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Kinder und Medien in der Grundschulzeit - Computernutzung bei Grundschulkindern

Examensarbeit 2000 144 Seiten

Pädagogik - Medienpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mediale Lebenswelten von Kindern
2.1 Sozialisation
2.2 Sozialisationsfaktoren
2.2.1 Familie
2.2.2 Peer-group
2.2.3 Medien
2.3 Verschwinden der Kindheit?
2.4 Fazit

3. Medien
3.1 Begriffserklärung
3.2 Die Neuen Medien
3.2.1 Veränderung des Wissenserwerbs durch die Neuen Medien
3.3 Mediennutzung
3.4 Funktion von Medien
3.5 Kinder und Medien
3.5.1 Warum nutzen Kinder Medien?
3.5.2 Welche Medien sind für Kinder relevant?
3.6 Medien und Schule
3.6.1 Medien(-einsatz) im Unterricht
3.6.1.1 Welche verschiedenen Unterrichtsmedien gibt es?
3.6.2 Schule als Erfahrungsraum für Mediennutzung
3.7 Fazit

4. Medienpädagogik und Medienkompetenz
4.1 Der Begriff Medienpädagogik
4.2 Die Aufgabe der Medienpädagogik
4.3 Medienkompetenz
4.4 Medienkompetenz und Schule
4.4.1 Neue Aufgaben der Schule
4.5 Medienkritik
4.5.1 Negative Medienwirkung
4.5.2 Medien und Gewalt
4.6 Fazit

5. Kinder und Computer
5.1 Computerbesitz und -nutzung bei Grundschulkindern
5.2 Lernen am Computer in der Grundschule
5.2.1 Der Computer als Hilfe beim Lernen des Schreibens?
5.2.2 Einsatz innerhalb des Unterrichts
5.2.3 Veränderte Aufgaben des Lehrers und des Schülers
5.3 Spielen und Lernen
5.3.1 Exkurs: Was bedeutet Spielen für Kinder?
5.4 Computerspiele
5.4.1 Was sind die Gründe für das Computerspielen?
5.4.1.1 Gewalt in Computerspielen
5.5 Lernsoftware - Edutainment
5.6 Chancen und Risiken der Computernutzung
5.7 Das Internet
5.7.1 Eine kurze Einführung
5.7.2 Kinder und das Internet
5.7.2.1 Internetseiten für Kinder
5.7.3 Der Einsatz des Internets im Unterricht?
5.7.3.1 Schulen ans Netz
5.7.4 Der aktuelle Stand
5.8 Was bringt die Zukunft?
5.9 Fazit

6. Erfahrungen mit Grundschulkindern
6.1 Vorstellung der Lernsoftware
6.2 Eigene Beurteilung
6.3 Beobachtungen und Erfahrungen bei den Kindern
6.3.1 Wie gehen Kinder mit dem Computer um?
6.4 Fazit

7. Abschluss

8. Abkürzungen und Erläuterungen

9. Literaturverzeichnis

„Die Menschen werden von keinem Medium verdummt. Sie werden nur in ihrer Dummheit bestätigt.“1

(Gabriel Laub, polnisch-deutscher Schriftsteller und Publizist, *24.10.1928, †02.02.1998)

1. Einleitung

Medien haben in den letzen Jahren einen bedeutenden Stellenwert erlangt. Die modernen Medien sind zu einem Leitmedium in unserer Gesellschaft geworden. Der heutige Mensch ist umgeben von verschiedenartigen Medien: Buch, Telefon, Fernsehen und Radio, Fax, Computer sind die beherrschenden medialen Kommunikationsmittel unserer Zeit und fest in den Alltag integriert. Kaum jemand kann und will sich auch nicht mehr den Medien entziehen. Aus diesem Grund kann man von einer „Abhängigkeit der Technik“ sprechen, denn die eigenen Entscheidungen und Handlungen, selbst im eigenen Haushalt, werden immer mehr reduziert, da in Zukunft alles von alleine gehen wird. Die Technik beherrscht unser Leben. (vgl.2 Schorb, 1985, S. 61)

Viele Kinder wachsen heutzutage mit dem neuen Medium, dem Computer, auf. Für sie gehört dieses Medium, das der Unterhaltung, aber auch als Arbeitsmittel dienen kann, zum Alltag. Nicht mehr nur in der Berufswelt, sondern auch gerade in privaten Haushalten haben die Computer eine immer größere Verbreitung gefunden und sind somit automatisch zum Bestandteil der Lebenswelt vieler Kinder geworden. Die Kindheit ist heute auch immer „Medienkindheit“, Spielund Lernwelten sind heute auch immer vielfältige Medienwelten. (vgl. Wragge-Lange, 1997, S. 4)

Hauptschwerpunkt meiner Arbeit soll die Frage nach der Bedeutung der Medien - speziell des Computers - für die heutige Welt der Kinder sein.

Zunächst möchte ich einen Einblick in die Lebenswelten heutiger Kinder geben (zweites Kapitel). Verschiedene Sozialisationsinstanzen - Familie, Peer-group und Medien - sollen näher erläutert wer3 den. Ein „Verschwinden der Kindheit“, wie es vor allem Postman konstatiert, werde ich anschließend versuchen zu überprüfen.

Im dritten Kapitel geht es allgemein um Medien, ihre Funktion und ihren Einsatz in der Schule. Orientiert an der Frage „Was machen Kinder mit Medien?“ soll ihre Nutzung erläutert werden.

Das vierte Kapitel befasst sich mit der Medienpädagogik und kompetenz, die eine kritische Nutzung der Medien beinhaltet. Was diese Begriffe genau bedeuten und was ihre Ziele sind, möchte ich beschreiben. Dabei geht es nicht mehr um die Frage, ob eine Medienpädagogik notwendig ist, sondern vielmehr darum, wie diese aussehen muss. In die Medienwirkungen („Was machen Medien mit Kindern?“) möchte ich nur einen kurzen Einblick tätigen, da es ein sehr umfangreiches Feld ist, so dass man schon allein nur über dieses Thema eine weitere ‚Arbeit’ schreiben könnte. Eine kritische Annäherung an den Umgang mit Medien soll Inhalt dieser Thematik sein. Hier habe ich mich auch für das vieldiskutierte Thema „Medien und Gewalt“ entschieden, das häufig im Zusammenhang gesehen wird.

Da die Beherrschung der Grundfähigkeiten im Umgang mit dem Computer in naher Zukunft ebenso selbstverständlich sein wird, wie heute das Lesen und Schreiben, liegt es nahe, dass diese Grundfähigkeiten zum Umgang des Computers gerade in der Grundschule vermittelt werden sollten. In ihr lernen die Kinder alle Grundfertigkeiten, die für ihr ganzes Leben wichtig sind, wie beispielsweise das Lesen und Schreiben - wieso sollten die Lehrer3 also nicht schon in der Grundschule den allgemeinen Umgang mit dem Computer vermitteln und dies zu einer zentralen Aufgabe machen? Über Einsatzmöglichkeiten dieses Mediums in der Grundschule wird immer noch diskutiert. Das Thema wird mit viel Skepsis, aber auch mit großer Euphorie behandelt. In der Schule bleibt die Entscheidung und Verantwortung letztlich sowieso den Grundschullehrern überlassen. Über diese Problemstellung möchte ich im fünften Kapitel berichten, wobei ich die Vor- und Nachteile herausstellen werde, die zum einen alle letzten Zweifel beseitigen sollen oder zum anderen ein Überdenken eines angemessenen Einsatzes erfordern. Weiter werde ich auf die verschiedenen Einsatzformen bzw. -möglichkeiten des Computers eingehen. Ich möchte anschließend prüfen, inwieweit ein Einsatz bereits in der Grundschule sinnvoll ist und in welcher Weise sich die Aufgaben und Möglichkeiten der Lehrer und Schüler ändern. Jedoch sollen vorher Daten zum Besitz und zur Nutzung Aufschluss über die Mediengewohnheiten bei Kindern geben.

