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Sexualität im Mittelalter - mit besonderer Fokussierung auf Kirchliche Sexualmoral und Quellen mittelalterlicher Sexualität/Erotik

Seminararbeit 2011 13 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung (S.3)

2 Sexualität im Mittelalter - eine kurze Zusammenfassung
2.1 Der Kirchlicher Grundstandpunkt zum Thema „Geschlechtsverkehr“ im Mittelalter
2.2 Kirchliche Sexualmoral

3 Quellen zu „Sex im Mittelalter“
3.1 Bußbücher
3.2 leges barboarorum und Lex Baiuvariorum
3.3 Minnedichtung und Fabilaux
3.4 Gerichts- und Inquisitionsprotokolle
3.5 Briefe

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Abb1: Erzherzog Maximilian von Österreich an Sigmund Prüschenk

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Steinhaufen, G. (HRSG)(1899): Deutsche Privatbriefe des Mittelalters. Berlin

Transkription:

Erzherzog Maximilian von Österreich an Sigmund Prüschenk. Maßtricht. 1485 September 8.

Lieber Herr Sigmund … .! Die sch ö nen Frauen hier haben h ö ren sagen von einem hü bschen Gesellen, der heisst Herr Sigmund Brü schinck, der sei bei der 1 .Mai. Die haben gro ß Verlangen, den zu sehen und bei ihm in Glauben schalffen , doch in sch ö nen Ehren. Sehet wohl zu, wann Ihr herabkommet, dass Ihr den Glauben halt, oder Ihr wü rd der Stund aufgejagt u. Datum zu Ma ß tricht an unser Frauen Tag nativitatis 85.

Maximilian er(z)h(erzog) zu Ö sterreichper manum properiam. (Abr.) Herrn Sigmunden Brü schincken in sein Hand.

Ich möchte in meiner Proseminararbeit den oben abgebildeten Brief als Impuls für mein Thema „Sexualität im Mittelalter“ verwenden. In dieser Arbeit werde ich verstärkt auf die Sexualethik der christlichen Kirche eingehen und mögliche Quellen dazu erörtern und interpretieren. Diese Arbeit sollte einen kleinen Überblick über die damalige Einstellung zum Sexualtrieb des Menschen geben und ihn in ein zeitliches Korsett schnüren. Ich hoffe, dass mir dies gelungen ist und auch die zitierten Quellen einen besseren Gesamteindruck generieren.

2. Sexualität im Mittelalter - Eine Zusammenfassung

In der heutigen westlichen Kultur wird die Ehe meist mit dem Begriff „Liebe“ assoziiert und Randbedingungen wie etwa Exklusivität oder Intimität geschaffen. In der mittelalterlichen und auch späteren Zeit kann weniger von Liebesbeziehungen gesprochen werden. Die Ehe und das Sexualverhalten galt offiziell mehr als Mittel zum Zweck wie Sieder (1977) treffend beschreibt: „Ehe und Familie waren in unterschiedlicher Form immer Grundlage eines mehr oder weniger autarken Wirtschaftsbetriebs.“1 Die Partnerwahl geschah aus diesem Grund im Zusammenhang mit Überlegungen, welche Lebensgemeinschaft die materielle Versorgung der Angehörigen beziehungsweise das Überleben des Geschlechts sichert. Dieses ungeschriebene Gesetzt galt sowohl für Bauern als auch für den Adel.2 Dies galt für die Ehe, denn außereheliche Sexualität war ein Tabuthema.

Bei meinen Recherchen zum Thema „Sexualität im Mittelalter“ musste ich eine stiefmütterliche Behandlung eben dieses feststellen. Dies lässt sich unter anderem auf die Dominanz der katholischen Kirche in jener Zeit zurückführen, welche durch die Bestimmung der historischen Quellen die Sexualfeindlichkeit beziehungsweise Geschlechterangst steuerte. Gelebter Sexualalltag fand sich wenn nur in der Ehe, in sogenannten Bußbüchern beziehungsweise kanonischen Rechtsschriften so wie einigen anderen kleineren Quellengattungen..

