Lade Inhalt...

Gestaltungsmechanismen im Städtebau und deren kulturelle Entwicklung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 20 Seiten

Soziologie - Wohnen, Stadtsoziologie

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Geschichtliche Entwicklung der Kultur des Unterschieds

3 Gestaltungsmechanismen

4 Analyse des heutigen Stadtbildes Wien
4.1 Gitternetz
4.2 1. Bezirk
4.3 Wohnbauinitiative „Rotes Wien“
4.4 Symbole
4.5 13. Bezirk Werkbundsiedlung Lainz
4.6 Wohnpark Alt Erlaa
4.7 Hundertwasserhaus
4.8 Gasometercity
4.9 Sonstige

5 Schluss:

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Richard Sennett, amerikanischer Soziologe, der selbst im Armenviertel Cabrini Green in Chicago aufwuchs, beleuchtet in seinem Buch „Civitas Die Großstadt und die Kultur des Unterschieds“ die städtebaulichen Entwicklungen im Zusammenhang mit der Kultur der Gesellschaft. Er beleuchtet die zunehmende Neutralisierung der Stadt, die Verbannung des Inneren in den Raum, die damit einhergehende Abgrenzung von Funktionen und die damit in Zusammenhang stehende Kultur der Gesellschaft. Einführend werde ich einen kurzen Überblick über sein Buch geben, hierauf aufbauend möchte ich die von Sennett angesprochenen Gestaltungsmöglichkeiten beleuchten und anschliessend Wien anhand einiger konkreter Gebäude analysieren.

2 Geschichtliche Entwicklung der Kultur des Unterschieds

Sennett beschreibt die Entwicklung der Großstadt und ihrer Kultur zeitlich beginnend in der Zeit der alten Griechen in der Antike, also um das 5. Jh. vor Christus. So beschreibt er das Leben bei den alten Griechen als eine Lebensform, in der die Innerlichkeit und Äusserlichkeit eines Menschen zusammengehören und gemeinsam auftreten. Bedingt ist dies durch die Kultur des göttlichen Wirkens. So schreibt Sennett: „Bei den alten Griechen erfuhren die Menschen durch Sehen und Handeln, das ganze Leben spielt sich vor ihren Augen ab“ (Sennett, 2009), die Agora war der Marktplatz, das religiöse Zentrum, das ebenso zu Versammlungen und Beratungen genutzt wurde,sowie als Ortdes persönlichen Treffens, in dem man sich mit seiner Innerlichkeit wie mit seiner Äußerlichkeit preisgab – das „Dasein“ war „erfüllt vom göttlichen Wirken.“(vgl. Sennett, 2009, S. 21). Dies spiegelt auch gemäß Sennett die Erfahrung der Orts- und Heimatlosigkeit der jüdisch-christlichen Kultur wieder. So zitiert Sennett die Historie des christlichen Volkes mit den Worten Augustinus „Von Kain nun steht geschrieben, dass er eine Stadt gründete, Abel aber als Fremdling tat dies nicht. Denn Droben ist die Stadt der Heiligen, wenn sie auch hienieden Bürger erzeugt, in denen sie dahinpilgert, bis die Zeit ihres Reiches herbeikommt.“ (vgl. Sennett, 2009, S. 22, Zitat von Augustinus, „De civitatedei“ (Von der Stadt Gottes)) „Die These von der Pilgerschaft in der Zeit, im Unterschied zur Ansiedlung an einem Ort, kann sich auf Jesus berufen, der seinen Jüngern nicht gestattete, Denkmäler für ihn zu errichten, und außerdem die Zerstörung des Tempels von Jerusalem verhieß.“ (vgl. Sennett, 2009, S. 22)