Da speziell in Bezug auf Computerspiele viele Befürchtungen bestehen, dass Kinder den Realitätsbezug verlieren, weil sie das Medium mit der Wirklichkeit verwechseln, dass sich Aggressionen, Stress und Anspannung durch Computerspiele erhöhen oder dass die Kinder vor dem Computer vereinsamen und Isolation und Unkreativität die Folge sind (vgl. Fritz, 1995, S. 10), möchte ich auch auf diesem Aspekt eingehen, mit einer stärkeren Zentrierung auf Edutainment, einer spielerischen Form der Lernsoftware.

Auch das Internet soll an dieser Stelle nicht unbeachtet bleiben. Es geht mir vor allem darum zu zeigen, dass das Internet auch für Kinder interessant sein kann und auch in der Schule seinen Einsatz finden könnte. Abschließen soll das Kapitel mit einem Blick in die Zukunft.

Im sechsten Kapitel möchte ich meine Erfahrungen präsentieren, die ich mit Grundschulkindern einer zweiten Klasse im Umgang mit dem Computer gemacht habe. Bei einem Einsatz einer von mir ausgewählten Lernsoftware konnte ich Beobachtungen zum Verhalten der Kinder gegenüber des Computers machen.

2. Mediale Lebenswelten von Kindern

Wenn von der heutigen Kindheit die Rede ist, dann wird oft kein gutes Haar an dieser Generation gelassen. Die ‚Kids‘ - wie sie heute genannt werden - und die Jugendlichen interessieren sich für gar nichts mehr, sondern sind konsumsüchtig. So oder ähnlich kann man es des öfteren lesen. In der Presse hört oder liest man überhäuft grauenhafte Nachrichten, dass Amokläufe von Schülern ein Blutbad in den Schulen hinterlassen und dass sich Lehrer nur noch bewaffnet in den Unterricht trauen können. Die Schuldigen für diese Gewalt und Aggressionen sind schnell gefunden: Die Neuen Medien. Denn die Vorgehensweisen von diesen Amokläufern haben verblüffende Ähnlichkeit mit den indizierten Computerspielen (z.B. „Quade 3“).

Es wird leider zu häufig übersehen, dass es neben den Medien immer auch noch andere Einflussfaktoren für eine „veränderte Kindheit“ gibt. Die veränderten Familienstrukturen, die Veränderung der Gesellschaft (die sowieso kein stillstehendes Element ist, sondern sich immer in einem Veränderungsprozess befindet) oder die des Freizeitverhaltens müssen ebenso berücksichtigt werden, anstatt vorschnelle und unsachgemäße Verurteilungen zu geben. Die gesamte Lebenswelt der heutigen Kinder muss näher betrachtet werden, die dann erst eine Beurteilung erlauben.

Der Begriff Lebenswelt meint, die das Individuum umgebende Umwelt mit seinen Personen, Beziehungen, Verflechtungen, Abläufen, Reglementarien und Gefühlen, in der es agiert, reagiert und sich täglich neu behauptet. Dieser Begriff lässt sich nur schwer vollständig und konkret beschreiben, da das, was Leben ausmacht und erhält, auch nur schwer beschreibbar ist. (vgl. Kübler, 1993, S. 23) Die Lebenswelt ist der Lebensraum, in dem Erziehung und Sozialisation stattfinden. (vgl. Baacke/Ferchhoff/Vollbrecht, 1997, S. 35)

Der Begriff Medienwelt meint einen Teil der Lebenswelt, in der Medien in Alltag, Schule und Beruf allzeit präsent sind. (vgl. Kübler, 1993, S. 23). Die Lebenswelten heute sind derart von Massenmedien durchdrungen, so dass sie schon beinahe Medienwelten genannt werden können, da „Medien heute an der Konstruktion sozialer Welt genuin mitwirken“. (Baacke/Ferchhoff/Vollbrecht, 1997, S. 35)

Kinder leben in eigenen Lebenswelten, die medial geprägt sind. Die ersten medialen Erfahrungen, werden bereits gemacht, wenn die Kleinen am Medienkonsum ihrer Eltern oder größeren Geschwister teilnehmen (Radio, Fernseher, Telefon etc.). Medien gehören für Kinder zum Alltag; bereits als Baby werden sie von ihren Eltern fotografiert, gefilmt; sie werden von einem „Babyfon“ überwacht oder wissen bereits, wo sich der Knopf befindet, um den Fernseher einzuschalten. Auch elektronisches Spielzeug ist in fast jedem Kinderzimmer zu finden. Der Medienkonsum der Erwachsenen reflektiert sich in der Welt der Kinder.

Dadurch, dass der kindliche Erfahrungsraum immer mehr mediatisiert wird, lernen sie sehr früh diese Medien für die Befriedigung eigener Bedürfnisse und Wünsche zu nutzen, um sich auf diese Weise Spaß und Unterhaltung zu verschaffen. Deshalb werden Kinder heute vielmehr als „Akteure aufgefasst, die eigene Handlungskompetenzen besitzen“ (Bartkowski, 1999, S. 2). Das bedeutet, dass es kein passiver Vorgang des Sich-Berieseln-Lassens ist, sondern ein aktiver und konstruktiver Prozess, in dem Kinder sehr bewusst und ihren Interessen entsprechend eine Auswahl treffen, bestimmte Themen aufnehmen und verarbeiten.

Dem Kind wird heute mehr Selbstständigkeit zugestanden. (vgl. Geulen, 19942, S. 11) Kinder bewegen sich „im Zentrum aller Aufmerksamkeit und aller Aktivität“. (Zeiher, 19942, S. 77) Jedoch führt Zeiher auch gleichzeitig ein Paradoxon auf: Einerseits gibt es Orte und Dinge speziell für Kinder (z.B. Spielplätze = Kinderwelt), andererseits gibt es auch genügend Orte, die für Erwachsenentätigkeiten spezialisiert sind und Kinder ausschließen (Straßenverkehr, durch Zäune und Hecken verschlossene Bereiche etc. = Erwachsenenwelt). Das Kind befindet sich somit in der Rolle der Hauptperson, aber auch gleichzeitig in der Rolle der Randfigur. (ebd.) So sind sie auf der einen Seite schon sehr früh selbstständig, auf der anderen Seite aber auch zahlreichen Zwängen und Begrenzungen ihres Lebensraumes und ihrer Zeit ausgesetzt.

Bevor es zum eigentlichen Thema übergeht, muss zuerst der Sozialisationsbegriff geklärt werden. Denn Medien sind aus der Sozialisation heute nicht mehr wegzudenken. Aus diesem Grund ist es interessant zu erfahren, inwieweit die Medien sich sozialisierend auf Kinder auswirken.

2.1 Sozialisation

Der Sozialisationsbegriff wird ständig überarbeitet und aktualisiert, grundlegend handelt es sich jedoch um Folgendes:

„Der Begriff Sozialisation beschreibt die Persönlichkeitsentwicklung als einen Prozess der aktiven und wechselseitigen Auseinandersetzung mit der Umwelt.“ (Kunkel, 1998, S. 177)

Bei der Sozialisation handelt es sich um einen Prozess, in dem die Kinder, die für die jeweilige Kultur typischen, angemessenen und erwünschten Verhaltensweisen, Fertigkeiten, Motive, Wertvorstellungen und Überzeugungen entwickeln.

An diesem Prozess sind viele verschiedene Sozialisationsfaktoren, also Personen oder Institutionen wie Eltern, Geschwister, Gleichaltrige, Lehrer, Fernsehen oder auch andere Medien beteiligt, die die Entwicklung der Kinder entscheidend beeinflussen. Denn Sozialisation vollzieht sich zum großen Teil durch die Beobachtung und Nachahmung.

