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Exegese zu Amos 9,1-15

Quellenexegese 2010 48 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Textkritik und Übersetzungsvergleich

3. Textanalyse

4. Literarkritik

5. Formkritik

6. Überlieferungsgeschichte

7. Traditionsgeschichte

8. Redaktionsgeschichte, Historischer Ort, Interpretation

Literaturverzeichnis

Anhang
Erläuterungen zur Blue Letter Bible
Übersetzungsvergleich Amos 9,1-15

1. Einleitung

In dieser exegetischen Hausarbeit soll es um das 9. Kapitel des Amosbuches gehen. Bevor dieser Abschnitt (9,1-15) genauer untersucht wird, erfolgt zu- nächst ein Überblick über die Themen und Inhalte sowie die Struktur des alttestamentlichen Amosbuches, um den Abschnitt im Gesamtkontext des Buches besser zu verstehen.[1] Das Amosbuch enthält insgesamt neun Kapitel und es ist das dritte Buch des Zwölfprophetenbuches.[2] Es enthält Aussagen, die Gerichte Jahwes, des Bundesgottes Israels, androhen, ebenso aber auch Aussagen, in denen zur Umkehr aufgerufen wird, damit diese Gerichte nicht eintreten; daneben finden sich auch Heilsaussagen im Amosbuch.

In einer kurzen Einleitung (1,1-2) wird die Person des Amos als ein Schafzüchter aus Tekoa vorgestellt, einer Stadt in Juda, südlich von Bethlehem gelegen.[3] Etwas später im Text gibt Amos als weitere Berufe Viehhirte und Maulbeerfeigenzüchter an und sagt hier zudem, er sei weder Prophet, noch stamme er aus einer Prophetenschule.[4] Jahwe habe ihn aber aus seinem ursprünglichen Beruf herausgeholt und mit den Worten „Geh hin, weissage meinem Volk Israel“[5] beauftragt, Prophet zu sein. Das Buch beginnt zwar mit der beschreibenden Einleitung „Worte des Amos“[6], doch der Text identifiziert Amos mehrfach als Propheten, der im Auftrag Jahwes dessen Worte verkündet. So kündigt Amos bereits im nächsten Vers ein mächtiges Reden bzw. Wirken Jahwes an (1,2). Auf der Grundlage des Amosbuches lässt sich die Wirkungszeit des Amos auf das 8. Jhdt. v. Chr. eingrenzen, indem der Text sagt, Amos habe seinen Prophetendienst in den Tagen der Könige Usija von Juda (787-736 v. Chr.) und Jerobeam II. von Israel (787-747 v. Chr.) verrichtet.[7] Markert grenzt die Wirkungszeit des Amos präziser auf wenige Wochen oder Monate um das Jahr 760 v. Chr. ein. Das Nordreich Israel, wo Amos hauptsächlich auftrat, befand sich da- mals in einer Phase des Wohlstands und der Sicherheit für die Oberschicht, auch außenpolitisch war die Lage stabil.[8]

Im ersten Abschnitt (1,3-2,16) erfolgen nun die ersten konkreten Gerichtsworte.[9] Amos verkündet diese Gerichte als Worte Jahwes, indem sie jeweils mit „So spricht der HERR“[10] eingeleitet werden. Zunächst er- gehen sie über die Nachbarvölker Damaskus, die Philister (Gaza), Tyrus, Edom, Ammon und Moab (1,3 - 2,3). Diese Gerichte werden mit von den Völkern am Volk Israel begangenen Kriegsverbrechen begründet.[11] In ähnlicher Weise verkündigt er nun auch Gericht über die Königreiche Juda (2,4-5) und Israel (2,6-16), wobei hier die Gerichtsaussagen über Israel mehr Raum einnehmen. Die Gründe für die über Juda und Israel ange- kündigten Gerichte sind vor allem die Missachtung von Jahwes Gesetz, Götzendienst, soziale Ungerechtigkeit sowie sexuelle Unmoral. [12]

Im zweiten Abschnitt (3,1-6,14) kündigt Amos weitere Gerichte Jahwes über das Volk Israel an.[13] Israels Erwählung durch Jahwe und seine vergangenen Heilstaten am Volk sind hi er keine Hinderungsgründe für Jahwe, es zu richten, sondern sie begründen gerade die Notwendigkeit dazu (3,1-2), was bereits im vorherigen Kapitel thematisiert wurde (2,9ff.). Durch Jahwes Reden sieht sich Amos genötigt, Prophet zu sein (3,1-8). Jahwe ruft einige Nachbarvölker als Zeugen, um die Sünden in Samaria, der Hauptstadt des Nordreiches Israel, zu sehen, und er kündigt die Zerstörung der Stadt, des Landes, sowie des Heiligtums in Bethel an (3,9-15).

