Lade Inhalt...

Soziale Arbeit mit Homosexualität und Geschlechteridentitäten im Vergleich Deutschland / Finnland

Projektarbeit 2011 27 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition zentraler Begrifflichkeiten
2.1. Homosexualität
2.2. Transgender
2.3. Intersexualität
2.4. Queer

3. Gesellschaftliche und rechtliche Situation von LGBTI
3.1. In der Europäischen Union
3.2. Am Beispiel von Deutschland
3.3. Am Beispiel von Finnland

4. Institutionsvorstellung
4.1. Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD)
4.2. Seta Helsinki

5. Arbeitsfelder von Sozialarbeiter_innen im LGBTI Kontext

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

“ I cannot prevent anyone from getting angry, or mad, or frustrated. I can only hope that they ’ ll turn that anger and frustration and madness into something positive, so that two, three, four, five hundred will step forward, so the gay doctors will come out, the gay lawyers, the gay judges, gay bankers, gay architects … I hope that every professional gay will say ‘ enough ’ , come forward and tell everybody, wear a sign, let the world know. Maybe that will help. ”

(Harvey Milk, 1978, http://gayrightsmedia.org/2008/harvey-milk-quotes)

Im Rahmen des Projektes „Studium und Praxis Sozialer Arbeit im Vergleich Finnland/Deutschland“, setzten wir uns über zwei Semester mit den angestrebten Zielen des Bologna-Prozesses auf europäischer Ebene auseinander. Der Bologna-Prozess aspirierte eine Vergleichbarkeit der Bildungsabschlüsse in Europa zur Steigerung der Mobilität.

Auf diesem Wissen basierend, verglichen wir den Ablauf des Studiums an der HAWK Hildesheim mit dem der Metropolia Helsinki. Zusätzlich stellten wir den finnischen Studierenden, während ihres Aufenthaltes in Hildesheim, für Deutschland typische Arbeitsfelder für Sozialarbeiter_innen1 vor und besichtigten diverse Institutionen. Eben dies erwartete uns bei unserer einwöchigen Helsinki- Exkursion; wir lernten finnische Arbeitsfelder kennen und bekamen Einblicke in ausgewählte Einrichtungen. Die Wahl der Einrichtungen stand uns frei und im Zuge dessen entschied ich mich für die Beratungsstelle „Seta Helsinki“. Diese Beratungsstelle arbeitet im Kontext der sexuellen Orientierung und Genderdiversität.

Die Arbeit der Sozialarbeiter_innen bei „Seta“, sowie der Vergleich der Thematik und der professionellen Arbeit im europäischen Kontext, bewog mich dazu diese Hausarbeit zu verfassen.

Zielsetzung dieses Projektberichtes ist es, die gesellschaftliche und rechtliche Situation der LGBTI2 -Community im Vergleich zwischen Deutschland und Finnland, deren Bedeutung, sowie Anknüpfungspunkte für die soziale Arbeit auszuarbeiten und kritisch zu beleuchten.

Aus diesem Grund erläutere ich zu Beginn der Ausarbeitung die zentralen Begrifflichkeiten, gefolgt von der Analyse der gesellschaftlichen und rechtlichen Situation von LGBTI im europäischen Kontext, sowie an den Beispielen Deutschland und Finnland. Im Anschluss stelle ich die Beratungsstelle Seta in Helsinki und den LSVD (Lesben- und Schwulenverband in Deutschland) vor und gehe näher auf Arbeitsfelder der sozialen Arbeit im LGBTI-Kontext ein. Den Projektbericht abschließend, dienen das Fazit, das Literaturverzeichnis und der Anhang.

2. Definition zentraler Begrifflichkeiten

Anhand der folgenden Punkte werden die zentralen Begriffe des Projektberichtes definiert. Es werden zudem historische, gesellschaftliche, medizinische und rechtliche Fakten mit einbezogen.

Im Verlauf wird ausschließlich das Kürzel LGBTI verwendet.

