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Sportvereine und migrantische Integration in Deutschland

Bachelorarbeit 2011 47 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil

1. Poblemaufriss..

2. Soziale Integration und Sozialkapital
2.1. Zum Verhältnis von Integration, Inklusion und Assimilation.
2.2. Dimensionen der Integration von Migranten.
2.3. Integrationsebenen
2.4. Das Konzept des Sozialkapitals nach Putnam
2.5. Formen des Sozialkapitals.

3. Vereine und migrantische Integrationsarbeit
3.1. Was Vereine für die Integration von Migranten leisten können.
3.2. Die gegenwärtige Situation in der Bundesrepublik Deutschland..
3.3. Migranten in „Deutschen Vereinen“
3.3.1. Sekundäranalyse: Beteiligung von Migranten in „deutschen Sportvereinen“
3.3.2. Sonderfall Profifußball
3.3.3. Zwischenresümee I
3.4. Migrantische Selbstorganisation in Bereich Sport.
3.4.1. Formen der Selbstorganisation von Migranten im Sport.
3.4.2. Sekundäranalyse: Selbstorganisation von Migranten im Bereich Sport.
3.4.3. Zwischenresümee II..

4. Problemfelder der empirischen Untersuchung.

III. Schluss

IV. Literaturverzeichnis.

I. Einleitung

„Gerade der Sport bietet mit seinen weitreichenden individuellen und sozialen Perspektiven ein wichtiges Handlungsfeld für Integration und Partizipation“1, heißt es in der Grundsatzerklärung des Deutschen Sportbundes zum Thema Sport und Zuwanderung. Dass das Engagement von Mitgliedern der Gesellschaft in dieser Form aber nicht unbedingt positive Auswirkungen für die Integration von Migranten haben muss, wird in der Wissenschaft ebenfalls nicht bestritten. „[…] sport can rarely yield economic […] or social benefits […]“.2 Es geht sogar so weit, dass Sport als Teil eines ungleichen sozialen Systems betrachtet wird, das der Exklusion von sozialen Gruppen und Individuen förderlich sein kann.3

Der Bereich Sport und Integration von Migranten bzw. Personen mit Migrationshintergrund wird so zu einem kontrovers diskutierten Thema sowohl in der öffentlichen als auch in der wissenschaftlichen Debatte. Zusätzlich kann diese Kontroverse auf der Ebene des organisierten Vereinssports betrachtet werden. Damit wird in erster Linie die Rolle des bürgerlichen Engagements der Zielgruppe für deren Integration forciert. Über das grundlegende Organisationsprinzip von Sportvereinen nämlich - die Selbstorganisation - sollen die Mitglieder nicht nur am Sport teilnehmen, sondern auch ihre sozialen Zusammenhänge stärken.4

Wir stellen auf gesamtgesellschaftlicher Ebene in Deutschland fest, dass das bürgerschaftliche Engagement auf Wachstumskurs ist. Auch Robert D. Putnam spielt hierbei eine wichtige Rolle, indem er mit seinem berühmtesten Werk „Bowling Alone“5 den wissenschaftlichen Diskurs wieder auf diesen Themenbereich gelenkt hat. Sport stellt in den unterschiedlichsten Facetten des bürgerschaftlichen Engagements dabei den dominierenden Bereich dar. Das Vereinswesen wiederum bildet hierfür den wichtigsten organisatorischen Rahmen und ist ebenso wie das bürgerschaftliche Engagement auf dem aufsteigenden Ast.6

Eine gesellschaftliche Gruppe wird bei diesen Überlegungen allerdings oft in den Hintergrund gerückt. Die Rede ist von der in der Bundesrepublik Deutschland nicht zu vernachlässigenden Anzahl an Migranten und Personen mit Migrationshintergrund. Im Jahr 2006 lebten in Deutschland etwa 6,75 Millionen Ausländer. Hinzu kommen etwa 7,5 Millionen Deutsche mit Migrationshintergrund, d.h. Personen, die selbst nach Deutschland eingewandert bzw. nicht in Deutschland geboren sind. Nimmt man Ausländer und Deutsche mit Migrationshintergrund zusammen, erhält man für das Jahr 2006 einen beachtenswerten Anteil dieser Gruppe an der Gesamtbevölkerung von ca. 19%.7 Grund genug also, den Stand des Integrationsprozess dieser Teilbevölkerung genauer zu betrachten.

