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Menschenwürde aus historischer und zeitgenössischer Perspektive

Essay 2011 9 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ursprünge der Menschenwürde
2.1 Die Begriffe der humanitas und dignitas von Marcus Tullius Cicero in seinen Werken De officiis und De re publica
2.2 Menschenwürde im Laufe der Revolutionen des 18. Jahrhunderts

3 Menschenwürde aus verschiedenen Perspektiven
3.1 Immanuel Kant: »Grundlegung zur Metaphysik der Sitten«
3.2 Die christliche Ethik
3.3 Die säkulare Perspektive

4 Die katholische Kirche: Ethos versus Moderne

5 Fazit

6 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Die Menschenwürde gilt in unserem pluralistischen Gesellschaftssystem als rechtsstaatliches Prinzip, welches im Grundgesetz verankert ist. In der Historie, vor allem in der griechischen Philosophie, wurde diese Menschenwürde aus verschiedenen Perspektiven definiert. Der Begriff der Menschenwürde schließt mit ein, dass jeder Mensch – unabhängig von religiöser und weltanschaulicher Überzeugung, Nationalität, Geschlecht etc. – einen eigenen inneren, sakrosankten Wert besitzt. Sie bildet die Grundlage für jeglichen rechtsstaatlichen- und rechtsphilosophischen Schutz des Individuums.

Doch was bedeutet diese Menschenwürde in einer technokratischen, von Nachrichten geradezu überfluteten Gesellschaft, in welcher die Menschenrechte spürbar an Bedeutung verlieren – was unter anderem auf die geradezu kumulative Volksverdummung und der damit zusammenhängenden medialen Indoktrination zurückzuführen ist? Was bleibt in einer Zeit, in der Menschenrechts- und Menschenwürdeverletzungen gesellschaftliche Realität sind, in einer Zeit, in welcher unsere Gesellschaft eine erschreckend hohe Erwerbslosenquote aufweist, in einer Zeit, in der Gedanken an eine aufklärerische Streitkultur womöglich kaum noch existieren.

Im Folgenden werde ich auf die Ursprünge der Menschenwürde in Ciceros Werken De officiis und De re publica und auf die Bedeutung der Menschenwürde in den Revolutionen des 18. Jahrhunderts eingehen. Anschließend werde ich einige Positionen zur Menschenwürde, unter anderem Kants Definition in » Grundlegung zur Metaphysik der Sitten «, die der christlichen Ethik und eine säkular, rational begründete Position aufgreifen.

2 Ursprünge der Menschenwürde

2.1 Die Begriffe der humanitas und dignitas von Marcus Tullius Cicero in seinen Werken De officiis und De re publica

Betrachtet man die stoische Lehre, so war es der Redner und Staatsmann Marcus Tullius Cicero (106-43 v.Chr.)[1], der mit seinen Werken De officiis und De re publica der Menschenwürde ihren gesellschaftlich und rechtlich immanenten Charakter verlieh. Der Begriff humanitas existierte vor der Erweiterung in den Begriff dignitas seitens Ciceros unter der Bedeutung eines Unterscheidungskriteriums zum Tier – er verstand sie also noch nicht als personale Eigenschaft. In seinen Werken De officiis und De re publica kreierte er das gesellschaftliche Modell der dignitas, der Würde des Menschen.

Die dignitas distinguiert Cicero jedoch: Er kritisiert im Rahmen seiner Verfassungsdiskussion über regnum, Aristokratie oder Demokratie die Volksherrschaft, da diese zu einer gleichmäßigen Verteilung der Würde führe und daraus folge, dass das Volk keine Stufen der Würde kenne[2]. Des Weiteren gibt es nach Cicero verschiedene Arten von Würden, dignites [3], welche neben vielen anderen menschlichen und gleichberichtigten Eigenschaften existieren. Demnach assoziiert er dignitas mit Begriffen wie gloria, honor oder laus. Ferner sieht er eine soziale Beziehung zwischen Individuum und Öffentlichkeit, die sich in einer Nützlichkeit der Taten für die Gemeinschaft äußert, wobei für ihn nicht alle Taten nützlich für das Gemeinwesen sind, da sie nicht ausnahmslos eine Würdesteigerung implizieren[4]. Nach Cicero ist es außerdem notwendig, dass die Gemeinschaft über die Nützlichkeit urteilen soll. Daher ist die dignitas eine von jedem Individuum durch gesellschaftlichen oder gemeinschaftlichen Verdienst persönlich zu verdienende Eigenschaft, welche auch zu verlieren ist.

