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Ausgebrannt - Über gesundheitliche Aspekte des Sportlehrerberufs mit Blick auf besondere Belastungen und Präventionsmöglichkeiten

Bachelorarbeit 2011 60 Seiten

Didaktik - Sport, Sportpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Belastungen und Beanspruchungen von Sportlehrkraften
2.1 Belastung, Beanspruchung, Stress - Begriffserklarungen
2.2 Empirische Befunde fur mogliche Ursachen auftretender Belastungen
2.2.1 Allgemeine Belastungen von Lehrern
2.2.2 Individuelle Belastungen
2.2.3 Schulische Rahmenbedingungen
2.2.3.1 Zeitdruck
2.2.3.2 Organisationsprobleme
2.2.3.3 Gesundheitliche Belastung
2.2.3.4 Sparmabnahmen
2.2.3.5 Stellenwert des Faches Sport
2.2.4 Unterrichtliche Bedingungen
2.2.4.1 Arbeit in der Offentlichkeit
2.2.4.2 Veranderte Inhalte im Fach Sport
2.2.4.3 Klassengrobe
2.2.4.4 Unfallrisiken
2.2.4.5 Schuler
2.2.4.5.1 Problem der Vergleichbarkeit
2.2.4.5.2 Voraussetzungen der Schuler
2.2.4.5.3 VerhaltenderSchuler
2.2.4.5.4 Notengebung in Bezug aufbesondere Belastungen von Sportlehrern
2.3.1. DSB- Sprint- Studie
2.3.2 Empirische Studie zurBelastungswahrnehmung von Sportlehrkraften von Kastrup
2.3.3 Potsdamer Lehrerstudie (AVEM- Studie)
2.4 Fazit
2.4.1 Kritische Auseinandersetzung mit den Ergebnissen der Sprint-Studie
2.4.2 Kritische Auseinandersetzung mit der Kastrup-Studie
2.4.3 Kritische Auseinandersetzung mitderPotsdamerStudie

3. Belastungsfolgenvon Sportlehrkraften
3.1. Burnout- Syndrom
3.2 Merkmale, Symptome, Konzepte
3.3. Empirischer Befund im Lehrerberuf
3.3.1 Prozentuale Entwicklung
3.3.2 Einflussfaktoren
3.3.2.1 Soziodemographische Merkmale
3.3.2.2 Berufsbezogenen Personenmerkmale
3.3.2.3 Personlichkeitsmerkmale
3.3.2.4 Einstellungenund Kognitionen
3.3.2.5 Befindlichkeit
3.3.3 Erkenntnisse der Potsdamer Studie
3.4 Beispielhafte Verdeutlichung

4. Prevention/ Intervention
4.2 Prevention wahrend des Berufslebens
4.2.1 Entlastungsvorschlage
4.2.2 Unterstutzende, von auben kommende Mabnahmen
4.2.3 10 hilfreiche, allgemeine Ratschlage
4.2.4 Beeinflussungsmoglichkeiten gefahrdeter Verhaltensmuster
4.2.5 Supervision

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Negative Vorurteile und Ablehnung gegenuber Lehrem finden sich nicht nur in der Schulerschaft, sie sind heutzutage ein weit verbreitetes Phanomen innerhalb unserer Gesellschaft. Folglich ist in der Offentlichkeit wohl kaum ein Job unter den sozialen Berufen so umstritten wie der Lehrerberuf. Besonders Sportlehrkraften wird landlaufig vorgeworfen einen uberbezahlten Job auszufuhren, da Sportstunden nach Aussagen der Offentlichkeit nicht so intensiv vorbereitet werden mussten wie andere Stunden und es Korrekturzeiten naturlich nicht gebe.

