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„Mein Gott, was hätte das für ein Film werden können!“

Die Umsetzung des Bühnenstücks „Der Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth in Constantin Costa-Gavras’ Adaption „Der Stellvertreter. Amen.“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Figurenbeschreibungen im Text und deren filmische Umsetzung
2.1. Riccardo Fontana
2.2. Kurt Gerstein
2.3. Der Doktor
2.4. Papst Pius XII

3. Auffälligkeiten in der Szenenabfolge und im Inhalt
3.1. Kurze Beschreibung der Szenen im Text
3.2. Der Film im szenischen und inhaltlichen Vergleich

4. Das Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Hausarbeit befasst sich sowohl mit Rolf Hochhuths Bühnenstück „Der Stellvertreter“, welches 1963 uraufgeführt wurde, als auch mit seiner tatsächlichen Umsetzung in Constantin Costa-Gavras Kinofilm „Der Stellvertreter. Amen.“ aus dem Jahr 2002.

Seinerzeit sorgte das christliche Trauerspiel von Rolf Hochhuth für Aufruhr, für Diskussionen und Proteste. Ebendies gelang dem griechischen Regisseur Constantin Costa-Gavras, und das fast vierzig Jahre später. Zuerst sorgte er mit dem Plakat von Oliviero Toscani, welches Kruzifix und Hakenkreuz blutrot miteinander verbindet[1], für einen Skandal. Die abgemilderte, deutsche Version, ein Lichtstrahl, der durch ein Fenster ins Innere einer Kirche dringt und ein blasses Hakenkreuz auf den Boden zeichnet, war im Vergleich mit dem Original eher unauffällig.[2] Stattdessen wurde der Film selbst bei der Berlinale kontrovers aufgenommen.[3]

Das erste Kapitel widmet sich den vier Hauptcharakteren, Gerstein, Riccardo Fontana, dem Doktor und Papst Pius XII., den Personenbeschreibungen im Buch und deren filmischer Umsetzung. „Dabei wird immer vom Text ausgegangen und darauf basierend die Umsetzung durch den Film betrachtet. Damit wird der Eigenständigkeit der beiden Medien Rechnung getragen.“[4] Im folgenden Kapitel der Arbeit geht es um die auffälligen Unterschiede in der Szenenabfolge und im Inhalt. Um diese herauszustellen wird zunächst die Szenenabfolge des Buches beschrieben, danach die des Films und im Anschluss folgt ein Vergleich der beiden Medien und Ausführungen über Ergänzungen oder Auslassungen. Abgeschlossen wird die Arbeit mit einem Fazit in Form einer persönlichen Filmkritik. Bei der Recherche zu dieser Hausarbeit gestaltete es sich als schwierig zu diesen spezifischen Themen passende Forschungsliteratur zu finden. Daher werden die Thesen hauptsächlich von Filmkritiken aus bekannten Filmzeitschriften oder aus dem Internet und von persönlichen Beobachtungen unterstrichen.

2. Die Figurenbeschreibungen im Text und deren filmische Umsetzung

In den Bühnenanweisungen von Rolf Hochhuth werden die einzelnen Figuren schon „in der Ausführlichkeit und Genauigkeit eines Filmdrehbuchs“[5] beschrieben, keine Besonderheit bei Bühnenanweisungen. Da es sich in diesem Fall allerdings nicht nur um die übliche Beschreibung von Kleidung oder Verhalten, sondern um die Beschreibung von Wesenszügen handelt, ist es interessant näher darauf einzugehen. Daher werden in diesem Kapitel die wichtigsten Hauptfiguren vorgestellt, wie im Buch beschrieben, und sich danach mit ihren filmischen Pendants beschäftigt. Der Bezug auf Filmkritiken und den persönlichen, subjektiven Eindruck entscheidet hier über die Beurteilung einer gelungenen Umsetzung. Da jeder Leser oder Zuschauer dies anderes sehen kann, jeder hat schließlich eine eigene Vorstellung von der Umsetzung einer Beschreibung wie zum Beispiel „Format des absolut Bösen“[6], kann die folgende Untersuchung nicht verallgemeinert werden und muss als eine persönliche Meinung gelesen werden.