Der Prophet prangert in Kapitel 4 die Unterdrückung der Armen an (4,1-3) und äußert Jahwes Missfallen am Kultus in Bethel (4,4-5). Amos erinnert das Volk an bereits ergangene Strafen Jahwes, wie etwa Dürren, Hungersnöte, Pest oder militärische Niederlagen (4,6-11). Diese haben allerdings nicht zur Umkehr geführt, wie mehrfach ausgedrückt wird, beispielsweise in Vers 6: „Und doch seid ihr nicht zu mir umgekehrt, ist der Ausspruch des HERRN.“[14] Deshalb kündigt Jahwe nun weiteres Gericht an (4,12-13).

In Kapitel 5 zeigt sich, dass Jahwe dieses Gericht nicht gerne aus- führt, indem er eine Totenklage über die „Jungfrau Israel“ anhebt, deren zum Kampf ausziehenden Streitmächte eine verheerende Niederlage erlei- den werden (5,1-3). Jahwe redet weiter von den Sünden des Volkes und sei- nen, in der Zukunft drohenden, Gerichten als Konsequenzen dieser Sünden. Gleichzeitig ruft er aber auch mehrmals das Volk zur Umkehr auf, mit sich daran anschließenden Heilsverheißungen (5,4-17), etwa durch die Auffor- derung „Sucht mich, dann werdet ihr leben“[15]. Somit sind Jahwes angekün- digte Gerichte noch immer eine Option für den Fall mangelnder Umkehr, und nicht ein fester Entschluss. Diese Gerichte werden nun zum ersten Mal im Text als „der Tag des HERRN“ bezeichnet, den man sich nicht herbei- wünschen soll, da er „Finsternis sein [wird] und nicht Licht“ (5,18-20). Weiter bringt Jahwe mit drastischen Worten[16] sein Missfallen am Gottes- dienst, inklusive der dargebrachten Opfer, zum Ausdruck, da es an Recht und Gerechtigkeit mangelt. Er kündigt daher als Strafe das Exil in Assyrien an (5,21-27).

Im Anschluss daran ergeht in Kapitel 6 ein Weheruf Jahwes, der an die Vornehmen in Juda und Israel gerichtet ist, welche sorglos sind und sich sicher fühlen und die dekadent und verschwenderisch leben. Die Konsequenz daraus wird Gefangenschaft sein (6,1-7). Jahwe sagt, er verabscheue Jakobs[17] Stolz und hasse seine Paläste. Daher kündigt er Tod, Krieg und Zerstörung für das Volk Israel an, was durch eine andere Nation geschehen soll, die Israel bedrängen wird (6,8-14).

Im dritten Abschnitt (7,1-9,10) lässt Jahwe Amos insgesamt fünf Visionen sehen, die alle symbolisch für weitere Gerichte Jahwes am Volk Israel stehen.[18] In den Visionsberichten erzählt Amos aus der Ich-Perspek- tive von seinen Visionen und seiner Interaktion bzw. Kommunikation mit Jahwe. Die erste Vision handelt von Heuschrecken (7,1-3) und die zweite von einem Feuerregen (7,4-6). Hier ist es aber jeweils so, dass Amos Für- bitte leistet und Jahwe die beiden, durch die Visionen symbolisierten, Ge- richte nicht eintreffen lässt. Bei der dritten Vision vom Senkblei leistet Amos keine Fürbitte mehr und Jahwe kündigt an, Israel künftig nicht mehr schonen zu wollen (7,7-9). Jahwes Geduld und Barmherzigkeit haben jetzt ein Ende gefunden, er ruft auch nicht mehr zur Umkehr auf, von nun an ist nur noch von Gericht die Rede.

