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Verkehrs- und Kriminaldelinquenz

Jugendliche, Heranwachsende, junge Erwachsene - deckungsgleiche Problemgruppen auf den Feldern der Verkehrs- und Kriminaldelinquenz, deckungsgleiche Erklärungsansätze, gemeinsame Strategien

Seminararbeit 1997 43 Seiten

Verkehrswissenschaft

Leseprobe

Disposition

1. Einleitung
1.1 Anlass zum Nachdenken – „tragisches Ende einer Disco-Tour“
1.2 Polizeiliche Alltagserfahrungen

2. Ausgangshypothesen

3. Ziel der vorliegenden Seminararbeit

4. Jugendliche, Heranwachsende, „junge Erwachsene“ – Begriffsdefinitionen

5. Methodik

6. Kriminaldelinquenz/Verkehrsdelinquenz – Problemgruppen – Phänomenologie
6.1 Kriminaldelinquenz/Verkehrsdelinquenz
6.2 Statistische Befunde/Bevölkerung nach Altersgruppen
6.2.1 Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland
6.2.2 Bevölkerung Bayerns
6.3 Kriminaldelinquenz
6.3.1 Polizeiliche Kriminalstatistik Bund
6.3.2 Polizeiliche Kriminalstatistik Bayern
6.4 Verkehrsdelinquenz
6.4.1 Verkehrsunfallstatistik Bund
6.4.2 Verkehrszentralregister des Kraftfahrtbundesamtes
6.5 Auswertungsergebnis/Fazit:

7. Zielgruppenorientierte Ansätze
7.1 Zielgruppenorientierte Aktivitäten im Bereich der Kriminalitätsbekämpfung
7.2 Zielgruppenorientierte Aktivitäten im Bereich der Verkehrssicherheitsarbeit

8. Verkehrssicherheitsarbeit und Kriminalitätsbekämpfung – ein integriertes Gesamtkon-zept – auch zielgruppenorientiert?
8.1 Education – eine gemeinsame Grundlage für Erfolg
8.2 Kriminalitätsbekämpfung durch Verkehrsüberwachung
8.3 Gestaltung des Verkehrsraumes und Kriminalitätsvorbeugung
8.4 Integratives Konzept – auch zielgruppenorientiert?

9. Verkehrsdelinquenz und Allgemeinkriminalität – deckungsgleiche Problemgruppen?
9.1 Nationale und internationale wissenschaftliche Untersuchungen
9.1.1 Zusammenhang zwischen allgemeiner Kriminalität und Verkehrsdelinquenz
9.1.2 Zusammenhang zwischen allgemein-kriminellen Delikten und Alkoholdelinquenz im Straßenverkehr
9.1.3 Zusammenhang zwischen Aggressionskriminalität und Verkehrsdelinquenz
9.1.4 Zusammenhang zwischen Aggressionskriminalität und Alkoholdelinquenz im Straßenverkehr
9.2 Zusammenfassung der empirisch nachgewiesenen Zusammenhänge

10. Erklärungsansätze für kriminelles Verhalten junger Menschen
10.1 Psychologische und sozialpsychologische Erklärungsansätze
10.1.1 Kontrolltheorie
10.1.2 Lerntheoretische Ansätze
10.1.3 Die Aggressionstheorien
10.1.3.1 Die lernpsychologische Erklärung aggressiven Verhaltens
10.1.3.2 Frustrations-Aggressions-Hypothese
10.2 Die soziologisch orientierte Anomietheorie
10.3 Der additive Mehrfaktorenansatz
10.4 Das Integrationsmodell
10.5 Sozialisation junger Menschen
10.5.1 Arbeitslosigkeit junger Menschen und Kriminalität
10.5.2 Freizeit und Delinquenz
10.5.3 Der Sozialisationseinfluss der Familie und der Schule
10.5.4 Alkoholkonsum und Kriminalität

11. Erklärungsversuche für Verkehrsdelinquenz junger Menschen
11.1 Lebensstil und Verkehrsverhalten junger Fahrer und Fahrerinnen
11.2 Der Einfluss der peer-group – informelle soziale Kontrolle („Peer-Sozialisation“)
11.3 Die Charakteristik des Alkoholfahrers

