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Ecclesia semper reformanda

Die Reformidee in den spätmittelalterlichen Konzilien

Bachelorarbeit 2009 48 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Reformatio“ - zur Begriffsgeschichte
2.1. Profane Entstehung
2.2. Biblischer und patristischer Sprachgebrauch
2.3. ‚Reformatio’ im Früh- und Hochmittelalter
2.4. Theoretische Überlegungen zur Reformatio im Spätmittelalter

3. Das Große Abendländische Schisma und der Konziliarismus

4. Die De Squaloribus Curiae Romane des Matthäus von Krakau
4.1. Reformvorstellungen in De Squaloribus Curiae Romane
4.2. Matthäus‘ Kritik am Pfründensystem

5. Das Konzil von Pisa
5.1. Weg zum Konzil und Verlauf
5.2. Reformarbeit auf dem Konzil von Pisa

6. Das Konzil von Konstanz
6.1. Weg zum Konzil und Verlauf
6.2. Union oder Kirchenreform?
6.3. Die Reformarbeit des Konstanzer Konzils
6.3.1. Haec Sancta
6.3.2. Frequens
6.4. Die Verurteilungen von Wyclif und Hus

7. Das Konzil von Pavia/Siena
7.1. Weg zum Konzil und Verlauf
7.2. Reformprozesse in Pavia/Siena

8. Das Konzil von Basel
8.1. Weg zum Konzil und Verlauf
8.2. Reformarbeit in Basel
8.2.1 De annatis
8.2.1.1. Die Annaten als Thema der Kirchenreform
8.2.1.2. Das Basler Dekret
8.2.2. Das Konzil von Basel als Zentrale der Ordensreform

9. Fazit

10. Literaturverzeichnis
10.1. Quellen
10.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

Im Diskurs der Erforschung des Mittelalters spielt der Reformbegriff eine große Rolle. Man spricht von ‚Karolingischer Reform‘, ‚Klosterreform‘, ‚Reformpapsttum‘, ‚Reichsreform‘, ‚Kirchenreform‘ und Ähnlichem.1

Dabei ist ‚Reform‘ keinesfalls ein Schlagwort, das erst im historischen Rückblick entstanden ist. Der Begriff ‚reformatio‘ war im Ausklang des Mittelalters in aller Munde. Besonders laut wurde der Ruf nach einer grundlegenden Kirchenreform. In einer deutlich pathetischen Predigt zu Beginn des Konstanzer Konzil heißt es:

„ Wie notwendig die Reform der Kirche ist, wei ß alle Welt, wei ß der Klerus, wei ß das ganze Christenvolk. Der Himmel, die Elemente, das Blut der täglich zu grunde gehenden Seelen, ja selbst die Steine rufen nach Reform. “ 2

Das 15. Jahrhundert, in dem das Konstanzer Konzil und die anderen sogenannten Reformkonzilien stattfanden, war in der Dichte der Forderungen nach Kirchenreform sicherlich einzigartig. So schreibt der Kommunikationswissenschaftler Ralf Bollmann: „Keine andere Epoche war so sehr von diesem Schlagwort [‚Reformatio‘, Anm. d. Autors] geprägt wie das 15. Jahrhundert.“3

Aber mit so wenig konkreten Rufen nach Kirchenreform wie dem aus der Predigt aus Konstanz lässt sich zunächst wenig anfangen. Um einen Einblick in den Reformdiskurs des 15. Jahrhunderts zu gewinnen, muss zunächst gefragt werden, was damals mit diesem Begriff gemeint war. Es ist zu erwarten, dass er nicht synonym mit dem heutigen Reformbegriff verwendet werden kann.

Es stellt sich auch die Frage, welche Missstände an der Kirche kritisiert wurden und was das Ziel der Reformforderungen war. Welche „unbestimmten, aber weit- gespannten Erwartungen und Hoffnungen“4, wie Eike Wolgast es schreibt, waren es, die sich mit den Reformrufen verbanden? Welche Reformen wurden ‚nur‘ gefordert und welche wurden durchgeführt? Wer war verantwortlich dafür, Reformen anzugehen und voranzutreiben?

Und schließlich stellt sich die Frage, was am Ende vieler Reformbemühungen im Ausklang des 15. Jahrhunderts stand. Kann man in der historischen Rückschau von einer gelungenen Kirchenreform sprechen?

