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Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise auf die Vermittlung von langfristigen Veranlagungsformen in Wien

Masterarbeit 2011 113 Seiten

BWL - Investition und Finanzierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Verwendete Theorien und Begriffe
2.1 Finanz- und Wirtschaftskrise
2.2 Angebot und Nachfrage nach Geldkapital
2.2.1 Geldmarkt und Kapitalmarkt
2.2.2 Das „magische Zieldreieck“ der Geldanlage
2.3 Langfristige Veranlagungsformen
2.3.1 Versicherungsprodukte
2.3.2 Bankprodukte
2.3.3 Neuverträge und Investitionssummen
2.4 Private Investoren
2.5 Gewerbliche Vermögensberatung
2.5.1 Beratungsqualität und Beratungsumfang
2.5.2 Rechtliche Vorgaben
2.6 Theoretische Bezüge
2.6.1 Sozialpsychologische Definition von Vertrauen
2.6.2 Zum Komplex Vertrauen und jüngste Entwicklungen
2.6.3 Vertrauen nach Niklas Luhmann
2.7 Forschungsfrage

3 Empirischer Teil der Arbeit
3.1 Expertenbefragung und Vorgangsweise
3.2 Methode der Auswertung
3.3 Qualitative Inhaltsanalyse - intervieworientierte Reduktion
3.4 Qualitative Inhaltsanalyse - interviewübergreifende Reduktion
3.5 Qualitative Inhaltsanalyse - Gesamtergebnisse kompakt

4 Zusammenfassung
4.1 Vertrauen und Beratungsqualität
4.2 Langfristige Veranlagungsformen und Investitionssummen
4.3 Ausblick
4.4 Ansatz für weitere Forschung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Anhang A: Fachbegriffe

Anhang B: Fragebogen

Anhang C: Interviews

Anhang D: Das Drei-Säulen-Modell der Altersvorsorge

Anhang E: Ausbildung Gewerblicher Vermögensberater

1 Einleitung

Die Finanz- und Wirtschaftskrise beeinflusst seit vier Jahren alle Bereiche der modernen Wirtschaft. Die vorliegende Masterarbeit zeigt auf, wie sich das Anlegerverhalten von privaten Investoren verändert hat. Die derzeitige Schuldenkrise der USA und vieler EU-Länder belegt die nach wie vor hohe Aktualität und Brisanz dieses Themas.

Haben im Jahr 2011 Gläubiger das Vertrauen in die Rückzahlungsfähigkeit verschuldeter Staaten verloren, so startete die Finanzkrise 2007/2008 mit einem Vertrauensverlust in die Rückzahlungsfähigkeit überschuldeter US-Hausbesitzer. In diesen vier Jahren wurden seitens der Anleger Erfahrungen gemacht, die man grundsätzlich in zwei Veranlagungsbereiche unterscheiden kann.

Der erste Bereich umfasst die vorsorgeorientierten Kapitalanleger. Betrachtet man diese Krise aus dem Blickwinkel der Sparer und vorsorgeorientierten Kapitalanleger am österreichischen Finanzdienstleistungsmarkt, so hat diese Investorengruppe die positive Erfahrung gemacht, dass aufgrund der staatlichen Einlagensicherung ihr Geld in einer Krisensituation sicher ist (vgl. Langhorst/Schäfer, 2009, S. 77). Auch Anleger in Renten- oder klassische Lebensversicherungsprodukte sind ohne Verluste durch die Finanzkrise gekommen, da für Versicherungsunternehmen eine Zahlungs- und Leistungsverpflichtung aus abgeschlossenen Versicherungsverträgen besteht.

Der zweite Bereich umfasst die renditeorientierten Kapitalanleger. Im Gegensatz dazu, müssen stark renditeorientierte und eher kurzfristig veranlagte Investoren zur Kenntnis nehmen, dass Werte von Finanzanlagen zur Gänze verloren gehen können. Dies bedeutet, dass hohe Rendite immer mit hohem Risiko verbunden ist (vgl. Langhorst/Schäfer, 2009, S. 77). Details dazu werden in Kapitel 2.2.2 näher beschrieben.

Bezugnehmend auf diese unterschiedlichen Entwicklungen der Veranlagungsformen möchte der Verfasser folgende Forschungsfrage untersuchen und beantworten: Wie hat sich aus Sicht des Gewerblichen Vermögensberaters in Wien das Abschlussverhalten von privaten Investoren in langfristige Veranlagungsformen (Vertragslaufzeit mindestens 15 Jahre) in Hinblick auf Neuverträge, Investitionssummen und dem Begriff Vertrauen nach Luhmann seit Ausbruch der Finanzkrise verändert?

