Lade Inhalt...

Die Theorie der komparativen Kostenvorteile nach David Ricardo

Hausarbeit 2011 29 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Wirtschaftsgeographie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Basismodell der komparativen Kostenvorteile
2.1 Modellannahmen
2.2 Das Einfaktormodell der Volkswirtschaft
2.3 Das Einfaktormodell des Welthandels

3 Erweiterungen zur Theorie von Ricardo
3.1 Überlegungen zum Tauschverhältnis
3.2 Auswirkungen des Handels auf die Preise der Produktionsfaktoren
3.3 Die Einführung von Transportkosten und nicht-handelbaren Gütern

4 Identifikation von komparativen Kostenvorteilen mittels RCA-Analyse

5 Kritik am Modell der komparativen Kostenvorteile

6 Empirische Relevanz der Theorie

7 Fazit

Literatur

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Transformationskurve Portugals

Abbildung 2: Situation nach internationalem Handel

Abbildung 3: Produktivität und Exporte

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Stückkosten in Arbeitseinheiten

Tabelle 2: Opportunitätskosten in beiden Ländern

Tabelle 3: Produktion bei Handelsspezialisierung

Tabelle 4: Güterverteilung in den Nationen nach Außenhandel

Tabelle 5: Ex- und Importe verschiedener Industriewaren sowie Industriewaren insgesamt in ausgewählten Industrienationen 1994 in Mio. US-Dollar

Abbildungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

In fast allen europäischen Staaten hatte sich im 17. Jahrhundert die Wirtschaftsordnung des Merkantilismus durchgesetzt, dessen Grundgedanke ein absoluter Machtanspruch des Staates über die Bevölkerung und die Ökonomie ist (Treu, 2007). Um diese Macht langfristig zu ga- rantieren, stand die Vergrößerung des staatlichen Reichtums (in Form des Gold- und Silberbe- standes) an erster Stelle der merkantilistischen Wirtschaftspolitik. Dabei sollten diese Ziele vor allem durch eine aktive Handelsbilanz erreicht werden, da nur diese den Wohlstand der Nation sichert (Blaug, 1997). Dafür wurde im merkantilistischen System eine Vielzahl von handelsbezogenen Maßnahmen ergriffen, welche von der Erhebung von Schutzzöllen auf im- portierte Fertigwaren bis hin zu Verboten von Rohstoffexporten gingen. Darüber hinaus wur- de der Import von ausländischen Rohstoffen nur mit sehr geringen Einfuhrzöllen belegt (Blaug, 1997; Heineberg, 2006; Smith, 1778). Innerstaatlich hingegen wurden zur merkanti- len Zeit eine Vielzahl von Handelshemmnissen wie Binnenzölle oder unterschiedliche Maß-, Münz- und Gewichtssysteme, abgeschafft (Heineberg, 2006). Des Weiteren zielte der Mer- kantilismus auf eine schnelle Erhöhung der Zahl der Arbeitskräfte ab. Dies sollte zum einen über das natürliche Bevölkerungswachstum erreicht werden, zum anderen aber auch durch Auswanderungsverbote, staatlich geplante Ansiedlungen, die Verlängerung der Arbeitszeiten sowie den Einsatz von Kindern und Frauen im Arbeitsprozess (Blaug, 1997; Treu, 2007). Die Zeit des Merkantilismus ist darüber hinaus von Maßnahmen zur Stärkung der Produktion von gewerblichen Gütern geprägt. Hierzu zählten vor allem die Vergabe von Subventionen und Steuervorteilen für den Aufbau großgewerblicher Betriebe (Manufakturen, Fabriken) oder die Gründung und Gewährung von staatlichen Monopolen (Heineberg, 2006; Treu, 2007). Zur Verbesserung des Bezuges von Rohstoffen und zur Sicherung von neuen Märkten gründeten die merkantilistischen Staaten außerdem Handelskompanien, erschlossen Kolonien und führ- ten Handelskriege (Heineberg, 2006).

Jedoch erwies sich die „merkantilistische Politik der Privilegierung und Monopole […] langfristig als Hindernis für die wirtschaftliche Entfaltung. Sie schwächte u. a. den Innovationsgeist und die Risikobereitschaft der Unternehmen“ (Heineberg, 2006, S. 104). Hierdurch geriet die wirtschaftspolitische Ordnung des Merkantilismus zunehmend in die Kritik. Diese wurde u. a. vom britischen Nationalökonomen Adam Smith im Rahmen seines 1776 veröffentlichten Werkes „ über den Wohlstand der Nationen: Eine Untersuchung über seine Natur und seine Ursachen “ vorgetragen (Hollander, 1911; Treu, 2007).

