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Kriegserziehung und soziale Lage der Kinder im Ersten Weltkrieg

Kriegspropaganda und Wehrhaftmachung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 20 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Gliederung:

Einleitung

I. Vorbereitende Kriegspädagogik bis zum Ersten Weltkrieg

II. Staatliche Propaganda zur Förderung der Kriegsbegeisterung von Kindern
1. Kriegspropaganda seitens der Schule und ihrer Vertreter
2. Propaganda durch Kinderbücher
3. Die allseitige Propaganda und ihre Funktionen
4. Auswirkungen des Krieges und seiner Propaganda für die Kinder

III. Auswirkungen der Kriegspolitik auf die Jugend
1. Die Schaffung einer vormilitärischen Ausbildung als Mittel der Wehrhaftmachung der Jugend
2. Scheitern der Jugendwehrhaftmachung

Zusammenfassung

Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung

Der Erste Weltkrieg bedeutete nicht nur einen Wendepunkt in der Geschichte Europas und der Welt, er stellte in vielerlei Hinsicht einen historischen Einschnitt von epochaler Bedeutung dar: Dieser erste totale Krieg in der Geschichte der Menschheit brachte ein bis dahin unvorstellbares Ausmaß an Zerstörung und Leid über weite Teile der Welt. Moderne Waffentechniken, so der Einsatz von Maschinengewehren, Giftgas, Panzern, massiertem Artilleriefeuer und Aufklärungs- und Kampfflugzeugen, sowie moderne Methoden strategischer Kriegsführung änderten das bis dahin gängige Bild vom Krieg, da erstmals auch die Zivilbevölkerung der beteiligten Staaten (mit Ausnahmen wie bspw. der USA) zu unmittelbaren Kriegsopfern des Kriegsgeschehens wurde. So forderte nicht nur der verheerende Stellungskrieg mit Frankreich Opfer in Millionenhöhe, aufgrund des verbitterten Kampfes ohne fühlbare Ergebnisse und die Blockade der Lebensmittel- und Rohstoffzufuhr blutete auch das Heimatland immer stärker aus, indem sich daraufhin Hunger und Kälte breit machten.1

Staat, Wirtschaft und Gesellschaft wurden gänzlich auf die Erreichung militärischer Ziele und die Deckung kriegswirtschaftlicher Erfordernisse ausgerichtet. Dies musste der Obrigkeit notwendig erscheinen, da durch die Unterschätzung der Gegner ein Krieg begonnen hatte, der nicht wie anfangs angenommen Ende des Jahres 1914 mit einem überwältigenden Sieg Deutschlands, vergleichbar mit dem Sieg über Frankreich im Jahre 1871, der den Deutschen enorme Entschädigungszahlungen2 einbrachte, endete. Stattdessen zog sich der Krieg scheinbar endlos hin und die anfängliche Kriegsbegeisterung weiter Teile der Bevölkerung schwenkte um in zunehmende Kriegsmüdigkeit. Um das Volk nun allerdings weiterhin für den Krieg einzunehmen, damit eine größtmögliche Unterstützung und Aufopferung desselben für die Soldaten an und hinter Front gewährleistet war, bedurfte es der Fortführung und dem Ausbau der Kriegspropaganda, welche schon mit der Thronbesteigung Kaiser Wilhelm II. vorbereitet worden war. Stets musste Sorge getragen werden, dass der Krieg allen Widrigkeiten zum Trotz weder an noch hinter der Front aufgegeben wurde.

In der vorliegenden Hausarbeit habe Ich es mir nun zum Ziel gesetzt, den Einfluss der Kriegserziehung auf Kinder und Jugendliche zur Zeit des Ersten Weltkrieges näher zu betrachten, um anschließend die Frage zu klären, inwiefern der Kriegsalltag Einfluss auf die schulische und allgemeine Bildung der Kriegsjugend hatte. Dabei werde Ich zunächst auf die Änderungen der Rahmenlehrpläne, die mit der Herrschaft Kaiser Wilhelms II. einhergingen, befassen, bevor Ich mich den staatlichen Maßnahmen, der Ausnutzung und Propaganda gegenüber Kindern und Jugendlichen in Schulen und Freizeit während des Krieges zuwende.