Der Fokus dieser Arbeit liegt darauf, inwieweit sich Vertrauen von Kunden gegenüber Vermögensberatern und Banken verändert hat. Vertrauen wird hier als notwendiger aber riskanter Beitrag des Anlegers gesehen.

Zur Beantwortung der Forschungsfrage wurde eine empirische Studie mit Expertenbefragungen durchgeführt.

Die Ergebnisse werden im dritten Kapitel dieser Arbeit präsentiert. Die empirische Feldforschung bestand in der Durchführung von fünf Experteninterviews. Die Interviewpartner wurden auf Basis eines Leitfragebogens befragt. Da es sich bei der vorliegenden Untersuchung um eine qualitative Studie handelt, wurde für die Ausarbeitung der Interviews die Methode nach Mayring gewählt. Diese Form einer qualitativen Inhaltsanalyse hat sich infolge ihres regelgeleiteten Vorgehens als Standardmethode zur Auswertung qualitativer Studien durchgesetzt (siehe dazu Kapitel 3.2).

2 Verwendete Theorien und Begriffe

2.1 Finanz- und Wirtschaftskrise

Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise nahm ihren Anfang in der Krise des amerikanischen Hypothekenmarktes. Der Immobiliensektor hat sich in den USA in den Jahren 2000 bis 2007 aufgrund niedriger Zinssätze stark entwickelt. Dieser Trend führte dazu, dass immer mehr Investoren in dieses Marktsegment einstiegen und zunehmend Kredite an Schuldner mit geringer Bonität vergaben (vgl. Kalb, 2010, S. 3).

Um das Risiko des Kreditausfalls abzufedern, wurden diese Kredite zu Wertpapieren gebündelt und weltweit am Kapitalmarkt weiterverkauft (vgl. Bloss et al., 2008, S. 9). Da die Immobilien einen gesicherten Wert darzustellen schienen, gab es viele Käufer wie z.B. Banken, Versicherungen, Hedge- und Pensionsfonds (ebenda, S. 9.). Darüber hinaus wurden aufgrund des angenommenen Immobilienwertes und der Risikoreduzierung die gebündelten Wertpapiere von Ratingagenturen mit AAA- Rating bewertet (vgl. Schmitz, 2009, S. 3). „In den Jahren ab 2007 und 2008 brach dann allerdings der US-Immobilienmarkt vollständig zusammen“ (Kalb, 2010, S. 3). Die angehobenen Kreditzinsen konnten von den Schuldnern nicht mehr bedient werden. Die Immobilien, die als Garantie für die Kredite dienten, waren als Sicherheiten praktisch wertlos. Im Laufe des Jahres 2008 hat sich die Finanzkrise zunehmend auf die Realwirtschaft der ganzen Welt ausgeweitet und weitere Verluste verursacht (ebenda, S. 5).

Mit der sich vertiefenden Rezession begannen auch Insolvenzen wie z.B. von Lehman Brothers, einer großen Investmentbank in New York. Der Zusammenbruch von Lehman Brothers erschütterte das Vertrauen in das globale Finanzsystem und die eng verknüpften Aktienmärkte (vgl. Schmitz, 2009, S. 6). Ab Oktober 2008 verzeichneten die Aktienkurse weltweit - inklusive dem Wiener Leitindex ATX - einen starken Rückgang (siehe Abbildung 1). „Die Börse antizipierte damit einen Produktionsrückgang in der Realwirtschaft“ (Kalb, 2010, S. 5). Das Vertrauen vieler Anleger in Wertpapiere und alternative Veranlagungsformen wurde sehr stark beeinträchtigt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: ATX-Börsenkurs im Zeitfenster 1.1.2007-30.6.2011 (www.wienerboerse.at, 2.8.2011, 15:00)

2.2 Angebot und Nachfrage nach Geldkapital

In der Folge werden kurz Begriffe aus dem Finanzmarkt und ihre Funktionen dargestellt.

2.2.1 Geldmarkt und Kapitalmarkt

Der Geldmarkt ist Teil des Finanzmarktes, auf dem alle Transaktionen zum Liquiditätsausgleich - vorwiegend zwischen Banken - durchgeführt werden (vgl. Hölzl, 2008, S. 80). Diese Geldgeschäfte weisen in der Regel eine Fristigkeit von maximal zwölf Monaten auf. Dazu gezählt werden auch unabhängig von der Laufzeit alle so genannten Geldmarktpapiere wie z.B. Commercial Papers (vgl. Sommer, 2009, S. 79). Die höchsten Umsätze werden dabei im Interbankenmarkt erzielt, wobei aber keine regulierten Börsen existieren. Die Geschäfte am Geldmarkt werden über direkte Kontakte, spezialisierte Broker und diverse elektronische Handelsplattformen durchgeführt (ebenda, S. 79 f.).