Dabei kritisierte Smith vor allem die Existenz von Handelszöllen, welche monopolbildende Wirkung besitzen, sowie die staatliche Förderung von Monopolen (Smith, 1778). Dies hätte die Umverteilung der Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit von produktiveren in monopolisierte Sektoren und damit ein Verhindern der Wohlfahrtsmaximierung zur Folge (Treu, 2007). Smith (1778) forderte somit folglich eine Abschaffung sämtlicher Handelshemmnisse und die Einführung des internationalen Freihandels. Dies begründete er mit der von ihm entwickelten Theorie der absoluten Kostenvorteile. Demnach sollten sich die Nationen auf die Produktion des Gutes spezialisieren, bei denen sie einen absoluten Kostenvorteil1 besitzen. Über den internationalen Handel werden die Güter dann gegen solche getauscht, bei denen das Land einen absoluten Kostennachteil besitzt. Dadurch würden alle am Handel beteiligten Länder gegenüber dem Autarkiefall profitieren (ebd., 1778).

Allerdings konnte Adam Smith in seiner Arbeit nicht nachweisen, ob der Handel für die beteiligten Nationen auch für den Fall profitabel ist, dass eine Nation bei der Produktion von allen Gütern einen absoluten Kostenvorteil aufweist (MacDonald, 1912). Diese Frage ist der zentrale Aufhänger der Theorie der komparativen Kostenvorteile, welche David Ricardo2 im Rahmen seines Buches „ The Principles of Political Economy and Taxation “ entwickelte (Bathelt & Glückler, 2003; Krugman & Obstfeld, 2006; Kulke, 2009; Schätzl, 2003).

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Theorie der komparativen Kostenvorteile nach Ricardo vorzustellen. Dafür werden in den folgenden Abschnitten die der Theorie zugrunde liegenden Annahmen dargelegt, die Modellabläufe beschrieben, einige Modellerweiterungen erörtert, ihre konzeptionellen Schwächen aufgezeigt sowie die empirische Bedeutung diskutiert. Darü- ber hinaus wird mit der RCA-Analyse (Revealed comparative advantage) nach Balassa eine Möglichkeit dargestellt, die messbaren komparativen Kostenvorteile zu identifizieren.

2 Das Basismodell der komparativen Kostenvorteile

Die Grundhypothese der Theorie der komparativen Kostenvorteile lautet, dass sich „ein inter- nationaler Güteraustausch auch dann für zwei Länder lohnt, wenn eines der beiden Länder alle Produkte billiger produzieren kann als das andere Land“ (Baßeler, Heinrich, & Utecht, 2002).

2.1 Modellannahmen

Diese Hypothese und die dahinter stehende Theorie begründen sich dabei auf verschiedene Modellannahmen. Zur Vereinfachung bzw. zur verbesserten Anschaulichkeit beschränkt sich die folgende Betrachtung auf zwei Nationen, im Weiteren als England und Portugal bezeich- net. Darüber hinaus werden in beiden Ländern nur zwei Produkte hergestellt. Im folgenden Kapitel werden diese aus Gründen der Anschaulichkeit Wein und Tuch sein (Kemp & Okawa, 2006; Ricardo, 1837; Schätzl, 2003). Diese Produkte benötigen in ihrem Herstellungsprozess mit der Arbeitsleistung nur einen Produktionsfaktor. Dabei ist die Menge des Inputs an Ar- beitsleistung, welche zur Produktion einer Outputeinheit benötigt wird gleichbleibend, d. h. in der Theoriewelt Ricardos wird von konstanten Skalenerträgen ausgegangenen (Deardorff, 2005). Aufgrund der Annahme, dass im Ricardianischen Modell auf allen Märkten vollkom- mende Konkurrenz herrscht, existiert eine Vollbeschäftigung des Produktionsfaktors Arbeit (Schätzl, 2003). Des Weiteren werden die Arbeiter als einziger Produktionsfaktor als inter- sektoral mobil betrachtet, d. h. sie können je nach Bedarf im Herstellungsprozess der beiden Güter wechseln. Eine interregionale Mobilität der Arbeit ist in der Theorie der komparativen Kostenvorteile hingegen ausgeschlossen (Ruffin, 2002). Darüber hinaus unterstellt Ricardo, dass innerhalb eines Landes alle Haushalte bezüglich ihrer Altersverteilung, Arbeitsqualität und der Fähigkeit beide Güter herzustellen identisch sind (Kemp & Okawa, 2006; Pilz, 2009). Eine weitere Grundannahme der Theorie der komparativen Kostenvorteile betrifft die interre- gionalen Kosten zur Raumüberwindung. Den wirtschaftsordnungstechnischen Grundsätzen dieser Zeitepoche folgend stellt das Modell darauf ab, das keine Handelshemmnisse in Form von Handelszöllen oder Transportkosten anfallen. Der Handel zwischen den beiden Nationen wird in diesem Theoriekonstrukt nach der Produktion der Güter als Naturaltausch abgewickelt (Schätzl, 2003).

