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Die katalysierende Kraft der Medien bei Jugendprotesten, dargestellt am Beispiel der "Mod"-Proteste

Hausarbeit 2011 16 Seiten

Medien / Kommunikation - Mediengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mods und die Gesellschaft
2.1 Wer waren die Mods?
2.1.1 Kleidung
2.1.2 Habitus
2.2 Mods und der Protest

3. Mods und die Medien - Die Presse als Protestkatalysator

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis und Selbstständigkeitserklärung

1. Einleitung

Ob nun aktuell bei den Revolutionen gegen islamische Staatsoberhäupter in Nordafrika (Tunesien oder Ägypten), den Protesten gegen den Sozialabbau in Griechenland oder im Manifest einer Gruppierung widerständiger palästinensischer Studenten, die sich „Gaza Youth Breaks out“ nennt1: Jugend scheint hinsichtlich Protest, Unruhen, Rebellion ein bedeutender Faktor zu sein. Als bedeutsamer Faktor bei der Eskalation von Jugendprotesten ist zudem die Darstellungsmacht der Medien zu sehen. Im Nachkriegsdeutschland - also dem Ort und Zeitraum, dem sich das Einführungsseminar gewidmet hat - hat man entsprechende Erfahrungen gemacht: Hier seien die sogenannten Halbstarkenkrawallen in den 1950er Jahren, die politischen Studentenproteste in den 1960ern oder Hausbesetzungen, Sponti-Bewegung, K-Gruppen und weitere im Laufe der 70er und 80er zu nennen.2

Jugendprotest ist stets mit Jugendkultur im Zusammenhang zu sehen, selbst wenn der subkulturelle Hintergrund oft nur verdeckt erscheint. Das erste Mal wurde der Begriff Jugendsubkultur in der sogenannten „Chicago-Schule“ in den USA verwendet, im Zusammenhang von Gang- und Milieustudien über kriminelle Jugendliche. Kern des Begriffs war, dass entsprechendes subkulturelles Verhalten immer in Abweichung zur Konformität der Gesamtgesellschaft stehen müsse. Handlungs- und Deutungsmuster nonkonformen Handelns, assoziativ zu der Unterschicht zugeschriebenen Verhaltensnormen, seien „Betonung physischer Kraft und geistiger Cleverness, die Abneigung gegen Autoritäten, die Suche nach Spannung und Erregung sowie die Hoffnung auf das ‚schicksalbezogene Glück’ […].3 Konflikte mit der Staatsgewalt hätten hier eine hohe Wahrscheinlichkeit. Diese festgefügte Begriffsvorstellung hat sich mittlerweile verändert. Der Pädagoge Wilfried Ferchhoff plädiert dementsprechend für eine „Entmythologisierung“ des Begriffs, d.h. Jugend(sub)kultur sei kein Wert an sich, sondern stets als ein „zeittypisch definierter Begriff mit frag-würdigem (sic!) Inhalt“ zu begreifen. In diesem Sinne sind klassische Gegenüberstellungen, wie etwa die, dass gesellschaftliche Fronten bei Jugendprotestbewegungen zwischen Alt und Jung verlaufen, selten zutreffend. Die Ursprünge von Jugendprotest sind komplexer.4 Das wurde spätestens gegen Ende der 1950er Jahre deutlich, als sich die Jugendkulturen anschickten, spezifische Eigenartigkeiten in Verhalten, Mode, Musik oder Sprache zu übernehmen und sich szenisch auszudifferenzieren. Diese Ausdifferenzierung wurde durch den Wirtschaftsboom in den westeuropäischen Ländern zur Nachkriegszeit befördert, da Werbebranche und Markt nun gezielt um diese Gruppe warben und gegeneinander laufende Trends setzten. Resultat war eine „Teenager-Kultur“5, die sich nicht mehr als homogene Ganzheit auffassen ließ. Normative Definitionen von Jugendkulturen können daher nach Ansicht von Ferchhoff nicht gegeben werden. Fest steht allerdings, das Verhalten junger Leute wird immer auch von den sozialen und gesellschaftlichen Hintergründen und Umständen, Trends und Einflüssen bestimmt.

Einem Einfluss schenkt diese Arbeit besondere Aufmerksamkeit: Der katalysierenden Rolle von Medien. An einem exemplarischen Beispiel, der Jugendbewegung der Mods6, soll gezeigt werden, wie die Zeitungsberichterstattung zu den verschiedenen Unruhen zwischen Mods7 und der rivalisierenden Subkultur der Rocker im Jahr 1964 in mehreren Städten der englischen Südküste Bild und Entwicklung einer Jugendbewegung maßgeblich beeinflusst hat. Als Quellen werden hierfür diverse Zeitungsartikel aus der englischen Presse ausgewertet, die den reich bebilderten Sammelwerken der englischen Szenekenner Terry Rawlings8 und Richard Barnes9 entnommen wurden.

Wie kam es zu diesen Krawallen? Welche Intentionen hatten die Mods? Gab es gar politische Bestrebungen? Und welche Rolle spielten die Medien bei der Eskalation? Findet eine Skandalisierung statt? Werden Stereotype (Bedrohung, Verharmlosung, Politisierung) bedient oder gar Angstwellen geschürt? Wenn ja, welche?

