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Männliche Opfer sexueller Gewalt im Osten der Demokratischen Republik Kongo – Möglichkeiten und Grenzen ihrer Rehabilitierung

Forschungsarbeit 2011 33 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Diese Studie untersucht die Frage, ob Mitarbeiter in potentiellen Anlaufstellen männlichen Opfern sexueller Gewalt im Osten der Demokratischen Republik Kongo bei Inanspruchnahme eine Unterstützung im Bewältigungsprozess sind oder die primäre Viktimisierung eher noch verstärken. 28 Experten aus vorrangig medizinischen, psychosozialen und rechtlichen Institutionen in der Region nahmen an der Befragung teil, die auf der einen Seite auf die fachliche Qualität der Angestellten und die Dienstleistungsangebote der Organisationen abstellte, andererseits die persönliche Grundhaltung der Befragten gegenüber dieser Opfergruppe fokussierte. Die Ergebnisse zeigen, dass die konsultierten Personen im Rahmen ihrer Ausbildung mit dem Thema vertraut gemacht wurden, von der Existenz des Phänomens wissen und eine umfangreiche Betreuung anbieten können. Ihre persönliche Herangehensweise an die Thematik der sexuellen Gewalt gegen Männer ist von Mitgefühl und Verständnis für die Lebenswirklichkeit der Betroffenen geprägt und zumeist weitestgehend vorurteils- und vorwurfsfrei. Dennoch zeichnen die Aussagen der Mitarbeiter ein Bild über schwerwiegende (vor allem soziale) Konsequenzen, mit denen männliche Überlebende nach solch einem Übergriff zu rechnen haben. Diese basieren vorrangig auf gesellschaftlich internalisierten Maskulinitätsbildern und haben das Potential, den Bewältigungsprozess des Mannes, trotz einer wahrscheinlich förderlichen Betreuung durch Anlaufstellen, negativ zu beeinflussen. Neben einer stärkeren Fokussierung sexuell misshandelter Männer als eigenständige Zielgruppe von Aktivitäten werden umfangreiche Sensibilisierungsmaßnahmen der lokalen Bevölkerung empfohlen, um die Resozialisierungsprobleme männlicher Überlebender zu entschärfen und mögliche Täter zu demotivieren. Die unsichere Lage und Gesetzlosigkeit im Osten der DR Kongo wird als beträchtliche Dynamik für die epidemischen Ausmaße des Phänomens empfunden und ein dringender Handlungsbedarf ausgesprochen.

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Männliche Opfer sexueller Gewalt im Osten der Demokratischen Republik Kongo – Möglichkeiten und Grenzen ihrer Rehabilitierung

Silke Vollhase

Philipps-Universität Marburg

Die Demokratische Republik Kongo und insbesondere die östlichen Gebiete des Landes sind seit den 1990er Jahren Schauplatz unübersichtlicher Bürgerkriege mit dutzenden Fraktionen. Im Jahr 2008 unterzeichneten 22 bewaffnete Gruppen aus Nord- und Südkivu in Goma einen Friedensvertrag, der das Ende von Gewalt und Vertreibung in der Region einläuten sollte. Beschlossen wurde der augenblickliche Waffenstillstand, die Integration bewaffneter Gruppen in die kongolesische Armee (Forces Armées de la République Démocratique du Congo (FARDC)) und das Ende der Unterstützung ausländischer Milizen durch die Regierung. Seit dem 1. Juli 2010 ist die Region offiziell in einer Phase der Stabilisierung. Dies wird ihr durch den geänderten Namen und das Mandat der Vereinten Nationen in der DR Kongo attestiert, welche sich mittlerweile die UN Organization Stabilization Mission in the DRC (MONUSCO) nennt und sich mit der Resolution 1925 den Schutz der Zivilisten1 sowie die Stabilisierung und Friedenskonsolidierung auf die Fahnen geschrieben hat.2

Ein solider und dauerhafter Frieden in der Region kam dennoch bislang nicht zustande. Während sich die Kongolesen auf allgemeine Wahlen im November 2011 vorbereiten, destabilisieren bewaffnete Fraktionen weiterhin das Land.

