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Giftgasangriffe im Ersten Weltkrieg - Eine Bedrohung für Mensch und Umwelt

Seminararbeit 2007 9 Seiten

Medien / Kommunikation - Mediengeschichte

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Giftgas
2.1 Giftgas, die Antwort auf den Graben- und Stellungskrieg?
2.2 Der Einsatz von Giftgas im Ersten Weltkrieg und dessen Folgen

3. Ein Bild des Schreckens, in schwarz und weiß

4. Schlussbetrachtung

5. Literatur

1. Einleitung

Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeichneten sich erste Veränderungen in der bis dato konventionellen Kriegsführung ab. Vor allem der Krimkrieg von 1853 bis 1856 gilt als erster moderner Krieg der Weltgeschichte. Sowohl technisch als auch strategisch hielten vielerlei Innovationen Einzug, die zu einer neuen Form des Krieges beitrugen. Neben neuartigen Waffen für Infanterie und Artillerie spielte besonders die Eisenbahn als neues Fortbewegungsmittel eine ausschlaggebende Rolle.[1] Die strategisch schnelle Verlegung von ganzen Truppenteilen ermöglichte eine enorme Dynamik, die mit unter Kriegs entscheidend sein konnte.

Der Krimkrieg gilt aber auch als erster Graben- und Stellungskrieg, in dem auf beiden Seiten große Verluste zu verzeichnen waren. Eine Besonderheit hierbei ist, dass die meisten Opfer vor allem an ihren Verwundungen oder den daraus resultierenden Folgeerkrankungen verstorben sind, was nicht zuletzt durch die schlechte Versorgungslage bedingt war. Hier lassen sich bereits einige Parallelen zum Ersten Weltkrieg herstellen. Sechzig Jahre nach dem Krimkrieg wurde im „Grand Guerre“[2] durch den Stellungskrieg das Kriegsgeschehen auf gleiche Weise geprägt und von Bildern verwundeter Soldaten dominiert.[3]

Eine weitere Besonderheit des Krimkriegs waren die so genannten Fotoreportagen, die erstmals das Kriegsgeschehen mit Hilfe von Fotografien der Öffentlichkeit präsentierten. Anders als die bis dato üblichen geschönten und künstlerisch freien Gemälde oder Zeichnungen zeigten die Bilder des Krimkriegs nicht nur die heroische, sondern auch die grausame Seite des Krieges.[4] Zu erwähnen sind hierbei die Aufnahmen von Roger Fenton, James Robertson oder Felice Beato, die Bilder von Schützengräben, Unterständen und den katastrophalen Folgeerscheinungen des Krieges gemacht haben.

Auch im Ersten Weltkrieg wurde das Medium Fotografie eingesetzt, wodurch ähnlich wie auf der Krim Bilder des Kriegsalltags entstanden sind. Diese übertrafen jedoch alles bisher da gewesene und zeigten welche Formen der Krieg im 20. Jahrhundert angenommen hatte. Auch 1914 führten wiederum technische Innovationen zu einer erneuten Wandlung der Kriegsführung, ähnlich der des Krimkrieges. Trauriger Höhepunkt war der Einsatz von Giftgas, das den verbitterten Graben- und Stellungskrieg schnell entscheiden und zum Ende führen sollte. Doch Anstelle des erhofften schnellen Kriegsendes führte das Giftgas als Kampfmittel zu noch grausameren Zuständen wie sie zuvor ohnehin schon vorgeherrscht hatten.[5] Diverse Fotografien jener Zeit übermitteln noch heute in ihrer Zeitzeugenschaft die grausame Realität und die Folgen der Giftgasangriffe. Die folgende Kurzarbeit wird sich mit der Thematik der Gaseinsätze im Ersten Weltkrieg und deren Zeitzeugenschaft auseinander setzen.

