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Eine vergleichende Betrachtung der Konzeptionen des Vaters und des Ehemannes im Spiegel der Kodifikationen des 19. Jh. und dem heutigen BGB

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 34 Seiten

Jura - Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie, Rechtsgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sprachwissenschaftliche Preliminarien zur Untersuchung des Gegenstandes

3. Familie und Recht

4. Der Ehemann – Von patriarchalischer Gewalt zum gleichberechtigten Partner

5. Der Vater – Vom patria potestas zur elterlichen Gewalt und von der Suche nach einer Definition im Spannungsfeld zwischen soziologischer und biologischer Konzeption

6. Wörterbücher – Ein anderer Zugang zu den Begriffskonzeptionen einer Gesellschaft

7. Zusammenfassung

8. Quellen- u. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Hausarbeit soll den Versuch unternehmen, zwei Aspekte zu untersuchen: Zum einen soll eruiert werden, welche Entwicklung die Rollen des Vaters und des Ehemannes im Spiegel der bedeutendsten Gesetzestexte des 19. Jahrhunderts – das Allgemeine Preußische Landrecht, der Code Civil und das Bürgerliche Gesetzbuch – hin zum modernen Entwurf des BGB genommen haben. Hierbei sollen in concreto folgende Fragen beantwortet werden: Inwieweit haben sich die gesellschaftliche Konzeptionen des Vaters und des Ehemannes, ihre Rollen und Machtbefugnisse innerhalb der Familie, im Spiegel der Paragraphen des 19. Jahrhunderts verändert? Welche Paragraphen belegen einen etwaigen strukturellen Wandel? Wie different sind die Befunde aus ALR, CC und BGB (alt) im Vergleich zur modernen Ausgabe des BGB? Dabei soll geprüft werden, ob, analog zur populären Vorstellung, ein geradliniger Prozess hin zur modernen Wahrnehmung des Vaters und Ehemannes als gleich-, und eben nicht vorberechtigten Familienmitgliedes festgestellt werden kann. Im Zuge dessen sollen folgende Postulate überprüft und im Ergebnis verifiziert oder falsifiziert werden:

- Heidi Rosenbaum: „Die Position der Frau sei noch nie so untergeordnet und unselbständig gewesen wie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.“[1]
- Michael Matzner: „Neue Werte im Zuge der Französischen und Amerikanischen Revolution förderten die Entmachtung des Vaters.“[2]
- Joachim Gernhuber und Dagmar Coester-Waltjen: „Der Abbau des patriarchalischen Familienbildes … ist zugleich Ursache, Folge und Notwendigkeit des Funktionswandels der neuen Lebensform. ... Weil in der Kernfamilie jedem einzelnen Mitglied größere Bedeutung als in der Großfamilie zukommt … konnte sie an ihrer alten Autoritätsstruktur nicht festhalten.“[3]

Der zweite Aspekt der Hausarbeit wird sich auf die enge Definition von Vater innerhalb der Gesetzestexte konzentrieren und soll dabei ermitteln, ob es sich hierbei vornehmlich um eine biologische (in etwa: Erzeuger = Vater) oder eher um eine soziologische (in etwa: Ehemann der Mutter = Vater) Begriffsdeutung handelt. Sind diese Maßgaben ausschließlich normative Bestimmungen (denn es sind ja unweigerlich normative Quellen), oder können sie gar als deskriptiv, als in gewisser Weise das Gesellschaftsbild wiedergebend, bezeichnet werden? Trifft letzteres zu, so könnte in Tat bejaht werden, dass im „Eherecht das sittliche Wesen der Ehe die Grundlage bildet“[4] und dass der „Institutionsbegriff [Ehe] als Mittel zur Abteilung konkreter Entscheidungen aus einem nicht offengelegten Wertesystem“[5] dienen kann. Um dies zu eruieren, sollen Wörterbücher und Lexika nach den Begriffen Ehemann und vor allem Vater untersucht und mit den Ergebnissen aus der Quellenarbeit mit den Kodifikationen des 19. Jahrhunderts verglichen werden. Stimmen die Konzeptionen von Ehemann und Vater in beiden Quellenarten überein, so kann von einem engen Abbild der gesellschaftlich-strukturellen Situation in den Gesetzessammlungen ausgegangen werden. Findet sich auf der einen Seite jedoch ein Übergewicht der soziologischen zur biologischen Definition, so muss wohl der normative Charakter der Paragraphen unterstrichen werden.