Ein bedeutender Konfliktakteur ist die Forces démocratiques de libération du Rwanda (FDLR). Sie gilt als größte ausländische Miliz und besteht hauptsächlich aus Soldaten und Generälen der früheren ruandischen Armee (Forces armées rwandaises (FAR)), Regierungsoffiziellen, die nach dem ruandischen Genozid von 1994 der Macht enthoben wurden sowie sonstigen Flüchtlingen. Die Mitglieder der FDLR sind hauptsächlich der ethnischen Gruppe der Hutu zugehörig. Vielen von ihnen wird nachgesagt, sich aktiv am Völkermord beteiligt zu haben. Trotz gemeinsamer Militärschläge der UN-Missionen und der FARDC und Demobilisierungsbemühungen stellt die Rebellengruppe immer noch ein schwerwiegendes Sicherheitsproblem dar, auch wenn ihre Mitgliederzahl mittlerweile nur noch auf weniger als 3000 Mann geschätzt wird. Darüber hinaus sind die Allied Democratic Forces (ADF), eine ugandische, islamisch geprägte Rebellenbewegung, die im Ruwenzori-Gebirge auf der Grenze zwischen der DR Kongo und Uganda ihren Stützpunkt hat, die berüchtigte ugandische Lord‟s Resistance Army (LRA), die vor allem für ihre Gräueltaten gegenüber der Bevölkerung Nord-Ugandas und Zwangsrekrutierungen von Kindersoldaten bekannt ist, sowie Überbleibsel der burundischen bewaffneten Gruppe Forces nationales de libération (FNL) in der DR Kongo aktiv.3 MONUSCO bemüht sich im Rahmen von DDRRR4 - Programmen, die ausländischen Kombattanten zu repatriieren. Dies stellt aber besonders bei der FDLR ein Problem dar, da viele Milizionäre aus Angst vor Vergeltung für ihre Beteiligung am Genozid nicht mehr nach Ruanda zurückkehren wollen.5

Die kongolesische Rebellengruppe Congrès national pour la défense du peuple (CNDP), welche vorrangig aus Tutsi besteht, entsprang ursprünglich dem Wunsch, die kongolesische Bevölkerung gegen den Einmarsch der Hutu aus Ruanda in Form der FDLR zu schützen. Eine Vereinbarung aus dem Jahr 2009 beschloss die Integration der CNDP (nebst anderer kleinerer kongolesischer Milizengruppen) sowie die Transformation ihres politischen Flügels in eine offizielle politische Partei. Allerdings wird die Eingliederung der Ex-Kombattanten in Führungspositionen der Regierung und der FARDC als problematisch angesehen, da einige von ihnen vom Internationalen Strafgerichtshof angeklagt wurden und sie als schlecht ausgebildete und undisziplinierte Elemente eine Regierungsarmee „bereichern“, die ihrerseits für Übergriffe an der Zivilbevölkerung bekannt ist. Darüber hinaus gibt es noch viele nicht-integrierte oder frustrierte wieder-desertierte Kombattanten, die weiterhin Rebellengruppen angehören.6

Der aktuellste Bericht des UN-Sicherheitsrates zur Situation in der DR Kongo (Mai 2011) geht von derzeitigen militärischen Aktivitäten folgender Gruppen in den östlichen Regionen aus: der Regierungsarmee FARDC, der UN-Mission MONUSCO, der LRA, der FDLR, der FNL, der ADF sowie kongolesischer Milizen, denen die CNDP, die Forces républicaines fédéralistes (FRF) aber auch Mayi-Mayi-Splittergruppen7 zugeordnet werden.8

