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Friedrich II. von Hohenstaufen: Seine politischen und kulturellen Verbindungen zum Islam

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 25 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Friedrichs Kindheit in Palermo (1194 – 1211)

3. Die Deportation der sizilianischen Sarazenen (1223 – 1246)

4. Der Kreuzzug Friedrichs II. (1215 – 1229)

5. Das Hofleben Friedrichs II.

6. Abschließende Bewertung

7. Anhang
7.1 Literaturverzeichnis
7.2 Abbildungsverzeichnis
7.3 Kartenmaterial

1. Einleitung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Friedrich II.

Die vorliegende Hausarbeit, entstanden im Seminar „Friedrich II. – der Sultan von Lucera“, beschäftigt sich mit dem Verhältnis des Staufers zum Islam, hinsichtlich der Faktoren Politik, Wissenschaft und Kultur. Auf den ersten Blick erscheint Friedrich dabei als Person, die die verschiedenen Kulturen verbunden hat und die wie keine andere Person ihre Zeit und vor allem auch die Nachwelt in ihren Bann gezogen hat. Dies zeigt sich auch an den positiven Bewertungen, die Friedrich zugeschrieben werden. Gunter Wolf zählt ihn „mit Recht zu den größten Kaisern der an gewaltigen Persönlichkeiten ohnehin nicht armen mittelalterlichen Geschichte“[1]. David Abulafia charakterisiert ihn dahingehend, dass „Friedrich zu der kleinen Schar der mittelalterlichen Herrscher [gehört], die Bewunderer bis heute finden“[2]. Eberhard Horst nennt ihn gar „eine der faszinierendsten Gestalten des Mittelalters“[3]. Warum dies so ist und ob diese Umschreibungen historisch korrekt sind, soll in der vorliegenden Hausarbeit analysiert werden. Es sind zunächst vier Aspekte, die Friedrich in das geschilderte Licht setzen und die schließlich dazu führen, dass sein Bild von Mythen und Legenden umrankt wird.

Erstens Friedrichs Heimat Sizilien, die als Brücke zur hochstehenden Kultur des Orients aufgefasst wird und die durch geschäftige Handelsbeziehungen eine rege kulturelle Wechselbeziehung etablieren konnte.[4] Von diesem Punkt wird überwiegend zweitens Friedrichs breites kulturelles Interesse und seine Toleranz gegenüber den Juden und Muslimen abgeleitet. Das dritte Leitmotiv ist, dass Friedrich als Herrscher begriffen wird, dem es allein durch arabische Sprachkenntnisse und geschickte Diplomatie gelang, einem islamischen Herrscher Jerusalem abzunehmen. Somit erscheint der Staufer schließlich viertens als vernünftiger Herrscher inmitten von religiösen Fanatikern.[5] Maßgeblich verantwortlich für dieses Bild ist wohl eine 1927 erschienene Biographie von Ernst Kantorowicz über Friedrich.[6]

Ziel dieser Hausarbeit soll es nun sein, anhand von vier zentralen Gliederungspunkten zu überprüfen, inwieweit das eben geschilderte Bild stimmig und stringent sowie überhaupt historisch belegbar ist. Dazu sollen auch arabische Chronisten Gehör finden, unter anderem Ibn Wasil.[7] Die vier Punkte sind Friedrichs Kindheit in Palermo, die von ihm veranlasste Deportation der sizilianischen Sarazenen nach Lucera, der Kreuzzug Friedrichs inklusive der Verhandlungen mit Al-Kamil und abschließend das Leben am Hofe Friedrichs unter Berücksichtigung der orientalischen Einflüsse und dem Kontakt Friedrichs zur islamisch-arabischen Philosophie und Naturwissenschaft.

Anhand dieser Punkte soll weiterhin geprüft werden, wie Friedrich abschließend zu bewerten ist. Ist er ins Mittelalter einzuordnen, oder ist er doch ein verfrühter Renaissancekaiser? War er ein Despot oder doch der erste Aufklärer? Hat Jacob Burckhardt Recht, wenn er Friedrich als „ersten modernen Menschen auf dem Thron“[8] beschreibt? Hat Friedrich Nietzsche Recht, der Friedrich als „ersten Europäer nach meinem Geschmack“[9] auffasst? All diese Fragen sollen schließlich in einer Abschlussbewertung geklärt werden. Festzuhalten bleibt schon jetzt, dass Friedrichs Charakter definitiv komplex und mehrschichtig ist und man daher erneut Gunther Wolf zustimmen kann, der Friedrich folgendermaßen umschreibt:

„Italiener von Geburt, Normanne und Deutscher von Abstammung, Christ aus Tradition und Überzeugung, Freund der Wissenschaften und selbst hervorragender Vertreter dieser, dennoch Ketzerverfolger aus Glauben und Staatsräson, Freund der Muslime, Messiaskaiser und apokalyptisches Tier“.[10] Somit scheint die Friedrich zugeschriebene Darstellung als Stupor Mundi et Immutator Mirabilis durchaus gerechtfertigt.[11]

2. Friedrichs Kindheit in Palermo (1194 – 1211)

Der erste Punkt, um das Wesen Friedrichs im Bezug auf den Islam näher zu beleuchten, soll eine Analyse seiner Kindheit, die er überwiegend in Palermo verbrachte, darstellen. Voraussetzen muss man, dass es über diese Zeit kaum zeitgenössische Quellen gibt, was an sich für die damalige Zeit nichts Ungewöhnliches ist, bei Friedrich jedoch die Phantasie einiger Autoren sehr stark angeregt zu haben scheint.[12] Überliefert sind auf jeden Fall Datum und Ort seiner Geburt, Friedrich wurde am 26. Dezember 1194 in Jesi bei Ancona geboren. Ferner wurde er am 17. Mai 1198 zum König von Sizilien. Mit vier Jahren war Friedrich bereits Vollwaise und wuchs so bis zu seinem 18. Lebensjahr elternlos im normannischen Königspalast in Palermo auf.[13] Da es verschiedene Bestimmungen gab, wie mit dem minderjährigen König Friedrich zu verfahren ist, kam es zu einer Art Machtvakuum in Sizilien und als Folge davon wurde Friedrich mehr und mehr zum Spielball zwischen der Partei um Papst Innozenz III. und den in Italien verbliebenen Staufern.[14] Über die genauen Details über die Phase von Friedrichs Kindheit ist wie gesagt wenig überliefert, lange Jahre prägte jedoch folgendes Bild diese Phase.

Friedrich sei völlig verwahrlost durch die Straßen und Märkte Palermos gezogen und musste fortdauernd um Essen betteln. Sizilien wurde dabei in diesem Bild als vorwiegend sarazenisch geprägte Lebenswelt aufgefasst, Palermo dann folgerichtig als Schmelztiegel der Kulturen.[15] Diese Schilderung hat ihren Ursprung wohl in der sogenannten kleinen sizilianischen Chronik, die etwa 70 Jahre nach den niedergeschriebenen Ereignissen entstanden ist. Dort heißt es: „Auch die zahlreichen Sarazenen, die damals in Sizilien lebten, erhoben sich gegen ihn [= Friedrich] und er geriet in solche Note, dass er kaum noch etwas hatte, das er essen konnte.“[16] Auch von dem bereits erwähnten Ernst Kantorowicz wurde diese Quelle aufgegriffen, denn auch in seiner Biographie des Staufers finden sich ähnliche Begebenheiten. Friedrich soll es an dem Nötigsten gefehlt haben, zudem sei er ständig auf Streifzügen durch die Märkte und Gassen Palermos gewesen und so in Kontakt zu einfachen Leuten gekommen sein, woraus Kantorowicz seinen teilweise ungehobelten Umgang mit anderen Menschen ableitet. Zudem sei er bei seinen Ausflügen ohne Schutz unterwegs gewesen und so auch in Kontakt mit muslimischer Kultur und der arabischen Sprache gekommen, die er schon früh beherrscht haben soll.[17] Kantorowicz interpretiert diese Quelle weiterhin dahingehend, dass Friedrich keinerlei systematische Erziehung erfahren habe und in seiner Erziehung hauptsächlich von einem philosophisch gebildeten Imam geprägt worden ist.[18] Weiterhin sagt er aus, dass das Leben Friedrich erzogen habe und reiche Bürger Palermos ihn ernährten.[19] So schließt er, dass Friedrich eine Erziehung bekommen habe, die ihn wesensmäßig von allen anderen Herrschern des Mittelalters unterscheide.[20]