2.1. Riccardo Fontana

Riccardo Fontana wird in den Bühnenanweisungen als Jesuitenpater beschrieben und es wird dem Leser bereits vor seinem ersten Auftritt suggeriert, dass Hochhuth Fontana erfinden musste.[7] Unter seinem Namen fasst er einige der Kirchenmänner zusammen, die sich gegen das System stellten und selbst ihr Leben gaben um das anderer Personen zu retten, auf Seite 23 im Buch ist konkret der Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg erwähnt. Daher wird auch sein Aussehen nicht beschrieben, im späteren Verlauf wird erwähnt, dass er eine Soutane trägt, an welche er sich den Judenstern heftet. Der Nuntius klärt den Leser über Riccardos Alter auf: „Was sind sie jung: siebenundzwanzig Jahre“.[8] Aber der Jesuitenpater wird im Folgenden vielmehr durch sein temperamentvolles Wesen und seine (berechtigte) Ungeduld gekennzeichnet und ebenso durch seinen starken Glauben. Er ist, wie viele der anderen Charaktere auch ein „Stellvertreter“ für eine Haltung, die in einem Rollenbild umgesetzt wird.[9]

In Constantin Costa-Gavras Film spielt Mathieu Kassovitz den jungen Riccardo. Erst in der sechsten Szene, nach fast einer halben Stunde Laufzeit, tritt Riccardo das erste Mal auf. Zuvor wurde die „Vorgeschichte“ von Gerstein erzählt, nun beginnt, wenn man so will, die eigentliche Verfilmung des Buches. Der Zuschauer ist von diesem Zeitpunkt an nicht mehr bloß auf den einen Hauptcharakter fokussiert, er kann nun zwei verschiedene Perspektiven nachvollziehen. Riccardo steht dabei für einen Mann der Kirche, der, gegen alle Widerstände den Papst zum Reden bringen will und bis kurz vor dem Ende an die Institution Kirche glaubt. Nachdem er feststellen muss, dass seine Bemühungen umsonst waren und dass der Papst weiterhin schweigen wird, verliert er den Glauben an diese Institution und „geht ins KZ ‚als Opfer für seine Kirche’“.[10] Gerhart Waeger bezeichnet den Riccardo des Films in seiner Kritik als „ein[en] Christ der Tat [..], der nicht zuletzt die Ehre der katholischen Kirche, oder zumindest ihrer Basis, retten soll.“[11] Nachdem also Riccardos Weltbild völlig erschüttert wurde, erscheint er, im Film wie im Buch, als ein gebrochener Mann. In der vorletzten Szene des Films versucht Gerstein, Riccardo mit einem gefälschten Dokument aus dem Konzentrationslager zu befreien. Als Riccardo auftritt ist er von den Qualen gekennzeichnet, er ist dreckig, unrasiert und trägt noch immer die Soutane mit dem Judenstern. Aber das kennzeichnet nur sein körperliches Leid. Sein leerer Blick verrät die seelischen Qualen, die Erkenntnis, dass die Kirche, der er und seine Familie sich ein Leben lang verschrieben hatten, die Nazi-Gräuel ohne zu handeln zulässt. Und so ist auch die These von Peter Hasenberg in seiner Kritik nicht zutreffend: „edel und ungebrochen erstrahlen die Idealisten – Gerstein und Fontana.“[12], da sowohl Riccardo als auch Gerstein, wie später noch gezeigt wird, von der Kirche enttäuscht den Tod finden. „Das Böse, das für Riccardo […] in der Gestalt des „Doktors“ nichts anderes als der Teufel selbst und damit zum negativen Gottesbeweis geworden ist, muss ihm am Ende auch als Person gegenüberstehen.“[13] Dieses Böse, der Doktor, schickt ihn in den Tod mit den Worten: „Ab durch den Schornstein mit ihm, dann ist er schneller im Himmel!“. So geschieht es im Film, ähnlich im Buch, aber dort, nachdem Riccardo erschossen wurde. Im Buch wendet Riccardo sich außerdem vor seinen Tod ein letztes Mal an Gott, indem er auf Latein murmelt: „In hora mortis meae voca me.“[14] („Ruf mich in der Stunde meines Todes“). Diese letzten Worte fehlen im Film, Riccardo ergibt sich in sein Schicksal und lässt sich abführen.

