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Die literarischen Leistungen E.T.A. Hoffmanns als Grundstein für den Beginn ernstzunehmender Musikkritik

Ausarbeitung zu Übergang und Etablierung Hoffmanns vom Musiker und Schriftsteller zum Musikkritiker

von Antonia Krihl (Autor)

Seminararbeit 2011 19 Seiten

Musik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung - E.T.A. Hoffmann, Johannes Kreisler und die Musik

2. Biographisches

3. Die Einordnung Hoffmanns verschiedener „Persönlichkeiten“ in den Kontext der Verwandlung - vom Juristen über den Musiker bis zum Schriftsteller
3.1 Der Jurist
3.2 Der Musiker/Komponist
3.2.1 „Johannes Kreislers, des Kapellmeisters, musikalische Leiden“
3.3 Der Dichter/Schriftsteller
3.3.1 Parallelen von Johannes Kreisler zu E.T.A. Hoffmann - „Alter Ego“ oder die „Geburt“ eines Doppelgängers? …

4. Äußere Einflüsse: Klassik vs. Romantik vs. Realismus

5. Verbindung zur und Begründung der Musikkritik

6. Schlussbetrachtung - Fluch und Segen

7. Bibliographie

1. Einleitung - E.T.A. Hoffmann, Johannes Kreisler und die Musik

„Multitalent“, „Universalgenie“ oder vielleicht sogar „Alleskönner“ - auf E.T.A. Hoffmann treffen viele, wenn nicht gar die meisten dieser Attribute zu. In vielen Disziplinen bewandert und interessiert, war er ein ganz besonderer Künstler, der viel erreichen wollte und trotzdem oft genug an den äußeren Umständen seines Lebens scheiterte. Ob er einfach zu viel erreichen wollte oder sich aufgrund seiner vielfältigen Interessen selbst im Weg stand, lässt sich aus heutiger Sicht schwer beurteilen. Fest steht, dass bei ihm, ebenso wie bei anderen genialen Künstlern - siehe Ludwig van Beethoven oder Vincent van Gogh - Genie und Wahnsinn sehr nahe beieinander lagen. Brilliante Schaffensphasen wurden abgelöst von schweren seelischen Leiden und umgekehrt. Dass aus solch einer zweifelhaften und vor allem wankelmütigen Konstellation an Gemütszuständen und Gefühlswirren trotzdem auch Gutes erwachsen kann, sieht man im Falle E.T.A. Hoffmanns. Seine vielfältigen künstlerischen Hinterlassenschaften prägen auch heute noch die deutsche und internationale Literatur- und Musiklandschaft.

Hoffmann war jedoch außer einem Künstler in gewisser Art und Weise auch ein Gefangener der Gesellschaft, in der er lebte. Ähnlich wie Franz Kafka rund 100 Jahre später, fühlte er sich abgestoßen und eingeengt von einem Leben, gebunden an geregelte Konventionen und so kalt und rational im Gegensatz zu den Höhenflügen seines romantisch geprägten Geistes. Und ganz ähnlich wie Kafka war auch Hoffmann von Selbstzweifeln geplagt, geprägt durch ein nur schwach vorhandenes Maß an Selbstbewusstsein. Beide sahen sich außerstande, die von ihnen als teilweise sehr negativ wahrgenommene Außenwelt zu ändern und suchten Zuflucht in den schönen Künsten. Allerdings versuchte Hoffmann im Gegensatz zu Kafka, sein Künstlerdasein auch zum Hauptberuf zu machen.

In der vorliegenden Arbeit zu Hoffmann und seinem Schaffen soll es darum gehen, zu versuchen, den Übergang vom Musiker zum Schriftsteller bzw. Musikkritiker zu dokumentieren und die möglichen persönlichen Beweggründe Hoffmanns und auch äußere Einflüsse für diese Entwicklung zu beleuchten. Dabei werden vor allem Ausarbeitungen von Rolf Warnecke, Hans- Georg Werner, Achim Schiff, Michael Walter, Björn Fischer und Eberhard Roters herangezogen. Nach Aussage von Letzterem geht die moderne ernsthafte Musikkritik auf E.T.A. Hoffmann zurück:

„ Hoffmanns Rezensionen sind kleine Meisterwerke der musikalischen Analyse; er ist der Begr ü nder der ernstzunehmenden Musikkritik in Deutschland. “ 1. Nachfolgend soll ausgeführt werden, welche Belege es in der Musik- und Literaturwissenschaft dafür gibt, Hoffmann als solchen zu betrachten und wo in seiner persönlichen Entwicklung bereits wichtige Anhaltspunkte für diese These gefunden werden können.

