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Einkommensungleichheit in Deutschland und den OECD-Staaten

Entwicklung und Analyse von Einkommensungleichheiten in Deutschland und den OECD-Staaten

Seminararbeit 2011 21 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Globalisierung, pol. Ökonomie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Aktuelle Trends der Einkommensverteilung in Deutschland

2. Der Wohlfahrtsstaat: Theoretische Grundlagen
2.1 Die Esping-Andersen Typologie
2.2 Theorien sozialer Ungleichheiten
2.3 Einkommensdefinition: Verschiedene Konzepte von Einkommen
2.3.1 Einkommen nach Primärverteilung
2.3.2 Einkommen nach Sekundärverteilung
2.3.3 Der Gini-Koeffizient als Maßstab der Einkommensungleichheit

3. Die Entwicklung der Einkommensverteilung in Deutschland und in den OECD-Staaten
3.1 Langfristige Trends der Einkommensungleichheit in Deutschland
3.1.1 Veränderung der Einkommensungleichheit in den Jahren 1973-1998
3.1.2 Veränderung der Einkommensungleichheit in den Jahren 1985-2006
3.1.3 Polarisierung der Einkommen in den Jahren 2000-2009
3.2 Die Entwicklung der Einkommensungleichheiten in den OECD-Staaten
3.3 Gründe für die steigenden Einkommensungleichheiten
3.4 Modelle zur Bekämpfung der ungleichen Einkommensverteilung

4. Schlussfolgerungen

5. Quellenverzeichnis
5.1 Literaturverzeichnis
5.2 Internetquellen

1. Aktuelle Trends der Einkommensverteilung in Deutschland

„In modernen Industriegesellschaften ist schon seit geraumer Zeit eine deutliche Zunahme der Einkommensungleichheit festzustellen“ (Groß 2009: 2). Dabei wird die Entwicklung durch ein aus den USA bekanntes Drei-Phasen-Modell beschrieben. Dort stieg das Ausmaß der Ungleichheiten nach einer stabilen Phase in den 60er Jahren, in den 70er Jahren deutlich an, um sich dann in den 80er Jahren dramatisch zu verschär- fen. Mittlerweile hat sich das Wachstum in den USA wieder verlangsamt (Vgl. Groß 2009: 2 f.)

Seit dem Jahr 2000 scheint Deutschland diesem Trend zu folgen. So stellte die „Süddeutsche Zeitung“ fest: „Die Einkommensunterschiede im wiedervereinigten Deutschland waren noch nie so groß wie heute“ (http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/einkommen-in-deutschland-der-grosse-graben- 1.840344). Die Zahl der ärmeren und reichen Haushalte steigt nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ. In anderen Worten wird der reichere Teil der Gesellschaft immer reicher, während umgekehrt den ärmeren Haushalten immer geringere finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Trotz dieses Anscheins liegen noch keine ausreichenden empirischen Ergebnisse für eine Einkommenspolarisierung vor. Die aktuelle Entwicklung jedoch deutet auf eine schrumpfende Mittelschicht innerhalb der deutschen Gesellschaft hin (Vgl. Goebel et al. 2010: 2 f.).

Auch die OECD nahm zur Kenntnis, dass die Einkommensungleichheiten seit der Jahrtausendwende in Deutschland über dem OECD-Durchschnitt gewachsen sind. Die dazu beigetragenen Faktoren sind mannigfaltig. Ein überproportionaler Anstieg der höheren Einkommen bei einer gleichzeitig erhöhten Armutsquote und sich stärker aus- wirkender Arbeitslosigkeit sind einige der Faktoren die diesen Trend bewirken (Vgl. http://www.oecd.org/document/54/0,3746,de_34968570_35008930_41530998_1_1_1_ 1,00.html)

Nun stellt sich die Frage nach den Ursachen für die beschriebene Entwicklung der sozialen Ungleichheiten, bestehend aus immer weiter auseinander klaffenden Ein- kommen. Spielt dabei die zunehmende weltwirtschaftliche Verflechtung eine entschei- dende Rolle oder sind die Gründe endogen zu suchen? Weiterhin soll erörtert werden welche Mittel und Wege einer solchen Einkommensungleichheit entgegen wirken sol- len.

2. Der Wohlfahrtsstaat: Theoretische Grundlagen

2.1 Die Esping-Andersen Typologie

Die Grundlage für eine neue Typologisierung der Wohlfahrtsstaaten (WFS) und ihrer unterschiedlichen Systeme bildete 1990 das Buch The Three Worlds of Welfare Capitalism von Esping-Andersen. Esping-Andersen (Vgl. 1990: 161-2) stellte sich zunächst die grundle- gende Frage, was aus einem Staat gerade einen WFS macht und welche Kriterien dafür fest- gesetzt werden müssen. Von entscheidender Bedeutung für seine Untersuchungen waren da- bei drei Ansätze: 1. Die historische Veränderung der Staatsangelegenheiten, 2. die Unter- scheidung zwischen Rest- und institutionalisiertem WFS, und 3. die Beurteilung der theoreti- schen Auswahlkriterien für die Bestimmung eines WFS (Vgl. Esping-Andersen 1996: 69-70; ebd. 2002: 56).