Vor allem in den Provinzen Nord- und Süd-Kivu und Orientale sowie in Teilen Maniemas, Kasai Oriental und Katanga tragen Zivilisten die Hauptlast der Aktivitäten der bewaffneten Gruppen, die über die Kontrolle ihres Landes und ihrer Ressourcen kämpfen. Durch den unaufhörlichen Kriegszustand ist die Region chronisch fragil und in einer dauerhaften humanitären Notlage. Gemäß des UN Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (OCHA) wurden bis zum 31. März 2011 1,7 Millionen Zivilisten aufgrund von Angriffen und bewaffneten Konfrontationen vertrieben. Durch den vollkommenen Zerfall staatlicher Autorität herrscht ein Klima der Gesetzlosigkeit, sodass alle involvierten Konfliktparteien die Möglichkeit haben, auf alltäglicher Basis ungestraft schwere Menschenrechtsverletzungen an der Bevölkerung zu begehen.9

Dabei ist der Einsatz sexueller Gewalt durch die Milizengruppen, aber auch die Regierungssoldaten, ein weit verbreitetes Phänomen, welches bis heute nicht an Aktualität verloren hat, und vor keiner ethnischen Gemeinschaft, Altersgruppe, Gesellschaftsschicht oder Lokalität im Osten des Landes halt macht.10

« Les auteurs l‟utilisent comme arme de guerre et l‟implante [sic] comme culture ».11

Trotz einer mittlerweile relativ umfangreichen medialen Abdeckung des Themas „Sexuelle Gewalt in der DR Kongo“ an sich blieb bis heute ein Aspekt des Konflikts in der Region, abgesehen von Fußnotenverweisen und vereinzelten Pressemeldungen, in der Literatur, Berichten dort tätiger Organisationen und in den Medien nahezu unbehandelt: Auch wenn Frauen und Mädchen die hauptsächlichen Ziele sexueller Gewalt sind, wurden und werden auch Männer und Jungen regelmäßig zu Opfern12.13 Genau wie bei weiblichen Opfern geht das Erleben solch einer Gewalttat in vielen Fällen mit Folgen körperlicher, psychischer, psychosomatischer und psychosozialer Natur für den Betroffenen einher, die sein Leiden verstärken und langfristige Konsequenzen für sein Leben und jenes seiner Angehörigen nach sich ziehen können.14 Laut Baurmann & Schädler erscheinen aus Sicht der Opfer die psychischen Folgen einer Gewalttat gravierender als die körperlichen.15 Aus diesem Grund ordnet Agger die sexuelle Folter auch in den Bereich der psychischen und nicht der physischen Folter ein.16 Der Grad der Bewältigung der Gewalttat wird neben internen Ressourcen wie der individuellen Persönlichkeit zu einem großen Anteil von der Verfügbarkeit externer Ressourcen in Form von professioneller Hilfe und sozialer Unterstützung mitbestimmt.17

Theoretischer Hintergrund und Ziel der Studie

Gemäß Melvin J. Lerners Theorie des „Glaubens an eine gerechte Welt“ ist jedes Ereignis in eine universelle rationale Ordnung einfügbar und kann durch kausale Verknüpfungen gerechtfertigt werden. Auf diese Weise wird die Umwelt als geordnet, kontrollierbar und vorhersagbar wahrgenommen. Soziale Normen determinieren, was im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext, gemessen an einer universalen Gerechtigkeit, als gerechtes und angemessenes Verhalten gilt.18 Die universelle rationale Ordnung wird auch durch die Einhaltung des Konzepts der Heteronormativität aufrechterhalten, welches Heterosexualität als soziale Norm postuliert.19

