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Der Einfluss der politischen Philosophie John Lockes auf die amerikanischen "Founding Fathers"

Hausarbeit 2011 22 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die politische Philosophie John Lockes

3. Die politische Situation in Amerika zur Zeit der ‚Founding Fathers’
3.1 Unabhängigkeitsbewegung
3.2 Bildung der U.S.A.

4. Der Einfluss der politischen Philosophie John Lockes auf die ‚Founding Fathers’
4.1 Declaration of Independence
4.2 Constitution

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

‚The American Dream’ ist ein Konzept, das jeder sofort mit Amerika verbindet und welches so bedeutend ist, dass es laut Lehrplan auch im Englischunterricht thematisiert werden soll. Doch was verbirgt sich eigentlich hinter diesem Ausdruck? Wovon träumten die Kolonisten damals und wovon träumen auch heute noch viele Auswanderer, wenn es sie nach Amerika zieht? Ein entscheidender Grund für viele Auswanderer, die nach Amerika wollen, sind wohl die drei elementaren Rechte eines jeden Amerikaners, die bereits in der ‚Declaration of Inde­pendence’ verankert wurden: „Life, Liberty and the pursuit of Happiness“[1]. Hinter diesen drei Grundrechten verbergen sich noch weitere moralische Grundprinzipien, die den Aufbau der amerikanischen Regierung maßgeblich mitbestimmt haben und auch heute noch die Ideale der amerikanischen Gesellschaft sind.

Es stellt sich nun die Frage, weshalb ausgerechnet „Life, Liberty and the pursuit of Happiness“ als die bedeutendsten Grundrechte in der ‚Declaration of Independence‘ aufge­nommen wurden. Alle drei Rechte werden – wenn auch in verschiedenen Werken – in Lockes Philosophie erwähnt und genau aus diesem Umstand erwächst das Thema dieser Hausarbeit: „Der Einfluss der politischen Philosophie John Lockes auf die amerikanischen ‚Founding Fathers‘“. Aus diesem Titel folgt zwangsläufig, dass sich diese Hausarbeit sowohl mit Lok­kes politischer Philosophie, als auch mit Amerika beschäftigen wird. Da ich nämlich klären möchte, welche Textstellen aus den Dokumenten der amerikanischen ‚Founding Fathers’ auf dem Gedankengut Lockes beruhen, muss zunächst dargestellt werden, worin seine politische Philosophie überhaupt besteht. Dazu werde ich mich im Rahmen dieser Hausarbeit auf den einflussreichsten Teil seiner politischen Philosophie beschränken: ‚Two treatises of government’ (insbesondere ‚The second treatise of government’). Die Arbeit mit der Primär­quelle ist unabdingbar, um die Thesen meines Sekundärtextes zu überprüfen. Außerdem dient die Arbeit mit Lockes Werk als Textgrundlage beim Belegen von Parallelen zwischen Lockes Philosophie (bzw. in diesem Fall nur ‚The second treatise of government’) und den bedeu­tendsten schriftlichen Dokumenten der Gründungszeit Amerikas, der ‚Declaration of Independence’ und der ‚Constitution’. Bevor ich jedoch zu diesem Vergleich komme, werde ich im zweiten Schritt erst noch die politischen Umstände in Amerika zur Zeit der ‚Founding Fathers‘ skizzieren, um zu klären, was überhaupt zur Amerikanischen Revolution – inklusive Erstellung der ‚Declaration of Inde­pendence‘ und der ‚Constitution‘ – geführt hat. Hierbei werde ich zur Darstellung grundlegender historischer Daten auf den ‚dtv-Atlas Weltgeschichte Band 2. Von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart’ zurückgreifen. Bei der Recherche zum Kern meiner Hausarbeit, also zum Einfluss der politischen Philoso­phie John Lockes auf die ‚Founding Fathers’, beziehe ich mich auf die Dissertation ‚Locke in America. The moral philosophy of the Founding Era.’ von Jerome Huyler. Darüber hinaus werde ich selbst versuchen einen Vergleich zwischen der Philosophie Lockes und den wichtigsten Dokumenten der ‚Founding Fathers‘, also der ‚Declaration of Independence‘ und der ‚Constitution‘, zu ziehen. Warum werde ich ausgerechnet diese beiden Dokumente zum Vergleich her­anziehen? Der erste Grund liegt auf der Hand: Da wir die Ideen bzw. Ideale der ‚Founding Fathers‘ von Amerika heute nur durch die von ihnen hinterlassenen, schriftlichen Dokumente nachvollziehen können, sind vor allem die von den ‚Founding Fathers‘ verfasste ‚Declaration of Independence‘ und die ‚Constitution‘ von großer Bedeutung. Des Weiteren sind die beiden Dokumente das einende Element zwischen den dreizehn einzel­nen Neu-England-Staaten und somit auch zwischen den ‚Founding Fathers‘ und daher ideen­geschichtlich von besonderer Bedeutung. Es wird also deutlich, dass sowohl die ‚Declaration of Inde­pendence’, als auch die ‚Constitution’ repräsentativ für die Ideale der ‚Founding Fathers’ stehen und somit prädestiniert sind, um nach Parallelen zur politischen Philosophie Lockes zu suchen.