I. Vorbereitende Kriegspädagogik bis zum Ersten Weltkrieg

Mit der Thronbesteigung Kaiser Wilhelms II. im Jahre 1888 verschärften sich schon zuvor bestehende Tendenzen von starkem Gehorsam gegenüber dem Staat und damit verbundener Treue zur Dynastie der Hohenzollern. Zudem förderte die militaristische Atmosphäre des Kaiserreiches die Wertschätzung und Begeisterung zu Krieg und Militär schon von Kindesbeinen an. Vor allem Kriegervereine, die bei allen gegebenen Möglichkeiten durch die Straßen zogen, aber auch die Heroisierung des Krieges in einigen Kinder- und Jugendbüchern sowie die Propagierung militaristischer Ideale bis hin zur Opfer- und Todesbereitschaft in verschiedenen Broschüren deutscher Schulmänner prägten bei jungen Menschen ein falsches Bild von der Kriegswirklichkeit. Militärische Zucht und Ordnung verbunden mit überhöhter Vaterlandsliebe sollten deutsche Kinder auf möglicherweise kommende Schlachten vorbereiten und von vorneherein körperlich wie seelisch abhärten, um in denselben für das Vaterland zu kämpfen und, wenn es nötig sein sollte, auch zu sterben. Das Militär war also in Alltag, Politik und Familie allgegenwärtig und förderte die Indoktrinierung der Kinder durch staatliche Institutionen wie die Schule, wodurch schon früh soldatische Tugenden wie Treue, Gehorsam, Pflichtgefühl und Selbstaufopferung für die Gemeinschaft vermittelt wurden.3

Die am Ende des 19. Jahrhunderts einsetzende Industrialisierung und das damit verbundene Aufkommen neuer Industriezweige, die immer spezialisierterer Facharbeiter bedurften, waren der Grund für die Schaffung neuer Fachschulen, die zu den allgemeinbildenden Schulen hinzukamen. Auch die Hochschulen und Universitäten wurden durch Fachhochschulen ergänzt und in ihrem Lehrangebot um die verschiedensten Subdisziplinen erweitert. Im Bereich höherer Schulen dauerte der Kampf der Gymnasien, die für ihr Berechtigungsmonopol eintraten, auch nach dem Amtsantritt Kaiser Wilhelms II. weiter an. Auf einer vom preußischen Kultusminister im Jahre 1890 einberufenen Schulkonferenz in Berlin klagte der neue Kaiser über die Weltfremdheit der Gymnasien und die mangelnde körperliche Ertüchtigung der Gymnasiasten. Statt junge Griechen und Römer zu erziehen, forderte Wilhelm II. national eingestellte, junge Deutsche heranzubilden. Die Schulreform, für die sich Kaiser Wilhelm aussprach, hatte besonders die Heranbildung junger Soldaten der nächsten Generation zum Ziel. Die Kinder sollten fortan noch stärker für den Kaiser und das Reich begeistert werden, um ihre Vaterlandsliebe zu stärken. Um die Kinder und Jugendlichen zu Soldaten der Zukunft heranzubilden, wurde fortan vor allem den an Gymnasien traditionell unterrichteten Sprachen Griechisch und Latein ihre Bedeutung abgesprochen und in den Rahmenlehrplänen den Leibesübungen und dem Deutschunterricht der neueren und neuesten deutschen Geschichte unter militaristisch- nationaler Ausrichtung mehr Zeit eingeräumt. Vor allem dem Turnen, Singen und Jugendspielen sollte mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden, um dadurch die Schüler miteinander zu verbinden und diese somit zu befähigen, eine starke Gemeinschaft herauszubilden.4

Da der Kampf um das Berechtigungsmonopol der allgemeinen Hochschulreife damit aber keineswegs beendet war, bedurfte es noch einer zweiten Konferenz im Jahre 1900, welcher ein Erlass folgte, der das Monopol für nichtig erklärte. In der Folge ging die Zahl der Gymnasien erheblich zurück, wohingegen sich die Anzahl der Realgymnasien und Oberrealschulen stark vergrößerte. Besonders die Schaffung sogenannter Reformschulen nahm zu. Damit gelangten viele Schüler in den Genuss ihr Abitur abzulegen, ohne althergebrachte Unterrichtsinhalte erlernen zu müssen.5

Im Anschluss an die Schule sollte es der Armee obliegen, den bereits zu Gehorsam und Pflichterfüllung erzogenen jungen Soldaten durch eine rein militärische Ausbildung ihren letzten Schliff zu geben. Ein Grund für die Verdrängung traditioneller Unterrichtsfächer und vielfältigem Lernangebot in der Schule bildete die Ansicht Wilhelms, dass nur eine „dumme“ Armee unbesiegbar sei, da mit der Dummheit selbst Götter vergeblich kämpfen würden. Dieses Argument scheint einsichtig, schließlich steht im Ernstfall das Befolgen von Befehlen stets im Vordergrund, nicht das Hinterfragen derselben nach deren Angemessenheit, Richtigkeit oder Nutzen. Dies garantiert also bspw. im Kriegszustand eine schnelle Operationsfähigkeit der Truppen, allerdings wird so auch nicht nach der Rechtfertigung für eine Aggression gegenüber Dritten gefragt. Einer Meuterei suchte man vorzubeugen, indem man die Truppen vor allem vor sozialistischem Gedankengut bewahrte. Kaiser Wilhelm II. sah seine Untertanen als „Material“ an, welches er zu seinem Zwecke einzusetzen gedachte. Es kann nicht verwundern, welche Männer sich Wilhelm zu Vorbildern nahm. Adolf Spieß, ein deutscher Sportpädagoge und Begründer des deutschen Schulsports, prägte das Bild eines ordnungsstarken Untertanen, der einerseits den Erhalt des Friedens zu bewerkstelligen und andererseits, im Falle eines Krieges, voller Tatendrang und Mut für das Vaterland zu kämpfen hatte. Laut Moltke, den Wilhelm ebenso bewunderte, war ewiger Frieden schlichtweg illusorisch, weshalb der Krieg als unausweichlich angesehen und jedes Volk auf selbigen vorbereitet werden musste. Als Element der göttlichen Weltordnung, sollten sich im Kriege die edelsten Tugenden, wie etwa Mut, Entsagung, Pflichttreue und Opferwilligkeit, entfalten.6