In De officiis konstruierte er das Modell einer kongenitalen Würde des Menschen, mit welchem er dem gesellschaftlichen dignitas- Konzept ein Konzept menschlicher Würde gegenüberstellt, welche nicht absprechbar ist. Das äußert sich in seinem Werk dort, wo er vom Menschen im Kontrast zum Tier spricht und allen Menschen eine Würde zuspricht[5]. Die dignitas erhält der Mensch nach Cicero, da er im Vergleich zum Tier rational ist, was jedoch vordergründig unabhängig von seinen Leistungen zu betrachten ist. Die Bewahrung dieser Würde zeigt sich in einem entsprechenden Verhalten, welches nicht durch zum Beispiel überschwänglich luxuriöses Leben gekennzeichnet ist.

Ergo ist die Würde abdingbar und differenzierbar: abdingbar in der Hinsicht, dass man durch ein anmaßendes oder ungesittetes Verhalten seine Würde verlieren kann und differenzierbar unter dem Gesichtspunkt, dass sie von Taten, dem Charakter und der Grundattitüde jedes Individuums in Verbindung mit der Nützlichkeit für die Gemeinschaft abhängig ist.

2.2 Menschenwürde im Laufe der Revolutionen des 18. Jahrhunderts

Schon in der Declaration of Independence der Vereinigten Staaten vom 04.06.1776[6] sprachen die Verfasser von gewissen, unveräußerlichen Rechten, zum Beispiel vom Recht auf Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück. Die Menschenwürde wurde hier zwar nicht explizit erwähnt, sie lässt sich jedoch aus den oben genannten Formulierungen herleiten. Im Zuge der Französischen Revolution verabschiedete die französische Nationalversammlung am 26.08.1789[7] eine Erklärung der Bürger- und Menschenrechte, die der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten in den genannten Punkten sehr ähnelt und auch ihr Vorbild war. Trotz keiner direkten Thematisierung der Menschenwürde in beiden Erklärungen, findet sich in beiden Schriften eine für unsere Gesellschaft signifikante Grundlage, welche in Form der UN-Menschenrechtsdeklaration am 10.12.1948 verabschiedet wurde. Ihr liegen die Grundideen beider Erklärungen zu Grunde, besonders die der Französischen Revolution: Alle Menschen sind frei; gleich an Würde und Rechten geboren und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.

3 Menschenwürde aus verschiedenen Perspektiven

3.1 Immanuel Kant: » Grundlegung zur Metaphysik der Sitten «

Schon Immanuel Kant hat 1785 in seinem Werk » Grundlegung zur Metaphysik der Sitten « die Vernunft als eine die Würde untermauernde Eigenschaft definiert. Das Grundprinzip der Menschenwürde liegt für Kant in dem Einräumen einer grundsätzlichen Gleichwertigkeit aller Menschen, dem Anerkennen des menschlichen Existenzrechts und in der Achtung Anderer. Für Kant stellt das Individuum per se einen Zweck dar, der keinem fremden Zweck untergeordnet werden darf. Demnach findet eine Menschenwürdeverletzung für Kant dann statt, wenn ein Individuum ein anderes Individuum als Mittel für seine persönlichen Zwecke missbraucht. Dazu sagt er in seinem Werk ganz eindeutig:

» Die Wesen, deren Dasein zwar nicht auf unserem Willen, sondern der Natur beruht, haben dennoch, wenn sie vernunftlose Wesen sind, nur einen relativen Werth, als Mittel, und heißen daher Sachen, dagegen vernünftige Wesen Personen genannt werden, weil ihre Natur sie schon als Zwecke an sich selbst, das ist als etwas, das nicht bloß als Mittel gebraucht werden darf, […]. «[8]

In unserem heutigen Rechtssystem hat sich auf Grundlage dieser Theorie die sogenannte Objektformel etabliert, mit welcher eine Menschenwürdeverletzung verfassungsrechtlich determiniert wird.