2.2 Das Einfaktormodell der Volkswirtschaft

Zur besseren Anschaulichkeit wird mit Portugal zunächst nur eine der beiden Nationen be- trachtet. Gemäß den Annahmen (siehe Kap. 2.1) produziert das Land mit Hilfe des Produkti- onsfaktors Arbeit insgesamt zwei Güter (Wein und Tuch). „Der technologische Stand der Volkswirtschaft […] wird in beiden Branchen anhand des Arbeitskoeffizienten gemessen“ (Krugman & Obstfeld, 2006). Dieser bezeichnet die Menge an Arbeit welche benötigt wird, um eine Einheit des jeweiligen Gutes herzustellen (Blaug, 1997; Maneschi, 2004). In den fol- genden Ausführungen werden dabei die Arbeitskoeffizienten zur Herstellung einer Mengen- einheit Wein als und für die Produktion einer Einheit Tuch als3 bezeichnet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Transformationskurve Portugals

(Quelle: eigene Darstellung nach Krugman & Obstfeld, 2006, S. 57)

Da den Annahmen folgend nur ein Produktionsfaktor existiert, entsprechen die Gesamtres- sourcen der Volkswirtschaft dem gesamten Arbeitsangebot (Krugman & Obstfeld, 2006). Diese Überlegungen spiegeln sich in Abbildung 1 wider. Die im Diagramm dargestellte Gera- de kennzeichnet die Transformationskurve, welche alle maximalen Produktionsmöglichkeiten Portugals der beiden Güter Wein und Tuch unter der Annahme einer bestimmten Menge an verfügbarer Arbeit darstellt (Baßeler u. a., 2002). symbolisiert hierbei die Menge an pro- duziertem Wein und an hergestelltem Tuch.

Damit errechnet sich die, für die in der Region real hergestellte Menge Wein, benötigte Arbeit aus . Die für die Tuchproduktion aufzubringende Arbeit ergibt sich analog aus . Die dargestellte Transformationskurve bestimmt sich dabei durch die Limitation der nutzbaren Ressourcen aus verfügbarem Arbeitsangebot (Krugman & Obstfeld, 2006). Formal lässt sich dieser Zusammenhang als:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

abbilden. Aus der Steigung der in Abbildung 1 dargestellten Transformationskurve ergeben sich Opportunitätskosten von einem Gut in Bezug auf das andere Produkt4. Sie geben somit in diesem Fall an, auf wie viel Einheiten Tuch Portugal verzichten muss, damit es eine Einheit Wein mehr produzieren kann (Ströbele & Wacker, 2000; Wildmann, 2010). Berechnen lassen sich diese Kosten durch die Division der beiden Arbeitsinputkoeffizienten (Krugman & Obstfeld, 2006).

Diese theoretischen Ausführungen sollen nun mittels eines Zahlenbeispiels verdeutlicht wer- den5. Wie schon bereits angeführt, produziert Portugal in seiner Volkswirtschaft zwei Güter: Wein und Tuch. Für die Herstellung einer Einheit Wein benötigt Portugal dabei den Input von

80 Arbeitseinheiten und für die Produktion einer Einheit Tuch insgesamt 90 AE . Darüber hinaus stehen Portugal für die Produktion seiner Güter insgesamt 170 Arbeitseinheiten zur Verfügung (Ricardo, 1837). Die Opportunitätskosten Portugals für die Herstellung einer weiteren Einheit Wein betragen damit:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das heißt, dass Portugal für die Herstellung einer weiteren Einheit Wein auf 0,88 Einheiten Tuch verzichten müsste. Die Opportunitätskosten Portugals für eine Einheit Tuch in Wein lassen sich analog berechnen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Somit beträgt Portugals Verzicht bzw. Verlust bei einer weiteren produzierten Einheit Tuch 1,125 Einheiten Wein (Blaug, 1997).