Amazja, der Priester des Heiligtums in Bethel, zeigt Amos wegen seines prophetischen Wirkens bei dem König Israels, Jerobeam II., an und behauptet, Amos betreibe eine Verschwörung gegen ihn. Amazja fordert Amos auf, Israel zu verlassen und nach Juda zu gehen. Amos wiederum kündigt wegen Amazjas Feindseligkeit und Ablehnung ihm gegenüber nun für Amazja und seine Familie Jahwes Gericht an (7,10-17).

Es folgt darauf in Kapitel 8 die vierte Vision des Amos, die Vision vom Sommerobst, welche besagt, dass für Jahwe das Ende für sein Volk Is- rael gekommen ist und er es, wie schon im vorherigen Kapitel angekündigt (7,8), nicht mehr schonen wird (8,1-3). Weiter kündigt Jahwe erneut an, dass er wegen sozialer Ungerechtigkeit und Betrugs Gericht ausüben wird, indem er Finsternis und Tod bringen wird (8,4-10). Jahwes Entschluss, unbarmherzig zu sein, kommt nun erneut zum Ausdruck. Er kündigt zwar einleitend mit der Formulierung „Siehe, Tage kommen, spricht der Herr, HERR“[19] an, einen Hunger nach seinem Wort ins Land zu schicken, er sagt aber auch, dass das Suchen nach seinem Wort zwecklos sein wird und die Suchenden es nicht finden werden. Selbst die jungen Menschen wird Jahwe in seinem Richten nicht verschonen (8,11-14). Drei mal findet sich in Kapitel 8 die Formulierung „an jenem Tag“[20], um dieses angekündigte Gericht zu bezeichnen.

Im Anschluss daran sieht Amos seine fünfte und letzte Vision (Amos 9,1-4).[21] Die vorherigen Visionen begannen jeweils mit der Formulierung „So ließ der Herr, HERR, mich sehen“[22], und Amos sah eine Sache, die ein Gericht symbolisiert. In dieser fünften Vision sieht er den Herrn selbst, am Altar stehend, und der Herr befiehlt, diesen Altar zu zerstören.[23] Der Herr kündigt ein gnadenloses Gericht an, vor dem es kein Entfliehen gibt.[24] Jah- we wird darauf im Text als allmächtiger Richter charakterisiert (9,5-6) und die Unentrinnbarkeit und Endgültigkeit seines Gerichtes wird noch einmal verdeutlicht (9,7-10).

Im vierten und letzten Abschnitt des Amosbuches (9,11-15), der auch mit der bereits zuvor an mehreren Stellen gefundenen Formulierung „an jenem Tag“ beginnt, ist plötzlich nicht mehr von Gerichten die Rede.[25] Jahwe kündigt an, die zerfallene Hütte Davids wieder auf zu richten, um die Nachbarvölker zu unterwerfen (9,11-12). Eine durch Überfluss und Sicher- heit charakterisierte Segensverheißung beendet das Buch (9,13-15).[26]

2. Textkritik und Übersetzungsvergleich

In der Biblia Hebraica Stuttgartensia (BHS) finden sich zum Textabschnitt Amos 9,1-15 in der Masora Parva, den Randbemerkungen zum Maso- retischen Text (M), mehr als zwei dutzend Bemerkungen. Im textkritischen Apparat zu Amos 9,1-15 stehen insgesamt 21 Anmerkungen, darunter Ver- gleiche von M mit der Septuaginta (LXX) oder mit einzelnen Hand- schriften der LXX, wenn diese und M voneinander abweichen. Ebenso fin- den sich etliche Vermutungen oder Vorschläge, etwa über mögliche Hinzu- fügungen und Auslassungen von einzelnen Wörtern oder Formulierungen; alternative Anordnungen von einzelnen Wörtern oder Versen werden vorgeschlagen, ebenso wird vermutet, in 9,14 ein Wort des Versmaßes wegen zu tilgen.[27]