Diesen Fragen soll in der vorliegenden Arbeit nachgegangen werden. Dabei konzentriert sich die Quellenwahl auf Dokumente, die auf den sogenannten Reform- konzilien und in ihrem erweiterten Umfeld entstanden sind. Einerseits deshalb, weil die Quellenlage in diesem Bereich gut ist, andererseits, weil diese Konzilien sich vom Selbstverständnis her als Ort der Reform sahen. Das war durchaus erst einmal eine traditionelle Sichtweise. Konzilien waren schon lange Orte der Reform gewesen. Das Vierte Lateranum - ebenso wie das zweite Konzil von Lyon und das Konzil von Vienne - war sogar explizit auch mit dem Ziel der Reform einberufen worden. Viele Konzilien hatten Reformdekrete erlassen.5

Die eigentliche Autorität der Reform war bis zum 15. Jahrhundert dennoch der Papst. Das entsprach seinem Amtsverständnis zumindest seit Beginn des sogenannten „Reformpapsttums“ in der Mitte des elften Jahrhunderts6, und das entsprach auch den Erwartungshaltungen vieler Christen. Im üblichen Fall arbeiteten Papst und Konzil sowohl in der ‚causa reformatoris‘ als auch sonst zusammen, wie das beispielsweise auf dem Konzil von Vienne geschah. „Ginge man lediglich von der Reformthematik aus“, so schreibt Johannes Helmrath, „so bestünde zwischen Vienne (1311) und Basel (1431) kaum ein Unterschied.“7

Aber das Verhältnis von Konzil und Papst änderte sich im Spätmittelalter drastisch. Das Große Abendländische Schisma hatte nicht nur die Reformbedürftigkeit der Kirche noch mehr in den Mittelpunkt gerückt, sondern auch das Papsttum geschwächt. Die ‚via concilii‘ wurde zum einzigen Weg zur Wiederherstellung der Kirchenunion.8 Die Konzilien gewannen an Bedeutung und Autorität, auch in Fragen der Kirchenreform, und stritten mit den Päpsten zum Teil erbittert um die Macht.

Um die Vorstellungen von Reform im 15. Jahrhundert nachzuzeichnen und die Reformprozesse darzustellen, soll zunächst ein Einblick in die Begriffsgeschichte der ‚reformatio‘ gegeben werden. In einem zweiten Schritt soll dann sowohl der historische Hintergrund des Großen Abendländischen Schismas wie auch der theoretische Hintergrund des Konziliarismus erklärt werden. Beide Schritte sind nötig, um in die Reformthematik des 15. Jahrhunderts einzusteigen.

Anhand einer chronologischen Analyse der Konzilien sollen ferner die Reformvor- stellungen und die Reformarbeit der Zeit vorgestellt werden. Dabei sollen drei aus- gewählte Konzilsdekrete (Haec Sancta, und Frequens aus Konstanz, sowie De annatis aus Basel) analysiert werden. Ihnen vorangestellt wird die Reformschrift De squaloribus Curiae Romane des Matthäus von Krakau, die zu Beginn des Jahrhunderts schon viele Entwicklungen vorzeichnet. Freilich kommen noch mehrere andere Stimmen von Zeitzeugen zu Wort, die aber nicht so detailliert dargestellt werden können.

In vielen Reformforderungen und -dekreten des 15. Jahrhunderts, in dieser Arbeit vor allem durch die De squaloribus Curiae Romane und das Dekret De annati repräsentiert, spielt Geld bzw. das Finanzsystem der Kirche eine wesentliche Rolle. Die Verknüpfung des kirchlichen Finanzwesens mit der Kirchenreform wird ein Schwerpunkt dieser Arbeit sein.

Eine Quellenkritik der einzelnen Schriften ist für das Ziel dieser Arbeit nicht notwendig. Die Quellenlage ist in den meisten Fällen überaus gut. Wo es notwendig ist, wird auf Autoren verwiesen, die eine ausführliche Quellenkritik geliefert haben.