Diese Meinung vertritt auch die Stadt Hamburg, die im Jahr 2003 ein neues Modell zur Lehrerarbeitszeit entwickelt hat, das verpflichtend umgesetzt wurde, nachdem sich lediglich eine Schule bereit erklart hatte, das Modell anzuwenden. Der Grundgedanke war, die Arbeitszeit der Lehrer und damit die Belastungen gerechter zu verteilen. So sollte nach dem Modell z.B. eine Deutschstunde in der gymnasialen Oberstufe, die eine intensive Vorbereitung erfordert und viel Korrekturarbeit bei den Klassenarbeiten mit sich bringt, hoher bezahlt werden als eine Sportstunde, da diese scheinbar vom Zeitaufwand her gesehen eine wesentlich geringe Unterrichtsvorbereitung und keine Korrekturzeit aufgrund fehlender Hausarbeiten und vor allen Dingen Klausuren benOtigt. Seitdem ist die Arbeitszeit der Hamburger Lehrer daran gekoppelt, welche Facher sie unterrichten.

Bevor das Modell in Hamburg eingefuhrt wurde, war es hier ublich, dass, gleichgultig welche Facher unterrichtet wurden, jeder Lehrer ein gleich hohes Stundendeputat hatte. Die Konsequenz aus diesem Arbeitszeitmodell (AZM) ist, dass Sportlehrer nun mehr Unterrichtsstunden pro Woche geben als der Durchschnitt.[1]

Eine andere Sprache dagegen spricht die Fruhpensionierungsrate von Sportlehrern. Im Vergleich zu anderen Fachern scheint die Belastungssituation im Fach Sport wesentlich kritischer zu sein, als allgemein angenommen. Denn wie ist es zu erklaren, dass die vorzeitige Dienstunfahigkeit bundesweit im Schnitt 50% - 60% der Lehrer in den letzten 10 Jahren erreicht hat.[2] Festzustellen ist aber, dass Lehrer und damit auch Sportlehrkrafte sehr haufig ihren Ruckzug antreten, nicht weil sie ein groBes Geldpolster angesammelt haben, sondem aufgrund verschiedener Erkrankungen. Die Begrundungen der Dienstunfahigkeit sind in erster Linie psychische und psychosomatische Erkrankungen, Erschopfungszustande, Depressionen, Burnout usw..[3]

Es stellt sich folglich die Frage, ob bzw. inwieweit Belastungen von Sportlehrern zu der extremsten Auswirkung in Form eines Burnouts fuhren konnen und wie man praventiv gegen ein derartiges „Phanomen“ vorgehen kann.

Das 2. Kapitel meiner Bachelorarbeit beschaftigt sich differenziert mit dem Thema der Belastungen eines Sportlehrers. Zu Beginn werden Definitionen von Belastung, Beanspruchung und Stress vorangestellt, da diese Begriffe in der Ausarbeitung durchgangig eine zentrale Rolle spielen und man so leichter ihre Zusammenhange erfassen kann. Ausgehend von den allgemeinen Belastungen der Lehrer werden im Anschluss daran diverse Belastungsbereiche, die physisch und psychisch speziell auf den Sportlehrer im deutschen Schulsystem einwirken, differenziert aufzeigt. Drei vorgestellte, immer noch aktuelle Studien, die Potsdamer Studie, die Sprint Studie und ein Ausschnitt der empirischen Studie nach Kastrup, Dornseifer und Kleindienst- Cachay zur Belastungswahrnehmung von Sportlehrkraften in Abhangigkeit von Schulform, erteilter Sportstundenzahl, Alter und Geschlecht werden zur Untermauerung herangezogen. In einem ersten Fazit werden die Studien bzgl. ihrer Aussagekraft miteinander verglichen. Dabei werden die fur Sportlehrer betreffende Belastungen berucksichtigt und Ruckschlusse gezogen.

Das 3. Kapitel beschaftigt sich mit den Konsequenzen, die durch empirische Befunde unterstutzt werden. Zuerst wird der Begriff Burnout durch zwei Definitionen eingegrenzt, um dann verschiedene Konzepte vorzustellen, die die Symptomatik und Merkmale dieser Krankheit aufzeigen. Unter anderem durch den Ruckbezug auf das AVEM Verfahren der Potsdamer Studie soll deutlich werden, unter welchen Bedingungen diese unterschiedlichen Belastungen u.a. zu dem Phanomen Burnout fuhren konnen.