Nun gibt es eine Vielzahl von theoretischen und praktischen Bemühungen, um die Einbindung von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland zu fördern. Da der Schlüssel zu einer gelungenen Integration in erster Linie in der Erlernung der Sprache des Einwanderungslandes gesehen wird8, finden wir auf dieser Ebene diverse Projekte von verpflichtenden Sprachkursen für Einwanderer bis hin zu Integrationskampagnen, wie etwa „Raus mit der Sprache. Rein ins Leben.“ der Deutschlandstiftung Integration. Die Schlüsselfunktion der Sprache soll an dieser Stelle keineswegs streitig gemacht werden. Aber eine gemeinsame Sprache alleine führt zu keinem Integrationsautomatismus.

Oft wird eben dem sportlichen Bereich die integrative Kraft par excellence zugeschrieben. In erster Linie kommen derartige Aussagen von den Initiatoren sportgestützter Integrationskampagnen. Ein Grund hierfür ist wahrscheinlich, dass Sport und dem in Deutschland untrennbar damit verbundenem Vereinswesen ein überaus hohes Maß an sozialem Kapital für die Mitglieder einerseits, aber auch die Gesamtgesellschaft zugeschrieben wird.

Dieser seit Jahrzehnten in der Soziologie gebrauchte Begriff soll auch in dieser Arbeit den Hauptindikator für die soziale Integration von Migranten bilden. Denn „Als ein Konzept, das auf die Verbindung von Strukturen und Handlungen angelegt ist […] Geht es für die Soziologen in erster Linie um die sozialintegrativen Leistungen des Sozialkapitals […].“9 Ein Rückgriff auf die Klassiker dieses Ansatzes wie Elias, Adorno oder Bourdieu braucht es hierbei nicht. Ich möchte mich stattdessen in erster Linie auf den Ansatz von Robert D. Putnam beschränken, der zwei entscheidende Unterschiede zu vorangegangenen Konzepten hervorhebt. Erstens bezieht sich Putnams Sozialkapital-Begriff auf die gesamtgesellschaftliche Ebene. Dabei sind von den für ihn zentralen Elementen für diese Analyse vor allem die Netzwerke zivilgesellschaftlichen Engagements von Bedeutung, die soziales Vertrauen (ein weiteres Element) aufbauen. Diese „civic associations“ bilden für Putnam den Grundpfeiler der Demokratie.10 Zweitens hat Putnam nach einiger Kritik auf sein erstes großes Werk „Making Demovracy Work“11 und der daraus folgenden Selbsterkenntnis eingestanden, dass „Networks and the associated norms of reciprocity are generally good for those how are inside the network, but the external effects of social capital are by no means always positive.“12

Auch ich will mich zunächst der grundsätzlichen Annahme anschließen, dass es neben positiven Effekten, was in unserem Fall die gelungene soziale Integration von Migranten durch Mitgliedschaft in Sportvereinen bedeuten würde, auch negative Auswirkungen von Sozialkapital geben kann. Zu starke Binnenintegration etwa könnte der gesamtgesellschaftlichen Integration von Migranten schädlich sein. Dies soll näher in Kapitel 2.1.4 erläutern werden, wenn es um Putnams Konzept und die Unterscheidung von bindendem und brückenschlagendem Sozialkapital geht. Bevor die theoretischen Grundlagen beleuchtet werden, gibt es aber noch einige Punkte zu klären, die in diesem Zusammenhang nicht ungenannt bleiben dürfen.

II. Hauptteil

1. Poblemaufriss

In Deutschland gibt es einerseits ein dichtes Netz von „alteingesessenen“ Vereinen, andererseits mittlerweile auch eine Vielzahl migrantischer Selbstorganisationen. Wie nirgendwo anders trifft dies auf den Bereich des Sports zu. Innerhalb „deutscher Vereine“ haben wir hier mit Abstand den höchsten Organisationsgrad unter Migranten und Ausländern. Auch bei der Betrachtung von eigens gegründeten Migrantenvereinen nehmen Sportvereine neben religiösen und Kulturvereinen einen wichtigen Stellenplatz ein.13

Die vorliegende Arbeit soll in einem ersten Schritt untersuchen, welche Aufgaben die genannten Institutionen für die Integration von Migranten leisten können. Das heißt, welche Art von Integration findet (theoretisch) einerseits in den von Migranten selbst gegründeten Organisationen, den so genannten Migrantenselbstorganisationen (MSO), andererseits in den von Migranten frequentierten, vom Aufnahmeland eingerichteten Vereinen statt? Es wird erwartet, dass sich spezifische Unterschiede hinsichtlich der Organisationsform der Institutionen ergeben.

