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Türkei und Europa

Kulturelle Unvereinbarkeit?

Seminararbeit 2006 17 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Europäische Union

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Historischer Hintergrund

3. Die Beziehung Europas und der Türkei in kultureller Hinsicht
3.1 Europäische Identität und Kulturverständnis
3.2 Die türkische Kultur
3.3 Christentum und Islam

4. Zusammenfassung

5. Literatur

1. Einleitung

Europa, es ist der zweitkleinste Kontinent der Erde und obwohl es eigentlich nur ein kleiner Teil der Eurasischen Landmasse ist, wird es auf Grund seiner Geschichte und Bedeutung als eigener Kontinent angesehen und vom übrigen Asien klar abgetrennt. Der Name entstammt der griechischen Mythologie. In dieser war Europa eine junge Frau, die vom Göttervater Zeus in Gestalt eines Stieres entführt und auf die Mittelmeerinsel Kreta verschleppt wurde. Nach gegenseitigem Liebesgeständnis und Heirat benannte Zeus den kleinen Subkontinent nach seiner Geliebten und Ehefrau. In der weiteren Überlieferung der Sage ging von eben dieser Mittelmeerinsel die abendländische Kultur, die Geschichte Europas hervor.

Nach der Sinngemäßen Übersetzung aus dem phönizischen und griechischen steht das Wort für Dunkel oder Schattenreich. Da sich dieser Erdteil im Westen der damaligen bekannten Welt und somit in der Himmelsrichtung der untergehenden Sonne befand, wurde er auch als Abendland bezeichnet. Dieses stellt das Gegenstück zum übrigen Teil dieser Weltdarstellung, dem Morgenland dar, dessen griechische Übersetzung Anatole auf Kleinasien oder Anatolien verweist, das ca. 97 % des heutigen türkischen Staatsgebietes ausmacht. Dessen übrigen 3 % liegen im Südosten Europas und sind teils Grundlage für eine aktuelle Zugehörigkeitsfrage der Türkei. Denn durch die Unterscheidung zwischen Abend- und Morgenland entstand schon früh eine geografisch südliche Abgrenzung zwischen den beiden Kontinenten Europa und Asien, die sich auch in aktuellen Karten wieder findet. Als diese Grenze gilt bereits seit der Antike der Bosporus.

Doch nicht nur rein geografische Aspekte deuten auf die Teilung in zwei Kontinente hin. Die abendländische Kultur entwickelte sich in einem starken Gegensatz zu morgenländischen Lebensweisen und Weltanschauungen, was bis zur Gegenwart auch eine ideologische und geistige Abgrenzung Europas und Asiens förderte. Eine religiöse Teilung ging von der Festigung des Christentums und des Islams aus, die wiederum jeweils kulturelle Richtlinien vorgaben.

Blickt man Heutzutage auf Europa sieht man ein Gebilde aus vielen einzelnen souveränen Staaten, die sich in einem Einigungsprozess befinden. Dieser verfolgt ein vereintes und friedliches Miteinander aller Völker Europas und wird in der Europäischen Union verwirklicht. Die EU, die ein Staatenverbund bestehend aus 25 europäischen Mitgliedstaaten repräsentiert, entstand aus historischen Ideen einer abendländischen Kultureinheit Europas, in denen gemeinsames wirtschaftliches und politisches Handeln, beruhend auf gleichen kulturellen Vorstellungen und Interessen, vorgesehen wurde. Die Europäische Union verfolgt sowohl Intergouvernementahle als auch supranationale Interessen im Sinne der Europäischen Gemeinschaft, die neben der gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik und der Zusammenarbeit in der Innen- und Justizpolitik die dritte tragende Säule der Europäischen Union darstellt.[1] Aufgrund der zunehmenden Ausdehnung und Präsens der EU, wird diese des Öfteren mit Europa gleichgesetzt Die Bezeichnungen Abend- und Morgenland werden kaum noch verwendet und sind längst nicht mehr zeitgemäß.

