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Eduard Mörikes „Im Frühling“ - Eine Interpretation der ersten Strophe

Projektarbeit 2003 6 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

„Im Frühling“ von Eduard Mörike1

Hier lieg’ ich auf dem Frühlingshügel,

Die Wolke wird mein Flügel,

Ein Vogel fliegt mir voraus.

- Ach sag’ mir, alleinzige Liebe,

Wo d u bleibst, daß ich bei dir bliebe!

Doch du und die Lüfte haben kein Haus.

In der ersten Zeile der Strophe werden Ort, Raum und Zeit festgelegt: Das Ich befindet sich im „Hier“ und Jetzt in der Natur. Durch den „Frühlingshügel“ ist die Situation des Erlebens örtlich bestimmt: ein erhöhter Platz, der mit der Jahreszeit Frühling in Verbindung gebracht wird und auf das Herannahende einstimmt. Die Natur wird noch äußerlich wahrgenommen, denn in den nächsten Versen vollzieht sich die Bewegung der Natur zunehmend im Inneren des Betrachters und wird als Erlebnis ausgesprochen2. Es ist ein Wandel der Blickrichtung zu beobachten, der sich von außen (Wahrnehmung) nach innen (Gemütszustand) richtet, wobei die Wahrnehmung ein Auslöser für die Innenwelt des Betrachters zu sein scheint. So vollzieht sich in der zweiten Zeile ein bruchloser Wechsel von der reinen Bestandsaufnahme zu den Gedanken des Ich. Der Liegende scheint sich mit der Natur verbunden zu fühlen, denn „Die Wolke wird [s]ein Flügel“. Der Vers verdeutlicht, dass das Geschehen der Natur die Gedanken auslöst und diese auch umgekehrt mit der äußeren Wahrnehmung verknüpft werden.3

Die Wolke kennzeichnet hier den Seelenaufschwung des Ich, wobei der Vogel die Seele des Ich mitzunehmen scheint. Die angebliche Identifizierung des Ich mit der Natur, hier symbolisiert durch den vorausfliegenden Vogel, wird nicht erreicht. Die Unterstützung oder den Trost, die der Liegende in der Natur zu finden erhofft, kann nicht ausgemacht werden, denn Wolke und Vogel folgen dem Geschehen der Natur.

Der Betrachter kann sich dieser Bewegung nicht anschließen, wodurch die ersehnte Verbindung von Ich und Natur nicht erfolgt. In den folgenden Versen vertiefen sich die Gedanken des Sprechenden. Der Blick ist nun hauptsächlich auf das Innere des auf dem Hügel Liegenden bezogen. Den Empfindungen des Sprechers werden durch ein einleitendes „Ach“ augenblicklich und unmittelbar Ausdruck verliehen, was ein Gefühl der Beklemmung und des Bedauerns mitteilt. Der vorangestellte Gedankenstrich untermauert zusätzlich diesen Gefühlsausdruck sowie die Introversion des Ich.

Da sich das sprechende Ich dem Erlebnisstrom der Umgebung nicht anschließen kann, findet es keinen Halt. Es ist in Passivität gefangen und deswegen fordert es die „alleinzige Liebe“ zum Handeln auf („Wo du bleibst...“); die Aussprache wird zur Ansprache an ein Du4, an die „alleinzige Liebe“. Das Verlangen nach Befriedigung durch die Liebe scheint unerfüllbar zu sein.5 Die Liebe wird im nächsten Vers mit den Lüften verglichen, die, wie die Wolke und der Vogel, davon weht. Das Bedauern des Ich kann so gedeutet werden, das die Liebe es, wie die Natur wandelbar, gleich mit dem Erlebnisstrom der Natur ist. Diese Tatsache ist dem Sprechenden vorenthalten. Die(se) Liebe scheint die einzige Hoffnung für den Gemütszustand des Mörikes Ich zu sein und somit auch die einzige Befriedigung, obwohl der Wunsch, Seelenfrieden zu finden, nicht in Erfüllung gehen wird, denn die „alleinzige“ Liebe ist nicht sesshaft und kann somit die unersättliche Sehnsucht des lyrischen Ich kaum stillen.

Die Aussage, Liebe und Lüfte „haben kein Haus“ kann so gedeutet werden, sie unbeständig sind. Was der Betrachter beklagt, ist, dass er vergeblich (auf die Liebe) warten muss. Und weil er handlungsunfähig wirkt, stellt er auch die Bitte an die Liebe („Wo du bleibst“).

