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Skateboarding Is not a Crime. Identitätsentwicklung in jugendlichen Skateboardszenen

Bachelorarbeit 2010 37 Seiten

Didaktik - Sport, Sportpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Jugendalter
2.1. Lebensphase Jugend
2.2. Merkmale der Jugend
2.3. Identitätsentwicklung im Jugendalter
2.4. Jugendszenen

3. Skateboarding
3.1. Wirksamkeit von Sport auf das Individuum
3.2. Soziale und individuelle Funktion des Sports
3.3. Skateboarding als Jugendszene

4. Identitätsentwicklung innerhalb der Szene Skateboarding
4.1. Auswertung von Interviews münsteraner Skateboarder
4.2. Skateboarding im Schulsport

5. Fazit

6. Literatur

7. Abbildungsverzeichnis

Glossar

1. Einleitung

Im Jahre 1977 berichtete man in der Tagesschau der ARD noch von der „Gefahr der Rollbretter“. Heute verwenden sozial Engagierte Skateboards als Medium zur Identitätsentwicklung Jugendlicher, sowie als humanitäre Entwicklungshilfe. Die seit 2010 offizielle Titus Dittmann-Stiftung beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mit verschiedenen Projekten auf der ganzen Welt, unter anderem in Nairobi, Kapstadt, Hanoi, Kabul und der afghanischen Provinz Herat. Dass ein „Brett mit Rollen“ ein sinn- und identitätsstiftendes Werkzeug sein kann, ist eine Erkenntnis, deren Ursprung in der Kultur gesucht werden muss, aus der das Skateboard stammt. Wenn ein Skateboard als „Entwicklungshilfe“ eingesetzt wird, dann müssen dessen Eigenschaften im ursprünglichen Umfeld herausragend sein.

Sozialisationsinstanzen wie Familie, Schule, Kirche, oder auch Vereine spielen bei den Jugendlichen zunehmend weniger eine Rolle. Vielmehr sind es die Peergroups, deren Stile, Normen und Wertesysteme Orientierung geben. Die Gesellschaft wird durchschnittlich immer älter, dennoch befinden wir uns in einer „Jugendlichkeitsgesellschaft“ (Stolte, 2003) und diese macht es den Jugendlichen so gut wie unmöglich, sich von ihren Eltern abzugrenzen. Vor 50 Jahren musste man sich nur die Haare lang wachsen lassen und wurde damit zu einem Rebellen. Heute schockt so etwas niemanden mehr. Skateboarding ist erwachsenenuntauglich. Kein Erwachsener übt stundenlang auf einem wackligen Brett zu fahren und nimmt dabei Verletzungen bewusst in Kauf, um später auf einem Stück Holz rollen zu können.

Die Welt hat sich zu einer Welt der Extreme gewandelt, in der traditionelle Strukturen häufiger aufbrechen. Deshalb wundert es niemanden, wenn sich die Jugend zunehmend von den traditionellen Sportarten des Wettkampfsports abwendet, und sich durch Erlebnissport bis hin zum Extremsport neu orientiert, definiert und erfindet. Der Schritt weg vom Breitensport hin zum Extremsport, ist die Anpassung an die neuen Lebensbedingungen. Unsere Gesellschaft ist eine Leistungsgesellschaft, aber auch eine Erlebnisgesellschaft (vgl. Schulze 1992). Wer keine Leistung bringt, oder keinen Erfolg hat, nicht der Beste in seinem Beruf, Sport, oder Interessensbereich ist, erhält keine Anerkennung von anderen Menschen. Skateboarding stellt hier eine Ausnahme dar. Bei diesem Sport steht nicht primär der Sieg im Vordergrund. Es gibt zwar kleinere Spiele, mit denen die „Skater1 “ untereinander ihre Leistung messen, jedoch erfreuen sich alle am „schönen Sport“. Skateboarder applaudieren wenn ein anderer Fahrer einen Trick steht und bekommen auch im Gegenzug von anderen Fahrern Lob und Anerkennung. Bei näherer Betrachtung wird deutlich, dass es beim Skateboarding um mehr geht als nur um den Sport selbst. Aus Skateboarding hat sich über die Jahre eine Jugendkultur entwickelt, die schon mehrere Generationen umfasst. Es ist eine Jugendszene, die sich zu den Anfängen des Skateboardens2 zurückorientiert, Elemente davon aufgreift und aus der Kombination mit neuen Trends immer wieder neu erfindet. Skateboarding ist nicht nur ein Sport, der sich seine eigenen Normen und Wertkonventionen schafft, sondern eine Lebenseinstellung, ein Lebensstil und ein Lebensgefühl. Hohe Popularität der jugendlichen Skater und ihres Stils hat die Kommerzialisierung der Skateboardszene zur Folge. Ein Skateboarder hatte von jeher ein bestimmtes Image, das eines Rebellen, eines Drogenabhängigen, eines Chaoten, bis hin zu dem eines Kriminellen. Diese Vorurteile ähneln denen der Halbstarkenbewegung aus den 50er Jahren und malen ein Bild von Jugendlichen, deren Ruf sie zu Legenden macht.

