Lade Inhalt...

Die Zeitreise in Jorge Luis Borges´ „Utopía de un hombre que está cansado“

Hausarbeit 2010 16 Seiten

Literaturwissenschaft - Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung: Die Schwierigkeit bei der Analyse literarischer Zeitreisen

2 Die Art der Zeitreise - eine literarische Leerstelle
2.1 Eliminierung von Zukunft und Vergangenheit
2.2 Die Zeitreise als phantastische Traumsituation

3 Mitgebrachtes aus der Zukunft - ein Paradoxon
3.1 „La flor de Coleridge“ - die Blume aus Traum und Zukunft
3.2 Der Bezug zu Manuel Rojas: „El hombre de la rosa“

4 Das mitgebrachte Gemälde und das Großvater-Paradoxon

5 Schluss und Ausblick: Funktion der Zeitreise

Literaturverzeichnis

1 Einleitung: Die Schwierigkeit bei der Analyse literarischer Zeitreisen

Die Zeitreise ist ein in der Literatur häufig gebrauchtes Motiv, wobei es vor allem in Genres wie Phantastik oder Science Fiction vorkommt, aber auch in anderen Bereichen gerne verwendet wird, da es dem Autor ermöglicht, verschiedene Zeitebenen zur Überschneidung zu bringen. Dabei ist das Motiv als solches nicht alleine relevant, sondern dient nur als eine Art Mittel zum Zweck, beispielsweise um einen Protagonisten mit dem Wissen der Gegenwart in eine historische Umgebung zu versetzen oder um einen utopischen oder dystopischen Zukunftsentwurf aufzuzeigen. Es ergeben sich entsprechende Schwierigkeiten, wenn man nun versucht, nicht etwa die Welt, die durch die Zeitreise erreicht wird, zu analysieren, sondern die Zeitreise als solche, da diese meist nur funktionalen Charakter hat.

In der 1975 erschienenen Erzählung „Utopía de un hombre que está cansado“ des argentinischen Autors Jorge Luis Borges reist der Protagonist in die Zukunft und kehrt am Ende wieder in seine Zeit zurück, wie diese Zeitreise allerdings geschieht, wird nicht explizit erklärt. Diese Hausarbeit soll mögliche Erklärungsansätze für diese literarische Leerstelle liefern und dabei aufzeigen, dass die Zeitreise in diesem Falle nicht rein funktional ist, sondern auch durchaus durch den in der Erzählung konstruierten Zukunftsentwurf bedingt ist, da sie eine völlig neue Zeitkonzeption erschafft. Dabei wird ebenfalls der Unterschied zwischen der Zeitreise bei Borges und den Zeitreisen in der klassischen Science-Fiction-Literatur klar; „the Argentinians´ approach to the future takes always an introspective, personal twist.“1

Außerdem entsteht am Ende der Erzählung ein gewisses Paradoxon in der Kausalität der Handlung, da der Protagonist einen Gegenstand, das Gemälde eines Sonnenuntergangs, aus der Zukunft mitbringt. Dieses Problem taucht in ähnlicher Form in Borges´ eigenem Aufsatz „La flor de Coleridge“ sowie in Manuel Rojas´ Erzählung „El hombre de la rosa“ auf. Nicht zuletzt kann es mit einem der meistgebrauchten Themen in literarischen Zeitreisen verglichen werden, dem berühmten Großvaterparadoxon. Diese Hausarbeit soll den Zusammenhang zwischen möglichen Erklärungen für die mysteriöse Zeitreise und den erwähnten Texten sowie dem Großvaterparadoxon aufzeigen.