Daran anschlieBend werden Losungsversuche sowie Ratschlage zur Prevention und zur Bewaltigung negativ empfundenen Belastungen und damit auch dem Burnout- Problem aufgezeigt.

Zum Schluss wird in einem Gesamtfazit Stellung zur Belastungs- und Bumoutsituation von Lehrern bzw. Sportlehrern wie auch zu den PraventionsmaBnahmen bezogen unter Berucksichtigung der gesellschaftlichen Erfordernisse.

Anzumerken ist, dass im Folgenden aus Grunden der Einfachheit fur beide Geschlechter, Sportlehrer und Sportlehrerinnen, lediglich der Begriff Sportlehrer benutzt wird.

2. Belastungen und Beanspruchungen von Sportlehrkraften

Um auf die Belastungen und Beanspruchungen eingehen zu konnen, sollten zuvor einige Begriffe naher erklart und Zusammenhange aufgezeigt werden.

2.1 Belastung, Beanspruchung, Stress - Begriffserklarungen

Unter Belastungen versteht man die Gesamtheit der Einflusse, die auf einen Menschen einwirken konnen.[4] Diese wiederum konnen in folgende drei Bereiche unterteilt werden: zum einen in physische Belastungen z.B. in Form von dynamischen und statischen Belastungen, zum anderen in psychische Belastungen in mentaler und emotionaler Form und in physikalische Umweltbedingungen, wie Larm, Witterung und raumliche Enge.[5]

Beanspruchung ist mit dem Begriff Belastung eng verbunden, da diese die individuellen Auswirkungen von Belastungen auf den Menschen beinhaltet. Sie kann sich bemerkbar machen durch erhohte Pulsfrequenz, Kopfschmerzen etc.. Die Auspragung der Beanspruchung an einem Menschen hangt von zwei Faktoren ab. So bestimmt die Starke der Belastung und die individuellen Eigenschaften des Korpers, inwieweit sich der Grad der Beanspruchung erhoht.[6]

Der Begriff „Stress“ kommt aus dem Englischen und wird mit Druck, Spannung oder Belastung ubersetzt. Ursprunglich kam der Begriff bei der Materialuberprufung im technischen Bereich zum Einsatz. Inzwischen ist „Stress“ ein international anerkannter Begriff und wird sogar in allen Lebenssituationen unterschiedlich verwendet. Doch am haufigsten wird dieser Begriff in Verbindung mit einem Berufsfeld benutzt.[7] Der Begriff selber ist eigentlich wertneutral im Gegensatz zur umgangssprachlichen Verwendung. Er sagt lediglich aus, dass der Korper auf eine Anforderung/Belastung mit der Ausschuttung unterschiedlicher Stresshormone reagiert, um so die Anforderung zu bewaltigen. „Spezifische Stressreaktionen, also Befinden und Verhalten als Beanspruchung, [...] werden in Verbindung mit Stressoren [...] gesehen, d.h. situativen Auslosernvon Belastung“.[8]

2.2 Empirische Befunde fur mogliche Ursachen auftretender Belastungen

In der Offentlichkeit wird der Lehrerberuf als Halbtagsjob abgestempelt, der mit kaum Aufwand und so gut wie keinen Risiken verbunden ist. Dadurch wird aber verkannt, wie vielen Belastungen eigentlich ein Lehrer ausgesetzt ist.

2.2.1 Allgemeine Belastungen von Lehrern

In unserer heutigen Gesellschaft gibt es genaue Vorstellungen, was ein Lehrer fur Kompetenzen vorweisen und wie dementsprechend sein Idealbild aussehen sollte.