Noch ein Hinweis vorab: Es ist nicht mein Anliegen im Rahmen dieser Hausarbeit darzule­gen, inwieweit die ‚Founding Fathers’ unmittelbar mit dem Werk von John Locke in Berüh­rung gekommen sind, d.h. ich will nicht behaupten, dass sein Werk direkt gelesen wurde, sondern lediglich einige Berührungspunkte seiner Philosophie und der wichtigsten Doku­mente der ‚Founding Fathers’ aufzeigen. Es geht also eher darum den ideengeschichtlichen Hintergrund der bedeutendsten schriftlichen Dokumente der ‚Founding Fathers’ auf Bezüge zu John Lockes politischer Philosophie hin zu prüfen.

2. Die politische Philosophie John Lockes

Die Philosophie John Lockes ist eine hierarchisch geordnete Serie verschiedener Lehren be­züglich unterschiedlichster Teilgebiete der Philosophie. Seine politische Philosophie ist daher immer vor dem Hintergrund zu betrachten, dass sie eng mit anderen Teilgebieten der Philoso­phie, wie z.B. der Ethik verwoben ist. Die moralischen Maximen, die Locke in Werken, wie z.B. ‚An Essay concerning Human Understanding’, aufgestellt hat, bedingen demnach auch seine politische Philosophie, die sich durch eben diese moralischen Prinzipien auszeichnet: persönliche Freiheit, religiöse Toleranz, Grundbesitz und die Gewährleistung des Schutzes dessen für Jeden.

Das wichtigste Werk seiner politischen Philosophie, die ‚Two treatises of government’, hat Locke als Anhänger von Lord Shaftesbury[2] geschrieben, um ursprünglich die Argumentation Sir Robert Filmers zu widerlegen, der die Monarchische Herrschaft anhand des Beispiels von Adam als gottgegeben und gottgewollt darstellte und somit zu verteidigen suchte. „Filmer’s natural law theory allowed absolute patriarchal sovereignty, originally given by God to Adam, to be passed down from Adam, generation after generation in linear succession, directly to James I. and, finally, to his son Charles Stuart, England’s sitting sovereign.“[3]

Im ersten Teil dieses Werkes, ‚The first treatise of government’, wird erklärt, weshalb eine Regierung, die das Produkt von Stärke und Gewalt ist, nur in Unordnung und Rebellion enden kann.

Im zweiten Teil, ‚The second treatise of government’, beschreibt Locke dementsprechend, wo der Ursprung politischer Macht wirklich liegt, und versucht „eine andere Möglichkeit [als die Erbfolge] ausfindig [zu] machen, ihre Träger zu bestimmen und zu erkennen.“[4]

Im Folgenden werde ich mich ausschließlich auf den einflussreicheren zweiten Teil von ‚Two treatises of government’, also auf ‚The second treatise of government’, beziehen und versu­chen die dort dargestellte Philosophie zu umreißen, um die im Rahmen dieser Philosophie festgelegten Grundsätze anschließend mit den Idealen der ‚Founding Fathers’ vergleichen zu können, und nachzuweisen, dass das Gedankengut John Lockes die ‚Founding Fathers’ nach­haltig beeinflusst hat.