Im Gegensatz dazu, werden am Kapitalmarkt - der ebenfalls Teil des Finanzmarktes ist - langfristige Wertpapiere (von mehr als zwölf Monaten Laufzeit) gehandelt. Diese Papiere werden vom Emissionsgeschäft der Investmentbanken generiert und können von privaten Investoren geregelt an Börsen gehandelt werden (vgl. Sommer, 2009, S. 81 f.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Der Geld- und Kapitalmarkt als Teil des Finanzmarkts (Eigene Darstellung)

2.2.2 Das „magische Zieldreieck“ der Geldanlage

Am Geld- und Kapitalmarkt bewegen sich Wirtschaftssubjekte wie einzelne Staaten, Zentral- und Geschäftsbanken, Versicherungen, Fondsgesellschaften und private Haushalte. Alle Marktteilnehmer berücksichtigen die drei wesentlichen Kriterien einer Veranlagung wie Rendite, Risiko und Liquidität.

- An oberster Stelle des „magischen Zieldreiecks“ (siehe Abbildung 3) steht die Rendite bzw. der Ertrag und ist damit - gemessen in Prozent pro Jahr - aus Sicht vieler Investoren der wichtigste Punkt der Veranlagung, denn „Wirtschaftliches Handeln erfordert, um operational zu sein, stets ein vorgegebenes Ziel mit dazugehörigem Zeitbezug“ (Bruns/Meyer-Bullerdiek, 2008, S. 1).
- Eine enge Verbindung besteht zum Kriterium Risiko, da man sagen kann, dass je mehr Rendite ein Investor sucht, er im Gegenzug auch mehr Risiko eingehen muss. Das bedeutet, dass Rendite ohne Risiko kaum möglich ist, und daher eine geringere Sicherheit für das Kapital darstellt. Das Verhältnis zwischen Rendite und Risiko wird als Performance definiert (vgl. Bruns/Meyer- Bullerdiek, S. 1).
- Liquidität ist ein weiteres Ziel der Veranlagung und ist definiert als jederzeitige Möglichkeit, sich zu fairen Preisen von einer Veranlagung trennen zu können (vgl. Bruns/Meyer-Bullerdiek, 2008, S. 1 f.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Magisches Zieldreieck im Portfoliomanagement (Bruns/Meyer-Bullerdiek, 2008, S. 1)

Veranlagungen, die alle drei Anforderungen und konkurrierenden Kriterien in einem hohen Maß erfüllen, gibt es nicht. Somit ist es in erster Linie wichtig, vor einer Investition die gewünschte Anlagedauer, den zu erwartenden Ertrag sowie die möglichen Risiken zu definieren. Die anschließende Gewichtung ergibt sich aus der persönlichen Präferenz des jeweiligen Anlegers (vgl. Bauer, 2008, S. 8).

2.3 Langfristige Veranlagungsformen

Das Hauptaugenmerk in Österreich liegt vorrangig im Bereich von Versicherungs- und Bankprodukten. Eine eindeutige Trennung beider Produktbereiche ist nicht erkennbar, da diese zunehmend ineinander übergehen (vgl. Felbinger et al., 2007, S. 86). In der vorliegenden Studie werden Produkte mit einem Anlagehorizont von 15 Jahren und mehr beleuchtet.

2.3.1 Versicherungsprodukte

Die Produkte im Versicherungsbereich sind unter dem übergeordneten Begriff Lebensversicherung zusammengefasst. Diese Sparte bietet eine Vielfalt an Produktvarianten an, wobei die am häufigsten gewählten Veranlagungen in die klassische Er- und Ablebensversicherung, die fondsgebundene Lebensversicherung sowie die prämiengeförderte Zukunftsvorsorge fließen. Darüber hinaus sind diese Vorsorgeformen aufgrund ihrer langfristigen Ausrichtung sehr gut für eine Absicherung des Lebensstandards geeignet.

Die klassische Er- und Ablebensversicherung ist eine konservative Veranlagungsform mit einem langfristigen, stabilen und kontinuierlichen Kapitalaufbau inklusive Versicherungsschutz. Die Sparprämie wird in den sogenannten Deckungsstock investiert und garantiert als Sondervermögen die Sicherheit des eingezahlten Kapitals (vgl. Felbinger et al., 2007, S. 104).

