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Frauen und Rechtsextremismus in Deutschland

Eine geschlechtersensible Analyse der Anreize für aktives Engagement

von Anonym (Autor)

Seminararbeit 2010 22 Seiten

Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Frauen und Rechtsextremismus in Deutschland
2.1. Medienberichterstattung
2.2. Präsenz von Frauen in rechtsextremen Organisationen
2.3. Posten und Funktionen von Frauen

3. Anreize zum Engagement von Frauen in rechtsextremen Organisationen.
3.1. Rechtsextreme Ideologie
3.2. Rollenbilder für Frauen - Rollenbilder von Frauen
3.2.1. Rollenbilder: Theorie
3.2.2. Rollenbilder: Praxis
3.3. Gewalt - Anreiz oder Abschreckung?

4. Folgen für die rechtsextreme Szene
4.1. Imagepflege und Mitgliederwerbung
4.2. Einfluss aufdas Szeneleben
4.3. Reaktionen der Kameraden

5. Fazit

6. Literatur- und Quellenangaben

1. Einleitung

„NS-Parolen grölende junge Männer auf nächtlichen Straßen, schwarze Fahnen schwingende Glatzköpfige auf Demonstrationen, gewalttätige rechte Skins in Bussen und Bahnen, vom 'deutschen Volk' fabulierende Redner auf Versammlungen“[1] etc. prägen die Darstellungen von und überden Rechtsextremismus in Deutschland.

Es zeigt sich, dass die Diskurse über den heutigen Rechtsextremismus[2] sowohl in den Medien als auch im wissenschaftlichen Bereich weitestgehend von einer Geschlechterblindheit geprägt sind. Rechtsextreme Organisationen, von den Parteien bis hin zu Freien Kameradschaften, erfahren in den letzten zehn Jahren jedoch einen enormen Zulauf von weiblichen Mitgliedern, wodurch das Geschlechterverhältnis im Rechtsextremismus an Bedeutung gewinnt. Getreu dem Motto „Deutschland ist auch Frauensache!“[3] wird im rechten Spektrum zunehmend auch die Beteiligung von Frauen an rechtsextremer Politik gefordert und gefördert. Dabei lässt sich gerade bei der Neugründung von reinen rechtsextremen Frauengruppen ein regelrechter Boom verzeichnen. Rechte Weltanschauungen kommen auch bei Frauen durchaus so gut an, dass sie zunehmend bereit sind, für die „Nationale Sache“ selbst zu kämpfen.

In dieser Arbeit soll untersucht werden, was speziell Frauen dazu bewegt, sich im rechtsextremen Spektrum zu engagieren bzw. was ihnen an demselben attraktiv erscheint.

Um die Bandbreite der gesamten rechtsextremen Szene in Deutschland darstellen zu können, sollen in dieser Arbeit alle Organisationsformen des rechtsextremen Lagers analysiert werden. Als Untersuchungsobjekte gelten demnach sowohl rechtsextreme Parteien wie die Republikaner (REP) oder die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) als auch parteienferne Organisationen wie z.B. die Gemeinschaft Deutscher Frauen (GDF).

Im ersten Teil der Arbeit soll dargelegt werden, weshalb es notwendig ist, sich aus einer geschlechtersensiblen Perspektive mit dem Rechtsextremismus auseinanderzusetzen und wie sich die tatsächliche Präsenz von Frauen in rechtsextremen Organisationen gestaltet.

Im zweiten Teil dieser Arbeit wird untersucht, welche spezifischen Elemente des Rechtsextremismus den Frauen einen Anreiz bieten, sich rechtsextremen Gruppen anzuschließen und aktiv dort mitzuwirken.

Dabei lässt sich zunächst die rechtsextreme Ideologie im Hinblick auf Geschlechter untersuchen: Gibt es darin Elemente, die Frauen gesondert ansprechen? Unterscheiden sich Männer und Frauen in der Annahme einer solchen Ideologie?

Weiterhin wird die Bedeutung von Rollenbildern analysiert: Welches Frauenbild lässt sich im rechtsextremen Spektrum finden? Welche Rollenbilder werden propagiert und erscheinen diese den Frauen tatsächlich attraktiv?