2. „Reformatio“ - zur Begriffsgeschichte

Um den Ruf nach Reform im Spätmittelalter verstehen zu können, stellt sich zunächst einmal die Frage nach der Bedeutung des Substantivs bzw. des Verbs ‚reformieren‘. Die Begriffsgeschichte lässt sich bis in die altgriechische Philosophie zurückverfolgen. Die profane Bedeutung von Reform in der Gegenwart, laut Duden: „Umgestaltung, Neuordnung; Verbesserung des Bestehenden“9 ist nicht ohne Einschränkungen ins Mittelalter übertragbar.

2.1. Profane Entstehung

Das Verb ‚reformare‘ kann früher nachgewiesen werden als das Substantiv ‚reformation‘. Es entspricht dem spätgriechischen metamorfosis. Erstmals ist es bei Ovid, danach bei Apuleius nachzuweisen. Bei beiden gehört es in den poetischen Bereich und hat keine politische Wortebene. Es bedeute physische Verwandlung, im Sinne von Gestaltwandlung in eine frühere Gestalt oder die Verbindung der Rückverwandlung mit dem früheren Zustand, der qualitativ besser war.10

Die Übertragung in einen moralisch-politischen Bereich beginnt im ersten Jahrhundert n. Chr., für diese Anwendung werden die Begriffe ‚reformatio‘ und ‚reformator‘ eingeführt. In politischen Krisen und Erschütterungen wird die Rückkehr zu den vergangenen besseren Zeiten als nötig und wünschenswert angesehen - und diese Rückkehr wird mit ‚reformatio‘ bezeichnet. Dieses Verständnis legt die Bedeutung von ‚reformatio‘ auf Dauer fest: „Die Verfallenheit als Voraussetzung und die Besserung durch Orientierung an den Maßstäben der Vergangenheit.“11

2.2. Biblischer und patristischer Sprachgebrauch

Weder in altlateinischen Übersetzungen der Heiligen Schrift der Vetus Latina noch in der Vulgata werden im Alten Testament die Begriffe ‚reformatio‘ oder ‚reformare‘ verwendet. Im Neuen Testament hingegen wird ‚reformare‘ in Röm 12,2 und Phil 3,21 als Übersetzung von metamorfoun oder metaschmatizein verwendet. ‚Reformare‘ bedeutet dabei nicht nur Verwandlung in Orientierung an Vergangenheit12, sondern bezeichnet auch den Übergang in eine höhere Qualität.13

Der Rückbezug auf die Ursprünglichkeit der Schöpfung ist zwar auch für den neu- testamentlichen Gebrauch wichtig, allerdings ist es von größerer Bedeutung, „dass es sich um eine schöpferische Umgestaltung, um eine Neugestaltung handelt, deren Neuheit einen eschatologischen Charakter hat“14. ‚Reformare‘ wird somit Ausdruck des eschatologischen Moments religiöser Vollendung, die nicht der Mensch selbst bewirkt, sondern die sich an ihm vollzieht. Dies belegt beispielsweise Phil 3,21: „[Wir erwarten] Jesus Christus, […] der unseren armseligen Leib verwandeln [lat. in der Vulgata: ‚reformabit‘] wird.“15

Der „christologisch-pneumatologisch und damit auch eschatologisch, also heils- geschichtlich“16 geprägte Gebrauch von ‚reformare‘ ist in seiner Konzeption eng mit dem im Neuen Testament weitaus häufiger verwendeten Begriff der ‚renovatio‘ ver- bunden. ‚Reformatio‘ und ‚renovatio‘ gehören in soweit zusammen, als dass die Er- neuerung des inneren Menschen verbunden ist mit der Veränderung nach dem Eben- bild Gottes.17

Auch bei den Kirchenvätern behält ‚reformare‘ seinen heilsgeschichtlichen Inhalt. In der griechischen Patristik umfasst der mit ihm gegebene „personale Erneuerungs- gedanke“18 zwei Elemente: die geistige Rückkehr zum ursprünglichen Paradieszustand und die Wiederherstellung der durch den Sündenfall verlorenen Gottebenbildlich- keit.19

Die lateinischen Kirchenväter verwendeten den Begriff der ‚reformatio‘ häufig. Dabei ergeben sich im Grunde drei Ausprägungen20:

1. ‚reformatio‘ als Träger der paulinischen Vorstellung von der Fortsetzung der durch die Taufe begonnenen Wiedergeburt.
2. ‚reformatio‘ als Auferstehung und dabei besonders die Verwandlung, welche die Tradition der Rückkehr aller Dinge zu ihren Ursprüngen einbezieht. 3. ‚reformatio‘ als Ausdruck für die Bekehrung zum Christentum.