Locke entwickelt zur Lösung der Frage, wie man geeignete Träger politischer Macht bestim­men könne, folgendes Gedankenmodell: Er unterteilt die Geschichte der Menschheit in einen Naturzustand und einen Zustand, in dem die Menschen sich zu Gesellschaften zusammenge­schlossen haben. Zuerst beschreibt er den Naturzustand, in dem Menschen sich – wie der Name schon andeutet – „von Natur aus befinden“[5]. Der Naturzustand zeichnet sich durch „voll­kommene Freiheit“[6] und den „Zustand der Gleichheit“[7] aus. Die Menschen sind – inner­halb der Grenzen des Gesetzes der Natur – vollkommen frei und unabhängig vom Willen an­derer und leben ohne Unterordnung und Unterwerfung einander gleichgestellt.[8] Diese Freiheit bzw. Unabhängigkeit wird, wie bereits erwähnt, durch das Gesetz der Natur ‚eingeschränkt‘. Diesem natürlichen Gesetz entspricht die Vernunft, die die Erhaltung der ganzen Menschheit verlangt. Anders formuliert: Die Freiheit eines Menschen hört dort auf, wo die eines Anderen beginnt, in dem Sinne, dass es niemandem erlaubt ist, einem Anderen in irgendeiner Form zu schaden.[9] Die Voraussetzung für die Einhaltung dieses natürlichen Gesetzes ist, dass der Mensch den ihm verliehenen Verstand auch nutzt. Nach Lockes Theorie ist Jeder insofern gleich, als dass zwar Jeder im Besitz des Verstandes ist, man jedoch davon ausgehen muss, dass der Verstand erst ab einem gewissen Alter vollständig genutzt werden kann. Damit hängt zusammen, dass alle Menschen das gleiche Recht auf natürliche Freiheit haben[10], welches aber erst einzufor­dern ist, wenn man durch ein gewisses Alter (und eine damit einhergehende Reife des Geis­tes)[11] dazu fähig ist, die Vernunft zu gebrauchen.[12] Das Gesetz der Vernunft ist also weniger eine Einschränkung, „als vielmehr die Leitung eines frei und einsichtig Handelnden in seinem eigenen Interesse“.[13] Locke leitet daraus ab, dass ein Gesetz die Freiheit folglich nicht ein­schränkt, sondern gewährleistet und es daher auch in politischer Hinsicht unabdingbar ist, Gesetze zu schaffen, um die Freiheit jedes Einzelnen zu erhalten.[14] Solange die Menschen jedoch im Naturzustand leben ist das einzige Gesetz, dem sie unterstehen, das natürliche Ge­setz und um die Einhaltung dieses natürlichen Gesetzes zu gewährleisten, ist im Naturzustand Jeder dazu berechtigt es auch angemessen zu vollstrecken. „Denn das Gesetz der Natur wäre, wie alle anderen Gesetze, die den Menschen auf dieser Welt betreffen, nichtig, wenn im Na­turzustand niemand die Macht hätte dieses Gesetz zu vollstrecken.“[15] Dies ist also im Naturzu­stand die einzige Möglichkeit, wie ein Mensch – wenn auch nur eingeschränkt[16] – Macht über einen anderen Menschen erlangen kann.[17] Die Ausübung von Macht über einen anderen Menschen in Form von Bestrafung dient also letztendlich (nachträglich) der Wieder­gutmachung und (vorbeugend) der Abschreckung eine ähnliche Tat zu begehen. Das Recht der Bestrafung zur Abschreckung gilt für alle Menschen gemeinsam, während das Recht auf Wiedergutmachung nur dem geschädigten Teil zugestanden wird. Politische Gewalt ist analog das Recht Gesetze zu schaffen bzw. die Gewalt der Gemeinschaft zu gebrauchen, die zum Vollzug der Gesetze notwendig ist, um das Eigentum erhalten zu können und den Staat gegen fremdes Unrecht zu schützen.[18]

Dem Naturzustand stellt Locke den Kriegszustand gegenüber:

„Der Kriegszustand ist ein Zustand der Feindschaft und Vernichtung. Wer des­halb durch Wort oder Tat einen nicht in Leidenschaft und Übereilung gefassten, sondern in ruhiger Überlegung geplanten Anschlag auf das Leben eines anderen kundgibt, versetzt sich dem gegenüber, gegen den er eine solche Absicht erklärt hat, in den Kriegszustand.“[19]

Damit gefährdet der Angreifer aber nicht nur das Leben des ‚Opfers’, sondern auch sein eige­nes, da man dem ‚Opfer’ das natürliche Recht einräumt, sich zu wehren, denn „[es] ist ver­nünftig und gerecht, daß ich ein Recht habe, etwas zu vernichten, was mir mit Vernichtung droht.“[20] Daraus folgt, dass jede Form von ‚absoluter Gewalt’ – gleichgültig, welchen Zweck sie verfolgt – den Kriegszustand mit sich bringt, da durch die sich ergebende Rangordnung die Möglichkeit eintritt, dass derjenige, der die absolute Gewalt inne hat, dem Untergeordne­ten das Leben nimmt. Nur die Freiheit scheint das Leben daher sicher schützen zu können.

Der Unterschied zwischen Naturund Kriegszustand wird im Folgenden noch einmal deut­lich:

„Menschen, die nach der Vernunft zusammenleben, ohne auf Erden einen ge­meinsamen Oberherrn mit der Macht, zwischen ihnen zu richten, über sich haben, befinden sich im eigentlichen Naturzustand. Gewalt aber, oder die erklärte Ab­sicht, gegen die Person eines anderen Gewalt anzuwenden, bedeutet, wo es auf Erden keinen gemeinsamen Oberherrn gibt, den man um Hilfe anrufen könnte, den Kriegszustand.“[21]

Um das Eintreten des Kriegszustandes durch unrechtmäßige Gewalt gegen die Person eines Anderen zu vermeiden, haben sich die Menschen schließlich entschieden, sich zu Gesell­schaften zusammenzuschließen und den Naturzustand somit zu verlassen.[22]

Mit der Entscheidung, sich zu einer Gesellschaft zu vereinen, ist verbunden, dass die natürli­che Freiheit insofern eingeschränkt wird, als dass der Mensch nicht mehr nur unter dem Ge­setz der Natur, sondern auch unter einem feststehenden und für jeden Bürger geltenden Gesetz, das von einer durch die Bürger bestimmten Legislative erlassen wird, leben muss.[23] Die Legisla­tive wird dadurch beschränkt, dass ihr das natürliche Recht der Bürger, das Gesetz der Natur zu vollstrecken, von den Bürgern überantwortet wurde und die Gewalt der Legislative daher nicht größer sein kann, als die der Bürger, bevor sie ihre Gewalt der Legislative übertragen haben.

Ein weiterer Grund für den Zusammenschluss von Menschen ist das Eigentum. Der Aus­gangspunkt für Lockes Argumentation ist, dass „Gott, wie König David in Psalm 115, 16 sagt, die Erde den Menschenkindern gegeben hat, und daß er sie den Menschen gemeinsam gegeben hat“[24], damit sie sie zur Annehmlichkeit ihres Lebens nutzen mögen. Nun stellt sich die Frage, wie dann überhaupt jemand Eigentum an einzelnen Teilen dessen, was Gott allen Menschen gemeinsam gegeben hat, besitzen kann. Locke beantwortet dies folgendermaßen: Gott hat allen Menschen die Erde gemeinsam zu ihrem Nutzen gegeben, jedoch hat jeder Mensch Eigentum an seiner eigenen Person und somit auch an der Arbeit seines Körpers. „Was immer er also dem Zustand entrückt, den die Natur vorgesehen und in dem sie es belas­sen hat, hat er mit seiner Arbeit gemischt und ihm etwas eigenes hinzugefügt. Er hat es somit zu seinem Eigentum gemacht.“[25] Ein Mensch kann sich jedoch nur so viel zum Eigentum machen, wie er auch selbst genießen kann und so wird der Erwerb von Eigentum auf natürli­che Weise begrenzt.[26] Denn es liegt auf der Hand, dass es nur Sinn macht, so viel sein Eigentum zu nennen, wie man auch gebrauchen kann, bevor es verdirbt. Durch die Erfindung des beständigen Geldes, welchem ein gewisser Wert beigemessen wurde und welches daher z.B. gegen verderbliche Lebensmittel einge­tauscht werden konnte, wurde die natürliche, von Gott gegebene Begrenzung des Eigentums aufgehoben und es ermöglicht, dass man mehr Eigentum anhäufte, als man zum Leben brauchte.[27] Dies brachte natürlich Streitigkeiten mit sich, die es bedurften durch feststehende Gesetze geregelt zu werden. Daher ist das Eigentum ebenfalls ein Grund für den Zusammen­schluss der Menschen zu Gemeinschaften: Die Zielsetzung bei der Gründung von Gemein­schaften – damit einhergehend das Einsetzen von Gesetzen und Richtern, die nach dem Ge­setz entscheiden, (Legislative) und Menschen, die das Gesetz vollziehen (Exekutive) – ist die Erhaltung des Eigentums.[28] Es kann also nur dort politische Gewalt geben, wo die Menschen über privates Eigentum verfügen.[29]