2.1. Homosexualität

Die Homosexualität, auch gleichgeschlechtliche Liebe genannt, beschreibt die sexuelle Orientierung, welche sich an Personen des selben Geschlechtes richtet. Der Begriff „Homosexualität“ bildet sich aus dem griechische Wort „homos“ für „gleich“ und dem lateinischen Wort „sexus“ für „Geschlecht“. Geschichtlich taucht der Begrifft erstmals 1869, in einer Broschüre des 1824 in Wien geborenen österreichisch-ungarischen Schriftstellers Karl Maria Kertbeny auf. Kertbeny beschäftigte sich in seinen Schriftstücken erstmals mit der sprachlichen Differenzierung der Begriffe „Homosexualität“ und „Heterosexualität“. (vgl. Köllner 2001: 54) Den Paradigmenwechsel brachte Michel Foucault mit seinem Diktum

„ Der Sodomit war ein Gestrauchelter, der Homosexuelle ist eine Spezies “ .

(Foucault 1983: 58)

In der theologischen Geschichte wurde die Homosexualität jahrhundertelang als Sodomie angesehen und geächtet. Auch strafrechtlich wurden Homosexuelle knapp 100 Jahre in Deutschland verfolgt. Der 1871 in Kraft getretene §175 StGB, kriminalisierte sexuelle Handlungen unter Männern und zwischen Mensch und Tier. Durch die Verschärfung des Gesetzes in der Zeit des Nationalsozialismus, wurden insgesamt 140.000 Männer nach §175 StGB verurteilt. Erst 1994 wurde dieses Gesetz wieder verabschiedet. (vgl. http://www.juraforum.de/forum /specials/als-homosexualitaet-noch-strafbar-war-a175-stgb-unzucht-zwischen- maennern-15965)

Des Weiteren entfernte die World Health Organization (WHO) erst 1990 die Homosexualität aus der Klassifizierungsliste für psychische Erkrankungen (ICD10). (vgl. Council of Europe 2011: 23)

Das Fachlexikon der sozialen Arbeit führt den Begriff „Homosexualität“ unter „gleichgeschlechtlicher Lebensweise“ auf. Dem zufolge sind nach Schätzungen von Sexual- und Sozialwissenschaftlern 5 - 10 % der deutschen Bevölkerung homosexuell. Viele leben in eingetragenen Lebenspartnerschaften, auf Basis des 2001 in Kraft getretenen Lebenspartnerschaftsgesetzes (LpartG). Diese Lebenspartnerschaft ist jedoch bis dato nicht vollkommen mit der Zivilehe gleichgestellt. Auf Basis des Lebenspartnerschaftsgesetzes entstehen vermehrt so genannte Regenbogenfamilien, sprich homosexuelle Paare mit leiblichen, Stief- und/oder Adoptivkindern. (vgl. Fachlexikon der sozialen Arbeit S. 418)

Meines Erachtens ist das derzeitige Bewusstsein und die Anerkennung von Homosexuellen in der Gesellschaft weitgehend als positiv zu betrachten. Der Begriff ist den meisten Menschen geläufig und wird nicht mehr überwiegend negativ gebraucht. Auch die Selbstwahrnehmung und Identifikation innerhalb homosexueller Kreise hat sich von dem vergangenen, deliquenten Image gelöst. Nichtsdestotrotz gibt es bis dato verschiedene Formen von homophober Diskriminierung.

2.2. Transgender

In der Literatur, sowie auch in bestimmten Selbsthilfegruppen, werden die Begriffe Transsexualität und Transgender teilweise synonym verwendet. Transgender fungiert größtenteils als Oberbegriff.

Der Begriff „Transgender“ beschreibt Menschen, die ihre Geschlechtsidentität „ jenseits binärer Geschlechterordnungen (Mann/Frau) leben “ . (Czollek 2009: 36)

Eine geschlechterbezogene Kategorisierung und chirurgische Eingriffe werden oft abgelehnt. „ Unter Anspruchnahme von hormonellen Therapien und/oder chirurgischen Eingriffen, nähern sich Trans-Personen dem Geschlecht an, dem sie sich am Zugehörigsten fühlen. Darüber hinaus schließt der Begriff „ Transgender “ auch die Personen ein, für die das gelebte Geschlecht keine zwingende Folge des bei Geburt zugewiesenen Geschlechts ist “ . (Czollek et al. 2009: 36)

Transsexuelle Personen hingegen sind relativ eindeutig einem Geschlecht biologisch zugehörig; die eigene Identität basiert jedoch auf einem anderen Geschlecht.