Es liegt jedoch außerhalb der Möglichkeiten des Verfassers, diese unterschiedlichen Vorschläge, Lesarten und Textzeugen genauer zu über- prüfen, um zu einem qualifizierten Urteil darüber zu kommen, was der ur- sprüngliche Text sein könnte. Würthwein berichtet aber über eine 1955 in der Nähe von Qumran gefundene Zwölfprophetenrolle aus dem 2. Jhdt. n. Chr., die auch den Abschnitt Amos 9,1-15 enthält: „Der Text [sc. das Do- kument Murabba’at 88] stimmt fast völlig mit M überein, was dafür spricht, daß [sic!] bereits in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr. ein auto- ritativer Standardtext vorliegt.“[28] So lässt sich, ohne ins Detail gehen zu können, jedoch die Vermutung aufstellen, dass M, zumindest was den Kon- sonantentext angeht, im Falle von Amos 9,1-15 beinahe den ursprünglichen Text enthält.

Es soll nun mit Hilfe eines Vergleiches von drei deutschen Bibelübersetzungen[29] und unter Zuhilfenahme der Blue Letter Bible[30] ein Arbeitstext für die weitere exegetische Arbeit an Amos 9,1-15 erstellt werden.[31] Über diese Hilfsmittel hinaus werden gelegentlich, aber nicht durchgehend, noch andere Hilfsmittel verwendet.[32]

Vers 1 beginnt in der Revidierten Elberfelder Bibel (RE) damit, dass Amos aussagt: „Und ich sah den Herrn am Altar stehen“. Der für Gott gebrauchte Begriff ist 'Adonay[33] ) und er bedeutetאדני(Strong’s H136 „mein Herr“ und wird für Gott, aber auch für Menschen gebraucht. Als alternative Übersetzungsmöglichkeit zu „am Altar“ wird in der RE in einer Fußnote angegeben, dass auch „auf dem Altar“ oder „über dem Altar“ möglich ist. Weiter heißt es in Vers 1: „und er [d.i. Gott] sprach: Schlage auf das Kapitell, dass die Schwellen beben, und zerschmettere sie auf ihrer aller Kopf!“ Die RE merkt hier an, dass mit „sie“ vielleicht die Kapitelle ge- meint sind, dass also die Kapitelle auf den Köpfen der sich im Altarbereich befindenden Priester zerschmettert werden sollen. Die Lutherbibel (LUT) übersetzt etwas anders: „Schlage an den Knauf, dass die Pfosten beben und die Trümmer ihnen allen auf den Kopf fallen“[34]. Hellmuth Frey übersetzt den zweiten Teil des Satzes sehr interpretierend: „Ich will sie im Erdbeben alle vernichten“[35] und Ben Zvi merkt an, dass die Bedeutung von Gottes Be- fehl in Vers 1 insgesamt ungewiss ist.[36] Vers 1 fährt fort: „Und ihren Rest werde ich mit dem Schwert umbringen.“ Das mit „Rest“ übersetzte he- bräische Wort 'achariyth אַחרית(Strong's H319 ) bedeutet wörtlich „Letztes“.

In Vers 2 geht es weiter: „Wenn sie in den Scheol einbrechen, wird meine Hand sie von dort holen“. Die RE gibt mit Scheol das hebräische שׁ ) wieder, ohne es zu übersetzen, esאוֹלWort shĕ'owl (Strong's H7585 bezeichnet die Totenwelt oder Unterwelt. Die LUT übersetzt es mit „bei den Toten“ und Schlachter (Schl.) mit „Totenreich“. Die hypothetischen Fluchtmöglichkeiten vor Gottes Gericht in den Versen 2-4 werden in der RE im Indikativ beschrieben, die LUT und Schl. verwenden den Konjunktiv, beispielsweise in Vers 2 (LUT): „wenn sie sich auch unten bei den Toten vergrüben“.

Die RE und Schl. sagen in Vers 3 „auf dem Gipfel des Karmel“, LUT hingegen etwas unpräziser „auf dem Berge Karmel“, wobei das ) u.a. „Gipfel“, aberראzugrunde liegende Wort ro'sh (Strong's H7218 - שׁ nicht „Berg“, bedeutet.