2. Biographisches

Am 24.01.1776 als Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann als Sohn einer Juristenfamilie geboren, wuchs er nach der Trennung seiner Eltern im Jahre 1778 im Hause seiner Großeltern mütterlicherseits auf. Sein ältester Bruder blieb beim Vater, der sich schnell einen Ruf als Trunkenbold erworben hatte, der zweitälteste Sohn hingegen - Ernst Theodor war das jüngste Kind der Familie - war bereits sehr früh verstorben. Die ungewöhnliche Lebenssituation mit der Großmutter, einer unverheirateten Tante, einem unverheirateten und hypochondrischen Onkel und seiner stets kränkelnden, unselbstständigen und zur Hysterie neigenden Mutter trug nicht gerade zur positiven und stärkenden Entwicklung des Jungen bei. Hoffmann selbst sieht die Gründe in seinem lebenslang sehr schwach ausgeprägten Selbstbewusstsein, seiner oftmals mangelnden Antriebs- bzw. Durchsetzungskraft und der daraufhin entstehenden Orientierungslosigkeit im „ Fehlen elterlicher Identifikationsfiguren “ 2, wie er bereits 27-jährig an seinen engen Freund Theodor Gottlieb von Hippel schreibt3.

Zwei Ereignisse oder vielmehr Begegnungen sind es, die das weitere Leben Hoffmanns nachhaltig prägen sollten: Zum einen traf er im großelterlichen Haus auf Zacharias Werner4, späterer katholischer Priester, Dichter und berühmter Dramatiker. Auch dieser wuchs nach dem Tod des Vaters ab seinem 14. Lebensjahr nur unter mütterlicher Obhut auf. Die Erziehung der Mutter war bereits sehr früh geprägt durch strenge Religiosität, teilweise abgleitend in Wahnvorstellungen. Nach diesen sah sich Werners Mutter als Lebensspenderin eines neuen Heilands, als Jungfrau Maria, die einen neuen Christus geboren hatte5. Emil Sulger-Gebing weist jedoch in der Allgemeinen Deutschen Biographie darauf hin, dass diese religiösen Wahnvorstellungen der Mutter durch Hoffmanns Überlieferungen fälschlicherweise in die frühesten Kindertage von Zacharias Werner transportiert worden wären6 - möglicherweise geschah diese Änderung der Tatsachen, sollte es tatsächlich eine falsche Angabe gewesen sein, von Hoffmanns Seite aus schon damals zu dem Zweck, eine gute Geschichte zu erschaffen.

Rolf Warnecke setzt in seiner Hoffmann-Biographie diesen unmittelbar miterlebten Wahnsinn der Frau Werner durch den kleinen Hoffmann als Ausgangspunkt für dessen erwachende, überbordende Phantasie und später wiederholt auftauchende Motive seiner Werke7.

Zum anderen lernte Hoffmann im Jahre 1786 auf der Burgschule in Königsberg seinen späteren wohl engsten Freund, Theodor Gottlieb von Hippel, kennen. Hippel war einer der wenigen Menschen in Hoffmanns Umgebung, von denen sich dieser vollkommen verstanden und akzeptiert fühlte. Die Freundschaft zwischen dem lebhaften, wankelmütigen und gefühlsbetonten Künstler und dem bodenständigen, besonnenen und geduldigen Rechtsgelehrten sollte ein Leben lang andauern, auch wenn Hippel in den späteren Lebensabschnitten der beiden immer weniger Verständnis für die Ausbrüche und Vorstellungen Hoffmanns aufbringen konnte8. Trotz dieser späteren Entfremdung blieb diese Verbindung für Hoffmann lange Zeit ein wichtiger Rückzugsort, eine Art sicherer Hafen vor den Bedrohungen der kalten Außenwelt, in dem er sich verstanden und stets gut aufgehoben fühlen konnte. Hans-Georg Werner beschreibt den „ schw ä rmerische[n] Charakter dieser Freundschaftsbeziehung “ 9 als „ in hohem Ma ß e mitbestimmend f ü r die Lebensauffassung des jungen Hoffmann. “ 10. Ebenfalls meint Werner, dass Hoffmanns Verhältnis zu Hippel auch maßgeblich war im Hinblick auf die Art und Weise, wie dieser daraufhin die Beziehungsgeflechte seiner Mitmenschen beurteilte - meist waren diese Einschätzungen eher negativer Art. Denn für Hoffmann war nicht nur die Gesellschaft, in der er sich selbst als Gefangener sah und sein Dasein fristen musste, kalt und starr, auch die in ihr lebenden Wesen kamen ihm in ihrem Miteinander „ tot “ 11 und „ maschinenm äß ig “ 12 vor. Er selbst wagte den „Ausbruch“ zwar auch nur einmal13, war dann aber auch viel zu gefangen in bürgerlichen Denkmustern und musste recht schnell wieder erkennen, dass z.B. seine Anstellung als Jurist natürlich maßgeblich dazu beitrug, seinen eigenen Lebensunterhalt zu sichern. Vermutlich aber erfüllte es den romantischen Schöngeist Hoffmanns trotzdem mit Resignation und Frustration, beobachten zu müssen, dass sich offenbar die meisten Menschen mit dem Lebensweg, der ihnen durch Familie und Stellung innerhalb des Gesellschaftsgefüges vorgezeichnet worden war, stillschweigend abgefunden hatten und versuchten, sicherlich auch teilweise sehr unzufrieden mit diesem Weg, aber trotzdem auch nicht auf den Gedanken kommend, eine Lösungsmöglichkeit für diese Unzufriedenheit zu suchen, so gut wie möglich ihr Überleben zu sichern. Möglicherweise hätte er sich gewünscht, auch woanders als nur bei sich selbst diese Unzufriedenheit und Verzweiflung in Bezug auf die eigenen Grenzen zu entdecken, möglicherweise hätte er sich dann auch woanders, mit der Unterstüt]zung anderer, die Kraft und das Selbstbewusstsein holen können, die ihm selbst fehlten und so oft eine Weiterentwicklung verhinderten.