Es reicht heutzutage nicht mehr, dass ein Lehrer seinen Unterrichtstoff beherrscht und didaktisch gut aufbereitet hat. Er muss vor allen Dingen die sozial- kommunikativen, emotionalen und motivationalen Anforderungen, die sehr haufig widerspruchlich und sehr komplex sind, erfullen. So wird einerseits eine hohe soziale Sensibilitat und andererseits eine hohe Robustheit in Bezug auf die eigene Person verlangt. Die Gesellschaft fordert auf der einen Seite ein partnerschaftliches Verhalten zwischen Schuler und Lehrer. Und auf der anderen Seite sollte der Lehrer gegenuber den Schulern in der Lage sein sich selbst zu behaupten und sich durchzusetzen. Hinzu kommen Punkte wie Verantwortungsbewusstsein, fokussierte und aufjeden Schuler gleich verteilte Aufmerksamkeit etc..[9]

Laut dem Kultusministerium hat der Lehrer folgende Aufgaben: Lehren, Erziehen, Beurteilen, Beraten, Evaluieren, Verwalten, Teilnahme an Pflichtfortbildungen, Ubernehmen von Schulentwicklungsaufgaben.[10] Auch hier wird deutlich, dass durch das hohe Mafi an Anforderungen, die dem Lehrkorper auferlegt werden, diese Aspekte innerhalb von 5-6 Stunden innerhalb der Schule nicht zu erledigen sind und deswegen vieles zu Hause gemacht wird. Das wiederum hat zur Folge, dass der Lehrer nur sehr schwer privat und berufliches trennen kann. Da er auch zu Hause weiter arbeiten muss, Probleme folglich mit nimmt, kann er sich nie ganz beruflicherseits zuruckziehen. Hier kommen also noch zusatzliche Belastungen auf den Lehrer zu.[11]

Ein weiterer Punkt ist die Tatsache, dass die Belastungen unterschiedlich unter den Lehrern aufgrund der Schulform, der Facherkombination, der Jahrgangsstufe sowie dem eigenen Geschlecht ausfallen. So werden zum Beispiel fur die Grundschulen andere Schwerpunkte gesetzt als fur Berufsbildende Schulen. Dagegen sind die padagogischen Anforderungen bzw. Herausforderungen bei Hauptschulen wesentlich hoher als bei Gymnasien. Auch innerhalb der Facher sind die Belastungen unterschiedlich. So ist z.B. die Korrekturzeit im Fach Deutsch langer als in Mathematik. Ein hoher Larmpegel im Klassenraum wahrend des Deutschunterrichtes wird storender empfunden als im Musikunterricht, obwohl er im Musikunterricht hoher ausfallt.[12]

Ein Fach, welches sich in der Offentlichkeit immer wieder beweisen muss und haufig aus Unwissenheit als belastungsarm eingestuft wird, birgt nach den Erkenntnisse einiger Studien die meisten bzw. groBten Risiken und Belastungen. Es ist der Sportunterricht.[13] Die zuvor angesprochenen Studien werden im weiteren Verlauf aufgezeigt und durch Statistiken unterstutzt.

Im Zuge der empirischen Studie von Merz und Bauer zur Berufszufriedenheit und -belastung von Lehrern (1980), die 300 Lehrer befragte, gaben insgesamt 59% der Lehrer eine psychische Belastung an, 42% eine zeitliche Belastung und 25% eine raumliche.[14]

Im Folgenden werden im Wesentlichen diese Aspekte in Bezug auf die Sportlehrer mit Einbezug der physischen Belastungen angesprochen und beschrieben.

2.2.2 Individuelle Belastungen

Auch wenn das Studium und das Referendariat erfolgreich abgeschlossen wird und der betroffene Lehrer eine gewisse korperliche Fitness vorweisen kann, tritt mit der Zeit eine hohe Belastung in der physischen Verfassung auf, die zu einem naturlichen, vor alien Dingen altersbedingtem Abbau fuhrt. Trotz alledem muss der Sportlehrer versuchen, die sportlichen und motorischen Kompetenzen zu erhalten, um den Anforderungen in den unterschiedlichen Sportstunden gerecht zu werden. Des Weiteren muss er sich immer wieder auf das Neue vor der neuen Schulergeneration beweisen und damit sein sportlich- motorisches Konnen zeigen.[15]

