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Die Kritik an der Theorie der indirekten Sprechakte von Searle

Hausarbeit 2008 14 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Theorie der indirekten Sprechakte von Searle

3. Die Entwicklungs- und Modifizierungsvorschläge
3.1. Die Weiterentwicklung der Theorie
3.1.1. Ehrich/ Saile
3.1.2. Frank
3.2. Die Modifizierungsvorschläge
3.2.1. Sökeland
3.2.2. Meibauer

4. Die alternativen Theorien
4.1. Die Zweifel an der Kategorie der sekundären Illokution
4.1.1. Meyer-Hermann
4.1.2. Bertolet
4.2. Der Kontext als Grundlage (Levinson)

5. Fazit

1. Einleitung

Searle hat seine Auffassung der Theorie der indirekten Sprechakte in seinem Artikel „Indirekte Sprechakte“ (1982) dargestellt. Er weist dabei auf „solche Fälle, in denen der Sprecher einen Satz äußert, zwar meint, was er sagt, aber darüber hinaus noch etwas mehr meint“[1]. Zum Beispiel der Sprecher äußert den Satz „Ich möchte, dass du den Pfand abgibst.“, um den Hörer zu bitten, den Pfand abzugeben. Das ist eine Bitte, die durch eine Feststellung zustande kommt. Und solche Fälle bezeichnet Searle als 'indirekt'.[2]

Die Sprechakttheorie rief vermutlich das größte Interesse unter den Themen der allgemeinen Theorie des Sprachgebrauchs hervor, dabei sind die Auffassungen der Sprachphänomene der Indirektheit und Nichtwörtlichkeit sehr unterschiedlich und hängen von der jeweils zugrunde gelegten Theorie ab.[3]

Das Ziel meiner Arbeit ist aufgrund der kritischen Literatur aus dem englisch-[4] und deutschsprachigen[5] Raum die Hauptprobleme der Theorie der indirekten Sprechakte von Searle feststellen.

Zuerst beschäftige ich mich mit kurzer Darstellung der Theorie der indirekten Sprechakte von Searle. Seine Theorie ist eng mit der allgemeinen Sprechakttheorie verbunden. Sie lasse ich aber aus Platzgründen aus und setze die Kenntnisse der Grundzüge der Sprechakttheorie von Austin und Searle bei den Lesern voraus. Dann möchte ich die verschiedenen Problemen, die im Zusammenhang mit indirekten Sprechakten erwähnt wurden, und mögliche Lösungen darlegen. Am Ende stelle ich die alternativen Theorien, die die Theorie von Searle widerlegen, vor.

2. Die Theorie der indirekten Sprechakte von Searle

Nach Searle vollzieht ein Sprecher einen indirekten Sprechakt, indem er einen anderen illokitionären Akt vollzieht. Genauer gesagt, er vollzieht einen primären, den indirekten Illokutionsakt, indem er den sekundären oder wörtlichen Illokutionsakt vollzieht.[6] Die Ableitung der primären Illokution aus der wörtlichen erfolgt, aufgrund „der Sprechakttheorie, der allgemeinen Prinzipien kooperativer Konversation, außersprachlicher Hintergrundinformationen, über die Sprecher und Hörer gemeinsam verfügen, und die Fähigkeit des Hörers, Schlüsse zu ziehen“[7]. Das Problem ist dabei, dass solche Sätze wie

Würdest du mir helfen?

Du könntest ein bisschen aufräumen.

Warum nicht hier aufhören?

schon beinahe konventional als indirekte Bitten verwendet werden[8] und der Hörer „sie einfach als Bitte hört“[9]. Laut Searle sind die aber keine Idiomen und nicht 'kontextuell mehrdeutig', sondern zwingen den Hörer genauso wie bei den nicht systematisch verwendeten Fällen

X: Komm, wir gehen heute ins Schwimmbad.

Y: Ich muss meiner Mutter helfen. (primäre: Absage, sekundäre: Feststellung)

für die Ableitung des primären Illokutionszwecks bestimmte Schlussfolgerungen zu ziehen.[10] Den Zusammenhang zwischen dem direkten und indirektem Gebrauch stellt er bei den konventionalen Sprechakten durch sogenannte Generalisierungen, die die Gelingensbedingungen betreffen, her.[11]

Zum Beispiel, beim Abendessen erfordert die Rekonstruktion der Äußerung „Kannst du mir das Salz reichen?“ als eine Bitte die folgenden Schlussfolgerungen[12]:

Schritt 1: Der Sprecher hat mir eine Frage mit dem Inhalt gestellt, ob ich in der Lage sei, ihm das Salz zu reichen. (Annahmen über das Gespräch)

Schritt 2: Der Sprecher verhält sich, wie ich annehme, in diesem Gespräch mit mir kooperativ und deshalb hat seine Äußerung ein Ziel oder einen Zweck. (Prinzipien kooperativer Kommunikation)

Schritt 3: Aus den Rahmen unseres Gesprächs lässt es sich nicht schließen, dass der Sprecher ein theoretisches Interesse an meiner Fähigkeit, ihm Salz hinüberzureichen hat. (Inhaltliches Hintergrundwissen)

Schritt 4: Außerdem weiß er wahrscheinlich bereits, dass ich in der Lage bin. (Inhaltliches Hintergrundwissen)- (Dieser Schritt erleichtert den Übergang zu Schritt 5, ist aber nicht unbedingt notwendig.)