12. Deckungsgleiche Erklärungsansätze für verkehrsauffälliges, verkehrsdelinquentes und allgemein kriminelles Verhalten

13. Schlussfolgerungen und Perspektiven

Literaturund Quellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

1.1 Anlass zum Nachdenken – „tragisches Ende einer Disco-Tour“

Ein 19Jähriger kauft in einer Diskothek Drogen, konsumiert diese zugleich und fährt anschließend zudem unter erheblichem Alkoholeinfluss mit einem Pkw in Richtung seines Wohnortes. Der junge Mann ist nicht im Besitz der erforderlichen Fahrerlaubnis. Mit im Fahrzeug befinden sich weitere 6 Personen. Auf einer Gefällstrecke, in einer Rechtskurve, kommt der Pkw von der Fahrbahn ab und prallt gegen einen Baum; das Fahrzeug geht dabei in Flammen auf und brennt vollständig aus. Mit dem Fahrer verbrennen 5 weitere Insassen bis zur Unkenntlichkeit; lediglich eine Person kann schwerverletzt geborgen werden.

Die Sachbearbeitung erfolgt durch die örtlich zuständige Polizeiinspektion; bei der Identifizierung der Leichen wirken unterstützend Mitarbeiter der Kriminalpolizeiinspektion mit.

Würde es verwundern, wenn der Fahrer des Unfallfahrzeugs dem Anzeigensachbearbeiter der zuständigen Polizeiinspektion und den Mitarbeitern des örtlichen Kriminalkommissariates aus verschiedenen Ermittlungsverfahren bekannt wäre?

Dieser tragische Unfall ereignete sich vor nicht allzu langer Zeit im Bereich der Polizeidirektion Schweinfurt und spiegelt meiner Einschätzung nach sehr deutlich die Problemstellung wider, mit der ich mich im Folgenden auseinandersetzen möchte.

1.2 Polizeiliche Alltagserfahrungen

Vermutlich kennt jeder Polizeibeamte folgende Situation:

Da ermittelt das Kriminalkommissariat gegen „junge“ Straftäter wegen Eigentumsdelikten; gleichzeitig werden gegen diese Täter seitens der Schutzpolizei/Verkehrsdienststellen Verfahren wegen diverser Verkehrsdelikte (beispielsweise Fahren ohne Fahrerlaubnis, unerlaubtes Entfernen vom Unfallort, Trunkenheit im Verkehr) geführt. Den Kriminaldelikten gehen häufig Gaststätten-, Spielhallenund Diskothekenbesuche voraus, bei denen gestohlene Kraftfahrzeuge und solche, die nicht zugelassen oder nicht pflichtversichert sind, benutzt werden.

Getrennt nach sachlicher Zuständigkeit werden die Kriminaldelikte im Kriminalkommissariat, die Verkehrsdelikte bei der Schutzpolizei/den Verkehrsdienststellen bearbeitet. Das Resultat dieser Vorgehensweise ist, dass Tatverdächtige mehrfach vorgeladen, angehört oder vernommen werden, obwohl die Taten beider Deliktsbereiche zusammenhängen. So werden beispielsweise mit Fahrzeugen Verkehrsdelikte begangen, die als Tatmittel bei Einbruchdiebstählen verwandt werden. Der Schluss liegt nahe, dass die Ermittlungsergebnisse aufgrund der zwangsläufig entstehenden Informationsdefizite nicht optimal ausfallen können.

Meiner Auffassung nach bietet sich hier ein Anknüpfungspunkt für einen integrativen Ansatz der Deliktsbearbeitung, der nicht nur organisiert, sondern auch praktiziert werden muss.

Würden zudem deliktsübergreifende bzw. -unabhängige Ursachen erkennbar, wären integrative präventive Lösungsansätze vorhanden.