Hinsichtlich beider Aspekte wird also die Methode des Vergleiches angewandt. Dabei handelt es sich sowohl um einen synchronen, als auch um einen diachronen Vergleich der oben genannten Quellen. Die Erforschung der Rollenentwicklung des Vaters und Ehemannes kann dabei eher als rechtsgeschichtliche Untersuchung bezeichnet werden. Die Frage nach der biologisch-soziologischen Definition hingegen tangiert eher den Bereich einer begriffsgeschichtlichen Hausarbeit. Dass beide Aspekte dennoch nicht losgelöst voneinander betrachtet werden sollten (oder könnten), soll zunächst im folgenden Kapitel verdeutlicht werden. Als neuer Ansatz dürfte dabei vor allem letzterer, die Untersuchung der Kerndefinition von Vaterschaft, unter Berücksichtigung des Vergleiches mit Wörterbüchern respektive Lexika, bezeichnet werden. Doch auch die Prüfung der oben niedergeschriebenen Thesen, welche nur durch eine profunde Analyse der entsprechenden Paragraphen möglich sein kann, darf als noch nicht unternommen betrachtet werden.

2. Sprachwissenschaftliche Preliminarien zur Untersuchung des Gegenstandes

Gilt es die Frage zu beantworten, ob es sich bei der Untersuchung der Termini Vater und Ehemann in den erwähnten Kodifikationen um eine vornehmlich rechtshistorische oder begriffsgeschichtliche Untersuchung handelt, müssen die nachfolgenden Aspekte beachtet werden: Seit der geisteswissenschaftlichen Durchdringung des linguistic turn im 20. Jh. wird Sprache nicht mehr nur funktionalistisch, als Instrument der Kommunikation, sondern darüber hinaus als wichtigste kognitive Komponente anthropologischen Daseins betrachtet. Denken und Handeln des Menschen, die Perzeption und Apperzeption der ihn umgebenden Realität und der sich daraus ergebenden Sinnkonstruktionen und Handlungsentscheidungen seien von Sprache determiniert und folglich von dieser nicht loszulösen.[6]

Jaques Derrida reduzierte die von den Poststrukturalisten postulierte Allmacht der Sprache auf den berühmt gewordenen Satz: „Il n`y a pas de hors-texte.“ [7] Ein „Text-Äußeres“ sei nicht existent, die Welt gehe daher in Text auf. Dieses Theorem fußt auf den Grundlagen verschiedener Philosophen und Linguisten. Die wohl entscheidendsten Einflüsse gingen unter anderem von Ferdinand de Saussure, dem Begründer der modernen Semantik, aus. Sein binäres Zeichenmodel beeinflusste das Denken aller nach ihm folgenden Sprachwissenschaftler. De Saussure entwickelte ein Zeichenmodel, welches aus der Form des Zeichens – i.e. Lautmuster etc. – dem sogenannten signifiant und die dadurch mental evozierte Vorstellung, dem signifiè, besteht. Wie zwei Seiten einer Medaille seien diese Konstituenten nicht voneinander zu trennen, das eine kann nicht ohne das andere existieren. Die ursprüngliche Verknüpfung des Lautmusters – in unserem zu untersuchenden Falle [ˈfaːtɐ] – mit der kognitiven Konstruktion – Erzeuger, Patriarch, liebender Erzieher etc. – sind dabei ursprünglich absolut willkürlich zueinander gebracht (a priori) und erst durch Konvention und Tradition im System einer Sprache fest miteinander verwoben (a posteriori).[8]

Diese Dualität kann daher auch nicht von individueller Seite verändert werden. Da sie aber das Ergebnis eines auf Übereinkunft basierenden, gesellschaftlichen Prozesses ist, kann diese Verknüpfung von Lautmuster und Vorstellung im Laufe der Jahre und Jahrhunderte von verschiedensten Konzeptionen durchdrungen und graduell verändert werden. Radikale Alterationen sind hierbei eher selten zu erwarten. Das Konzept, welches dem Lautmuster [ˈfaːtɐ] zugeordnet ist, wird sich natürlicher nicht ohne weiteres von einem lebenden, männlichen Wesen zu etwas völlig Anderem entwickeln – dies würde die Gesamtheit eines Zeichensystems auf nahezu chaotische Weise untergraben; wohl aber können veränderte soziale Bedingungen und dadurch neugeschaffene zwischenmenschliche Beziehungen den signifiè entscheidend beeinflussen und die Wahrnehmung des Vaters bzw. Ehemannes modifizieren. Konnotationen (Begriffsassoziationen) können sich dabei im Laufe der Zeit zu Denotationen (dem Sinne nach „neutrale“ beziehungsweise „objektive“ Bedeutungszuweisungen) verhärten.

