gegebene werden. Da eine ausführliche Darlegung den Umfang der Arbeit übersteigen würde, wird im Speziellen nur die Sichtweise von Maria Montessori zum jahrgangsgemischtem Unterricht kurz erläutert. Die Reformpädagogen Maria Montessori, Peter Petersen und Berthold Otto gehen den gleichen Grundideen nach, auch wenn sich ihre Konzeptionen sonst unterscheiden. Nicht die Homogenität einer Schülergruppe soll bei den Konzepten erreicht werden, sondern ein Nutzen aus der Unterschiedlichkeit der Schüler soll gezogen werden. Leistungs- und Entwicklungsunterschiede sollten dabei helfen, persönliche und soziale Lernprozesse anzutreiben. Alle drei Reformpädagogen erkannten Vorteile der Jahrgangsmischung im gesellschaftlichen Benehmen der Schüler, wie zum Beispiel Toleranz, Achtung, Hilfebedürftigkeit und Hilfestellung.[11]

Maria Montessori

Maria Montessori nahm den Gedanken der Jahrgangsmischung bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts auf und bewertete ihn damals schon als pädagogisch wertvoll. Montessori sieht das Lernen als individuellen Erfahrungsaustausch, welcher durch die Entscheidungsfreiheit der Kinder gekennzeichnet ist. Lernen schließt für sie Begeisterung, Neugier, Lust und Eigenverantwortlichkeit ein.[12]

Bei Montessori werden Kinder in drei Altersstufen vereint, um sich einmal als jüngeres, mittleres oder älteres Kind zu erfahren.[13] Nach der Reformpädagogin unterstützt dieses Zusammenleben von Kindern aus drei Jahrgängen zum Beispiel die Kooperation unter den Schülern.[14] Die Vorteile in den geschlechts- und altersgemischten Klassen sind aber nur umsetzbar, wenn sie in differenzierten Unterrichtsformen miteinander verknüpft werden. Den Kindern muss die Chance geboten werden, vielfältige soziale Erfahrungen zu sammeln und kooperatives Arbeiten zu erlernen. Es empfiehlt sich deshalb eine Form des freien Arbeitens, die vom Lehrer anhand einer vorbereiteten Lernumgebung und passenden didaktischen Materialien[15] umzusetzen ist.

Grundsätze und Vorzüge der Jahrgangsmischung Montessoris

Montessori versucht mit der Altersmischung in der Schule, dem natürlichen Lebensraum des Kindes nahe zu kommen. Eine altersgleiche Gruppeneinteilung kehrt sich gegen den natürlichen Lebensbereich des Kindes, weil es nicht nur in der Freizeit, sondern auch innerhalb der Familie oft mit jüngeren oder älteren Kindern in Verbindung kommt. Montessori berücksichtigt hiermit ein bedeutendes Gesellschaftsphänomen und stellt altersgemischtes Lernen in den Vordergrund. Sie stellt dabei fest: „Es ist jedoch nicht so wichtig, Jungen und Mädchen beisammen zu haben (...) als vielmehr Kinder verschiedenen Alters.“[16] Durch die Mischung der Altersstufen wird dem Kind die Gelegenheit geboten, verschiedene Rollen kennen zu lernen und einzunehmen. Lagings Auffassung nach führt dies zu kooperativem Umgang miteinander und unterstützt folglich das Sozial- und Lernverhalten. Die Kinder konkurrieren somit nicht miteinander, sondern versuchen sich gegenseitig zu ergänzen und zu unterstützen.[17] Es entsteht Lernen durch Imitation. Die Jüngeren imitieren die Älteren und gelangen zu neuen Erfahrungen. Montessori beschreibt dies wie folgt: „Sie können sich kaum vorstellen, wie gut ein kleines Kind von einem älteren lernt; wie geduldig das ältere Kind mit den Schwierigkeiten des jüngeren ist. Es sieht beinahe so aus, als ob das jüngere Kind für das ältere einen Arbeitsstoff darstelle.“[18]

Weitere Vorteile findet Montessori im Konkurrenzabbau untereinander, der Chance auf Erfolg bei begabten als auch bei schwächeren Schülern, der Förderung der Eigenentwicklung, der Kommunikation und Kooperation untereinander sowie der Aufhebung des Sitzenbleibens.

