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Hohkönigsburg und der Wohnbau auf der Burg im 19. Jahrhundert

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 40 Seiten

Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

2 DIE HOHKÖNIGSBURG - GEOGRAPHISCHE LAGE & GESCHICHTE
2.1 GEOGRAPHISCHE LAGE
2.2 GESCHICHTLICHER ÜBERBLICK DER BESITZVERHÄLTNISSE
2.2.1 Historie bis zum 20. Jahrhundert
2.2.2 Schenkung der Hohkönigsburg an Kaiser Wilhelm II. von Hohenzollern
2.2.3 Historie im 20. Jahrhundert

3 BAUGESCHICHTE DER HOHKÖNIGSBURG BIS 1900
3.1 GRUNDRISS UND AUFRISS DER BURGANLAGE
3.2 BAUGESCHICHTLICHE BETRACHTUNG DER BURGANLAGE

4 DIE WIEDERHERSTELLUNG DER HOHKÖNIGSBURG
4.1 RESTAURIEREN ODER KONSERVIEREN?
4.1.1 Die Wahl des Restaurators
4.1.2 Die Kontroverse Otto Piper - Bodo Ebhardt
4.2 KAISERLICHE RESIDENZ ODER MUSEUM?
4.3 PRINZIPIEN, METHODEN UND ABLAUF DER RESTAURIERUNG
4.3.1 Grundlagen und Quellen
4.3.2 Ablauf der Restaurierung

5 DIE HOHKÖNIGSBURG IN IHRER FUNKTION ALS WOHNBAU
5.1 DER WIRTSCHAFTSHOF
5.2 DAS HOCHSCHLOSS
5.3 DIE TREPPEN & VERBINDUNGSWEGE
5.4 DER BERGFRIED