In Vers 4 heißt es: „ich werde mein Auge auf sie richten zum Bösen und nicht zum Guten“. Die Schl. sagt hier ebenfalls „mein Auge“, LUT ver- wendet den Plural „meine Augen“. Das „Böse“ beruht auf dem hebräischen ), das eine Reihe negativer Dinge bezeichnet,רעWort ra` (Strong's H7451 unter anderem „Böses“ und „Schlechtes“. Dem „Guten“, das hier nicht zur Anwendung kommen wird, liegt das Wort towb (Strong's H2896 grunde, das für positive Dinge verwendet wird und unter anderem „Gutes“ und „Angenehmes“ bezeichnet.

Vers 5 beginnt mit „Und der Herr, der HERR der Heerscharen“. Mit „der Herr“ wird wieder dasselbe Wort 'Adonay wie in Vers 1 wiederge- geben. Der „HERR“ beruht auf dem hebräischen Gottesnamen Yĕhovih ), bei dem es sich um eine Variante des Gottesnamenיהוה(Strong's H3069 ) handelt; diese Variante des Namens wirdיהוהYĕhovah (Strong's H3068 immer dann verwendet, wenn zuvor 'Adonay steht, wie es auch hier der Fall ist. Der Grund dafür ist, dass der Gottesname üblicherweise die Vokalisie- rung von 'Adonay erhält, da statt des Namens „Jahwe“ beim Lesen 'Adonay gesagt wird. Um hier zu vermeiden, dass zweimal 'Adonay gesagt wird, er- ) die Vokal-ואדני יהוה:hält der Gottesname in dieser Kombination (hier אpהיםisierung von 'elohiym (Strong's H430 ) und soll beim Lesen auch als 'elohiym gesprochen werden. Bei 'elohiym handelt es sich um einen Begriff, der als Pluralis Maiestatis in der hebräischen Bibel überwiegend für „Gott“ ) beruht auf demהצּבאותgebraucht wird. Der Ausdruck „der Heerscharen“ ( ) und wird in der RE und inצבאhebräischen Nomen tsaba' (Strong's H6635 der Schl. auch treffend mit „Heerscharen“ übersetzt, wobei es sich hier sowohl um Engel als auch um menschliche Soldaten handeln kann. In Verbindung mit Gott sind hier in erster Linie, aber nicht ausschließlich, die Heerscharen der Engel gemeint.[37] Die LUT gibt mit „Zebaoth“ das He- bräische wieder, ohne es zu übersetzen.

Weiter in Vers 5 schreiben die RE und die LUT „Erde“, Schl. hingegen „Land“. Beides sind mögliche Übersetzungen des hebräischen ארץWortes 'erets (Strong's H776 ). Diese Erde „wankt“ (RE), „bebt“ (LUT) oder „vergeht“ (Schl.), das zu Grunde liegende Wort muwg (Strong's ) bedeutet jedoch eigentlich „schmelzen“ oder „fließen“, in einemמוּגH4127 bildlichen Sinne aber auch so etwas wie „vergehen“ oder „auflösen“. Die LUT redet von den „Bewohner[n]“ dieser Erde, Schl. und die RE hingegen benutzen das Verb „wohnen“, was auch der hebräischen Bibel entspricht, in ) verwendet wird, das u.a.ישׁבwelcher das Verb yashab (Strong's H3427 „wohnen“ bedeutet.

כיארDarauf hin ist vom „Strom“ („wie der Strom“ ) und dann von כּיאר מצריםdem „Strom Ägyptens“ („wie der Strom Ägyptens“ ) die Rede, Schl. hingegen nennt den ersten Strom etwas spezifischer „Nil“, LUT spricht etwas umschreibend von den „Wasser[n] des Nils“. Der Begriff „Strom“ in der RE ist eine treffende Übersetzung, doch liegt hier im he- bräischen Text ein Wort zu Grunde, das ägyptischen Ursprungs ist und in der Bibel fast ausschließlich den Nil bezeichnet: y@`or ; Strong'sיאר( H2975).[38] Alle drei Bibelübersetzungen reden jedoch dann vom „Strom Ägyptens“, weil es hier klar ist, dass vom Nil die Rede ist und es an- scheinend überflüssig wäre, „Nil Ägyptens“ zu sagen.