Die fondsgebundene Lebensversicherung ist im Grunde ähnlich aufgebaut, wobei die Sparprämie nicht in den Deckungsstock, sondern für den Ankauf von Fondsanteilen herangezogen wird (vgl. Felbinger et al., 2007, S. 104). Die Versicherungsleistung ist von der Wertentwicklung der ausgewählten Investmentfonds abhängig. Bei diesem Produkt kann der Versicherungsnehmer seine Risikobereitschaft selbst mitentscheiden.

Bei dem staatlich geförderten Sonderprodukt, der prämiengeförderten Zukunftsvorsorge, darf jeder steuerpflichtige Österreicher Beiträge in eine spezielle fondsgebundene Lebensversicherung einzahlen oder Anteile an einem speziellen Investmentfonds zeichnen (vgl. Felbinger et al., 2007, S. 126). Diese Versicherungen oder Fonds unterliegen ganz bestimmten Kriterien, die erfüllt werden müssen. Für die Einzahlungen bekommt der Anleger eine staatliche Prämie gutgeschrieben, die jährlich neu festgesetzt wird und sich zwischen 8,5% und 13,5% bewegt.

2.3.2 Bankprodukte

Im Bereich der Bankprodukte gibt es vergleichbar eine breite, jedoch teilweise unübersichtliche Produktpalette (vgl. Felbinger et al., 2007, S. 132). Das bekannteste und meist gewählte Veranlagungsinstrument ist das Sparbuch. Zu den Bankprodukten mit langfristigem Veranlagungshorizont kamen in den letzten Jahren zunehmend Wertpapiere wie z.B. Aktien und Anleihen dazu. Diese Effekten sind aufgrund der möglichen höheren Kursschwankungen eher als risikobehaftete Investition zu sehen. Trotz des vorhandenen Risikopotentials, können diese jedoch durchaus aufgrund der höheren Renditechancen als Altersvorsorge in eine Vorsorgeplanung miteinbezogen werden (ebenda, S. 146).

Das Sparbuch ist mit Abstand die beliebteste Anlageform in Österreich. Spareinlagen sind Gelder, die bei Banken und Kreditinstituten häufig für einen bestimmten Zeitraum veranlagt werden. „Für den Veranlagungszeitraum erhält der Kunde einen der Laufzeit und der Höhe der Einlage entsprechenden Zinssatz“ (vgl. Felbinger et al., 2007, S. 133).

Bei Anleihen handelt es sich um eine Art Schuldscheine, die von Emittenten wie z.B. Regierungen oder Unternehmen ausgegeben werden. Zumeist ist eine festgelegte Laufzeit vereinbart und die Papiere können sowohl fix als auch variabel verzinst sein. Mit Ausnahme von Risikoanleihen handelt es sich um eine relativ sichere langfristige Anlageform (vgl. Felbinger et al., 2007, S. 141).

Im Gegensatz zu einer Anleihe, bei der der Investor als Gläubiger auftritt, verbrieft die Aktie die Beteiligung an einem Unternehmen, einer Aktiengesellschaft (vgl. Felbinger et al., 2007, S. 142). Eines der Rechte des Aktionärs ist die Beteiligung am Unternehmensgewinn. Aktien sind eine riskante Anlageform mit hohem Verlustpotential. Das Investment sollte daher langfristig geplant sein.

2.3.3 Neuverträge und Investitionssummen

Aufgrund der Produktvielfalt an langfristigen Veranlagungsformen, möchte der Verfasser im Speziellen auf die umsatzstärksten - bereits in Kapitel 2.3.1 näher beschriebenen Produkte eingehen. Es handelt sich dabei um die klassische Er- und Ablebensversicherung, die fondsgebundene Lebensversicherung und die prämiengeförderte Zukunftsvorsorge.

Zeitraum 2005 bis 2007

Betrachtet man die letzten drei Jahre vor Ausbruch der Finanzkrise wird deutlich, dass die fondsgebundene Lebensversicherung hohe Zuwächse an abgeschlossenen Neuverträgen erzielt hat. Wenn man sich das Jahr 2007 in diesem Anlagesegment genauer ansieht, so ist gegenüber dem Jahr 2005 ein deutliches Plus von rund 122.500 Verträgen erkennbar. Das entspricht in etwa einem Plus von 16%.