Bestandteil der Leistungen, die der WFS seinen Bürgern garantiert sind soziale Rechte (Vgl. Esping-Andersen 1990: 163). Für den Fall, dass diese Rechte auf der Basis einer allge- meinen Anerkennung als Bürger zugesprochen werden, und nicht auf der Leistungsfähigkeit des Individuums basieren, geht damit eine De-Kommodifizierung der Individuen gegenüber dem Markt einher. Das bedeutet, dass der Bürger, unabhängig von seinem Leistungsvermö- gen, durch die gewährten sozialen Rechte in einer Gesellschaft überleben kann. Damit ge- winnt er sozusagen Unabhängigkeit vom Markt. Mit dieser Entwicklung, die die post- industrielle Denkstruktur vom Arbeitsverständnis ablöste, geht auch das Konzept der sozialen Stratifizierung einher: Der Ersatz der Klassenzugehörigkeit durch den neugewonnenen Status als Bürger (Vgl. Esping-Andersen 1999: 57).

Aus den Erkenntnissen über die Unterscheidungen der verschiedenen wohlfahrtsstaat- lichen Regimetypen und den Erkenntnissen über De-Kommodifizierung und Stratifizierung leitete Esping-Andersen (Vgl. 1990: 167-8) ebenfalls drei zentrale Produzenten von Wohl- fahrt ab: Den Markt, die Familie und den Staat. Diese sollen abhängig vom Typ des WFS die Wohlfahrt in einer Gesellschaft generieren. Dementsprechend sollen sie dort einsetzen, wo die anderen Akteure versagen und somit die Last der sozialen Risiken möglichst gleichmäßig aufteilen. Je nachdem, wie diese „Triade“ strukturiert ist, ergeben sich demnach drei ver- schiedene Typen von Wohlfahrtsstaatsregimen: 1. Der Liberale, 2. der Konservative und 3. der Sozialdemokratische (Vgl. Esping-Andersen 1990: 169-70).

Beim liberalen WFS gilt es gemeinhin als negatives Stigma, abhängig vom Staat und seinen Sozialleistungen zu sein. Dementsprechend gewährt der Staat auch nur sporadische Sozialleistungen. Der Markt hat eine hervorgehobene Stellung, glaubt man doch an die selbst- regulierenden Kräfte und die Stärke der privaten Absicherung. Wenn es in diesem WFS zu einer Sozialfürsorge kommt, geschieht dies aufgrund einer genauen Prüfung der Vermögens- und Einkommenssituation. Die Wohlfahrt soll mittels der Markteinkommen generiert werden. Durch die Abhängigkeit vom Markt ist der Grad der De-Kommodifizierung sehr gering, d.h. dass die Bürger stark vom Markt abhängen. Zur gleichen Zeit sind aber auch die Sozialausga- ben des WFS für Pensionen, Arbeitslosen- und Krankengeld sehr gering. Als Beispiele der De-Stratifizierung im liberalen WFS kann der hohe Anteil an privaten Renten- und Gesund- heitsausgaben und die bedarfsgeprüfte Sozialfürsorge genannt werden, was Aufgabe der Ge- sellschaft ist. Beispiele für diesen WFS-Typus sind die USA, Kanada und Australien (Vgl. Esping-Andersen 2000: 33-34).

Der konservative WFS stellt das mittlere Modell der WFS-Typologie dar. Hier spielt der Staat eine relativ starke Rolle und reduziert den Einfluss des Marktes. Der Staat sorgt mit seiner Sozialpolitik dafür, dass Statusunterschiede konserviert werden. Die Familie hat in diesem WFS eine große Bedeutung inne, was auf das historische Familienbild zurückzuführen ist. Auch die Pflichtsozialversicherungen mit Anspruchsvoraussetzung und das allgemeine Versicherungsprinzip zeugen von einem kontrollierenden und starken Einfluss des Staates. Im Vergleich zum liberalen WFS ist die De-Kommodifizierung im konservativen WFS höher, da die Individuen vor allem durch Sozialleistungen vor den Risiken des Marktes geschützt wer- den sollen. Damit steht der Markt auch in der Pflicht für einen bedeutenden Anteil an der Wohlfahrt zu sorgen, was sich in hohen Sozialleistungen äußert. Als Beispiele für die De- Stratifizierung lässt sich hier der Korporatismus der Akteure der Interessenvermittlung (Ge- werkschaften und Arbeitgeberverbände) mit dem Staat, sowie auch der Etatismus (Beamten- pensionen, etc.) anführen. Beispiele für dieses wohlfahrtsstaatliche Regime sind Deutschland, Italien, Frankreich und Österreich (Vgl. Esping-Andersen 1990: 173; Castles 2002: 633).

