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Ilse Aichinger - Wo ich wohne: Eine Textinterpretation

Referat / Aufsatz (Schule) 2008 4 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Textinerpretation: Ilse Aichinger - Wo ich wohne vorgelegt von Evelyne Fröstl

Ilse Aichinger wurde am ersten November 1921 in Wien geboren. Sie gilt als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Bei dem Text „Wo ich wohne“ handelt es sich um eine Kurzgeschichte, die im Jahre 1970 veröffentlicht wurde. Bereits der Titel „Wo ich wohne“ verdeutlicht, dass die Handlung von einem Ich-Erzähler geschildert wird.

Der Text spielt in den siebziger Jahren in einem Wiener Wohnhaus. In der Erzählung geht es um die Ich-Figur, die als sie eines Abends von einem Konzert nach Hause kommt feststellt, dass sie plötzlich im dritten Stock wohnt anstatt wie bisher im vierten. Doch anstatt nachzufragen, nimmt die Person diese Tatsache einfach hin. Eines Tages befindet sich die Wohnung im Keller des Wohnhauses und der Ich-Erzähler macht sich langsam mit dem Gedanken vertraut eines Tages in den Kanal verdrängt zu werden.

Die Hauptperson ist die erzählende Ich-Figur, die zu keinem Zeitpunkt als männlich oder weiblich definiert wird. Sie ist verwundert darüber, dass sie von einem Tag auf den anderen einen Stock tiefer wohnt. Sie ist verunsichert, und fragt sich ob sie ihre Nachbarn fragen solle, ob diese etwas bemerkt hätten, oder wüssten weshalb sie plötzlich im dritten Stockwerk wohnt. Die Person beschließt schließlich dies nicht zu tun und die Tatsache, dass sie aus dem vierten Stock verdrängt worden war einfach zu akzeptieren, wenngleich die Sorge noch tiefer zu sinken groß war. Als der Ich-Erzähler jedoch feststellte, dass er mittlerweile in den Keller des Wohnhauses „übersiedelt“ war, nahm er diese Gegebenheit einfach hin, ohne nachzufragen, denn dafür sei es mittlerweile ohnehin zu spät.

Die Hauptperson beherbergt in ihrer Wohnung einen Untermieter: einen Studenten. Ihm scheint es nicht aufzufallen, dass sich die Wohnung zuerst eine Stock tiefer und am Ende der Kurzgeschichte schließlich im Keller befindet. Er geht morgens immer fröhlich pfeifend aus dem Haus und kommt abends wieder.

Darüber hinaus gibt es noch die Putzfrau des Ich-Erzählers, die in der Erzählung immer nur „Aufräumefrau“ genannt wird und die ihre Arbeit mehr oder minder gut verrichtet. Auch ihr scheint die veränderte Wohnsituation nicht aufzufallen.

Der Text selbst ist in zwei Abschnitte geteilt. Der erste Teil beginnt mit den Worten: “Ich wohne seit gestern einen Stock tiefer.“ In diesem Abschnitt der Kurzgeschichte ist die Hauptperson sehr verunsichert; sie fühlt sich schwach, unbedeutend und machtlos gegenüber dieser übernatürlichen Macht, die plötzlich über ihr Leben hereingebrochen ist. Das Wiederholen der Fragen, wie die Wohnung in den dritten Stock gekommen sei und ob die Nachbarn etwas davon bemerkt hätten, weist auf die große Verunsicherung, Verstörtheit und Angst der Ich-Figur hin.

Mit dem Satz: „Ich wohne jetzt im Keller.“ beginnt der zweite Abschnitt der Erzählung. Niemandem erscheint es merkwürdig, dass die Hauptperson im Keller wohnt; weder ihrem Mitbewohner, noch sonst jemandem.

Mit ein wenig Ironie bemerkt die Ich-Figur, dass „die Aufräumefrau“ nun nicht mehr in den Keller gehen müsse, um Kohle zu holen und nicht mehr so viel putzen müsse, da ohnehin alles mit Kohlenstaub bedeckt war.

Die Ich-Figur wirkt nun viel gelassener als im ersten Teil der Geschichte. Es scheint so als habe sie sich mit der Tatsache abgefunden im Keller zu wohnen. Sie freundet sich auch mit dem Gedanken an, bald im Kanal des Wohnhauses zu wohnen, denn daran ändern könne sie sowieso nichts und außerdem könne sie dann nicht mehr tiefer sinken, denn nach dem Kanal ist das Haus zu Ende.

Die Sprache des Textes ist die einfache Standardsprache. In relativ kurzen Sätzen wird das Geschehen durch den inneren Monolog des Ich-Erzählers geschildert. Die Handlung der Kurzgeschichte an sich ist paradox und ein wenig ironisch.

Ich persönliche denke, dass der Text auf die Angst verdrängt zu werden, auf Entfremdung, Unsicherheit und Machtlosigkeit anspielt.