Doch was ist das Europa von Heute wirklich? Wo beginnt es, wo endet es? Welche Staaten gehören dazu und in welchen Beziehungen stehen diese untereinander? Was macht Europa aus? Welche kulturellen Wurzeln hat es? Diese Fragen ergeben sich im Zuge der EU- Beitrittsverhandlungen zwischen der Europäische Union und der Türkei und sollen Gegenstand dieser Arbeit sein. Hierbei wird geprüft in welchem kulturellen Verhältnis die Türkei zu Europa steht. Dabei soll ein möglicher EU-Beitritt der Türkei berücksichtigt und geprüft werden. Besonderes Hauptaugemerk gilt dem Aspekt der kulturellen Vereinbarkeit von Türken und Europäern. Können der Islam und das Christentum, die abend- und morgenländische Kultur zusammen harmonieren, oder stellen sie einen unüberwindbaren Gegensatz zueinander dar? Im Abschluss wird anhand der gewonnen Erkenntnisse dargestellt, welchen Platz die Türkei im gegenwärtigen Europa einnimmt.

2. Historischer Hintergrund

Eine nähere Betrachtung der historischen Wurzeln der Türkei gibt Aufschluss darüber, welche Beziehungen die Türken in der Geschichte zu Europa hatten. Anhand dieser Erkenntnisse lässt sich, vom heutigen geografischen Stand abgesehen, ein genaueres Bild der Zugehörigkeit der Türkei zu Europa darstellen. Dieses soll nun durch einen kurzen Abriss der europäisch-türkischen Geschichte dargelegt werden.

Wie ich bereits schon erörtert habe, wurde das Gebiet der heutigen Türkei mit der Einteilung in Abend- und Morgenland schon frühzeitig indirekt als nicht europäisch bezeichnet. Wohlmöglich ergab sich daraus wiederum eine frühe unterschiedliche kulturelle Entwicklung. Besonders die Geschichte Europas die das Christentum, Wissenschaften, und bekannte Rechtsauffassungen hervorbrachte, scheint zur orientalischen Geschichte mit deren kulturellen Errungenschaften und Religionen klar im Gegensatz zu stehen.[2] Doch bedeuten diese geografische Definition und die damit verbundene getrennte Entwicklung nicht gleich den Ausschluss der Türken aus Europa. Betrachtet man den weiteren historischen Verlauf zeigt sich schnell, dass mit dem Aufstieg des Osmanischen Reiches und dessen rasche Ausbreitung seit dem Beginn des 14. Jahrhunderts dieses Volk keineswegs fremd in Europa ist oder war. In der Zeit von 1337 bis 1481 gelang es dem Osmanischen Reich sein Hoheitsgebiet bis zur Donau und damit auf den gesamten Balkan auszudehnen. Bis Mitte des 16. Jahrhunderts wurde die Expansionspolitik weiter fortgesetzt. Deren Höhepunkt wurde 1683 mit dem erneuten Vormarsch auf Wien erreicht. Zu diesem Zeitpunkt grenzte das Türkische Reich, wie es auch von den Europäern genannt wurde, bis an Polen und Russland und beherrschte neben seinen Gebieten in Kleinasien, Nordafrika und Arabien nahezu den ganzen europäischen südöstlichen Raum. Während der türkischen Besetzung der europäischen Gebiete waren diese den Einflüssen des Osmanischen Reiches ausgesetzt und wurden teilweise nach türkischem Vorbild verändert. So ergaben sich gemeinsame kulturelle Wege, deren Spuren immer noch zu finden sind. Einfachstes Beispiel sind Überbleibsel osmanischer Architektur in Griechenland, die ein begehrtes Ziel europäischer Touristen sind. Darüber hinaus entstanden erste diplomatische Beziehungen zu den Großmächten Europas.[3]

