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Die Bedeutung der sogenannten Kantkrise für Kleist - Eine vergleichende Analyse der Aufsätze von Ludwig Muth und Ernst Cassirer

Seminararbeit 1999 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ernst Cassirer: Heinrich von Kleist und die Kantische Philosophie

3. Beweisführung Cassirers

4. Ludwig Muth: Kleist und Kant

5. Beweisführung Muths

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Heinrich von Kleist ist unbestritten einer der größten Schriftsteller Deutschlands. Doch nicht nur seine Werke, sondern auch sein Lebenslauf wurde von vielen Forschern untersucht. Eine wichtige Station im Leben Kleists war sicherlich die sogenannte Kantkrise. Durch sie verlor der Schriftsteller jeglichen Glauben und Halt in seinem Leben. Ob der Begriff „Kantkrise“ richtig gewählt ist, soll in dieser Arbeit untersucht werden. Denn nicht jeder der Forscher ist der Ansicht, daß Kleist Kant gelesen hat.

Aus diesem Grunde werden in dieser Arbeit zwei unterschiedliche Aufsätze zur Kantkrise behandelt, von Ludwig Muth „Kleist und Kant“ und von Ernst Cassirer „Heinrich von Kleist und die Kantische Philosophie“. Cassirer stellt in seinem Aufsatz die These auf, daß Kleist durch Fichte diese Krise erlitten hat. Zunächst möchte ich den Inhalt des Aufsatzes wiedergeben. Dies geschieht jedoch nur durch eine grobe Zusammenfassung, da der Schwerpunkt dieser Arbeit die jeweilige Argumentation und ihrer Analyse ist. Der Inhalt wird nur zum besseren Verständnis vorab angeführt. Ausführlicher möchte ich dagegen die Beweisführung Cassirers behandeln, um so prüfen zu können, ob seine Behauptung stichhaltig ist. Mit dem Aufsatz von Muth werde ich genauso verfahren. Da dieser später verfaßt wurde, bezieht sich der Autor auch auf die Forschungsergebnisse Cassirers. Die Ergebnisse des Argumentationsaufbaus sollen in der Zusammenfassung verglichen und im Idealfall die wirkliche Ursache der Kantkrise näher bestimmen zu können.

2 Ernst Cassirer: Heinrich von Kleist und die Kantische Philosophie

Cassirer stellt zu Beginn seines Aufsatzes die Schwierigkeit eines philosophischen Gedankens heraus. Er besitzt eine Atmosphäre, die den ursprünglichen Kern verwischt und sein Erkennen erschwert. Besonders die Philosophie Kants ist davon betroffen. Schiller und Goethe verstanden sie anders als Kleist. Die Ursache für diese widersprüchlichen Eindrücke sieht Cassirer in der Einstellung des Lesers zu dieser Philosophie. Kleist hat sich Kants Philosophie widersetzt während Goethe und Schiller sie mit Begeisterung lasen.

Cassirer spricht in seinem Aufsatz von der „Kantischen Philosophie“ und meint damit Kant als auch seine Anhänger wie Schopenhauer, Schelling und vor allem Fichte... (In Philosophiebuch nachsehen). Mit ihr hat sich Kleist schon vor 1801 beschäftigt. Die gängige Ansicht, daß die Krise Kleists durch „Die Kritik der reinen Vernunft“ von Kant ausgelöst wurde, ist für Cassirer nicht einleuchtend. Die Wirkung dieser Schrift auf den Dichter ist vollkommen unverständlich da sie im Gegensatz zu der allgemeinen Wirkung, die sie auslöste, steht. Cassirer kommt also zu dem Schluß, daß Kleist dieses Werk nicht verstanden hat oder daß die Krise durch eine andere Schrift ausgelöst wurde.

Kurz vor dem Zeitpunkt der Krise, also 1800, wurde ein Buch von Fichte „Die Bestimmung des Menschen“ angekündigt. Sein Inhalt muß, laut Cassirer, Kleist interessiert haben, da es für das „kunstlose Nachdenken“ über die Philosophie für Pädagogen bestimmt war. Cassirer gibt nun den Inhalt des Buches wieder und stellt einige Gemeinsamkeiten zwischen Kleists Weltanschauung und Fichtes Philosophie fest.

„Die Bestimmung des Menschen“ besteht aus drei Teilen. Der erste beschäftigt sich mit den Zweifeln, der zweite mit dem Wissen und der dritte mit dem Glauben. Cassirer ist der Meinung, daß die ersten beiden Teile Kleist durchaus so erschüttern konnten, daß er jeglichen Glauben verlor. Der letzte Teil, der eigentlich wieder Hoffnung machen sollte, ist so undeutlich formuliert, daß Kleist ihn nicht verstehen konnte. [1] Somit ist für Cassirer geklärt, welches Buch die Krise Kleists ausgelöst hat.