Eine korperlich einschneidende Belastung unter dem Aspekt des Alterns ist, dass der Sportlehrer nicht nur die Aufgaben des Aufbauens, Umraumens, Demonstrierens, Helfens und Sicherns ausfuhrt[16], sondern dass er ohne ausreichende Erwarmung vor seinen Tatigkeiten einen hohen gesundheitlichen Verschleifi an Bandern, Muskeln und Gelenken erfahrt. Je intensiver der Sportunterricht ablauft, desto mehr wird die Gesundheit der Sportlehrkraft gefahrdet, da viele Ubungen wie zum Beispiel beim Gerateturnen der Sportlehrer nicht nur mehr als sichernde Kraft agieren muss, sondern ebenso als Helfende und Demonstrierender, wodurch naturlich die Belastung des Lehrers immer grofier wird.[17]

Auch die Tatsache, dass einfache Demonstrationen fur altere Sportlehrer zur Tortur werden, da zum einen aufgrund ihres Alters bestimmte korperlichen Voraussetzungen nicht mehr genugend ausgebildet sind, um manche Ubungen zu zeigen, und zum anderen die Anforderungen immer grofier werden, lasst das altere Sportkollegium immer frustrierter werden.[18] Das fuhrt dazu, dass einige altere Sportlehrkrafte ihre Tatigkeiten im Sportunterricht einschranken und sich zum Beispiel gar nicht mehr aufwarmen, was ebenfalls fatale Folgen hat.[19] Zudem mussen sie psychisch mindestens 2 Jahrzehnte damit fertig werden, dass ihre physische Kompetenz in Bezug auf einen fur ihr Fach sehr wichtigen Bereich zunehmend geringer wird.

Die empirische Studie von Kastrup und Neumann zeigt etliche negative Beispiele, wie Sportlehrer im hoheren Alter mit den Belastungen umgehen. Neue Herausforderungen, wie zum Beispiel neue Sportarten, bei dem die Sportlehrer neue sport- motorische Fahigkeiten erlernen mussten, werden erst gar nicht berucksichtigt. Die Folge, die daraus entsteht, ist, dass sich die Sportlehrer immer mehr distanzieren und nur noch die notigsten Aufgaben wahrnehmen.[20]

2.2.3 Schulische Rahmenbedingungen

2.2.3.1 Zeitdruck

Ein anderer Belastungsaspekt macht den Sportlehrer auch sehr zu schaffen. Durch Weg- und Umkleidezeiten, Aufsichtsfunktionen, Gerate- und Raumkontrollen verliert die Sportlehrkraft viel Pausenzeit. Dieses auBert sich dementsprechend so, dass viele Sportlehrer es nach dem Sportunterricht nicht schaffen sich zu waschen oder umzuziehen, wodurch naturlich auch die Hygiene und damit verbunden die Gesundheit leiden muss.[21] Ein weiterer Punkt, der in diesem Zusammenhang sich als Problem darstellt, ist, dass sich Sportstatten nicht in unmittelbarer Nahe der Schulen befinden und deshalb Distanzen von 1-15 km keine Seltenheit sind.[22]

Von dem Sportlehrer wird erwartet, dass er als erster in der Sport- bzw. Schwimmhalle steht und gegebenermaBen Vorkehrungen getroffen hat fur Aufbauten etc., um die Schulergruppen im Empfang zu nehmen. Zuerst muss er die Aufgabe erfullen, Anwesenheitskontrollen durchzufuhren und sich mit Entschuldigungen der Schuler auseinanderzusetzen, die zum Beispiel ihre Sportkleidung vergessen haben. Des Weiteren hat er zu kontrollieren, ob die Schuler Schmuckgegenstande und geeignete Sportkleidung tragen. Erst dann hat der Sportlehrer die Moglichkeit mit seinem eigentlichen Unterricht zu beginnen. Am Ende der Stunde muss die Lehrkraft zumeist andere Aufgaben erledigen wie Abbauen, Umkleidekabinen kontrollieren etc. und rechtzeitig zur nachsten Stunde erscheinen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Ausstattung der Sporthalle oder Schwimmhalle fur die Schule nicht ausreichend ist, sodass der Lehrer benotigte Materialien von Sportstatte A nach B transportieren muss, sodass der zeitliche Druck enorm steigt. Zumal werden diese Transporte wahrend groBer Pausen oder manchmal auch in Freistunden vollzogen.[23]