Im zweiten Schritt sollen dann in einer Sekundäranalyse verschiedene Studien, Forschungsberichte und Einzelfallanalysen im Hinblick auf diese Fragestellung untersucht werden. Damit soll die Frage geklärt werden, wie sich die Empirie zu den theoretischen Möglichkeiten von Vereinen für Integrationsarbeit verhält. Die grundlegende Annahme dieser Arbeit ist, dass die Mitgliedschaft von Migranten in „deutschen Vereinen“ grundsätzlich förderlich für deren Integration ist, also dass dadurch soziale Brücken zum Rest der Gesellschaft geschlagen werden können. Die Mitgliedschaft in migrantischen Selbstorganisationen mit Fokus auf ethnischen Sportvereinen könnte hingegen Gefahr laufen, durch sehr starke Binnenintegration eine Integration in das Gesamtsystem zu erschweren.

Einige wichtige Aspekt sind allerdings noch zu beachten und müssen vor der eigentlichen Untersuchung geklärt werden. Hierbei handelt es sich einerseits um begriffstheoretische, andererseits um strukturelle Problematiken.

Bisher war immer von den möglichen Leistungen von Vereinen und Organisationen für die Integration von Migranten die Rede. In der Migrations- und Integrationsforschung gibt es allerdings eine Vielzahl von Begriffen, die für das in dieser Arbeit untersuchte Phänomen verwendet werden. Oft werden synonym zu Integration Begriffe wie Assimilation, Akkulturation oder Inklusion gebraucht. Dass hier Trennlinien bzw. Zuordnungen gemacht werden müssen, ist aber unumgänglich. Im Zuge dessen muss ebenfalls erläutert werden, warum wir vorrangig die soziale Integration der Untersuchungsobjekte in Betracht ziehen. Die Integration von Einwanderern in eine Aufnahmegesellschaft hat mehrere Stufen, von denen soziale Integration nur eine darstellt. Sie interessiert uns aber vorrangig bei der Betrachtung der Rolle von Vereinen und Organisationen. Zur Erklärung hierzu dienen die Kapitel 2.1. und 2.2.

Integration hat nicht nur verschiedene Stufen, sondern kann auch auf unterschiedlichen Ebenen stattfinden. Konkret ist damit gemeint, dass Integration in ein Gesamtsystem aus dem Blickwinkel verschiedener Subsysteme betrachtet werden kann. Freilich ist diese Differenzierung nicht immer ganz eindeutig und die Ebenen haben zum Teil unscharfe Grenzen. Zudem besitzen sie gegenseitigen Einfluss. Die vorliegende Analyse soll aber einen konkreten Ausgangspunkt besitzen, der mit Vereinen und Organisationen zwischen der gesamtgesellschaftlichen (Makro) und der individuellen (Mikro) auf der Meso- Ebene angesiedelt ist. Diese Ebene wurde gewählt, da sie nach Ansicht vieler Sozialwissenschaftler - als idealer Ort für die gesellschaftliche Einbindung durch Engagement und Partizipation - Makro- und Mikro-Ebene verbindet. Zudem stellt das Vereinswesen in Deutschland, wie bereits erwähnt wurde, den wichtigsten organisatorischen Rahmen für das bürgerliche Engagement dar.14 Weitere Ausführungen hierzu sind in Kapitel 2.3. zu finden.