Die Frage ist nun, inwieweit dieses Bild historisch korrekt ist und sich auch mit Quellen belegen lässt. Rotter verweist auf eine weitere Handschrift aus der oben bereits erwähnten sizilianischen Chronik, in der es heißt: „Auch die zahlreichen Sarazenen, die damals in Sizilien lebten, erhoben sich gegen ihn [= Friedrich]. Und sie gerieten in solche Not, dass sie kaum etwas hatten, das sie essen konnten.“[21] Nach dieser Quelle war es also nicht Friedrich, der Hunger litt, sondern die Sarazenen. Somit würde der Argumentation von Kantorowicz ein entscheidendes Fundament fehlen. Diese zweite Quelle erscheint darüber hinaus die glaubhaftere zu sein, wenn man sich die Lage in Sizilien vor Augen führt. Unter politischen Gesichtspunkten wird die hohe Bedeutung, die Friedrich für diejenige Partei, der er anvertraut war, gehabt haben muss, mehr als deutlich. Sein Königsrang wurde von keiner Partei bestritten.[22] In diesem Sinne scheint dann auch alles für eine systematische und standesgemäße Erziehung zu sprechen.[23] Dass er Hunger litt und ohne Schutz durch Palermo streifte, erscheint ebenso unwahrscheinlich. Auch unter kulturellen Gesichtspunkten werden Zweifel an der Beschreibung von Kantorowicz offensichtlich. Die Muslimengemeinde, die unter den Normannen, bis in die dreisprachig arbeitende Kanzlei hinein, kulturtragend war, war zur Zeit der Jugendjahre Friedrichs längst in Auflösung begriffen.[24] Es war somit auch kein Interesse der jeweiligen Militärs am Zusammenleben vieler Völkergruppen auszumachen. Die sogenannte convivencia war mehr oder minder zerstört.[25]

Die Annahme, dass Friedrich in seiner Jugend von einem oder mehreren arabischen bzw. jüdischen Lehrern beprägt wurde, muss somit als spekulativ bewertet werden und ist sicherlich vor allem als Rückschluss auf Friedrichs späteres Verhalten gegenüber dem Orient zu interpretieren.[26]

Man darf somit festhalten, dass das vor allem von Ernst Kantorowicz geschaffene Bild, mangels verfügbarer Quellen durchaus auf nachvollziehbarer Art und Weise, einer Romantisierung oder auch Stilisierung Friedrichs nach Idealen der Jugendbewegung[27] und der Reformpädagogik[28] entspricht.[29] Denn trotz der mangelhaften Quellenlage scheint aufgrund der politischen Lage im Umfeld Friedrichs vieles für eine normale, standesgemäße Erziehung und Kindheit zu sprechen. Berücksichtigen muss man aber auch, dass „wie immer man seine späteren philosophisch-naturwissenschaftlichen Fragestellungen deutet und wie immer man deren Kühnheit im Widerspruch zur rechtgläubigen Lehre sieht, sie wären undenkbar ohne grundlegende arabische Einflüsse in Friedrichs palermitanischen Jugendjahren“[30]. So kann hier abschließend notiert werden, dass das sarazenische Erbe Siziliens zwar im Rückgang begriffen, aber keineswegs ganz verschwunden war. Eine gewisse Wirkung auf Friedrichs Charakter ist somit nur folgerichtig. Dies muss jedoch wesentlich funktionaler betrachtet werden, als dies z.B. Kantorowicz getan hat.

3. Die Deportation der sizilianischen Sarazenen (1223 – 1246)

Sizilien war vor der normannischen Eroberung zwischen 902 und 1091 ein arabisches Emirat.[31] Im 12. Jahrhundert war die Zahl der Muslime am Hofe und in den Städten jedoch schon stark rückläufig, sodass es nur in den unzugänglichen Berggegenden Westsiziliens eine muslimische Mehrheit gab.[32] Ende des 12. Jahrhunderts geriet diese Gruppe in Konflikt mit den christlichen Bewohnern des Königreiches. Die wirtschaftlich und kulturell führende Schicht der Muslime war zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits gen Nordafrika, nach Ägypten oder nach Südspanien ausgewandert. Die Übrigen verteilten sich auf die Gebiete Val di Mazara (südwestlich von Palermo; vgl. Abb. 3) und Val di Noto (zwischen Agrigent und Syrakus). Diese hatten sich somit in das bergige Innere der Insel Sizilien zurückgezogen, um sich von dort aus in Bergdörfern und Kastellen zu verteidigen.[33]