2. Ausgangshypothesen

Analysen zur Vorbereitung von Präventionskonzepten im Bereich der Verkehrssicherheitsarbeit als auch der Kriminalitätsbekämpfung treffen sich mehr und mehr bei der Zielgruppe Jugendliche/Heranwachsende/“junge Erwachsene“. Ausgehend von dieser Tatsache formuliere ich die Hypothesen: es existieren auf den Feldern der Verkehrsund Kriminaldelinquenz deckungsgleiche Problemgruppen! für verkehrsauffälliges, verkehrsdelinquentes und allgemein kriminelles Verhalten gibt es deckungsgleiche Erklärungsansätze!

3. Ziel der vorliegenden Seminararbeit

Mit meiner Arbeit möchte ich der Frage nachgehen, ob abweichendes Verhalten Jugendlicher, Heranwachsender und „junger Erwachsener“ als Verkehrsdelinquenz und Allgemeinkriminalität, Phänomenologie und Entstehungsbedingungen betreffend, Gemeinsamkeiten aufweisen, um Verständnis von Zusammenhängen zwischen Verkehrssicherheitsarbeit und Kriminalitätsbekämpfung werben und Anregungen geben, wie unter dem Gesichtspunkt des rationellen Umgangs mit den verfügbaren Ressourcen und im Hinblick auf denkbare Synergieeffekte, insbesondere Unfallund Kriminalprävention zusammengefasst werden können.

4. Jugendliche, Heranwachsende, „junge Erwachsene“ – Begriffsdefinitionen

Die (derzeitige) rechtliche Situation beinhaltet zunächst die geringsten Schwierigkeiten: demnach ist Jugendlicher, wer mindestens 14, aber noch keine 18 Jahre, und Heranwachsender, wer mindestens 18, aber noch keine 21 Jahre alt ist.[1]

Wer sind jedoch die „jungen Erwachsenen“?

Der Anteil der „Jugend“ an der Gesamtbevölkerung ist in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zurückgegangen. Gleichzeitig hat sich die Gesamt-Lebenserwartung verlängert.

Parallel zu dieser veränderten Bevölkerungsstruktur hat sich auch die Einschätzung dessen, was „Jugend“ ist verändert und führte zu einer verstärkten Ausdifferenzierung der Lebensphasen. Typisch für den Beginn der neunziger Jahre ist das Hinzukommen der Phase: „Nachjugendalter/junger Erwachsener“ als ein gesellschaftlich normierter Zeitraum zur Selbstbzw. Persönlichkeitsfindung (Reifungsprozess verbunden mit der Suche nach Identität und Lebenssinn).[2] Die Gruppe der „jungen Erwachsenen“ ist somit nicht eindeutig definiert.

In Anlehnung an die Veröffentlichungen des Statistischen Bundesamtes[3] sollen darunter die 18bis 24Jährigen gefasst werden. Diese Abgrenzung entspricht den Heranwachsenden (18bis 20Jährige) und den Jungerwachsenen (21bis 24Jährigen) der Polizeilichen Kriminalstatistik[4].

Mit den im Seminarthema erwähnten Begriffen Jugendliche/Heranwachsende/“junge Erwachsene“ ist somit die Altersgruppe der 14bis 24Jährigen erfasst; sie stellen die Zielgruppe der nachfolgend dargestellten Untersuchungen dar. Die Bezeichnung „junge Menschen“ wird von mir synonym verwendet.

5. Methodik

Ich werde zunächst, gestützt durch Ergebnisse der einschlägigen Statistiken, die Gruppe der Jugendlichen, Heranwachsenden und der „jungen Erwachsenen“ als Problembzw. Risikogruppe sowohl auf dem Kriminalals auch auf dem Verkehrssektor zu definieren.

Im Weiteren gehe ich der Frage nach: Gibt es eine Schnittmenge (vorbestrafter Verkehrstäter)? Anhand ausgesuchter nationaler und internationaler Forschungsarbeiten will ich Zusammenhänge zwischen auffälligem Verhalten und Delinquenz junger Menschen im Straßenverkehr einerseits und Allgemeinkriminalität andererseits darstellen.