Schritt 5: Deshalb ist seine Äußerung wahrscheinlich nicht bloß eine Frage. Sie hat vermutlich einen weiteren Illokutionszweck. (Folgerung aus den Schritten 1, 2, 3 und 4) Worin kann er bestehen?

Schritt 6: Eine Einleitungsbedingung jedes direktiven Illokutionsakts besteht darin, dass der Hörer in der Lage ist, die in der Bedingung des propositionalen Gehalts prädizierte Handlung auszuführen. (Sprechakttheorie-Generalisierung)

Schritt 7: Also hat S mir eine Frage gestellt, deren Bejahung auch besagt, dass die Einleitungsbedingung für seine Bitte, ihm das Salz zu reichen, erfüllt ist. (Folgerung aus Schritt 1 und 6)

Schritt 8: Wir sind jetzt beim Essen, und normalerweise benutzten die Leute beim Essen Salz; Sie reichen es hin und her und versuchen zu veranlassen, dass es ihnen zugereicht wird usw. (Hintergrundwissen)

Schritt 9: Also hat S darauf angespielt, dass die Einleitungsbedingung einer Aufforderung erfüllt ist, und er will höchstwahrscheinlich, dass ich die Befolgungsbedingung dieser Bitte erfülle. (Folgerung aus Schritt 7 und 8)

Schritt 10: Da ich keine anderen plausiblen Illokutionszweck erkennen kann, bittet er mich also wahrscheinlich darum, ihm das Salz zu reichen. (Folgerung aus Schritt 5 und 9)

Als Motiv für Indirektheit besonders bei Bitten nennt Searle vor allem die Höflichkeit.[13]

3. Die Entwicklungs- und Modifizierungsvorschläge

Nachdem ich die Theorie der indirekten Sprechakte von Searle kurz vorgestellt habe, möchte ich die anderen Auffassungen der Phänomene der Indirektheit darlegen. Sie erweitern oder modifizieren, der Theorie von Searle, damit die Theorie der indirekten Sprechakte vollständig wird.

3.1. Die Weiterentwicklung der Theorie der indirekten Sprechakte

von Searle

In diesem Kapitel möchte ich mit den Auffassungen, die sich im Großen und Ganzen an die Theorie von Searle anlehnen, kurz bekannt machen. Zum Beispiel die Definition von Wunderlich:

„Sprechhandlungen, die wörtlich genommen werden können, jedoch eigentlich nicht wörtlich genommen werden sollten (nicht wörtlich intendiert waren), nenne ich indirekte Sprechhandlungen.“[14]

unterscheidet sich wenig von der Auffassung von Searle.[15] Es geht hier vor allem um Erweiterungsvorschläge.

3.1.1. Ehrich/ Saile

In ihrem Artikel „Über nicht direkte Sprechakte“ befassen sich Ehrich/ Saile vor allem mit den nicht-direkten Sprechakten, die mit den explizit performativen Formeln vollgezogen werden können und die das nicht können.[16]

Indirekte Akte werden bei ihnen ähnlich wie bei Searle durch Glückensbedingungen/ 'konstitutive Voraussetzungen' definiert, aber als eine Unterkategorie von den 'nicht-direkten' Akten angesehen. Als eine zusätzliche Unterkategorie nennen sie noch 'implizite' Sprechakte, wo die Rolle der propositionalen Komponenten stärker hervorgehoben wird.[17]

In ihrer Definition der nicht-direkten Sprechakte legen Ehrich/ Saile großen Wert auf die Illokutionsindikatoren:

„Nicht direkt ist ein Akt, wenn eine Dissoziation zwischen der intendierten kommunikativen Funktion und dem Satztyp der Äußerung oder einem in ihm enthaltenen performativen Verb bzw. einem anderen illokutiven Indikator besteht oder wenn, eine Dissoziation zwischen der intendierten Proposition und der wörtlichen Form der Äußerung (d. s. Namen, Prädikate, syntaktische Korrelate, Konjunktionen, Indikatoren) besteht.“[18]

'Kommunikative Funktion' wird bei ihnen die illokutionäre Rolle/ Funktion/ Kraft oder 'illocutionary force' bei Searle genannt.[19]

Sie sind genauso wie Searle der Ansicht, dass mit jedem indirekten Sprechakt, zugleich ein direkter Sprechakt vollgezogen wird und unterscheiden „zwischen der intendierten kommunikativen Funktion des nicht-direkten Sprechaktes und ihrer Realisierung einerseits, sowie der Realisierten kommunikativen Funktion des direkten Sprechaktes“[20].