Im engeren Sinne betrachtet ist Sozialisation für jeden Menschen ein lebenslanger Lernprozess, in welchem seine Persönlichkeit durch das Zusammenspiel folgender Faktoren geprägt wird:

a) Biologisches Erbe (die individuelle Persönlichkeit ist schon seit der Geburt festgelegt)
b) Sozio-kulturelles Umfeld (entspricht der sozialen und materiellen Umwelt des Menschen)

Das Produkt dieser wechselseitigen Beeinflussung beider oben genannten Aspekte ist jedoch so komplex, (Verhalten und Handeln des Menschen; gesellschaftliche Ordnungen und Kulturen) dass man die Ursache von Charaktereigenschaften und/oder Persönlichkeitsmerkmalen nur schwer oder sogar überhaupt nicht zurückverfolgen und differenzieren kann. (vgl. Buschges/Abraham/Funk, 1995, S. 66ff)

Wichtig ist, dass, abhängig vom sozialen System, in welchem eine Person lebt, Umwelteinflüsse auch aktiv gestaltet und beeinflusst werden können oder aber auch nicht. (ebd.)

Aufgrund der individuellen Prägungsumwelten jedes Einzelnen und den daraus resultierenden unterschiedlichen Persönlichkeitsmerkmalen, kann man nicht davon ausgehen, dass Medien auf jeden Konsumenten die gleiche Sozialisationswirkung ausüben (jedes Kind hat ein anderes sozialisierendes Umfeld).

Auch relevant für die Untersuchung der Sozialisation von Kindern durch Medienkonsum ist die Unterscheidung der primären Sozialisation von der sekundären. Bei Jugendlichen und Erwachsenen kommt noch die tertiäre Sozialisation hinzu:

Primäre Sozialisation einer Person erfolgt im Kontext der Familie, wobei der Mensch Urvertrauen, Werte und Normen wie Sprache und Verhaltensschemata kennen lernt. Die Familie ist, vorausgesetzt Kinder wachsen in ihr auf, die erste und somit auch die einflussreichste Sozialisationsinstanz. Institutionen unterschiedlichster Art (Schule; Kindergarten etc.) übernehmen dann die Aufgabe der sekundären Sozialisation. Beruf und Berufsausbildung kann man als tertiäre Sozialisation bezeichnen. (vgl. Reinhold, 1997, S. 604)

2.2 Sozialisationsfaktoren

Welchen Stellenwert nehmen die Massenmedien in Hinblick auf die großen Sozialisationssysteme Familie und Schule ein, und welche Zusammenhänge bestehen zwischen diesen Systemen und Funktionen mit ihren jeweils ungleichen Sozialisations- und Informationsprozessen? (vgl. Bonfadelli, 1981, S. 45)

Sch ä fers (1994) nennt u.a. folgende Prägungsumwelten des Kindes: Familie, Schule, Gleichaltrigengruppen. (vgl. Sch ä fers, 1994, S. 129) Die Medien nehmen einen weiteren großen Stellenwert im Leben des Kindes ein.

Wichtig bei der primären Sozialisation ist der in der Familie stattfindende Umgang mit den Medien und der kognitiven wie sozialen Verarbeitung dieser Inhalte, wobei der größte Einfluss von der Generation des Kindes ausgeht. (vgl. Bonfadelli, 1981, S. 274f)

Bonfadelli (1981) stellt die von ihm selbst, aufgrund mangelnder Untersuchungen, nicht beantwortete Frage, „von welchen Faktoren es abhängt, ob Kinder ihr Medienverhalten an der Eltern- oder Kameradengruppe ausrichten“. (ebd.) Zur Beantwortung dieser Frage ist die Analyse verschiedener Sozialisationsinstanzen nötig.

2.2.1 Familie

Die Familie hat in den letzten Jahrzehnten einen enormen Wandel erfahren. Während früher Gehorsam und Anpassung von den Kindern gegenüber den Eltern verlangt wurde, ist in den heutigen Familien Selbstverantwortung und Selbstständigkeit zu verzeichnen. Moderne Erziehung ermöglicht den Kindern mehr Freiheiten - schon früh können sie über ihre Freizeitgestaltung, über eigenes (Taschen-) Geld verfügen, über Konsum allgemein. Auch über sexuelle Beziehungen können viele Kinder schon immer früher selbst entscheiden. (vgl. Preuss-Lausitz, 19942, S. 134)

Somit haben Kinder heute größere Handlungs- sowie Entscheidungsspielräume und auch mehr Mitspracherecht. Es kommt häufiger zu Diskussionen, auf die die Eltern auch eingehen. Dadurch wer10

den Kinder früher selbstständig und mündig. Jedoch wenn die Kinder dann in der Grundschule auf stärkere Bevormundung seitens der Lehrer stoßen, was eine Einschränkung ihrer Selbstständigkeit und Freiheit bedeuten kann, bleibt es nicht aus, dass sie sich in dieser Institution nicht wohlfühlen bzw. nicht zurechtkommen. Von diesen Kindern wird nun verlangt, dass sie sich in diese Gemeinschaft integrieren, d.h. mit anderen sozial kooperieren und auch mal ihre ‚Freiheiten’, die sie von zu Hause gewohnt sind, einzugrenzen.

Gleiches könnte im besonderem Maße für Einzelkinder gelten (diese Familienform „Ein-Kind-Familien“ ist eine moderne Form von heute). Sie sind es wegen fehlender Geschwister weniger gewohnt, sich einzuordnen, mit anderen zu teilen oder auch auf etwas zu verzichten. (vgl. Nave-Herz, 1994, S. 26) Das Kind sollte so früh wie möglich lernen, sich zu streiten, sich wieder zu versöhnen, Unrecht zu haben, zu verlieren oder zu teilen. (ebd. S. 68) Diese Erfahrungen können aber auch mit Gleichaltrigen gemacht werden, so dass Einzelkinder nicht automatisch zu Kindern abgestempelt werden müssen, die unfähig sind, in Gemeinschaften zu leben.

Ich möchte nun darauf eingehen, inwieweit die Familie für das spätere Medienverhalten der Kinder von Bedeutung ist.

Eine primäre Prägung hat das Kind bereits im familiären Kontext erfahren (vgl. Reinhold, 1997, S. 604), wobei es unter anderem mit den Mediengewohnheiten (z.B. Fernsehnutzung) seiner Mitmenschen aufgewachsen ist und diese selbst durch eigenes Verhalten beeinflusst hat. Aus unterschiedlicher Integration verschiedener Medien in den Familienkontext resultieren unterschiedliche Umgangsweisen der Kinder mit diesen. Jedoch ist nicht erwiesen, ob erzieherische Maßnahmen der Eltern tatsächlich Einfluss auf die weitere Mediennutzung ihrer Kinder haben. (vgl. Bonfadelli, 1981, S. 271)

Aufenanger (1991) ist der Überzeugung, dass das elterliche Verhalten Vorbildcharakter hat. Das elterliche Handeln prägt Nutzungsstile und die Genrevorlieben von Kindern. „Die Art und Weise, wie Eltern das Medienhandeln im Alltag strukturieren, wirkt sich auf die Mediennutzung ihrer Kinder aus.“ (Aufenanger, 1991, S. 85)

Kunkel (1998) geht ebenfalls von einer Prägung durch den familiären Umgang mit den Medien aus. Er hat zusammenhängend mit dem Familienkontext folgende Kriterien zur Bestimmung des Medienkonsums des Kindes herausgearbeitet:

Diesem zufolge hat z.B. der Grad der Strenge des elterlichen Erziehungsverhaltens einen Einfluss auf das Ausmaß der Mediennutzung von Kindern. Studien zeigen, dass sich mit dem Wachstum der Autorität in Familien auch der Fernsehkonsum erhöht.

Ausschlaggebend ist auch das Spannungspotential innerhalb der Familie, welches dementsprechend einen höheren Konsum zur Folge haben kann, um Konflikten aus „dem Weg zu gehen“.

Die Vorbildfunktion der Eltern ist ein weiterer Faktor. Bei höherem Konsum der Eltern könnten Kinder eine verstärkte Programmnutzung als „legitimiert“ sehen. (vgl. Kunkel, 1998, S. 54f)

Bei der Betrachtung dieser Einflussfaktoren stellt sich nun die Frage, ob die Mediennutzung beispielsweise durch häufigen Fernsehkonsum erzeugt worden ist oder ob von vornherein der Fernseher z.B. zur Konfliktvermeidung eingesetzt wurde (ebd. S. 56).