Demgemäß sah Wilhelm die Schule als ein Instrument zur Umsetzung seiner Ansichten über Staat, Gesellschaft und dem militärischen Einfluss auf eben diese. Somit ordnete er die Schule dem Militär als eine Art Vorstufe zu selbigem direkt unter. Dort wurden soldatische Tugenden wie Pünktlichkeit und Ordnung durch einen militärischen Ton vermittelt und streng eingeübt. So hielten die im Anschluss an die preußischen Schulkonferenzen erlassenen Dekrete der Jahre 1889, 1901 und 1908 die Schullehrer insbesondere dazu an, den sozialistischen Ideen schon in der Schule den Kampf anzusagen, um jedweder geistigen Opposition von vorneherein vorzubeugen.7

II. Staatliche Propaganda zur Förderung der Kriegsbegeisterung von Kindern

1. Kriegspropaganda seitens der Schule und ihrer Vertreter

Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges gelangte die gesamte Verwaltung des Reiches unter die militärische Kontrolle der Stellvertretenden Generalkommandos, die Meinungsfreiheit wurde, außer in Bayern, durch Artikel 5 des preußischen Belagerungsgesetzes eingeschränkt und alle Veröffentlichungen der Zensur unterworfen. Da allerdings Journalisten, Schriftsteller, Professoren und Lehrer die deutsche Kriegspropaganda zunächst bereitwillig unterstützten, waren spezielle Instruktionen seitens der Kultusministerien anfangs nicht nötig, schließlich rechnete man allseits mit einer schnellen und vor allem siegreichen Beendigung des Krieges möglichst noch im selben Jahr. Erst drei Monate nach Kriegsbeginn, am 6.11.1914, wurden Mitteilungen an die preußischen Lehrer versandt, in denen es hieß, das Ministerium würde es sehr begrüßen, wenn die Lehraufgaben zu den kriegerischen Ereignissen in Beziehung gesetzt werden. Es ist jedoch ersichtlich, dass die „Kriegspädagogik“ den traditionellen Lehrstoff in den Schulen kaum verdrängen konnte und zunächst nur ergänzend zu diesem behandelt wurde. In den folgenden 2 Jahren erließen verschiedene Kreisschulämter und Schulabteilungen detaillierte Anweisungen zur Behandlung des Krieges im Unterricht sowie zur Indoktrinierung der Schüler. Insgesamt blieben den Kindern größere Heldentaten, aber auch der Schrecken des Krieges erspart, da die Schulbücher nur teilweise und nicht überall für den Krieg umgeschrieben wurden. So reichte das Material zur pflichtgemäßen Auseinandersetzung mit dem Krieg schon, bspw. aus Grund von Papiermangel, nicht aus, weshalb sich ein großes Bedürfnis nach Zusatzmaterial, so etwa nach zusätzlichen Kriegslektionen und Handreichungen zum Thema Krieg, herausbildete.8

[...]


1 Vgl. http://de.encarta.msn.com/encyclopedia_761569981/Erster_Weltkrieg.html

2 Die Kriegskostenentschädigung Frankreichs an das Deutsche Reich betrug etwa 5 Milliarden Franc, die neben Zinsen von etwa 300 Millionen Franc bis 1873 in Teilbeträgen gezahlt wurden. Der Gesamtbetrag machte rund 4,459 Milliarden Mark aus, wovon der größere Teil zwischen den einzelnen deutschen Staaten verteilt wurde. Vgl. hierzu: http://www.deutsche-schutzgebiete.de/dfkrieg.htm

3 Vgl. Eberhard Demm, Deutschlands Kinder im Ersten Weltkrieg: Zwischen Propaganda und Sozialfürsorge. In: Militärgeschichtliche Zeitschrift 60/2001, S. 51f.

4 Vgl. Hermann Weimer/Juliane Jacobi, Geschichte der Pädagogik, 19., neu bearb. Aufl., Berlin/New York 1992, S. 179ff.

5 Vgl. Ebd.

6 Vgl. Reiner Lehberger, Krieg in der Schule - Schule im Krieg. Kriegserziehung vom Kaiserreich bis zur NS-Zeit, Hamburg 1989.

7 Vgl. Demm, a. a. O., S. 51.

8 Vgl. Demm, a. a. O., S. 52ff.

Details

Seiten
20
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656086796
ISBN (Buch)
9783656086635
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184092
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Department Erziehungswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Kriegserziehung Propaganda Wehrhaftmachung Schule im Krieg Erster Weltkrieg

Autor

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