2.1 Der Kirchlicher Grundstandpunkt zum Thema „Geschlechtsverkehr“ im Mittelalter

Grundlegend ist festzustellen, dass im Mittelpunkt der christlichen Moral ein Misstrauen gegenüber sinnlichen Freuden steht.3 Susanne Cho, eine Kunsthistorikerin und Psychotherapeutin aus Zürich, geht sogar so weit, von einem christlichen Ideal voller „Verachtung für Geschlechtliches und Körperlichen bis hin zur Verachtung des irdischen Lebens schlechthin“4 zu sprechen. Wie schon oben gelesen war eine geschlechtliche Vereinigung nur im Zeichen der Ehe und des Reproduktionszwangs vorgesehen, doch niemals der reinen Lust am sexuellen Vergnügen. Doch wie rechtfertigte die Kirche das Verbot der außerehelichen Sexualität? Die christlichen Morallehrer argumentierten, dass ein Beischlaf rein der Reproduktion dienlich war um eine Erben zu zeugen, welcher nach dem Tod der Eltern das Vermächtnis seines Geschlechtes angehen könne. Somit hatte jeder außerehelicher Sexualkontakt nicht die Fortpflanzung zum Ziel sondern wurde zu einer Sünde erklärt.5 Doch auch in der Ehe war Sex nur aus zwei Gründen eine zu tolerierende Sünde. Wie schon erwähnt, um Kinder zu zeugen und die „gegenüber dem Gatten im Ehevertrag eingegangenen Pflichten zu erfüllen6 “ Im 13.Jahrhundert wurde von der ein weiterer Punkt hinzugefügt, welcher besagte, dass ehelicher Beischlaf nötig sei um gegen die sündige Absicht des außerehelichen Sexualkontakts entgegenzuwirken. Als Begründung und kirchlicher Bestätigung wurde ein Brief des Apostels Paulus präsentiert.

„ Ein Mann tut gut daran, keine Frau zu berü hren. Um aber Unzuchtsü nden zu vermeiden, soll jeder Mann seine eigene Ehefrau, und jede Frau seinen eigenen Ehemann haben. Der Mann leistet der Frau die schuldige Pflicht, ebenso aber auch die Frau dem Manne. Die Frau hat kein

Verfü gungsrechtü ber ihren Leib, sondern der Mann; ebenso wenig hat der Mann kein Verfü gungsrechtü ber seinen Leib, sondern de Frau. “ (1. Kor, 7, 1-4) 7

Unzucht wurde von Theologen des 13. Jahrhunderts vor allem durch Ehebruch und Selbstbefriedigung definiert.

Das oben beschriebene „paulinische Debitum8 “wurde auch zur Rechtfertigung des Verbots eines außerehelichen Sexualkontakts herangezogen. Bischof Vulfrad von Burges kommentierte dieses folgendermaßen:

„ Die Männer sollen ihren Frauen gegenü ber gelegentlich ihre Pflicht erfü llen und sich nicht anderweitig besudeln. Die Frauen aber sollen ihre Männer ganzähnlich lieben und ihnen in allem zu gefallen trachten, damit sie sie ja nicht durch Abscheu zu anderen Taten zwingen. “ 9

Die kirchliche Sexualmoral formulierte aber und vielleicht auch deswegen ausführliche Anweisungen über den legitimen und von der Sünde ausgeschlossenen Sexualverkehr.

2.2 Kirchliche Sexualmoral

Es folgt nun eine Auswahl an Standpunkten, welche von den Theologen des Mittelalters vertreten wurden. Ich versuche diese Punkte in ein chronologisches Konzept zu integrieren.

Papst Gregor der Große, lebhaft im 6.Jahrhundert, vertrat die Meinung, wie viele Geistliche auch, dass es unmöglich sei aus dem ehelichen Beischlaf „rein“ hervorzugehen. Doch die Notwendigkeit der Fortpflanzung verlangte eben nach diesem, das sahen auch die Kleriker des Mittelalters ein. Todsünde jedoch war es, das Ziel der Reproduktion zu missachten und nur aus reiner Lust sich zu befriedigen. Hans Werner Götz, ein Historiker der Universität Bochum, unterlegt diese These in seinem Buch „Frauen im Mittelalter“ mit einem Brief des Bischofs Jonas von Orleans, welcher von 818-843 n.Chr. dieses Amt bekleidete, nach dessen Meinung Sex aus Wollust bemitleidenswert sei, Sex mit der Ehefrau tierisch und unrein wäre, sofern der Beischlaf nicht der Kinderzeugung diene. Angelehnt an die Thesen des Kirchenlehrers Augustinus von Hippo um 400 n.Chr.10, vertrat Jonas von Orleans auch die Meinung, dass wenn der Sex dem Fortpflanzungsprinzip, lateinisch mit concubitus generandi causa treffend benannt, entspricht, keine Sünde begangen würde. Somit war für den Bischof von Orleans Sexualverkehr doch ein Geschenk der Schöpfung, welches auch gelebt werden musste. Einzig die Zeit der weiblicher Menstruation und Schwangerschaft wurde von Jonas als besonderes unrein hervorgehoben und der Geschlechtsverkehr, immer gepaart mit dem Fortpflanzungswunsch, war verboten. So stellte der Bischof von Orleans folgendes fest.

