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Die Kunst des Liebens. Der Liebesbegriff bei Erich Fromm zwischen Theorie, Praxis und Verfall

Hausarbeit 2003 17 Seiten

Philosophie - Sonstiges

Leseprobe

INHALT

1) Einführung: Zum Liebesbegriff im Kontext von Erich Fromms Die Kunst des Liebens

2) Lieben als Kunst

3) Die Liebe und ihr Verhältnis zu unserer menschlichen Existenz
3.1) als Antwort auf das Problem menschlicher Existenz
3.2) als verfallendes Element unserer heutigen westlichen Gesellschaft

4) Zur Praxis der Liebe im Zusammenhang mit unserer heutigen Situation als Individuum

5) Schlusskritik: Die Kunst des Liebens und der Kontrast zwischen Individuum und Gesellschaft

6) Literatur

Wer den ordo amoris eines Menschen hat, hat den Menschen. Er hat für ihn als moralisches Subjekt das, was die Kristallformel für den Kristall ist.[1]

[Max Scheler]

Wer nichts weiß, liebt nichts.

Wer nichts tun kann, versteht nichts.

Wer nichts versteht, ist nichts wert.

Aber wer versteht,

der liebt, bemerkt und sieht auch ...

Je mehr Erkenntnis einem Ding innewohnt, desto größer ist die Liebe ...[2]

[Paracelsus]

1) Einführung: Zum Liebesbegriff im Kontext von Erich Fromms „Die Kunst des Liebens“

Der philosophische Begriff der Liebe beinhaltet eine Vielzahl von unterschiedlichen Bedeutungsinhalten. Ist die Liebe bei Platon noch eine Art Verlangen, „eine das geistige Wesen des Menschen ausmachende Befindlichkeit“[3] und damit in der Ausprägung des Eros der zentrale Antrieb der Seele auf der Suche nach allem Guten, Schönen und Wahren, erfährt das Verständnis des Liebesbegriffs im Laufe der Zeit zahlreiche Wandlungen. So definiert Augustinus Liebe als das Ineinander von Nächsten-, Selbst- und Gottesliebe[4]. Wahre, auf Gott ausgerichtete Liebe ersetzt bei ihm gar jegliche moralischen Gesetze. Mit dem neuzeitlichen Rationalismus fällt dagegen die ontologische Verklärung des Begriffs langsam ab, Liebe wird plötzlich zu einer subjektorientierten Eigenschaft, einem Gefühl oder einer Passion.[5] Für Friedrich Hegel ist der Grund der Liebe das Bewusstsein zu Gott, Max Scheler sieht den Menschen als ens amans, als liebendes Wesen, bei dem alles Erkennen und alle Wertannahme letztendlich in der Liebe gründen und den ‚liebenden Charakter des handelnden Menschen’ ausmachen (ordo amoris). Die Gottesidee ist bei Scheler der oberste Wert und die höchste Form der Liebe. Besonders ab Beginn des 20.Jahrhunderts und Sigmund Freud verlagert sich die Diskussion um den Liebesbegriff auf eine sozialphilosophische und psychologische Ebene, die sich stets im Kontext der Gesellschaftsentwicklung vollzieht und sich dabei stark an den einzelnen Individuen orientiert.

Vor diesem Hintergrund ist auch Erich Fromms Die Kunst des Liebens von 1956 zu betrachten. Der Sozialpsychologe und Psychoanalytiker Fromm (Frankfurt a. M. 23.3.1900 – Muralto 18.3.1980), der stark in der jüdischen Kultur und Religion verwurzelt war, errang als Autor populärphilosophischer Werke (u.a. „Sein und Haben“ 1976) einen hohen Bekanntheitsgrad. Er arbeitete und publizierte unter anderem in Berlin, New York und Mexiko City und war dreimal verheiratet. Als Mitglied der Frankfurter Schule trug er zu deren Sozialforschung bei, brach aber im amerikanischen Exil (ab 1934) mit den kritischen Theoretikern. Seine grundlegende Revision war die starke Ausweitung der Betrachtung der Persönlichkeitsentwicklung auf die Einflüsse des kulturellen Umfeldes (und nicht, wie Freud, auf den Geschlechtstrieb). Davon zeugt auch das vorliegende Werk „Die Kunst des Liebens“, in dem der Autor keine simple Anleitung zu dieser verlockenden Kunst geben will.