Da der Riccardo des Films mit nur kleinen Unterschieden die Person des Buches verkörpert, mit seinen hilflosen Gesten, seinen leidenschaftlichen Reden und Versuchen, den Papst zum Handeln zu bewegen, kann man diese Umsetzung der Figur durchaus als gelungen bezeichnen. Riccardo ist im Film ein sehr junger Pater, zwar wird im Buch sein Alter nicht erwähnt, allerdings wird durch sein ungestümes Wesen und seine Leidenschaft für den Glauben deutlich, dass er noch jung und unerfahren sein muss. „Es ist ein „christliches Trauerspiel“, und das ist vielleicht auch zu übersetzen als Tragödie der Kirche in der Welt.“[15] Dies wollte Hochhuth umgesetzt wissen und es gelang mit Mathieu Kassovitz in der Rolle des Riccardo Fontana.

2.2. Kurt Gerstein

Die historische Figur Kurt Gerstein ist im Buch, wie im wahren Leben, ein Offizier der SS. In den Bühnenanweisungen wird er mit „unheimlich“, „zwiespältig und abgründig“[16] beschrieben. Rolf Hochhuth schildert ihn als eine Person, die vom Krieg und seinem Kampf gezeichnet ist, außerdem ein „moderner“ Christ, der zum Zeitpunkt seines ersten Auftritts 37 Jahre alt ist[17]. Wie zuvor bereits erwähnt, ist er Mitglied der Waffen-SS, dies wird auch sofort durch seine Kleidung deutlich, eine „feldgraue Uniform“[18]. Im weiteren Verlauf der ersten Szene wird schnell klar, wie verzweifelt Gerstein gewesen sein muss, er „gerät außer sich“[19], „schreit“[20], „sein Blick ist hohl“[21]. Dies beschreibt allein das Verhalten Gersteins in der ersten Szene und der Leser kann sich so ein Bild von dem SS-Offizier, der die Nazis verachtet, machen. Dieses Bild bleibt auch während der weiteren Lektüre stets bewusst und der Leser kann Gersteins Aussagen oder Taten besser nachvollziehen. Auf Seite 36 ist eine erneut sehr ausführliche Bühnenanweisung zu finden, in der ein Teil der „Vorgeschichte“ beschrieben wird, nämlich dass Gerstein einen Bericht über das, was er in den Konzentrationslagern sah, dem schwedischen Botschafter Baron von Otter „unter Tränen und mit gebrochener Stimme“ zeigte.

So wie in den Bühnenanweisungen beschrieben, wirkt der Kurt Gerstein des Films ebenfalls „rätselhaft, einerseits überschwänglich, andererseits kaltblütig taktisch, ein komischer, zerrissener Typ.“[22]. Allerdings kann der Zuschauer im Kino einen anderen Bezug zu ihm aufbauen, da man hier seine komplexe Vorgeschichte kennenlernt. Man erfährt gleich zu Anfang, dass er auch persönlich betroffen ist, da seine geistig kranke Lieblingsnichte Bertha umgebracht wurde. Als er von ihrem Tod erfährt, ist er sehr betroffen und kann sich nicht vorstellen, dass die Nationalsozialisten sich der Euthanasie schuldig machen würden. Trotzdem sagt er, er habe mit dererlei nichts zu tun. Auch lernt man bei Gersteins erstem Auftritt seine Familie kennen, seine schwangere Frau und die beiden Kinder, der etwa fünfjährige Sohn Arnulf und die etwa achtjährige Tochter Adelheid. Und auch Gersteins Vater tritt auf, er ist stolz auf seinen Sohn und zeigt, dass er der SS wohlgesonnen gegenüber steht, er erwähnt seine guten Kontakte zur SS und wünscht sich, sein Sohn würde endlich dort arbeiten. Doch Gerstein scheint der SS nicht zu trauen, dies wird in mehreren Augenblicken deutlich, beispielsweise als er mit seinem Sohn auf dem Arm Blumen an Berthas Urne niederlegt. Der Sohn hebt den Arm und ruft „Heil!“, Gerstein drückt den Arm herunter und rügt ihn „Lass das doch!“, dies wiederholt sich im Laufe des Films noch einige Male.