Die Untersuchungsebene, auf die ich mich bezüglich der Unterschiede im Hinblick auf das Sozialkapital beziehen will, soll sich auf Unterschiede in der Ethnie beschränken. Warum, wurde in der Einleitung bereits verdeutlicht. Zwar kann etwa auch nach ökonomischem Status, Alter oder Geschlecht differenziert werden. Die ethnischen Unterschiede im Fokus bieten aber zwei analytische Vorteile: erstens sind sie laut Robert D. Putnam das stärkste Differenzierungsmerkmal mit den am markantesten zu erwarteten Unterschieden bezüglich des Sozialkapitals; zweitens können wir dadurch die Gruppe der Migranten/Immigranten und Menschen mit Migrationshintergrund unter einen Hut fassen. Auf den ersten Blick scheint dies eine methodische Vereinfachung zu sein. Putnam zufolge ist es allerdings gar nicht nötig, hier zwischen zwei Formen von Ungleichheit zu differenzieren. „[…] we have discovered […] that ethnic diversity itself seems to encourage hunkering.”15 Nicht etwa die Staatsbürgerschaft, sondern die Herkunft, also ethnische Unterschiede, sind es, die bei einer Betrachtung des Integrationsprozesses von Migranten in dem Mittelpunkt gerückt werden müssen. Denn Einbürgerung und Integration sind zwei verschiedene Dinge.16 Migranten und Personen mit Migrationshintergrund gemeinsam abzuhandeln, ist also durchaus sinnvoll.

Eben wurde erwähnt, warum es angebracht ist, sich bezüglich Migranten und Ausländern mit der Frage nach der Integrationskraft von Vereinen zu beschäftigen. Nun soll noch auf ein ganz anderes, größtenteils definitorisches, Problem hingewiesen werden. Es wurde bereits ersichtlich, dass es nicht ganz einfach ist, begrifflich alle Personen erfassen, zu denen die Analyse einen Bezug herstellen soll. Dieses Problem ist auch in der wissenschaftlichen Literatur nicht fremd. Gerade wenn es um den Themenbereich Integration geht, sehen wir uns mit Termini wie „Migranten“, „Ausländer“, „Personen mit Migrationshintergrund“ oder „Aussiedler“ konfrontiert. Da es sich hierbei jeweils um unterschiedliche Gruppierungen handelt, sind auch Studien, die jeweils eine oder mehrere verschiedene dieser Teilgruppen bearbeiten, nur schwer miteinander vergleichbar. Dies ist eines der größten Probleme, mit denen sich eine solche Analyse auseinandersetzen muss.

Ein ähnliches Problem haben wir auch bezüglich der einzelnen Vereine bzw. Vereinsarten, die untersucht werden sollen. Vor allem im Hinblick auf die Migrantenselbstorganisationen (MSO) gibt es eine Reihe unterschiedlicher Formen, die einen Vergleich eigentlich nicht erlauben, da sie strukturell und formell starke Unterschiede aufweisen. Dabei handelt es sich um Differenzen wie homo- bzw. heterogene Zusammensetzung oder das Motiv, mit der die jeweilige Organisation ursprünglich gegründet wurde. Eine Übersicht zu dieser Problematik ist in Kapitel 3.4.1. zu finden. In diesem Zusammenhang gibt es auch bezüglich des bislang verwendeten Terminus „Deutscher Verein“ Klärungsbedarf. Obwohl er vielfach verwendet wird, wagt es kaum ein Autor, zu definieren, was einen Verein zu einem „deutschen Verein“ macht. Oft wird dies mit „alteingesessen“, „etabliert“ oder „ursprünglich von Deutschen gegründet“ erklärt. Es wird sich zeigen, dass auch in der Wissenschaft keine Einigkeit darüber besteht.

Ebenso wenig, wie wir nur eine Dimension bzw. nur eine Ebene von Integration finden, gibt es nur einen Bereich, in dem die Vereine, die uns als Untersuchungsgegenstand dienen, angesiedelt werden können. Die dieser Arbeit zugrunde liegenden Studien und Forschungsberichte behandeln oft nicht weniger als fünf verschiedene Arten von Vereinen.17 Sportvereine machen hier erstens quantitativ den Großteil aller Vereine in Deutschland aus. Zweitens ist der Organisationsgrad in Sportvereinen unter Migranten relativ hoch. Und drittens erfüllen Sportvereine für Migranten heutzutage auch Aufgaben und Funktionen, die klassischerweise politischen, religiösen, Kultur- oder Bildungsvereinen zugeschrieben werden.18 Hier wird oft auch von Mehrzweckvereinen gesprochen, die neben dem Sport etwa Unterstützungs- und Beratungsleistungen anbieten. Nichtsdestotrotz ist Sport der Bereich, dem vor allem in der Öffentlichkeit oft die stärkste Integrationsfunktion zugeschrieben wird. Große Sportveranstaltungen wie etwa die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland rücken dieses Thema nicht selten in den Mittelpunkt ihrer Öffentlichkeitsarbeit.19 Sport wird somit zu einem Bereich erhoben, der angeblich keine (ethnischen) Grenzen kennt. Genau dies soll aber mit der vorliegenden Arbeit kritisch hinterfragt werden.