In der Folgezeit vollzog sich eine entgegen gesetzte Entwicklung. Die Osmanen mussten sich nach einer Reihe von Niederlagen gegen die europäische Heilige Allianz an allen Fronten in Europa geschlagen geben. Damit wurde den türkischen Expansionsbestrebungen ein Ende gesetzt. In weiteren Auseinandersetzungen mit Österreich und Russland im 17. und 18. Jahrhundert erlitt das Osmanische Reich weitere Gebietsverluste. Im Zuge der Nationalen Bewegung im 19. Jahrhundert forderten die besetzten Staaten ihre Unabhängigkeit und erhoben sich gegen ihre osmanischen Unterdrücker. Auf dem Berliner Kongress von 1878, der die Verhältnisse nach der Balkankrise von 1875-1878 und dem darauf gefolgten russisch-türkischen Krieg von 1878 regelte, wurde die Selbstständigkeit Rumäniens, Serbiens und Montenegros und damit die Abtretung dieser Staaten durch das Osmanische Reich bestimmt. Gebiete Griechenlands wurden bereits 1830 unabhängig. Damit war der europäische Teil des Osmanischen Reiches stark geschrumpft und der Kranke Mann am Bosporus hatte kaum noch Einfluss auf die Geschehnisse in Europa.[4]

In Folge des verlorenen ersten Weltkriegs an deutscher Seite wurde das Osmanische Reich endgültig aufgelöst. Nach dem Waffenstillstand und der Besetzung der übrigen Gebiete durch die Siegermächte entstand unter Mustafa Kemal, dem späteren Präsidenten der Türkei, eine türkische Nationalbewegung, die sich gegen das Besatzungsregime auflehnte und aus der die heutige Türkei hervorging. Dieser neue türkische Staat wurde bis auf Kleinasien beschränkt und ist bis in die Gegenwart nur noch mit Istanbul und 3 weiteren Provinzen Teil des europäischen Festlands.[5]

Die so eben zusammengefasste Entwicklung der türkischen Geschichte zeigt, dass die Türkei mit Europa eine gemeinsame Vergangenheit aufweist. Darüber hinaus macht sie deutlich, dass sie nicht nur über Jahrhunderte ein Teil Europas war, sondern dieses in der gleichen Zeit stark prägte. Sowohl die diplomatischen Verhandlungen als auch die kriegerischen Auseinandersetzungen mit den europäischen Großmächten vergangener Tage beschreiben langjährige Beziehungen zwischen Europäern und den Türken. Des Weiteren ergeben sich aus der gemeinsamen Geschichte die bereits erwähnten kulturellen Überschneidungen. Diese Aspekte deuten auf eine Zugehörigkeit der Türkei zu Europa hin. Ob diese jedoch noch zeitgemäß oder erwünscht ist, bleibt fraglich.

3. Die Beziehung Europas und der Türkei in kultureller Hinsicht

Bei der Frage ob die Türkei zu Europa gehört oder in welcher Beziehung die Türken zu den Europäern stehen, ist es nicht nur notwendig historische oder vielleicht geografische Aspekte sondern auch kulturelle Kriterien zu berücksichtigen. Diese ergeben sich wiederum aus den zuvor genannten Ansatzpunkten. Sowohl die territoriale Lage als auch die Geschichte prägten das heutige Kulturverständnis in den jeweiligen Regionen, was bereits in der Erläuterung von Abend- und Morgenland dargelegt wurde.

Obwohl es einige Meinungen gibt, die bezüglich der geografischen Zuordnung von einer nicht klaren Abgrenzung und offenen Definition der Kontinente ausgehen, spricht sich eine Vielzahl von Fachleuten weiterhin für eine klare Grenze am Bosporus und damit für eine Zugehörigkeit der Türkei zu Asien aus. Die Vorstellungen einiger Türkei-Befürworter, die fantasievolle Theorien erfinden, wie die Idee die Türkei als Übergangs- ,Verbindungs- oder gar Brückenland zu sehen, deren Aufgabe eine Mittlerrolle zwischen verschiedenen Kultureinheiten sein soll, verweist auf ein größeres Problem als die geografische Zuordnung, nämlich der kulturellen Unterschiede dieser beiden Erdteile.[6]

Anders als bei der regionalen Abgrenzung, deren traditionelle Betrachtungsweise nun häufiger in Frage gestellt und als von der Gesellschaft produzierte historische Raumeinteilung der Welt abgetan wird, könnte eine Analyse der kulturellen Fakten mehr Aufschluss über die Zugehörigkeit der Türkei geben. Diese deuteten sich schon ansatzweise in der historischen Entwicklung des Osmanischen Reiches an und sind stark mit dieser verbunden. Doch welche kulturellen Aspekte sind das, die die Türkei im Vergleich zu Europa fremdartig und anders erscheinen lassen?