Jedoch untermauert er seine Behauptung, indem er den Widerspruch zwischen Kant und Kleist aufführt. Kleist las anfangs nur die Bücher von Kant, die ihn als Vollender der Aufklärung erscheinen ließen, wie zum Beispiel die „Antrophologie“. Erst später mußte Kleist durch ihn die Unvereinbarkeit von Praxis und Theorie feststellen.

Die geistige Entwicklung Kleists läßt sich an seinen Werken manifestieren. Cassirer nennt hier mehrere Beispiele, die erkennen lassen, daß Kleist eine Kluft zwischen innerer und äußerer Welt spürt. Wenn man inneren Frieden und Ordnung besitzt, so befindet sich die äußere Welt im Chaos. Diesen Zustand läßt Kleist Kohlhaas in (Werk herausfinden) erleben. Die landschaftliche Idylle im Mittelteil des „Erdbeben in Chili“ stellt ebenfalls einen starken Kontrast zu der Zerstörung dar.

Nach der Krise hat Kleist sich noch mit Kant beschäftigt. In einer Theaterrezension bringt er ein Zitat aus der Anthropologie ein, von dem er glaubte, es stamme aus der „Kritik der reinen Vernunft“. [2] (überprüfen) Auch pflegte Kleist nach dem Tod Kants Beziehungen zu Traugott Krug, der den philosophischen Lehrstuhl Kants innehatte und der Mann seiner ehemaligen Verlobten Wilhelmine von Zenge war. Cassirer nimmt an, daß die beiden Männer sich zwangsläufig über Kant unterhalten haben. Auch finden sich in den Aufsätzen Kleists für die „Berliner Abendblätter“ Beweise, daß er sich mit der Kantischen Philosophie immer noch auseinander setzte. So spottet er in dem Text „Brief eines Malers an seinen Sohn“ über die Philosophie Fichtes. Ein Beleg dafür, daß Kleist ich für seine Erschütterung verantwortlich macht.

3 Beweisführung Cassirers

Betrachtet man den Aufsatz Cassirers oberflächlich, so ist auffallend, daß er seine Thesen selten anhand von Fußnoten beweist. Die wenigen beziehen sich auf Werke anderer Forscher, also nicht auf Primärliteratur. Die Briefe Kleists werden direkt in den Text eingeknüpft und nicht weiter belegt.

Cassirer stellt zu Beginn den Zustand Kleists während seiner Krise dar. Ein Auszug aus dem sogenannten Kantbrief gibt dem Leser einen Einblick in die Ausmaße der Krise: „Mein einziges und höchstes Ziel ist gesunken; ich habe keines mehr.“ [3] Anhand früherer Briefe läßt sich auch belegen, daß Kleist schon vorher Kant gelesen hat und seine Philosophie nach Frankreich bringen wollte. Cassirer leitet daher ab, daß er sich mit dem Philosophen tiefergehend beschäftigt hat und mit ihm vertraut war. Gerade aus diesem Grunde ist es für Cassirer unverständlich, daß eine Schrift Kants, die eigentlich eine positive Wirkung auf ihre Leser hatte, Kleist so erschüttern konnte. Die „Kritik der reinen Vernunft“ gab Kleist nicht den mindesten Anlaß, seine Ziele zu verlieren. Im Gegenteil: Kant betont die Wichtigkeit und hohe Stellung der Mathematik und der Naturwissenschaften, in denen die Wahrheit zu finden sei. Dieser Ansicht war Kleist auch. Für ihn befand sich die reale und einzige Wahrheit eben dort. Cassirer kommt also zu dem Schluß, daß Kleist all diese Inhalte nicht mißverstehen konnte und deshalb eine andere Schrift für die Krise verantwortlich ist.

Ein weiterer Beweis für diese Folgerung scheint auch in dem Begriff der „sogenannten Kantischen Philosophie“ zu sein, der in dem Brief an Wilhelmine auftaucht. Kleist spricht hier nicht von einer bestimmten Schrift Kants. Das Werk, das diese Erschütterung auslöste, mußte also mit der Philosophie Kants verwandt sein und kurz vor dem Jahr 1801 erschienen sein, da in dem Kantbrief von einem Buch die Rede ist, mit dem Kleist erst seit kurzem bekannt geworden sei.

[...]


[1] Cassirer S.175.

[2] Zur Diskussion dieses Zitates siehe Kap. 3 und 5 und 6.

[3] Kleist Brief

Details

Seiten
19
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638227162
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v18348
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Germanistisches Institut
Note
3
Schlagworte
Bedeutung Kantkrise Kleist Eine Analyse Aufsätze Ludwig Muth Ernst Cassirer Proseminar Heinrich

Autor

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