Außerdem wird Gersteins beruflicher Werdegang im Film nachvollziehbar gemacht, er hält als Doktor eine Vorlesung über die Aufbereitung von Trinkwasser für die deutschen Truppen im Krieg. Er arbeitet zunächst im Hygieneinstitut und wird vom Doktor, quasi gegen seinen Willen, von der SS angeworben. Diese benötigt seine Hilfe und der Doktor überhört jegliche Einwände Gersteins, er habe bereits eine Anstellung, da er weiss, dass er am längeren Hebel sitzt. Auch als Gerstein auf eine Inspektionsreise der Desinfektionsanlagen geschickt wird und die Verwendung von 500 Kanistern Blausäure überwachen soll, schöpft er keinen Verdacht. Der Zuschauer merkt, dass Gerstein bis zu dem Zeitpunkt, an dem er selber sieht, was in den Konzentrationslagern geschieht, nicht daran denkt, das Menschen solche Grausamkeiten begehen könnten, insbesondere nicht die SS. Als er durch ein Guckloch ins Innere einer Gaskammer blickt, schreckt er mit weit aufgerissenen Augen zurück und es wird klar, dass ihm in diesem Moment vor Augen geführt wird, dass er mitverantwortlich ist. Von diesem Zeitpunkt an beginnt Gerstein von Innen gegen das System zu kämpfen und die Kirche zu informieren, da er „von Mitmenschlichkeit und christlichem Glauben“[23] geleitet ist. „Zugleich organisiert er weitere Lieferungen, nicht zuletzt aus Angst um das Leben seiner Familie.“[24], allerdings nicht ohne trotzdem zu kämpfen. Er verhindert zum Beispiel einige der Lieferungen des Zyklon B, da er es als defekt bezeichnet und verzögert so die Vorgänge der Tötungsmaschinerie. Trotzdem ist spürbar, wie sehr ihn sein Gewissen plagt.[25] Wenn er, auf dem Weg zum Konzentrationslager vom Auto aus dem Fenster blickt und die Massengräber sieht, kann man in seinen Augen die Verzweiflung, Wut und Angst lesen. Angst, da es für ihn äußerst riskantes war, der Welt von den Taten der Nazis berichten zu wollen. Außerdem muss er im ganzen Film auf der Hut vor dem Doktor sein, die beiden unterhalten eine besondere Beziehung. Gerstein hält sich, obwohl die beiden in ständigem Kontakt stehen, vom Doktor so gut es geht fern. Er möchte beispielsweise nicht, dass seine Kinder die Pralinen, die der Doktor ihnen mitbringt, annehmen.

Der SS-Offizier, gespielt von Ulrich Tukur, wirkt im ganzen Film unsicher, gehetzt, auf der Flucht. Und so wird auch der Charakter im Buch beschrieben. Im Film wird allerdings deutlicher, dass Gersteins Initiative, sein verdeckter Kampf gegen die Massenmorde in den Konzentrationslagern „auf eine regelrechte Front der Ablehnung stößt, bei Freunden, bei Verantwortlichen in der Kirche, bei den Alliierten.“[26] Während ihm die einen nicht glauben wollen, dass Deutsche zu so etwas fähig sind, wollen die anderen nicht handeln oder glauben ihm nicht, dass sich ein Mitglied der SS für die Juden einsetzen würde. Gerstein versteht zwar dieses Argument, kann aber nicht aus der SS austreten, da er sich als „Auge Gottes in dieser Hölle“ sieht und bezeugen will, was dort geschieht. Somit steht er in beiden Medien auch als ein Einzelner da, der mit seinem Verbündeten Riccardo gegen das System kämpft, ein aussichtsloser Kampf, den er am Ende verliert. Im Buch wird er, wie im Film auch, verhaftet. Dort wird auch gezeigt, wie er nach seiner Festnahme einen seitenlangen Bericht über das, was er sah, verfasst. Am Ende des Films wird er aber mit seiner Anklageschrift in einer Zelle zurückgelassen und nachdem er einige Zeilen gelesen hat, erkennt der Zuschauer Tränen in seinen Augen. Gerstein hat erfahren, dass man ihm nicht glaubt und in der nächsten Szene wird verkündet, dass er erhängt in seiner Zelle aufgefunden wurde. „Selbstmord eines an seiner Mit-Schuld Zerbrochenen oder Mord an einem Zeugen?!“[27]. Diese Frage bleibt ungeklärt. In der letzten Szene steht aber in weißer Schrift auf schwarzem Grund: „Sein Bericht trug zur Glaubwürdigkeit des Holocaust bei. 20 Jahre später wurde Gerstein rehabilitiert“. Dies gibt dem Zuschauer doch noch den Glauben an ein kleines Stück Gerechtigkeit zurück.