6 RESÜMEE

LITERATURVERZEICHNIS

Abbildungsverzeichnis

ABB. 1: DIE HOHKÖNIGSBURG - BLICK NACH WESTEN AUF DIE VOGESEN

ABB. 2: DIE HOHKÖNIGSBURG IN EINER LITHOGRAPHIE UM 1830

ABB. 3: BAUTEILE DER HOHKÖNIGSBURG

ABB. 4: GRUNDRISS DER HOHKÖNIGSBURG - VOR DER WIEDERHERSTELLUNG

ABB. 5: AUFRISS DER HOHKÖNIGSBURG - ANSICHT VON SÜDEN - VOR DER WIEDERHERSTELLUNG

ABB. 6: AUFRISS DER HOHKÖNIGSBURG - ANSICHT VON SÜDEN - NACH DER WIEDERHERSTELLUNG

ABB. 7: LAGEPLAN DER HOHKÖNIGSBURG VON JULIUS NAEHER - 1886

ABB. 8: DIE HOHKÖNIGSBURG - GRUNDRISS DER VERSCHIEDENEN BAUPERIODEN

ABB. 9: DAS LÖWENTOR VOR DER RESTAURIERUNG

ABB. 10: DIE SÜDWAND DES PALAS HEUTE

ABB. 11: KÜCHENBAU VOR DER RESTAURIERUNG

ABB. 12: WESTLICHER WOHNBAU 1. UND 2. ETAGE. ANSICHT AUF DEN ZUKÜNFTIGEN WAFFENSAAL UND DEN KAISERSAAL

ABB. 13: QUERSCHNITT DURCH DAS HOCHSCHLOSS

ABB. 14: HOFWAND DES SÜDLICHEN WOHNFLÜGELS VOR DER RESTAURIERUNG

ABB. 15: UNTERER BURGHOF MIT SCHMIEDE

ABB. 16: MÜHLE IM WIRTSCHAFTSHOF

ABB. 17: GRUNDRISS DES HOCHSCHLOSSES

ABB. 18: GRUNDRISSE DER 4 GESCHOSSE DER HOHKÖNIGSBURG

ABB. 19: EINGANGSHALLE

ABB. 20: TROPHÄENSAAL

ABB. 21: BOGENKAMMER

ABB. 22: KAISERSAAL & MUSIKERTRIBÜNE

ABB. 23: KAISERSAAL - BLICK RICHTUNG NORDEN

ABB. 24: STEINMETZZEICHEN WÄHREND DES WIEDERAUFBAUS

ABB. 25: SÜDBAU - STUBE MIT ERKER UND KACHELOFEN

ABB. 26: HOLZVERTÄFELTES ZIMMER IM KÜCHENBAU

ABB. 27: INNENHOF, BLICK IN RICHTUNG BERGFRIED MIT BEHELFSTREPPE

ABB. 28: INNENHOF - ZEICHNUNG VON STAATSMANN

ABB. 29: NEUGOTISCHE EHRENTREPPE

ABB. 30: INNENHOF - GALERIE MIT WANDGEMÄLDEN DER „NEUN GUTEN HELDEN“

ABB. 31: HOHKÖNIGSBURG - BLICK AUF DAS LOGIS UND DEN UNTEREN HOF

1 Einleitung

Verfallene Burgruinen wiederaufzubauen bzw. zerstörte Wohnstätten der Ritterzeit wieder mit neuem Leben zu erfüllen, war eines der Anliegen der Romantik und der Nachromantik des 19. Jahrhunderts, wobei nicht nur die bildenden Künste, die Dichtung und die Musik, sondern auch die in großem Umfange einsetzende historische Forschung nebst Quelleneditionen dazu beitrugen. Aber erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts ist die Bauforschung so weit gediehen, dass im Gefolge der in größeren Publikationen niedergelegten Ergebnisse, von einer wissenschaftlich fundierten Burgenforschung gesprochen werden kann. Im Bereich der Baugeschichte sind die mittelalterlichen Burgen jedoch meist vom Standpunkt des Befestigungsbaus aus, also in ihrer Funktion als Wehrbauten, untersucht worden. Obwohl Burgen als die „befestigten Wohn- und Stammsitze des Ritterstandes“ definiert werden, wurde auf deren Funktion als Wohnbau wenig eingegangen. Gerade aber in ihrer Eigenschaft als Herrensitz besaß die Burg besondere rechtliche Privilegien, welche sich zugleich in den Architekturformen des Wohnbaus ausdrücken und an denen sich die adlige Wohnkultur ablesen und erschließen lässt.

Von 1900 bis 1908 ließ Kaiser Wilhelm II. die Hohkönigsburg, eine bedeutende hochmittel- alterliche Adelsburg, durch den Architekten Bodo Ebhardt aufwändig restaurieren. Er wollte ein Museum des Mittelalters einrichten, in dem das Zeitalter des Rittertums und die Hohenzollern als legitime Herrscherdynastie des Kaiserreiches verherrlicht werden sollte.

Die vorliegende Arbeit beschreibt, neben der historischen und baugeschichtlichen Einord- nung der Burganlage, die Vorgehensweise des Restaurators bei der Wiederherstellung der Burg und veranschaulicht den rekonstruierten Wohnbau des Hochschlosses des 20. Jahrhun- derts in seiner räumlichen Aufteilung und Strukturierung. Dabei werden insbesondere die einstigen Nutzungsbestimmungen der Räumlichkeiten, ihre Zugangsmöglichkeiten und die Raumfolgen, so wie sie von EBHARDT analysiert und interpretiert wurden, aufgezeigt.

Was die verwendeten Quellen betrifft, so sind dies zum einen die Publikationen von EBHARDT selbst, in denen er über seine baugeschichtlichen Untersuchungen berichtet, seine Vorgehensweise schildert und zugleich seine Restaurierung verteidigt. Zum anderen wurden die baugeschichtlichen Analysen von WINKLER von 1899 und von LEISTIKOW von 1977 für die Bearbeitung herangezogen. In einer Monographie über Burgenrestaurierungen des 19. Jahrhunderts veröffentlichte FUCHS 1999 ihre analysierende Abhandlung über die Restaurie- rung der Hohkönigsburg. Die Autorin behandelt im Wesentlichen die Methodik Ebhardts bei seiner Restaurierung. Darüber hinaus wurden als Quellenmaterial bezüglich der Kontroverse zwischen Ebhardt und Piper die Schriften von PIPER und ZEUNE benutzt. Schlossführer des 20. Jahrhunderts lieferten Bildmaterial und gaben Auskunft über die Geschichte der Burg.