In der vorliegenden Arbeit werden verschiedene soziale Entwicklungen und Phänomene der heutigen Zeit mit dem Erlebnissport „Skateboarding“ beschrieben, verglichen und diskutiert. Wie unterstützt Skateboarding Jugendliche in der Sozialisationsphase „Jugendalter“?

Hierzu wird zunächst auf das Jugendalter und die Jugendszenen im Allgemeinen eingegangen, um danach Skateboarding im Speziellen näher zu betrachten. Im dritten Teil des zweiten Kapitels wird die Identitätsentwicklung in der Sozialisationsphase „Jugendalter“ thematisiert. Welche Besonderheiten Skateboarding aufweist, wie es deshalb sowohl Sport als auch Jugendkultur verknüpft und inwiefern Skateboarding die Jugendlichen in ihrer Identitätsentwicklung unterstützen kann, wird anschließend herausgearbeitet. Abschließend werden Resultate aus Befragungen von diversen Experten aus der münsteraner Skateboardszene, bezüglich des Stellenwerts von Skateboarding für deren Entwicklung, diskutiert.

2. Jugendalter

2.1. Lebensphase Jugend

Jugend ist die Phase im Leben, in der der Mensch von einem Kind zu einem Erwachsenen heranreift. Klaus Hurrelmann (2007) bezieht sich bei der Definition von Jugend auf die von Parson 1951 aufgestellte Grundannahme, dass Jugend eine gesellschaftlich organisierte Statuspassage ist, „in der die Kluft zwischen den sozialen Ansprüchen und Interessen der Jugendlichen- und der Erwachsenengesellschaft überbrückt wird“ (Hurrelmann, 2007, S. 50). Das Verhältnis zwischen Erwachsenen und Jugendlichen beschreibt Hurrelmann (2007) als allgemein spannungsreich. Spannungen entstehen dort, wo die Erwachsenengeneration mit den, in ihrer eigenen Jugend erstellten Wertekonventionen auf die Jugendlichen trifft, die sich ihre eigenen Normen schaffen wollen. Jugendliche wollen sich von ihren Eltern lösen, bewusst abgrenzen, um sich selbst als Individuum wahrzunehmen. Deutlich spüren die Eltern diese Veränderung vor allem daran, dass ihre Kinder immer weniger Zeit mit ihnen verbringen und den Umgang mit Gleichaltrigen bevorzugen. Mittels dieser sozialen Trennung entsteht die Abgrenzung, nach der sich die Jugendlichen sehnen. Innerhalb der Peergroups entwickeln sich dadurch eigene Umgangsformen, die sich, je stärker sich die Jugendlichen von den Erwachsenen distanzieren, zu eigenen Subkulturen entwickeln (Hurrelmann, 2007, S. 50).