Als Letzter der drei WFS-Grundtypen ist der sozialdemokratische WFS zu nennen. Er steht im krassen Gegensatz zum Liberalen und ist gekennzeichnet durch einen hohen Grad an Universalismus auf allen Ebenen. Der WFS stellt eine für alle gleichermaßen zugängliche Basis- und Grundsicherung zur Verfügung. Die Bedarfsprüfung wird nach Möglichkeit so gering wie nötig gehalten, um eine Aufspaltung der Arbeiterklasse zu unterbinden. Die De- Kommodifizierung ist demnach die höchste der drei vorgestellten Systeme und ist mit im- mensen Kosten für den Sozialstaat verbunden. Bezüglich der De-Stratifizierung kann hier stellvertretend für andere Aspekte der Grad der Leistungsgleichheit genannt werden, der für jedes einzelne Individuum zur Verfügung gestellt wird. Beispiele für diese WFS-Form sind Dänemark, Schweden und Norwegen (Vgl. Esping-Andersen 1990: 174; ebd. 2002: 63).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 verdeutlicht nochmals die drei WFS-Systeme und ihre Zuordnung zu den drei Produzenten von Fürsorge: Staat, Markt und Familie.

Hierbei fällt auf, dass der sozialdemokratische WFS dem Markt so wenig Raum wie möglich zubilligt, um seine Bevölkerung vor den Risiken von eben diesem zu schützen. Der liberale WFS dagegen setzt ganz auf die Kräfte des Marktes und zieht sich aus der Fürsorgehaltung und „Wohlfahrtsproduktion“ gänzlich zurück. Der Konservative versucht alle drei Produzenten in sein System zu integrieren, setzt dabei aber stärker auf die absichernden Kräfte von Familie und Staat (Vgl. Esping-Andersen 1997: 182-83; Strait 2001: 289-90).

2.2 Theorien sozialer Ungleichheiten

Das Lexikon zur Soziologie beschreibt soziale Ungleichheit als jede Art verschiedener Möglichkeiten der Teilhabe an Gesellschaft bzw. der Verfügung über gesellschaftlich relevan- te Ressourcen (Vgl. Krause 1994: 697). Theorien sozialer Ungleichheit, angefangen bei Marx und seinem Klassenmodell bis hin zu Analysen der Gegenwart zu Beginn des 21. Jahrhun- derts, gibt es Vielfältige. Von entscheidender Bedeutung ist deshalb, welche Probleme und Fragestellungen die einzelnen Modelle in den Vordergrund stellen. Im Gegensatz zu klassi- schen Klassen- und Schichtmodellen, wird die Sozialstruktur in modernen Modellen vielmehr anhand von Begriffen wie Lebensstilen, Lebensläufen, Milieus oder soziale Lagen analysiert. Auch wenn heutzutage eine Vielzahl von Ursachen zur Erklärung von sozialen Ungleichhei- ten herangezogen werden, so stellt die Erwerbstätigkeit und das daraus bezogene Haushalts- einkommen nach wie vor eine zentrale Komponente dar (Vgl. Berger & Hradil 1990: 7 ff.). Dem zustimmend argumentiert Geißler, dass der erwählte Beruf noch immer eine wichtige Rolle für die Schichteinteilung spielt, da dieser weitere sozio-ökonomische Aspekte wie Qua- lifikation, Bildungsniveau, Einkommen, Prestige und Einfluss bündelt (Vgl. Geißler 2002: 118). Der Beruf wird auch im weiteren Verlauf der vorliegenden Arbeit eine Rolle spielen, wenn die Ursachen der ungleichen Einkommensverteilung analysiert werden.

2.3 Einkommensdefinition: Verschiedene Konzepte von Einkommen

2.3.1 Einkommen nach Primärverteilung

Bei der Analyse von Einkommensverteilungen geht man davon aus, dass Haushalte Wirtschaftsgemeinschaften sind und diese ihren Lebensunterhalt zumeist aus einem gemein- samen Budget bestreiten. Da die Untersuchung der Einkommen einen „mehrstufigen Prozess“ (Hauser 2003: 112) umschließt, bedarf es zur Analyse der Verteilung der ökonomischen Wohlfahrt zweier Schritte. Zunächst wird die personelle Verteilung der wirtschaftlichen Wohlfahrt analysiert. Dafür dienen laut Hauser das Nettoäquivalenzeinkommen der Personen und das Nettovermögen der Haushalte als Indikatoren. Basis dieser Verteilungsanalyse stellt die Verteilung der Bruttomarkteinkommen auf die jeweiligen Bezieher dar. Dabei unterschei- det man die drei Kategorien des Markteinkommens: Bruttoeinkommen aus unselbstständiger Tätigkeit, Bruttoeinkommen aus selbstständiger Tätigkeit und Bruttoeinkommen aus Vermö- gen. Dieser erste zu analysierende Schritt wird auch als Primärverteilung bezeichnet (Vgl. Hauser 2003: 112 f.).

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Details

Seiten
21
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656096344
ISBN (Buch)
9783656096672
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184684
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,7
Schlagworte
Wohlfahrtsregime Einkommensungleichheit Wohlfahrtsstaat OECD-Staaten Esping-Andersen Gini-Koeffizient Primärverteilung Sekundärverteilung soziale Ungleichheit Typologie nach Esping-Andersen Polarisierung Einkommen Einkommensdefinition

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