Gemäß Lerner stehen dem Individuum, das mit einem Ereignis konfrontiert wird, welches seinen Gerechtigkeitssinn verletzt, das heißt nicht in seine universelle Ordnung passt, prinzipiell zwei Verhaltensmodi zur Verfügung, um die Ordnung der subjektiven Welt wiederherzustellen. Zum einen kann pro-aktiv reagiert, das heißt der Versuch unternommen werden, den als ungerecht erlebten Zustand positiv zu verändern, beispielsweise durch Opferhilfe oder Bestrafung des Täters („rationale Taktik“). Da aber diese Verhaltensweise oft nicht möglich oder aber mit zu hohem Aufwand verbunden ist, wird häufig der „nicht-rationale“ Modus gewählt, der sich in mehrere mögliche Verhaltensweisen gliedert: Die Leugnung oder der Rückzug, sodass sich das Individuum dem Ereignis gar nicht aussetzen muss oder die Umdeutung des Ereignisses in einer Weise, dass es doch gerecht erscheint. Letzteres kann sich ergebnisorientiert darin ausdrücken, dass das Ereignis für das Opfer als gar nicht schwerwiegend oder sogar positiv bewertet wird, oder ursachenorientiert, indem das Opfer selbst verantwortlich für das Geschehene ist und es verdient, und zwar entweder durch eigenes Verhalten oder aber einen Charakterfehler.20

Wählen der soziale Nahraum, die Familie oder Mitarbeiter in Anlaufstellen in Reaktion auf die primäre Viktimisierung21 eines Gewaltopfers den „nicht-rationalen Modus“, um das Ereignis in die Ordnung ihrer subjektiven Welt einzupassen, kann dies als Desinteresse und mangelndes Einfühlungsvermögen, aber auch als Schuldzuschreibung und Verurteilung, Ablehnung und Abwertung sowie Stigmatisierung durch Etikettierungsprozesse zu Tage treten. Solch eine negative Resonanz kann sich im Folgenden direkt ungünstig auf die Verfassung des Betroffenen sowie den Bewältigungsprozess der ersten Opferwerdung auswirken, indem sie letztere sogar verstärkt (sekundäre Viktimisierung).22

Im Rahmen dieser Studie wurden Mitarbeiter potentieller Anlaufstellen für männliche Überlebende sexueller Gewalt im vorrangig medizinischen, psychosozialen und rechtlichen Milieu im Osten der DR Kongo befragt. Sie haben grundsätzlich das Potential, für diese Opfergruppe eine Hilfestellung zu sein, können aber auch zu „zweiten Tätern“ werden. Vor dem Hintergrund der Theorie Lerners wurde in Betracht gezogen, dass vergewaltigte Männer möglicherweise nicht in das universelle rationale Ordnungssystem von Personal passen, welches in einem patriarchalen, hoch militarisierten und brutalisierten Umfeld lebt, in dem Männer stark nach maskulinen Idealen streben und Heterosexualität als soziale Norm vorausgesetzt wird. Ein offenbarer homosexueller Akt stellt die Rolle und sexuelle Identität des betroffenen Mannes in Frage und könnte daher für Außenstehende in solch einem Kontext abwegig und widernatürlich wirken. Ziel des Vorhabens war es, zu eruieren, ob die befragten Mitarbeiter Ereignisse sexueller Gewalt auf rationale oder nicht-rationale Art und Weise in ihre Lebenswelt zu integrieren suchen. Eine rationale Reaktionsweise könnte durch Bemühungen zur Unterstützung der Betroffenen und zur Sanktionierung der Täter, das heißt durch positive Veränderungsversuche, sichtbar werden. Im Gegensatz dazu wäre ein nicht-rationales Herangehen beispielsweise durch die Leugnung oder Ignoranz gegenüber der Tat erkennbar oder könnte sich in der Umdeutung des Geschehenen manifestieren, indem es beispielsweise nicht als schwerwiegend bewertet oder einem potentiellen Fehlverhalten, also der Schuld und Verantwortung des Opfers, zugeschrieben wird.