Ältere Kinder können durch Altersmischung nach Montessori die Lehrperson entlasten, da sie fähig sind, Sachverhalte kindgerechter zu erklären. „Es gelingt den Lehrerinnen nicht, dem dreijährigen Kind alle Dinge begreiflich zu machen; aber das Kind von fünf Jahren macht es ihm klar“[19].

Die Besorgnis, dass die Lernfortschritte der älteren Kinder unter denen der jüngeren leiden könnten, wird von Montessori abgewiesen. Stattdessen vertiefen die Älteren ihr Wissen durch das Prinzip „Lernen durch Lehren“. „Durch nichts (...) lernen (die älteren Kinder) mehr als durch das Lehren anderer“[20].

3. Vorteile der Jahrgangsmischung im Anfangsunterricht

Es gibt bei der Form der Jahrgangsmischung vielfältige Chancen, die eine Jahrgangsklasse nicht bieten oder verwirklichen kann. Einige sollen im folgenden Kapitel aufgezeigt werden.

Kucharz und Wagener verweisen darauf, dass für jahrgangsgemischte Lerngruppen mit der Pädagogik der Vielfalt argumentiert werde. Heterogenität wird hier nicht nur wahrgenommen, sondern als Voraussetzung des Unterrichts gesehen. Leistungs- und Altershomogenität lassen sich längst nicht mehr gleichsetzen, da die Leistungsunterschiede in der Grundschule viel zu groß sind.[21]

Bildung und Erziehung sollten sich an den Bedürfnissen des Kindes orientieren. Zugleich müssen reichhaltige soziale Erfahrungen ermöglicht und von den Kindern gelernt werden, damit sie eigenverantwortlich mit den Ansprüchen des Lebens umzugehen lernen.[22] Im Folgenden sollen einige Vorteile der Jahrgangmischung für die Schüler näher betrachtet werden.

[...]


[1] à In der Folge wird unter Berücksichtigung des Leseflusses nur noch das generische Maskulinum verwendet, ohne jegliche Abwertung des weiblichen Geschlechts.

[2] à Jahrgangsgemischte Lerngruppe bedeutet, die Zusammenlegung mehrerer Jahrgänge zu einer Schulklasse oder festen Lerngruppe. In meiner Arbeit werden folgende Begriffe verwendet, die synonym für Jahrgangsmischung stehen: Altersgemischt, jahrgangs- u. alterübergreifend, jahrgangs- u. altersheterogen, jahrgangs- u- alterskombiniert.

[3] Vgl.: Claussen/Gobbin-Claussen 1989, S.159

[4] Vgl.: Knauf 1997, S. 115

[5] Vgl.: Goetze-Emer/Klaus/Walluks/Ziebell-Schrank 2000, S. 47

[6] Vgl.: Knauf 1997, S. 115

[7] Vgl.: Lennartz/Ludwig 2003, S. 81

[8] Vgl.: Knauf 1997, S. 116

[9] Vgl.: Goetze-Emer/Klaus /Walluks/Ziebell-Schrank 2000, S. 56 f.

[10] à Auf die Konzepte von Peter Peterßen und Berthold Otto wird in dieser Arbeit nicht separat eingegangen.

[11] Vgl.: Blendinger/Diehnelt 2003, S.50

[12] Vgl.: Montessori/Schneider-Henn 1983, S. 27 f.

[13] Vgl.: Goetze-Emer/Klaus /Walluks/Ziebell-Schrank 2000, S. 53

[14] Vgl.: Laging 2010, S. 12

[15] à Sinnesmaterialien für verschiedene Bereiche, die von Montessori selbst entwickelt wurden und den kindlichen Entwicklungsstufen entsprechen.

[16] Montessori 1972, S. 203

[17] Vgl.: Blendinger/Diehnelt 2003, S. 48

[18] Montessori 1979, S. 87

[19] Ebd., S. 97

[20] Ebd., S.87

[21] Vgl. Kucharz/Wagener 2007, S. 11

[22] Vgl.: Christiani 2004, S. 171

Details

Seiten
27
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656096269
ISBN (Buch)
9783656096641
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184704
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Weingarten
Note
1,5
Schlagworte
Entstehung von Jahrgangsmischung Vorteile der Jahrgangsmischung Grenzen der Jahrgangsmischung

Autor

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