Friedrich strebte aber gleichzeitig nach der Wiedererrichtung der inneren Ordnung in Sizilien, um darüber hinaus eine politische Einheit von Sizilien mit dem Kaiserreich (unio regni cum imperio) zu errichten, um so den Kirchenstaat (patrimonium petri; vgl. Abb. 3) zu umzingeln und um gleichzeitig die Hegemonie in Italien zu erlangen.[34] So kam es zur Belagerung von Jato und zum Jahreswechsel 1223/1224 zu ersten Umsiedlungen der Sarazenen nach Lucera (vgl. Abb. 3).[35] Aber der Widerstand war noch lange nicht gebrochen, dafür waren die Hochburgen und Widerstandsnester noch zu stark. Um die weiteren militärischen Unternehmungen zu finanzieren ließ Friedrich nach Ende 1223 im September 1224 die sizilianischen Untertanen erneut mit einer Abgabe belegen. Bereits ab November 1223 war für Friedrich klar, alle Sarazenen von der Insel zu vertreiben. Dies gelang ihm jedoch zunächst noch nicht, denn auch nach 1225 lebte noch eine beachtliche Zahl auf der Insel.[36]

Im Juli 1245 flohen die Sarazenen erneut in die Berge, Jato wurde erneut ihre Hochburg. Dies war für Friedrich ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, war er doch gerade von Papst Innozenz IV. abgesetzt worden. So konnte Friedrich bis Juli 1246 nur Drohungen gegen die Sarazenen erheben. Im August 1246 konnte ein Heer unter Graf Richard von Caserta[37] die Sarazenen jedoch zur Aufgabe zwingen und komplett unterwerfen. Alle Sarazenen wurden in der darauffolgenden Zeit nach Lucera deportiert, damit war die sarazenische Geschichte auf Sizilien beendet. Um den Bevölkerungsverlust auszugleichen, siedelte Friedrich Lombarden und nordafrikanische Juden an. Die Gesamtzahl der insgesamt ausgesiedelten Sarazenen ist ungewiss. Stürner beziffert die Zahl nach Studium einiger Quellen auf 60.000, wendet jedoch gleich ein, dass ihm diese Zahl als zu hoch erscheint.[38] Eickels schätzt, wiederum auf ähnliche Quellen gestützt, dass insgesamt 15.000 bis 20.000 waffenfähige Männer nebst ihren Familien in Lucera angesiedelt wurden.[39]

Recht bald nach der Ansiedlung kam es zu einem Gesinnungswandel, sowohl bei Friedrich als auch bei den angesiedelten Sarazenen. Friedrich gestattete die freie Religionsausübung und räumte zudem weitgehende Autonomierechte ein.[40] Die Sarazenen akzeptierten ihre Lage und wurden loyale Mitstreiter Friedrichs, die recht bald produktiv wurden.[41] So wurde Lucera innerhalb kurzer Zeit zu einem Zentrum der Teppich- und Waffenproduktion. Daneben kultivierten die Sarazenen das etwa 30.000 Hektar umfassende Ackerland. Zudem erlangte Lucera für Friedrich erhebliche militärische Bedeutung. Die Sarazenen waren immun gegen die Waffe der Exkommunikation und standen Friedrich loyal zur Seite. Weiterhin lag Lucera als neue Militärkolonie in bester geostrategischer Lage als kaum zu überwindendes Hindernis auf dem Weg nach Foggia oder ins südliche Apulien (vgl. Abb. 3). Lucera sollte auch unter Friedrichs Nachfahren Manfred und Konradin diesen ergeben zur Seite stehen. Erst im August 1300 musste sich die Stadt den Angriffen von Karl von Anjou beugen, die Stadt wurde vernichtet und die noch lebenden Sarazenen wurden als Sklaven verkauft.