3. Die Einordnung Hoffmanns verschiedener „Persönlichkeiten“ in den Kontext der Verwandlung - vom Juristen über den Musiker bis zum Schriftsteller

3.1 Der Jurist

Im Jahre 1792, gehorsam und doch widerwillig der eigenen Familientradition folgend, nimmt Hoffmann gemeinsam mit Hippel an seiner Seite ein Jurastudium in Königsberg auf - eine Beschäftigung, in der er sich selbst als musisch hochbegabter Mensch fast überhaupt nicht wiederfindet. An Hippel, der sich im Gegensatz zu Hoffmann sehr gut beraten fühlt in Bezug auf die Studienwahl, schreibt er darauf bezogen im Jahre 1795: „ Du glaubst gar nicht, wie mich dieses qu ä lt - auch mein Schicksal, meine Bestimmung - Das Studiren geht langsam und traurig - ich muss mich zwingen ein Jurist zu werden. “ 14. Er selbst sieht seine Vorzüge von jeher in der Musik, genauer im Komponieren sowie in der Malerei und im Zeichnen liegen (in eben diesen Disziplinen erhält er auch Unterricht) und sagt sich als Jurist eine düstere Zukunft voraus: „ Wenn ich von mir selbst abhinge, w ü rd' ich Componist, und h ä tte die Hoffnung in meinem Fach gro ß zu werden, da ich in dem jetzt gew ä hlten ewig ein St ü mper bleiben werde. “ 15. Ganz deutlich sieht man auch hier die Zwänge, denen sich Hoffmann fügen muss, die Resignation angesichts bürgerlicher Vorgaben durch seine eigene Familie.

Aufgrund einer aufsehenerregenden Affäre mit einer älteren, verheirateten Frau wird Hoffmann 1796 nach seinem ersten juristischen und sehr gut bestandenen Examen nach Glogau zu einem Onkel geschickt. Dort besteht er 1798 auch sein zweites juristisches Examen. Durch diese unglückliche Liaison beginnt Hoffmann, Realität und Fiktion zu vermischen um sich selbst eine Art Rückzugsort vor der Realität aber auch eine Bestätigung dafür zu schaffen, dass „ seine Niederlage als unabweichliches Schicksal “ 16 und nicht etwa als „ Selbstt ä uschung “ 17 zu betrachten war.

Im August 1798 dann zieht es Hoffmann aufgrund günstiger Arbeitsaussichten nach Berlin, eine Stadt, die schon damals eine große Kultur- und Kunstszene beherbergte, durch ihre Größe und Offenheit bestach und so auch Hoffmann als Mittelpunkt der deutschen Frühromantik18 in ihren Bann zog. 1800 legt er dort sein drittes juristisches Examen ab, das ihn nun auch für höhere Richterstellen qualifiziert. Bis 1806 ist er in verschiedenen Städten als Beamter tätig - Posen, Plock, Warschau. In Posen heiratet er schließlich auch die katholische Michalina Rorer-Trzcinska, eine sehr genügsame, ruhige und eher einfache Frau, die für ihn in ähnlicher Weise wie sein

[...]


1 Vgl. Roters, S. 52.

2 Vgl. Warnecke, in: Arnold (Hrsg.), S. 178.

3 Vgl. ebd.

4 Vgl. ebd.

5 Vgl. Warnecke, in: Arnold (Hrsg.), S. 179 und Sulger-Gebing, S. 66.

6 Vgl. Sulger-Gebing, S. 66.

7 Vgl. Warnecke, in: Arnold (Hrsg.), S. 179.

8 Vgl. Warnecke, in: Arnold (Hrsg.), S. 179.

9 Vgl. Werner, S. 13.

10 Vgl. ebd.

11 Vgl. ebd.

12 Vgl. ebd.

13 Vgl. Werner, S. 9.

14 Vgl. Warnecke, in: Arnold (Hrsg.), S. 179 - Brief an Hippel vom 01.05.1795.

15 Vgl. ebd. - Brief an Hippel vom 25.11.1795.

16 Vgl. Warnecke, in: Arnold (Hrsg.), S. 180.

17 Vgl. ebd.

18 Vgl. Roters, S. 27 - „[...] nicht zuletzt entwickelt sich Berlin durch das Zusammenwirken der Brüder Schlegel, Ludwig Tiecks und Friedrich Schleiermachers zu einem Mittelpunkt der deutschen Frühromantik.“

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656070382
ISBN (Buch)
9783656070269
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v183029
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Schlagworte
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Autor

  • Antonia Krihl (Autor)

    9 Titel veröffentlicht

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Titel: Die literarischen Leistungen E.T.A. Hoffmanns als Grundstein für den Beginn ernstzunehmender Musikkritik