Es bleibt nur noch die Frage, anhand welcher Faktoren eine gelungene bzw. fehlgeschlagene soziale Integration festgemacht werden kann. Eingangs wurde bereits erwähnt, dass das Primat der gemeinsamen Sprache in dieser Arbeit nicht gilt. Im Kontext der Beteiligung von Migranten im Bereich Sport wird dies auch schwer durchzuführen sein. Mit Sozialkapital wurde nicht nur ein theoretischer Parameter gewählt, der in den letzten Jahren Hochkonjunktur hatte. Vor allem im Hinblick auf das Vereinswesen und das bürgerschaftliche Engagement in den Vereinen und Organisationen wird dem Putnamschen Sozialkapital eine Multifunktionalität zugesprochen, durch die gegenwärtige Probleme der Gesellschaft gemeistert werden könnten.20 Die Kapitel 2.4. und 2.5. nehmen den Sozialkapitalbegriff Putnams genauer in den Fokus.

Die folgenden Betrachtungen sollen nun zeigen, ob Sportvereine dieses Sozialkapital produzieren und reproduzieren können, und vor allem, ob es für die soziale Integration von Migranten nutzbar gemacht werden kann und wird.

2. Soziale Integration und Sozialkapital

Sozialkapital wird im Hinblick auf die Integration von Migranten oft als wichtiger Indikator herangezogen. „Zentral ist dabei die soziale Einbettung in Netzwerke des Aufnahmelandes. Die Rolle des Sozialkapitals in Migrantennetzwerken ist allerdings nicht ganz eindeutig.“21 Um sich über den Zusammenhang von Sozialkapital und der sozialen Integration von Migranten klar zu werden, empfiehlt es sich, vorab näher auf den Begriff der Integration und seine bedeutungsverwandten Termini einzugehen. Wichtig dabei soll vor allem die Unterscheidung zu dem in der gängigen Literatur oft fälschlicherweise synonym gebrauchten Begriff der Assimilation sein. Integration, Assimilation wie auch Inklusion (bzw. Exklusion) werden im Folgenden als drei Formen des Akkulturationsprozesses verstanden.22

2.1. Zum Verhältnis von Integration, Inklusion und Assimilation

Wer sich in der Soziologie mit der Situation von Migranten und Menschen mit Migrationshintergrund beschäftigt, stößt dabei immer auf die Frage nach dem Verhältnis zwischen den betroffenen Personen und dem Land, in das sie selbst, ihre Eltern oder Großeltern eingewandert sind. „Jede Integration hat ein Subjekt (das zu Integrierende) und ein Objekt (einen größeren Zusammenhang, in den das zu Integrierende eingebunden werden soll).“23 Durch die im Folgenden abgehandelten Begriffe werden solche Verhältnisse ausgedrückt. Dabei handelt es sich allerdings meist nicht um statische Relationen, sondern gerade im Falle von Integration und Assimilation um Prozesse, die mehr oder weniger fortgeschritten sein können.

Grundlegend für das Verständnis von Integration ist, dass es sich dabei - wie erwähnt - nicht um einen Zustand, sondern um einen Prozess der Aufnahme neuer Elemente in ein bestehendes ganzes System handelt. Versteht man ihn als „process of becoming an accepted part of society“24, wie Penninx dies knapp aber prägnant tut, haben wir neben dem prozessualen Charakter zugleich den notwendigen Bezug auf die Gesellschaft hergestellt. Dieser ist vor allem auch für die grundlegende Theorie dieser Arbeit, Putnams Sozialkapital-Konzept, entscheidend, wie wir in Kapitel 2.4. sehen werden. Durch den Prozess der Integration sollen sich die betroffenen Personen am gesellschaftlichen Leben beteiligen und möglichst ohne Diskriminierung arbeiten und leben können. „Bezogen auf den einzelnen Zuwanderer ist es das Ziel von Integration, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, als zugehörig akzeptiert zu werden.“25 Während dieses Prozesses, in dem die betroffenen Gruppen bzw. auch Einzelpersonen zu einer kulturell anerkannten und akzeptierten Einheit werden, kommt es zu einer Angleichung der Lebensumstände zwischen Migranten und der Einheimischen Bevölkerung.26 Gegenseitige Akzeptanz scheint also das zentrale integrierende Element zu sein. Vor allem werden dadurch durchaus aktive Bemühungen sowohl der zu integrierenden als auch der integrativen Gruppen impliziert.

