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Quellenkritik Konstantinische bzw. Pippinische Schenkung

Essay 2010 5 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Quellenkritik

zur Konstantinischen und Pippinischen Schenkung

Die Kirche hat sich lange auf die Konstantinische Schenkung berufen, während deren Authentizität schon bereits seit dem 15. Jahrhundert durch einige Humanisten (z.B. N. Cusanus, L. Valla und U. v. Hutten[1] ) in Frage gestellt wurde.

Die „Konstantinische Schenkung“[2] ist eine Schenkungsurkunde, die in Briefform an Papst Silvester gerichtet ist. Sie wird als Schreiben des Kaisers Konstantin I. ausgegeben, mittels dessen er bei seinem Aufbruch Richtung Byzanz den gesamten westlichen Teil des Imperium Romanum an Papst Silvester übereignet haben soll. Des Weiteren wird Papst Silvester in der „Konstantinischen Schenkung“ der gleiche Rang zugesprochen, wie ihn ein Kaiser Roms hat. Das geistliche Haupt wird also dem weltlichen gleich- und gar über diese gestellt. So steht in der Konstantinischen Schenkung in etwa, dass der Verfasser, also vermeintlich Konstantin I., sich dem Papst als „unserem Vater Silvester“ unterstellt[3].

Da es sich um eine Form von Urkunde handelt, also um „ein in bestimmten Formen abgefasstes, beglaubigtes und daher verbindliches Schriftstück“ handelt, welches ein Rechtsgeschäft dokumentiert[4], kann man von der Quelle eigentlich erwarten, dass sie authentisch ist, jedoch lohnt sich auch bei solchen Quellen eine kritische Hinterfragung, wie später noch zu sehen ist. Im Allgemeinen beschreibt eine Urkunde „jede in Schriftzeichen verkörperte Gedankenerklärung, die eine rechtserhebliche Tatsache beweisen kann“.[5]

Konstantin I. richtet sich im Schriftstück nicht nur an Silvester selbst, sondern spricht darüber hinaus auch alle Nachfolger des Papstes „bis ans Ende der Zeiten“ und alle Bischöfe der katholischen Kirche „im gesamten Erdkreis“ an. Es wird also offensichtlich, dass die Schenkung sich an die katholische Kirche in ihrer Gesamtheit richtet und der Papst in Rom, als direkter Nachfolger von Petrus und Paulus eine zentrale Stellung einnimmt.

Der Aufbau der Konstantinischen Schenkung ist zweigeteilt:

Sie besteht zum einen aus dem Glaubensbekenntnis („Confessio“) und zum anderen aus der Schenkung („Donatio“)[6].

Der erste Teil kann wiederum unterteilt werden in die so genannte „Silvesterlegende“[7] und das daraus abgeleitete Glaubensbekenntnis[8]. Die Silvesterlegende besagt, dass Konstantin I. Lepra gehabt habe, schließlich jedoch auf wundersame Art geheilt worden, und durch Papst Silvester bekehrt und getauft worden sei[9]. Ein erstes Problem ergibt sich hier, da Konstantin nach heutigem Forschungsstand erst auf dem Sterbebett getauft worden sein soll, durch Eusebius von Nikomedia[10]. Des Weiteren schreibt er „um unserer Taufe und der leiblichen Heilung willen […]“, was ebenfalls widersprüchlich zu seiner späten Taufe ist.

Aus Dankbarkeit soll Konstantin I. die Schenkung getätigt haben, welche im zweiten Teil der Konstantinischen Schenkung festgehalten ist.

Im Rahmen der eigentlichen Schenkung (Donatio) macht Konstantin I. Papst Silvester und dessen Nachfolgern einige Zugeständnisse, wie z.B. die Schenkung von Ländereien und die Gleichstellung bzw. Überordnung zum (Ost-)römischen Kaiser.

Die Entstehungszeit der Schenkungsurkunde ist ungeklärt, aber einiges spricht dafür, dass es sich um eine später entstandene Fälschung handelt. So bezieht sich der Text etwa auf den so genannten Actus Silvestri, der wohl erst im 5. Jahrhundert aufgeschrieben wurde.

Für eine Fälschung spricht ebenfalls, dass der Verfasser des Textes einige Aussagen getroffen hat, die beweisen, dass Konstantin I. diesen Text nicht verfasst haben kann. So zum Beispiel will Konstantin I. als angeblicher Verfasser, den Stratordienst leisten. Der Strator war ursprünglich ein Knecht, der für die Pferde zuständig war. Im frühen Mittelalter entwickelte sich daraus der Stratordienst. D.h. der Kaiser führt nach Art eines Knechts, aus Ehrerbietung, das Pferd des Papstes am Zügel. Das war ein Knechtsdienst, der symbolisch für die lehensrechtliche Abhängigkeit des Königs war[11]. Dieser Stratordienst, hat seine rituelle Bedeutung also erst weit nach dem Tod Konstantins I. erhalten. Das erste Mal wurde der Stratordienst seitens Papst Stephan II von König Pippin (754) verlangt[12]. Daraus könnte man ableiten, dass die rituelle Bedeutung des Stratordienstes und somit auch die „Konstantinische Verfassung“ erst nach 754 entstanden sein können.

Ein weiterer Punkt, der gegen die Authentizität des Textes spricht, ist die Konstantinopel widersprechende Reihenfolge der „praecipuae sedes“[13].