2.2.3.2 Organisationsprobleme

„Weite Entfernungen zwischen Schule und Sportstatte sowie schlecht angepasste Stundenplane „stehlen“ Lehrkraften wie Schulern die vorgeschriebene Unterrichtszeit, eine Tatsache, mit der sich kein anderes Schulfach in diesem MaBe konfrontiert sieht.“[24]

Exemplarisch kann man eine typische Schwimmstunde vorziehen, die als Doppelstunde ausgewiesen wird, da die Wegstrecken, das Umkleiden, das Duschen, die Fehlzeiten und ggf. der Materialtransport mit einberechnet werden. Zu berucksichtigen ist aber, dass effektiv nur 45 Minuten bleiben, in denen die in den Lehrplanen befindlichen Ziele erreicht werden mussen.[25] Daruber hinaus erfordert die Ausfuhrung einer Schwimmstunde groBere organisatorische und sicherheitsrelevante MaBnahmen und damit auch eine erhohte Verantwortung.[26]

Auch das Anpassen an Wetterverhaltnissen hat Einfluss auf die Raumsituation, zum Beispiel in der Halle oder drauBen und den Transport von Materialien, wodurch standige Flexibilitat von dem Sportlehrer verlangt wird.[27] Diese Flexibilitat zeigt sich auch dann, wenn dieser seinen Sportunterricht in einer Halle mit zwei oder mehreren Klassen durchfuhren muss.[28]

Auch die Stundenplangestaltung fuhrt zu einem noch hoheren Stressfaktor im Sportlehrerberuf, denn wenn die Stunden nach Belieben in der Woche verteilt werden, kann es Kollisionen mit den Prinzipien der Trainingslehre geben, z.B. wenn man die Belastungssteuerung berucksichtigt.[29]

2.2.3.3 Gesundheitliche Belastung

Von gesundheitlichen Rahmenbedingungen sind sowohl Lehrkrafte als auch Schuler betroffen, wenn auch nicht im gleichem MaBe. Unter diesem Aspekt ist die Larmbelastigung von den Sportlehrern, der am meisten beklagte Punkt.[30]

Die Ursache liegt darin, dass in den Sporthallen eine schlechte Akustik oder mangelnde LarmschutzmaBnahmen durch schlechte Schalldampfung vorherrschen. Die Folgen der hohen Larmexposition in Sporthallen konnen Horschadigungen, Kopfschmerzen, Migraneattacken sowie psychosomatische Symptome sein.[31] Fortfuhrend ist die Belastung in Schwimmhallen sogar noch groBer, da dort 90 Dezibel und mehr erreicht werden.[32] Im Vergleich dazu wird im Klassenzimmer hochstens eine Lautstarke von 50 Dezibel erzeugt. Diese Larmbelastung wahrend des Sportunterrichtes steigt also auf einen Wert, in dem es eigentlich Pflicht ist, einen Horschutz zu tragen.

Eine weitere Problematik liegt in der Notwendigkeit, dass der Lehrer sich mit seinen Schulern unter diesem Larm verstandigt, was wiederum zu Entzundungen, permanente Heiserkeit und Stimmbandirritationen fuhren kann. Durch einige Untersuchungen in der Arbeitsmedizin wurde sogar ersichtlich, dass die ,,Unterrichtbeanspruchungen fur Lehrkrafte in Bezug auf Kreislauf- und Blutdruckwerte sowie die Ausschuttung von Stresshormonen Grenzbelastungen darstellen, die Werten von Formel- 1 Rennfahren gleichkommen.“[33]

2.2.3.4 Sparmafinahmen

Es ist nicht nur der Larmpegel in der Halle ein Problem, sondern auch die Ausstattung. Die heutigen materiellen Rahmenbedingungen zeigen SparmaBnahmen bei den Kommunen, die sich auf die Sportausstattung auswirkt. So wird die Lehrkraft dazu gezwungen, noch flexibler und kreativer den Unterricht zu gestalten, was naturlich zusatzliche Zeit in der Planung in Anspruch nimmt. Vor dem Hintergrund, dass auch andere Gruppen und Vereine die Sportstatten nutzen und Lehrer einer Sportstunde haufig Kleingerate erst suchen mussen, da sie nicht an ihren Platz stehen, wird es unter Umstanden noch schwerer, eine „hyperaktive“ und „lautstarke“ Schulergruppe in der Halle in Griff zu bekommen.[34]

Ein weitere Problemdarstellung bei der Ausstattung ist die gegenwartige Situation der Hallen, die eine zu geringe Sporthallenkapazitat aufweisen, sodass haufig Sportunterricht mit mehreren Klassen durchgefuhrt wird,und die Anfahrt wegen der grofieren Entfernung mit dem Bus erfolgen muss.