Im ersten Teil der Erzählung ist die Hauptperson sehr verunsichert und ängstlich. Diese Emotionen, vor allem aber die Hilflosigkeit werden besonders hervorgehoben durch den inneren Monolog der Hauptperson. Menschen halten meist Zwiesprache mit sich selbst, wenn sie verunsichert sind und sich an niemand anderen als an sich selbst wenden können. Die Hauptperson fürchtet von den anderen Bewohnern des Hauses für verrückt erklärt zu werden, wenn sie sich über ihren Umzug beschwert oder zu viele Fragen stellt. Dies könnte auch eine Kritik an der Gesellschaft sein; denn wer zu viele, womöglich unangenehme Fragen stellt, ist hier nicht erwünscht.

Ich denke, dass Ilse Aichinger mit ihrer Erzählung sogar auf Existenzängste anspielt: Was wäre, wenn ich ganz plötzlich verschwinden würde? Würde es jemandem auffallen? So wie es eben keiner Menschenseele merkwürdig vorkommt, dass die Ich-Figur vom vierten in den dritten Stock und später in den Keller zieht.

Im zweiten Teil des Textes geht es mehr um Resignation, das Hinnehmen der eigenen Machtlosigkeit und das Akzeptieren des Unausweichlichen.

Die Hauptperson findet es nicht schlimm im Keller zu wohnen, und macht sich mit dem Gedanken vertraut, bald im Kanal zu wohnen - sie resigniert.

Die Ich-Figur fügt sich der ihr vorbestimmten Situation und sieht ein, dass es anscheinend eine höhere Macht gibt, die ihr Schicksal bestimmt - möglicherweise ist dies eine Anspielung auf Gott und seine sprichwörtlichen unergründlichen Wege.

Die Zeilen: „Da hätte ich mich schon im dritten Stock beschweren müssen. Jetzt ist es zu spät.“, könnten bedeuten, dass der Ich-Erzähler sein unausweichliches Schicksal akzeptiert hat und nun so gut es ihm möglich ist damit lebt. Sowie der Mensch in dem Bewusstsein lebt, dass der Tod unausweichlich ist.

Mit dem Satz: „Es gibt zu vieles, wovor ich Furcht haben müsste.“, könnte Ilse Aichinger meinen, dass das Leben zu kurz sei, um sich über alles Sorgen zu machen und sich von so vielen Dingen einschüchtern zu lassen. Ich glaube, das ist ein Appell an den Leser, er solle das Leben genießen und das Beste daraus machen, egal was einem das Schicksal für Steine in den Weg legt. Oder anders ausgedrückt: Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach Limonade daraus.

Die Worte: „Jetzt ist es zu spät.“, deuten auch auf eine eher nihilistische Einstellung der Hauptperson hin, denn nun kann sie an ihrer Situation ohnehin nichts mehr ändern. Oder aber der Satz bedeutet den Abschluss eines Lebensabschnittes und einen Neubeginn. Zum Beispiel wenn jemand eine schwere Krankheit hat, dann ist es zu spät; er ist ja schon krank; aber er kann lernen mit dieser Krankheit zu leben beziehungsweise nach seiner Heilung ein neues „Kapitel“ in seinem Leben aufschlagen. So könnte man sagen, dass der erste Abschnitt der Erzählung den Abschluss eines Lebensabschnittes und der zweite Abschnitt den Neubeginn symbolisiert.

Den Verlauf der Handlung als gesamtes betrachte könnte aber auch eine völlig andere Botschaft beinhalten. Möglicherweise ist die Erzählung auch eine Anspielung auf Armut. Die Wohnung im vierten Stock könnte ein Symbol für eine hohe Position in der Gesellschaft sein. Das plötzliche unfreiwillige „übersiedeln“ ist gleich zu setzen mit Statusverlust oder Machtverlust; vom vierten in den dritten Stock.

Vom dritten Stock aus geht es rapide abwärts; in den Keller. Das könnte bedeuten, dass man in der Gesellschaft schneller „unten durch“ ist als einem lieb ist, und ehe man sich’s versieht, ist man ganz unten angekommen.

Die Ich-Figur wirkt viel gelassener, als sie feststellt, dass ihre Wohnung allerhöchstens noch bis in den Kanal hinunterverlegt werden kann. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass wenn man einmal ganz unten ist, es ab diesem Zeitpunkt nur noch aufwärts gehen kann.

Ich denke, die Autorin appelliert vor allem an die Emotionen des Lesers und möchte den Leser so zusagen wachrütteln; ihn aufmerksam machen auf die Menschen im näheren Umfeld und die Verschrobenheit der Gesellschaft.

Ilse Aichinger möchte den Leser zum Nachdenken und Philosophieren anregen. Die Kurzgeschichte könnte aber auch als Gesellschaftskritik interpretiert werden.

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Details

Seiten
4
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656085157
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184020
Note
1
Schlagworte
ilse aichinger aufsatz kurzgeschichte 60er-jahre interpretation reflexion deutsch schule textanalyse

Autor

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