Im selben Zeitfenster sind bei der klassischen Er- und Ablebensversicherung die Abschlüsse der Neuverträge in etwa im gleichen Ausmaß zurückgegangen. Bei der prämiengeförderten Zukunftsvorsorge ist eine kontinuierliche Abwärtsspirale erkennbar, da dieses Produkt in den drei Beobachtungsjahren kontinuierlich an Verträgen verloren hat (siehe Abbildung 4):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Anzahl der Verträge in Stück pro Jahr 2005 - 2007

(Eigene Darstellung, Quelle: VVO Jahresbericht 2007, S. 121, URL www.fma.gv.at,16.08.2011, 00:35)

Zeitraum 2008 bis 2010

Eine Trendumkehr ist mit Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise ab dem Jahr 2008 zu erkennen. Dabei sieht man deutlich, dass die klassische Er- und Ablebensversicherung - vor allem im Jahr 2010 - ein Plus an Neuverträgen gegenüber den Vorjahren erzielt hat. Zieht man abermals den direkten Vergleich mit der fondsgebundenen Lebensversicherung heran, so zeigt sich, dass bei diesem Produkt die Abschlusszahlen gegenüber dem Jahr 2008 zurückgegangen sind.

Ein unveränderter Abwärtstrend ist bei der prämiengeförderten Zukunftsvorsorge erkennbar. Die Abschlusszahlen sind im Jahr 2010 auf 90.000 Verträge gesunken (siehe Abbildung 5):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Anzahl der Verträge in Stück pro Jahr 2008 - 2010

(Eigene Darstellung, Quelle: VVO Jahresbericht 2010, S. 106, URL www.fma.gv.at, 16.08.2011, 00:35)

2.4 Private Investoren

Privatanleger sind natürliche Personen, die keinen rechtlichen Regelungen unterliegen und ihr Vermögen - oder Teile davon - auf eigenes Risiko am Kapitalmarkt anlegen (vgl. Kudlich, 2002, S. 16). Zu privaten Investoren zählen Einzelpersonen und Haushalte und die Anlageentscheidung basiert im Gegensatz zu institutionellen Anlegern in der Regel auf einer geringeren Informationsbasis. Die Entscheidungsfindung der Veranlagung wird häufig emotional und alleine getroffen oder durch einen Finanzdienstleister bzw. Vermögensberater unterstützt (ebenda, S. 16).

2.5 Gewerbliche Vermögensberatung

Die Berufsausübung des Gewerblichen Vermögensberaters ist in Österreich an zahlreiche gesetzliche Vorgaben geknüpft. Es muss bei der Erstellung einer ganzheitlichen Finanzplanung der Aufbau sowie die Sicherung und Erhaltung von Vermögen im Vordergrund stehen, da es sich um den Umgang mit finanziellen Mitteln anderer Personen handelt (vgl. Bohrn, 2011, S. 6). Die Beratung und Vermittlung bezieht sich auf unterschiedliche Finanzprodukte wie Kredite, Versicherungen und Veranlagungen, mit Ausnahme der Beratung in Bezug auf Finanzinstrumente nach § 3 Abs. 2 Z 1 Wertpapieraufsichtsgesetz 2007 wie z.B. Aktien und Anleihen (ebenda, S. 3).

Um eine Beratung dieser Produkte durchführen zu dürfen, bedarf es einer Konzession als Wertpapierunternehmen oder die Dienstleistung wird im Namen und auf Rechnung eines Rechtsträgers wie z.B. einer Wertpapierfirma erbracht (vgl. Bohrn, 2011, S. 3). Darüber hinaus gibt es Einschränkungen bei der Beratung und Vermittlung von Versicherungsprodukten. Während die Beratung über alle Versicherungssparten und Produkte erfolgen kann, ist die Vermittlung lediglich auf die Personensparten Leben- und Unfallversicherung beschränkt (vgl. Bohrn/Siemaszko, 2010a, S. 2). Der Gewerbeumfang der Gewerblichen Vermögensberatung wird durch die Gewerbeberechtigung in § 136a Absatz 1 Gewerbeordnung definiert (ebenda, S. 3).

Für die Anmeldung des Gewerbes der Versicherungsvermittlung ist wahlweise eine Berufshaftpflichtversicherung, eine umfassende Deckungszusage oder eine unbeschränkte Haftungserklärung notwendig (vgl. Bohrn/Siemaszko, 2010a, S. 5).

Laut Auskunft der Wirtschaftskammer in Österreich (Sparte Finanzdienstleister) gibt es aktuell 699 Gewerbliche Vermögensberater (inklusive Vermittlung von Leben- und Unfallversicherung) in Wien (http://firmen.wko.at, 26.08.2011, 00.30).

Um detaillierter aufzuzeigen, welchen Ausbildungsumfang und welche durchaus nicht leichten Voraussetzungen für die Zulassung als Gewerblicher Vermögensberater notwendig sind, wird dies im Anhang E beschrieben.