Es gilt heute als erwiesen, dass Konstantin I. nicht der wahre Verfasser der Schenkungsurkunde ist. Wer die Fälschung wann und wo genau angefertigt hat, ist unklar[14]. Es ist lediglich möglich den Entstehungszeitraum, wie schon bereits erwähnt, einzugrenzen.

Über die Absicht des Werkes liegen verschiedene Vermutungen vor, von denen sich aber keine eindeutig beweisen lässt. Eine Absicht des Werkes könnte gewesen sein, dass man damit versucht hat, die kaiserliche Bevormundung in der Kirche zu beenden[15]. Eine andere Vermutung besagt, dass es sich um eine „diplomatische Fälschung“ handelt, d.h. sie verfolgt den Zweck eine Rechtsübertragung „vorzuspielen“ und einen Beleg für die Rechtmäßigkeit des Besitzanspruches auf die von Aistulf eroberten Ländereien zu liefern, etwa um die Pippin davon zu überzeugen, wie wichtig eine Rückeroberung der Ländereien für den Papst sei. Für beide der vorher genannten Thesen spricht die Form des Schriftstückes. Da es sich nachweislich um eine später angefertigte Fälschung handelt, liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei der „Konstantinischen Schenkung“ um eine nachträglich konstruierte Legitimationsgrundlage für den „Herrschaftsanspruch“ des Papstes i.S.v. Herrschaftsmacht und Herrschaftsgebiet, handelt. Ein weiteres Argument für diese Sicht wäre, dass eine weltliche Macht des Papsttums bis zur Herrschaft Gregor I. eigentlich unvorstellbar war[16].

Man kann davon ausgehen, dass die Konstantinische Schenkung in etwa zu der Zeit gefälscht wurde, als auch die Pippinische Schenkung stattfand. Um ggf. einen Zusammenhang herzustellen, wird der geschichtliche Kontext der Pippinischen Schenkung im Folgenden erläutert:

Als Stephan II. am 26. März 752 zum neuen Papst bestimmt wurde, wurde Rom wiederholt von den Langobarden unter Aistulf bedroht, der kurz zuvor schon Ravenna erobert hatte. Nachdem ein Hilfegesuch an Konstantin V. vergeblich war[17], wandte sich Stephan II. von Byzanz ab und erbat bei einem Treffen auf fränkischem Gebiet die Hilfe und den Schutz der Franken unter König Pippin. Der sich anbahnende päpstlich-fränkische Bund wurde bereits 751 von Erzbischof Bonifatius begünstigt, da dieser als päpstlicher Gesandter den von den Franken bestimmten König Pippin als ersten fränkischen König mit heiligem Öl salbte. Pippin erhält seine Legitimation als König folglich nicht durch das Geblütsrecht, sondern wird als König gesalbt, d.h. ist der Gnade Gottes wegen König. Am 6. Januar 754 trafen Pippin und Stephan II. in Ponthion aufeinander[18]. Nach Verhandlungen, die sich ca. 3 Monate hinzogen, verpflichteten sich Pippin und seine Söhne zur Sicherung Roms und zur Rückeroberung und Rückgabe der von Aistulf eroberten Gebiet und bestätigten diese als Eigentum des Heiligen Petrus in einem Vertrag, der als die Pippinische Schenkung bekannt geworden ist[19]. Diese Schenkung wird in Anlehnung an die Konstantinische Schenkung Pippinische Schenkung genannt. Möglicherweise diente Stephan II. die Konstantinische Schenkung als Argument dafür, dass das von Aistulf eroberte Land rechtmäßig dem Nachfolger von Petrus, also dem Papst und der katholischen Kirche gehöre. Pippin startete eine fränkische Offensive gegen die Langobarten unter Aistulf, welcher sich erst 756 endgültig unterwarf und die von ihm eroberten Gebiete an Pippin abtrat. Dieser übergab sie seinerseits dem „Nachfolger Petrus“, sodass im Jahr 756 der Kirchenstaates um Rom und Ravenna geboren wurde[20].

[...]


[1] Ritter, A. M.; Lohse, M.; Leppin, V. (Hg.), S. 40.

[2] „Constitutum Constantini“

[3] vgl. ebd.

[4] Goetz, S. 139.

[5] Duden, S. 720.

[6] vgl. Ritter, A. M.; Lohse, M.; Leppin, V. (Hg.), S. 40.

[7] Fuhrmann, Horst, S. 25.

[8] vgl. ebd.

[9] vgl. ebd.

[10] vgl. Eusebius von Nikomedien In: BBKL

[11] vgl. Fuhrmann, Horst, S. 26.

[12] vgl. Ritter, A. M.; Lohse, M.; Leppin, V. (Hg.), S. 47.

[13] vgl. ebd.

[14] vgl. Fuhrmann, Horst, S. 25.

[15] vgl. Fried, S. 365.

[16] vgl. dtv-Atlas Weltgeschichte, S. 140.

[17] Zerwürfnis mit Ostrom wg. Bilderstreit (vgl. dtv-atlas Weltgeschichte)

[18] vgl. Ritter, A. M.; Lohse, M.; Leppin, V. (Hg.), S. 38.

[19] vgl. Ritter, A. M.; Lohse, M.; Leppin, V. (Hg.), S. 38.

[20] vgl. heutiger Vatikanstaat

Details

Seiten
5
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656075226
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v183280
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Katholische Theologie
Schlagworte
quellenkritik konstantinische pippinische schenkung

Autor

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Titel: Quellenkritik Konstantinische bzw.  Pippinische Schenkung