Das Phänomen Jugend ist eher jüngerer Art und hat sich erst nach der Industrialisierung im 19. Jh. langsam zu einem eigenen Lebensabschnitt entwickelt (Tillmann, 2007, S. 193). Das Novum „Schichtarbeit“ ließ Freizeit entstehen, die von den Jugendlichen genutzt werden wollte. Aus diesem Grund ist Jugend kein „Naturprodukt […], sondern ein soziokulturelles Phänomen, das in seinen Erscheinungsformen historisch-gesellschaftlichen Dimensionen unterworfen ist“ (Griese, 1987, S. 19, zit. nach Tillmann, 2007, S. 194). Jugend ist demnach soziologischer Art. Innerhalb der Soziologie gibt es verschiedene Verständnisweisen der heutigen Jugend. Zunächst wird Jugend als spezifische Altersphase gesehen, wobei es schwierig ist genaue Altersgrenzen zu ziehen, da jeder Mensch individuell in die Lebensphase Jugend ein und auch wieder heraustritt (Hurrelmann, 2007, S.13-25). Jugend kann als Abschnitt angesehen werden, in dem sich die Heranwachsenden von ihren Eltern lösen, ihr eigenes Wertesystem entwickeln, ihre eigene Sexualität erfahren und innerhalb dieser Zeit ihre Ich-Identität schaffen. Für Jugendliche ist es in der heutigen Zeit schwer geworden, sich von der Erwachsenengeneration abzugrenzen, begründet dadurch, dass Jugendlichkeit für viele Menschen „fast ein Markenzeichen moderner Identität geworden“ (Ferchhoff, 1999, S. 68) ist. Durch die vielen verschiedenen Verständnisweisen von Jugend ist es schwierig Jugend genau einzugrenzen. Die Jugendzeit dehnt sich immer weiter aus, wobei alle oben genannten Ansätze übereinstimmen (Neuber, 2006, S.89) und wird dadurch immer schwieriger zu definieren sein.

In den folgenden Kapiteln wird das Jugendalter als Moratorium, als eigenständige Lebensphase angesehen (Hurrelmann, 2007, S. 21), bei der sich die Jugendlichen eine Auszeit nehmen, um sich auf das spätere Leben vorzubereiten (Reinders & Wild, 2003, S. 24). In dieser Zeit erleben die Jugendlichen eine besonders heftige und tiefe Identitätskrise, die durch das Experimentieren mit Rollen, Leitbildern und Verhaltensweisen überwunden wird (Tillmann, 2007, S. 214). Das Jugendalter ist vergleichbar mit einem Kokon, in dem die Jugendlichen zu einem erwachsenen Menschen heranreifen, um sich dann in ihren facettenreichen Arten in die Gesellschaft zu integrieren.

2.2. Merkmale der Jugend

Die Anforderungen an Jugendliche sind enorm. Sie befinden sich in einer Phase, die zwischen der von Erwachsenen abhängigen Kindheit und dem Erwachsenenalter liegt. Grenzen zwischen den Phasen sind hierbei als fließend anzusehen. Die sechste These von Hurrelmanns Sieben Thesen zur Sozialisation besagt, dass die Persönlichkeitsentwicklung lebenslang aus „einer nach Lebensphasen spezifischen Bewältigung von Entwicklungsaufgaben“ (Hurrelmann, 2006, S. 35) besteht. Persönlichkeitsentwicklung ist demnach ein niemals endender Prozess, der sich je nach Lebensphase ändert und dessen Ausmaß während der Verarbeitung von der inneren und äußeren Realität unterschiedlich sein kann. Vor allem Jugendliche stehen in einem Konflikt zwischen selbstauferlegten Anforderungen an die eigene Individualität3 und sozialer Integration. Laut Hurrelmann (2006, S. 37) ist dieses Spannungsverhältnis die wichtige Grundlage, um mit allen nachfolgenden Anforderungen in dem Leben zurechtzukommen. In einer Gesellschaft voller Individualisten ist es ein Spagat, trotz des eigenen Individualitätsdrangs, nicht aus der Gesellschaft auszubrechen. Durch den ständigen Wandel der Lebensformen haben sich die Entwicklungsaufgaben und Wertorientierungen immer wieder massiv verändert. Neben der schulischen und beruflichen Ausbildung, gilt es die eigene Geschlechterrolle zu entwickeln, um in langfristiger Sicht in der Lage zu sein, eine Familie zu gründen, die eigenen Kinder zu erziehen. Außerdem sehen sich die Jugendlichen von heute mit einem Werte-, Glaubens- und Sinnpluralismus konfrontiert, mit dem sie sich auseinandersetzen müssen, um sich ein eigenes Norm und Wertesystem bilden zu können (Ferchhoff, 1999, S. 80f.). Chancenvielfalt ist zunächst positiv zu bewerten, erhöht aber zugleich den Druck auf das Individuum, seinen Lebensweg selbst zu gestalten und Verantwortung für seine Entscheidungen zu tragen (Neuber, 2006, S. 92). Früher war die Biographie eines jeden durch den jeweiligen gesellschaftlichen Stand und die Rahmenbedingungen vorgeschrieben. Heute sind die Menschen in der westlichen Welt für sich selbst verantwortlich. Das heißt: Der Mensch wird durch Individualisierung auf sich selbst verwiesen (Hornstein, 1997, S. 24).