Wie Burt und Bohner zeigen, sind der „Glaube an eine gerechte Welt“ und die Erschaffung und Vertretung von sogenannten „Vergewaltigungsmythen“ positiv korreliert.23 Sie erfüllen gemäß Nicola Brosi die Funktion, die Tatsache, dass Vergewaltigung in einem gegebenen gesellschaftlichen Kontext vorkommt, zu leugnen, umzudeuten oder zu verharmlosen. Damit geht einher, dass den Opfern die Verantwortung für die Tat zugeschrieben und der Täter entlastet wird. Sie dienen Menschen, die mit dem Thema in Berührung kommen, zur Abwehr negativer Gefühle, die aus der Erkenntnis erwachsen können, dass Männer aller Klassen, jeden Alters und unabhängig von religiöser oder ethnischer Zugehörigkeit ohne ihr Zutun sexueller Gewalt ausgesetzt sein könnten.24 Male rape-Mythen beantworten die Frage „Warum ist dieser Übergriff überhaupt geschehen?“ anhand heteronormativ geprägter Kategorisierungen über Opfer und Täter, ihre Maskulinität und Sexualität. Letztlich sind sie ein Produkt der im jeweiligen Kontext vorherrschenden Vorstellung geschlechtlicher Rollen, welche meist mehr oder weniger nachdrücklich diktiert, dass Männer stark, durchsetzungsfähig, sexuell dominant und vor allem heterosexuell sein sollten.25 Kann anhand der Mythen die Ursache für die sexuelle Gewalt bei den Opfern gesucht und gefunden werden, wird damit auch die Aufrechterhaltung der subjektiven Konstruktion einer „gerechten Welt“ möglich. Furcht, Bedrohungs- oder Schuldgefühle werden so abgemildert oder gänzlich vermieden.

Aufbauend auf den Ergebnissen der Befragung sollten Annahmen darüber angestellt werden, mit welcher Resonanz ein männlicher Überlebender sexueller Gewalt bei Inanspruchnahme einer Betreuung durch die befragten Anlaufstellen zu rechnen hätte. Wie könnten hier die Erfahrungen von hilfesuchenden Männern ausfallen? Des Weiteren waren Vermutungen über die Auswirkungen dieser Interaktionen auf den Bewältigungsprozess der Opfer und das Ausmaß weiterer Viktimisierungen abzuleiten.

Methodologie

Definition „Sexuelle Gewalt“

Definitionen sexueller Gewalt variieren stark von Region zu Region und in Abhängigkeit von ihrer Zweckbestimmung. Im Rahmen dieser Studie wurde sexuelle Gewalt in Anlehnung an das Akayesu-Urteil des International Criminal Tribunal for Rwanda (ICTR) aus dem Jahre 1998 als “any act of [a] sexual nature which is committed on a person under circumstances which are coercive” definiert.26 Sexuelle Gewalt ist somit nicht wie die Vergewaltigung an sich auf ein physisches Eindringen in den menschlichen Körper, also die Penetration, beschränkt, sondern kann auch Taten einschließen, die nicht zwangsläufig mit einer Penetration oder überhaupt einem körperlichen Kontakt einhergehen.27 Sexuelle Gewalt gegen Männer und Jungen beinhaltet nach dieser Definition auch andere Akte, die auf die sexuelle oder reproduktive Gesundheit oder Identität abzielen, z.B. Kastration und andere Formen erzwungener Sterilisierung und sexueller Verstümmelung, Gewalt gegen die Genitalien (z.B. Schläge und Elektroschocks), erzwungene Nacktheit oder Masturbation und weitere Formen sexueller Erniedrigung, sexuelle Versklavung sowie erzwungener Inzest oder die Vergewaltigung anderer Frauen oder Männer.28

„The range of sexual violence committed against men in armed conflict crosses the full gamut of possibilities; all permutations and combinations are present”.29

Auswahl der Befragten

Im Rahmen dieser Studie wurden vorrangig Experten aus Institutionen, die im Osten der DR Kongo im medizinischen, juristischen und psychosozialen Bereich tätig sind und potentiell Berührung mit Opfern sexueller Gewalt haben, via Email um die Beantwortung eines Fragebogens gebeten. Die Kontaktaufnahme war durch verschiedene Wege möglich gemacht worden. Auf der einen Seite vermittelten thematisch relevante, in Deutschland ansässige, humanitäre Organisationen den Kontakt zu ihren Partnern vor Ort. Darüber hinaus wurde auch die Verbindung zu in der Region tätigen Organisationen, deren Daten im Internet zu finden waren, initiativ aufgenommen. Die kontaktierten Personen wurden im Rahmen der Studie dazu angehalten, den Fragebogen nach Möglichkeit an weitere mit dem Thema vertraute Partner und Kollegen weiterzuleiten. Demzufolge kann keine genaue Aussage über die Rücklaufquote gemacht werden.