Mit der stetoskopischen Perspektive als Grundprinzip in „De CivitateDei“ trat die Differenzierung von Raum / Äusserlichkeit und Glaube /Innerlichkeit in Anlehnung an Platon auf. Augustinus (354-430) verteidigte seine Glaubensgenossen aufgrund der Anklage (w/Plünderung Roms 410 bei weitgehend unangetasteten Kirchen) des Volusianus und anderer Heiden: „man könne … ein guter Soldat und zugleich ein guter Christ sein, so sehr seien die Sphäre des Kampfes und die Welt der inneren Erfahrung voneinander geschieden“ (vgl. Sennett, 2009, S. 22, Zitat aus „De civitatedei“ (Von der Stadt Gottes))

Nicht nur , dass damit die Neutralisierung der Lebenswelt in Gang gebracht wurde, auch wurden durch den römisch-katholischen Grundgedanken die Machtverhältnisse zwischen der Kirche als Institution und den Gläubigen auf der Suche nach Gott neu geordnet und festgelegt.

„Suche nicht draußen! Kehre in dich selbst zurück! Im Innern des Menschen wohnt die Wahrheit.“ (Augustinus, De Vera Religione)

Ab dem 7. Jh. entstand ein Netz von Städten in der christlichen Verpflichtung, Obdach zu gewähren, die Bauleute arbeiteten mit großer „Kraft der Hingabe“, da die „Männer an einem idealen Inneren“ bauten, indem „das Licht des Glaubens die Schatten der Differenz“ verbargen (vgl. Sennett, 2009, S. 29)

Der Dualismus zwischen Innen und Aussen des römisch-katholischen Grundgedanken spiegelte sich auch in der Stadt des Mittelalters durch die Urbs und die Civitas wieder, wobei urbsdie aus Stein gebaute Stadt bezeichnet und Civitasdie Empfindungen, Rituale und Anschauungen, die in einer Stadt Gestalt annehmen ausmachen.

Bei der Urbs sollte der sakrale Raum anders aussehen als der säkulare Raum. Das Sakrale war gekennzeichnet durch eine genau markierte Mitte, präzise und sorgfältig gestaltet, das Wort Gottes regierte, die kreuzförmige Anlage der Kirche veranschaulicht Christi Leiden, die architektonische Höhe verweist auf Jesu Christis Himmelfahrt. Damit musste der Mensch nicht mehr nach seinem spirituellen Innern suchen, sondern begibt sich auf die „Insel“ Kirche als Ort der Erleuchtung.

Das Säkulare war ein dichtes Netz von säkularen Gebäuden, von engen, ineffizienten Strassen durchzogen.

In der Großstadt erzeugte die Zusammenballung von Menschen den Kontrast zwischen sakraler Obhut und säkularer Gleichgültigkeit (säkulare Stadt ein Ort der moralischen Amnesie – Leid als Schauspiel)

Durch die Reformierung des Glaubens, die Entstehung des Protestantismus in verschiedenen Ausformungen (im 16 . - 18. Jh.), z.B. Puritanismus und Calvinismus, erschien „die Welt“ „nicht mehr als Jammertal, sondern als eine vom Schweigen erfüllte Wildnis.“ (vgl. Sennett, 2009, S. 71). Zum Verständnis der protestantischen Religion gehörte die Prädestinationslehre, die besagte, dass die Erlösung oder Verdammnis von Gott vorausbestimmt war. In Unwissenheit um die eigene Bestimmung sollte der Protestant sein Leben selbst in die Hand nehmen, um Gott zu gefallen. „Er hatte die Pflicht, … die unerforschlichen Reichtümer Christi zu preisen.“ (vgl. Sennett, 2009,S. 72). Man konnte nur bestehen, wenn man selbst nicht an der Erwählung zweifelte, sondern wenn man lebte, als sei man erwählt, d.h. man hielt sich an eine tugendhafte Lebensführung, tat keine Buße, führte keine vertrauensvollen Gespräche des Zweifelns mit Anderen. Somit wurde der Ort des Innern zum Ort des radikalen Individualismus, unsichtbar für die Umwelt. Anzustrebende Werte waren Selbstbeherrschung, Neutralisierung und Anonymität.„Es gibt nichts, was so wichtig wäre, wie der innere Kampf. Deshalb kann man mit dem Außen instrumentell und manipulativ verfahren, denn dort draußen gibt es nichts, worauf es wirklich ankommt.“ (vgl. Sennett, 2009, S. 76)