Nicht ausgeblendet werden soll die Rolle der Gewalt in vielen rechtsextremen Organisationen: Wirkt sie nur abschreckend auf Frauen oder dient sie mitunter auch als Anreiz zum Engagement?

Im dritten und letzten Teil der Arbeit soll darauf eingegangen werden, welche Folgen die zunehmende Beteiligung von Frauen für die rechtsextreme Szene hat und welche Notwendigkeiten sich in Bezug auf den Umgang mit Rechtsextremismus für Gesellschaft und Wissenschaft daraus ergeben.

2. Frauen und Rechtsextremismus in Deutschland

2.1. Medienberichterstattung

Medienberichte zum Thema Rechtsextremismus in Deutschland handeln meist von gewalttätigen Männern. Vor allem spektakuläre Ereignisse geraten in den Fokus der Journalistinnen, wobei jedoch hinter dem Rechtsextremismus stehende Strukturen ignoriert werden: „Das Starren auf Steine oder Molotowcocktails werfende Jugendliche suggeriert, Rechtsextremismus sei lediglich ein Problem pubertierender Männer“[4] und Frauen träten allenfalls in einer Nebenrolle auf. Dass Frauen jedoch mehr als nur geringfügig in die rechtsextreme Szene involviert sind wird systematisch ausgeblendet. Dies lässt sich zum großen Teil durch die gängige Assoziation von Rechtsextremismus mit Gewalt erklären[5]: Frauen gelten als friedfertig; es widerstrebt also den Annahmen vieler Leser-/Zuschauerinnen, wenn Frauen explizit als (Gewalt-)Täterinnen gezeigt werden. Um dem Bild der friedfertigen Frau entsprechen zu können, werden viele Täterinnen in Dokumentationen, Nachrichten und Reportagen als „Monster“ dargestellt: Vermännlicht, hässlich, lesbisch, unweiblich[6]. Letztlich führt dies dazu, dass Leser- und Zuschauerinnen sich von diesen „fremdartigen Wesen“ distanzieren können. Doch damit wird tabuisiert, dass Rechtsextreme oftmals „ganz normal“ sind, aus der Mitte der Gesellschaft kommen und genau dort neue Anhängerzu rekrutieren versuchen.

Dass das Stereotyp der „friedfertigen“ und „sicher nicht rechtsextremen“ Frau nicht dem Bild der Wahrheit entspricht, soll im nächsten Abschnitt gezeigt werden.

2.2. Präsenz von Frauen in rechtsextremen Organisationen

Frauen sind unterschiedlich stark in die Szene involviert. Renate Bitzan unterscheidet verschiedene Dimensionen oder Ebenen der rechtsextremen Lebenswelt, zwischen denen die Präsenz von Frauen stark variiert[7]:

Auf der Ebene rechtsextremer Einstellungen lassen sich keine Unterschiede zu Männern festmachen; der Frauenanteil an rechtsextrem orientierten Menschen beträgt 50%. Rechtsextreme Parteien wählen jedoch nicht so viele Frauen; ihr Anteil an der Wählerschaft beträgt rund ein Drittel.

Die Beteiligung von Frauen in rechten Kameradschaften oder sonstigen (auch parteienfernen) Cliquen variiert stark; hier gibt es Gruppen mit nur zehn oder auch mit bis zu über 30% weiblichen Mitgliedern. Es ist hervorzuheben, dass sich diese Zahlen nur auf gemischt-geschlechtliche Gruppen beziehen. Die Anzahl reiner Frauengruppen ist in den letzten zehn Jahren jedoch gestiegen. Zu den wichtigsten Frauengruppen gehören der 2006 gegründete Ring Nationaler Frauen (RNF), welcher eine Unterorganisation der NPD ist, sowie die Gemeinschaft Deutscher Frauen (GDF), die sich hauptsächlich mit deutscher Kultur und Brauchtum befasst. Weitere Gruppen sind der Republikanische Bund der Frauen, eine Unterorganisation der REP, die Renee Kameradschaft Deutschland, die deutsche Sektion der Women for Aryan Unity etc.

Der Anteil weiblicher Mitglieder in rechtsextremen Parteien ist mit ca. 20% zwar niedrig, aber mit dem Frauenanteil anderer Parteien vergleichbar. Dieser Prozentsatz gilt auch für den Anteil von Funktionärinnen in diesen Parteien. Je extremer rechtsextreme Parteien sind, desto weniger Frauen sind dort Mitglied[8].