2 Die Art der Zeitreise - eine literarische Leerstelle

Um die Zeitreise in „Utopía de un hombre que está cansado“ zu analysieren, ist es zunächst sinnvoll, die Kriterien, die eine Zeitreise ausmachen, zu definieren. Gertrud Lehnert-Rodiek grenzt den Begriff folgendermaßen ein:

Unter „Zeitreise wird - analog zur Bewegung im Raum - die Bewegung einer realen Person innerhalb ihres eigenen Zeitkontinuums in Richtung auf Vergangenheit oder Zukunft verstanden. Mit dem „eigenen Zeitkontinuum“ ist der rekonstruierbare historische bzw in die Zukunft verlängerbare d.h. einem Individuum in seiner eigenen Welt (die durchaus eine fiktive sein kann) erfahrbare Zeitfluss gemeint.2

Diese Definition trifft auf die Zeitreise bei Borges durchaus zu; der Protagonist findet sich in der Zukunft wieder, die offensichtliche die zeitliche Verlängerung seiner eigenen Welt ist, da sich dort viele Bezüge zu seiner Zeit finden. Diese äußern sich in erster Linie in dem Gespräch mit dem Menschen, dem er dort begegnet und der ein profundes Wissen über diese Zeit, die für ihn bereits Historie ist, zeigt.

Weiterere Gegenstände der Untersuchung literarischer Zeitreisen sind die Art und Weise, auf die die Zeitreise geschieht (demnach muss sie immer einen Anfangs- und einen Zielpunkt haben), die Bewegungsrichtung und die Frage nach der Umkehrbarkeit der Reise, d.h. ob der Protagonist an seinen Ausgangspunkt zurückkehren kann.3 Bei Borges gelangt der Protagonist in die Zukunft und es handelt sich offenbar um eine umkehrbare Reise, da er sich am Ende wieder bei seinem „escritorio de la calle México“4 befindet. Ob die Reise beabsichtigt ist, bleibt mehr oder weniger offen; er scheint sich über seine Situation nicht allzu sehr zu wundern, weiß allerdings auch nicht wirklich, wie er in die Zukunft gelangt ist. Eine komplette Leerstelle bleibt die Art und Weise der Zeitreise, man kann allerdings mögliche Erklärungen dafür aus dem Text herausarbeiten.

2.1 Eliminierung von Zukunft und Vergangenheit

Zunächst muss die Frage gestellt werden, ob es einer Füllung der Leerstelle überhaupt bedarf, da der Text eine solch abstrakte Zeitkonzeption hat, dass sich die Zeitreise teilweise bereits selbst erklärt; dies wird vor allem an folgenden Textpassage deutlich:

Vivimos en el tiempo, que es sucesivo, pero tratamos de vivir sub specie aeternitatis. Del pasado nos quedan algunos nombres, que el lenguaje tiende a olvidar. Eludimos las inútiles precisiones. No hay cronología ni historia.5

Der dargestellte Zukunftsentwurf leugnet die Existenz von Zukunft und Vergangenheit; zwar gesteht der Sprecher ein, dass die Zeit theorethisch suksessiv, also fortlaufend ist, aber chronologisch ablaufende Zeit wird als unnütz abgewertet. Dadurch, dass die Zeit nicht mehr chronologisch verläuft und alles unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit, sub specie aeternitatis, gesehen wird, erscheinen Phänomene wie Zeitreise auch nicht mehr unmöglich und durch diese Konzeption von Zeit erscheint eine gewisse Gleichzeitigkeit verschiedener Zeitebenen. Deshalb reagieren die Menschen in der Zukunft auch nicht überrascht, wenn ein Mensch aus ferner Vergangenheit plötzlich in der Nähe ihres Hauses auftaucht.