Eine weitere Zäsur erfuhr die Entwicklung zur Neutralisation der Kultur des Unterschieds durch die Industrielle Revolution im 18. Jh., die einherging mit der Urbanisierung und Säkularisierung. Es fand eine Verschiebung der inneren Offenbarung von der Kirche in die Familie, verortet ins Heim, also ins Haus oder in die Wohnung, statt. „Das häusliche Heim wurde zu einer säkularen Version der spirituellen Zuflucht.“ (vgl. Sennett, 2009, S. 43)„Darin besteht die wahre Natur des Heims – es ist der Ort des Friedens: die Zuflucht nicht nur vor aller Verletzung, sondern vor allem Schrecken, allem Zweifel, aller Zwietracht. Wenn es dies nicht ist, dann ist es kein Heim.“ (vgl. Sennett, 2009, S. 42, Zitat von John Ruskin, 1865, Sesam und Lilien)

Hinweisen möchte ich in diesem Zusammenhang aber darauf, dass es einen signifikanten Unterschied zwischen den Arbeitern und der bürgerlichen Gesellschaft gab. Diese Ausprägung der sprirituellen Zuflucht im Heim erfolgte nur in bürgerlichen Familien.Bedingt durch die Tatsache, dass vorher kein ausgeprägter Mietermarkt vorhanden war, trat ein Wohnungsnotstand, insbesondere für kleine, erschwingliche Wohnungen für Arbeiter, ein. Es entwickelten sich Untervermietung und Schlafgängertum. Diese halboffene Wohnweise war einerseits bedingt durch die wirtschaftliche Situation der Arbeiter, andererseits geht es als Kulturleistung des Proletariats im Sinne von Integration ein. Die Wohnung als Ort der Familie, als Ort der Intimität und Emotionalität mit funktionaler Trennung gibt es nicht.(vgl. www. Demokratiezentrum.org, Sozialer Wohnbau in Wien - Eine historische Bestandsaufnahme, Eigner, Matis, Resch 1999).

„Die Wohnungsnot war aber kein spezifisch Wiener Problem, sondern stand generell inVerbindung mit den sozialen und wirtschaftlichen Phänomenen der Industrialisierung undUrbanisierung. In Westeuropa, wo diese Prozesse schon früher eingesetzt hatten, verfügte mandaher bereits über einschlägige Erfahrungen. So hatten in England und Frankreich bereits inder ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts „utopische Sozialisten“ wie Robert Owen (1771–1858)und Charles Fourier (1772–1837) Konzeptionen für genossenschaftliche industriell-agrarischeSiedlungen auf dem Lande entwickelt. In diesen sollten die Betroffenen menschenwürdigeArbeits- und Lebensbedingungen vorfinden und gleichzeitig die Widersprüche zwischenUnternehmer- und Arbeiterklasse überwunden werden. In der Praxis schlugen diese sozialenExperimente zwar fehl, jedoch insbesondere die Gedanken Owens, der heute als Urheber derenglischen Genossenschafts- und Gewerkschaftsbewegung gilt, wirkten in der weiterenEntwicklung nach.“(vgl. www. Demokratiezentrum.org, Sozialer Wohnbau in Wien - Eine historische Bestandsaufnahme, Eigner, Matis, Resch 1999).