2 Die Hohkönigsburg - Geographische Lage & Geschichte

2.1 Geographische Lage

Die Hohkönigsburg im Elsass, zwischen Straßburg und Colmar bei Schlettstadt (Sélestat) gelegen, thront in 757 Meter Höhe auf einem ein Kilometer langen östlichen Vogesenkamm über die oberrheinische Tiefebene.1 (Abb. 1)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Die Hohkönigsburg - Blick nach Westen auf die Vogesen

Quelle: http://mediaphoto.doctissimo.fr

Die von den Hohenstaufern ausgewählte Lage eignete sich, die großen Handels- und Heeresstraßen entlang des Rheins und die nach Lothringen führenden Wegstrecken durch die Vogesen zu kontrollieren. Gleichzeitig bot der Felsvorsprung eine leicht zu verteidigende Zufluchtsstätte.2 Eine Vielzahl von Burgen, heute größtenteils Ruinen, prägen in dieser Gegend die Landschaft. Die Hohkönigsburg ist mit einer Länge von 270 m und einer Fläche von 1,5 ha dabei die Größte unter ihnen.

2.2 Geschichtlicher Überblick der Besitzverhältnisse

2.2.1 Historie bis zum 20. Jahrhundert

Der Ursprung dieser Burgen, die eine Art Verteidigungslinie bildeten, die sich weit über das Elsass bis nach Südfrankreich und Italien hinzog, geht in die S t a u f e r z e i t zurück.3 1147 ist zum ersten Mal die Rede von einer befestigten Anlage, dem Castrum Estufin, der Burg Staufen. Aus dieser Zeit stammen die ältesten romanischen Bauteile der Hohkönigs- burg.4 Zwei Besitzer teilten sich das Castrum: Konrad III. von Hohenstaufen, der seit 1138 deutscher König war, und dessen Bruder Friedrich II., Herzog von Schwaben und Elsass, der zukünftige Kaiser Friedrich Barbarossa.5 Dabei ist die Rede von zwei Türmen. Das legt laut EBHARDT die Frage nahe, was hierbei unter „Turm“ zu verstehen ist. Handelt es sich um bergfriedartige Türme oder ist mit „ in castro turrem “6 ein fester Wohnbau mit Bergfried und Nebenbauten gemeint? Es könnte angenommen werden, dass die Brüder entweder jeweils einen Turm besaßen oder mit einem der Türme die östlich gelegene Hauptburg - welcher 1453 der Name Hohkönigsburg gegeben wurde - und mit dem anderen Turm die auf demselben Felsrücken 200 m weiter westlich errichtete Oedenburg gemeint sei.7 Der zweite Turm könnte aber auch an der Stelle des jetzigen großen Bollwerks gestanden haben.8

Mit dem Niedergang der staufischen Macht Mitte des 13. Jahrhunderts geht die Burg an das Bistum von Straßburg über. Dieses vergab die B u r g a l s L e h e n an die Landgrafen des Elsass, die Adelsfamilien von Rathsamhausen und die Hohenstein. Mitte des 15. Jahr- hunderts wird die Burg von den Brüdern von Lambsheim bewohnt, die bald als Raubritter für das ganze oberrheinische Gebiet eine Landplage wurden. Die geschädigten Städte Straßburg, Colmar und Basel rüsteten 1462 ein Heer, rückten vor die Burg, eroberten und zerstörten sie. Damit war der staufischen Veste des 12. Jahrhunderts ein Ende gemacht. Was von ihr übrig blieb, sind die romanischen Reste, auf denen ein neues Schloss erstand.

Im Jahre 1479 belehnte Kaiser Friedrich III. den schweizerischen G r a f e n O s w a l d v o n T h i e r s t e i n und seinen Bruder Wilhelm, die sich als Landsknechtsführer große Verdienste erworben hatten, mit der Burg. Den Städten lag es daran, auf dieser Anhöhe einen mächtigen Verbündeten zu wissen. Sonach konnten die Gebrüder mit bedeutenden Zuschüssen der umliegenden Städte einen allen militärischen Anforderungen der Zeit gerecht werdenden Wiederaufbau vornehmen, sodass die Hohkönigsburg um 1500 eine der stärksten Festungen unter den Vogesenburgen wurde. Was die Innenausstattung anbelangte, brachten die Brüder einen Teil des Mobiliars aus ihren Schweizer Schlössern mit. Die Zeit der Thierstein’schen Belehnung war die Glänzendste in der Geschichte der Hohkönigsburg. Sie endet 1519 mit dem Aussterben des Geschlechts.9