Tertullian hat den theologischen Gehalt von ‚reformatio‘ besonders geprägt. Auch für ihn enthält der Begriff zunächst die Rückkehr zum paradiesischen Schöpfungszustand, er spricht darüber hinausgehend als Erster von einer ‚reformatio in melius‘ - einer Umgestaltung in das Bessere. Diese Theologisierung wird von Ambrosius fortgeführt. ‚Reformatio‘ bedeutet nicht mehr die Rückkehr zum ursprünglichen Schöpfungs- zustand, sondern die Erreichung eines qualitativ besseren Zustands. Diese Auffassung findet sich auch bei Augustinus.

Seit der Mitte des zweiten Jahrhunderts steht für die profane und religiöse Welt der Begriff ‚reformatio‘ in einer doppelten Bedeutung fest: die Rückkehr zu einem früheren Zustand, der als Vorbild gebende Norm gilt, einerseits und die Veränderung ohne Bezug auf ein Vorbild andererseits.21 Theologisch steht gerade der zweite Aspekt in der heilsgeschichtlichen Tradition einer Veränderung, die auf das Reich Gottes aus- gerichtet ist.

2.3. ‚Reformatio’ im Früh- und Hochmittelalter

Die spätantike Bedeutung von ‚reformatio‘ wird im anbrechenden Mittelalter übernommen.22 In der von Gott geschaffenen Welt sind nur zwei menschliche Verhaltensweisen möglich: ‚conservatio‘ eines guten Zustand und ‚reformatio‘, bzw. ‚correctio‘ eines fehlerhaften Zustands.

„ ‚Reformare‘ war bewusstes Handeln in Richtung auf die gottgesetzte Weltordnung: Es zielte auf ihre Wiederherstellung, wo Fehler sie, nie Sünden störten.“23

Die Vorstellung von ‚reformatio‘ im Mittelalter wird durch die Überzeugung bestimmt, dass jede Veränderung nichts anderes als einen Abfall von einem Zustand, den Gott ideal geschaffen hat, darstellt. Hier zeigen sich nun auch Unterschiede zur spätantiken Vorstellung: Etwas Neues, das besser ist als etwas schon da Gewesenes, kann es somit nicht geben. Somit erscheint es nur logisch, dass gerade im kirchlichen Bereich ‚reformare‘ zwar verwendet, aber immer häufiger durch Begriffe wie ‚emendare‘, ‚restaurare‘, ‚corrigere‘ oder ‚restituere‘ ersetzt wird.

2.4. Theoretische Überlegungen zur Reformatio im Spätmittelalter

Leider gibt es in den mittelalterlichen Dokumenten kaum theoretische Überlegungen zum Reformbegriff. Ein wirklich diskursfähiger Reformbegriff ist nicht vorhanden. Eine der seltenen theoretischen Überlegungen zum Reformbegriff gibt Johann von Segovia, Geschichtsschreiber des Basler Konzils. Es gäbe, so sagt er, zwei Arten von ‚reformatio‘, zum einen die „correctio morum pro exstirpatione vitiorum“24, zum anderen aber den „sanctarum profectus […] virtutum pro carismatum incremento.“25 Im ersten Fall bedeutet Reform also mehr das aus praktischen Gründen vor- genommene Zurückstutzen von Missständen, die Reparatur von inneren und äußeren Schäden, im zweiten Fall mehr die qualitative und spirituelle Verbesserung. Beide Aspekte gehören nach Johann von Segovia zusammen, der erste Fall als Bedingung des zweiten. Hier zeigt sich im Grunde das paulinische Reformverständnis im Sinne einer Aufbesserung, einer „Amelioration“26.

Zum Schlagwort der Kirchenreform im Spätmittelalter wird die ‚reformatio in capite et in membris.‘27 Darin spiegelt sich die paulinische Ekklesiologie von der Kirche als ‚Leib Christi‘. In dieser Metaphorik ist Christus das Haupt der Kirche, auf der Erde vertreten durch den Papst, seinen ‚Vicarius‘. Wie sich diese Vorstellung auf die Reformarbeit auswirkt, wird noch zu zeigen sein.28

3. Das Große Abendländische Schisma und der Konziliarismus

Die Reformforderungen des Spätmittelalters, der Konzilstexte und der spätmittelalterlichen Konzilien überhaupt sind nur verständlich vor ihrem historischen Hintergrund des Großen Abendländischen Schismas - das historische Faktum dreier P#pste, welche jeweils mit einem eigenen Legitimitätsanspruch auftraten.