2. Giftgas

2.1 Giftgas, die Antwort auf den Graben- und Stellungskrieg?

Als direktes Kampfmittel wurde Giftgas erstmal im Ersten Weltkrieg eingesetzt. Aufgrund des erbitterten Stellungskrieges und den verhärteten Fronten im Westen waren sowohl für die Entente Mächte als auch für die Mittelmächte kaum noch bis gar keine Geländegewinnung mehr möglich. Beide Seiten hatten sich in Ihre Gräben, Stellungen und Unterstände verschanzt und warteten auf den Angriff des jeweils anderen. Sofern dieser noch möglich war, nicht abgewehrt und realisiert werden konnte, verschob sich die Frontlinie im Zuge des Vormarsches des Angreifers und dem oft daraus resultierenden Rückzug des Verteidigers nur um weniger Meter bis Kilometer, nur um wenig später in einem Gegenangriff erneut, diesmal in die andere Richtung, verschoben zu werden.[6]

Um einen alles entscheidenden Durchbruch und damit ein Ende dieser sich stetig wieder holenden Kette zu bewirken, wurde nach neuen strategischen Lösungen gesucht. Wie bereits in der Vorbetrachtung erwähnt, war im Ersten Weltkrieg ein enormes Potential an technischen Innovationen eingesetzt worden. Vor allem in der Weiterentwicklung von Panzern und Flugzeugen wurden enorme Fortschritte erzielt, doch war deren Einsatz noch nicht mit der Effektivität der Panzerverbände und Flugstaffeln des Zweiten Weltkrieges zu vergleichen, sodass eine Kriegsentscheidung weiter ausblieb. Die Lösung schien in der Anwendung von flächendeckenden Waffen zu liegen, wie sich beim massiven Einsatz von Artillerie, Minen und unterirdischen Sprengladungen herausstellte. Doch waren die Flächenbombardements nicht nur grausam für Mensch und Umwelt sondern auch sehr kostenintensiv und Rohstoff verzehrend. Aus dem Mangel an Rohstoffen heraus entstand die Idee das sehr viel kostengünstigere Giftgas flächendeckend gegen den Feind einzusetzen.[7]

2.2 Der Einsatz von Giftgas im Ersten Weltkrieg und dessen Folgen

Der Einsatz von Giftgas war noch vor dem Ersten Weltkrieg als unmilitärisch bezeichnet und laut Haager Landkriegsordnung verboten worden. Jedoch gerieten die ethischen und moralischen Bedenken angesichts der verlustreichen Kämpfe, vor allem an der Westfront, in den Hintergrund, sodass die Frage wie der Krieg geführt wird bei der Entwicklung von neuen Kriegswaffen und Kampfstoffen hinten angestellt wurde.[8]

Zunächst waren es die Franzosen, die als erste chemische Waffen an der Front „ausprobierten“. Hierbei handelte es sich um Tränengas-Munition der Pariser Polizei, die mit Bromessigsäureethylester, einem schwachen Tränengas, gefüllt war. Diese ersten Versuche stellten sich allerdings als Wirkungslos heraus, da sich das verwendete Gas im Freien, im Gegensatz zur Anwendung in geschlossenen Räumen, zu sehr verdünnt und seine Wirkung, Menschen Kampfunfähig zu machen, verloren hatte.[9]

Die ersten Versuche der Deutschen wurden mit Dianisidinchlorsulfonat später mit Xylylbromid durchgeführt, wobei sich beide Stoffe ebenso als ungeeignet herausstellten. Das größte Problem war die entstehende Hitze, die beim Abschuss der mit den Gasen gefüllten Granaten entstand. Aufgrund der hohen Temperaturen zersetze sich das Gas noch ehe es seinen Bestimmungsort erreichen konnte. Erst die Kombination aus Chlorgas und dem Blasverfahren brachte den gewünschten Erfolg. Das Chlorgas, das als Abfallprodukt der chemischen Industrie mit geringem Kostenaufwand zu beschaffen war, wurde nicht verschossen, sondern bei entsprechender Windrichtung aus den Behältern in Richtung feindliche Stellungen geblasen. Da das Chlorgas schwerer als Luft ist, verbreitet es sich nur in Bodennähe, wodurch es sich ideal für den Gasangriff eignete.[10]