Die Sparzwange, die bei einigen Schulen vorhanden sind, fuhren dazu, dass Belastungen von Sportlehrern verstarkt empfunden werden durch die mangelnde Quantitat und Qualitat der Gerateausstattung bzw. der Sportstatte.[36]

2.2.3.5 Stellenwert des Faches Sport

Das soziale Ansehen des Faches Sport leidet in unserer heutigen Gesellschaft seit langerem.[37] Einerseits erfahren die Sportlehrer sehr viel Ansehen von Schulern, da Sport fur sie ein sehr beliebter Ausgleich im Lernalltag ist.[38] Andererseits wird der Sportlehrer von den Eltern seiner Schuler als ein Fachlehrer gesehen, der seinem ,,Hobby nachgeht“.[39]

Auch das Kollegium sieht das Unterrichten von Sport eher abwertend, wodurch die Sportlehrkrafte aufgrund der mangelnden Akzeptanz ihrer Leistung bzw. Arbeit ein Gefuhl der Unzufriedenheit entwickeln und sich belastet fuhlen.

2.2.4 Unterrichtliche Bedingungen

2.2.4.1 Arbeit in der Offentlichkeit

Der Sportlehrer wird von Fruhjahr bis Herbst besonderen Herausforderungen ausgesetzt, denn er stellt sich dem offentlichen Sportunterricht.

Keine andere Klassenraumlehrkraft steht so haufig unter der Beobachtung und Bewertung von Dritten wie der Sportlehrer, da durch die Mehrfachbelegung haufig Publikum vorhanden ist.[40] Des Weiteren ist die Sportlehrkraft immer wieder dem „offentlichen Laienauge“ bei Sportfesten und anderen von der Schule organisierten Sportfesten und Wettbewerben ausgesetzt. Er stellt sich mehrfach im Jahr den Ergebnissen seiner Arbeit gegenuber seinen Kollegen und der kritischen Offentlichkeit.[41]

Oftmals wird aber auch die Leistung des Sportlehrers an der Leistung seiner Schulmannschaften, die haufig das Aushangeschild der Schule sind, gemessen. So zeigen angeblich Siege der Mannschaft, dass der Sportlehrer guten Unterricht fuhrt, bei schlechten Leistungen des Teams in Form von Niederlagen wird der Lehrer dementsprechend zur Verantwortung gezogen bzw. sie werden haufig auf ihn zuruckgefuhrt.[42]

2.2.4.2 Veranderte Inhalte im Fach Sport

Weitere Belastungen werden fur den Sportlehrer durch Veranderungen der traditionellen Sportarten und besonders durch „Trendsportarten“ geschaffen, denn die Sportlehrkraft ist einem so genannten Akzeptanzdruck ausgesetzt. Er muss sich entscheiden, was unter den Bedingungen der Schule realisierbar ist und welche Materialien fur den Unterricht notig sind. Fur die Beschaffung ist die Sportlehrkraft verantwortlich. Auberdem muss sich der Lehrer nicht nur dem neuen „Trendsport“ stellen und die sportliche Kompetenz fur diese erwerben, sondern auch moglicherweise groben finanziellen und zeitlichen Aufwand in der eigenen Freizeit dafur aufwenden.[43]