Die Distinktion zwischen diesen beiden Sphären des signifiè ist dabei äußerst problematisch. Roland Barthes bestritt die trennscharfe Unterscheidung dieser beiden Konzepte und auch Louis Althusser postulierte, dass Denotationen nichts weiter seien als durch Ideologien gelehrte, dominante Konnotationen.[9] Auf die Untersuchung von Kodifikationen bezogen bedeutet dies sehr wohl, dass sozio-gesellschaftliche Einflüsse begriffliche Vorstellungen, i.e. deren Konnotationen, zu verändern und politisch-ideologische Einflussfaktoren, die Verfasser der Gesetzestexte, diese Konzeptionen intentional zu gesellschaftlich prävalenten Denotationen zu verdichten vermögen.

Die Begriffe einer Sprache, die Menschen für sich gebrauchen, sind daher Ausdruck für und Erscheinungsbild eben dieser Lebenswelt in welcher Individuen gesellschaftlich interagieren. Diese „reale Welt“ wird aber nicht nur projiziert durch Sprache, sondern ist eben auch auf entscheidende Weise geprägt durch selbige. Benjamin Whorf und Edward Sapir traten als Avantgarden dieses Gedankens einer sprachlich-kognitiven Verflechtung hervor.[10] Mit Darrida, Barthes, Althusser, Wittgenstein und anderen Poststrukturalisten schließt sich der Kreis des linguistic turn, dessen Auswirkungen gerade für die Geschichtswissenschaft einem epochalen Erdbeben gleichkommen sollten.

Lawrence Stone und andere Historiker warnten vor dem Zusammenbruch der Geschichtswissenschaft, wenn der Unterschied zwischen Text und Kontext, und damit zwischen Faktum und Fiktion aufgehoben würde. Quellenkritik, Interpretationen sowie narrative Denkleistungen, all das würde hinfällig, weil die Produkte dieser Prozesse sowieso als reale Wahrheiten bestünden und damit weder verifizierbar noch falsifizierbar wären.[11] Trotz der vehementen und wohl oftmals auch angemessenen Kritik seitens vieler Historiker – „Sind die Gaskammern von Auschwitz nur ,Texte` …?“[12] – kann die Relevanz der Sprache für die Historie und ihre Allmacht bezüglich jedweder gesellschaftlicher Untersuchung (ob nun synchron oder diachron) nicht mehr revidiert werden. So konstatiert auch Reinhard Koselleck in seiner Begriffsgeschichte dass „sobald ein Ereignis in die Vergangenheit geraten ist, die Sprache zum primären Faktor aufrückt, ohne den keine Erinnerung und keine wissenschaftliche Transposition dieser Erinnerung möglich ist. (…) Deshalb sind sozialhistorische und begriffshistorische Theorien, Fragestellungen und Methoden auf alle nur möglichen Bereiche der Geschichtswissenschaft bezogen oder beziehbar.“[13]

Es ist gerade diese letzte Behauptung Kosellecks, die uns an den Anfang der Erörterung um die Frage, ob es sich bei der anstehenden Untersuchung um eine in erster Linie rechtshistorische oder begriffsgeschichtliche Untersuchung handelt, zurücksetzt und diese gleichzeitig beantwortet. Die Analyse der rechtlichen Konzeptionen des Vaters/Ehemannes sind nicht loszulösen von einer gleichzeitig einhergehenden begriffsgeschichtlichen Betrachtung der Termini. Kodifikationen sind Ausdruck gesellschaftlichen Handelns und Wirkens und gerade daher Ausguss sprachlicher Prozesse und Einflüsse. Im Hinblick der zurückliegenden Betrachtungen besitzt die Hausarbeit – bei zugegeben unterschiedlicher Gewichtung innerhalb der Kapitel – daher sowohl einen rechtshistorischen als auch einen begriffsgeschichtlichen Charakter.