Nach der langen Zeit des Exilpapsttums in Avignon (1307-1376) wurde am 8. April 1378 wieder ein Papst in Rom gewählt. Doch dies bedeutete nicht die Rückkehr zur Normalität. Die Wahl von Urban V. fand auf einem tumultartigen Konklave statt, das zwischendurch gestürmt wurde, einen Papst wählte und den Vorgang am Tag darauf wieder annullierte. Urban V. war reformbewusst, hatte allerdings Probleme, die Gegensätze zu dem noch größtenteils französischen Kardinalskollegium zu über- brücken. Dieses focht schließlich seine Wahl als ungültig an und wählten am 20. September in Fondi (Königreich Neapel) einen neuen Papst - Clemens VII. So kam es zum größten und längsten Papst-Schisma der Geschichte, welches fast vierzig Jahre andauerte (1378-1417).29

Vom Beginn des Schismas (1378) bis 1408 ruhten die meisten Hoffnungen auf einer Lösung des Schismas mit den Päpsten zusammen. In früheren Zeiten hatte es schon Schismen gegeben, die allesamt ohne ein Konzil zu einer Lösung kamen, indem einer der beiden konkurrierenden Päpste allgemeine Anerkennung in sich bündeln konnte. Im Avignoner Schisma30 war aber irgendwann abzusehen, dass dieser Fall nicht ein- treten würde. So war als letztes Mittel die sogenannte ‚Via conventionis‘, der beid- seitige Rücktritt aufgrund einer Vereinbarung der beiden Päpste ausersehen. So hätte keiner der Päpste den Anspruch auf seine Legitimität zugunsten des anderen aufgeben müssen. 1408 bahnte sich so eine Lösung an. Beide Päpste, Papst Benedikt XIII. aus Avignon und der römische Papst Gregor XII., vereinbarten ein Treffen in Savona. Doch Gregor XII. erschien nicht. Benedikt reiste Gregor entgegen und schließlich waren beide nur noch weniger als 60 km voneinander entfernt. Dennoch trafen sie sich nicht. Es gab kein neutrales Territorium und jeder hatte die Angst, beim Eintritt in das des Gegners festgenommen zu werden. Damit gab es keine Chance für das Papsttum mehr, aus eigenen Kräften die Kirchenunion wiederherzustellen.31

Damit war auch klar, dass eine streng papalistische Ekklesiologie überwunden werden musste. Denn jeder der Päpste war von seinem Anspruch überzeugt und identifizierte sich mit seinem Amt. Würde er zurücktreten, würde er den Anspruch des Amtes aufgeben, nicht durch eine höhere weltliche Instanz gerichtet zu werden. Somit waren die Schisma-Päpste letztlich „Gefangene ihres Systems“32.

Also war eine Instanz von Nöten, die dieses System durchbrechen konnte. Vor diesem Hintergrund gelangte der Konziliarismus (konziliare Theorie) zu großer Bedeutung. Konziliarismus meint die Lehre vom allgemeinen Konzil als Träger der höchsten Gewalt in der Kirche. Er entstand durch den Ausbau traditioneller, konziliarer Elemente der hochmittelalterlichen Kanonistik33, die mindestens bis ins 12. Jahrhundert zurückver- folgbar sind.34 Der Konziliarismus fand im 15. Jahrhundert große Beachtung, als seine Höhepunkte werden die Konzilien von Konstanz und Basel in der Literatur immer wieder genannt.35

Die konziliare Doktrin hat sich in ihrem Entstehungsprozess unterschiedlich entwickelt. Ein strikter Konziliarismus betrachtet das Konzil grundsätzlich als unfehlbaren Repräsentanten der Gesamtkirche und vertritt bezüglich der Teilnehmer eine Demo- kratisierung innerhalb des Klerus. Ein reduzierter oder gemäßigter Konziliarismus reklamiert die Konzilsobrigkeit nur in kirchlichen Ausnahmesituationen (Schisma, Häresie). Zwischen diesen beiden Randpositionen bewegen sich alle konziliaristisch zu nennenden Positionen. Von einer gemäßigten konziliaristischen Position betrachtet ist der Widerspruch zwischen Papalismus und Konziliarismus also kein absoluter.