Bei rechtsextrem motivierten Straf- und Gewalttaten ist der Anteil beteiligter Frauen im Vergleich zu den anderen Ebenen am geringsten; er ist in den letzten Jahren angestiegen und beträgt nun ca. zehn Prozent.

Für jede dieser Dimensionen gilt jedoch, dass Frauen sich nicht mehr nur mit untergeordneten Rollen zufrieden geben, sondern politische Gleichberechtigung einfordern und „wie ein Mann“ kämpfen wollen[9].

Gerade und auch deswegen sollte die Gesellschaft und die Wissenschaft verstärkt versuchen, den männerzentrierten Blick auf das Phänomen Rechtsextremismus durch einen geschlechtersensiblen zu ersetzen: Selbst wenn dadurch zunächst wahrgenommene Differenzen zwischen den Geschlechtern gefestigt werden, sind rechtsextreme Frauen „ernstzunehmende politische Akteurinnen, die extrem rechte Ideologien mit unterschiedlichen - auch geschlechterdifferenzierten - Schwerpunkten produzieren, (mit)tragen, praktizieren und verbreiten. (...) Frauen denken genauso rassistisch, antisemitisch und nationalistisch wie Männer und verbreiten diese Positionen. Sie sind somit genauso verantwortlich für eine gesellschaftliche Orientierung nach rechts“[10] und müssen daher in der Analyse von Rechtsextremismus genauso Beachtung finden wie Männer.

2.3. Posten und Funktionen von Frauen

Die Funktionen, die Frauen in rechtsextremen Organisationen übernehmen, wenn sie dort als aktive Mitglieder agieren, variieren und hängen auch von persönlichen Eigenschaften ab[11]. Die ausgeübten Tätigkeiten reichen von der Erledigung leichter Fleißaufgaben bis hin zur Übernahme politischerÄmter.

So finden sich in den zahlreichen Gruppen Organisatorinnen von Demonstrationen oder Konzerten, Leiterinnen von Szenetreffs wie dem „Club 88“ in Neumünster (geführt von Christiane Dolscheid), Autorinnen in Fanzines oder Büchern, Liedermacherinnen etc. Weiterhin sind Frauen in die Parteiarbeit eingebunden: Als Vorstandsmitglieder, Amtsträgerinnen in Machtpositionen der Parteien oder als Abgeordnete in einigen Landesparlamenten; so z.B. die Mitgründerin des RNF Gitta Schüßler, die als Abgeordnete der NPD im sächsischen Landtag tätig ist[12].

Insgesamt ist eine Entwicklung zu beobachten, wonach Frauen sich mehr und mehr aus der „zweiten Reihe“ nach vorne wagen und sich aktiv beteiligen wollen: „Anders als in der Vergangenheit kommen Rechtsextremistinnen nicht mehr als Ehefrau, Freundin, Schwester von Männern in die Szene“[13] ; sie wollen eigenständig für bestimmte politische Ziele kämpfen. Dabei zeigen sich in den verschiedenen Aktivitäten der Frauen jedes intellektuelle Niveau und die verschiedensten Lebensstile. Obwohl die ausgeführten Tätigkeiten oft im Widerspruch zum proklamierten Frauenbild[14] der Organisationen stehen, avancieren manche Frauen, die sich in der internen Hierarchie weit oben befinden, nunmehrzu Idolen und Orientierungspersonen[15].

Immer wieder fällt auf, dass die Frauen oftmals ein Doppelleben führen: Viele von ihnen engagieren sich in Kindergruppen, Elternvertretungen oder in Sportvereinen - ohne dass ihre braune Gesinnung anderen Eltern auffällt. Für Aufruhr sorgte z.B. der Fall der Iris Niemeyer, die in Nordrhein-Westfalen in einem Jugendzentrum arbeitete und in ihrer Freizeit für eine Freie Kameradschaft tätig war. Per Zufall erfuhr der Arbeitgeber von ihrer Gesinnung - nachdem sie bereits ein halbes Jahr in dieser Einrichtung gearbeitet hatte[16]. Fälle wie dieser zeigen, dass Rechtsextremismus kein Randphänomen der deutschen Gesellschaft ist, sondern ein Teil derselben.