Die aktuelle Version der ICD-Klassifizierung der World Health Organization listet die Transsexualität unter den psychischen Verhaltensstörungen, genauer unter den „Störungen der Geschlechtsidentitäten“, auf. (vgl. http://www.dimdi.de/ static/de/klassi/diagnosen/icd10/htmlgm2011/block-f60-f69.htm)

„ F 64.0 Transsexualismus: Der Wunsch, als Angehöriger des anderen Geschlechtes zu leben und anerkannt zu werden. Dieser geht meist mit Unbehagen oder dem Gefühl der Nichtzugehörigkeit zum eigenen anatomischen Geschlecht einher. Es besteht der Wunsch nach chirurgischer und hormoneller Behandlung, um den eigenen Körper dem bevorzugten Geschlecht soweit wie möglich anzugleichen. “ (ICD-10-WHO Version 2011 Kapitel V Psychische Verhaltensstörungen)

Dies hat einen direkten Einfluss auf die Akzeptanz transsexueller Personen in der Gesellschaft. Die Einreihung der Transsexualität in die Liste psychischer Erkrankungen und die Aberkennung der Selbstbestimmung der Betroffenen, hindert die gesellschaftliche Integration oder Inklusion. (vgl. Hammarberg 2011: 83)

Innerhalb der Debatte zur Benennung von sexueller und gender Identifikation, entstand der Begriff „Cisgender“. Dieser beschreibt das Gegenteil von Transgender-Personen, somit Personen, deren Geschlechtsidentität mit ihrem biologischen Geschlecht übereinstimmt. Dies ist vergleichbar mit der Diskussion über den Begriff der Homosexualität und Heterosexualität, da erst der Begriff der Homosexualität kreiert wurde und daraufhin ein Begriff für das „Normale“ gefordert wurde. (vgl. Sigusch 2005: 108)

Zusammenfassend beschreibt dieses Kapitel, dass trotz der Öffentlichkeitsarbeit von Selbsthilfegruppen, der Präsenz auf öffentlichen Veranstaltungen wie zum Beispiel dem Christopher Street Day und der thematischen Auseinandersetzung in Filmen wie zum Beispiel „Boy's don't cry“, die öffentliche Sichtbarkeit und Akzeptanz von transsexuellen Personen bislang gering ist.

2.3 Intersexualität

Der Begriff „Intersexualität“ lässt sich nicht eindeutig definieren, da sich die Intersexualität in vielen Facetten äußert. Oftmals wird die Diagnose „Intersexualität“ direkt nach der Geburt gestellt; ein Erkennen während der Pubertät ist auch möglich.

Die Intersexualität beschreibt Menschen, deren Körper sowohl männliche, als auch weibliche (sichtbare und nicht sichtbare) Geschlechtsmerkmale aufweist. Synonym für den Begriff „Intersexualität“ stehen zum Beispiel die Begriffe Hermaphroditismus, Zwittrigkeit und „Das dritte Geschlecht“. (vgl. Czollek et al. 2009: 38)

Laut dem Fachlexikon der sozialen Arbeit betrifft die Intersexualität eine von 2000 Personen. Ist kein eindeutig identifizierbares Geschlechtsteil zu erkennen, wird das Neugeborene medizinisch einem Geschlecht zugeordnet.

„ Intersexuelle Menschen werden von der Gesellschaft heute als nicht der Norm entsprechend angesehen. Sie haben z.B. eine zu große Klitoris oder einen zu kleinen Penis, zuviel Körperbehaarung oder eine fehlende Vagina und erinnern Ä rzte und Eltern primär an Mißbildungen, Monster, Bastarde. Kritische Intersexuelle wollen sich nicht auslöschen lassen und bezeichnen sich nach wie vor als Hermaphroditen, Zwitter oder Intersexuelle. “ (http://www.nadir.org/nadir/ initiativ/kombo/k_34isar.htm#2)