1517 hatte Kaiser Maximilian zuvor schon das Lehen zurückgekauft, um diesen strategisch wichtigen Punkt in den vorderösterreichischen Landen nicht in fremde Hände kommen zu lassen.10 Fortan wurde sie von den h a b s b u r g i s c h e n B u r g vög t e n in bestem Verteidigungszustand gehalten. 1533 wurden die beiden Söhne des Reformationshelden Franz von Sikkingen als Pfandherren eingesetzt. Sie führten in den Jahren bis 1560 Ausbesserungen und Erweiterungsbauten durch, namentlich das große Bollwerk im Westen sowie eine mächtige Artilleriestellung nach der Gebirgsseite, der schwächsten Seite der Burg. Sie bewohnten die Festung jedoch nur vorübergehend und ließen sie von Untervögten verwalten, unter denen, mangels nötiger Unterhaltsgelder der österreichischen Regierung, die Burg nach und nach in Verfall geriet.

1633 wurde die Burg im D r e i ß i g j ä h r i g e n K r i e g durch schwedische Truppen belagert. Sie hatte durch die Beschießung zwar nur geringen Schaden erlitten, wurde aber einen Monat später geplündert und in Brand gesteckt. Durch den Westfälischen Frieden kam die Hohkönigsburg 1648 an die französische Krone. Statt der Habsburger wurde nun Ludwig XIV. Lehnsherr. Ein ganzes Jahrhundert sollten wiederum die Freiherrn von Sickingen die halbzerstörte, vermutlich unbewohnte Burg, zu Lehen erhalten.

Im Jahre 1770 wurde sie zusammen mit dem Dorf Orschweiler und den umliegenden Wäldern an die Familie de Boug verkauft. Trotz der Wirren der Revolutionszeit, während der die Hohkönigsburg zum N a t i o n a l e i g e n t u m der Deutschen erklärt wurde, verblieb die Burg bis 1825 in deren Besitz. Seit der 1856 erfolgten Gründung der „Gesellschaft zur Erhaltung der geschichtlichen Denkmäler im Elsass“ hatte man die sachgemäße Erhaltung der Burgruine in Angriff genommen.11 Im 1 9 . J a h r h u n d e r t wurde die Hohkönigsburg zu einem beliebten Ausflugsziel und zog die Aufmerksamkeit der Archivare und Historiker auf sich. (Abb. 2)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Die Hohkönigsburg in einer Lithographie um 1830

Quelle: HAUG (1976): 20

1862 nahm man die Ruine in die Liste der historischen Baudenkmäler auf, widmete ihr Berichte über den Erhaltungszustand sowie über die Notwendigkeit, Mittel aufzubringen, um ihren Verfall entgegenzuwirken. Trotz etlichen Stabilisierungsmaßnahmen verfiel die Burg dennoch unaufhaltsam.12

2.2.2 Schenkung der Hohkönigsburg an Kaiser Wilhelm II. von Hohenzollern

Die Stadt Schlettstadt, seit 1865 Eigentümerin der Hohkönigsburg, war besorgt, da die ständig wachsenden Unterhaltskosten der Ruine die Stadtkasse überforderten.13 Bei einer Gelegenheit eines kaiserlichen Besuchs Wilhelm II. im Jahr 1899 bot die Stadt ihm die Burg als Geschenk an und erledigte sich somit der erdrückenden Bürde. Der Kaiser dankte Schlettstadt begeistert, war ihm doch nun die Möglichkeit gegeben, die Westgrenze seines Reichs symbolhaft zu markieren.14 In einem Schreiben an den Gemeinderat von Schlettstadt heißt es: „ Ich freue Mich nunmehr auch in dem schönen Elsass einen Eigenen Besitz zu haben und zugleich Eigent ü mer einer der grössten und besterhaltenden deutschen Burgen zu sein, deren Steine uns das Wesen deutscher Ritterherrlichkeit aus l ä ngst vergangenen Zeiten verk ü nden “.15