Auf lange Sicht sind nämlich auch Verschiebungen im intrafamiliären Sozialisationskontext durch sich verändernde Medienverhältnisse möglich, welches auf eine wechselseitige Beeinflussung zwischen Medium und Familie schließen lässt. Auch sich verändernde gesellschaftliche Standards haben langfristig Wirkung. (ebd. S. 55) Es handelt sich hier also um sich gegenseitig verstärkende Abhängigkeiten zwischen Medium und Familie. (ebd. S. 57).

Auch ist der Einwand von Schorb (1985) nicht zu vernachlässigen. Er konstatiert, dass sich zwischen den Familienmitgliedern „Kommunikationsschranken“ aufbauen. Diese kommen dann zustande, indem

jeder in seinem Zimmer seine eigene Medienwelt kreiert, so dass auch innerhalb den Familien nur noch wenig kommuniziert wird. (vgl. Schorb, 1985, S. 64) Es trennen sich heute oft die Wege in die einzelnen ‚Medienzimmer‘.

Demgegenüber steht nun der Einfluss der Gleichaltrigengruppe. Die Sozialisation verlagert sich immer mehr in Richtung der Peer-group und der Massenmedien. (vgl. Postman, 1992, S. 205)

2.2.2 Peer-group

Den wichtigsten Bezug erfahren die Kinder und Jugendlichen heute in sogenannten Gleichaltrigengruppen, auch Peer-group oder Clique genannt. Durch diese Gruppierung besteht für sie die Möglichkeit, der Erwachsenenwelt zu entgehen.

Eine Peer-group hat viele Funktionen: Es findet eine gruppenspezifische Sozialisation statt, was zur Identitätsbildung des Kindes/Jugendlichen beiträgt. Innerhalb ihrer Gruppe finden sie Hilfestellungen für aufkommende Probleme und sammeln sowohl positive als auch negative Erfahrungen in allen Lebensbereichen. Die Aktivität einer Peer-group wird meistens nur von Freizeitgestaltung bestimmt. Durch Kommunikation innerhalb der Gruppe werden individualistische Einstellungen hervorgebracht, aus der Familie oder der Erwachsenenwelt häufig den Ansichten der Gruppe entsprechend umgepolt oder neutralisiert. Neben den Peer-groups sind auch 2erFreundschaften und -Beziehungen (Beziehung; Freundschaft), sehr einflussreich. (vgl. Sch ä fers, 1994, S. 191ff)

„Hohe und freiwillig akzeptierte Gruppenkonformität erzeugt ein äußerst günstiges Klima für die Übermittlung von Einstellungen und Verhaltensmustern. Aus diesem Grunde wird die Gleichaltrigengruppe zu Recht als eine bedeutsame ‚informelle Sozialisationsinstanz’ angesehen."

(Sch ä fers, 1994, S. 193)

2.2.3 Medien

Inwieweit hat die mediale Welt Einfluss auf die Wahrnehmung und Handlungen von Kindern?

Für Kinder sind Personen und Gegenstände von großer Bedeutung. Nur sie können den Kindern die Welt erfahrbar machen, um ihnen die Möglichkeit der Herausbildung einer eigenen Identität zu gewährleisten. Noch vor einigen Jahren waren die Eltern die wichtigsten ‚Medien’ der Kinder. Aber dadurch, dass heute immer mehr neue, elektronische Medien auftreten, findet eine Verschiebung dieser Wertigkeit statt; die Medien sind die neuen Erzieher. Nicht umsonst werden die Medien als „heimliche Miterzieher“ (Müller, 2000, http://www.kid.de/magazin/feature.html) bezeichnet, denn sie vermitteln den jungen Menschen gesellschaftliche Rollenvorstellungen, Weltbilder und Wirklichkeiten (insbesondere die Werbung). Eltern und Erzieher fühlen sich oft hilf- und ratlos gegenüber dieser mächtigen Beeinflussung.

Jedoch werden die Medien auch sehr häufig als Erziehungsmittel eingesetzt, das ist in der Regel der Fernseher. Das von den Eltern ausgesprochene Fernsehverbot (oder auch die Fernseherlaubnis) unterstützt sie in ihrem Erziehungsprozess - als ein pädagogisches Mittel.

Medien bedienen sich bestimmter auf die Kinder und Jugend abgestimmter Kommunikationssymbole, um Zugang zu ihnen zu finden, bzw. ihr Interesse zu wecken. Sie haben folgendes erkannt: ‚In’ und im Trend zu sein, ist mittlerweile für die überwiegende Mehrheit der jüngeren Generationen zu einem Grundbedürfnis geworden. So wissen sie auch ganz genau, dass bestimmte Statussymbole ‚Eintrittskarten’ für die Peer-groups darstellen. Innerhalb der Peer-group manifestieren sich Trends (insbesondere bei Musik und Bekleidung) und Einstellungen viel schneller als in der Erwachsenenwelt. Medien bieten „vielseitige Identifikations- und Orientierungshilfen“, wie beispielsweise bei Zeitschriften oder Fernsehfilmen, woraus besonders junge Menschen vom Aussehen bis zum Sprachstil eine neue Persönlichkeit zusammenfügen können. (vgl. Baacke/Sander/Vollbrecht, 1990b, S. 12)

Vor diesem Hintergrund können folgende Thesen formuliert werden:

- Medien können den Kindern ein „verzerrtes Bild der realen Welt“ präsentieren.
- Medien können von Anfang an verhindern, dass eine „Unterscheidung zwischen Tatsachen und Fiktionen“ nicht richtig ausgebildet wird.
- Medien fördern die Reduzierung der „Erfahrung der realen Welt“.

(vgl. Fritz, 1997, S. 22)

Luhmann (1996) bringt es auf den Punkt::

„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien. Das gilt nicht nur für unsere Kenntnis der Gesellschaft und der Geschichte, sondern auch über unsere Kenntnis der Natur.“ (Luhmann, 1996, S. 9)

Nun ist es allerdings nicht so, dass heranwachsende Menschen sich ausschließlich mit Medien beschäftigen - die Medien sind nur ein Bestandteil in der gesamten Sozialisation. Kinder machen ihre eigenen Erfahrungen auch an den originalen Dingen - natürlich nur, soweit es möglich ist. Und dann haben sie immer noch die Möglichkeit die Dinge zu sich zu holen, zu denen sie keinen Zugang haben und wozu sie sonst nie die Gelegenheit hätten. Es ist doch toll, wenn sich Kinder beispielsweise über das Weltgeschehen unterschiedlich informieren können, oder wenn sie andere Länder und Kulturen so realistisch kennen lernen können, ohne gleich eine halbe Weltreise machen zu müssen. Dies ist doch das Privileg unserer Zeit.

Zusammenfassend versteht man unter Mediensozialisation somit das Hineinwachsen von Kindern in eine von Medien geprägte Gesellschaft. Dabei entwickelt das Kind Fähigkeiten und Gewohnheiten im Umgang mit den Medien. Unweigerlich wird es von Sozialisationsinstanzen wie Eltern, Schule, Peers, u.a. mit Normen, Überzeugungen und Verhaltensstandards konfrontiert. Das Kind entwickelt seine Identität durch Übernehmen oder Zurückweisung dieser Verhaltensund Erlebens-Vorbilder. (vgl. http://www.ipmz.unizh.ch/inst/forschung /fschwe4a.htm)

2.3 Verschwinden der Kindheit?

„Für elektronische Medien ist es unmöglich Geheimnisse zu bewahren. Ohne Geheimnisse ist so etwas wie Kindheit nicht möglich . “ (Postman, 1992, S. 104) So konstatiert Postman (1992) in seinem gleichnamigen Buch ‚Das Verschwinden der Kindheit’. Die Medien (der Fernsehapparat wird i.d.R. als Beispiel genommen) offenbaren alles und verschließen nichts. Sie können dies auch gar nicht, da sie die Informationen nicht kodiert weitergeben. Sehen und Hören kann (fast) jeder. Auch Kleinkinder.

Außerdem werden Kinder sich heute nicht mehr wie früher durch Erkunden und Erforschen ihre Umwelt selbstständig erschließen können - ein wesentliches Merkmal von Kindheit - weil ihre Freizeit aufgrund der neuen Medien sich immer mehr im Haus abspielt.