„ Viele, die ein Eheleben fü hren, bemü hen sich, die Zeiten auf das sittsamste zu unterscheiden; andere aber weisen solche Unterscheidungen nicht nur zurü ck, sondern sie pflegen darü ber hinaus sogar denjenigen, die sie zurechtweisen und bezichtigen, Unverschämtes zu entgegnen “ 11

Die schon im vorigen Kapitel erwähnten Bußbücher erweiterten diese Einschränkungen um weitere Bestimmungen. So war Sex an keinem Sonntag, nicht in der Fastenzeit und keinem anderen christlichen Feiertag erlaubt. Der Mann durfte nach Meinung der Bußbücher, die Frau auf keinem Fall nackt sehen, auch nicht während des Beischlafs, was auch ein Grund für das negative Bild des mittelalterlichen Sexuallebens ist, da das Entkleiden ein Szene der Leidenschaft darstellt und so die strenge Regulierung des Sexualkontakts den eigentlichen Akt der geschlechtlichen Vereinigung als hart beziehungsweise gefühllos erscheinen lässt. In einer sicherlich etwas ironisch gemeinten Rezeption der kirchlichen Sexmoral skizzierte James A. Brundage, ein amerikanischer Historiker, den sexuellen Entscheidungsprozess nach den Bußbüchern.

Abb2.: Der sexuelle Entscheidungsprozess in Anlehnung an die Bußbücher

Quelle: Brundage, J. (1987): Law, Sex, and Christian Society in Medieval Europe, Chicago, S. 162

Im 15. Jahrhundert wurde bereits von einigen Theologen die Meinung vertreten, dass ehelicher

Beischlaf keine Sünde sei, so lange man nur dadurch versuchen würde, der außerehelichen Unzucht zu entfliehen. Dies Art von Sexualkontakt sah man daher als lässliche Sünde an. Stattdessen galt das Gesetz, dass allein die Vorstellung sich mit jemanden anderen, als den Ehemensch zu vereinigen, eine Todsünde wäre.12

Der spanische Jesuit Thomas Sanchez vertrat zur Wende des 16. Jahrhunderts, also dem äußerst späten Mittelalter, bereits die Meinung, dass Ehegatten beim Sex keine Sünde begehen würden, solange sie nicht die Fortpflanzung zu unterbinden versuchen würden.13 Nach Sanchez hätten

Eheleute das Recht, sich ohne der Absicht zur Reproduktion vereinigen zu dürfen, vorausgesetzt sie unternehmen keinerlei Handlung zur Empfängnisverhütung. Hier wird also nicht das Streben nach Lust verurteilt, sondern eher das Streben nach „bloßer“ Lust.

[...]


[1] Sieder, R. [HRSG] (1977): Vom Patriarchat zur Partnerschaft. Zum Strukturwandel der Familie. München. 1977

[2] Vgl. Sieder 1977, S.147

[3] vgl. Ariès, P.; Béjin, A. (Hrsg.)(1984): Die Masken des Begehrens und die Metamorphosen der Sinnlichkeit. Zur Geschichte der Sexualität im Abendland. Frankfurt am Main, S. 147

[4] Vgl. Cho, S. (1983): Kindheit und Sexualität im Wandel der Kulturgeschichte. Eine Studie zur Bedeutung der kindlichen Sexualität unter besonderer Berücksichtigung des 17. und 20. Jahrhunderts. Zürich S. 11

[5] Vgl. Aries et al. 1984

[6] vgl. Aries et al. 1984, S. 148

[7] Zitiert nach Aries et al. 1984, S.149-150

[8] Leuck, R. (2006): Gelebte Sexualität im Mittelalter. Humboldt Universität Berlin S.8

[9] Goetz, H.(1995): Frauen im frühen Mittelalter. Frauenbild und Frauenleben im Frankenreich, Weimar. S. 236

[10] Vgl. Wettlaufer, J.(2008): Artikel: Sexualität. In: Enzyklopädie des Mittelalters hg. Melville G., Staub, M. Darmstadt, S. 296-271

[11] Goetz 1995, S. 234.

[12] Vgl. Aries et al. 1984, S.148

[13] Vgl. Aries et al. 1984. S.148f.

Details

Seiten
13
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656077923
ISBN (Buch)
9783656208693
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v183367
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Note
Schlagworte
sexualität mittelalter fokussierung kirchliche sexualmoral quellen sexualität/erotik

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