Die Hohkönigsburg wurde von da an Ausdruck eines politisch-territorialen Ehrgeizes. Kaiser Willhelm II. beabsichtigte das Deutschtum des Elsass hervorzuheben, indem an seine alte Zugehörigkeit zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation erinnert wurde. Die Geschichte des ganzen Reiches sollte sich im Kleinen in der Hohkönigsburg widerspiegeln und somit den kaiserlichen Anspruch Wilhelms II. auf die Nachfolge der Hohenstaufer und Habsburger veranschaulichen.16 Als „ Denkmal des glanzvoll auferstandenen Reiches “ und um „ ein Gegenst ü ck zu der Marienburg im Osten in der entgegensetzten Ecke des Reiches “17 zu schaffen, wollte Kaiser Wilhelm II. sich nicht damit begnügen, eine Ruine zu erhalten. Er beschloss eine Wiederherstellung der Hohkönigsburg, wie sie sich am Ende des 15. Jahrhunderts zur Zeit der Thiersteins dargeboten haben mochte. Dieses war nicht ohne eine schwere Belastung des Budgets für das damalige Reichsland Elsass-Lothringen möglich. Der Wiederaufbau kostete insgesamt 2,5 Mio. Reichsmark, welche zu gleichen Teilen vom Deutschen Reich und von der Region Elsass-Lothringen getragen wurde. 100.000 Reichsmark aus der persönlichen Schatulle des Kaisers ermöglichten 1899 die vorbereitenden Studien zu Beginn des Bauvorhabens durchzuführen. Auf diese folgten dann 1900 Grabungen und Freilegungsarbeiten.18 Die Restaurierungsarbeiten dauerten acht Jahre (1901-1908) und wurden einem jungen Berliner Architekten namens Bodo EBHARDT anvertraut.

2.2.3 Historie im 20. Jahrhundert

1918 besetzen französische Truppen die Hohkönigsburg. Die beschlagnahmten Güter Wilhelms II. gingen durch den Versailler Vertrag in die Hände des französischen Staates über. 1919 erhält die Haut-Kœnigsbourg den Status eines staatlichen Schlosses. Während der deutschen Besetzung des Elsass von 1940 bis 1944 wurden auf der Hohkönigsburg die historischen und kulturellen Sammlungen des Colmarer Unterlindenmuseums geborgen. Im November 1944 besetzten amerikanische Truppen das Schloss, das während der nachfolgenden Kämpfe um Colmar ein wichtiger amerikanischer und französischer Beobachtungsposten bleiben sollte.19

1993 erfolgte die Einstufung der wiederhergestellten Bauteile der Anlage als historische Denkmalsubstanz. Die restaurierte Burg wurde somit in ihrem Ganzen und als restaurierte Burg u n t e r D e n k m a l s c h u t z g e s t e l l t . Es fand eine vollständige Sanierung der Burg statt. Seit 2007 fungiert der Generalrat des Departements Bas-Rhin als neuer Eigentümer. Mit 600.000 Besuchern im Jahr ist die Hohkönigsburg heute eine der beliebtesten touristischen Ausflugsziele Frankreichs.

3 Baugeschichte der Hohkönigsburg bis 1900

3.1 Grundriss und Aufriss der Burganlage

Die Burganlage besteht aus zwei wesentlichen Teilen. Erstens aus der eigentlichen Burg mit Wohngebäuden, Bergfried und unteren Vorhof. Zweitens aus den Vorwerken, dem großen westlichen Bollwerk und dem oberen Garten sowie der östlich vorgelagerten Sternbastion und dem Tiergarten. Mit diesen Vorwerken besitzt die ganze Burganlage eine Länge von 270 Metern auf einer Breite von etwa 54 Meter.20 Sie ist umgeben von einer Zwingermauer mit zehn Halbtürmen. Sämtliche Verteidigungswerke waren ab Ende des 15. Jahrhunderts bereits auf Schutz gegen Feuerwaffen und Artillerie berechnet. Der Eingang zur Burg befindet sich in der Mitte der Südseite. (Nr. 2 in Abb. 3) Nachfolgend sind die von EBHARDT aufgenommenen Grund- und Abrisse abgebildet (Abb. 4, 5 und 6)

Abb. 3: Bauteile der Hohkönigsburg

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: LEHNI 1996: 21

Abb. 4: Grundriss der Hohkönigsburg - Vor der Wiederherstellung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: EBHARDT 1908: 7