Ebenfalls auffällig ist die Regressivität, die die Zukunft wider Erwarten des Lesers aufweist. Es erscheint, als ob alle Errungenschaften der Zivilisation in dieser Welt unbedeutend geworden sind. Es gibt keine Museen und Bibliotheken mehr, da das Hier und Jetzt nicht durch Stimmen der Vergangenheit beeinflusst werden soll; „Cada cual debe producir por su cuenta las ciencias y las artes que necesita“.6 Auch der Mensch als Individuum und die damit verbundenen Werte wie Liebe, Freundschaft und Familie haben an Bedeutung verloren, „No conviene fomentar el género humano“,7 das Menschengeschlecht sieht sich nicht mehr als die Gattung an, deren Erhalt wichtig ist. Diese Überlegungen erinnern stark an das Prinzip der Metempsychose, der Wiedergeburt, aus der buddhistischen und hinduistischen Lehre, mit der sich Borges beschäftigt hat.8 Danach erreicht ein Mensch Unsterblichkeit durch die Verneinung des Ichs; das ähnelt dem Bedeutungsverlust des Individuums in der Erzählung, die meisten Menschen scheinen beispielsweise keinen Namen mehr zu haben, Acevedos Gesprächspartner nennt sich einfach „alguien“, Jemand. Die östlichen Religionen sehen den Lebensverlauf in einer Kreisbewegung ohne Anfang und Ende, wobei die Seele die verschiedenen Stadien durchläuft und die Entwicklung nicht unbedingt progressiv sein muss.9 Diese „negación del tiempo“ wird auch in dem Aufsatz „El tiempo y la eternidad en la obra de Borges“ behandelt: „Lo cotidiano y reiterado es para garantía de eternidad, porque si ahora vivimos un instante idéntico a otro del pasado, queda anulado el fluir de las horas“10 Das hier erwähnte „reiterado“, das sich Wiederholende, erinnert wieder an die zyklische Wiederkehr und spiegelt sich in manchen Elementen der Erzählung, zum Beispiel an der Stelle, an der behauptet wird, dass das Wichtigste am Lesen von Büchern, das Wiederlesen sei11 und äußert sich auch in der bereits erwähnten Regressivität. Ausgehend davon, dass die Zeitkonzeption in der Erzählung an diese Lehre angelehnt ist, wird die Zeitreise ermöglicht; die Regressivität der Zukunft steht für die zyklische Wiederkehr der Geschichte. Dadurch, dass auch hier wieder die Chronologie der Geschichte und des Fortschritts durcheinander gebracht wird, werden in gewisser Weise Zukunft und Vergangenheit eliminiert, was wiederum die Zeitreise ermöglicht.

2.2 Die Zeitreise als phantastische Traumsituation

Dennoch gibt es abgesehen davon noch eine weitere mögliche Erklärung für die Leerstelle der Zeitreiseart. Borges äußerte in seinem Vortrag „La Literatura Fantástica“, den er 1967 in Montevideo hielt, eine motivgeschichtliche Untersuchung der phantastischen Literatur. Zwei der Aspekte, die er zu dem konstanten Themenkreis der Phantastik zählt, sind speziell für „Utopía de un hombre que está cansado“ relevant; das Spiel mit der Zeit sowie die Verbindung von Traum und Wirklichkeit.12 Diese sind in der Erzählungen eng miteinander verbunden.

Das Spiel mit der Zeit als phantastisches Element ist im Text offensichtlich; schließlich handelt er von einer Zeitreise und zwei Zeitebenen, nämlich der Zeit aus der der Protagonist Eudoro Acevedo stammt, die ungefähr der Entstehungszeit des Textes und damit der damaligen Gegenwart entspricht, sowie der Zukunft, in der sich Eudoro Acevedo wiederfindet.13 Das Element Traum scheint zwar auf den ersten Blick nichts damit zu tun zu haben, kann in Verbindung mit dem Titel und einigen anderen Hinweisen im Text die Leerstelle der Art und Weise, auf die Acevedo durch die Zeit reist, füllen. Der im Titel erwähnte „hombre cansado“, der „müde Mann“ kann nämlich durchaus auf Eudoro Acevedo bezogen werden. Acevedo ist „müde“, weil er bereits ein hohes Lebensalter erreicht hat und durch die Aussage „He cumplido ya setenta años“14 wird klar, dass er sich selbst auch bereits als alt empfindet. Außerdem weist er eine erstaunliche Distanz zu seiner eigenen Zeit auf, da er das, was für ihn eigentlich Gegenwart sein müsste bereits als „curioso ayer“15, als „sonderbare Vergangenheit“ bezeichnet. Also ist auch seiner Zeit „müde“, was sich vielleicht schon einem Zustand wie „lebensmüde“ annähert. Daraus kann die Schlussfolgerung gezogen werden, dass die „Utopie eines müden Mannes“ schlichtweg der Traum eines müden Mannes ist, was den ungeklärten Sprung in die Zukunft und wieder zurück als erträumte Situation erklären würde. Es gibt im Text auch weitere Indizien, die auf einen Traumzustand hinweisen; dazu zählt das plötzliche, übergangslose Gelangen in eine fremde Zeit und wieder zurück, was dem Einschlafen und Erwachen eines Menschen nahekommt. Besonders prägnant ist auch Acevedos Reaktion. Auf die phantastische, wundersame Situation, in der er sich befindet, reagiert er gelassen und wenig überrascht, da seine Emotionen in keinster Weise erwähnt werden, könnte man sogar behaupten, dass er keine hat oder sie nicht zeigt. Das könnte zum einen an der bereits erwähnten „Müdigkeit“ liegen; andererseit spricht das auch wieder für eine Traumsituation, da Dinge, die in der Realität unglaublich erscheinen, im Traum oft als Selbstverständlichkeit hingenommen werden.