2.2.4.3 Klassengrofie

Laut der Schaarschmidt- Studie, die im spateren Verlauf naher erlautert wird, leidet die Qualitat des Sportunterrichts aus Lehrersicht unter der Grofie der Lerngruppe. Dieses hangt zum einen damit zusammen, dass die Spannweite der Leistungen wie auch das Verhalten der Schuler eine erhebliche Bedeutung fur die Unterrichtsqualitat hat.[44] Zum anderen spielt aber auch die Belastung der Dauerkonzentration eine grofie Rolle. Der Lehrer hat die Aufgabe bei grofien Raumlichkeiten Informationen in Form von Bewegungen und Verhalten, die teilweise parallel ablaufen, schnell aufzunehmen und zu verarbeiten. Dabei spielt die Klassengrofie eine wichtige Rolle, so dass der Sportlehrer noch konzentrierter agieren muss.[45]

In keinem anderen Schulfach der heutigen Zeit bzw. Gesellschaft sind im Durchschnitt die Leistungen der Schuler so unterschiedlich von ,,koordinativ auffallig“ bis hin zu ,,koordinativ begabt“. Folglich ist es schwer, sowohl den Lehrplanvorgaben bzw. Bildungsstandards wie aber auch dem einzelnen Schuler bzw. der Lerngruppe gerecht zu werden.[46]

[...]


[1] vgl. Voltmann- Hummes, 2008, S. 136 f.

[2] vgl. Weber, 2004 in Voltmann- Hummes, 2008, S. 1

[3] vgl. Hennig, 2006, S. 44

[4] vgl. Katrup; Neumann, 2008, S.83

[5] vgl. ebd. S. 84

[6] vgl. ebd. S.84 f.

[7] vgl. Voltmann- Hummes, 2008, S. 67 f.

[8] ebd., S. 68 zitiertnach Greif; Bamberg; Semmer, 1991

[9] vgl. Schaarschmidt, 2005a, S. 15

[10] vgl. Voltmann- Hummes, 2008, .S. 114

[11] vgl. Rothland, 2007, . S. 12

[12] vgl. ebd.. S. 114 f.

[13] vgl. Zimmermann, 2006, . S. 205

[14] vgl. Miethling, 1986, . S. 14 f.

[15] vgl. Grobe, 2006, S. 304 f.

[16] vgl. Rohnstock, 2000, S. 111

[17] vgl. Grobe, 2006,. S. 305

[18] vgl. Rohnstock, 2000. S.111

[19] vgl. Kastrup ; Neumann, 2008, S. 85

[20] vgl. ebd.. S. 85

[21] vgl. Rohnstock,2000,S. 111

[22] vgl. Frommel, 2006, S. 243

[23] vgl. ebd., S. 243

[24] ebd., S.243

[25] vgl. Frommel, 2006, S. 243

[26] vgl. ebd., S.243

[27] vgl. Rohnstock, 2000, S. 109

[28] vgl. Voltmann- Hummes, 2008, S. 131

[29] vgl. Frommel, 2006, S.243

[30] vgl. ebd., S. 244

[31] vgl. Voltmann- Hummes, 2008 zitiert nach Deutscher Sportlehrerverband, 2002, S. 133

[32] vgl. Rohnstock, 2000, S. 111

[33] Frommel, 2006, S. 244

[34] vgl. Frommel, 2006, S.243

[35] vgl. Voltmann- Hummes, 2008, S. 134

[36] vgl. Rohnstock, 2000. S. 111

[37] vgl. Thomann, 2006, S. 206

[38] vgl. Voltmann- Hummes., S.136 zitiert nach Kessels & Hannover, 2004

[39] ebd., S. 136 in Cachay, 2003

[40] vgl. ebd., S. 131

[41] vgl. Grobe, 2006, S. 306

[42] vgl. ebd., S. 306

[43] vgl. ebd., S. 305

[44] Oesterreich, 2005, S. 239

[45] vgl. Rohnstock, 2000, S. 108

[46] vgl. Frommel, 2006, S. 244

Details

Seiten
60
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656086048
ISBN (Buch)
9783656086260
Dateigröße
645 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184033
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung) – Institut für Sportwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Belastungen von Sportlehrern Burnout Ausgebrannt Sportlehrer Baechelorarbeit Sportlehrer Belastung Lehrer Belastungssituationen Sportlehrer

Autor

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