Allerdings handelt es sich bei Integration nicht um eine vollständige Anpassung eines Teilelements in ein Ganzes, sondern um die „kombinatorische (Neu- )Konstruktion eines veränderten Ganzen unter Einbindung der Werte und der Kultur der außenstehenden Gruppe in die neue Gesellschaft.“27 Somit verändern sich durch den Prozess der Integration sowohl der zu integrierende Part als auch das integrierende Gesamtsystem und damit auch dessen ursprüngliche Bestandteile.

Wäre dies nicht der Fall, müssten wir von Assimilation sprechen. Werden Migranten assimiliert anstatt integriert, bedeutet dies für sie einen Wechsel in ein neues System, ohne dass sich dieses dadurch oder dafür verändern würde. Ob dieses System nun kultureller oder sozialer Natur ist, spielt dabei keine Rolle. Entscheidend ist, dass Assimilation anders als Integration zur Selbstverhüllung der zu integrierenden Individuen oder Gruppen führt. Im sozialen Sinn macht aber gerade die aktive Teilhabe und die Identifikation mit dem Ganzen Integration aus. Deshalb ist sie ohne kollektive Identität nicht denkbar. Teilhabe und Identifikation müssen dabei sowohl vom Individuum als auch vom Gesamtsystem akzeptiert werden.28

Inklusion wiederum ist zwar auch mit aktivem Eingreifen behaftet, benötigt aber nicht die Beteiligung beider Seiten. Gelungene soziale Inklusion von Migranten setzt voraus, dass die jeweiligen „Gesellschaften den symbolischen und/oder politischen Zug zu dem sozialen Raum […] ermöglichen.“29 Die Partizipation spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Inklusion bedeutet lediglich, dass die Individuen Zugang zu einem Teilsystem der Gesellschaft erhalten. Die Teilnahme beschränkt sich hingegen auf „funktionsrelevante Ausschnitte der Lebensführung“.30 Soziale Aspekte der Einbindung von Mitgliedern der Gesellschaft werden durch Inklusion nicht tangiert.

Die Unterscheidung von Inklusion, Integration und Assimilation ist auch dahingehend von Bedeutung, dass sie sich als Formen von Akkulturationsstrategien, wie Berry es empfiehlt, nach der Ausstattung mit Sozialkapital (und kulturellem Kapital) unterscheiden lassen. Assimilation zeichnet sich hierbei zwar durch eine hohe Ausstattung mit kulturellem Kapital, jedoch einem Fehlen von externem Sozialkapital aus. Integration besitzt hingegen beides. Der Fall der Inklusion wird von John Berry zwar nicht genauer spezifiziert. Exklusion beschreibt er allerdings mit dem Fehlen sowohl von kulturellem als auch von sozialem Kapital. Nach Berry ist „Integration […] the most adaptive strategy and marginalization [bzw. Exklusion ]the least adaptive for immigrants […]”31 Dazwischen gibt es dem Autor zufolge zwei weitere Abstufungen, die bereits erwähnte Assimilation und die Segregation, die durch Vorhandensein von sozialem, aber Fehlen von kulturellem Kapital gekennzeichnet ist.32 Uns soll aber vorrangig interessieren, ob die Integration aufgrund vorhandenen Sozialkapitals vorangeschritten ist.

2.2. Dimensionen der Integration von Migranten

Im vorangegangen Kapitel wurde geklärt, warum wir gerade Integration als Prozess der Einbindung von Migranten durch soziales Kapital gewählt haben und uns hier nicht auf Assimilation oder andere Begriffe konzentrieren. Nun kann aber auch Integration selbst eine gewisse Anzahl verschiedener Ausdifferenzierungen annehmen. Bisher wurde bereits an einigen Stellen der Begriff „Soziale Integration“ verwendet. Dieser stellt allerdings, Heckmann und Tomei zufolge, nur eine einzige Dimension von Integration dar. Hierbei ist wieder der prozessuale Charakter von Integration von entscheidender Bedeutung.