Die in den empirischen Forschungen gewonnenen Erkenntnisse bilden sodann die Grundlage eigener Untersuchungen: mit Hilfe des Instruments der Befragung (Fragenkataloge an alle bayerischen Landes-Polizeipräsidien einschließlich der nachgeordneten Direktionen) sollen weitere Informationen über die Zusammenhänge zwischen Verkehrsund Allgemeinkriminalität gewonnen und mittels eines automatisierten Datenabgleichs (beschränkt auf den Bereich des Polizeipräsidiums München) soll die „Verzahnung“ Verkehrsund Kriminaldelinquenz belegt werden.

Im Folgenden betrachte ich Entstehungsbedingungen für kriminelles und verkehrsdelinquentes Verhalten junger Menschen (unter Einbeziehung klassischer Kriminalitätstheorien) und versuche so übereinstimmende Erklärungsansätze zu finden.

Über die Ursachen delinquenten Verhaltens junger Menschen soll zudem ein Experteninterview Aufschluss geben. Schließlich werden aus einer Gruppe delinquenter junger Menschen stichprobenartig soziodemographische Daten erhoben.

6.Kriminaldelinquenz/Verkehrsdelinquenz – Problemgruppen – Phänomenologie

6.1 Kriminaldelinquenz/Verkehrsdelinquenz

Delinquenz (lat.) wird als kriminelle Abweichung eines Menschen von der erwarteten Norm, als Straffälligkeit definiert[5] und umfasst somit Hellund Dunkelfeld.

Bei der phänomenologischen Betrachtung delinquenten Verhaltens junger Menschen konzentriere ich mich auf die registrierten Delikte und lasse insoweit das Dunkelfeld außer Betracht.

Als Kriminaldelinquenz definiere ich normabweichendes Verhalten orientiert an der Polizeilichen Kriminalstatistik, während der Verkehrsunfallstatistik des Statistischen Bundesamt und dem Verkehrszentralregister des Kraftfahrtbundesamtes Aussagen bezüglich der Verkehrsdelinquenz entnommen werden.

Die angeführten Statistiken bieten sicherlich kein getreues Spiegelbild der Kriminalitätswirklichkeit bzw. der tatsächlichen Verkehrsdelinquenz. Gleichwohl sind die statistischen Daten u. a. auch für die Polizei ein wichtiges Hilfsmittel, um Erkenntnisse über die Häufigkeit der Fälle, über Formen und Entwicklungstendenzen delinquenten Verhaltens zu gewinnen.

6.2 Statistische Befunde/Bevölkerung nach Altersgruppen

Bei der vergleichenden Betrachtung der Kriminalität mit der Verkehrsdelinquenz spielen strukturelle Gegebenheiten eine wesentliche Rolle. Den kriminalbzw. verkehrsstatistischen Ergebnissen werden deshalb einige Daten zur Bevölkerung vorangestellt.

6.2.1 Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland

Laut Statistischem Bundesamt[6] betrug der Anteil der 14bis 17Jährigen an der Gesamtbevölkerung der Bundesrepublik Deutschland (1996 – ca. 81,8 Mio. Einwohner) im Jahr 1996 absolut 3,57 Mio.; dies entspricht einem Anteil von 4,37 % an der Gesamtbevölkerung. Der Anteil der 18bis 20Jährigen wurde dagegen mit absolut 2,57 Mio. (= 3,14 %) und der Anteil der 21bis 24Jährigen mit 3,92 Mio. (= 4,79 %) registriert.

Insgesamt betrug somit der Anteil der Jugendlichen/Heranwachsenden/“jungen Erwachsenen“ (14bis 24Jährigen) an der Gesamtbevölkerung der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1996 absolut 10,06 Mio. (= 12,3 %).

6.2.2 Bevölkerung Bayerns

In Bayern wohnten 1996 insgesamt 11,9 Mio. Einwohner.

Dabei betrug der Anteil der 14bis 17Jährigen absolut 497.210 (="­"­ 4,18 %), der Anteil der 18bis 20Jährigen wurde mit 374.542 (= 3,15 %) registriert und 5,01 % der Bevölkerung Bayerns war im Alter von 21 bis 24 Jahren (absolut 596.625). [7]

Somit waren auch in Bayern ca. 12,3 % (1,4 Mio.) der Bevölkerung im Alter von 14 bis 24 Jahren.