Anhand genannter Werke werden persönliche Zeitzeugenberichte von Teilnehmern und Beobachtern zu Wort kommen. Abschließend werden Parallelen zur Medienwahrnehmung und - reaktion am Beispiel der sogenannten Halbstarken in den 1950er Jahren der Bundesrepublik gezogen, um das Phänomen der Mods in den Komplex Jugendprotest und Jugendkultur theoretisch einzuordnen.

2. Mods und die Gesellschaft

In welcher Gesellschaft lebte Englands Jugend zu Beginn der 1960er Jahre, aus welchem gesellschaftlichen Kontext heraus agierten die Mods? Peter Meaden, erster Manager der prototypischen Mod-Kultband The Who10, stellte die Jugendbewegung unter das Motto „Clean living under difficult circumstances“.11 Das Nachkriegs-England der späten 1950er Jahre wurde von diesen als verstockt, rau und konservativ empfunden. Richard Barnes bezeichnete die Mods als „teenage Dandies […] reacting against the fifties yobbishness (lautes, rohes, agressives Verhalten, Anm. C.C.). They hated its coarsness (R ü dheit) and garishness (Grellheit)”12

Diese Empfindungen der Mods sind auf dem ersten Blick schwer nachvollziehbar, wenn man zur Kenntnis nimmt, dass das Land einen Wirtschaftsboom erlebte. Die Arbeitslosigkeit war so niedrig, wie noch nie, der durchschnittliche Wochenverdienst erreichte bis dahin ungekannte Höhen.13 Dementsprechend belegen soziologische Studien, dass die Mods14, die sich zum Großteil aus der Arbeiterschicht sowie der unteren Mittelklasse rekrutierten, gute wirtschaftliche Bedingungen vorfanden. Für die Jugendlichen waren sie so gut, wie noch nie.

Wie konnte dieser Hintergrund eine Protestkultur hervorbringen? Dazu ist zunächst zu bemerken, dass das durchschnittliche Arbeiterkind relativ früh begann zu arbeiten, verfügte also über Geld, über das ein durchschnittliches Bürgerkind, welches einen längeren Bildungsweg verfolgte, vorerst nicht besaß. Mit diesem Geld konnten und wollten die Mods als Teil der „postwar Welfare generation“15 am Markt partizipieren. Diese Konsumkultur wurde entscheidend befördert durch die Amerikanisierung der Gesellschaft, insbesondere in der Medien- und Werbewelt. Die Mods wurden gewissermaßen von außen zur „generation of advertising and soft sell“16

[...]


1 Online unter: http://gazaybo.wordpress.com/manifesto-0-1/ (28.07.2011).

2 Vgl. Werner Lindner, Jugendprotest seit den fünfziger Jahren. Dissens und kultureller Eigensinn. Opladen 1996.

3 Vgl. Wilfried Ferchhoff, Jugendkulturen im 20. Jahrhundert. Von den sozialmilieuspezifischen Jugendsubkulturen zu den individualitätsbezogenen Jugendkulturen. Frankfurt am Main/Bern/New York/Paris 1990, S. 20.

4 Vgl. Ferchhoff 1990: 15.

5 Vgl. ebd.: 32.

6 Entsprechende Bezeichnungen der Subkulturen werden im Folgenden ohne Anführungszeichen geschrieben.

7 Der äußeren Erscheinung nach zu urteilen, stellen Jugendbewegungen stets Tabubrüche dar: Gesellschaftliche Normen werden gebrochen, politische und gesellschaftliche Autoritäten in Frage gestellt, Alteingesessene provoziert, Altes verworfen, Neues gelebt und gefordert. Oftmals rekrutieren sich junge Teilnehmer solcher Jugendbewegungen aus Milieus, die soziale Spannungen befördern. Umso interessanter erscheint in diesem Zusammenhang die Subkultur der „Modernists“ beziehungsweise „Mods“, die ihren ersten Höhepunkt in den 1960er Jahren in England erlebten. Diese fallen mit ihren maßgeschneiderten Anzügen, feinen rahmengenähten Schuhen - trotz großteils working class - Hintergrund und dem geradezu unerhörtem Fehlen jeglicher politischer Artikulation aus der Reihe.

8 Vgl.Terry Rawlings, Mod - A very British Phenomenom. London 2002.

9 Vgl. Richard Barnes, Mods! London 1989.

10 Unter der Ägide Peter Meadens wurde The Who in The High Numbers umbenannt und als erste Mod-Band vermarktet. Später nannte sich die Band wieder The Who.

11 Rawlings 2002: 5.

12 Barnes 1989: 8.

13 Vgl. Heike Jenß, Sixties Dress only. Mode und Konsum in der Retro-Szene der Mods. Frankfurt am Main 1994, S.

89.

14 Vgl. ebd.: 88.

15 Rawlings 2002: 6.

16 Barnes 1989: 9.

Details

Seiten
16
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656087472
ISBN (Buch)
9783656088707
Dateigröße
420 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184144
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Historisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Mods Jugendprotest Jugendkrawalle Medien

Autor

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