Es wird deutlich, dass das Kind sich in einem Wandel befindet. Längst werden Kinder nicht mehr als „kleine Menschen in Entwicklung“ (Müller, 2000, http://www.kid.de/magazin/feature.html) betrachtet. Jetzt zählt vielmehr die Eigenständigkeit der Kindheit - das Kind wird in seiner Kindlichkeit voll als eigenständiger Mensch akzeptiert. Sie sind die „Produzenten ihres Lebenszusammenhangs“ und nehmen nicht nur die Erwachsenenkultur an. Laut Baacke, werden sie als „ästhetisch kompetente Lebewesen“ angesehen (Baacke, Kinder und ästhetische Erfahrung in alten und neuen Medien. tv diskurs, Heft 1, S. 60ff, in: Müller, 2000, http://www.kid.de/magazin/feature. html).

Immer mehr Kinder und Jugendliche haben immer früher freie Verfügung über ihr eigenes Leben (s.o.). Laut Beck (1986) handelt es sich hierbei um einen allgemeinen Individualisierungszwang. (Beck, 1986, zitiert nach Preuss-Lausitz, 19942, S. 134) Um als gleichberechtigten Partner anerkannt zu werden und nicht als „unreife Schüler“ tituliert zu werden, ist es notwendig, möglichst schnell seinen eigenen Weg zu gehen. Bereits in der ersten Klasse sind die Kinder wesentlich selbstbewusster und weltoffener, als noch vor einigen Jahren. (ebd.)

Der Wandel der Kindheit hat auch Auswirkungen auf die Schule und Lehrkräfte. Ein Überdenken der Aufgaben, Ziele und der Organisation von Schule und Lernen muss gewährleistet sein. Die Lehrer müssen sich über die veränderten Sozialisationsbedingungen ihrer Schüler bewusst sein, um ihr Verhalten besser verstehen zu können und ihre Unterrichtsorganisation dementsprechend auszurichten. Das kann vor allem älteren Lehrern schwerfallen, die in einer ganz anderen Zeit unter anderen Bedingungen aufgewachsen sind.

Ursachen für ein Verschwinden der Kindheit werden hauptsächlich in den Medien bzw. in der Kommunikationsstruktur gesucht. Medienwelten und Scheinwirklichkeit sind Begriffe, die oft in dem Zusammenhang auftreten. Kindliche Lebensbereiche werden z.T. durch Mediengewohnheiten ersetzt. (vgl. Peuckert, 1991, S. 97)

Eine häufige Überzeugung, dass alte Medien wie beispielsweise das Buch bildet und die neuen Medien für die kindliche Entwicklung negative Folgen hat, ist einseitig und ist wissenschaftlich überholt. Denn einerseits hat jedes Medium - ob alt oder neu - Vor- und Nachteile und betont in irgendeiner Weise die Wahrnehmung und das Denken. Andererseits ist immer die Art des Umgangs von Bedeutung. (vgl. Richter, 1998, S. 18) Außerdem muss man beachten, die verschiedenen Medien, wie Buch oder Fernsehen nicht isoliert voneinander zu sehen. Es gibt kein Kind, welches ausschließlich ein einziges Medium benutzt. Aus diesem Grund ist Richter (1998) der Meinung, dass das verzerrte Bild vom heutigen Kind nicht vertretbar ist. Das Kind „mutiert nicht zu einem fantasiearmen, trägen, unkonzentrierten, kontaktgestörten und aggressiven Wesen“. (ebd.) Demnach müssten alle Menschen diesem Bild entsprechen, da wir nun mal in einer technisierten Welt leben.

2.4 Fazit

Die Lebenswelten der Kinder sind der schnellen technologischen Entwicklung unterworfen. Medien greifen (immer früher) in den Sozialisationsprozess heutiger Kinder und Jugendlicher ein und können das Weltbild der kommenden Generation beeinflussen. Inwieweit Kinder heute von Medien beeinflusst werden, hängt von den unterschiedlichsten Prägungsfaktoren ab: Als erstes sind die Einflussinstanzen zu berücksichtigen, die die Kinder im Laufe ihres bisher kurzen Lebens sozialisiert haben und auch jetzt teilweise noch entscheidenden Einfluss ausüben (z.B. Familie, Peer-group).

Da extrem viele verschiedene Bedingungen und Gegebenheiten bei Kindern vorliegen, z.B. mit jeweils unterschiedlicher Bildung, ungleichem Umfeld etc., so dass Medienbotschaften unterschiedlich aufgenommen und verarbeitet werden, kann man infolgedessen nicht von der ‚einen’ Sozialisation von Kindern durch die Medien sprechen, wobei Medien, die gezielt auf spezifische Probleme und Interessen von Kindern und Jugendlichen eingehen (Serien, Musiksendungen), einen größeren Einfluss zugeschrieben werden können.

Neben der Familie sind die Peer-group bzw. Beziehungen von Kindern zu Gleichaltrigen am prägendsten, wobei der Bezug der Clique zu den Medien nicht ausgeschlossen wird. Innerhalb einer Gruppe können Medienaussagen bewertet werden, so dass bestimmte Inhal18 te ausgesucht werden, was den Einfluss der Peer-group noch mehr verstärkt.

Die Medien setzen sich im Alltag durch, so dass eine Auseinandersetzung mit dem Umgang dieser Geräte nötig wird. Heute wissen die meisten Eltern, dass Kindern mit der Hinführung zu einem kritischen und verantwortungsvollen Umgang mehr geholfen als geschadet ist (vgl. Mayer/Seter, 1994, S. 33).

Erst wenn alle Sozialisationsbedingungen betrachtet werden, können die Zusammenhänge zwischen dem sozialen und dem erzieherischen Wandel wahrgenommen werden.

3. Medien

Medien stellen eine „Erweiterung der natürlichen Fähigkeiten zur Wahrnehmung, Codierung, Übertragung, Speicherung von Informationen und zur Tradierung von Erfahrungen, Erkenntnissen und Weltdeutungen.“ (Spanhel, 2000, S. 5) Die Neuen Medien werden immer schneller, einfacher, realitätsnäher und ergiebiger. Dazu kommt, dass kostengünstige und kleinere Geräte, wie z.B. der Laptop, die Medien immer und überall verfügbar machen, so dass die Menschen jederzeit für mediale Botschaften erreichbar sind.

Besonders Kinder und Jugendliche sind die Gruppen, die oft angesprochen werden, um diese Neuen Medien an die Bevölkerung zu bringen. Denn sie sind die eigentliche Zielgruppe, da auf diese Weise automatisch die Erwachsenen mit angesprochen werden, wenn beispielsweise in Kaufhäusern verschiedene Spielkonsolen inklusive neuer Spiele zum Ausprobieren zur Verfügung stehen. (vgl. Breckner/Mohn/Rickert/Schorb/Vogt, 1984, S. 68)

3.1 Begriffserklärung

Was bedeutet Medium eigentlich genau?

‚Medium’ („die Mitte“) lässt sich von dem lateinischen Wort „medius“ ableiten, was soviel wie „das in der Mitte Befindliche“ bedeutet. Der Ursprung des jetzigen Begriffs und dessen Grundbedeutung, nämlich die Vermittlung zwischen zwei oder mehreren Komponenten, hat immer noch seine Gültigkeit. (vgl. Droskowski u.a., 1978, S. 1758) Medien vermitteln Informationen durch Kommunikation. Den Medien ist es möglich, die verschiedensten Informationen und Botschaften zu „fixieren“, so dass sie für alle leicht zugänglich sind; dies ist ja meist auch ihr Anliegen. (vgl. Wragge-Lange, 1997, S. 6)

Medien wurden erfunden und entwickelt als „Mittler“, als Verbindungen zwischen verschiedenen Kommunikationspartnern. Spätestens seit der Erfindung des Buchdrucks bedeutet die Nutzung von Medien

der Kontakt zur Öffentlichkeit. Medien bringen Informationen an die Öffentlichkeit. Dies gilt erst recht für alle Neuen Medien. (vgl. Di- chanz, 1999, http://www.lbw.bwue.de)

Medien lassen sich allgemein in drei verschiedene Kategorien einteilen: primäre, sekundäre und tertiäre Medien.