Das Eigentum ist des Weiteren beim Erbe für den Anschluss an eine politische Gemeinschaft ausschlaggebend. Die Erben sind frei in ihrer Entscheidung, welcher Gesellschaft sie sich anschließen wollen. Möchten sie die Erbschaft aber antreten, so sind sie an die Bedingun­gen gebunden, die mit dem zu vererbenden Besitz verbunden sind. „[Beim Anritt des Erbes handelt es] sich folglich um […] eine freiwillige Unterwerfung.“[30]

Locke beschreibt zwei Formen menschlicher Zusammenschlüsse zu größeren Ordnungen: Die politische und die bürgerliche Gesellschaft. Eine politische Gesellschaft kommt zustande, sobald die potentiellen Mitglieder der Gesellschaft ihre natürliche Gewalt auf die Ge­meinschaft übertragen, um dieser die Möglichkeit zu geben „das Eigentum zu schützen und zu diesem Zweck die Übertretungen aller, die dieser Gesellschaft angehören, zu bestrafen“.[31] Eine bürgerliche Gesellschaft ist ein Körper, der alle Menschen, die ihm angehören, vereint, und hat eine allgemeine, feststehende Gesetzgebung und ein Gerichtswesen, das jeder konsul­tieren kann.[32] Alle Menschen, denen keine solche Berufungsinstanz zur Verfügung steht, le­ben dementsprechend im Naturzustand. Der Zusammenschluss zu einem Körper bringt die Notwendigkeit mit sich, dass die Mehrheit das Recht hat zu handeln und die Minderheit sich anpassen muss.[33] Dies entspricht dem noch heute gängigen demokratischen Mehrheitsprinzip.