6.3 Kriminaldelinquenz

6.3.1 Polizeiliche Kriminalstatistik Bund

Von den insgesamt 2.213.293 Tatverdächtigen, die 1996 im Bundesgebiet erfaßt wurden, betrug der Anteil der Jugendlichen 277.479 (12,5 % aller Tatverdächtiger).

219.928 Heranwachsende wurden im Berichtsjahr 1996 als Tatverdächtige ermittelt; ihr Anteil an allen Tatverdächtigen betrug 9,9 %.

Unter den 1.584.876 ermittelten erwachsenen Tatverdächtigen waren 253.596 „Jungerwachsene“; dabei betrug ihr Anteil an allen Tatverdächtigen 11,5 %.

Mit 33,5 % ist somit jeder dritte Tatverdächtige im Alter von 14 bis 24 Jahren; dem steht ein Bevölkerungsanteil von 12,3 % gegenüber. Bei der Betrachtung der Geschlechtsstruktur der 14bis 24jährigen Tatverdächtigen ist bemerkenswert, dass von 10 Tatverdächtigen 8 männlich sind.

Bei der phänomenologischen Betrachtung delinquenten Verhaltens 14bis 24Jähriger darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass die Mehrzahl junger Menschen nicht (auffällig) in Erscheinung tritt.

6.3.2 Polizeiliche Kriminalstatistik Bayern

Im Jahr 1996 wurden in Bayern 30.458 Jugendliche (9,9 % Anteil an allen Tatverdächtigen), 28.290 Heranwachsende (9,2 %) und 37.179 „Jungerwachsene“ (12,0 %) als Tatverdächtige ermittelt und registriert.

Bezogen auf ihren Bevölkerungsanteil (von 12,3 %) tritt auch in Bayern die Gruppe der jungen Menschen überproportional in Erscheinung und weist die stärkste Delinquenzbelastung auf. Fast jeder dritte Tatverdächtige ist im Alter von 14 bis 24 Jahren; auch bei einer geschlechtsspezifischen Betrachtung der Tatverdächtigenzahlen zeigt sich das Bild, das auch bundesweit existiert.

6.4 Verkehrsdelinquenz

Die in der Verkehrsunfallstatistik des Statistisches Bundesamtes[8] bzw. des Bayerischen Landesamts für Statistik und Datenverarbeitung[9] enthaltenen Altersgruppen entsprechen nicht denen der Polizeilichen Kriminalstatistik. Um jedoch bezogen auf die Zielgruppe aussagekräftige Vergleiche Kriminaldelinquenz Verkehrsdelinquenz vornehmen zu können, ist es unumgänglich gleiche Altersgruppen gegenüberzustellen; so wurden von mir auf Bundesebene die Verkehrsunfalldaten für die Jugendlichen, Heranwachsenden und „jungen Erwachsenen“ erhoben.[10]

6.4.1 Verkehrsunfallstatistik Bund

1996 zählte weit mehr als ein Drittel der insgesamt Verunglückten zu der Altersgruppe der 14bis 24Jährigen. Vom Statistischen Bundesamt wurden im gleichen Zeitraum insgesamt 8751 Getötete bei Straßenverkehrsunfällen registriert; hiervon waren 2425 Personen im genannten Alter.

Je ca. 22% der Verunglückten und der Getöteten gehörten zu den 7 Altersjahrgängen 18 bis 24 Jahre, obwohl ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung nur 7,93 % betrug.