Denn das Buch möchte zeigen, dass „die Liebe kein Gefühl ist, dem sich jeder ohne Rücksicht auf den Grad der eigenen Reife nur einfach hinzugeben braucht.“[6]

Vielmehr offenbart die Schrift eine Hilfestellung zur Persönlichkeitsentwicklung, denn Fromm „möchte zeigen, daß [sic!] es in der Liebe zu einem anderen Menschen überhaupt keine Erfüllung ohne die Liebe zum Nächsten, ohne wahre Demut, ohne Mut, Glaube und Disziplin geben kann.“[7] Dabei fällt besonderes Augenmerk auf die Verfassung unserer Gesellschaft (Stand der 1950er Jahre) und die Probleme des Individualisierungsprozesses, denn in einer Kultur, in der die angesprochenen notwendigen Eigenschaften rar geworden sind, wird die Fähigkeit zu lieben selten voll entwickelt.[8]

Vor diesem Hintergrund möchte die vorliegende Arbeit zunächst entfalten, was Erich Fromm als eigentliche ‚Kunst’ ausmacht. Im Augenmerk des Interesses stehen daraufhin die sich ergebenden theoretischen Fragen im Hinblick auf unsere heutige menschlich-kulturelle Existenz und deren ‚Brandherde’, womit sich bereits der Schritt in die Praxis, also quasi hin zur Ausübung dieser ‚Kunst des Liebens’ und damit zum letzten Punkt der Arbeit andeutet. Insgesamt betrachtet sollen die grundlegenden Aspekte aus Fromms Werk, die behandelt, sowie die Perspektiven, die gegeben werden, aufgeführt und abschließend im Kontext unserer heutigen Situation als Individuum zu Beginn des 21. Jahrhunderts diskutiert werden.

2) Lieben als Kunst

Erich Fromm spricht sich zu Beginn dafür aus, das Lieben eindeutig als eine Kunst zu betrachten. Damit sei natürlich verbunden, dass bei der Ausübung dieser Kunst etwas von einem verlangt wird: Ein gewisses Maß an Wissen und bereitwilligem Lernen. Fromm macht jedoch sogleich auf eine „merkwürdige Einstellung“[9] aufmerksam: Die meisten Menschen heutzutage glauben nicht, dass man zum Erlernen dieser Kunst des Liebens etwas tun und beisteuern muss. So hungern die Menschen geradezu nach Liebe, halten sie aber gleichzeitig für eine angenehme Empfindung, die einem zufällig und glücklich in den Schoß fällt.[10] Dieser Fehleinschätzung liegen drei Voraussetzungen zugrunde.

Einmal sehen viele als zentrales Problem der Liebe an, selbst geliebt zu werden, anstatt in Eigenregie lieben zu können und de facto zu lieben. Das entspricht einer grundsätzlich einseitigen und damit falschen Zielsetzung. So werden zahlreiche Mittel eingesetzt, um möglichst liebenswert zu erscheinen, wobei die gleichen Methoden zum Zuge kommen, wie bei der Anpassung an ein soziales Umfeld (dem ‚Freunde-finden’). Kriterien hierfür reichen von Erfolg, Macht, Reichtum, sozialer Stellung und subjektiven Prioritäten bis hin zu äußerer Attraktivität.

Der zweite Fehler ist laut Erich Fromm die Annahme, es gehe bei dem Problem der Liebe um ein Objekt und nicht um eine Fähigkeit. Dabei erfolgt eine Fixierung auf „den richtigen Partner [...] den man selbst lieben könne und von dem man geliebt werde.“[11] Als spezifische Ursachen dafür erkennt Fromm zum einen den Wandel im Prozess der Wahl des Liebesobjektes, von Traditionen und Heiratsverträgen hin zu romantischer Liebe und Freiheit in der Liebe. Zusammenhängend damit entwickele sich ein Gefühl der Verliebtheit nur dann, wenn man glaubt, ein attraktives Tauschobjekt auf dem Markt gefunden zu haben. „Dabei wird unter ‚attraktiv’ ein Bündel netter Eigenschaften verstanden, die gerade beliebt und auf dem Personalmarkt gefragt sind.“[12]

„So verlieben sich zwei Menschen ineinander, wenn sie das Gefühl haben, das beste Objekt gefunden zu haben, das für sie in Anbetracht des eigenen Tauschwerts auf dem Markt erschwinglich ist.“[13]

An dieser Stelle übt Fromm offen Kulturkritik: Zwischenmenschliche ~ und Liebesbeziehun-gen hätten in der heutigen Marketing-Kultur keine anderen Gesetze, wie auf dem Waren- und Arbeitsmarkt.