In Vers 6 gibt es eine Stelle, bei der es Uneinigkeiten gibt, wie der )מעpותיו ) zu übersetzen ist. Der Qere-Lesart ( מעלותוKonsonantentext ( ), das u.a. „Stufe“מעלהberuht auf dem Wort ma`alah (Strong's H4609 bedeutet und auch so in der RE und in der Schl. (2000) übersetzt wird. Laut dem kritischen Apparat der BHS wäre es jedoch auch möglich, dass hier dem Konsonantentext ein anderes Wort zugrunde liegt, nämlich `aliyah ).[39] Dies bedeutet „Obergemach“ oder „Söller“ undעליּה(Strong's H5944 wird auch in einer älteren Version der Schl. (1951) mit „Söller“ wieder- gegeben.

Weiter ist von den „Grundmauern seiner [d.i. Gottes] Gewölbe“ die Rede, wobei „Grundmauern“ eine Ergänzung ist, die nicht im hebräischen Text steht, „Gewölbe“ aber eine Übersetzungsmöglichkeit des hebräischen )[40]. Die Schl. spricht korrekterweiseאגדּהWortes 'aguddah (Strong's H92 nur vom „Gewölbe“, die LUT hingegen interpretiert, indem sie „Palast“ schreibt. Etwas weiter in Vers 6 gießt Gott Wasser „auf das Erdreich“ (LUT) bzw. „über den Erdboden“ (Schl.), wobei die RE mit „über die ) am besten wiedergibt. Stattעל־פּני האָרץFläche der Erde“ das Hebräische ( „Fläche“ steht jedoch eigentlich im Text das hebräische Wort für „Gesicht“, פּ ). Aber die „Fläche der Erde“ ent-ניםnämlich paniym (Strong's H6440 spricht zumindest inhaltlich der Aussage vom eher metaphorischen „(An)gesicht der Erde“. Am Ende von Vers 6 wird der in V. 5f charak- terisierte Gott namentlich vorgestellt: „Jahwe ist sein Name“, LUT und Schl. hingegen bleiben auch hier dabei, nicht „Jahwe“, sondern „Herr“ mit Kapitälchen („HERR“) zu schreiben, in Anlehnung an die im Judentum übliche Weise, „Jahwe“ durch 'Adonay zu ersetzen, wenn der Gottesname im Text auftaucht.

In Vers 7 heißt es: „Seid ihr mir nicht wie die Söhne der Kuschiten, [ihr] Söhne Israel? spricht der HERR.“ Die RE und Schl. geben mit שׁוּכּ ) wieder, das dieי„Kuschiten“ das hebräische Kuwshiy (Strong's H3569 Nachfahren des „Kusch“ bezeichnet, der ein Sohn Hams und ein Enkel Noahs war.[41] Die LUT hingegen sagt „Mohren“, was sich auf die dunkle Hautfarbe der Kuschiten bezieht, jedoch ein mittlerweile negativ konno- tierter Begriff ist. Die Kuschiten lebten in etwa dort, wo sich der heutige Staat Sudan und der nördliche Teil Äthiopiens befinden. Mit „spricht der ) inhaltlichנאם־יהוהHERR“ (RE, LUT und Schl.) wird der hebräische Text ( richtig wiedergegeben, wörtlich müsste es jedoch eigentlich lauten: „ist der נאםAusspruch des HERRN/Jahwes“, da nĕ'um (Strong's H5002 ) ein Nomen bzw. Partizip ist.[42]

Neben den „Kuschiten“ tauchen in Vers 7 noch andere Bezeich- nungen für Völker auf, ebenso Ortsnamen. Bei dem „Land Ägypten“ (RE, Schl.) bzw. „Ägyptenland“ (LUT) ist klar, welcher Ort gemeint ist. Auch bei den „Philister[n]“ besteht kein Bedarf, hier Näheres zu erläutern, jedoch bei ihrem mit „Kaftor“ angegebenen Herkunftsort, der das hebräische Wort כּ ) wiedergibt. Hierbei handelt es sich um dieפוֹתּרKaphtor (Strong's H3731 Mittelmeerinsel Kreta.[43]