Wie bereits erwähnt hat der Staat verschiedene Aufgabenbereiche, um den Schutz der Rechte seiner Bürger zu gewährleisten: Die Aufgaben des Staates gliedern sich demnach zunächst in Legislative, also die Gesetzgebung, und Exekutive, die Ausführung der Gesetze. Um eine gerechte und unparteiische Ausführung beider Aufgaben zu gewährleisten, ist es notwendig die Legislative von einer anderen Instanz ausführen zu lassen, als die Exekutive[34] – dies ist das noch heute weit verbreitete, für Lockes Zeit jedoch revolutionäre Prinzip der „Gewalten­teilung“[35]. Die Notwendigkeit der Aufteilung von Macht war natürlich auch ein entscheidendes Argument gegen eine absolute Monarchie im Sinne Filmers. Wichtig für die Legislative ist des Weiteren, dass sie Mehreren gleichzeitig übertragen wird, wie z.B. in einem Parlament oder Senat, und dass Jeder – also auch die Körperschaft der Legislative selbst – dem Gesetz untersteht.[36] Die Erhaltung der Gesellschaft (= das natürliche Gesetz) ist bei der Begründung der Legislative, die die höchste Gewalt im Staat bildet, das vorrangige Bestreben.[37] Die Legisla­tive darf nur in den Händen derer liegen, die durch die Mehrheit dazu bestimmt wur­den, sie auszuführen. Nur auf diese Weise erhält das Gesetz die Zustimmung der Gesell­schaft.[38] Das beinhaltet bereits, dass das Volk nur solchen Gesetzen gegenüber verpflichtet sein kann, die von denjenigen verabschiedet wurden, die das Volk selbst dazu ermächtigt hat, ihm Gesetze zu geben.[39] Das wiederum impliziert, dass das Volk die Legislative abrufen oder ändern kann, wenn diese dem in sie gesetzten Vertrauen und den Interessen des Volkes zuwi­derhandelt. Dieses Recht zeigt, dass die Mehrheit der Gemeinschaft noch über der höchsten Gewalt im Staat steht.[40] Die Legislative tritt nur zusammen, um Gesetze zu beschließen und zu verabschieden, während die Exekutive dauerhaft implementiert ist, um die feststehenden Gesetze auch zu vollstrecken.[41] Auch dieser Unterschied ist für Locke ein Grund die beiden Gewalten zu trennen. Neben der Legislative und der Exekutive gibt es nach Locke noch eine weitere Form der Gewalt, die dadurch begründet ist, dass sich jede Gemeinschaft, als ein gro­ßer Körper, anderen Gemeinschaftskörpern gegenüber im Naturzustand befindet: Die födera­tive Gewalt. Sie bestimmt über Krieg und Frieden und über Verträge mit anderen Staaten.[42]

In Sonderfällen gibt es noch die Prärogative, die dann greift, wenn – in Zeiten von unvorher­sehbaren Ereignissen – für das Wohl der Gemeinschaft gesorgt werden muss und daher nicht nach festgelegten und unabänderlichen Gesetzen gehandelt werden kann.[43] In solchen Fällen entscheidet also ausnahmsweise die Exekutive, der Vernunft entsprechend, ohne nach den Gesetzen der Legislative zu handeln, da diese Gesetze in Sonderfällen das Wohl des Volkes gefährden könnten.[44]

Die Einrichtung einer Regierung fordert, dass diejenigen, die den Nutzen aus der Regierung ziehen (die Bürger, deren Eigentum geschützt wird), auch einen angemessenen Teil der Kos­ten zur Unterhaltung einer Regierung tragen. Anders formuliert erklärt Locke es für rechtmä­ßig, dass die Mitglieder einer Gesellschaft Steuern zahlen, jedoch mit der Einschränkung, dass es freiwillig geschehen müsse.[45]

Nachdem nun alle Vorzüge einer Regierung aufgezählt wurden, bleibt die Frage, was dann überhaupt dazu führen kann, dass es Revolutionen bzw. Auflehnungen gegen eine bestehende Regierung gibt.

Locke beantwortet dies folgendermaßen:

„Wenn […] eine lange Folge von Mißbräuchen, Unredlichkeiten und Ränken, die alle in dieselbe Richtung tendieren, dem Volke die Absicht vor Augen führt, wenn es fühlen muß, wem es unterworfen ist, und erkennen muß, wohin das letztlich führt, dann ist es auch nicht verwunderlich, daß es sich erhebt und ver­sucht, die Regierung in solche Hände zu legen, die ihm eine Bürgerschaft für jene Zwecke bieten, für welche die Regierung zuerst begründet wurde, und ohne wel­che alte Begriffe und äußere Formen keineswegs besser sind als der Naturzustand oder die reine Anarchie, daß sie im Gegenteil sogar weit schlimmer sind.“[46]

„Wenn die Gewalt auf Grund von Übergriffen derer, die im Besitz der Autorität sind, verwirkt ist, so fällt sie mit der Verwirkung durch die Regierenden […] an die Gesellschaft zurück, und das Volk hat das Recht, als höchste Gewalt zu han­deln und die Legislative von nun an selbst auszuüben; oder aber eine neue Form der Regierung zu errichten, bzw. die Regierung unter der alten Form in neue Hände zu legen, wie es ihm gut scheint.“[47]