3 Mitgebrachtes aus der Zukunft - ein Paradoxon

Ob Acevedos Reise in jene andere Welt nun ein Traum oder tatsächlich eine in der textinternen Wirklichkeit mögliche Zeitreise ist - in beiden Fällen verwirrt das Ende der Erzählung; er bekommt von dem Menschen, den er in der Zukunft trifft, das Gemälde eines Sonnenunterganges geschenkt, das er, wieder in der Gegenwart angekommen, in seiner Schreibtischschublade aufbewahrt. Bis zu dieser Stelle hätte die Zeitreise als typisch phantastisches Element gesehen werden können, vor allem nach der Annäherung von Todorov, nach der das Phantastische „die Unschlüssigkeit, die ein Mensch empfindet, der nur die natürlichen Gesetze kennt und sich einem Ereignis gegenübersieht, das den Anschein des Übernatürlichen hat“16 ist.

[...]


1 Ilan Stavans: „Borges and the Future“ In: Science Fiction Studies, Vol. 17, No. 1, DePauw University 1990, S. 81.

2 Gertrud Lehnert-Rodiek: Zeitreisen. Untersuchungen zu einem Motiv der erzählenden Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts. Reinbach-Merzbach 1987, S. 22.

3 Vgl. Ebd. S. 24.

4 Jorge Luis Borges: „Utopía de un hombre que está cansado“ In: Obras completas 1975-1985. Buenos Aires 1989, S. 56.

5 Borges, „Utopía de un hombre que está cansado“, S. 53.

6 Ebd. S. 55.

7 Ebd. S. 54.

8 Vgl. Adelheid Schaefer: Phantastische Elemente undästhetische Konzepte im Erzählwerk von J.L. Borges. Frankfurt a.M. 1973, S. 64.

9 Vgl. Ebd. S. 68.

10 Ana María Barrenechea: „El tiempo y la eternidad en la obra de Borges“ In: Revista Hisp á nica Moderna, A ñ o 23, No. 1. Pennsylvania 1957, S. 39; dieser Aufsatz ist vor „Utopía de un hombre que está cansado“ entstanden und behandelt deshalb nicht die Erzählung an sich, sondern Borges´ generelles Interesse am Spiel mit der Zeit.

11 Vgl. Borges, „Utopía de un hombre que está cansado“, S. 53-54.

12 Vgl. Schaefer, Phantastische Elemente undästhetische Konzepte im Erzählwerk von J.L. Borges, S. 23.

13 Das Spiel mit der Zeit als phantastisches Element äußert sich hier nicht nur in der Zeitreise, auch das persönliche Zeitempfinden ist Gegenstand der Erzählung, da die Menschen in der Zukunft durch ihre Langlebigkeit ein anderes Verhältnis zur Zeit haben.

14 Borges, „Utopía de un hombre que está cansado“, S. 53.

15 Ebd. S. 54.

16 Tzevtan Todorov: Einf ü hrung in die fantastische Literatur. Frankfurt a.M. 1970, S. 25-26.

Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (Buch)
9783656075547
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v183303
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Philologisch-historische Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Jorge Luis Borges Borges Utopía de un hombre que está cansado Zeitreise literarische Zeitreise La flor de Coleridge Die Blume des Coleridge Utopie eines müden Mannes Manuel Rojas El hombre de la rosa Zeitparadoxon

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Zeitreise in Jorge Luis Borges´ „Utopía de un hombre que está cansado“