Die Liebe wird als „alleinzig“ beschrieben. Die Wortkomposition setzt sich aus den Wörtern alle, mit der Bedeutung unersetzbar oder göttlich und einzig, mit der Bedeutung ausnahmslos oder auch allseitig, in jeder Beziehung, zusammen.6 So scheint diese Liebe in keinster Beziehung für das Ich ersetzbar zu sein. Betrachtet man das „alleinzige“ als umfassend7 und göttlich, so ist anzunehmen, dass die Liebe als etwas Übernatürliches angesehen wird, die dann kein „Haus“ haben und dem Wunsch des Ich nicht entsprechen kann. Mörike scheint sich nach Friedrich Strack mit dem all und einzig an die „Tradition des Pantheismus“ zu halten, wie er in Hölderlins Hyperion beschrieben wird.8 Demnach wünscht sich der Sinnende bei Mörike das Einssein mir der Natur, „mit Allem, was lebt“9.

Auch anhand der Form werden die Naturbetrachtung und die Unzufriedenheit des Ich deutlich. Die Reime sind in Form eines Schweifreims angeordnet, der sich wiederum aus einem Paarreim und einem umarmenden Reim zusammensetzt: a a b c c b.

Der Paarreim beinhaltet den Übergang von der Bestandsaufnahme zu den Gedanken des lyrischen Ich, die durch den folgenden Reim verstärkten Ausdruck erlangen.

Beim Metrum sieht es ähnlich aus:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten 10

Als grundlegende Form findet man das jambische Maß, welches anapästische Abweichungen enthält. Die beiden äußeren Verse der Strophe enthalten jeweils vier Hebungen und rahmen die inneren Verse mit je drei Hebungen ein. Das jambische Versmaß wird vorwiegend für erzählende und betrachtende Gedichte verwendet11 und gibt die Situation, die vom Betrachter dargestellt wird, wieder. Da das jambische Maß als steigendes Metrum verwendet wird, findet man den Zusammenhang von Inhalt und Versmaß: Der Blick hinauf in den Himmel des auf dem Hügel Liegenden, der Wolke und Vogel beobachtet, entspricht ganz dem gewählten Metrum.

[...]


1 Das Gedicht wird zitiert aus: Mörike, Eduard: Maler Nolten. In: Baumann, Gerhart und Grosse, Siegfried (Hrsg.): Sämtliche Werke. Briefe. Ausgabe in drei Bänden. Stuttgart: J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. 1961, S. 238.

2 Vgl. Nibbrig, Christiaan L. Hart: Verlorene Unmittelbarkeit. Zeiterfahrung und Zeitgestaltung bei Eduard Mörike. Bonn: Bouvier Verlag Herbert Grundmann 1973, S. 69.

3 „››Die Wolke‹‹ vermag [...] noch auf eine angeschaute Realität hindeuten; indem sie dem Sinnenden zum ››Flügel‹‹ wird, hat er sich zu ihr hinausgewendet oder sie in sein Gemüt hineingezogen.“ Vgl. Heydebrand, Renate von: Eduard Mörikes Gedichtwerk. Beschreibung und Deutung der Formenvielfalt und ihrer Entwicklung. Stuttgart: Metzlersche Verlagsbuchhandlung 1972, S. 20.

4 Die Ansprachen an ein Du verdeutlichen die Dringlichkeit der Sehnsuchtserfüllung und vermitteln dem Leser, dass jemand Bestimmtes angespochen wird.

5 Der konjunktiv formulierte Wunsch „...daß ich bei dir bliebe!“ drückt die Unerfüllbarkeit aus.

6 Mörike änderte die Schreibweise später zu „all-einzige“, wahrscheinlich um die Mehrdeutigkeit dieses Ausdrucks hervorzuheben.

7 Alle kann auch allgemein, universell bedeuten.

8 Vgl. Strack, Friedrich: Wehmütige Liebeserwartung in Mörikes früher Lyrik. Eine Analyse des Gedichts Im Frühling. In: Häntzschel, Günter (Hrsg.): Gedichte und Interpretationen. Vom Biedermeier zum bürgerlichen Realismus. Stuttgart: Reclam 1983 (S. 82-92), S. 85.

9 Vgl. Hölderlin, Friedrich: Hyperion. In: Beißner, Friedrich (Hrsg.): Sämtliche Werke. (Stuttgarter Hölderlin-Ausgabe). Bd. 3, Stuttgart: Kohlhammer 1957, S. 9.

10 Die Zahlen geben die Hebungen im Vers an.

11 Vgl. Frank, Horst Joachim: Wie interpretiere ich ein Gedicht?: Eine methodische Anleitung. Tübingen, Basel: Francke 1995, S. 26.

Details

Seiten
6
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783656091592
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184385
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin
Note
Schlagworte
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Titel: Eduard Mörikes  „Im Frühling“ - Eine Interpretation der ersten Strophe