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Glückseligkeit und Schönheit oder Aristoteles und Wilhelm Schmid

Hausarbeit 2011 19 Seiten

Philosophie - Epochenübergreifende Abhandlungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Glückseligkeit und Schönheit

Glückseligkeit

Schönheit

Ethik

Freundschaft

Ästhetik der Existenz

Zwei identische Philosophien

Glückseligkeit und Schönheit

oder

Aristoteles und Wilhelm Schmid

von Thomas Spreitzer

Glückseligkeit und Schönheit sind zwei Begriffe. Glückseligkeit und Schönheit sind auch zwei Philosophien: von Aristoteles und Wilhelm Schmid – eines antiken und eines zeitgenössischen Philosophen. Zwischen beiden liegen über 2300 Jahre Menschheitsgeschichte: die Geschichte der abendländischen Kultur.

Meine These ist, dass beide Philosophien identisch sind. Sie beschreiben meiner Meinung nach das gleiche Phänomen: das Leben. Beide Philosophien bieten dem Leben Orientierung an: mit einer großen V o r s t e l l u n g. Ihre Botschaft tragen sie in einem Wort: Glückseligkeit damals – Schönheit heute. Der einzige Unterschied ist für mich, dass sie ihre Begriffe aus zwei Welten nehmen: Glückseligkeit aus der ethischen Welt des Geistes und Schönheit aus der ästhetischen Welt der Sinne.

Das Wesentliche haben sie gemeinsam: Glückseligkeit und Schönheit stehen für Lebenskunst. Sie stehen für ein Leben, das oberflächlich und tief zugleich ist: ein Leben, in dem sich ethisches und ästhetisches Glück vereinen und in dem sich innere und äußere Schönheit zusammen verwirklichen. Sie sind die Ideale der Lebenskunst.

Wo auch immer die Frage nach dem eigenen Leben aufbricht, ist es das Anliegen einer Philosophie der Lebenskunst, die Suche des einzelnen Individuums nach einem bewusst gewählten Modus der Existenz zu unterstützen.[1]

Auf die Frage: „Wie kann ich mein Leben führen?“[2] antwortet Wilhelm Schmid mit „Philosophie als Lebenskunst“[3] und gibt mit ihr eine Orientierung für die „ars vitae“[4], für die „Gestaltung des individuellen Lebens“[5]:

Schön ist das, wozu das Individuum Ja sagen kann. Vor diesem Hintergrund kann der grundlegende Imperativ der Lebenskunst formuliert werden, der jeden einzelnen Schritt des Individuums in den Horizont der Gesamtheit der Existenz stellt und nur vom Individuum selbst in Kraft gesetzt werden kann, ein existenzieller Imperativ: Gestalte dein Leben so, dass es bejahenswert ist.[6]

Wilhelm Schmid sieht eine Antwort auf diese Frage auch in der Ethik von Aristoteles:

Aristoteles geht in seinem Buch „Nikomachische Ethik“ davon aus, dass es für jeden Einzelnen darauf ankommt, „ein Leben für sich zu wählen“, und als Ziel dieses Lebens erscheint das Gut, das die Eudaimonia ist, gewöhnlich mit „Glück“ übersetzt. […] Dessen Erkenntnis dient der Orientierung des individuellen Lebens und auch der Lebensführung im Rahmen der Gesellschaft, deren Zustand letztlich wiederum entscheidend für das individuelle Leben ist.[7]

Schönheit und Glückseligkeit sind Antworten auf die große Frage der Gestaltung des Lebens und Orientierungen für „die immer gleichbleibende ursprüngliche menschliche Natur.“[8] Sie sind die zentralen Begriffe zweier Lebensphilosophien, die den Sinn des Lebens auf dem gleichen Weg finden: Beide beschreiben das wesentliche Leben, das auch der griechische Dichter Theognis erkannte, denn „das einzige, was der Mensch braucht, ist Glück.“[9]

Glückseligkeit

Die Nikomachische Ethik von Aristoteles ist die erste Ethik der abendländischen Kultur. Sie beginnt mit den beiden Sätzen:

Jede Kunst und jede Lehre, ebenso jede Handlung und jeder Entschluß scheint irgendein Gut zu erstreben. Darum hat man mit Recht das Gute als dasjenige bezeichnet, wonach alles strebt.[10]

Die Nikomachische Ethik ist eine Ethik, die sich an einem Ziel (griechisch: télos) orientiert und sie ist darum eine teleologische Ethik. Ihr Ziel – télos - ist die Glückseligkeit (griechisch: eudaimonía J):

Da also jede Erkenntnis und jeder Entschluß nach irgendeinem Gute strebt, wonach wird nach unserer Auffassung die politische Wissenschaft streben, und welches ist das oberste aller praktischen Güter? Im Namen stimmen wohl die meisten überein. Glückseligkeit nennen es die Leute ebenso wie die Gebildeten, und sie setzen das Gut-Leben und das Sich-gut-Verhalten gleich mit dem Glückseligsein.[11]

