Lade Inhalt...

Buchrezension zu Kaufmann, Jean-Claude (2007): Was sich liebt, das nervt sich. Konstanz

Rezension / Literaturbericht 2011 9 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Jean-Claude Kaufmanns Werk Agacements. Les petites guerres du couple hat mit dem Titel Was sich liebt, das nervt sich eine passende Übersetzung gefunden, die das Hauptthema des Buches wiederspiegelt: den Ärger innerhalb von Paarbeziehungen, seine verschiedenen Wechselwirkungen und Determinanten. Damit gliedert sich dieses Werk in andere von Kaufmann erschienene Bücher wie Schmutzige Wäsche (1994) oder Der Morgen danach (2004) ein, die sich ebenfalls mit dem genannten Spezialgebiet des französischen Universitätsprofessors beschäftigen.

Mithilfe von Anzeigen in französischsprachigen Zeitschriften und Tageszeitungen rief der Soziologe in Frankreich, Belgien und der Schweiz dazu auf, mit ihm in Kontakt zutreten, um den in Beziehungen auftretenden Ärger zu untersuchen, was in das Untersuchungsfeld der Ethnografie und des Fremdverstehens einzuordnen ist. Das Ergebnis der von Kaufmann durchgeführten Interviews ist ein insgesamt 279 Seiten umfassendes Buch, das in drei Teile eingeteilt ist, die wiederum aus zwei bis drei großen Kapiteln bestehen. Auch innerhalb dieser Großkapitel findet sich noch eine Aufspaltung in mindestens je sieben kleinere Kapitel.

Der Eindruck, der aufgrund des Titels leicht entstehen kann, nämlich dass es sich bei diesem Buch um einen Beziehungsratgeber handelt, täuscht. Doch obwohl Kaufmann sich der Erforschung des Themengebiets widmet, ist es auch keine rein wissenschaftliche Studie. Von einer solchen grenzt sich dieses Werk schon in der Einleitung ab. Kaufmann hat „lieber den konkreten Dingen des Lebens den Vorzug gegeben, der unwiderstehlichen Komik und der hochempfindlichen Spannung, die durch die Aussagen hindurchscheinen“, statt seine „Feder zu sehr in die unvermeidlich dickflüssige konzeptuelle Tinte zu tauchen“ (12).

Diese von ihm gesetzte Prämisse lässt das Buch erfrischend ungezwungen erscheinen und bricht den Inhalt auf ein Niveau herunter, das sehr einfach nachvollzogen werden kann. Aus fachwissenschaftlicher Sicht, entsteht dadurch jedoch gelegentlich der Eindruck, dem Werk fehle es an wissenschaftlicher Ernsthaftigkeit. Die Nutzung von Umgangssprache und Stilmitteln tragen ebenfalls dazu bei, Kaufmanns Buch mehr in die Unterhaltungsliteratur einzuordnen, als in die Sparte empirischer Wissenschaft. Der Autor verlegt seine Ausführungen dennoch an verschiedenen Stellen auf die theoretische Ebene oder verknüpft seine Schlussfolgerungen mit ihr. Sehr deutlich wird dies gleich im ersten Teil des Buches, wo Kaufmann seine Argumentation und Ergebnispräsentation mit Ergebnissen der Kognitionspsychologie unterfüttert (18) und vor allem im Unterkapitel „Kleines Kino und Off-Stimme“, wo vor dem eigentlichen Thema eine theoretische Grundlage zum Verständnis der imaginären Spaltung gelegt wird (231 f.). Die für wissenschaftliche Aufsätze und Arbeiten notwendigen Literaturnachweise finden sich innerhalb der Kapitel jedoch selten und brechen meist mit dem üblichen Stil des Buches. Beides könnte darauf zugeführt werden, dass Kaufmann vor allem aus seiner eigenen Forschung heraus argumentiert. Dass dieser jedoch ein stabiles Fundament an wissenschaftlicher Literatur zugrunde liegt, zeigt die aufgeführte Bibliografie mit über 60 Werken.

Schon in der Einleitung beginnen die für dieses Buch so typischen Anekdoten, die teilweise vom Autor beschrieben und teilweise von den Paaren in wörtlicher Rede selbst erzählt und auf beinahe jeder Seite des Buches gefunden werden können. Die Quellen hierfür liegen hauptsächlich in seinen eigenen Befragungen und Interviews, aber nicht ausschließlich. Bezüglich der Beispiele von Ärger, den Personen empfinden, greift er auch auf andere Quellen zurück, wie zum Beispiel Untersuchungen von Johanne Mons oder von Céline Bouchat (125). Auf diese Weise wird ein Charakteristikum erschaffen, das dieses Buch so bestechend authentisch macht, indem es, vor allem durch die eigenen Worte der befragten Personen, genau den Alltagsrealismus darstellt, der es von der Theorie abgrenzt. Dass Kaufmann durch diese Aufzählung von Beispielen und Einzelfällen nur eine exemplarische Gültigkeit seiner Aussagen erlangt, ist ihm zumindest in begrenztem Maße bewusst. So stellt er selbst fest, dass die von ihm behandelten Ursachen von Ärger im zweiten Teil der Arbeit „[…] nur zur Veranschaulichung [dienen] und […] nicht repräsentativ [sind], denn um eine wirklich repräsentative und vollständige Darstellung zu liefern, bedürfte es einer statistischen Arbeit.“ (87 f.)