Als Reaktion darauf verschossen die Franzosen Phosgengranaten, auf die die Deutschen wiederum mit Senfgas, dem „Gelbkreuz“, später mit „Blaukreuzkampfstoffen“ und dem „Grünkreuz“ antworteten. Das Senfgas hatte schwere Verätzungen der Haut zur Folge, griff aber auch die Augen und Atemwege an, was in der Regel zum Tod führte. Gegen diese Kampstoffe waren jegliche bis dahin bekannten Maßnahmen hilflos. Das galt auch für die Gasmaske, eine weitere Innovation, die in Folge der unerbittlichen chemischen Kriegsführung während des Ersten Weltkrieges Einzug erhielt und fortan zur Grundausrüstung eines jeden Soldaten gehörte.[11] Die neuen Kampstoffe durchdrangen die Filter der Gasmasken und führten dazu, dass viele ihren vermeintlich sicheren Atemschutz abnehmen mussten, worauf die Betroffenen an akuter Atemnot und Hustenanfällen litten und schließlich erstickten.

Die Gasangriffe im Ersten Weltkrieg forderten eine hohe Zahl an Todesopfer aber auch viele Verletzte, die sich Zeit ihres Lebens nicht mehr von ihren Verletzungen erholten. Die genaue Anzahl der an Kampfgas Vergifteten und Toten ist nur schwer festzustellen, da der Großteil der Soldaten erst nach dem Krieg an den Spätfolgen verstarb. Nach heutigen Einschätzungen kann von etwa 500.000 Vergifteten und mehr als 20.000 Toten ausgegangen werden. Vor allem die durch die Phosgengeschosse der Franzosen ausgelösten Spätfolgen führten oft zum Tod der Betroffenen, sodass auf diesen Kampfstoff die meisten Gasopfer zurückzuführen sind.[12]

3. Ein Bild des Schreckens, in schwarz und weiß

Wie bereits zuvor erwähnt entstanden auch im Ersten Weltkrieg Fotos über den Kriegsalltag, auf denen deutlich wurde, wie der Krieg in Wirklichkeit war. Vielen Menschen in der Heimat wurde erst da bewusst in welcher Lage sich Ihre Brüder, Ehemänner und Söhne an der Front befanden. Das sah zu Kriegsbeginn noch ganz anders aus. Noch ehe die ersten Schüsse vielen, brach in den Ländern Europas eine aus heutiger Sicht unfassbare Euphorie aus, die mit einer Welle von Freiwilligenmeldungen begleitet wurde. Doch wandelte sich die Kriegsbegeisterung sehr schnell in Verachtung für den grausamen Krieg, der vor der eigenen Haustür tobte.[13] Maßgeblich dürfte hierzu auch das zu dieser Arbeit beiliegende Bild[14] beigetragen haben, auf das im Folgenden näher eingegangen werden soll.

Es handelt sich hierbei um eine schwarz-weiß Fotografie, die vermutlich aus dem Jahr 1915 stammt und während bzw. nach der Schlacht bei Ypern in Belgien aufgenommen wurde. Der Fotograf ist leider unbekannt. Auf dem Bild ist eine Gruppe von Soldaten zu erkennen, die die Augen notdürftig verbunden und ihre Hände auf den Schultern des jeweiligen Vordermannes gelegt haben. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich hier um Opfer eines Giftgasangriffes, die sich im Gänsemarsch auf den Weg ins Lazarett befinden. Den Uniformen, Helmen und Rangabzeichen nach sind auf dem Foto britische Soldaten abgebildet. Vermutlich erlitten diese ihre Verletzungen durch das bereits angesprochene Senfgas der Deutschen, das in diesem speziellen Fall vor allem die Augen der Soldaten angegriffen hatte. In Folge dessen war es den hier Abgebildeten offensichtlich nicht mehr möglich etwas zu sehen und ohne fremde Hilfe zu recht zu kommen.