Wenn Personen oder Gruppen ihren bisherigen Lebensmittelpunkt in ein anderes, womöglich kulturell konträres gesellschaftliches System verlagern, sind sie dort zunächst der Herausforderung ausgesetzt, unter der aufnehmenden Bevölkerung einen Mitgliederstatus zu erwerben sowie Zugang zu gesellschaftlichen Positionen zu erhalten und den Status als Gleichberechtigte zu erwerben. Ist dies erreicht, ist zunächst eine strukturelle Integration erfolgt. Die zweite Dimension, kulturelle Integration, meint das Erlernen und Verinnerlichen von kognitiv-kulturellen Mustern der neuen Gesellschaft. Dabei handelt es sich um einen reziproken Prozess, d.h. nicht nur die Migranten, sondern auch die einheimische Bevölkerung muss sich diesen Lern- und Internalisierungsprozessen aussetzen. Heckmann und Tomei verwenden den Begriff der strukturellen Integration synonym zum Begriff der Akkulturation. Ich werde allerdings diese Verwendung des Akkulturationsbegriffs aufgrund der Ausführungen in Kapitel 2.1. unterlassen. Stattdessen werde ich als Dimension der Integration „strukturelle Integration“ weiterverwenden. Akkulturation hingegen handhabe ich, gemäß Berry, als Überbegriff, unter dem Integration, aber auch Assimilation, gefasst werden können. Strukturelle Integration ist als notwendige Vorstufe für die dritte Dimension, soziale Integration, von Bedeutung. Soziale Integration als „Gesellschaftliche Mitgliedschaft bedeutet im privaten Bereich die Teilnahme und Akzeptanz im sozialen Verkehr und bei Vereinsmitgliedschaften der Aufnahmegesellschaft“33, also Teilnahme und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Hier bewegen wir uns vorwiegend auf einem Grad zwischen Makro- und Meso-Ebene34, weswegen gerade soziale Integration in Verbindung mit dem Putnam’schen Sozialkapitalkonzept, angewandt auf Vereine und Organisationen besondere Relevanz besitzt. Die letzte Dimension, die identifikatorische Integration, ist erreicht, wenn Prozesse neuer persönlicher Zugehörigkeitsdefinitionen vonstatten gehen.35 Sie zielt stärker auf die Mikro-Ebene und subjektive Seite von Integration ab. Als Ort zur Messung von Sozialkapital ist dies deshalb und weil schwer zu operationalisieren ungeeignet.

Da nun geklärt ist, warum wir uns mit den Auswirkungen von Vereinsarbeit auf die soziale Integration von Migranten beschäftigen, muss nun die in diesem Kapitel bereits geäußerte Frage nach der Ebene beantwortet werden, auf der Integration von Migranten stattfinden kann.

2.3. Integrationsebenen

Um die Rolle speziell von Vereinen und ähnlichen Organisationen für die Integration von Migranten zu untersuchen, bedarf es nicht nur einer terminologischen Einordnung des Integrationsbegriffs, sondern auch einer konzeptuellen. Zentral hierfür ist nach Friedrichs und Jagodzinksi unter anderem, ob der Integrationsbegriff relational oder absolut anzuwenden ist, sowie, auf welcher Integrationsebene eine Analyse stattfinden muss, die Vereine als integrative Hauptakteure betrachtet. Diese beiden Kriterien sind unter den von Friedrichs und Jagodzinksi vorgeschlagenen meinem Erachten nach für eine sozialkapitaltheoretisch geleitete Untersuchung die wichtigsten.36