3.1 Europäische Identität und Kulturverständnis

Bei der Betrachtung des Kulturverständnisses einer Gesellschaft drängt sich unweigerlich die Frage auf, was Kultur ist, wie sie definiert wird und was sie beinhaltet. Sicher ist, dass der Begriff Kultur sich aus vielen Bereichen des menschlichen Lebens, wie Religion, Wissenschaft, Sprache und Kunst, zusammensetzt. Er beschreibt Werte, Lebensweisen und die Anpassung an ökologische Bedingungen. Diese Faktoren sind variabel und verändern sich im Laufe der Geschichte wie die gesellschaftlichen Systeme, die sie schaffen oder umgeben.[7] In Europa ist durch die Europäische Union und dem damit verbundenen Zusammenwachsen der beschriebenen Faktoren eine vielfältige Kulturlandschaft entstanden. Diese ist Ausdruck einer gemeinsamen Idee Europas und weckt in den Europäern erstmals den Gedanken einer gemeinsamen Identität.

Damit stellt Europa für viele eine gemeinsame Zivilisation dar, die eine einheitliche Wertevorstellung aufgrund der zusammengewachsenen Kultur hat. Dieser Prozess des Zusammenwachsens wird dabei nicht nur der EU sondern auch der gemeinsamen historischen Entwicklung zugeschrieben. In dieser Betrachtungsweise basiert die kulturelle europäische Identität somit auf der gemeinsamen Geschichte und Kultur, die laut dem französischen Historiker Alain Besancon die Anhäufung historischer Erfahrungen versinnbildlicht. In seiner Argumentation ist in Europa kein Platz für die Türken, deren geschichtliche Wurzeln im „Reich der Steppen“ liegen und keinesfalls europäischen Ursprungs sind.

Oft wird im Bezug auf die Frage der europäischen Kultur vom Erbe des römischen Imperiums und dessen kulturellen Errungenschaften gesprochen. Darüber hinaus sei das Europa der Gegenwart, laut Ivan Rioufol, das Resultat der Bibel und des Christentums, von dem die Türken ebenso ausgeschlossen wären wie vom europäischen Kontinent. Somit sind die Türken keinesfalls die Erben des Oströmischen oder Byzantinischen Reiches, was sie im Laufe der Geschichte nur erobert haben.

[...]


[1] Vgl. Europäische Union: Artikel auf Wikipedia [http://de.wikipedia.org/wiki/Europäische_Union]

[2] Vgl. Meier, Christian: Wo liegt Europa? Historische Reflexionen aus gegebenen Anlaß, in: Leggewie, Claus (Hg.): Die Türkei und Europa: Die Positionen, Frankfurt am Main 2004, S.32-38.

[3] Vgl. Hilgemann, Werner/ Kinder, Hermann: dtv-Atlas Weltgeschichte: Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution, Bd.1, 38. Auflage, München 2005, S. 208-209.

[4] Vgl. Hilgemann, Werner/ Kinder, Hermann: dtv-Atlas Weltgeschichte: Von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart, Bd. 2, 38. Auflage, München 2005, S. 358-359.

[5] Vgl. Osmanisches Reich: Artikel auf Wikipedia [http://de.wikipedia.org/wiki/Osmanische_Reich]

[6] Vgl. Schulz, Hans-Dietrich: Die Türkei: (K)ein Teil des geographischen Europas?, in: Leggewie, Claus (Hg.): Die Türkei und Europa: Die Positionen, Frankfurt am Main 2004, S.39-53.

[7] Vgl. Sen, Faruk (Hg.): Türkei und Europäische Gemeinschaft: Eine Untersuchung zu positiven Aspekten eines potentiellen EG-Beitritts der Türkei für die Europäische Gemeinschaft, Opladen 1992, S.103-104.

Details

Seiten
17
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783656080848
ISBN (Buch)
9783656081197
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v183699
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
1,7
Schlagworte
türkei europa kulturelle unvereinbarkeit

Autor

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Titel: Türkei und Europa