1409 war das Konzil von Pisa, das einen neuen Papst wählte und die anderen beiden absetzte, der erste große Versuch zur Beendigung des Schismas.36 Diese Bemühung scheiterte jedoch - fortan gab es sogar drei Päpste. So trat das Konzil von Konstanz an, um das Schisma endgültig zu beenden - was auch mit der Wahl Martin V. auch gelang.37

Das Große Abendländische Schisma hat die grundlegende Reformbedürftigkeit der Kirche offengelegt. Waren schon seit langer Zeit Forderungen nach einer Reinigung und auch spirituellen Erneuerung in der Kirche laut geworden, so wurde dieser An- spruch nun gleich aus mehreren Gründen verstärkt. Zum einen schadete das Schisma dem Papsttum an sich, denn es gab nun keinen allgemein anerkannten Papst. Zum anderen verstärkte die Verstrickung der Kurie in weltliche Angelegenheiten, wie bei der Vergabe von Pfründen, zunehmend die Kritik. Auch die schlichte Existenz von zwei, bzw. nach dem Konzil von Pisa drei Kurien brachte einen hohen Finanzbedarf mit, der zum Anlass genommen wurde, das kirchliche Finanzwesen im Allgemeinen zu kritisieren. Zusammengefasst kann man sagen: Die anstehende Lösung des untragbaren Zustands wurde oft mit grundsätzlichen Reformforderungen verknüpft.38

4. Die De Squaloribus Curiae Romane des Matthäus von Krakau

Die erste Schrift, die als Reformschrift in dieser Arbeit behandelt werden soll, ist traditionell als De Squaloribus curiae Romane 39 des Matthäus von Krakau bekannt.40 Sie ist eine im Jahre 1403 entstandene „Schrift zur Kirchenreform“41, die aufgrund ihres „spezifischen Gewichts erhöhte Beachtung verlangt, wie es sich in der hand- schriftlichen Verbreitung einerseits und in der Beachtung durch die Forschung andererseits zu erkennen gibt“42. Der Autor ist ein promovierter Theologe aus Prag, der seit 1394 am Hof des Pfalzgrafen und des deutschen Königs in Heidelberg lebt und arbeitet.

[...]


1 Vgl. MIETHKE, Jürgen: Kirchenreform auf den Konzilien des 15. Jahrhunderts. Motive - Methoden - Wirkungen. In: HELMRATH, Jürgen / MÜLLER, Heribert (Hg.): Studien zum 15. Jahrhundert. Festschrift für Erich Meuthen. Bd. 1. München: Oldenbourg 1994. S.13-42. S. 14.

2 Matthias Röder in einer Predigt zu Beginn des Konstanzer Konzils. Zit. nach: BOLLMANN, Ralph: Reform. Ein deutscher Mythos. Berlin: wjs 2008.

3 BOLLMANN, Ralph: Reform. S. 13.

4 WOLGAST, Eike: Reform, Reformation. In: BRUNNER, Otto / CONZE, Werner / KOSELLECK, Rein- hart(Hg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Stuttgart: Klett-Cotta 2004. Bd. 5. S. 313-360. S. 321.

5 Vgl. HELMRATH, Johannes: Theorie und Praxis der Kirchenreform im Spätmittelalter. S. 43.

6 Vgl. SCHWAIGER, Georg; Leipold, Heinrich: Papsttum. In: Theologische Realenzyklopädie. Berlin: de Gruyter 1995 Bd. 25. S. 647-695. S. 665f.

7 HELMRATH, Johannes: Theorie und Praxis der Kirchenreform im Spätmittelalter. In: Rottenburger Jahrbuch für Kirchengeschichte. Bd. 11. Sigmaringen: Thorbecke 1992. S. 43.

8 Vgl. Kapitel 3.

9 Vgl. Dudenredaktion (Hg.): Duden. Die deutsche Rechtschreibung. Augsburg: Weltbild 242009. S. 839.

10 Vgl. WOLGAST, Eike: Reform. S. 313.

11 Ebd.

12 In einem wertneutralen oder auch abwertenden Sinne wird eher „transfiguare“ benutzt, vgl. 1. Kor 4,6 oder 2. Kor 11,13.