Das Gefühl, kein Kind mehr zu sein, aber trotzdem noch nicht als vollwertiger Erwachsener angesehen zu werden, löst in Jugendlichen oft Orientierungslosigkeit aus. Sich ein eigenes Normen und Wertesystem zu bilden, den eigenen Platz innerhalb der Gesellschaft zu finden, aber auch sich selbst als Individuum zu entdecken, sind Aufgaben, die Jugendliche oftmals überfordern und dadurch zu Frustration führen. Die Erwachsenengeneration steht den Problemen ihrer Zöglinge oft hilflos gegenüber, denn zumeist kann sie keine akzeptablen Lösungen anbieten. Deshalb sind Jugendliche in der Regel bei ihrer Identitätsfindung auf sich allein gestellt (Neuber, 2007, S. 95).

2.3. Identitätsentwicklung im Jugendalter

Im folgenden Unterkapitel wird auf die Identitätsentwicklung eingegangen, die während der Sozialisation im Jugendalter stattfindet. Um diesen Punkt genauer fassen zu können, muss zunächst geklärt werden, wie sich die Identität4 entwickelt. Für die Identitätsentwicklung sind als primäre Sozialisationsinstanzen die Eltern und Verwandten von größter Bedeutung, da sie sowohl die Triebe und Emotionen eines Kindes, als auch dessen Identität maßgeblich formen (Hurrelmann, 2006, S. 239). Sekundäre Sozialisationsinstanzen sind Kindergarten, Schule und Bildungseinrichtungen. Sie haben als Aufgabe die Betreuung, Bildung und Erziehung der Kinder und Jugendlichen. Für diese Arbeit am bedeutendsten ist die tertiäre Sozialisationsinstanz. Neben Polizei und Justiz, fallen auch andere öffentliche Einrichtungen in Politik, Wirtschaft und Religion darunter. Am wichtigsten sind in dieser Instanz aber die Peergroups und Massenmedien, die einen großen Anteil an der Persönlichkeitsentwicklung haben (Hurrelmann, 2006, S. 33).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Die Struktur sozialisationsrelevanter Organisationen und Systeme ( Hurrelmann, 2006, S. 34)

Nach „Parsons und Eisenstadt wird der ‚Peergroup‘ eine ebenso bedeutende Rolle für die Einübung in universalistische Rollenstrukturen der modernen Gesellschaften eingeräumt(,) wie der Schule“ (Hurrelmann, 2006, S. 239). Auf die Jugendszenen wird im Kapitel 2.4 explizit eingegangen.

Jeder Mensch hat bestimmte Rollen, die er in seinem Leben einzunehmen hat. Laut Habermas (1973, S. 128) gibt es drei Kompetenzen des Rollenhandels, die ein Mensch beherrschen muss, damit er in der Lage ist, mit anderen Personen innerhalb einer Rolle zu kommunizieren. Diese bezeichnet Habermas als Rollendistanz, Ambiguitätstoleranz und Frustrationstoleranz. Rollen, die ein Jugendlicher innerhalb der Familie, Schule oder in der Freizeit einnimmt, widersprechen teilweise der persönlichen Einstellung. Trotzdem muss ein Jugendlicher lernen auch eine soziale Rolle zu spielen, die seiner Autonomie im Wege steht. Nur wer die Rolle beherrscht, aber in der Lage ist, sich teilweise davon zu distanzieren, kann eine „autonome Persönlichkeitsentwicklung“ erfahren (Rollendistanz). Das Erkennen der eigenen Erwartungen an eine soziale Rolle verlangt Ambiguitätstoleranz, denn das tatsächliche Verhalten steht immer in einem Konflikt mit der eigenen Rollendefinition. Wenn sich Menschen in eine Rolle gänzlich einfügen, ist das häufig ein Anzeichen für starken sozialen Druck. Jugendliche machen sich häufig bei Fehlen dieser Fähigkeit anderen Individuen der Peergroup gleich. Die Erwartungen und Wünsche an eigene soziale Rollen können nicht immer erfüllt werden. Ein Mensch muss jedoch trotzdem in dieser Rolle interagieren, auch wenn seine Bedürfnisse teilweise unbefriedigt bleiben. Dies erfordert Frustrationstoleranz (Habermas, 1973, S. 128). Diese drei Fähigkeiten gilt es während der Sozialisationsphase Jugendalter zu erwerben. Gelingt es einem Jugendlichen nicht, diese Kompetenzen zu erlangen, hat das Fehlen Konsequenzen für das Selbstbild und damit für die eigene Identität.