2.5.1 Beratungsqualität und Beratungsumfang

Die derzeit schwierige und unsichere Situation an den Finanzmärkten stellt hohe Anforderungen an die Gewerblichen Vermögensberater dar. In einem qualitativ hochwertigen Beratungsgespräch müssen ausschließlich die Interessen des Kunden im Vordergrund stehen. Dieses Gespräch verlangt vom Berater Fachkompetenz, Integrität und Lösungsansätze.

In der Beratung müssen Grundsätze eingehalten werden und dem Kunden alle Informationen angemessen, in verständlicher Form, aktuell, redlich und eindeutig, nicht irrführend sowie ausgewogen erklärt werden (vgl. Bohrn/Siemaszko, 2010b, S. 2).

2.5.2 Rechtliche Vorgaben

Gewerbliche Vermögensberater sind im Zuge eines Beratungsgesprächs verpflichtet, ein Protokoll zu führen. Sie unterliegen damit dem Wertpapieraufsichtsgesetz 2007, das die umfassenden und detaillierten Informations-, Dokumentations- und Berichtspflichten zusammenfasst (vgl. Bohrn/Siemaszko, 2010b, S. 2). Diese Pflichten treffen alle Rechtsträger wie z.B. Wertpapierfirmen, Kreditinstitute und Versicherungen im selben Umfang (ebenda, S. 2).

Darüber hinaus verfügen Gesprächsprotokolle über wichtige rechtliche Vorgaben wie z.B.:

- Als Nachweis für die Erfüllung der Informationspflichten
- Als Aufzeichnung und Dokumentation im Sinne der diversen aufsichtsrechtlichen Bestimmungen
- Als Hinweis auf konsumentenschutzrechtliche Bestimmungen wie etwa das Rücktrittsrecht des Verbrauchers nach § 63 Wertpapieraufsichtsgesetz 2007 oder § 3 Konsumentenschutzgesetz (vgl. N.N. FACTS, Ausgabe 2/2011, S. 20).

Mit dem Urteil vom 6. Juli 2010 (1 Ob46/10m) hat der Oberste Gerichtshof die Rechtsnatur der Gesprächsprotokolle geklärt (vgl. Winternitz, 2011, S. 97). „Die Gesprächsprotokolle unterliegen als Beweismittel der Beweiswürdigung der Gerichte und dienen der Erfüllung der Dokumentationspflicht“ (ebenda, S. 97).

Das Wertpapieraufsichtsgesetz 2007 ist in seiner gesamten Fassung im Internet abrufbar (http://www.fma.gv.at, 27.08.2011, 10:45).

2.6 Theoretische Bezüge

In diesem Unterkapitel wird der Begriff Vertrauen in verschiedenen Zusammenhängen wie sozialpsychologische oder systemtheoretisch- gesellschaftliche und jüngste Entwicklungen skizziert.

2.6.1 Sozialpsychologische Definition von Vertrauen

Vertrauen wird als Erwartung angesehen, die aus einem Interaktionsprozess entsteht (spezifische Erwartung) oder als Vorleistung (generalisierte Erwartung) in eine soziale Beziehung eingebracht wird. (vgl. Rotter, 1954, zitiert nach Fischer/Wiswede, 2002, S. 396).

Vertrauen kann enttäuscht werden und wird zu Misstrauen. Ein solcher Vorgang zeigt nachträglich die vorhandenen Definitionsmerkmale Ungewissheit und die damit einhergehende Risikobehaftetheit jener Vorleistung.

Zwei wichtige sozialpsychologische Funktionen von Vertrauen sind (vgl. Fischer/Wiswede, 2002, S. 396 f.):

1. Die Reduktion von Komplexität: Je komplexer die Situation, umso eher lässt man sich auf vereinfachte Entscheidungshilfen ein.
2. Die Erleichterung der Interaktion: Ein Geschehen zwischen sozialen Akteuren wird durch Vertrauen gefördert, bisweilen erst ermöglicht. Jeder Mangel von Vertrauen führt zu hohen (ökonomischen und sozialen) Interaktionskosten. Eine Balance zwischen Vertrauen und Misstrauen ist für ein effizientes Interaktionsgeschehen notwendig.

2.6.2 Zum Komplex Vertrauen und jüngste Entwicklungen

Die Finanzkrise hat zu einem Vertrauensverlust der Marktteilnehmer untereinander geführt. Die Anleger haben in einem hohen Maß ihr Vertrauen in die Seriosität der Banken und Anlageberater verloren, weil auf mögliche Veranlagungsrisiken unzureichend hingewiesen wurde (vgl. Priddat, 2010, S. 29). Oftmals waren sich die Anleger der eingegangenen Risiken selbst bewusst, jedoch war das Vertrauen in die Kompetenz der Berater größer. Darüber hinaus gab es die Gewissheit der

Investoren, dass große und namhafte Banken und Versicherungsgesellschaften nicht untergehen könnten (ebenda, S. 29).