Die besondere Gefährdung der Altersgruppe der 18bis 24Jährigen wird deutlich, wenn man die Daten auf die Einwohnerzahlen bezieht: Je 100.000 Einwohner dieser Altersgruppe verunglückten 1.722 18bis 24Jährige im Straßenverkehr, dies waren fast dreimal so viele wie der durchschnittliche Wert für die Gesamtbevölkerung beträgt (613). In keiner anderen Altersgruppe war das Risiko, im Straßenverkehr zu verunglücken, derart hoch. Je 1 Mio. Einwohner wurden 303 18bis 24Jährige im Straßenverkehr getötet, im Vergleich zur Gesamtbevölkerung mit 107 Getöteten je 1 Mio. Einwohner waren dies fast dreimal so viele.[11]

Zudem waren in der Altersgruppe der besonders Gefährdeten (18bis 24Jährigen) junge Männer erheblich gefährdeter als junge Frauen: Von den verunglückten Pkw-Insassen der betrachteten Altersgruppe waren 58 % männlichen und 42 % weiblichen Geschlechts. Die Unfallschwere war bei den jungen Männer erheblich größer als bei den Frauen; überdurchschnittlich häufig trugen die jungen Pkw-Fahrer und Pkw-Fahrerinnen auch die Hauptschuld am Unfall, insbesondere in der Gruppe der 18bis 20Jährigen – d. h. der Fahranfänger – war dies der Fall; 67 % der unfallbeteiligten Pkw-Fahrer wurden hier von der Polizei als Hauptverursacher eines Unfalls mit Personenschaden eingestuft. Bei den 21bis 24Jährigen waren es noch 57%[12], zudem stellt die Altersgruppe der 18bis 24Jährigen die Masse der „Alkoholtäter“ im Straßenverkehr (24 %).[13]

146.957 Personen im Alter von 18 bis 24 Jahren waren 1996 an Verkehrsunfällen mit Personenschäden beteiligt; hierbei war diese Altersgruppe bei mehr als der Hälfte dieser Verkehrsunfälle Hauptverursacher[14].

Die aufgeführten „nackten Zahlen“ sind nichts anderes als „kalte Statistik“; verbirgt sich jedoch nicht hinter jeder Zahl auch ein Schicksal?

6.4.2 Verkehrszentralregister des Kraftfahrtbundesamtes

Die besondere Auffälligkeit der 18bis 24Jährigen im Verkehrsgeschehen wird auch bei einer Betrachtung der im Verkehrszentralregister erfassten Personen im Vergleich zur Altersstruktur der Kfz-Halter und der (strafmündigen) Bevölkerung deutlich.

6.5 Auswertungsergebnis/Fazit:

Die statistischen Auswertungsergebnisse machen deutlich, dass sowohl im Bereich der Kriminaldelinquenz als auch im Bereich der Verkehrsauffälligkeit die Gruppe der 14bis 24Jährigen überproportional in Erscheinung tritt und somit als Problem-/Risikogruppe zu definieren ist.

Die Delinquenzbelastung (Kriminalund Verkehrsdelinquenz) der jungen Männer ist dabei ungleich größer als die der Frauen. Als besonders gefährdet ist im Verkehrsgeschehen die Personengruppe der 18bis 24Jährigen, die zudem die Masse der „Alkoholtäter“ im Straßenverkehr stellen, hervorzuheben.

7. Zielgruppenorientierte Ansätze

7.1 Zielgruppenorientierte Aktivitäten im Bereich der Kriminalitätsbekämpfung

In den letzten Jahren war eine stetige Zunahme der Kriminalität junger Menschen zu verzeichnen. Frühzeitig wurden deshalb Überlegungen angestellt, wie dem Phänomen begegnet werden könnte. Zielvorstellung war dabei stets, neben repressivpolizeilichen Maßnahmen, durch geeignete Prävention delinquentes Verhalten junger Menschen zu verhindern; eine ganze Reihe ablaufund aufbauorganisatorischer Änderungen war die Folge.

So wurde beispielsweise beim Polizeipräsidium München eine zielgruppenorientierte Konzeption entwickelt, basierend auf den drei gleichrangigen Komponenten: Jugendschutz, zielgruppenund verhaltensorientierte Prävention sowie Repression. Getragen von dem Gedanken, dass die Effektivität präventivpolizeilicher Maßnahmen ein hohes Maß an stadtteilbezogenen Milieukenntnissen erfordert, ist als wesentlicher Bestandteil in der Gesamtkonzeption die Institution des Jugendbeamten[15], mit seiner vorwiegend präventivpolizeilichen Tätigkeit, geschaffen worden.