Darüber hinaus, stellt der Autor sofort klar, wie unangenehm aber auch bereichernd Ärger in einer Paarbeziehung sein kann. Um dies im weiteren Verlauf des Buches näher auszuführen, grenzt Kaufmann den Ärger in mehreren Hinsichten ein, um eine präzise Analyse zu ermöglichen. Zuerst unterscheidet er dafür zwei Formen des Ärgers: den rein informativen, gleichförmigen und den impulsiven Ärger. Es muss außerdem differenziert werden zwischen einem Schwall von Gefühlen und dem tatsächlichen Ärger, der sich von Groll, Entrüstung oder gar Gewalt unterscheidet. Demnach hat er vor allem glückliche Paare untersuchen wollen, um die Zielstellung dieses Buches zu erreichen: den Ärger verstehen, seine Ursachen und Auswirkungen darzulegen und Mechanismen nachzuvollziehen. Die gewonnene Erkenntnis aus diesen einleitenden Worten des Buches liegt darin, dass Ärger in jedem Extrem immer nach dem gleichen Mechanismus abläuft, der immer die gleiche Ursache hat, nämlich Dissonanzen.

Im ersten Großkapitel seines Werks geht Kaufmann zunächst detailiert auf die Entstehung des Ärgers ein. Diese ist eng verbunden mit unserem Unterbewusstsein bzw. dem, was Kaufmann als „unterbewussten geheimen Plan“ und „implizites Gedächtnis“ bezeichnet (18 f.). Ärger entsteht, wenn Dissonanzen zu diesen Schemata auftreten. Je plötzlicher die Dissonanz, desto größer ist der Ärger, weil die Kohärenz zwischen den gegensätzlichen Seiten des Gedächtnisses wieder hergestellt werden muss. Hier ist das positive Potential des Ärgers zu finden, da es ein Instrument sein kann, „das Handlungen auslöst und die mentale Erschöpfung verringert“ (20).

Vor allem am Beispiel der Hausarbeit macht Kaufmann in diesem ersten Teil des Buches klar, wann Ärger entstehen kann und wie er sich auf die Paarbeziehung auswirkt. Mit einfachen mathematischen Formeln drückt er dabei aus, wie sich unterbewusste Pläne ergänzen oder gegenüberstehen können. So kann am Anfang einer Beziehung sehr wenig Ärger vorhanden sein, weil stärkere (liebevolle) Emotionen, die alte Welt und damit den eigenen Plan vergessen machen.

Weiterhin stellt Kaufmann fest, dass Ärger in einer Paarbeziehung selten vermeidbar ist. Er entsteht aus dem Versuch heraus, zwei Arten des (Alltags-)Lebens zu einer kollektiven Art verschmelzen zu lassen, wobei es um den Versuch geht, eine Einheit herzustellen (26). Ein Ursprung für die dabei entstehende Problematik liegt im stattgefundenen und noch immer stattfindenden Wandel unserer Gesellschaft. Die Rollenverteilung der postmodernen westlichen Welt hat das alte patriarchalische System aufgebrochen und zum Beispiel die Hausarbeit zu einer Aufgabe für beide Partner gemacht.

Das zweite Großkapitel des Buches beschäftigt sich vor allem mit den Männern und Frauen und eben jenem Rollenverständnis, dass sich zwischen ihnen aufspannt. So greift Kaufmann zur Sprache des Theaters, um auszudrücken, dass ein Partner bezüglich gewisser Beziehungsaspekte der Hauptdarsteller ist und über die Lösung für ein Problem entscheidet, während der Nebendarsteller sich dem System des Hauptdarstellers beugt. So wird durch die den Partnern zufallenden Rollen eine geordnete Wirklichkeit und Normalität aufrechterhalten.

[...]

Details

Seiten
9
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656088332
ISBN (Buch)
9783656088653
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184180
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Kaufmann Jean-Claude Liebe Beziehung Ärger Paarbeziehung Soziologie Streit Rezension Zusammenfassung Mann Frau

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Buchrezension zu Kaufmann, Jean-Claude (2007): Was sich liebt, das nervt sich. Konstanz