Risiken wurden aufgrund des Vertrauens ausgeblendet. Vertrauen ist eine Vorleistung und eine soziale Basis der Berater-/Kundenbeziehung geworden. Die Einstellungen der Marktteilnehmer sind vielschichtig: Der Investor vertraut dem Berater, der Berater dem System (vgl. Priddat, 2010, S. 32). „Und in diesem Kontext wird Vertrauen als moralische Kategorie erinnert: Begriffe wie Ehrbarkeit, Zuversicht und Treue etc. werden memoriert und als Zulassungskriterium für das unbedingte Vertrauen aufgerufen“ (ebenda, S. 32).

2.6.3 Vertrauen nach Niklas Luhmann

Luhmann hat das Thema Vertrauen 1968 in einer eigenen Abhandlung systemtheoretisch untersucht (siehe Luhmann, 2009). Er sieht in Vertrauen eine riskante Vorleistung. In jeder wirtschaftlichen Transaktion ist Vertrauen eine Grundvoraussetzung für das Geschehen selbst. Ohne jegliches Mindestmaß an Vertrauen wäre das Individuum Mensch handlungsunfähig.

Für Niklas Luhmann ist Vertrauen ein Mittel zur Verringerung der Komplexität und stellt deshalb eine Art Vorleistung dar, da Vertrauen auf die Zukunft gerichtet ist: „Aber Vertrauen ist keine Folgerung aus der Vergangenheit, sondern es überzieht die Informationen, die es aus der Vergangenheit besitzt und riskiert eine Bestimmung der Zukunft“ (Luhmann, 2009, S. 23 f.). Vertrauen ermöglicht es daher, mit größerer Komplexität in Bezug auf Ereignisse zu leben und zu handeln (ebenda, S. 18). Vertrautheit und Vertrauen ermöglichen daher ein relativ sicheres Erwarten und damit auch das Aufnehmen und Absorbieren verbleibender Risiken.

Überdies können folgende Formulierungen von Luhmann in seinem, als übergreifende Theorie der Gesellschaft anzusehenden Werk „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ aus 1997 als Beschreibung der globalen Geschehnisse vor (siehe folgenden Punkt a) und nach (siehe folgenden Punkt b) der Finanzkrise 2007/2008 gelesen werden.

Zum immer vorhandenen Problem von Irrtum oder absichtlicher Täuschung kann allgemein gesagt werden, „dass die Gesellschaft Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit und 16 dergleichen moralisch prämiiert und im Kommunikationsprozess auf Vertrauen angewiesen ist“ (Luhmann, 1997, S. 225). Bezogen auf das vorliegende Thema können zwei Strömungen festgehalten werden:

a) Im Laufe der Zeit erzwingen „eingeführte Medien (entsprechen beispielsweise Vermittlungsinstanzen wie Finanzberatern) Vertrauen in das Vertrauen anderer, und eben deshalb haben sie eine hohe Inflationstoleranz.“ (Luhmann, 1997, S. 386). Übersetzt für das Thema dieser Arbeit heißt das, dass sowohl Berater als auch Kunden Anzeichen von zu hohem Risiko und Gefährdung habituell ignorieren. Etwas, das rückblickend auf die Jahre vor 2007/2008 als kennzeichnend für die Branche angesehen wird.
b) Überzieht jedoch Kommunikation innerhalb der Gesellschaft sein Potenzial, das heißt, wird mehr Vertrauen vorausgesetzt als hervorgebracht wird, kommt es zur Inflation, zur Entwertung der Symbole und zu einer Verringerung der Zirkulation von Kommunikationssymbolen (vgl. Luhmann, 1997, S. 383). Die Konkretisierung dieser Begriffe in den Geschehnissen ab 2008 bedeutet enorme Reduktion aller Transaktionen zwischen den Beteiligten wie Banken, Beratern und Kunden. Hierbei geht es um eine Reduktion, die manchmal bis zur vollständigen Einstellung aller Geschäftsbeziehungen führen konnte. Dies kann als kennzeichnend für die Branche für die erste Zeit nach 2008 angesehen werden.

Wie für die meisten Ausführungen von Niklas Luhmann ist auch hier kritisch anzumerken: Die Begriffe und ihre Beziehungen zueinander bleiben meist vage, sodass viele Situationen vergleichsweise rasch als konkrete Beispiele der abstrakten Ausführungen Luhmanns betrachtet werden können.