Primäre Medien erfolgen im direkten menschlichen Kontakt, wie beispielsweise die mündliche Rede oder sämtliche Ausdrucksformen des Körpers (Gestik etc.). Diese Art Medien setzen die eigene Anwesenheit voraus, was nicht immer gegeben ist, aufgrund der räumlichen und zeitlichen Distanzen.

Sekundäre Medien beschreiben einen einseitigen technischen Verlauf, d.h. dass der Empfänger nicht mit technischen Geräten ausgestattet sein muss, um eine Information zu erhalten. Dazu zählen die Printmedien Bücher, Zeitungen, Briefe etc.

Bei den tertiären Medien benötigen beide Kommunikationspartner (Sender und Empfänger) eine entsprechend technische Einrichtung. Tertiäre Medien sind z.B. Telefon, Fax, Fernseher, Radio oder Computer, also die Neuen Medien. (vgl. Hunziker, 19962, S. 16)

3.2 Die Neuen Medien

Die Neuen Medien (bzw. die neuen Informations- und Kommunikationstechniken) gibt es seit den 80er Jahren.

Was ist das ‚Neue’ an den Neuen Medien?

Neue Medien werden als „Sammelbegriff für neue Formen der Massenkommunikation“ (z.B. Kabel- oder Satellitenfernsehen) und „für neue Formen der Informationsspeicherung und -übertragung“ (z.B. Videokassette, Compact disk) bezeichnet. (Bertelsmann Lexikon, 1995, S. 6488)

Es ist eine „spezifische Verknüpfung der verschiedenen, bekannten Bestandteile zu umfassenden elektronischen Informations- und Kommunikationssystemen.“ (Rolff/Zimmermann, 1985, S. 7) Das Neue ist außerdem die Computersteuerung und die Konzentration auf den Bildschirm.

Das primäre und schon ältere Bildschirmmedium ist das Fernsehen, das seit den 50er Jahren in die Haushalte einzog und heute der beherrschende Informations- und Unterhaltungsträger ist. Die Kommunikation wurde dadurch technologisiert, wodurch Veränderungen einsetzten (gesellschaftlich und kulturell). Kinder werden heute mit Medieninhalten konfrontiert, die ihnen früher „aufgrund der Trennung von sozialen Räumen von Erwachsenen und Kindern nicht zugänglich waren und nun unvermittelt offen stehen“. (Aufenanger, 1991, S. 12).

Zu den neueren Bildschirmmedien gehört beispielsweise der Computer. Die heutige Situation der Kindheit wird häufig als eine Fernsehkindheit bezeichnet, doch mit der stärkeren Verbreitung von Computern in den Privathaushalten rückte dieser in das Interessenfeld der Kinder und löste eine immer größere Faszination aus.

Daran anschließend wurden digitale Bild- und Datenträger entwickelt, um das Neue Medium Computer so vielseitig wie möglich zu nutzen. Es zählen dazu multimediale Computerspiele (CD-ROMs), Edutainmentsoftware, Infotainment (Lexika, Biografien) oder das Internet.

Der Computer kann „als das etwas andere Medium“ beschrieben werden, denn es ist kein traditionelles Massenmedium, wie das Fernsehen, das ein Massenpublikum anspricht und dabei um Einschaltquoten ringt, sondern ein massenhaft genutztes Medium, welches von Vielen ganz individuell genutzt wird. (vgl. Fromme/Kommer, 1996, S. 151)

Es ist noch erwähnenswert, dass laut Wragge-Lange (1997) kein „Verdrängungswettbewerb“ seitens der Neuen Medien gegenüber ‚alter’ Medien stattfindet. Man kann sagen, dass mittlerweile ein derart großes Angebot an Büchern vorhanden ist - an qualitativ guten Büchern. Dies trifft besonders im Bereich der Kinderliteratur zu, die häufig durch Bilder oder Zeichnungen und ein ansprechend gestaltetes Layout kindgerecht aufbereitet sind. Daraus folgernd konstatiert

Wragge-Lange, dass sich die „Konkurrenz durch das Fernsehen“ positiv „auf die Qualität des Kinderbuchmarktes“ auswirkt. (vgl. WraggeLange, 1997, S. 24)

3. 2.1 Veränderung des Wissenserwerbs durch die Neuen Medien

Wragge-Lange (1997) erkennt, dass es in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts zu einem explosionsartigen Anstieg an Medienangeboten gekommen ist. Einige hundert Jahre lang gab es ausschließlich ein Medium, das alle Menschen nutzen konnten, nämlich das Buch, ein Printmedium. Jedoch gab es hier Einschränkungen, da nicht alle über das Privileg der Lesefähigkeit verfügten oder finanzielle Mittel nicht vorhanden waren, so dass das einzige Medium nur einem sehr kleinen Teil der Bevölkerung zugänglich war.

Glücklicherweise hat sich dieser Zustand durch die Erfindung der elektronischen Medien im Laufe der Zeit bis heute grundlegend geändert. D.h., dass die „Bildungsschranken“ nicht mehr vorhanden sind, um Informationen rezipieren zu können. Einmal wurden, laut Wragge-Lange, diese „Bildungsschranken, die den Zugang zum Buch in gravierender Weise beeinflussten, erheblich abgebaut, so dass heute mit wenigen Ausnahmen jedes Kind die Möglichkeit hat, das Lesen zu lernen.“

(Wragge-Lange, 1997, S. 23)

Zum anderen waren es hauptsächlich auch die Medien selbst, die vorerst nur auditiv, später dann auch audiovisuell Informationen präsentierten, also Informationen, die über das Hören und Sehen aufgenommen werden. Auf diese neue Weise der Aufnahme, brauchte kein Vorwissen vorhanden sein; auch das Lernen schien überflüssig. (ebd.)

Eine neue Zugänglichkeit von Information ist entstanden. Diese Zugänglichkeit hängt auch von der Form ab, in welcher Information kodiert wird. Das Wissen haben die Erwachsenen durch die Literalität erlangt. Kinder müssen erst Lesen lernen, um an die Information zu gelangen. Vom Fernsehen beispielsweise wird diese Fähigkeit nicht verlangt. Fernsehen oder Radiohören braucht nicht erlernt zu werden, sondern man kann es einfach ‚tun’. Also ist die ganze Flut an Bildern und ihren Informationen für alle Menschen zugänglich. Wissensbarrieren, die immer zwischen den Kindern und Erwachsenen standen, sind nun nicht mehr gegenwärtig. (Aus diesem Grund beklagt Postman das „Verschwinden der Kindheit“ - zitiert nach Wrag- ge-Lange, 1994, S. 13f)

Das Wort bildet die Grundlage beim Lesen. Worte sind immer nur Ideen für einen Begriff. Wird das Wort „Baum“ gelesen oder erwähnt, so haben wir kein vorgefertigtes Bild davon im Kopf. Wir assoziieren nur Eigenschaften eines Baumes damit und bauen in den Köpfen, immer unterschiedlich zum Kontext, passende Bäume auf, und jeder hat eine andere Vorstellung davon. Sehen wir Bilder im Fernsehen oder auf einem Foto, so bleibt der Fantasie kaum noch Spielraum. Das Bild zeigt keine Begriffe, sondern Dinge.