Abb. 5: Aufriss der Hohkönigsburg - Ansicht von Süden - Vor der Wiederherstellung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Aufriss der Hohkönigsburg - Ansicht von Süden - Nach der Wiederherstellung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: EBHARDT 1908: 18

3.2 Baugeschichtliche Betrachtung der Burganlage

Zur Klarstellung der Burgbaugeschichte der Hohkönigsburg haben folgende Personen beigetragen: VIOLLET-LE-DUC, der 1858 der Burgruine in seinem „ Dictionnaire raisonn é de l ’ Architecture “ mehrere Seiten widmete.21 Der Großherzoglich Badische Inspektor a.D. JULIUS NAEHER, der 1886 Zeichnungen der Hohkönigsburg anfertigte (Abb. 7), welche nach LEISTIKOW für ihre Zeit ein nicht zu unterschätzender dokumentarischer Beleg sind.22

Abb. 7: Lageplan der Hohkönigsburg von Julius Naeher - 1886

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: VON DER DOLLEN 1999: 174

Ferner stammen bedeutende Bauaufnahmen von dem Architekten KARL STAATSMANN, der sich vor dem Wiederaufbau der Ruine eingehend auf der Hohkönigsburg umgesehen und dort Studien betrieben hat, dabei Detailaufnahmen anfertigte und eine systematische, illustrierte Darstellung der Baugeschichte der Hohkönigsburg hervorbrachte (Abb. 28). Desgleichen verfasste der Architekt WINKLER, dem in einer Periode von 26 Jahren die Unterhaltung der Burgreste der Hohkönigsburg im Auftrage der Regierung oblag, seinen baugeschichtlichen Beitrag sowie erste Entwürfe für eine Restaurierung der Burg. Schließlich hat BODO EBHARDT vor seinem durchgeführten Wiederaufbau eine grundlegende, feinsäuberliche Analyse und baugeschichtliche Aufnahme durchgeführt. Seine im Jahr 1900 und 1908 veröffentlichten Publikationen „ Denkschrift ü ber die Wiederherstellung der Hohkönigsburg bei Schlettstadt im Elsass “ und „ Zur Baugeschichte der Hohkönigsburg “ zeigen nach FUCHS die analytischen Fähigkeiten des Architekten: „ Es handelt sich unzweifelhaft um die erste Beschreibung, die aufgrund einer stilistischen Analyse die verschiedenen Teile dieses Baudenkmals datiert, indem der systematische Versuch unternommen wird, eine Parallele zwischen den Bauten und den vorhandenen historischen Quellen zu ziehen. “23

Erbaut aus roten Sandsteinquadern (Abb. 10), die an Ort und Stelle durch den Aushub der Verteidigungsgräben gewonnen wurden, ist die Hohkönigsburg baugeschichtlich eine im Ursprung romanische Burganlage.24 In Abb. 8 kennzeichnet EBHARDT die verschiedenen Bauperioden in seinem Grundriss. Er unterscheidet dabei zwischen den „ Romanisch “ , schwarz markierten Bauteilen, den „ Verschiedenen Bauzeiten “, „ Gotisch von 1479 an “ , welche dunkelgrau hinterlegt sind, sowie den Bauelementen aus der „ Renaissance “.25

Abb. 8: Die Hohkönigsburg - Grundriss der verschiedenen Bauperioden

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: EBHARDT 1908: 7

Die herangezogenen Indizien zur baugeschichtlichen Untersuchung sind zum einen Steinmetzzeichen26, die zur Datierung des Bauwerks beitragen und in einer Zeichnung von NAEHER (Abb. 7) dargestellt worden sind. Zum anderen geben neben den geschichtlich feststehenden Überlieferungen die Untersuchungen der verschiedenzeitlichen Technik des Bauwerks hinsichtlich des verwendeten Baumaterials, der Behauungsweise und der zur Anwendung gekommenen Profile hinreichenden Aufschluss. Der Baurat und Konservator WINKLER unterscheidet in seiner Publikation im Wesentlichen drei Bauepochen der Hohkönigsburg:

1. Eine, aus der fränkischen Bauweise entsprungene, frühromanische Anlage, die den Kern der Burg bildet.
2. Eine romanische Burganlage aus dem 10. bis 11. Jahrhundert mit Vergrößerungsbauten aus dem 12. Jahrhundert, erkennbar im Wohnhausbau bis auf die Höhe des zweiten Stockwerkes.
3. Einen spätgotischen Bau aus dem Ende des 15. und 16. Jahrhunderts.27

Bei Betrachtung der einzelnen Bestandteile der Burg nach ihren technischen Merkmalen, finden sich nach WINKLER Spuren aus der frühen fränkischen Zeit, in welcher die „ römische Technik “ noch Verwendung fand, bei der große Buckelquader mit so genannten Wolfslöchern, welche zum Einsetzen der Aufzugsgeschirre dienten, zum Einsatz kamen. Auch sind die Lagerfugen dieser Quadermauern äußerst klein und enthalten fast keinen Mörtel. Derartige Ausführungen sind an der Basis des Bergfriedes, am Löwentore (Abb. 9), im äußeren Mauerwerke des Küchenbaues sowie an der Westseite des Saalbaues zu finden. An dieser Seite befinden sich die Quader noch in ihrer ursprünglichen Lage, während sie nach WINKLER am Bergfried vermutlich erst später bei einem Umbau wieder verwendet worden sein könnten.28 Dort sind Buckelquader zu finden, deren Scheerloch in der oberen Lagerfuge liegen, während die Bossenquader der spätgotischen Zeit nach EBHARDT dagegen fast alle ein Zangenloch in der Ansichtsfläche haben.29

Abb. 9: Das Löwentor vor der Restaurierung Quelle: Haug 1976: 36

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 vgl. LEHNI 1996: 2

2 vgl. BROMMER 1994: 2

3 Deutsches Königs- bzw. Kaisergeschlecht der Hohenstaufen von Konrad III. bis Konradin (1138-1254)

4 vgl. HAUG 1976: 6

5 vgl. LEHNI 1996: 4

6 vgl. EBHARDT 1908: 2 „ Imperator in Castro turrem unam habebat dux Fridericus aliam “ heißt es in einer Handschrift von Otto von Diogilo des 13. Jahrhunderts von dem castro Estufin.

7 vgl. EBHARDT 1908: 9

8 vgl. DERS. 1902: 31

9 vgl. HAUG 1976: 10f

10 vgl. EBHARDT 1902: 4

11 vgl. HAUG 1976: 11ff

12 vgl. FUCHS 1999: 49

13 vgl. ZEUNE 1997: 30

14 vgl. FUCHS 1999: 49

15 HAUG 1976: 15

16 vgl. FUCHS 1999: 49

17 vgl. ZEUNE 1997: 30

18 vgl. LEHNI 1996: 13

19 vgl. HAUG 1976: 18f

20 vgl. HAUG 1976: 24

21 vgl. HAUG 1976: 23

22 vgl. LEISTIKOW 1977: 121

23 vgl. FUCHS 1999: 50

24 vgl. WINKLER 1899: 4

25 vgl. EBHARDT 1908: 7

26 WINKLER 1899: 7 „ Die ä ltesten Steinmetzzeichen sind sehr einfache Strichkompositionen; erst nach und nach wurden sie komplizierter und nehmen verschönerte Formen an. Ende des 15. Jahrhunderts treten sie in besonders k ü nstlerisch angelegter Gestalt zutage. “

27 vgl. WINKLER 1899: 4

28 vgl. DERS. 1899: 5

29 vgl. EBHARDT 1908: 39

Details

Seiten
40
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656085096
ISBN (Buch)
9783656085348
Dateigröße
2.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184029
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Archäologie, Denkmalkunde und Kunstgeschichte
Note
2,0
Schlagworte
Burg 19. Jahrhundert Burgen Ebhardt Kunstgeschichte Bauforschung Baugeschichte Schloss Museum Wohnen Geographie Hohenzollern Kaiser Wilhelm Grundriss Restaurieren Rekonstruieren Restaurator Konservieren Residenz Restaurierung Burganlage Wiederherstellung Wohnbau Aufriss Bergfried Kaiser Wilhelm II Denkmalpflege Denkmalkunde Elsass Kaiserreich Mittelalter Denkmal Ruine Galerie Palas Zimmer Hof Raum Kapelle Wendeltreppe Hohkönigsburg Stube Gewölbe Saal Archäologie

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