2.3. Der Doktor

Rolf Hochhuth beschreibt den Doktor als den „geheime[n] Regisseur“, der „kalt und lustig“ „das Format des absolut Bösen“[28] hat. „Ein Wesen, das sich für nichts und niemanden interessiert“[29] soll er sein, nur gegenüber Helga, der Bedienung im Jägerkeller, ist er „höchst charmant“[30]. Von den Gefangenen im Konzentrationslager wird er als Teufel bezeichnet, sein auffälligstes Charaktermerkmal ist die „suggestive Herzlichkeit, mit der er Kindern vor der Vergasung «einen guten Pudding» versprach“[31]. Für solche, die sein Wesen nicht kannten, war er ein „schöne[r] und sympathische[r]“[32] Mann. Er soll wirken, wie eine „unheimliche Erscheinung aus einer anderen Welt“, die „zum Schein ein Mensch“[33] ist.

In Costa-Gavras Verfilmung ist der Doktor „diabolisch-zynisch“[34] und verkörpert den „jungen, bösen Todesgott“[35] der Bühnenanweisung. Seinen ersten Auftritt hat er, als er Gersteins Nichte Bertha aussondert. Er sitzt mit seinem weißen Kittel hinter einem Tisch und lächelt das junge Mädchen an, schaut in ihre Akte, sie schaut ihn zum Abschied noch einmal lange an, er lächelt wieder. In dieser ganzen Szene wirkt er wie ein freundlicher Mann, so dass das Mädchen nicht daran zu denken scheint, dass er ihr etwas Böses wollen könnte. Dies ist genau die zuvor erwähnte „suggestive Herzlichkeit“, die den Doktor kennzeichnet. Als er das erste Mal auf Gerstein trifft redet er abwertend über die Taten des historischen Bischofs von Galen, der zuvor im Film aufgetreten ist. Er rechtfertigt seine Ansichten, indem er sich auf Gott bezieht: „Gott entscheidet, wir führen nur aus!“. Später erklärt er, er sei nur „ein bisschen katholisch“. Auch spricht er an zwei Stellen über die menschliche Wärme, welche eigentlich ein Fremdwort für ihn sein sollte. In der Szene „Jägerkeller“ wirkt er genau wie beschrieben, nur dass das besondere Verhältnis zu Helga im Film ausgelassen wird. Während Gerstein sich über die Menge der Kanister Blausäure wundert, scherzt der Doktor: „Nur 500? Wo es so viel Ungeziefer gibt zwischen Berlin und Moskau?“. Zu diesem Zeitpunkt kann Gerstein diese Bemerkung noch nicht verstehen. Im Anschluss nimmt er Gerstein und einige andere SS-Offiziere mit in ein Konzentrationslager, beim Blick durch das Guckloch sind alle Anwesenden erschrocken und zeigen dies auf unterschiedliche Arten. Einer von ihnen zuckt zusammen, Gerstein weicht zurück, nur der Doktor zeigt keine erkennbare Gefühlsregung. Es wirkt, als könne er sich gar nicht satt sehen, denn er schaut wieder und wieder in das Innere der Gaskammer. In seinem anschließenden Kommentar: „Schrecklich, nicht wahr?“ erkennt mittlerweile auch Gerstein die Ironie. Von Beginn an ist eine eigenartige Atmosphäre zwischen den beiden Männern spürbar. Der eine scheint dem anderen nicht zu trauen. Inge Rauh beschreibt dies so:

„Schillernd ist die Beziehung Gersteins zu einem zynischen SS-Arzt (Ulrich Mühe), der auch in Momenten unerträglichen Grauens in den KZs die Fäden in der Hand hält und in doppelzüngigen Bonmots Hitlers Mörderclique denunziert.“[36]

[...]


[1] Dotterweich, Tamara: Das verordnete Schweigen. Ein Film über die Rolle der Kirche im Dritten Reich. In: Nürnberger Zeitung. URL: http://www.nordbayern.de/filmkritik. asp?art=14915&man=2 (02.06.2002).