Schließlich wurden 28 für die Studie auswertbare Fragebögen ausgefüllt zurückgesandt.

Das Geschlechterverhältnis der Antwortenden war relativ ausgewogen. 16 Befragte waren männlichen Geschlechts, 12 weiblich. Die Altersspanne der konsultierten Personen reichte von unter 20 bis über 60 Jahre. Der überwiegende Anteil (46 Prozent) befand sich allerdings in der Altersgruppe zwischen 30 und 40 Jahren.

21 der 28 befragten Personen arbeiteten in lokalen kongolesischen Nicht- Regierungsorganisationen, fünf in international tätigen humanitären Nicht- Regierungsorganisationen und zwei in internationalen Organisationen. Die Institutionen stammten aus thematisch recht unterschiedlichen Gebieten. Sie waren sowohl im medizinischen/psychosozialen und humanitären Bereich als auch in anderen Disziplinen wie der Rechtshilfe, der Förderung von Demokratie/Good Governance, Menschenrechten und Frieden sowie der politischen Bildung und Entwicklung tätig.

Jeweils circa die Hälfte der Befragten arbeitete in den Provinzen Süd- bzw. Nord-Kivu; zwei Organisationen befinden sich in Katanga und eine in Orientale. Hierbei handelt es sich um jene Regionen, die am stärksten von den Aktivitäten bewaffneter Gruppen und damit von Übergriffen an der Zivilbevölkerung betroffen sind.30

Circa ein Drittel, und damit die größte Gruppe der Befragten, hatte einen medizinischen, psychologischen oder sozialen Ausbildungshintergrund, wie z.B. Ärzte, Krankenpfleger, Public- Health-Absolventen, Soziologen, psychosoziale Fachkräfte und Sozialarbeiter. Eine weitere Großgruppe bildeten jene, die eine wirtschaftswissenschaftliche oder mathematische Ausbildung genossen und in der Verwaltung, Geschäftsführung und dem Management beschäftigt sind (22 Prozent). Außerdem beteiligten sich Juristen und Menschenrechtler sowie Personen mit einer auf Entwicklungsfragen und Internationale Beziehungen ausgerichtete Fachkompetenz.

Fragebogeninhalte

Aufgrund der Tatsache, dass es zum Thema „Sexuelle Gewalt gegen Männer“ im Osten der DR Kongo nahezu keinerlei genauere Informationen und akademische Literatur gibt, ist die durchgeführte qualitative Studie als explorativ einzustufen.

Es wurde ein nicht-standardisierter Fragebogen verwendet. Erfragt werden sollten größtenteils Einschätzungen und Meinungen hinsichtlich männlicher Opfer sexueller Gewalt, das heißt, es handelte sich um eine subjektiv-wertende Ebene. Antwortmöglichkeiten für solcherart Fragen vorzugeben, hätte die erwarteten Ergebnisse zu stark vorweg genommen und darüber hinaus suggestiv gewirkt. Somit waren die Fragen mehrheitlich mit Freitext, das heißt offen und individuell, zu beantworten. Erst bei der Datenauswertung wurden Antwortkategorien gebildet. Inhaltlich gesehen sollte als erster Schwerpunkt anhand der Fragen geprüft werden, inwiefern die Mitarbeiter als auch die Institution, für die sie arbeiten, auf männliche Opfer sexueller Gewalt eingestellt sind.