Als kritisch wird bei dieser Definition von Meyer-Hermann angesehen, die Bestimmung der Illokutionsindikatoren, weil alle Indikatoren auch die performativen Verben ein Illokutionspotenzial besitzen und nur durch den jeweiligen Kontext kann man feststellen, welche Illokutionsfunktion sie haben.[21]

3.1.2. Franck

Im Artikel „Zur Analyse indirekter Sprechakte“ greift Franck die Grundauffassung von Searle auf und deutet die Möglichkeiten ihrer Weiterentwicklung an.[22]

„Ein Sprechakt ist dann indirekt ausgedrückt, wenn der mit sprachlichen Mitteln angezeigte Illokutionstyp (nach der normalen Interpretation aller Illokutionsindikatoren) nicht mit der primär intendierten illokutiven Funktion übereinstimmt.“[23]

Sie ist gegen die beliebig erweitbare Ambiguität der Illokutionsindikatoren und vertritt die Ansicht, dass man durch den zusätzlichen Schlussfolgerungsprozess eine nicht stark konventionalisierte Äußerung als Sprechakt bestimmten Typs interpretieren kann. Denn jede Äußerung enthält Indikatoren der möglichen Illokutionsrolle und zwischen der Bedeutung einer Äußerung und den Illokutionsakten, die mit dieser Äußerung vollzogen werden, besteht nicht beliebiger Zusammenhang.[24] An den wenigen Beispielen zeigt Franck, dass die Sprechakte aller Typen, außer Deklarationen, mit den Sätzen, die „die Indikatoren bzw. wörtliche Bedeutungen von jeweils jeder anderen Sprechakt“[25] haben, ausgeführt werden können.[26]

Auch für die Notwendigkeit eines Konzeptes indirekter Sprechakte spricht laut Franck die Fähigkeit der indirekten Sprechakte, spezifische kommunikative Funktionen zu erfüllen. Zum Beispiel sie helfen Widersprüche zwischen persönlichen und öffentlichen Vorzügen befriedigend zu bewältigen oder Tabu zu vermeiden.[27]

[...]


[1] Searle, J. R. (1982): Indirekte Sprechakte. In: ders.: Ausdruck und Bedeutung. S. 51.

[2] Vgl. Searle (1982), S. 51.

[3] Vgl. Levinson (2000): Pragmatik. S. 247; Meibauer (1991): Indirektheit. In: ders.: Pragmatik. Eine Einführung. S. 116.

[4] Levinson (2000): Pragmatik; Bertolet, Rod (1998): Are there indirect speech acts? In: Tsohatzidis, Savas L. (ed.): Foundations of speech act theory. p. 335-349.

[5] Ehrich, Veronika / Saile, Günter (1972): Über nicht- direkte Sprechakte. In: Wunderlich, Dieter (Hg.): Linguistische Pragmatik. S. 255-287; Franck, Dorothea (1975): Zur Analyse indirekter Sprechakte. In: Ehrich, V. / Finke, P. (Hg.): Beiträge zur Grammatik und Pragmatik. S. 219-231; Meibauer, J. (1991): Indirektheit. In: ders.: Pragmatik. Eine Einführung.; Meyer-Hermann, Reinhard (1976): Direkter und indirekter Sprechakt. In: Deutsche Sprache 4, S. 1-19; Sökeland, Werner (1980): Indirektheit von Sprechhandlungen. Eine linguistische Untersuchung; Wunderlich, Dieter (1972): Zur Konventionalität von Sprechhandlungen. In: Wunderlich, D. (Hg.): Linguistische Pragmatik. S. 11-58.

[6] Vgl. Searle (1982), S. 51.

[7] Searle (1982) S. 53; Vgl. Meyer-Hermann (1976), S. 5.

[8] Vgl. Searle (1982), S. 52.

[9] Searle (1982), S. 67.

[10] Vgl. Searle (1982), 51-57.

[11] Vgl. Searle (1982), 52-69.

[12] Vgl. Searle (1982), 67f

[13] Searle (1982), S. 71.

[14] Wunderlich (1972), S. 32.

[15] Searle (1982), S51.

[16] Ehrich/ Saile (1972), S. 255.

[17] Ehrich/ Saile (1972), S. 257-260; Searle (1982), S. 52-69.

[18] Ehrich/ Saile (1972), S. 256.

[19] Meyer-Hermann (1976), S. 1.

[20] Ehrich/ Saile (1972), S. 256.

[21] Vgl. Meyer-Hermann (1976), S. 14-16.

[22] Vgl. Meyer-Hermann (1976), S. 11.

[23] Franck (1975), S. 219.

[24] Vgl. Franck (1975), S. 220-222, auch Meyer-Hermann (1976), S. 12f.

[25] Franck (1975), S. 222.

[26] Vgl. Franck (1975), S. 222f, 229f.

[27] Vgl. Franck (1975), S. 222F, 228f.

Details

Seiten
14
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656075189
ISBN (Buch)
9783656075585
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v183290
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
2.0
Schlagworte
indirekte Sprechakte Searle

Autor

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Titel: 	Die Kritik an der Theorie der indirekten Sprechakte von Searle