[2] Ebd., URL: http://www.nordbayern.de/filmkritik. asp?art=14915&man=2 (02.06.2002).

[3] Seeßlen, Georg: »Ein Unfilm als Symptom. Costa-Gavras versucht sich an einer Verfilmung von Rolf Hochhuths „Der Stellvertreter“«. In: epd Film 56 (6/2002), S. 24-29, hier S. 25.

[4] Poppe, Sandra: Visualität in Literatur und Film. Eine medienkomparatistische Untersuchung moderner Erzähltexte und ihrer Verfilmungen. Göttingen 2007, S. 125.

[5] Steiner, Jacob: Die Bühnenanweisung. Göttingen 1969, S. 38.

[6] Hochhuth, Rolf: Der Stellvertreter. Ein christliches Trauerspiel. Hamburg 1998, S. 45

[7] Hasenberg, Peter:»Der Stellvertreter Amen«, in: Filmdienst 55 (11/2002), S.26-27, hier S. 27.

[8] Vgl. Hochhuth, Stellvertreter, S. 25.

[9] Schweizerhof, Barbara: Dem Nazi-Schick widerstehen. In: taz.de. URL: http://www.taz. de/index.php?id=archivseite&dig="2002/06/01"/a0196 (01.06.2002).

[10] Vgl. Seeßlen, Unfilm als Symptom, S. 26.

[11] Waeger, Gerhart: Verräter in eigener Sache. «Der Stellvertreter» von Costa-Gavras. In: Neue Züricher Zeitung online. URL: http://www.nzz.ch/2002/05/31/fi/article86NQX.html (31.05.2002).

[12] Vgl. Hasenberg, Der Stellvertreter, S. 27

[13] Vgl. Seeßlen, Unfilm als Symptom, S. 26.

[14] Vgl. Hochhuth, Stellvertreter, S. 376

[15] Vgl. Seeßlen, Unfilm als Symptom, S. 26.

[16] Vgl. Hochhuth, Stellvertreter, S. 23.

[17] Ebd., S. 23

[18] Ebd., S. 24

[19] Ebd., S. 34

[20] Ebd., S. 35

[21] Ebd., S. 37

[22] Vgl. Schweizerhof, Dem Nazi-Schick widerstehen. URL: http://www.taz.de/index.php?id =archivseite&dig="2002/06/01"/a0196 (01.06.2002).

[23] Vgl. Dotterweich, Das verordnete Schweigen, URL: http://www.nordbayern.de/filmkritik. asp?art=14915&man=2 (02.06.2002).

[24] Vgl. Dotterweich, Das verordnete Schweigen, URL: http://www.nordbayern.de/filmkritik. asp?art=14915&man=2 (02.06.2002).

[25] Vgl. Waeger, Verräter in eigener Sache, URL: http://www.nzz.ch/2002/05/31/fi/article 86NQX.html (31.05.2002).

[26] Vgl. Hasenberg, Der Stellvertreter, S. 27

[27] Hamacher, Rolf-Ruediger: »Der Stellvertreter«, in: Filmecho 56 (17/2002), S. 58.

[28] Vgl. Hochhuth, Stellvertreter, S. 45.

[29] Ebd., S, 45.

[30] Ebd., S. 46.

[31] Ebd., S. 46.

[32] Ebd., S. 46..

[33] Ebd., S, 47.

[34] Vgl. Hasenberg, Der Stellvertreter, S. 26.

[35] Vgl. Hochhuth, Stellvertreter, S. 47.

[36] Rauh, Inge: Die Täter auf der Vatikanspur. Schuld der Kirche: Konstantin Costa-Gavras’ verfilmte das Hochhuth-Bühnendrama. In: nordbayern.de. URL: http://www.nordbayern.de/ filmkritik.asp?art="14" 915&man=2 (02.06.2002).

Details

Seiten
17
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656075073
ISBN (Buch)
9783656075462
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v183322
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Fakultät für Philologie
Note
1,0
Schlagworte
Der Stellvertreter Rolf Hochhuth Constantin Costa-Gavras filmische Adaption Kurt Gerstein Riccardo Fontana Der Doktor Papst Pius XII Schuld

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Titel: „Mein Gott, was hätte das für ein Film werden können!“