Die Bewertung der Vorgänge um Lucera ist je nach Perspektive unterschiedlich. In den staufischen Quellen wird das Vorgehen Friedrichs zur Befreiung Siziliens von der sarazenischen Gefahr als große Leistung gewürdigt. In päpstlichen Quellen wird Lucera hingegen mit einem Harem sarazenischer Sklavinnen gleichgesetzt. In kirchlichem Verständnis war Friedrichs Arrangement mit den Sarazenen ein Ärgernis und eine Ungeheuerlichkeit ungeahnten Ausmaßes. So schrieb Papst Gregor in einem Brief an Friedrich: „Verwundert und bestürzt vernahmen sie, dass die Söhne des Verderbens, die Sarazenen nämlich, die du in Apulien angesiedelt hast, unter Zusicherung deiner Gnade […] die Kirche in Bagno Fojetuno in einen Ort des Teufels verwandelten […] und sie von Grund auf zerstörten, indem sie ihre Steine und Balken nach Lucera transportierten, um dort ihre Häuser zu bauen.“ Auch die arabischen Chronisten berichten über Lucera. So beschreibt Ibn Nazif die Sarazenen als einfache Leute, die vertrieben wurden. In diesem Sinne wird Friedrich II. natürlich als negativ bewertet. Ibn Wasil[42], der schon erwähnte Chronist, schreibt jedoch über Friedrich und Lucera: „Im Monat Ramadan 659 [= August 1261] begab ich mich als Botschafter des großen Sultans Barbars seligen Andenkens zu Manfred. Ich wurde hoch geehrt und hielt mich bei ihm auf in einer Barletta genannten Stadt Apuliens im langen Land, das an Spanien grenzt. […] Nicht weit von meinem Aufenthaltsort lag eine Stadt mit Namen Lucera, deren Einwohner alle Muslime von der Insel Sizilien sind. Hier wird der Freitagsgottesdienst öffentlich abgehalten und alle bekennen sich offen zum muslimischen Glauben. Das ist dort so seit der Zeit des Kaisers, Manfreds Vater. Er hatte dort ein wissenschaftliches Institut eingerichtet, um alle Zweige der spekulativen Wissenschaft zu pflegen. Die Mehrheit seiner Vertrauten und Höflinge waren Muslime, in seinem Lager erscholl offen der Gebetsruf und das vorgeschriebene Gebet wurde verrichtet.“[43]

Wie ist nun das Vorgehen Friedrichs zu bewerten, vor allem im Kontext der ihm nachgesagten Toleranz und der Frage, ob er ein Despot oder ein Wohltäter sei? Die Deportation spricht scheinbar dafür, Friedrich als Despot zu charakterisieren. Zudem lässt sich dieses Bild so auch nicht in Einklang bringen mit Friedrichs Ruf als Freund der Muslime. Aber seine Unnachgiebigkeit in Sizilien zeigt vor allem etwas anderes sehr deutlich, nämlich dass Friedrich ein Machtpolitiker durch und durch war.[44] Für ihn stand das bereits erwähnte Ziel, die Hegemonie in Italien durch Umklammerung des Kirchenstaates, ganz oben auf der Liste seiner Ziele. Dem ordnete er natürlich auch die Frage der Sarazenen unter. Das wird auch dadurch bewiesen, dass Friedrich den Sarazenen, sobald sie in Lucera angesiedelt waren, durchaus freundlich gesonnen war. Diese Freundlichkeit war aber nicht, wie oft gesagt wird, in einer modernen humanistischen oder aufgeklärten Tradition verwurzelt, sondern wurde von Friedrich aus wohlbedachtem Eigennutz eingesetzt.[45]

So kann man ableiten, dass für Friedrich eindeutig das Primat der Politik vor der Kultur galt.[46] Innerhalb der kulturellen Ebene war Friedrich dann aber auch, in den Maßstäben seiner Zeit gemessen, durchaus tolerant. Somit dient Lucera als zweites Beispiel für Friedrichs Einstellung zum Islam und zu seinem wahren Charakter. Diese beiden Punkte sollen im nun folgenden Kapitel über die Begebenheiten rund um seinen Kreuzzug weiter vertieft werden.

[...]


[1] Wolf (1966), S. 1

[2] Abulafia (1994), S. 7

[3] Horst (1997), S. 5

[4] Cf. Museum für islamische Kunst (1995), S. 13

[5] Cf. Eickels (2008), S. 67

[6] Cf. ibid.

[7] Ibn Wasil Gamal ad-Din (* 1208 in Hama; † 1298 in Hama) war arabischer Politiker, Diplomat und Historiker. Er bekleidete unter den Ayyubiden verschiedene politische Ämter. Er war des Weiteren an verschiedenen Höfen in Syrien und Ägypten tätig. Cf. Gottschalk (1958), S. 7

[8] Horst (1997), S. 17

[9] Ibid.