Diese Differenzierung zwischen Gemeinschaften vs. Gesellschaft beschreibt auch Sennett: Einerseits für den Traum der Sozialisten, wie Saint-Simon, andererseits aber auch, um den oben von Matisbeschriebenen Wohnungsnotstand zu beheben,versuchten Sozialisteneine bessere Gesellschaft durch kleine, überschaubare Gemeinschaften zu schaffen:

Saint-Simon versuchte, kleine, überschaubare, intime Gemeinschaften zu errichten, in denen Arbeiter, Eigentümer und Händler gemeinsam leben sollten; der tägliche Umgang, der direkte Austausch zwischen ihnen, …, sollte den Klassenhass überwinden.“Diese Vision hat Ferdinand Tönnies (1855-1936) mit dem Begriffsgegensatz „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“ beschrieben (vgl. Sennett, 2009, S. 47)

Dabei bildete eine Gemeinschaft direkte soziale Beziehungen in einem begrenzten, sozial überschaubaren Raum. Die Gesellschaft dagegen war ein anonymer, gesellschaftlicher Austausch.

Zurückkommend auf die bürgerliche Gesellschaft, in der durch Zuflucht ins Heim der innere Frieden hergestellt werden sollte, wurde auch dieses Heim zum Austragen von Kämpfen um Macht im Machtgefüge. „Erst im häuslichen Heim werden sie füreinander offenbar.“ (vgl. Sennett, 2009, S. 46)Die Rolle der Frau gerät in die Auseinandersetzung. Die Bedeutung des Heims wandelte sich vom „trauten“ Heim, zum „Kampfplatz der Frau“ um ihre Daseinsberechtigung. So wurde 1879 imAppelton´s Journal abgedruckt: „Das Heim sei für die Frau nicht Rückzugsort, es ist vielmehr ihr Kampfplatz, ihre Arena, ihr Spielfeld, ihr Wirkungskreis. Für die Frau bedeutet das Haus kämpferisches Leben; für den Mann bedeutet es Ausruhen. (…) Sie hat keinen anderen Wirkungskreis.“ (vgl. Sennett, 2009, S. 55) Gleichzeitig wurden die Erziehungsmodalitäten überprüft anhandFreuds These, dass Charakter formbar ist, dass der Menschsomit geprägt ist von der frühen Lebensphase. Somit wurde der kindlichen Entwicklung besondere Bedeutung eingeräumt; das Haus (die Wohnung) wurde als Schutz vor äußeren, gefährdenden Einflüssen betrachtet. (vgl. Sennett, 2009, S. 56)

Im Laufe des 19. Jh. wurde eine immer weiter fortschreitende Segmentierung der Räume in Schlaf-, Wohn-, Kinder-, Eßzimmer und Küche vorgenommen. Aber „die Logik von Einschließung und Aufteilung trug nicht dazu bei, engere und zärtlichere Beziehungen innerhalb der Familie zu ermöglichen“, sondern „diese Aufspaltung erzeugte Isolation.“ (vgl. Sennett, 2009, S. 53) Es kam zu stärkerer Vereinzelung und zu größerer Ungleichheit.

Bereits Max Weber beschrieb diese Entwicklung in der protestantischen Ethik. So formulierte er: „Die christliche Askese, anfangs aus der Welt in die Einsamkeit flüchtend, hatte bereits aus dem Kloster heraus, indem sie der Welt entsagte, die Welt kirchlich beherrscht. Aber dabei hatte sie im ganzen dem weltlichen Alltagsleben seinen natürlich unbefangenen Charakter gelassen. Jetzt trat sie auf dem Markt des Lebens, schlug die Tür des Klosters hinter sich zu und unternahm es, gerade das weltliche Alltagsleben mit ihrer Methodik zu durchtränken, es zu einem rationalen Leben in der Welt und doch nicht von dieser Welt oder für diese Welt umzugestalten.“ (vgl. Sennett, 2009, S. 88)

[...]

Details

Seiten
20
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656082200
ISBN (Buch)
9783656082231
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v183796
Institution / Hochschule
Universität Wien – Soziologie
Note
1
Schlagworte
Gestaltungsmechanismen Immobilien Städtebau Sennett Kultur Wien Geschichte Stadt Stadtbild Hundertwasserhaus Gasometercity Symbol Wohnpark Alt Erlaa Aufklärung

Autor

Zurück

Titel: Gestaltungsmechanismen im Städtebau und deren kulturelle Entwicklung