3. Familie und Recht

Die älteste, uns heute noch bekannte, Erwähnung eines die Familie betreffenden Rechtsspruches ist eine der Verordnungen des sogenannten Zwölftafelgesetzes. Eine dieser wohl im 5. Jh. v. C. entstandenen Tafeln bezieht sich auf das Recht des Sohnes, nicht mehr unter väterlicher Gewalt stehen zu müssen, wenn dieser ihn bereits drei Mal in die Sklaverei verkauft hatte: „ Si pater filium ter ventum duit, filius a patre liber esto.“[14] Dieser Befund der absoluten Gewalt des pater potestas spiegelt die Grundlage frühester Konzeptionen des Vaters als „König, Richter und Priester der Familie“[15] wider.

Entscheidend ist, dass dieser antike Gedanke des Patriarchen, als alles bestimmende Figur im Familienleben, das soziale Leben noch bis weit in die Jahrhunderte der Neuzeit – wenn auch in seiner Vehemenz abgeschwächt – entscheidend beeinflusste.[16] Der moderne Begriff der Familie darf hier jedoch nicht ohne weiteres auf den Verband der unter einen Dach lebenden Personen verwandt werden. Bis zum 18. Jh. wurde eher vom „Haus“ beziehungsweise vom „Hausherren“ gesprochen. Dies umfasste nicht nur unsere gegenwärtige Vorstellung von Mutter, Vater und Kind, sondern neben der Großfamilie auch das im Haus lebende Gesinde.[17] Erst zu dieser Zeit hielt der Begriff „Familie“ – abgeleitet vom lateinischen Begriff famulus – Einzug.[18] Aber auch dann wurde der Begriff (der ja auch im eigentlichen Sinn „Diener“ bedeutet) dahingehend ausgelegt, als durch ihn die Hausgemeinschaft und nicht nur die Kernfamilie des modernen Verständnisses bezeichnet wurde: So heißt es bei einer Instruktion zur Bevölkerungskonskription von 1777: „Zu einer Familie sollen alle diejenigen gerechnet (…) werden, welche nicht für sich selbst kochen, sondern unter einem und dem nämlichen Hausvater oder Mutter am gemeinschaftlichen Tisch und Brot genährt werden … .“[19] Zwar heißt es hier „Hausvater oder Mutter“, in realiter besaß allerdings nur der Hausherr politische Rechte und damit absolute Verfügungsgewalt über die mit ihm Wohnenden.[20] Bemerkenswert ist hierbei, dass in allererster Linie mit soziologischen, nämlich mit Hausverband, und eben nicht mit biologischen Gesichtspunkten wie Blutsbanden etc., argumentiert und definiert wird.

Diese Konzeption von Familie wurde erst verändert durch die industrielle Entwicklung und der damit einhergehenden „Lösung der Produktion aus dem ,Haus`“, der Trennung also zwischen Haus und Wirtschaft.[21] Auch die zunehmende Verstädterung der Bevölkerung dürfte diesen Prozess der Herausbildung der Kernfamilie beschleunigt haben. Die väterliche Gewalt wurde durch die zunehmende Absenz der Person jedoch nicht verringert, sondern gründete sich nunmehr auf den Zustand des Vaters als alleinigen Ernährer der Familie.[22]

Diese Situation findet dann auch ihren Niederschlag in den zu untersuchenden Kodifikationen des 19. Jahrhunderts in Deutschland. Im „Allgemeinen Landrecht für die preußischen Staaten“ wurde zum ersten Mal der Versuch unternommen, ein umfassendes, rechtsvereinheitlichendes Werk zu schaffen. Schon 1714 beauftrage Friedrich Wilhelm I. die juristische Fakultät in Halle mit der Schaffung einer allgemeinen Rechtssammlung; doch erst im Jahre 1794 konnte schließlich das Gesetz, welches 19.194 Paragraphen des privaten und öffentlichen Rechtes vereinen sollte, erlassen werden. Das ALR spiegelt die Ideen der Aufklärung jedoch nur im geringen Maße wider und betont noch sehr stark, und das gerade im Familienrecht, die altständische, agrarische Gesellschaft.[23]

Im Jahre 1804 erließ Napoleon dann seinen Code Civil, welcher auch nach seiner Entmachtung in weiten Teilen Deutschlands (Elsass-Lothringen ab 1871, bayerische Pfalz, Rheinhessen, Baden, und die preußischen linksrheinischen Gebiete) Gültigkeit besaß.[24] Heinrich Börner konstatiert lapidar, dass der CC hinsichtlich des Familienrechtes „in allen wichtigen Punkten mit dem ALR übereinstimmt“[25]. Er verweist dabei auf den Einfluss Napoleons – „ La femme est la propriètè de l`homme “ – und Jean-Ètienne-Marie Portalis`, dem wohl wichtigsten Verfasser des CC, welche in der Tradition Rousseaus eine Ungleichbehandlung der Geschlechter auf die Gegebenheiten der Natur selbst zurückführten und damit rechtfertigen.[26]