Vor dem Jugendalter besitzen Heranwachsende nur eine „natürliche Identität“ (Hurrelmann, 2006, S.112), die die Unfähigkeit der eigenen Reflexion und das fehlende Vermögen, sich in Andere hineinzuversetzen impliziert. Mit dem Ende der Pubertät haben Jugendliche laut Habermas eine Ich-Identität entwickelt, „bei der Menschen eine subjektive Sicht ihrer Persönlichkeit und Individualität mit einer Außensicht und der Fähigkeit zum sozialen Rollenhandeln verbinden können“ (Hurrelmann, 2006, S. 112). Die Wandlung von familiärer Rollenidentität hin zu einer prinzipiengeleiteten Ich-Identität, wird von Jugendlichen als Adoleszenzkrise erfahren. In der Theorie des Jürgen Habermas wird diese als unvermeidlich angesehen und stellt den nötigen Prozess dar, in dem die Jugendlichen, durch das Hinterfragen von vorhandenen Strukturen, in Verbindung mit dem Loslösen aus der emotionalen Sicherheit der familiären Strukturen Ich-Identität erlangen. Nur der Idealverlauf des Sozialisationsprozesses führt nach Habermas zu dem Besitz einer Ich-Identität (Hurrelmann, 2006, S. 112). Innerhalb dieser Zeit, in der sich Jugendliche von der primären Sozialisationsinstanz Familie lösen, die sekundäre Instanz Schule hinterfragen oder gar ablehnen, rückt die Tertiäre, zu der vor allem die Peergroup gehört, in den Vordergrund.

2.4. Jugendszenen

Zugehörigkeit zu einer Jugendszene stiftet - wie im Kap. 2.3 beschrieben - Identität. Der Jugendliche hat eine Gruppe Gleichaltriger, die sich durch äußerliche Identifikationsmerkmale, Musikrichtungen, Sportarten oder andere Interessensgebiete auszeichnen und abgrenzen. Im Jugendalter werden „spezifisch-soziale Lebensweisen, kulturelle Formen und politisch-gesellschaftliche Orientierungsmuster“ (Zinnecker, 1991, S. 10) ausgebildet. Reinders & Wild (2003, S. 27) heben hervor, dass die Lebensphase „Jugend“ eine „subjektive Konstruktion“5, und durch die Peergroup eine „Sozialisation in Eigenregie“6 darstellt.

Welche soziale Bedeutung Peergroups haben, macht Hurrelmann (2006, S. 240) in drei Hauptpunkten deutlich.

Im ersten Punkt beschreibt er, warum sich Jugendliche in Gruppen mit Gleichaltrigen zusammenfinden. Es ist ihr gemeinsames Verlangen nach Gemeinschaft und sozialer Beteiligung. Alle Jugendlichen haben ähnliche Bedürfnisse, wie die Akzeptanz innerhalb einer Gruppe Gleichaltriger. Die Position des Kindes innerhalb der Familie bleibt nämlich auch im Jugendalter zunächst unverändert. Dieses kann zu Frustration führen, denn Jugendliche möchten als vollwertige Mitglieder wahrgenommen werden (Hurrelmann, 2006, S. 240). Eine Peergroup kann dies ermöglichen, fordert aber im Gegenzug die Übernahme von Aufgaben und Funktionen für die Gruppe. Wenn der Heranwachsende als Teil einer Peergroup Funktionen für die Gruppe übernimmt, kann er dadurch sie selbst verändern und seinen Vorstellungen nach formen. Als Grundvoraussetzung müssen die Gruppenmitglieder ein gewisses Maß an Nonkonformität besitzen, dürfen also nicht zu sehr an bestehende Normen angepasst sein, damit sich innerhalb einer Gruppe überhaupt Sozialisationsprozesse entwickeln können (Hurrelmann, 2006, S. 240). Zwar sind manche Jugendliche so deviant7, dass sie kriminell werden und damit eine Gefahr für bestehende gesellschaftliche Werte darstellen, abweichendes Verhalten kann jedoch als Experimentieren mit vorhandenen Normen, und somit als nichtverwerflich angesehen werden.