3. Die politische Situation in Amerika zur Zeit der ‚Founding Fathers’

3.1 Unabhängigkeitsbewegung

Während des britisch-französischen Kolonialkrieges (1754/55-1763) wurden die Interessen Großbritanniens auch von den dreizehn Kolonien in Nordamerika verteidigt. Nach Beendi­gung dieses Krieges im Jahre 1763, kam es in den Kolonien immer wieder zu enormen Steu­ererhöhungen bzw. immer wieder zur Besteuerung neuer Güter[48], um die Kosten des Kolo-nialkrieges wenigstens teilweise zu decken. Aufgrund dieser ‚Doppelbelastung‘[49] fühlten sich die Siedler der Neu-England-Staaten ungerecht behandelt und ausgebeutet. Weiterer Unmut erwuchs aus der Tatsache, dass die Kolonien gezwungen wurden, Steuern zu zahlen ohne im Parlament in London repräsentiert zu werden. Daher kommt auch der Schlachtruf „no taxa-tion without representation“[50]. Die Boston Tea Party am 16. Dezember 1773 ist eine der ersten und bekanntesten Wider­standsreaktionen der Kolonien gegenüber Großbritannien: Um gegen die Besteuerung von Tee zu protestieren, versenkten die Kolonisten die Teeladungen dreier Handelsschiffe.[51]

[...]


[1] Declaration of Independence

[2] vgl. Huyler, S. 43.

[3] Ebd.

[4] Locke, S. 201.

[5] Locke, S. 201.

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] vgl. Locke, S. 201f.

[9] vgl. Locke, S. 203.

[10] vgl. Locke, S. 233.

[11] Bis zu diesem Alter ist das Kind nur durch den Verstand der Eltern frei, der es leitet, bis es selbst reif genug ist, seinen

eigenen Verstand zu gebrauchen. (vgl. Locke, S. 237)

[12] vgl. Locke, S. 234.

[13] Ebd.

[14] vgl. Ebd.

[15] Locke, S. 204.

[16] Man darf nämlich eine Straftat nur insofern vergelten, als dass es einem der Verstand und das Gewissen gebieten und es in

einem ausgewogenen Verhältnis zur Tat steht. (vgl. Ebd.)

[17] vgl. Locke, S. 204.

[18] vgl. Locke, S. 201.

[19] Locke, S. 209.

[20] Ebd.

[21] Locke, S. 211.

[22] vgl. Locke, S. 212f.

[23] vgl. Locke, S. 213f.

[24] Locke, S. 215.

[25] Locke, S. 217.

[26] Zumindest bis der Mensch das Geld erfunden hat.

[27] vgl. Locke, S. 229.

[28] vgl. Locke, S. 279.

[29] vgl. Locke, S. 311.

[30] Locke, S. 244.

[31] vgl. Locke, S. 253.

[32] vgl. Ebd.

[33] vgl. Locke, S. 260.

[34] vgl. Locke, S. 255f & vgl. Locke, S. 291.

[35] Locke, S. 267.

[36] vgl. Locke, S. 291.

[37] vgl. Locke S. 283.

[38] vgl. Ebd.

[39] vgl. Locke, S. 290.

[40] vgl. Locke, S. 294.

[41] vgl. Locke, S. 292.

[42] vgl. Ebd.

[43] vgl. Locke, S. 300.

[44] vgl. Locke, S. 302.

[45] vgl. Locke, S. 289.

[46] Locke, S. 341.

[47] Locke, S. 354.

[48] 1764: Sugar Act / 1765: Stamp Act / 1767: Townshend Revenue Acts / 1773: Tea Act / 1774: Coercive Acts

[49] Kriegsdienst und Steuerbelastungen

[50] „no taxation without representation“ (Kinder; Hilgemann, S. 291) = keine Besteuerung ohne Repräsentation im Parlament

[51] vgl. Kinder; Hilgemann, S. 291.

Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656075219
ISBN (Buch)
9783656075615
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v183281
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
Schlagworte
einfluss philosophie john lockes founding fathers

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Titel: Der Einfluss der politischen Philosophie John Lockes auf die amerikanischen "Founding Fathers"