Aristoteles differenziert die Güter, um die Glückseligkeit zu definieren:

Wenn nun die Güter dreigeteilt werden, und zwar so, daß die einen äußere Güter genannt werden, die zweiten körperliche, die dritten seelische, so nennen wir die seelischen die eigentlichen und die hervorragendsten Güter.[12]

Glückseligsein ist für Aristoteles ein seelisches Gut: „Richtig ist auch, daß das Ziel als Handlungen und Tätigkeiten bestimmt wird. Denn auf diese Weise gehört das Ziel zu den seelischen Gütern“[13] und die Glückseligkeit ist „das Beste, Schönste und Erfreulichste“ […] „Denn all dies miteinander kommt den besten Tätigkeiten zu. Und diese nun, oder die eine beste ihnen, nennen wir die Glückseligkeit.“[14]

Aristoteles zeigt sich auch als Materialist: die äußeren und die körperlichen Güter sieht er als ebenso notwendig für ein glückliches Leben. Er erweitert die Definition der Glückseligkeit:

Sie scheint freilich auch der äußeren Güter dazu zu bedürfen, wie wir gesagt haben. Es ist nämlich unmöglich oder doch nicht leicht, das Edle zu tun, wenn man keine Mittel zur Verfügung hat. Denn vieles richtet man aus durch Freunde, Reichtum und politische Macht, die sozusagen als Werkzeuge dienen.[15]

Im ZEHNTEN BUCH wiederholt er diese Meinung:

Der Glückselige wird als Mensch auch in guten äußeren Verhältnissen leben müssen. Denn die Natur genügt sich selbst zum Betrachten nicht; dazu bedarf es auch der leiblichen Gesundheit, der Nahrung und alles anderen, was zur Notdurft des Lebens gehört.[16]

In seiner weiteren Argumentation vereint Aristoteles die Tugend, Schönheit und Lust mit der Glückseligkeit. Im ERSTEN BUCH ist sein Fazit: „Und die Glückseligkeit nennen wir die Tätigkeit der Seele.“[17] Auf dem Weg der Glückseligkeit arbeiten auch die Tugenden an der Verwirklichung der Lebenskunst mit, denn „entscheidend für die Glückseligkeit sind die tugendgemäßen Tätigkeiten“[18], wie Aristoteles im ERSTEN BUCH definiert, und „wir setzen das Ziel an und erwägen dann, wie und durch welche Mittel wir es erreichen, und wenn sich mehrere Wege zeigen, so wird geprüft, welcher der schnellste und schönste sei“[19], beschreibt er die Lebenspraxis im DRITTEN BUCH. Auf dem schönsten Weg ist auch die Freude am größten. Aristoteles erklärt im SIEBTEN BUCH:

Es muß also notwendigerweise die Lust etwas Gutes sein. […] Darum glauben auch alle, daß das glückselige Leben angenehm sei, und verflechten die Lust mit der Glückseligkeit, was wohl verständlich ist.[20]

Die Lust des glückseligen Lebens ist im Einklang mit der Natur: „Von Natur lustvoll ist, was das Handeln der betreffenden Natur hervorbringt.“[21]

Schönheit

Dasjenige, wonach das Individuum sucht, ist das, wofür es sich zu leben lohnt, dasjenige Schöne, für das es mit seinem Leben einzustehen bereit ist.[22]

Wilhelm Schmid betont hier in der Philosophie der Lebenskunst die existenzielle Bedeutung der Schönheit und er definiert das Schöne als „bejahenswert“[23]. Diese Definition steht für ein existenzielles Ja – ein Ja des ganzen Lebens. Schönheit als Philosophie gibt dem Leben Bedeutung: Sinn - „das ist Zusammenhang.“[24] In der großen Idee S c hön h e i t findet alles in einer großen Harmonie zusammen: ein großer Zusammenhang entsteht. Alles vereint sich als organisches Ganzes – als große Schönheit. Die Verwirklichung dieser Philosophie ist Lebenskunst:

Lebenskunst kann […] heissen, sich ein schönes Leben zu machen, im Sinne von: Das Leben bejahenswerter zu machen, und hierzu eine Arbeit an sich selbst, am eigenen Leben, am Leben mit Anderen und an den Verhältnissen, die dieses Leben bedingen, zu leisten. Die Selbstmächtigkeit, die kunstvolle Gestaltung der Existenz, der Akt der Wahl, die Sensibilität und Urteilskraft, die Realisierung von Schönheit: All diese Momente kommen darin überein, zu einem erfüllten Leben beizutragen, das bejahenswert ist.[25]

Die Philosophie S c hön h e i t gibt allem eine Bedeutung – einen Sinn: einen relativen Sinn zu dem großen Sinn. Das Ja zu einem schönen Leben ist die entscheidende Orientierung. Diese Philosophie setzt Schönheit als das höchste Ziel – als das Endziel[26] – wie Aristoteles die Glückseligkeit im ERSTEN BUCH der Nikomachischen Ethik.