Aufgrund der gesellschaftlichen Kategorisierung der Zweigeschlechtlichkeit werden intersexuelle Menschen häufig diskriminiert und ausgeschlossen. Das bis Ende der 1980er Jahren übliche Verfahren der chirurgischen Geschlechtsanpassung wird bis heute durchgeführt. Selbsthilfegruppen und Betroffene machen aufmerksam auf das individuelle Recht der körperlichen Unversehrtheit, Selbstbestimmung und persönlichen Entfaltung gemäß dem deutschen Grundgesetz. Allerdings beinhaltet der Artikel 3 weder die sexuelle Orientierung, noch das Recht auf geschlechtliche Vielfalt. (vgl. http://www.ethikrat.org/dateien/pdf/infobrief-2010-02-online.pdf)

Meines Erachtens ist es noch ein langer Prozess zur gesellschaftlichen Gleichberechtigung von Intersexuellen. Die unflexible deutsche Sprache bietet wenig Raum für Intersexuelle, da nur die 3. Person Singular, sprich das „Neutrum“ möglich ist. Des Weiteren ist die geringe öffentliche Sichtbarkeit von Intersexuellen eine große Hürde auf dem Weg zur Akzeptanz.

2.4. Queer

An den vorhergegangenen Punkten anschließend und mit diesem Kapitel abschließend, folgt der Begriff „Queer“. Da der Begriff in seiner Verwendung sehr vielfältig ist, fällt es schwer ihn eindeutig zu definieren.

In Deutschland ein relativ moderner Begriff, diente er in den USA lange Zeit als Schimpfwort. In seinem Ursprung bedeutet „queer“ so viel wie „sonderbar, krank seltsam, verrückt“, aber auch „schwul bzw. Schwuchtel“. Um sich den Begriff zu Eigen zu machen, wurde er Ende der 1980er, Anfang der 1990er affirmativ verwendet und dient nun als Sammelbegriff für alle Mitglieder der LGBTI- Community. Daraus entstanden politische Bewegungen (Queer Politics) und Denkrichtungen bzw. Forschungsgebiete (Queer und Gender studies). Hauptbestandteile sind unter anderem die Kritik an der Heteronormativität3, der heterosexuellen Zweigeschlechtlichkeit und das Engagement für die Anerkennung von verschiedenen Genderformen. (vgl. Czollek et al. 2009: 33)

Des Weiteren dient der Begriff „queer“ meiner Meinung nach auch als eine Art Schutzmantel. Es ist möglich vieles zu sein: lesbisch und transgender, bisexuell und intersexuell. Man muss sich zu nichts speziell bekennen, sondern kann „einfach queer“ sein. Es öffnet neue Möglichkeiten der Selbstentfaltung, und die fehlende negative Belastung des Begriffes in der deutschen Sprache ermöglicht eine einfachere Bekennung dazu.

[...]


1 Während der gesamten Hausarbeit wird die Gender_gap Endung verwendet, da diese nicht nur das Maskulinum und Femininum, sondern auch anhand des Unterstriches jegliche Form der Genderdiversity einbezieht.

2 Das Kürzel LGBTI steht für L = Lesbian, G = Gay, B = Bisexual, T = Transsexual und I = Intersexual. Ursprünglich stammt das Kürzel aus dem englischsprachigen Raum, wird jedoch mittlerweile in Deutschland ebenso verwendet.

3 Heteronormativität bezeichnet das binäre Geschlechtersystem (Mann/Frau als gesellschaftliche Norm), die Heterosexualität als „normale“ Sexualität und kritisiert die gesellschaftlich verankerten Vorstellung von Geschlecht, Körper, Identität, Beziehungsformen etc. (vgl. Czollek 2009: 37)

Details

Seiten
27
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656075059
ISBN (Buch)
9783656075448
Dateigröße
788 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v183324
Institution / Hochschule
HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen – Soziale Arbeit
Note
1,3
Schlagworte
queer Homosexualität Geschlechtsidentität Diskriminierung Finnland LGBT LGBTI LSVD Soziale Arbeit

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Soziale Arbeit mit Homosexualität und Geschlechteridentitäten im Vergleich Deutschland / Finnland