Schorb (1985) schließt daran an: Wissen kann heutzutage in unvorstellbar großer Menge fixiert und zu jeder Zeit genutzt werden. Durch das Internet ist es sogar möglich geworden, dass die gespeicherten Botschaften von jedem auf der ganzen Welt abgerufen werden können. (vgl. Schorb, 1985, S. 64) Daraus lässt sich schließen, dass das Wissen kein Privileg mehr ist, denn es steht jedem überall zur Verfügung (s.o.). Es ist allerdings fraglich, ob es wirklich jedem zugänglich ist, ob wirklich alle über einen Internetzugang verfügen, um diese Chance zu nutzen. Dann müsste die Institution Schule überflüssig sein - das ist sie aber bei weitem nicht! (s. Kap. 5.8)

3.3 Mediennutzung

Mediennutzung kann wie folgt beschrieben werden:

Es ist ein „aktiver Einbezug der Medien in die Strukturen des Alltags und die tägliche Problembewältigung“. (http://www.ipmz.unizh.ch/ inst/forschung/fschwe4a.htm)

Wenn man von Mediennutzung spricht, dann muss zwischen zwei Nutzungsarten unterschieden werden. Einmal gibt es die Rezeptive Nutzung von Medien, wie beispielsweise die Nutzung des Fernsehens. Diese Art Medium ermöglicht nur eine passive Nutzung, d.h., dass der Konsument kaum bis wenig Einfluss auf den Verlauf der Inhalte hatte. Der Nutzer hatte höchstens die Möglichkeit zwischen den Programmen zu entscheiden, also ob er eine Sendung sehen wollte oder nicht. „Hatte“ deswegen, denn mittlerweile ist es auch schon möglich, dass Zuschauer von Fernsehsendungen von zu Hause aus aktiv in einer Programmauswahl mitentscheiden können (durch Wahl), oder auch an irgendwelchen Quiz- oder Spielshows teilnehmen - und das alles ganz gemütlich vom eigenen Sofa aus. Dies ist jedoch noch eher die Ausnahme, so dass der Fernseher das passive Medium bleibt. Infolge dieser Passivität und u.a. auch wegen der ‚Veralltäglichung‘ wird es, wie das Radio, was auch passiv genutzt wird, immer häufiger als „Background-Medium“ genutzt. (vgl. Hengst, 19942, S. 109)

Zum Zweiten gibt es die interaktive Nutzungsart, wie das Computer- oder Videospiel, in dem ein eigenes Eingreifen möglich ist. Somit grenzt es sich von den bisherigen Medien durch interaktive Elemente in ihrer Nutzung ab. Es wird nicht nur mehr passiv konsumiert, sondern eine Handlung erfordert das Eingreifen des Benutzers. (vgl. Fromme/Kommer, 1996, S. 150) Spielen kann per Knopfdruck auf dem Bildschirm gesteuert werden. (vgl. Tulodziecki/Schlingmann/ Mose/Mütze/Herzig/Hauf-Tulodziecki, 1995, S. 13)

Es gibt zwei Hauptauslöser für die Nutzung von Medien: Langeweile und Interesse. Langeweile als Grund bedeutet der ‚Griff‘ zum nächstbesten Medium, und das ist meistens der Fernseher. Auf besonders einfachem Wege (per Knopfdruck) steht dem Konsument eine immense Anzahl von verschiedenen Programmen zur Verfügung, welche passiv aufgenommen werden können. Spricht ein Bereich dann allerdings das Interesse des Nutzers an, schauen sie ge zielt oder sie suchen von Anfang an das ideale Medium aus. (vgl. Kid.de, 2000, http://www.kid.de/magazin/studie.html)

3.4 Funktion von Medien

Eine These von Schulz lautet:

„Medien erweitern unser Weltwissen durch synthetische Erfahrung erheblich und verwischen dabei zugleich die Grenzen zwischen Realität und Fiktion.“

(Schulz, Winfried: Medienwirklichkeit und Medienwirkung, zitiert nach Wragge-Lange, 1997, S. 27) An dieser These wird die Zwiespältigkeit deutlich. Zum einen haben Medien die Funktion der Erweiterung und Bereicherung unseres Wissens, und zum anderen können Medien Entfremdungsprozesse von der Wirklichkeit bedeuten.

Jedoch muss man zwischen verschiedenen Medien unterscheiden. Ein gutes Buch kann den Leser zwar in seine eigene Fantasiewelt versetzen, jedoch wird es dem Rezipient ‚schwer’ gemacht, die Realität mit der Fiktion gleichzusetzen bzw. zu verwechseln. Aus diesem Grund haben Printmedien einen Nachteil gegenüber den elektronischen Medien. Man kann allerdings darüber streiten, ob diese Tatsache wirklich ein Nachteil ist. Es kann ebenso gut ein Vorteil bedeuten, da der Leser seine ganze Fantasie benötigt, um sich den Inhalt des Buches genau vorstellen zu können. Diese Vorstellungswelt muss nicht mit der des Autors übereinstimmen. Die Fantasie jedes Einzelnen knüpft an bereits gemachte Erfahrungen oder Erinnerungen an, so dass jedes Individuum eine andere Vorstellungswelt kreieren kann.

Bei den elektronischen Medien werden die medialen Welten immer perfekter und realer, so dass die Fantasie des Einzelnen nicht mehr benötigt wird, da alles bereits ‚fertig’ vorgegeben ist. (vgl. Wragge Lange, 1997, S. 27f)

Genau aus diesem Grund fühlen wir uns oft enttäuscht, eine Verfilmung eines vorher gelesenen Buches anzusehen, da man sich ‚alles ganz anders vorgestellt’ hat - oft viel besser. Der umgekehrte Fall (erst den Film zu sehen, dann das entsprechende Buch zu lesen) bedeutet eine Reduzierung der eigenen Vorstellungskraft. Der Film gibt diese Vorstellung dem Rezipienten vor; beim Lesen des Buches wird er sich immer an die Szenen des Films erinnern.

Es gibt eine Funktionsvielfalt von Massenmedien. Zunächst kann man eine grobe Einteilung vornehmen, wie es Baacke, Sander & Vollbrecht (1990a) getan haben, und zwar in eine primäre und subsidiäre Funktion.

Die primäre Funktion von Medien ist eine beabsichtigte Funktion. Es handelt sich hierbei um Wirkungen, die durch „Programmauftrag und journalistischem Selbstverständnis“ auftreten, wie beispielsweise bei der Information, Unterhaltung, Kommentierung oder durch Hilfen bei der Meinungsbildung. (vgl. Baacke/Sander/Vollbrecht, 1990a, S. 16) Die zweite, subsidiäre Funktion von Medien ist eine unbeabsichtigte Wirkung, die auch als „Nebenwirkungen“ bezeichnet werden. Damit ist u.a. Folgendes gemeint: Ersatz für zwischenmenschliche Kommunikation, Erlangung eines bestimmten Ansehens durch „Bescheidwissen“ oder Zeitvertreib. (ebd.)

Neben dieser groben Einteilung verfügen Medien über zahlreiche weitere Funktionen. Die wichtigsten möchte ich an dieser Stelle erläutern.

- Überlieferung von Wissen

Dies ist die ursprüngliche Aufgabe. So wurde schon damals Wissen für die nachfolgende Generation tradiert. Damit hängt die nachfolgende Funktion zusammen. (z.B. Fachbücher, Internet, Nachrichten)

- Bildung

Medien bieten einen guten Anlass, um Bildung zu ermöglichen und sind ein wichtiger Bestandteil. Es ist möglich alles Wissenswerte aus den Medien zu erfahren, um sich auf diese Weise zu bilden. Die Grundfertigkeiten Lesen und Schreiben kann

man sich per Lernprogramme bzw. Edutainments aneignen. (z.B. Fachzeitschriften, Lernprogramme, Lehr- und Dokumentationsfilme, Computersimulation).

- Information

Medien bedeuten Informationsvermittlung, da wir über ein unvorstellbares Potential an Informationen verfügen können. Ein weltweites Kommunikationsnetz ermöglicht eine schnelle Verbreitung dieser Informationen. Wir können erfahren, was an anderen Orten dieser Welt geschieht, ganz aktuell. Medien können ebenso als ‚Ratgeber’ fungieren für jede Art von Problemen; Handlungsanweisungen können abgerufen werden. (z.B. Nachrichten, Bücher, Zeitungen, Magazine)

- Kommunikation bzw. Dialogfähigkeit

Medien sind Kommunikationstechniken, so dass Kommunikation zu einer weiteren Funktion zählt. Es ist möglich, mit jeder Person auf der Welt zu kommunizieren bzw. zu interagieren, wie beispielsweise über das Telefon oder das Internet. (z.B. Briefe, Telefon, Mailbox und Computernetzwerke) Ein anderer Blickwinkel ist, dass Inhalte und Botschaften von Medien Alltagsgespräche bestimmen können. Ein „gemeinsamer Erfahrungsfundus“ (Wragge-Lange, 1994, S. 8) ermöglicht das Verstehen untereinander, da die Beteiligten auf bestimmte Themen, Begriffe etc. zurückgreifen können. Sprachcodes, die aus den Medien stammen und nur in bestimmten Gruppen von Kindern und Jugendlichen bekannt sind, können ein Zugehörigkeitsgefühl vermitteln.