Auch die Glückseligkeit als Stern am Himmel der Ideale hat die Wirkung, der Existenz den Weg zu zeigen. Sie organisiert das Leben: die Verwirklichung des Lebensweges – der Glückseligkeit und der Schönheit – hat Priorität und das Denken, Sprechen und Handeln trägt dazu bei, auf dem Weg zu bleiben. Diese Lebenspraxis prägt „das Pathos der Selbstgestaltung, das für das Subjekt der Lebenskunst so charakteristisch ist: Es rührt her von dem Bedürfnis, ein Leben zu führen, das schön ist, ein Selbst zu sein, das für sich selbst bejahenswert ist“[27].

[...]


[1] Wilhelm Schmid: Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung. 3. korrigierte Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1999. Vorwort. S. 9 – 14, hier S. 12.

[2] Wilhelm Schmid: Philosophie der Lebenskunst. Zum Ort der Lebenskunst in der Geschichte der Philosophie. S. 27 – 38, hier S. 27.

[3] W. Schmid: Philosophie der Lebenskunst. Zum Ort der Lebenskunst in der Geschichte der Philosophie. S. 27.

[4] W. Schmid: Philosophie der Lebenskunst. Zum Ort der Lebenskunst in der Geschichte der Philosophie. S. 31.

[5] Wilhelm Schmid: Philosophie der Lebenskunst. Moral, Moralistik, Ethik und Lebenskunst. S. 60 – 71, hier S. 66.

[6] Wilhelm Schmid: Philosophie der Lebenskunst. Die Renaissance des Individuums und die Ästhetik der Existenz. S. 165 – 172, hier S. 169.

[7] Wilhelm Schmid: Schönes Leben? Einführung in die Lebenskunst. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2000. Der Weg zum Glück und die Kunst, dem Leben Sinn zu geben. S. 175 – 185, hier S. 175.

[8] Aristoteles: Die Nikomachische Ethik. Aus dem Griechischen und mit einer Einführung und Erläuterungen versehen von Olof Gigon. 8. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2010. Einführung. S. 5 – 102, hier S. 63.

[9] Aristoteles: Die Nikomachische Ethik. Einführung. S. 97.

[10] Aristoteles: Die Nikomachische Ethik. Aus dem Griechischen und mit einer Einführung und Erläuterungen versehen von Olof Gigon. 8. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2010. ERSTES BUCH. S. 105.

[11] Aristoteles: Die Nikomachische Ethik. ERSTES BUCH. S. 108.

[12] Aristoteles: Die Nikomachische Ethik. ERSTES BUCH. S. 118.

[13] Aristoteles: Die Nikomachische Ethik. ERSTES BUCH. S. 118.

[14] Aristoteles: Die Nikomachische Ethik. ERSTES BUCH. S. 120.

[15] Aristoteles: Die Nikomachische Ethik. ERSTES BUCH. S. 120.

[16] Aristoteles: Die Nikomachische Ethik. ZEHNTES BUCH. S. 350.

[17] Aristoteles: Die Nikomachische Ethik. ERSTES BUCH. S. 128.

[18] Aristoteles: Die Nikomachische Ethik. ERSTES BUCH. S. 123.

[19] Aristoteles: Die Nikomachische Ethik. DRITTES BUCH. S. 157.

[20] Aristoteles: Die Nikomachische Ethik. SIEBTES BUCH. S. 275.

[21] Aristoteles: Die Nikomachische Ethik. SIEBTES BUCH. S. 279.

[22] W. Schmid: Philosophie der Lebenskunst. Die Renaissance des Individuums und die Ästhetik der Existenz. S. 165.

[23] W. Schmid: Philosophie der Lebenskunst. Die Renaissance des Individuums und die Ästhetik der Existenz. S. 165.

[24] W. Schmid: Schönes Leben? Einführung in die Lebenskunst. Der Weg zum Glück und die Kunst, dem Leben Sinn zu geben. S. 182.

[25] W. Schmid: Philosophie der Lebenskunst. Die Renaissance des Individuums und die Ästhetik der Existenz. S. 170.

[26] Aristoteles: Die Nikomachische Ethik. ERSTES BUCH. S. 115.

[27] Wilhelm Schmid: Philosophie der Lebenskunst. Selbstbewusstsein und Selbstgestaltung. S. 239 – 244, hier S. 244.

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656092360
ISBN (Buch)
9783656132189
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184451
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
Schlagworte
glückseligkeit schönheit aristoteles wilhelm schmid Glück Orientierung Philosophie

Autor

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