[10] Wolf (1966), S. 3

[11] Dies bedeutet aus dem lateinischen übersetzt soviel wie Staunen der Welt und wundersamer Veränderer. Diese Titulation stammt von Matthäus Paris (* um 1199 in England; † um 1259), der Geschichtsschreiber im Benediktinerkloster St Albans war

[12] Cf. Rotter (2000), S. 26 und Horst (1997), S. 31

[13] Cf. Koch (2000), Sp. 933-938

[14] Cf. Rotter (2000), S. 18

[15] Cf. Horst (1997), S. 5 und Koch (2000), Sp. 936

[16] Zitiert nach Rotter (2000), S. 26

[17] Cf. Horst (1997), S. 36f

[18] Cf. Eickels (2008), S. 69

[19] Cf. ibid.

[20] Cf. ibid.

[21] Zitiert nach Rotter (2000), S. 25

[22] Cf. op. cit., S. 27

[23] Cf. Abulafia (1994), S. 122

[24] Cf. Rotter (2000), S. 27

[25] Cf. Horst (1997), S. 33

[26] Cf. Rotter (2000), S. 27

[27] Die Jugendbewegung ist eine ab etwa 1896 in Deutschland einsetzende Jugendkultur. In der Entstehung gab es wechselseitige Einflüsse mit der Reformpädagogik, später mit der deutschen Pfadfinderbewegung. Am Anfang der deutschen Jugendbewegung steht die Wandervogelbewegung. Die Jugendbewegung entwickelte sich zunächst aus einem antibürgerlichen Affekt, der jungen Menschen im bewussten Gegensatz zum Stadtleben durch Ausflüge, so genannten Fahrten, die Natur nahe zu bringen versuchte.

[28] Unter der Bezeichnung Reformpädagogik werden verschiedene Ansätze zur Reform von Schule, Unterricht und Erziehung zusammengefasst, die sich Ende des 19. und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts gegen Lebensfremdheit und Autoritarismus der vorherrschenden, auf das Einpauken von Wissen orientieren Schule wandten und zu einer veränderten Bildungstheorie und damit einer veränderten Didaktik beitragen wollten. Vorläufer ist die Anschauungspädagogik. In Deutschland gab es eine starke wechselseitige Beeinflussung mit der Jugendbewegung

[29] Cf. Eickels (2008), S. 71, Eickels (2000), S. 36 und Rotter (2000), S. 26

[30] Horst (1997), S. 37

[31] Cf. Eickels (2000), S. 125

[32] Cf. ibid.

[33] Sie lebten aber auf Besitz von Christen, sodass diese sich ihren Besitz bis 1221 mehrmals von Friedrich bestätigen ließen. Cf. Stürner (2000), S. 66

[34] Cf. Gabrieli (1966), S. 274

[35] Eine ehemalige byzantinische Garnison in Apulien, etwa 20 Kilometer nordwestlich von Foggia gelegen

[36] Cf. Stürner (2000), S. 69

[37] Richard Graf von Caserta (* um 1215/18, + nach 2.3.1265, vor März 1266). Seit etwa 1234 am Hofe Kaiser Friedrich II. Generalvikar für die Mark und das Herzogtum Spoleto (1243 und 1244), Vikar des Kaisers für das Königtum Sizilien (1248), Generalkapitän diesseits des Faro (1265).

[38] Cf. Stürner (2000), S. 72

[39] Cf. Eickels (2000), S. 125

[40] Cf. Leder (2008), S. 83

[41] Die Regesta Imperii berichten dazu: „[Friedrich] meldet allen prälaten, grafen, baronen, iustitiaren, cämmerern und baiuli in Calabrien, Apulien, Principat, gebiet von Benevent und Terra die Lavoro, dass er den Saracenen von Lucera gestattet habe, in diesen provinzen abgabefrei zu kaufen und zu verkaufen.“ Zitiert nach Ficker (1981), S. 371

[42] Seine Rolle im Zusammenhang mit den Kreuzzügen wird in Kapitel 4 näher betrachtet

[43] Zitiert nach Eickels (2000), S. 129f

[44] Cf. Leder (2008), S. 83

[45] Cf. Horst (1997), S. 12

[46] Cf. Gabrieli (1966), S. 274

Details

Seiten
25
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656094210
ISBN (Buch)
9783656094692
Dateigröße
4.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184605
Institution / Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta – Institut für Geschichte und historische Landesforschung
Note
1,0
Schlagworte
Friedrich II; Islam; Sultan; Lucera

Autor

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Titel: Friedrich II. von Hohenstaufen: Seine politischen und kulturellen Verbindungen zum Islam