[...]


1 In vorliegender Arbeit wird aus Gründen der einfacheren Lesbarkeit auf die feminine Form der Substantive verzichtet.

2 IRIN (22.07.2011).

3 IRIN (31.08.2011); IRIN (22.07.2011).

4 Disarm, Demobilize, Repatriate, Reintegrate and Resettle.

5 IRIN (22.07.2011).

6 IRIN (22.07.2011).

7 z.B. Yakutumba, Kifuafua und Kapopo sowie die Alliance des Patriotes pour un Congo Libre et Souverain (APCLS), die sich aus früheren Mayi-Mayi rekrutierte.

8 United Nations Security Council (12.05.2011).

9 AI (2004): 7; IRIN (22.07.2011).

10 Die Aktualität des Themas belegt etwa ein Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 13.05.2011 mit dem Titel „Kongo - Vergewaltigungen im Minutentakt“, vgl. Perras (2011); vgl. auch z.B. HRW (2009), AI (2010), MSF (2009), OI (2010), IRIN (22.07.2011), AI (2004).

11 Zit. aus Fragebogen 26. Eigene Übersetzung: „Die Täter nutzen es als Kriegswaffe und führen es als Kultur ein“.

12 In vorliegender Arbeit werden die Begriffe „Opfer“, „Betroffener“ und „Überlebender“ abwechselnd und austauschbar verwendet. Dennoch ist es wichtig zu betonen, dass nicht alle Opfer sexueller Gewalt überleben.

13 IRIN (02.08.2011a), IRIN (02.08.2011b); vgl. auch AI (2004): 3, 7, 19, MSF (2009): 11, Jones (2006): 463.

14 AI (2004): 24 f., 27; Baurmann & Schädler (1991), zit. in: Mohr (2003): 49.

15 Baurmann & Schädler (1991), zit. in: Mohr (2003): 49.

16 Agger (1988): 231 f..

17 Jones (2006): 463; Campbell (2008): 702.

18 Lerner (1980): 19.

19 vgl. Jones (2006): 458-462.

20 Lerner (1980): 19 ff..

21 John P. Dussich definiert eine Viktimisierung als „an event where persons, communities and institutions are damaged or injured in a significant way. Those persons who are impacted by persons or events suffer a violation of rights or significant disruption of their well being", s. Dussich (2006): 118. Die primäre Viktimisierung bezeichnet die Opferwerdung durch die Tat selbst. Die damit einhergehende Beeinträchtigung betrifft nicht nur das direkte Opfer, sondern auch sein soziales Umfeld. Sie kann materieller, physischer oder psychischer Art sein, s. Mohr (2003): 53, 55, 60, Lebe (2003): 13; vgl. auch Kiefl & Lamnek (1986).

22 Mohr (2003): 53, 54, 55, 60 f.; Lebe (2003): 13; Crome & McCabe (2001): 401 f.; Kiefl & Lamnek (1986), zit. in: Mohr (2003): 61.

23 Burt (1980), Bohner (1998), zit. in Brosi (2004): 16.

24 Brosi (2004): 14, 15 f..

25 Davies (2002): 204, 211; vgl. Herek (1986), Stermac et al. (1996), Struckman-Johnson & Struckman-Johnson (1992), Anderson (1982).

26 ICTR (1998): § 598, zit. in: Zawati (2007): 30.

27 ICTR (1998): § 688, zit. in: Zawati (2007) 31); Oosterhoff et al. (2004): 72.

28 vgl. Sivakumaran (2007): 261-267; Russell (2007): 22.

29 Sivakumaran (2007) 257.

30 s. United Nations Security Council (12.05.2011).

Details

Seiten
33
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656091882
ISBN (Buch)
9783656091929
Dateigröße
883 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184394
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Zentrum für Friedens- und Konfliktforschung
Note
0,7
Schlagworte
Demokratische Republik Kongo Sexuelle Gewalt gegen Männer Friedens- und Konfliktforschung

Autor

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