Als dritten und verbleibenden Irrtum der Beurteilung des ‚Lieben-Könnens’ spricht Fromm den Gegensatz zwischen Verlieben und Lieben an. Dabei differenziert er das Verlieben, welches seinem „Wesen nach nicht von Dauer“[14] sei und sich im Laufe der Zeit regelrecht abnutze, vom echten Lieben. Mit dem Verlust des geheimnisvollen Charakters der verliebten Vertrautheit und gepaart mit einem Prozess der Gewöhnung an den Anderen trete auch die Gefahr auf, dass die Beziehung dadurch getötet wird.

„Es gibt kaum [...] ein Unterfangen, das mit so ungeheuren Hoffnungen und Erwartungen begonnen wird und das mit solch einer Regelmäßigkeit ]sic!] fehlschlägt wie die Liebe.“[15]

Um ein permanentes Scheitern zu vermeiden setzt Fromm das Ziel, die Ursachen für unser Scheitern herauszufinden und gleichzeitig zu untersuchen, was ‚lieben’ eigentlich bedeutet. Das Lieben sei eine Kunst wie das Leben auch und beim Erlernen dieser Kunst müssen wir genauso vorgehen, wie bei der Einübung anderer Künste, wie der Malerei, der Technik oder der Musik. Die notwendigen Schritte hierbei sind für Fromm die Kombination aus Theorie und Praxis, sowie im gleichen Moment das Setzen des „Erlernen-Wollens’ als oberste persönliche Priorität. Denn Theorie und Praxis führen zur Intuition, doch scheiterten heute viele Menschen an der falschen Energieverteilung und nutzten ihre Kräfte zugunsten von materiellen Zielen und nicht in ausreichendem Maße für ihre Sehnsucht nach Liebe.

3) Die Liebe und ihr Verhältnis zu unserer menschlichen Existenz

3.1) ...als Antwort auf das Problem menschlicher Existenz

Einer Theorie der Liebe muss stets auch eine Theorie der menschlichen Existenz und des Menschen an sich vorausgehen. Fromm sieht den Menschen als „losgerissen“[16] vom Instinktapparat der Tiere, gleichzeitig aber noch mit einem Bein in der Natur, in die er jedoch nicht zurückkehren kann. Mit der Geburt kommt der Mensch in eine - im Bezug auf Gegenwart und Zukunft vor dem Tod - offene, ungewisse Situation, die ihm allerdings selbst bewusst ist. Sein logos verhilft ihm zu der Erkenntnis, dass er „allein und abgesondert und den Kräften der Natur und der Gesellschaft hilflos ausgeliefert ist“[17]. Aus dieser einsamen Existenz heraus sucht der Mensch nun zu fliehen, dies ist sein tiefstes Bedürfnis und ein stän-diger Prozess. Laut Fromm würde ein absolutes Scheitern hierbei zum Wahnsinn führen, weil eine völlige Isolation (oder schon die Angst davor) einzig und allein durch eine Verschiebung

der Wahrnehmung erträglich gemacht werden könnte. So ist der Mensch dazu verdammt, neue Mittel und Wege zur Überwindung dieser permanenten und der menschlichen Existenz immanenten Einsamkeit zu finden.

[...]


[1] Max Scheler. In: dtv-Atlas Philosophie. S.199.

[2] Paracelsus. In: E. Fromm: Die Kunst des Liebens. S.7.

[3] Enzyklopädie der Philosophie. à Liebe. S.205.

[4] Vgl. ebd.

[5] Vgl. ebd.

[6] E. Fromm: Die Kunst des Liebens. Vorwort. S.9.

[7] Ebd.

[8] Vgl. ebd.

[9] E. Fromm: Die Kunst des Liebens. S.11.

[10] Vgl. ebd.

[11] Ebd. S.12.

[12] Ebd. S.13.

[13] Ebd.

[14] E. Fromm: Die Kunst des Liebens. S.14.

[15] Ebd. S.15.

[16] Ebd. S.17.

[17] Ebd.

Details

Seiten
17
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638227070
ISBN (Buch)
9783656652243
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v18338
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg – Lehrstuhl für Philosophie 2
Note
2,0
Schlagworte
Kunst Liebens Liebesbegriff Erich Fromm Theorie Praxis Verfall Einführung Kulturtheorie Psychoanalyse

Autor

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Titel: Die Kunst des Liebens. Der Liebesbegriff bei Erich Fromm zwischen Theorie, Praxis und Verfall