3.2 Die christliche Ethik

Die Vertreter der christlichen Ethik sagen, dass der Mensch eine von Gott gegebene Würde besitzt und wird im Sinne der Bibel nach Genesis 1,27 als Gottes Ebenbild verstanden. Der Philosoph Robert Spaemann drückt diese Ebenbildlichkeit wie folgt aus: » Der Mensch ist das Wesen, das sich selbst zurücknehmen, sich relativieren kann. Er kann […] sich selbst sterben. [...] Eben in dieser Relativierung des eigenen endlichen Ichs […] erweitert sich die Person und wird ein Absolutes. «[9]

Resultierend aus der Reformation und des protestantischen, lutherischen Verständnis vom » allgemeinen Priestertum aller Gläubigen «[10] entwickelte sich der Gedanke der Gewissensfreiheit seit dem 16. Jahrhundert und fand immer größere Verbreitung.

Die Menschenwürde hat zwar im frühen Christentum eine Rolle gespielt, wird jedoch unterschiedlich verstanden. Im Zuge der Aufklärung in Europa im 17. und 18. Jahrhundert wurde sie erst als universelles philosophisches Konzept konzipiert.

3.3 Die säkulare Perspektive

Aus weltlicher, säkularer Perspektive hat eine christliche Erklärung der Menschenwürde keine Gültigkeit. In einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft, in der konfessionsfreie Menschen mittlerweile 34,8 Prozent der Bevölkerung[11] (Tendenz steigend) ausmachen, kann sie nicht allgemeinverbindlich sein, da sich die Gottebenbildlichkeit ausschließlich auf Menschen christlichen Glaubens bezieht. Eine rationale, historisch validierbare Begründung der Menschenwürde, zum Beispiel anhand der Schriften Ciceros, der französischen und amerikanischen Revolution oder der Schriften Kants ist aus dieser Perspektive nur zeitgemäß.

4 Die katholische Kirche: Ethos versus Moderne

Bis in die späten 60er Jahre musste der katholische Klerus den » Antimodernisteneid «, der ursprünglich von Papst Pius X. im Jahre 1910[12] durchgesetzt wurde, schwören. Dieser beinhaltete eine Ablehnung aller » Irrtümer « der Moderne, wie Demokratie, Menschenrechte, Pluralismus etc. – welche folglich einen nachhaltigen Effekt auf die Grundeinstellung des Vatikans zu modernen, rechtsstaatlichen Werten genommen hat, der sich heute in der Ablehnung der EU-Menschenrechtskonvention und der Ablehnung des UN Beitritts widerspiegelt.

[...]


[1] Vgl. Strzysch, Marianne; Bergmann, Martin: Duden Schülerlexikon, 2003, 119.

[2] Vgl. Cic. rep. 1, 43.

[3] Vgl. Cic. rep. 1, 53.

[4] Diese Differenzierung ist selbstverständlich auch auf unser gegenwärtiges Gesellschaftssystem übertragbar.

[5] Vgl. Cic. off. 1, 106.

[6] Vgl. Strzysch, Marianne; Bergmann, Martin: a.a.O., 563.

[7] Vgl. Strzysch, Marianne; Bergmann, Martin: a.a.O., 223.

[8] Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, in: Kants Werke, Akadamie Textausgabe Bd. 4, 428.

[9] Spaemann, Robert: Über den Begriff der Menschenwürde, 114.

[10] Schulz, Dr. Christiane: Priestertum aller Gläubigen.

[11] Vgl. Fowid: Entwicklung der Religionszugehörigkeiten 1970-2010, 5.

[12] Vgl. Spiegel ONLINE Lexikon: Antimodernisteneid.

Details

Seiten
9
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656076520
ISBN (Buch)
9783656076360
Dateigröße
390 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v183392
Note
Schlagworte
Menschenwürde Cicero Kant Christliche Ethik Menschenrechte Essay

Autor

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