אָ ) undרם„Aram“ beruht auf dem hebr. Wort 'Aram (Strong's H758 es ist der Name eines Enkelsohnes Noahs und eines Sohnes Sems,[44] sowie der Stammvater der Aramäer, nach dem sie auch benannt sind, indem der Name ihres Vaters für sie als ganzes Volk verwendet wird (wie in diesem Vers), so wie in der Bibel die Israeliten gelegentlich mit „Jakob“ bzw. „Israel“, dem Namen ihres Stammvaters, bezeichnet werden. Die LUT und Schl. übersetzen hier nicht mit „Aram“, sondern mit „Aramäer“. Als Herkunftsort der Aramäer wird hier in Vers 7 „Kir“ genannt, eine Wieder ). Gesenius vermutet, dass dieserקירgabe des Wortes Qiyr (Strong's H7024 Ort „Kir“ in etwa in einer Gegend lag, die sich südlich des Kaukasusgebirges, zwischen Schwarzem Meer und Kaspischem Meer entlang des Flusses Kura befindet. Zwickel sagt, die Lage von Kir sei bisher unbekannt, andere vermuten, es läge im südlichen Mesopotamien.[45]

Vers 8 beginnt mit „Siehe, die Augen des Herrn, HERRN, [sehen] auf das sündige Königreich“. Bei „des Herrn, HERRN“ liegt wieder der ), Schl. und LUTאדני יהוהselbe Fall wie in Vers 5 vor ('Adonay Yĕhovih ; übersetzen mit „Gottes, des HERRN“. Mit dem „sehen“ in Klammern gibt die RE an, dass es sich hier um eine Ergänzung handelt, da im hebräischen Text kein Verb vorhanden ist, das sich mit „sehen“ übersetzen ließe; Die LUT sagt ebenfalls „sehen“, ohne es allerdings als Ergänzung kenntlich zu machen und die Schl. übersetzt ebenfalls etwas ergänzend mit „die Augen… sind auf das sündige Königreich gerichtet“. Bei dem „Erdboden“ (LUT, Schl.) bzw. der „Fläche des Erdbodens“ (RE) ist es ähnlich wie in Vers 6, פּ ) redenני האדמהsodass man eigentlich vom „(An)gesicht des Erdbodens“ ( ) zuארץmüsste. Dem Erdboden liegt hier nicht 'erets (Strong's H776 ), wasאדמהGrunde (wie in Vers 6), sondern 'adamah (Strong's H127 „Land“ oder „Boden“ bedeutet und auf der Wurzel für „rötlich“ oder „gelbbraun“ beruht. Ein klarer Bedeutungsunterschied zwischen 'erets und 'adamah ist aber nicht immer festzustellen. Das Verb shamad (Strong's שׁ ) taucht insgesamt drei mal in Vers 8 auf und wird von der REמדH8045 mit „ausrotten“, von der LUT und Schl. mit „vertilgen“ übersetzt, die Hauptbedeutung ist jedoch „zerstören“. Der Grund, warum das dreifache shamad in den drei Bibelausgaben nur zwei mal übersetzt wird, liegt darin, dass in der Aussage über das „Haus Jakob“ eine Konstruktion verwendet wird, in welcher zuerst der Infinitiv des Verbes shamad steht, darauf hin folgt eine finite Verbform von shamad. Dies stellt eine Intensivierung oder Betonung der Aussage des Zerstörens dar („völlig zerstören“).

[...]


[1] Als Textgrundlage dient hier die Revidierte Elberfelder Übersetzung (1999).

[2] Vgl. Neef (2006), S. 78.

[3] Ibd.

[4] Vgl. Amos 7,14.

[5] Amos 7,15.

[6] Amos 1,1.

[7] Vgl. Neef (2006), S. 79 und Amos 1,1.

[8] Vgl. Markert (1978), S. 472.

[9] Vgl. Neef (2006), S. 78.

[10] Beispielsweise in Amos 1,3.

[11] Mit Ausnahme Moabs, das für Verbrechen an Edom gerichtet werden soll (Amos 2,1-3).

[12] Vgl. Neef (2006), S. 78.

[13] Ibd.