Integration kann auf der einen Seite stattfinden als Leistung eines Individuums oder eines Kollektivs, also eines Sub- oder Teilsystems, gegenüber einem Gesamtsystem. Die Stärke der Beziehung zwischen Teil und Ganzem stellt den Grad der Integration dar. „Integriert ist, wer ein positives Verhältnis zum jeweiligen System […] hat.“37 Diese inneren Zustände stellen aber nur ein Kriterium dar, welches die Beziehung zwischen Einzelperson oder einer Gruppe und dem Gesamtsystem beschreibt. Hinzu kommen noch das äußere Verhalten, das subjektiv zielgerichtete Verhalten und das objektive oder latente Funktionen erfüllende Verhalten. Diese bieten sich aber als Kriterien für die Einbindung von Migranten in organisatorische Netzwerke wie die von Vereinen weniger an, als die inneren Zustände. Allerdings weisen Friedrichs und Jagodzinksi ausdrücklich darauf hin, dass das Kriterium der inneren Zustände von Definitionsversuchen zu differenzieren ist, „die Integration einer Person […] auf ihre Zentralität im Netzwerk zurückführen, die ihrerseits von der Zahl der Freundschaftsbeziehungen oder der Kontakte definiert werden kann.“38 Da sich aber Putnams Sozialkapitaltheorie auf eben diesen sozialen Kontakten innerhalb eines Netzwerkes, wie es auch Vereine und Organisationen darstellen, gründet, fällt ein relationaler Integrationsbegriff als Basis der Analysen aus dem Schema. Integration als absoluten Begriff zu verwenden ist folglich die richtige Entscheidung. Denn hier wird Integration anhand von Identifikation mit dem Gesamtsystem und der Interaktionsdichte innerhalb dessen betrachtet. Das System selbst besitzt hier eine integrative Kraft, die sich proportional zur Kontaktdichte, also der Anzahl von Beziehungen und Freundschaften, verhält. Wir verfahren folglich damit, Integration - absolut - anhand von Kriterien wie der Dichte der Kontaktnetze oder dem Ausmaß an Kooperation zu definieren. Dadurch rücken etwa die Stabilität und Funktionserfüllung des Systems als maßgebliche Kriterien in den Hintergrund.39

[...]


1 Deutscher Sportbund (2004), S. 3

2 Collins/Kay (2003), S. 4

3 Vgl. Gasparini (2005), S. 255; Kemayou (2006), S. 1

4 Vgl. etwa Braun (2002)

5 Putnam, Robert D. (2000): Bowling Alone. The collapse and revival of American community, New York (u.a.)

6 Vgl. Institut für soziale Innovation (2007), S. 18 ff.

7 Vgl. Hans (2010), S. 25

8 Vgl. etwa Esser (2006)

9 Kriesi (2007), S.43

10 Vgl. Braun (2001), S. 3

11 Putnam, Robert D. (1993): Making Democracy Work. Civic Traditions In Modern Italy, Princeton/New Jersey

12 Putnam (2000), S. 21

13 Vgl. etwa Institut für soziale Innovation (2007)

14 Vgl. Institut für soziale Innovation (2007), S. 21

15 Putnam, Robert D. (2007), S. 155

16 Vgl. Blecking (2008), S. 104

17 Vgl. etwa Schuleri-Hartje/von Kodolitsch (1989); die Autoren unterscheiden politische, religiöse, Bildungs-, Kultur- und Sportvereine

18 Vgl. Blecking (2008), S. 104

19 Offizielles Motto der Fußball-WM 2006: „Die Welt zu Gast bei Freunden“

20 Vgl. Braun (2003), S. 28

21 Haug/Pointner (2007), S. 383

22 Vgl. Berry (1990), S. 232 ff.

23 Vortkamp (2008), S. 67

24 Schulte/Treichler (2010), S. 44

25 BAMF (2004), S. 233/234

26 Vgl. Beger (2000), S. 10

27 Vortkamp (2008), S. 65

28 Vgl. Hans (2010), S. 43 ff.

29 Niedermüller (2004), S. 41

30 Vgl. Kreft/Mielenz (62008), S. 963

31 Sang/Ward (2006), S. 258

32 Vgl. Haug/Pointner (2007), S. 384

33 Heckmann/Tomei (2003), S. 4

34 Siehe hierzu Kapitel 2.3.

35 Vgl. Heckmann/Tomei (2003), S. 4/5

36 Für einen Überblick aller Kriterien siehe Friedrichs/Jagodzinski (1999)

37 Friedrichs/Jagodzinski (1999), S. 12

38 Ebd. (1999), S. 12

39 Ebd. (1999), S. 14 ff.

Details

Seiten
47
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656084082
ISBN (Buch)
9783656084310
Dateigröße
757 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v183884
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Soziologie
Note
1,5
Schlagworte
Sportverein Migration Putnam Vereine Bowling Alone Fußball Sportsoziologie Sport Integration Sozialkapital Soziales Kapital

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Titel: Sportvereine und migrantische Integration in Deutschland