Trotzdem wurden die Begriffsbestimmungen von Vertrauen nach Niklas Luhmann als leitendes theoretisches Modell für den empirischen Teil dieser Arbeit genommen. Dies deshalb, weil Luhmann zahlreiche Anknüpfungspunkte zur Gesellschaft, also außerhalb des begrenzten direkten Interaktionsgeschehens zwischen zwei oder mehreren sozialen Akteuren, anbietet. Die Finanz- und Wirtschaftskrise zeigte doch auf globaler (supragesellschaftlicher) Ebene ihre erheblichen Auswirkungen mit schwerwiegenden Folgerungen in alle weniger sozial aggregierte Bereiche bis hin zum Einzelnen.

2.7 Forschungsfrage

Wie hat sich aus Sicht des Gewerblichen Vermögensberaters in Wien das Abschlussverhalten von privaten Investoren in langfristige Veranlagungsformen (Vertragslaufzeit mindestens 15 Jahre) in Hinblick auf Neuverträge, Investitionssummen und dem Begriff Vertrauen nach Luhmann seit Ausbruch der Finanzkrise verändert?

3 Empirischer Teil der Arbeit

In diesem Kapitel werden die verwendeten Methoden in der Feldforschung, in der Art der Auswertung und die Ergebnisse beschrieben.

3.1 Expertenbefragung und Vorgangsweise

Es wurden fünf anonymisierte Interviews mit Männern zwischen 33 und 53 Jahren durchgeführt, die ihre Tätigkeit als Gewerbliche Vermögensberater ausschließlich in Wien ausüben. Alle Interviewpartner sind derzeit in der Finanzbranche tätig und üben ihren Beruf auf selbständiger Basis oder im Angestelltenverhältnis aus. Die Gespräche fanden im Zeitraum vom 10. Juni bis 7. August 2011 statt und dauerten durchschnittlich 50 Minuten. Drei Interviews wurden werktags in Büros durchgeführt, die verbleibenden beiden Gespräche fanden werktags in privater Atmosphäre statt. Es war geplant, alle Interviews mittels Aufnahmegerät auditiv festzuhalten, jedoch konnte dieses Vorhaben nur bei einem Gespräch umgesetzt werden. Vier Gespräche wurden schriftlich protokolliert. Trotz Zusicherung der Anonymität empfanden die Interviewpartner die gegebenen Informationen zur Finanzkrise und den Veranlagungsformen sehr persönlich und vertraulich. Daher stimmten sie einer akustischen Aufnahme nicht zu. Diese Einstellung ist ein weiterer Hinweis dafür, dass das Thema Vertrauen in Bezug auf den Kapitalmarkt stark an Bedeutung gewonnen hat.

3.2 Methode der Auswertung

Bei einer empirischen Studie mit Experteninterviews müssen die sprachlichen Aussagen verknüpft und weiter verfeinert werden. Die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring eignet sich im besonderen Maße für die Auswertung dieser Daten, da es sich um ein theorie- und regelgeleitetes Verfahren sprachlichen Materials unter Einbeziehung theoretischer Vorinformationen handelt (vgl. Mayring, 2007, S. 58). Dabei wird der Text innerhalb seines Kontextes eng interpretiert. Bei der Auswertung der Interviews wurde vom Verfasser vorrangig die Grundform der Zusammenfassung mit explikativen Elementen gewählt (ebenda, S. 59). Dabei wird in zwei Reduktionsdurchgängen ein enger Textkorpus geschaffen, der Abbild des Grundmaterials ist. Durch die Explikation wird zu ausgewählten Textpassagen weiteres Material hinzugefügt, das die Textstelle und das Verständnis erweitert.

3.3 Qualitative Inhaltsanalyse - intervieworientierte Reduktion

Im ersten Schritt werden die Aussagen der fünf geführten Experteninterviews (Fall A bis E) in Paraphrasen und Generalisierung komprimiert. Dies ist in der qualitativen Forschung ein wichtiges Vorgehen, um die Bedeutungsinhalte der Aussagen systematisch festzuhalten. Aus der Zusammenfassung der intervieworientierten Reduktion werden Kategorien gebildet, die als Basis für den nächsten Analyseschritt dienen.

Alle Interviews befinden sich im Anhang C und sind mittels Zeilennummer gekennzeichnet, um die Aussagen in ihrem vollen Umfang und transparent nachvollziehen zu können.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

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Details

Seiten
113
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656093565
ISBN (Buch)
9783656093305
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184488
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
1
Schlagworte
auswirkungen finanz- wirtschaftskrise vermittlung veranlagungsformen wien

Autor

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Titel: Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise auf die Vermittlung von langfristigen Veranlagungsformen in Wien