- Unterhaltung und Vergnügen

Sich mit Medien auseinander zu setzen bedeutet gleichzeitig sich Unterhaltung und Vergnügen zu verschaffen. Als gutes Beispiel gilt der Fernseher. Er wird angeschaltet, um sich vom stressigen Tag zu erholen oder um auf andere Gedanken zu kommen. Man trifft sich, um gemeinsam einen guten Film anzusehen. (z.B. Fernsehserien, Jugendzeitschriften, Kinderbücher, Filme, Spiele)

Ablenkung und Distanzierung von der Umwelt Menschen nutzen Medien, um sich zurückzuziehen, um sich vom Stress, von der Belastung und den Problemen des Alltags ‚freizumachen‘ (ähnlich Unterhaltung und Vergnügen)

Identitätsbildung und Orientierungshilfe

Medien haben neben Bezugspersonen wie Eltern, Freunde und Lehrer großen Einfluss auf das Kind. Persönlichkeits- und Handlungsmodelle können aus ihnen erfahren und übernommen werden. Geschichten und Charaktere bieten eine ideale Identifikation. Medien bieten den Kindern ‚Hilfen’ zur Orientierung an (das ‚Gute’ siegt, das ‚Böse’ verliert). Häufig lässt sich das Verhalten von gespielten Helden zu Kindern und Jugendlichen zurückverfolgen (positives wie negatives Verhalten). Eine Ausweitung eigener Erfahrungen durch ‚Medienrealität‘ kann man erkennen. Besonders in Fernsehserien wird dies deutlich, da immer wieder dieselben Hauptfiguren auftreten, die den jungen Menschen einen Orientierungsrahmen bieten. Auf diese Weise werden Sprach- und Verhaltenscodes übernommen. Dies kann zu einer Gefahr werden, wenn Persönlichkeiten und Verhaltensmuster in dem Maße übernommen werden, dass die eigene Identität dabei verloren geht.

Schließlich gibt es noch die

- Soziale Funktion

Medien bringen Menschen zueinander, wenn sie z.B. Anlässe zu Gesprächen bieten. Man kann sich ü ber Medien unterhalten (Inhalte oder Botschaften) oder durch Medien. Entfernungen bedeuten in unserer Zeit kein Hindernis mehr. Kommunikation ist über weite Strecken möglich (s.o.) - interaktive Medien schaffen neue Beziehungen. Kommunikation ist sprachliches Handeln und somit ein Bestandteil des sozialen Handelns. Ein wichtiges Kriterium im Umgang mit Medien ist die Fähigkeit zur Kooperation und Teamfähigkeit.

Es ist ein geselliges Beisammensein möglich, aber genauso gut eine soziale Isolierung. Es ist selten der Fall, dass das Eine o29 der Andere ausschließlich vorkommt. Bestimmte Medien sind für bestimmte Gesellschaftsformen prädestiniert; außerdem sind sie abhängig von verschiedenen Situationen. (Bücher kann man besser alleine in ruhiger Umgebung lesen, während Fernsehen in ‚geselliger Runde’ mehr Spaß macht; den Computer kann man alleine nutzen, um eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben, aber auch zu Zweit, um gemeinsam im Internet zu surfen.) Weiter zählt zu diesem Punkt das Herausfinden von Gemeinsamkeiten der Personen, die im Medium auftreten (auch Identitätsbildung).

(vgl. Wragge-Lange, 1994, S. 8ff und Wragge-Lange, 1997, S. 24ff und Kolfhaus u.a., 1990, S. 6ff)

Briefs (1985) beschreibt allgemein folgende Funktionen Neuer Medien. Demnach sollen Neue Medien...

...neue Möglichkeiten der Individualkommunikation schaffen

...sollen im Bereich der Massenkommunikation neue Möglichkeiten zur Vervielfältigung alter Medien geben (Programmvielfalt) ...vor allem neue Dienste ermöglichen (Fernbuchen von Reisen, Fernbedienung von Maschinen, Einkauf etc.)

(Briefs, 1985, S. 37f)

Bei einer Bevorzugung bestimmter Funktionen spielen die momentanen Bedürfnisse eine Rolle. Bei Menschen sind es immer unterschiedliche Bedürfnisse, die es zu befriedigen gilt.

3.5 Kinder und Medien

Es ist schon lange nicht mehr Tatsache, dass die Neuen Medien nur in beruflichen Bereichen eingesetzt werden, sondern die Alltagswelt vieler Familien, der Schulen und der Freizeit durchdringen. Kinder haben einen leichteren Zugang zu ihnen und nutzen diese auch entsprechend. Der Umgang mit den Neuen Medien zählt bei Kindern und auch Jugendlichen zu den bevorzugten Freizeitbeschäftigungen. (vgl. Baacke/Sander/Vollbrecht, 1990a, S. 9)

Neben den traditionellen Informationsmedien (Bücher, Zeitungen, Zeitschriften) steigt deshalb vor allem die Beschäftigung mit den neuen elektronischen Medien (Film, Fernsehen und Computer) bei Kindern und Jugendlichen. Jedoch kann man diesen einen Aspekt nicht so alleine stehen lassen: Zwar beschäftigen sich Kinder vermehrt mit den Neuen Medien, aber es ist auch ein gleichzeitiger Anstieg von nicht-medialen Aktivitäten zu verzeichnen, wie beispielsweise Spielen, Freunde, Sport oder Hobbies. (vgl. Hengst, 19942, S. 108)

Ein 17jähriges Mädchen (Ilwa) betont, wie wichtig ihr ihre Freunde sind:

„...Also Medien sind ziemlich wichtig, vor allem um mich mit Informationen zu versorgen und etwas über meine Interessen zu hören und zu sehen. Aber Freunde sind eigentlich genauso wichtig wie Medien. Zur Vorinformation nutze ich die Medien, aber um mich genauer mit einem Thema auseinander zu setzen, brauche ich irgendwie meine Freunde, damit ich deren Meinung dazu hören kann.“

(Baacke/Sander/Vollbrecht, 1990b, S. 103)

Zwar handelt es sich bei diesem Auszug schon um eine Jugendliche, aber es soll stellvertretend darstellen, welchen großen Stellenwert nicht-mediale Aktivitäten für Jugendliche und auch für Kinder einnehmen.

Kinder haben heute einen wesentlich größeren Wissensvorsprung gegenüber der ‚älteren Generation’4, bezüglich der Kompetenz im Umgang mit den Neuen Medien. Die Kinder haben den Vorteil, dass sie mit diesen Medien aufwachsen, während es bei der älteren Generation häufiger vorkommt, dass sie sie überfordern und somit auch nicht die entsprechende Motivation vorhanden ist, sich mit dieser Materie auseinander zu setzen.

[...]


1 Quelle: http://www.dasgrossez.de/zdb/go.htm

2 Verweis auf die Erklärung der Abkürzungen: siehe Seite 132

3 In dieser Arbeit beziehe ich mich immer auf beide Geschlechter („Schüler“ und „Lehrer“).

4 „Ältere Generation“ meint in diesem Zusammenhang schon mehr den Altersbereich der „Großeltern“ der Kinder, für die die Entwicklung der neuen Technik zu schnell geht. Einige können (und wollen) sich nicht mehr umstellen.

Details

Seiten
144
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638227667
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v18410
Institution / Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta – Erziehungswissenschaften
Note
2
Schlagworte
Kinder Medien Grundschulzeit Computernutzung Grundschulkindern

Autor

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Titel: Kinder und Medien in der Grundschulzeit - Computernutzung bei Grundschulkindern