Im Autarkiefall wird Portugal mit seinen 170 zur Verfügung stehenden Arbeitseinheiten jeweils eine Einheit der beiden Güter Wein und Tuch produzieren (Schätzl, 2003).

Im folgenden Kapitel wird mit England eine zweite Nation in die Überlegungen mit einbezo- gen, um die Auswirkungen bzw. Vorteile von Arbeitsteilung und internationalem Handel auf- zuzeigen.

2.3 Das Einfaktormodell des Welthandels

England ist aufgrund seines technologischen Standes in der Lage, eine Einheit Wein mit 120 Arbeitseinheiten zu produzieren und benötigt für die Herstellung einer Einheit Tuch 100 AE. Insgesamt stehen England für seine Produktion 220 Arbeitseinheiten zur Verfügung (Ricardo, 1837).

Tabelle 1: Stückkosten in Arbeitseinheiten

(Quelle: eigene Darstellung nach Ricardo, 1837)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1 stellt die geschilderten Zusammenhänge der beiden Länder Portugal und England dar. Es wird ersichtlich, dass Portugal sowohl bei der Produktion von Wein als auch bei der Herstellung von Tuch einen absoluten Kostenvorteil gegenüber England besitzt. Dementsprechend weist England bei der Erstellung beider Güter einen absoluten Kostennachteil gegenüber Portugal auf (Schätzl, 2003). Die in Tabelle 1 abgebildete Situation kennzeichnet zudem die Verhältnisse im Autarkiefall. Beide Länder werden jeweils eine Einheit der zwei Produkte herstellen, sodass es im globalen Maßstab zur Produktion von zwei Einheiten Wein und zwei Einheiten Tuch kommt (Schätzl, 2003; Wildmann, 2007).

Wenn sich beide Nationen für die Aufnahme von arbeitsteiligen Außenhandelsbeziehungen entscheiden, stellt sich zunächst die Frage, welches Land die Produktion des jeweiligen Gutes übernimmt. Dies hängt davon ab, bei welcher Gütererstellung England und Portugal einen komparativen, also vergleichsweisen Vorteil bzw. Nachteil aufweisen (Baßeler u. a., 2002; Blaug, 1997; Krugman & Obstfeld, 2006; Ricardo, 1837; Schätzl, 2003; Wildmann, 2007). Zur Identifikation dieser müssen jedoch im Gegensatz zur Theorie Adams Smith‘ nicht die absoluten Kosten, sondern die Kostenverhältnisse vergleichen werden.

[...]


1 Absolute Kostenvorteile in einem Gut bedeuten, dass ein Land bei der Fertigung des Produktes eine durchge- hend höhere Arbeitsproduktivität aufweist als jedes andere Land. Am deutlichsten wird der Effekt in der Theorie nach Adam Smith bei der Betrachtung der Arbeit als einzigen Produktionsfaktor (Ströbele & Wacker, 2000).

2 In der wissenschaftlichen Diskussion existiert noch immer Uneinigkeit darüber, ob die Enddeckung des Prinzips der komparativen Kostenvorteile tatsächlich Ricardo zuzuschreiben sei. Einige Wissenschaftler sehen Robert Torrens mit seinem Artikel „Essay on the Corn Trade“ (1815) als Begründer der Theorie, andere vertreten den Standpunkt, dass James Mill die Theorie für Ricardo verfasst hätte (Aldrich, 2009; Kemp & Okawa, 2006; Ruffin, 2002; Seligman & Hollander, 1911). In der vorliegenden Arbeit wird sich zur Illustration der Kerngedanken des Theorieansatzes auf eine Betrachtung der Arbeit Ricardos beschränkt.

3 Dabei steht a für den Arbeitskoeffizienten, L für Arbeit (vom englischen Labour), W für Wein und T für Tuch.

4 In Abbildung 1 erkennt man die Darstellung der Opportunitätskosten anhand des Dreiecks unterhalb der Transformationskurve.

5 Als Basis hierfür dienen die Zahlen, welche David Ricardo im Rahmen seiner Theorieentwicklung verwendete (Ricardo, 1837).

Details

Seiten
29
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656079064
ISBN (Buch)
9783656079262
Dateigröße
691 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v183534
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,0
Schlagworte
Komparative Kostenvorteile David Ricardo Wirtschaftsgeographie Economy regional regional economy Smith Ricardo Adam Smith

Autor

Zurück

Titel: Die Theorie der komparativen Kostenvorteile nach David Ricardo