Zudem zeigt sich, dass sowohl einfache Soldaten als auch Offiziere gleichermaßen betroffen waren, was wiederum den Rangabzeichen auf den Uniformen zu entnehmen ist. Die Größe der Gruppe vermittelt mit Sicherheit nicht das ganze Ausmaß des Giftgasangriffes, da hier vermutlich nur ein Teil der Menschenkette fotografiert wurde. Dieser Ausschnitt lässt noch weitere Soldaten vor bzw. hinter den Fotografierten erahnen, die nur zum Teil zu erkennen sind. Dies spricht für die Grausamkeit des Giftgases, das im Gegensatz zu einem einzelnen Gewehrschuss nicht nur einen Einzelnen verwundet oder tötet, sondern in seiner flächendeckenden Wirkung eine Vielzahl von Menschen und ganze Teile der gegnerischen Armee kampfunfähig machte.

Im Bildhintergrund sind Soldaten oder gar direkte Kameraden der verletzten zu sehen, denen hier vor Augen geführt wurde, welche grausame Form der Krieg angenommen hat und welches Schicksal die an ihnen vorbei Ziehenden nun erleiden müssen und was unter Umständen auf sie selbst wartet, wenn sie wieder an die Front geschickt werden. Ihren Gesichtern kann man nur im Ansatz entnehmen was ihnen in diesem Moment durch die Köpfe gegangen sein dürfte. Die Auswirkungen dieser Angriffe und deren Folgen auf die Moral aber auch auf das Weltbild der Soldaten müssen verheerend gewesen sein, von der Wirkung in der Heimat ganz zu schweigen. Grausamkeit und Unmenschlichkeit, ist das, was dieses Bild vermittelt.

[...]


[1] Vgl. Ballhausen, Hans-W./ Bernlochner, Ludwig/ Hermann, Michael/ Schwalm, Eberhardt/ Völker,

Peter: Geschichte und Geschehen 9, Stuttgart 1988, S. 146 ff.

[2] La Grand Guerre ist die französische Bezeichnung für den Ersten Weltkrieg und bedeutet der große Krieg.

[3] Vgl. Ballhausen, Hans-W./ Bernlochner, Ludwig/ Hermann, Michael/ Schwalm, Eberhardt/ Völker, Peter, S. 146 ff.

[4] Vgl. Judd, Denis: The Crimean War, London 1975, S. 22-25.

[5] Vgl. Zentner, Christian: Der Erste Weltkrieg, Rastatt 2000, S. 321-326.

[6] Vgl. Salewski, Michael: Der Erste Weltkrieg, Paderborn u. a. 2003, S. 201-216.

[7] Vgl. Zentner, Christian, S. 285-303.

[8] Vgl. Salewski, Michael, S. 161-172.

[9] Vgl. Martinetz, Dieter: Vom Giftpfeil zum Chemiewaffenverbot: Zur Geschichte der chemischen Kampfmittel, Leipzig 1996, S. 50-67.

[10] Vgl. ebd., S. 63-72.

[11] Vgl. ebd., S. 70-73.

[12] Vgl. Salewski, Michael, 348-363

[13] Vgl. Ballhausen, Hans-W./ Bernlochner, Ludwig/ Hermann, Michael/ Schwalm, Eberhardt/ Völker, Peter, S. 146 ff.

[14] Vgl. Anhang.

Details

Seiten
9
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656080817
ISBN (Buch)
9783656081159
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v183705
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
1,7
Schlagworte
giftgasangriffe ersten weltkrieg eine bedrohung mensch umwelt

Autor

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Titel: Giftgasangriffe im Ersten Weltkrieg - Eine Bedrohung für Mensch und Umwelt