Das Experimentieren und Neudefinieren von gesellschaftlichen Regeln impliziert die Auseinandersetzung mit denselben. Diese Kombination ist die „Voraussetzung für ein selbstständiges Rollenverhalten in komplexen Gesellschaften“ (Hurrelmann, 1999, S. 156).

Ein Mensch wird zunächst von den Eltern sozialisiert, die im Schulalter diese Aufgabe auch auf die Institution Schule übertragen. Dort, wo die Sozialisationskraft von den beiden Instanzen aufhört, setzt die Peergroup den Prozess fort (vgl. Kap. 2.3). Sie begleitet unterstützend das Streben nach Unabhängigkeit von den Eltern und erweitert informell8 das Sozialisationsspektrum von der formellen Schulbildung. Damit wird die Grundlage geschaffen, den sozialen Anforderungen der Gesellschaft gewachsen zu sein (Hurrelmann, 2006, S. 240).

Jugend ist aber nicht nur die Vorbereitung auf die späteren gesellschaftlichen Pflichten, sondern kann vielmehr als „Freizeitmoratorium verstanden werden“ (Neuber, 2007, S. 99). Die juvenile Entwicklung ist nämlich nicht von festen Strukturen abhängig, sondern jeder Jugendliche kann selbst darüber entscheiden, wie er die Möglichkeiten dieses Moratoriums gestalten und nutzen möchte (Neuber, 2007, S. 99). Das macht sich für Erwachsene vor allem in den Ausdrucksformen der einzelnen Jugendszenen bemerkbar. Seit jeher wollten sich die Jugendlichen von der Erwachsenengeneration abgrenzen. In den 60er Jahren geschah dies durch das wachsen lassen von langen Haaren. Jedoch mussten die Jugendlichen zu immer provokanteren Mitteln wie Nasenringen und buntgefärbten Haaren greifen. Durch die Ablehnung und die äußerliche Abgrenzung gegenüber der Erwachsenengeneration, wird die Autonomie von juvenilen Szenen demonstriert (Ferchhoff, 1999, S. 115-149). Als ‚Gleicher unter Gleichen‘ wird dem Jugendlichen die Möglichkeit gegeben, sich seine eigenen Stile und Umgangsweisen zu schaffen (Krappmann, 1998, S. 364). Damit besteht die Möglichkeit, sich eine eigene Lebenswelt zu konstruieren, die sich durch eine eigene Sprache, Kleidung, Schmuck und spezielle Verhaltensformen (z.B. besonderer Handschlag) auszeichnet. Die Möglichkeit zur Selbstsozialisation ist das besondere Potential einer Peergroup (Neuber, 2007, S. 101).

[...]


1 Siehe Glossar: Skater.

2 Skateboarding entstand in den 60er Jahren als Surfer sich Bretter mit Rollen bauten, um auch an Tagen ohne gute Wellen surfen zu können. Diese Rollbrettbauer sind für viele Skateboarder Legenden. Die alten Designs der Marken Powell und Santa Cruz werden heute immer wieder neu aufgelegt.

3 Individualität ist Einzigartigkeit. Jeder Mensch hat das Streben einzigartig zu sein. Erreicht wird dies durch das Aneignen verschiedener Merkmale, die sich von der Masse abheben.

4 Identität ist die Zusammenfassung aller allgemeinen Merkmale eines Individuums, wobei zwischen einzigartigen Merkmalen der Ich-Identität und den geteilten der Wir-Identität unterschieden wird.

5 Jeder Mensch entscheidet selbst, zu welchem Zeitpunkt er in die Phase „Jugend“ ein- und nach gelungener Identitätsbildung wieder austritt.

6 Es hängt von der Art der Peergroup ab, in welche Richtung die Sozialisation des Jugendlichen verläuft.

7 verhalten sich der Norm abweichend

8 Informelle Bildung findet statt, wenn sich das Individuum freiwillig und unbewusst Dinge aneignet. Im Gegensatz zur formellen Bildung, die hauptsächlich in Schulen stattfindet.

Details

Seiten
37
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668215702
ISBN (Buch)
9783668215719
Dateigröße
889 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v183502
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Sportwissenschaften
Note
3,0
Schlagworte
Skateboarding Identitätsentwicklung Hurrelmann Jugendalter Sport Erlebnissport Szene Titus

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Titel: Skateboarding Is not a Crime. Identitätsentwicklung in jugendlichen Skateboardszenen