Das Bürgerliche Gesetzbuch, das im Jahre 1900 in Kraft trat, löste nun die zuvor geltenden Rechtsbestimmungen ab. Durch diese Kodifikation wurde erstmals das gesamte bürgerliche Recht der Zuständigkeit des Deutschen Reiches zugeordnet. Das Gesetzbuch umfasst „liberale“, „patriarchalisch-konservative“ und „soziale“ Komponenten.[27] Vor allem im Bereich des Familienrechtes wurde es seit Bestehen jedoch erheblich verändert, weshalb sich eine Untersuchung dieser Abschnitte und ein Vergleich derselbigen mit dem zeitgenössischen BGB aufdrängen. Den expliziten Charakter des Vaters/Ehemannes gilt es mithilfe der einschlägigen Paragraphen der einzelnen Kodifikationen zu eruieren.

4. Der Ehemann – Von patriarchalischer Gewalt zum gleichberechtigten Partner

Bezüglich des Privatrechtes kann wohl behauptet werden, dass kaum ein Teil desselbigen so starken Veränderungen unterworfen ist, wie dies beim Familienrecht der Fall ist. Gesellschaftliche Veränderungen finden ihre Reflektion in den Paragraphen der verschiedenen Gesetzessammlungen. Auf interdependente Weise entfalten letztere jedoch auch eine Wirkungsmacht auf sozio-kulturelle Strukturen der jeweiligen Jurisdiktionen. Diese Gesellschaftsbilder, die Definitionen und Rollen des Ehemannes im 19. Jh. sollen hierbei untersucht werden.

Generell ist festzuhalten, dass mit dem ALR ein Schritt unternommen wurde, der das Ehebild auf profunde Weise einer allgemeingültigen Definition zuzuordnen suchte. Der Einfluss der staatlichen Gewalt auf dieses Sozialphänomen nahm daher im gleichen Verhältnis zu, wie umgekehrt – und hier kommt sicherlich auch der Gedanke der Aufklärung zum tragen – der sakrale Charakter dieses Sakramentes eingeschränkt werden sollte.[28] Die Emphase der Aufklärung und der durch diese Geistesbewegung stark beeinflussten Amerikanischen und Französischen Revolutionen in Bezug auf die allgemeinen Rechte jedes Menschen scheinen jedoch nur nominell auf beide Geschlechter ihre Anwendung gefunden zu haben. So heißt es zwar in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der Nationalversammlung 1789 unter anderem: „Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es.“, sowie: „Da alle Bürger vor dem Gesetz gleich sind, so sind sie auch alle in der gleichen Weise zu allen (…) Beschäftigungen gemäß ihren Fähigkeit zugelassen“[29] ; eine Gleichberechtigung der Frauen gegenüber den Männern war damit allerdings nicht gemeint. Die Allmacht des männlichen Geschlechtes zu jener Zeit drückt sich wohl kaum eindringlicher aus, als mithilfe der Betrachtung des Schicksals der Olympe de Gouges, welche aufgrund ihres dissidenten Verhaltens im Jahre 1793 (von Männern!) hingerichtet wurde.[30] Als Reaktion auf die ungleiche Behandlung der Geschlechter veröffentlichte diese frühe Feministin und Abolitionistin die „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“, in welcher es unter anderem heißt: „Die Frau wird frei geboren und bleibt dem Mann gleich an Rechten.“[31]

[...]


[1] Heidi Rosenbaum: Formen der Familie. Untersuchungen zum Zusammenhang von Familienverhältnissen, Sozialstrukturen und sozialem Wandel in der deutschen Gesellschaft des 19. Jh., Frankfurt am Main 1990, S. 346.

[2] Michael Matzner: Vaterschaft aus der Sicht von Vätern, Wiesbaden 2004, S. 138.

[3] Joachim Gernhuber und Dagmar Coester-Waltjen: Familienrecht, 6. Auflage, Göttingen 2010, S. 5 f.

[4] Herrmann Jatzow: Motive zu dem Entwurf eines Bürgerlichen Gesetzbuches für das Deutsche Reich (Amtliche Ausgabe), Band IV, Berlin und Leipzig 1888, S. 104.

[5] Heinrich Börner: Industrialisierung und Familienrecht, Berlin 1974, S. 97.