[14] Die Formulierungen „…ist der Ausspruch des HERRN“ oder „So spricht der HERR“ finden sich sehr häufig im Amosbuch, um zu zeigen, dass Amos hier nicht seine eigenen Ideen formuliert, sondern er als Sprachrohr Jahwes handelt. Der größte Teil des Buches enthält Worte Jahwes, durch den Mund des Amos ausgesprochen. Wenige Ausnahmen bilden erzählende Teile wie 1,1 oder 7,10ff oder die Visionsberichte in den Kapiteln 7-9.

[15] Amos 5,6. Ähnlich formuliert auch in 5,4 und 5,14.

[16] Amos 5,21: „Ich hasse, ich verwerfe eure Feste, und eure Festversammlungen kann ich nicht riechen“.

[17] Der Stammvater Israels, Jakob, wird hier als Bezeichnung für das ganze Volk bzw. dessen Regierung verwendet.

[18] Vgl. Neef (2006), S. 78.

[19] Amos 8,11.

[20] Amos 8,3.9.13.

[21] Vgl. Jeremias (1998), S. 418f.

[22] Beispielsweise in Amos 8,1.

[23] Vgl. Amos 9,1.

[24] Vgl. Amos 9,1-4.

[25] Vgl. Neef (2006), S. 79.

[26] Diese Segensverheißung wird mit derselben Formulierung „Siehe, Tage kommen, spricht der HERR“ (9,13) eingeleitet, mit der zuvor Gericht angekündigt wurde (8,11).

[27] Vgl. Biblia Hebraica Stuttgartensia (BHS), S. 926f.

[28] Würthwein (1988), S. 166. Würthwein spricht hier jedoch auch von zwei Abweichungen zwischen Murabba’at 88 und M in 9,5 und 9,8 (Vgl. Würthwein (1988), S. 166).

[29] Rev. Elberfelder (6. Auflage, 1999), Lutherbibel (1984) und revidierte Schlachterübersetzung (2000). Vergleich der Bibelübersetzungen nebeneinander: siehe Anhang.

[30] Nähere Erläuterungen zur Blue Letter Bible (BLB) und der Arbeitsweise mit ihr: Siehe Anhang.

[31] Die BLB wird im nun folgenden Übersetzungsvergleich durchgehend als Quelle verwendet, jedoch nur eingangs ausdrücklich als Quelle genannt.

[32] Diese werden dann jedoch ausdrücklich jeweils als Quelle genannt.

[33] Im Folgenden geschieht die Transkribierung hebräischer Wörter nach dem in der BLB verwendeten Standard, der von dem im Deutschen üblichen Standard abweicht.

[34] Der in der RE mit Kapitell übersetzte Begriff kaphtor (Strong’s H3730 ) wird in der Luther mit Knauf und in der Schlachter mit Säulenknauf übersetzt. Die RE und ) mit Schwellen, Luther mit Pfosten. DieסףSchlachter übersetzen caph (Strong’s H5592 unterschiedlichen Übersetzungen für kaphtor und caph sind jedoch allesamt möglich.

[35] Frey (1958), S. 172

[36] Vgl. Ben Zvi (2004), S. 1191.

[37] Vgl. Grimm (2006), S. 1491.

[38] Vgl. dazu etwa das hebräische Wort nahar (Strong's H5104 ), das u.a. auch „Strom“ bedeutet und z.B. in Gen 2,10 verwendet wird, hier jedoch nicht.

[39] Vgl. BHS, S. 927.

[40] Die Grundbedeutung ist jedoch „Band“ oder „Knoten“.

[41] Vgl. Gen. 10.

[42] Dasselbe gilt auch für die folgenden Verse 8, 12 und 13, wo auch mit „spricht der HERR“ übersetzt wird, was wörtlich „ist der Ausspruch des HERRN“ lautet. Vgl. dazu die Fußnote in der RE zu den entsprechenden Versen.

[43] Vgl. Zwickel (2006), S. 710.

[44] Vgl. Gen. 10.

[45] Vgl. Zwickel (2006), S. 737.

Details

Seiten
48
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656095552
ISBN (Buch)
9783656095835
Dateigröße
759 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184672
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,0
Schlagworte
Amos Amos 9 Exegese Hüttte Davids

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Titel: Exegese zu Amos 9,1-15