7.2 Zielgruppenorientierte Aktivitäten im Bereich der Verkehrssicherheitsarbeit

Zur Verbesserung der Straßenverkehrssicherheit gibt es neben den Ansätzen „Straße“ und „Fahrzeug“ den Ansatzpunkt „Mensch“:

Polizei und eine ganze Reihe von Verbänden und Einrichtungen der Verkehrssicherheitsarbeit (beispielsweise Deutsche Verkehrswacht, Versicherungen, Automobilindustrie) widmen sich mit inhaltlich und methodisch wissenschaftlich abgesicherten Zielgruppenprogrammen den besonders im Verkehr auffälligen jungen Menschen. Einige dieser zielgruppenorientierten Ansätze seien hier kurz dargestellt[16]:

Verkehrssicherheitsprogramme zur Verhaltensbeeinflussung:

Sicherheitserziehung an berufsbildenden Schulen

„Alles im Griff“ (didaktischer Leitfaden für die Arbeit mit Jugendlichen, die sich in der Berufsausbildung befinden)

„Aktion Junge Fahrer“ der Deutschen Verkehrswacht

Programm „Nüchtern fahren – Sicher ankommen“ (Medienpaket)

Geschicklichkeitsturniere

Verkehrssicherheitsprogramm der Bundeswehr (Hauptzielgruppe: junge Wehrpflichtige)

DEA-MEDIATHEK der Deutschen Verkehrswacht (Interessierte können sich VHS-Videos zu Verkehrssicherheitsthemen ausleihen)

Sicherheitstrainings für Pkw-, Motorradund Zweiradfahrer

Jugendgerechtere Gestaltung der Fahrausbildung

Fahrerlaubnis auf Probe/Stufenführerschein

Nachschulungs-Konzepte

Neue curricularer Leitfaden für die Pkw-Ausbildung

Modellprojekt „Jugend fährt sicher“

Darüber hinaus wird versucht, durch umfangreiche Präventionskampagnen, Plakataktionen und Fernsehspots junge Menschen als Verkehrsteilnehmer anzusprechen, zu informieren und insbesondere auf die Gefahren des Fahrens im alkoholisierten Zustand hinzuweisen.

[...]


[1] Paragraph 1, Absatz 2 des Jugendgerichtsgesetzes

[2] DEUTSCHER VERKEHRSSICHERHEITSRAT e. V. – „Jugendliche im Straßenverkehr“, Bonn 1994

[3] STATISTISCHES BUNDESAMT, Fachserie 8. Reihe 7 (1996). Wiesbaden 1997

[4] BUNDESKRIMINALAMT, Wiesbaden 1997, Polizeiliche Kriminalstatistik Bundesrepublik Deutschland 1996, S. 78 ff.

[5] BÜNTING, Karl-Dieter, Deutsches Wörterbuch, 1996

[6] STATISTISCHES BUNDESAMT a. a. O.

[7] BAYERISCHES LANDESKRIMINALAMT, München 1997, Polizeiliche Kriminalstatistik für den Freistaat Bayern 1996, S. 16 (Stand: 31.12.95)

[8] STATISTISCHES BUNDESAMT a. a. O.

[9] BAYERISCHES LANDESAMT FÜR STATISTIK UND DATENVERARBEITUNG, Straßenverkehrsunfälle in Bayern 1995 u. 1996

[10] STATISTISCHES BUNDESAMT, Wiesbaden, telefonische Anfrage bei Herrn Kaiser

[11] STATISTISCHES BUNDESAMT a. a. O.

[12] ebd.

[13] ebd.

[14] ebd.

[15] PP MÜNCHEN, seit dem 01.01.70

[16] ausführlich hierzu: DEUTSCHER VERKEHRSSICHERHEITSRAT e. V., a. a. O.

Details

Seiten
43
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783656095774
ISBN (Buch)
9783656095408
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184551
Institution / Hochschule
Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Rechtspflege in Bayern in München
Schlagworte
Verkehrsdelinquenz Kriminalität Jugendliche Heranwachsende junge Erwachsene

Autor

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Titel: Verkehrs- und Kriminaldelinquenz