[6] Vgl. Paget Henry: “Sociology: After the Linguistic and Multicultural Turns”, Sociological Forum Vol. 10, Nr. 4 (1995), S. 635-36.

[7] Jaques Derrida quoted in Richard Rorty: “Derrida on Language, Being, and Abnormal Philosophy”, The Journal of Philosophy Vol. 74, Nr. 11 (1977), S. 675.

[8] Vgl. Daniel Chandler: Semiotics: The Basics, London 2002, S. 18 ff.

[9] Vgl. ebd., S. 141.

[10] Vgl. Jane O. Bright und William Bright: “Semantic Structures in Northwestern California and the Sapir-Whorf- Hypothesis”, in: Sephen A. Tyler (Hrsg.), Cognitive Anthropology, New York u.a. 1969, S. 209.

[11] Vgl. Ernst Hanisch: „Die linguistische Wende, Geschichtswissenschaft und Literatur“, in: Wolfgang Hardtwig und Hans-Ulrich Wehler (Hrsg.), Kulturgeschichte heute, Göttingen 1996, S. 216 ff.

[12] Ebd., S. 220.

[13] Reinhard Koselleck: Begriffsgeschichte, Frankfurt 2006, S. 18 u. 12.

[14] Zitiert in Robert H. Brophy: “Emancipatus Feminae: A legal Metaphor in Horace and Platus”, Transactions of the American Philological Association Vol. 105 (1975), S. 3.

[15] Michael Matzner: Vaterschaft aus der Sicht von Vätern, Wiesbaden 2004, S. 135.

[16] Vgl. ebd.

[17] Vgl. Michael Mitterauer: „Problematik des Begriffs ,Familie` im 17. Jh.“, in: Heid Rosenbaum (Hrsg.), Seminar: Familie und Gesellschaftsstruktur. Materialien zu den sozioökonomischen Bedingungen von Familienformen, Frankfurt am Main 1978, S. 79.

[18] Vgl. Otto Brunner: „Vom ,ganzen Haus` zur ,Familie`“, in: Heid Rosenbaum (Hrsg.), Seminar: Familie und Gesellschaftsstruktur. Materialien zu den sozioökonomischen Bedingungen von Familienformen, Frankfurt am Main 1978, S. 89.

[19] Alfred Gürtler: Die Volkszählungen Maria Theresias und Josephs II. 1753 – 1790, Innsbruck 1909, S. 67.

[20] Vgl. Otto Brunner: „Vom ,ganzen Haus` zur ,Familie`“, in: Heid Rosenbaum (Hrsg.), Seminar: Familie und Gesellschaftsstruktur. Materialien zu den sozioökonomischen Bedingungen von Familienformen, Frankfurt am Main 1978, S. 87.

[21] Heidi Rosenbaum: Formen der Familie. Untersuchungen zum Zusammenhang von Familienverhältnissen, Sozialstrukturen und sozialem Wandel in der deutschen Gesellschaft des 19. Jh., Frankfurt am Main 1990, S. 31.

[22] Michael Matzner: Vaterschaft aus der Sicht von Vätern, Wiesbaden 2004, S. 141.

[23] Gerhard Kölder: Lexikon der europäischen Rechtsgeschichte, München 1997, S. 16.

[24] Thilo Raum: Familienrecht. Verfassung. Geschichte. Reform, Tübingen 1996, S. 143.

[25] Heinrich Börner: Industrialisierung und Familienrecht, Berlin 1974, S. 144.

[26] Vgl. ebd., S. 143.

[27] Vgl. Gerhard Kölder: Lexikon der europäischen Rechtsgeschichte, München 1997, S. 68.

[28] Vgl. Heinrich Börner : Industrialisierung und Familienrecht, Berlin 1974, S. 43.

[29] Zitiert in Klaus Bergmann: Multiperspektivität. Geschichte selber denken, Schwalbach 2000, S. 101.

[30] Vgl. ebd., S. 99-100.

[31] Zitiert in ebd., S. 102.

Details

Seiten
34
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656094319
ISBN (Buch)
9783656094043
Dateigröße
715 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184578
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Geschichte
Note
1,3
Schlagworte
eine betrachtung konzeptionen vaters ehemannes spiegel kodifikationen Code Civil BGB Familienrecht

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Titel: Eine vergleichende Betrachtung der Konzeptionen des Vaters und des Ehemannes im Spiegel der Kodifikationen des 19. Jh. und dem heutigen BGB