13 Vgl. WOLGAST, Eike: Reform S. 314 f.

14 BRUNNER, Peter: Reform - Reformation. In: DERS. Bemühungen um die einigende Wahrheit. Aufsätze. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1977. S. 9-33. S. 11.

15 Phil 23,1.

16 BRUNNER: Reform. S. 161.

17 Vgl. LADNER, Gerhart B.: Erneuerung. In: SCHÖLLGEN, Georg [u.a] (Hg.): Reallexikon für Antike und Christentum. Sachwörterbuch zur Auseinandersetzung des Christentums mit der antiken Welt. Bd. 6. Stuttgart: Hiersemann 1966. S. 252.

18 Vgl. LADNER, Gerhart B.: The Idea of Reform. Its Impact on Christian Thought and Action in the Age of the Fathers. Cambridge: Harvard University Press 1959. S.63.

19 Vgl. WOLGAST, Eike: Reform. S. 315.

20 Vgl. Ebd. S. 426.

21 Vgl. Ebd. S. 316.

22 Vgl. SPÖRL, Johannes: Das Alte und Neue im Mittelalter. Historisches Jahrbuch 50 (1930) S. 297- 341. S. 309f.

23 FLECKENSTEIN, Josef: Die Bildungsreform Karls des Großen als Verwirklichung der norma rectitudinis. Bigge: Ruhr 1953. S. 59.

24 Zit. nach: HELMRATH, Johannes: Theorie und Praxis der Kirchenreform im Spätmittelalter. S. 49.

25 Zit. nach: Ebd. S. 49f.

26 HELMRATH, Johannes: Theorie und Praxis der Kirchenreform im Spätmittelalter. S. 49.

27 Vgl. FRECH, Karl Augustin: Reform an Haupt und Gliedern. Untersuchung zur Entwicklung und Verwendung der Formulierung im Hoch- und Spätmittelalter. Frankfurt a.M. [u.a]: Peter Lang 1992. S. 365 -370.

28 Vgl. Ebd. S. 17-90.

29 Vgl. SCHATZ, Klaus: Allgemeine Konzilien - Brennpunkte der Kirchengeschichte. Paderborn[u.a.]: Schöningh 1997. S. 165.

30 Synonym für ‚Großes Abendländisches Schisma‘.

31 Vgl. SCHATZ, Klaus: Allgemeine Konzilien. S. 125f.

32 Ebd. S. 125.

33 Im „Decretum Gratiani“ um 1140 wurde beispielsweise die Möglichkeit anerkannt, einen häretischen Papst anzuerkennen.

34 Vgl. SCHATZ, Klaus: Allgemeine Konzilien.. S. 127.

35 Vgl. dazu die Kapitel 5. und 7.

36 Zur gesamten Chronologie bis hier vgl. Schatz, Klaus: Allgemeine Konzilien. S. 123-147.

37 Vgl. Kapitel 6.1.

38 Vgl. FRECH, Karl: Reform an Haupt und Gliedern. S. 29.

39 Matthäus von Krakau: Der Sumpf der römischen Kurie. In: MIETHKE, Jürgen / WEINRICH, Lorenz: Quellen zur Kirchenreform im Zeitalter der großen Konzilien des 15. Jahrhunderts. Teil 1. Die Konzilien von Pisa (1409) und Konstanz (1414-1418). Wiss. Buchges: Darmstadt 1995(=Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters 38a). S. 60 - 165.

40 Zur Problematik des Titels vgl. NUDING, Matthias: Matthäus von Krakau. S. 146-154.

41 NUDING, Matthias: Matthäus von Krakau. Mohr Siebeck: 2007(=Spätmittelalter und Reformation. Neue Reihe 38). S. 165.

42 MIETHKE, Jürgen: Einleitung. In: Quellen zur Kirchenreform I. S. 1-50. S. 19.

Details

Seiten
48
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656077763
ISBN (Buch)
9783656078531
Dateigröße
626 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v183500
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Katholisch-Theologische Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
Reform Konzilien Papsttum Konstanz Pisa Basel Matthäus von Krakau Reformatio Schisma Kirchenreform Haec Sancta Frequens Pavia De annatis De squaloribus

Autor

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Titel: Ecclesia semper reformanda