3. Anreize zum Engagement von Frauen in rechtsextremen Organisationen

3.1. Rechtsextreme Ideologie

Ob sich Mädchen und Frauen im selben Maße von rechtsextremen Ideologien ansprechen lassen wie Männer, wurde in zahlreichen Studien untersucht[17].

So stellte bereits Theodor W. Adorno in den „Studien zum autoritären Charakter“[18] in den 40er Jahren fest, dass sich die Ausprägungen autoritärer Orientierungen zwischen Frauen und Männern nicht bedeutsam unterscheiden. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt 1981 die SINUS-Studie: „Wir können davon ausgehen, daß Frauen und Männer gleichermaßen anfällig bzw. unerreichbarer rechtsextreme Ideologien sind.“[19]

Daneben existieren auch Studien, die zu dem Ergebnis kommen, dass Jungen und Männereher Affinitäten zu rechtsextremen Ideologien aufweisen als Mädchen und Frauen, so z.B. die Jugenduntersuchung von Wilhelm Heitmeyer im Jahre 1984.

Auch neuere Untersuchungen führen zu durchaus unterschiedlichen Ergebnissen, wobei für das Ergebnis laut Fromm/Kernbach vor allem entscheidend ist, welche Bedeutung dem Faktor Gewalt in der Untersuchung beigemessen wird: Frauen lehnen Gewalt in der Mehrheit ab. Wird diese allerdings als zentraler Bestandteil rechtsextremer Ideologie erachtet, erscheinen Frauen im Ergebnis weniger rechtsextrem orientiert, selbst wenn sie anderen Komponenten bedingungslos zustimmen[20].

Es lässt sich feststellen, dass es spezifisch „weibliche“ Formen des Rechtsextremismus gibt. Diese sind vor allem von einer tendenziellen Gewaltablehnung geprägt und beruhen auf persönlichen Gewalterfahrungen und Diskriminierungen der Frauen[21]: Sexismus und Gewalterfahrungen, die Frauen im alltäglichen Umfeld erleben, können zu einer Identifikation mit den Opfern rechtsextrem motivierter Gewalttaten führen und damit eine gewaltablehnende Haltung fördern.

[...]


[1] Institut und Verein für Jungen- und Männerarbeit 2006, 1

[2] Rechtsextremismus wird hier verstanden als die „Gesamtheit von Einstellungen, Verhaltensweisen und Aktionen, organisiert oder nicht, die von der rassisch oder ethnisch bedingten sozialen Ungleichheit der Menschen ausgehen, nach ethnischer Homogenität von Völkern verlangen und das Gleichheitsgebot der Menschenrechts-Deklaration ablehnen, die den Vorrang der Gemeinschaft vor dem Individuum betonen, von der Unterordnung des Bürgers unter die Staatsräson ausgehen und die den Wertepluralismus einer liberalen Demokratie ablehnen und Demokratisierung rückgängig machen wollen.“ (Jaschke 2001, 30; zit. nach Stöss 2007, 24)

[3] Ring Nationaler Frauen 2010a

[4] Fromm/Kernbach 2002, 4

[5] Rommelspacher2001, 199

[6] v.d.Bruck/Schmitz 1995, 60ff.

[7] Bitzan 2008, 5

[8] Rommelspacher 2001,207

[9] Ebd., 199

[10] Antifaschistisches Frauennetzwerk 2005, 30

[11] Bitzan 2008, 3

[12] Bitzan 2002, Sturhan 1997

[13] Fromm/Kernbach 2002, 22

[14] Siehe hierzu 3.2.

[15] Fromm/Kernbach 2002, 17

[16] Maroldt 2008

[17] Fromm/Kernbach 2002, Ottens 1997

[18] Adorno 1973, 88, zit. nach Fromm/Kernbach 2002, 4

[19] SINUS-Studie 1981, 87, zit. nach Fromm/Kernbach 2002, 4

[20] Fromm/Kernbach 2002, 5

[21] Rommelspacher 2001,200f.

Details

Seiten
22
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656077992
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v183286
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Rechtsextremismus Frauen Rechte Frauen

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    Anonym (Autor)

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